Leipziger Buchmesse 2015

Worte und Welten – Themen und Bücher (der erste Teil)

Das Fest des Poeten. Und ein Fest für die Poesie. Erstmals ging einer der großen deutschen Buchpreise an einen Lyriker. An Jan Wagner und seine „Regentonnenvariationen“. Kurz darauf war die ausgelieferte Auflage in allen 4.782 Buchhandlungen der Republik komplett vergriffen. Landauf, landab blieb die Scheibe matt und die Küche kalt, in Ost und West, von jung und alt, wurden jetzt Gedichte gelesen. Das Gedicht vom Giersch („kehrt stets zurück wie eine alte schuld“), das Gedicht vom Pferd („ist es ein fuchs, ein schimmel oder rappe / hengst oder stute“), das Gedicht von den Koalas war ganz schnell der große Hit, während „giovanni gnocchi am violoncello“ mit Sicherheit in zukünftigen Anthologien vertreten sein wird, und meine Enkel werden in Schulaufsätzen dereinst „eule“, „elch“ oder „grottenolm“ zu interpretieren haben.

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Der Dichter Jan Wagner signiert seine preisgekrönten „Regentonnenvariationen“.

Im Ernst: Schön wär’s, dem Dichter zu gönnen, wenn wenigstens in einem Teil der gekauften Bücher wirklich gelesen würde. Jan Wagners Gedichte sind es wert gelesen und ausgezeichnet zu werden. Es sind kleine, fein ziselierte Geschichten, melodisch schwingend, gut lesbar bis unterhaltsam. Am besten kommen sie vom Autor oder einer geschulten Stimme rezitiert zur Geltung. Wir warten auf das Hörbuch, das es noch nicht gibt. Die Gedichte des diesjährigen Trägers des „Preises der Leipziger Buchmesse“ von einem fähigen Schauspieler kongenial eingelesen. Darauf warten wir jetzt. Und auf die Auslieferung der nächsten Auflage. Möge ab sofort auch anderen Lyrikern und Lyrikerinnen mehrere Auflagen beschieden sein.

Die Unabhängigen. Neu war in diesem Jahr das Forum „Die Unabhängigen“, ein Gemeinschaftsprojekt von Leipziger Buchmesse und Kurt-Wolff-Stiftung. Dazu Buchmesse-Chef Oliver Zille: „Mit dem Forum wollen wir einen Ort etablieren, der bei Leserpublikum, Medien und dem Buchhandel für unabhängige Verlage und deren Autoren wirbt.“ Immerhin 37 Verlage haben sich hier zusammengefunden und 44 Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Ein ausgesprochen anregender Freiraum, der in den ständig überfüllten Hallen nicht nur raren Sitzplatz bot, sondern darüber hinaus allerlei Geistreiches, Aufmunterndes, Hoffnungsvolles aus Worten und zu berichtenden Taten.

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Der Schweizer Journalist Manfred Papst bedankt sich für die Auszeichnung mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik.

Abgesang. Gehört bei der Verleihung des Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik an Manfred Papst den langjährigen Mitarbeiter von Neuer Zürcher Zeitung und deren Sonntags-Ableger, in eben jenem Forum der Unabhängigen. Beklagt wurde dabei in wohlgesetzten Worten das Ende einer langen Tradition, die im 20. Jahrhundert von Kerr und Karl Kraus über Tucholsky und Kästner bis zu den jüngst verstorbenen Marcel Reich-Ranicki und Fritz J. Raddatz währte. Papst sei ein allerletzter Nachzügler dieser Hochblüte. Der Geehrte bedankte sich selbstironisch und die Bedeutung seiner Profession bescheiden relativierend. Man müsse sich hüten diktatorisch oder besserwisserisch zu sein. Die Aufgabe sei eine vermittelnde, eine dienende. Dabei müsse man vor allem an jüngere Menschen denken, die noch unerfahren sind. Und „man muss bereit sein, sich Feinde zu machen.“ Dabei ist „der Hochstapler Felix Krull unser Schutzheiliger.“

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Blauer Engel. Für eine gelbe Institution. Die Wand aus hunderten Bänden der Reclams Universalbibliothek ist immer wieder gern gesehener Blickfang auf Buchmessen. Der im selben Farbton gehaltene Gesamtkatalog des Unternehmens sehr begehrt. Doch neuerdings ist nicht mehr nur gelb angesagt. Reclam erhielt vor kurzem den „Blauen Engel“ für die Produktion seiner Universalbibliothek. Jene broschierten, gleichzeitig strapazierfähigen und langlebigen Kleinformate, die in fast jede Tasche passen, werden schon seit über 10 Jahren aus Recycling-Materialien hergestellt. Zur Buchmesse erschienen die ersten Bände mit Umweltzeichen. Der „Blaue Engel“ ist das Umweltzeichen der Bundesregierung; die Vergabe erfolgt nach einer strengen Zertifizierung. Bücher- und Umweltfreunde können also guten Gewissens zugreifen und sich ein Bändchen mehr gönnen.

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Foto: Leipziger Messe GmbH / Rainer Justen

Taktlos. „Durch Wald und Wiese, Heide und Hain, / jagte mich Sturm und starke Not: / nicht kenn’ ich den Weg, den ich kam. / Wohin ich irrte, weiß ich noch minder: / Kunde gewänn’ ich des gern.“ Wem wohl wäre dieses Dilemma fremd, das hier einer beschreibt, der dort in Leipzig geboren wurde, wo heute ein Einkaufstempel glänzt, dessen noble Shops sicherlich nur wenige Bewohner der hochgelobten Musik- und Literaturstadt frequentieren können? Vielleicht wäre Richard Wagner mit Reimen, wie den hier zitierten aus der „Walküre“, heute ja auf der Buchmesse vertreten. Oder auch nicht. Welcher Verleger würde schon solch bemühten Schwulst herausbringen? Tatsächlich vertreten war er mit seiner Musik – dem Vorspiel aus den Meistersingern – auf jener Eröffnungsveranstaltung im Gewandhaus zu Leipzig, auf der die deutsch-israelische Freundschaft und 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen den beiden problematischen Staaten eine zentrale Rolle spielten. Die israelischen Gäste ließen die heroischen Klänge ohne sichtbare Regung an sich vorbeischallen.

Feste lesen! (1)

Geschenke vom Buchmarkt – Erster Teil

Advent! Advent! die erste Kerze brennt inzwischen rasch herunter und so langsam wird es Zeit den vorweihnachtlichen Konsumtrieben zu folgen.

Liebe Freunde dieses Blogs, wenn Sie in den nächsten Tagen und Wochen aus der Buchhandlung ihres Vertrauens mehr als den geldwerten Gutschein mitnehmen wollen, gibt es hier, heute und demnächst nochmals, einige kurze Hinweise auf im Druck erschienene Erzeugnisse von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die es möglicherweise verdienen getrost nach Hause getragen, verschenkt oder gar vom Käufer selbst gelesen zu werden. Sollten Sie die nachfolgend aufgeführten Werke in den langen Regalreihen oder auf den Themen-Tischen nicht sofort entdecken, kein Grund zur Panik oder Flucht nach Amazonien. Jeder ordentlich ausgebildete Sortiments-Buchhändler beschafft das Vermisste in der Regel bis zum nächsten Werktag.

 

Junge Stimmen

Die junge Schweizerin Dorothee Elmiger gewann mit ihrer ersten Veröffentlichung, dem Roman „Einladung an die Waghalsigen“ (Dumont. Euro 16,95), den diesjährigen Aspekte-Literaturpreis des ZDF. In ganz eigenem Stil erzählt sie von zwei Schwestern die in einer Endzeitlandschaft zu einer Expedition aufbrechen um ihre eigene Herkunft zu erforschen. Eine erfindungsreiche Geschichte voller erzählerischer Kraft.

Aus dem vorpommerschen Anklam stammt Judith Zander, die in Berlin lebt. In „Dinge die wir heute sagten“ (dtv. Euro 16,90) erzählt sie eine Familiengeschichte über drei Generationen im Nordosten Deutschlands. Es geht um Provinz und Alltag, um Freundschaft und Verrat. Ein Erstling von erstaunlicher Reife. Das Buch stand auf der Short-List für den deutschen Buchpreis.

Auch der Berliner Schriftsteller und Musiker (Mitglied der Gruppe „Fön“) Michael Ebmeyer erzählt uns eine Familiengeschichte. Doch diese führt von der Provinz in die weite Welt. Vom Rheinland und dem schwäbischen Tübingen nach Argentinien und zurück. Und zeitlich vom 19. Jahrhundert bis in die bewegten 1960er Jahre der Bundesrepublik: Landungen (Kein & Aber. Euro 19,90)

Sie gewann in diesem Jahr sowohl den Deutschen, wie auch den Schweizer Buchpreis: Melinda Nadj Abonji, geboren in Becsej in der Vojvodina, studierte an der Universität Zürich Deutsche Literatur und Geschichte. In Ihrem zweiten Roman „Tauben fliegen auf“ (Jung und Jung. Euro 22) erzählt sie eine stark autobiographisch geprägte Migranten-Geschichte. Die Familie Kocsis lebt in der Schweiz, aber es ist ein schwieriges Zuhause, noch keineswegs zur neuen Heimat geworden, obwohl Eltern und Kinder schon gut in das Arbeits- und Alltags-Leben integriert sind. Die Schweiz schafft manchmal die Töchter, Ildiko vor allem, sie ist zwar angekommen, fühlt sich aber nicht immer angenommen.

An orientalische Erzählungen erinnert der Stil von Mariam Kühsel-Hussani. Wie für Melinda Nadj Abonji ist auch für sie Deutsch die Zweit- und eigentlich eine Fremdsprache. Doch in dieser hat die in Kabul geborene Berlinerin zu großer Ausdruckskraft gefunden. In „Gott im Reiskorn“ (Berlin University Press. Euro 18,90) erzählt sie uns von einer alten afghanischen Kalligraphenfamilie, die in den fünfziger Jahren den jungen deutschen Kunsthistoriker Jakob Benta aufgenommen hat. Es ist auch ein Ausflug zu Stationen afghanischer Kulturgeschichte, von denen viele während der zahlreichen Kriegsjahre inzwischen zerstört oder verloren sind.

Alt, aber gut

Wo Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ nach, für die meisten zu vielen Seiten endet, setzt „Vor dem Sturm“ an. (Mehrere Ausgaben auf dem Markt. Sehr schön ist die reich kommentierte von dtv. Euro 15,90) Es ist der erste Roman Theodor Fontanes und gleichzeitig sein umfangreichster. Napoleon ist jetzt auf dem Rückzug aus Russland. Im märkischen Oderbruch bereiten sich Adel und Bevölkerung auf die zurückweichenden Heere vor. Zwischen alter und junger Generation gibt es sehr unterschiedliche Pläne, wie vorgegangen werden soll. Ein breites Panorama der Adels-, Bürger- und Bauernwelt um 1810 mit zahlreichen historischen Rückblenden, farbigen Personen- und Landschaftsschilderungen. Mit etwas Eingewöhnung gut lesbare 700 Seiten.

Wie Tolstoi starb auch Wilhelm Raabe im Jahr 1910. Beider hundertster Todestag wurde in den letzten Wochen mehr oder weniger ausgiebig gewürdigt. Raabe erfuhr dabei so etwas wie eine Neubewertung. Literaturhistorisch zählt der Zeitgenosse Fontanes, Storms und Kellers zu den Realisten. Sein Werk enthält aber auch spätromantische und phantastische Passagen. Inzwischen hat man in seinem Stil und seinen Themen moderne Elemente, die ihrer Zeit voraus waren, entdeckt. Raabe war kein Erfolgsautor, er schrieb nicht gefällig und leichtgängig und liest sich auch heute noch durchaus etwas sperrig. Doch auch hier wird die Mühe mit Lesegenuss und Staunen über die Vielschichtigkeit und Aktualität der Geschichten belohnt. Etwa wenn in „Pfisters Mühle“ (Reclam. Euro 6) der Einbruch moderner Technik und damit neuer Geschwindigkeiten in das Leben der Menschen des 19. Jahrhunderts geschildert wird.

Stopfkuchen“ (u. a. bei dtv. Euro 8,90) bezeichnete Raabe selbst im Untertitel als „See- und Mordgeschichte“. Fachleute sehen in dem Roman einen Vorläufer der späteren Kriminalromane. Eduard, kehrt nach Jahrzehnten in Südamerika noch einmal in seine deutsche Heimat zurück und trifft seinen Jugendfreund Heinrich, genannt „Stopfkuchen“. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Heinrichs Lebensbericht. Dieser versucht darin eine Rechtfertigung seiner im bürgerlichen Sinn verfehlten Lebensform. Heinrich hat sich nämlich vom schwächelnden Außenseiter zum humoristischen Spötter der Gesellschaft entwickelt. Wenn man so will – und wie es später wohl Thomas Mann definiert hätte – zum Künstler. Dem stehen die praktischen, weltzugewandten Erfahrungen Eduards gegenüber.

Wer es erst einmal in kürzerer Form mit Raabe versuchen möchte, dem sei das unvollendete Spätwerk „Altershausen“ empfohlen (Insel-Bücherei Nr. 1335 – wunderschöner kleiner Band! Euro 13,90). Der siebzigjährige Obermedizinalrat Friedrich Feyerabend, zieht Lebensbilanz und beschließt an den Ort seiner Kindheit zurückzukehren. Er reist nach Altershausen, um zu erkunden, wer noch mit ihm auf der Welt geblieben ist. Diese Insel-Ausgabe gewinnt ihren besonderen Wert durch das eigenwillige, ausgesprochen lesenswerte Nachwort des Raabe-Kenners und -Preisträgers Andreas Maier, der erst einmal von sich erzählt: „Ich komme aus einer Kleinstadt, die sich schon während meiner ersten Jahre so verwandelte, daß ich als Student bereits den Überblick verloren hatte … Ständig verschwinden die Dinge im Nichts, und zwar durch Menschenwerk … Wenn man eine Spanne von siebzig Jahren lebt, ist eigentlich am Ende die komplette Welt ausgetauscht.“

Tip: Von Raabe und Fontane gibt es zahlreiche Werke gelb und handlich in Reclams Universal-Bibliothek. Diese Bändchen sind preiswert und können bequem überall mit hingenommen werden.


Lyrik

„… Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
die Försterin im Herrenzimmer.
In dieser wunderschönen Nacht
hat sie den Förster umgebracht …“

So stimmungsvoll kann der Advent sein, zum Beispiel bei Loriot. Und Loriot geht immer: Gemalt, bewegt, gereimt. In vielen Formen und Farben und für alle Altersklassen.

Jan Wagner hingeben meint es ernst. Der aus Hamburg stammende, wie es sich für schöpferische Geister heute gehört, in Berlin lebende Dichter ist einer der wichtigsten und interessantesten deutschen Lyriker der jüngeren Generation. Sein neuestes Buch heißt „Australien“ (Berlin Verlag, 18 Euro). „Man ist glücklich in Australien, / sofern man nicht dorthin fährt“ – diese Verse von Alvaro de Campos hat Jan Wagner der neuen Sammlung vorangestellt und zum poetischen Programm einer Weltreise umgemünzt. Und wo immer Jan Wagner uns hinführt, fördert er Überraschendes zu Tage. Wie gut sich Wagner liest und spricht zeigt dieser Ausschnitt aus dem 2004 erschienen Gedicht „Botanischer Garten“:

„dabei, die worte an dich abzuwägen –
die paare schweigend auf geharkten wegen,
die beete laubbedeckt, die bäume kahl,
der zäune blüten schmiedeeisern kühl,
das licht aristokratisch fahl wie wachs –
sah ich am hügel gläsern das gewächs-
haus, seine weißen rippen, fin de siècle,
und dachte prompt an jene walskelette … „

Streckenweise heiter geht es bekanntlich bei dem vor vier Jahren verstorbenen Robert Gernhardt zu. Tief- und Hintersinn kommen dabei aber keineswegs zu kurz. Seine „Gesammelte Gedichte. 1954 – 2006“ (S. Fischer. Euro 16) kann man nur immer wieder empfehlen. Und mit ihm hoffen nicht Wenige, dass in Erfüllung geht, was er sich einst zusammenreimte:  „Ums Buch ist mir nicht bange. / Das Buch hält sich noch lange.“


Geschenkt!

Reckless (Dressler. Euro 19,95) von Cornelia Funke. Was man den Brüdern Grimm und ihren Figuren alles antun kann, hat uns schon Hollywood auf der Leinwand vor Augen geführt. Jetzt setzt Frau Funke dem noch eins drauf und der Verlag hat es bestsellergerecht zwischen Buchdeckel gepackt. Dazu die Spezialistin für Kinder- und Jugendliteratur, Birgit Dankert: „Cornelia Funke operiert zum Teil recht erfolgreich mit der Ausstattung der Grimmschen Märchenwelt … Aber viele der Wesen, die wir aus den alten Märchen kennen, werden in Reckless einfach nur benutzt und ausgebeutet … Die ständige Aufgeregtheit, die Tücke, die Kleptomanie all der Wassergeister, Stilze, Einhörner und Wölfe, die das Buch übervölkern, schaffen immer nur kurzfristig Spannung … Sehr bedenklich ist auch das Frauenbild, das Reckless zeichnet: Reiz und Kraft der weiblichen Figuren liegen fast ausschließlich in ihren sexuellen Vorzügen. Das beliebte Klischee der gefährlichen Frau nimmt breiten Raum ein.“

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„Feste lesen! wird fortgesetzt, wenn das Wachs von der zweiten Kerze tropft. Dann geht es u. a. um „Schmöker“, echte „Herausforderungen“ und „besondere Bücher.“