Leipzig. 9. Oktober 2014

Mit Festakt, Friedensgebet und Lichtfest feiert Leipzig “25 Jahre Friedliche Revolution”.

Martin Walser anno 1977: “Leipzig ist vielleicht momentan nicht unser. Aber Leipzig ist mein. Und ich war noch nie in meinem Leben in Leipzig.” Reaktionen wie, er habe “den Verstand verloren”, gehörten noch zu den harmloseren denen sich der Schriftsteller daraufhin ausgesetzt sah. Wie ich war er seit 1989 sehr oft in Leipzig. Wie ich ist er gerne und regelmäßig Gast der Buchmesse. Meine allererste Erinnerung an Leipzig ist ein Besuch mit den Ilmenauer Großeltern am Völkerschlachtdenkmal, das dem Kind mächtig Angst machte. Danach kamen viele Jahre in denen nicht daran zu denken war, jemals wieder nach Leipzig zu kommen. Nur zu hoffen.

„Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der Heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert.“ Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl, der gerne als “Kanzler der Einheit” ins Geschichtsbuch möchte, in Interview-Mitschnitten seines Biographen Heribert Schwan.

Das sieht Joachim Gauck, Präsident von 16 seit 1990 wiedervereinten Bundesländern, völlig anders. Mit einem Festakt im Gewandhaus, Friedensgebet in der Nikolaikirche und dem bereits traditionellen Lichtfest feiert Leipzig “25 Jahre Friedliche Revolution”. Der ehemalige Rostocker Pastor und erste Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde spricht an diesem Vormittag “vom Glück”, dass er ganz persönlich empfunden hat. Die Rolle der Leipziger Friedensgebete und Montagsdemonstrationen ist für ihn von herausragender Bedeutung, unverzichtbare Voraussetzung für den damit einsetzenden Prozess der deutschen Wiedervereinigung: “Ohne 9. Oktober, kein 9. November (Mauerfall). Ohne Freiheit, keine Einheit”, ist seine Kernaussage bei der Bewertung der historischen Ereignisse. Und es sei “immer wieder zu erinnern, was wir errungen haben.” Gauck fordert zum politischen Engagement auf. Nur so seien Demokratie und Freiheit zu erhalten.

6f6d7de65d

© Stadt Leipzig / Stefan Hoyer

Der Festakt im Gewandhaus beginnt pünktlich um 11 Uhr. In der halben Stunde vorher waren zahlreiche Ehrengäste in großen schwarzen Limousinen vorgefahren. Von Polizei und Sicherheitspersonal umgeben und mit Absperrgittern weiträumig separiert. Die Feier der Freiheit braucht reichlich Abschirmung und Schutz. Auf dem Augustus-Platz, ehemals Karl-Marx-Platz, vor 25 Jahren Sammel- und Ausgangspunkt für die Montagsdemonstranten, direkt neben der Oper, ist eine große Leinwand aufgebaut. Hier gibt es die Veranstaltung im traditionsreichen Konzerthaus als “public viewing” für das Volk.

Beim öffentlichen Zuschauen vor der Großleinwand stehen und sitzen zunächst nur wenige Bürger, zögernd werden es mehr. Die Kamera hält auf einige besonders bekannte Gäste. Neben Gauck sind das vor allem Hans Dietrich Genscher, der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung. Der aus Deutschland stammende ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger sitzt in der ersten Reihe, daneben die Präsidenten Polens, Ungarns, der Slowakei und der tschechischen Republik. Das deutsche Staatsoberhaupt hat sie eingeladen um die besondere Rolle dieser Länder beim deutschen Weg in Freiheit und Einheit zu würdigen. Der damals so besonnene Kurt Masur ist kurz zu sehen.

Es ist bewegend als nach Joachim Gaucks starker Rede auf der großen Orgel des Gewandhauses zu Leipzig die Orgel-Sonate von Felix Mendelssohn-Bartoldy erklingt. Nach einer Rede von Ministerpräsident Tillich spielt das Gewandhaus-Orchester aus Beethovens 9. Symphonie die “Ode an die Freude”. Die Verse dazu stammen von Friedrich Schiller; er schrieb sie seinerzeit in Gohlis, damals ein kleines Dorf vor den Toren der noch nicht so ausgedehnten Stadt.

DSCN1122

Auffahrt der Staatskarossen vor dem Gewandhaus (links, nicht im Bild). Im Hintergrund die neu erbaute Universitätskirche, deren ursprünglichen Bau die DDR im Mai 1968 sprengen ließ.

Und die Freiheit? Wird sie denn wahrgenommen und gelebt oder nur empfunden wenn es eine fehlende ist? Überwiegt nicht bei den meisten Zeitgenossen der Hang zur Schwarmexistenz? Ist nicht die Bequemlichkeit des Konformismus meist naheliegender als anstrengende, oft auf wenig Sympathie stoßende Individualität, verbunden mit der Bereitschaft zu Außenseitertum, Dickköpfigkeit und Widerspruchsbereitsschaft.

Ist es nicht so, dass sich für viele Menschen die Frage nach individueller Freiheit erst gar nicht stellt? In Leipzig gibt es – wie in den meisten deutschen Städten – Menschen, für die sie einen schwer zu erreichenden Luxus darstellt. Alte, hilflose und einsame Menschen. Menschen am Rande des Existenzminimums. Menschen die unter Gewalt und Unterdrückung leiden. Kinder und Jugendliche mit wenig Chancen auf dem weiteren Lebensweg. Das Leben in einer freien Gesellschaft beinhaltet neben all ihren Glücksversprechungen auch reichlich Alternativen des Scheiterns, der Hoffnungslosigkeit, der Resignation. Und hat die Freiheit in modernen Zivilgesellschaften nicht auch etwas mit dem Ein- oder Herkommen zu tun?

Am Nachmittag findet in der Nikolaikirche das traditionelle Friedensgebet statt. Nicht wie Woche für Woche seit 1982 montags, sondern aus Anlass des Jubiläumsdatums 9. Oktober ausnahmsweise an einem Donnerstag. Und ausnahmsweise in ganz großer Besetzung. Die Prominenz vom Vormittag fährt erneut an der Rückseite der Kirche vor. Von dort geht es am Polizeispalier vorbei zu den vorderen Bänken im Gotteshaus. Während der Bundespräsident noch kurz auf die Wartenden zugeht, Hände schüttelt, Zuneigung entgegennimmt, steht neben der Sakristei – sich noch rasch eine Zigarette gönnend – der Ex-Chorknabe, das Leipziger Musiker-Urgestein, Sebastian Krumbiegel. Er wird während des Gottesdienstes zwei Lieder singen.

DSCN1132

Zum Friedensgebet durfte auch das Volk kommen. Doch nur wenige der wartenden Bürger fanden Platz – zu groß war der Andrang.

“Sanftheit ist nicht gleich Dummheit, / Liebe ist unsre Stärke. / Rücksicht ist nicht gleich Schwäche, / Weichheit ist unsre Härte. / In uns lebt das Licht, Glück zu empfinden, / es ist ganz einfach, / wir brauchen nur die Kerze anzuzünden”, heißt es in seinem “Meine Nation sind die Liebenden.” Später wird er sich noch mit Udo Lindenbergs “Er wollte nach Deutschland” in der Asylfrage positionieren. Starke Elemente einer außergewöhnlich kraftvollen kirchlichen Zeremonie. Kraftvoll vor allem weil die Geistlichen, aktuelle und ehemalige Pfarrer dieser besonderen Gemeinde und der Superintendent Martin Henker deutliche Worte finden und aussprechen. Ganz in der Tradition der Leipziger Umwelt- und Friedensbewegung fordern sie radikalen Gewaltverzicht, den Stop von Rüstungsexporten und eine liberale Auslegung des Asylrechts.

Im Gegensatz zum Vormittag im Gewandhaus wird etwas Volk in die Kirche eingelassen. Eine 100 Meter lange Schlange hatte sich bereits eine Stunde vor Kirchenöffnung gebildet. Wieder gibt es eine zeitgleiche Übertragung nach draußen. Diesmal auf zwei Plätze. Erneut auf den weitläufigen Augustus-Platz und zusätzlich auf den kleinen, intimeren Nikolaikirchhof. Es ist schon erstaunlich, beachtlich, vielleicht kein Wunder, doch zumindest wunderbar: Unmittelbar neben der Kirche lauschen viele hundert Leipziger und Gäste aus ganz Deutschland und vielen anderen Ländern der Bergpredigt mit ihrer Botschaft von Sanftmut, Toleranz und Mitgefühl, sprechen die Gebete mit, applaudieren zu den Kernaussagen der Predigt und der Fürbitten und singen sichtlich ergriffen geistliche Lieder wie “Nun danket alle Gott” oder “Jesu meine Freude”. Kaum jemand geht danach unberührt durch diese Stadt, deren Menschen so entscheidend dazu beitrugen, dass sich in Deutschland 1989 und 1990 so vieles verändern konnte.

9 Oktober 09

Foto: Wiebke Haag

Der Tag endet mit dem bereits zur Tradition gewordenen Lichtfest. Aus allen Richtungen strömen bei Einbruch der Dunkelheit Menschen mit Kerzen zum Augustus-Platz. Zwischen 150 und 200 Tausend werden es schließlich sein. Noch einmal kurze Ansprachen von Joachim Gauck und Burhard Jung. Dann setzt sich ganz langsam die Masse in Bewegung. Ein langer Zug entsteht. Es geht Richtung Hauptbahnhof und weiter um den ganzen Innenstadtring, auf den Spuren jener mutigen Leipziger Bürger, die am 9. Oktober 1989 zum alles entscheidenden Spaziergang aufgebrochen waren, zu einem friedlichen Schlendern, das die Kraft besaß Deutschland zu einem neuen Land zu machen.

Den Weg rund um die Innenstadt säumt allerhand Sehens- und Erlebenswertes. Lichtinstallationen, Tanz und Performance, verschiedene musikalische Darbietungen. Bald sind Kneipen und Restaurants überfüllt. Es ist auch ein Volksfest. So entsteht neues Brauchtum. Teilnehmer die heute dabei und jünger als 30 Jahre sind, haben keine eigene Erinnerung an die Ereignisse vom Herbst 1989. “Keine Gewalt” war das zentrale ausgegebene Motto, an das sich alle hielten, während abseits bewaffnete Kräfte von Polizei und Militär auf den Befehl warteten, das Volk des „Arbeiter- und Bauern-Staates“ niederzuwerfen. Ein großes Blutvergießen drohte, wie man es erst wenige Monate vorher in Peking hatte miterleben müssen. Aber es kamen keine Befehle mehr. Nicht aus Moskau. Nicht aus Berlin. Nicht aus Leipzig.

17. Juni 1953: „Wir wollen freie Menschen sein!“

Bücher und Gedanken zur Geschichte der DDR aus Anlass des 60. Jahrestages eines Volksaufstandes

“Die Wetter schlagen um: / Sie werden kälter. / Wer vorgestern noch Aufstand rief, / ist heute zwei Tage älter.” (*)

Als es 1989 in Leipzig zu den großen Montagsdemonstrationen kam, die das Ende der DDR einläuteten, war die Sorge der Menschen, dass diese Kundgebungen des Volks-Unwillens enden könnten wie 1953, wie 1968 der Prager Frühling oder wie die Studentenproteste auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens wenige Monate zuvor. Mit gewaltbereiten Polizei- und Militärtruppen, rücksichtslosem Schusswaffen-Gebrauch, Panzer-Einsätzen.

Jene Ereignisse, die am 17. Juni 1953 ihren Höhepunkt erreichten, waren die Folge von Arbeiterstreiks, die einige Tage vorher begonnen hatten. Bauarbeiter protestierten gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen und damit direkt gegen die Regierung eines Arbeiter- und Bauernstaates, von dem sie annehmen sollten, dass er ihre Interessen vertritt. Am Mittwoch, dem 17. Juni, kam es zum Generalstreik und zu Großdemonstrationen in Berlin, Leipzig und vielen anderen Städten, sowie zu Angriffen aufgebrachter Massen gegen Einrichtungen, die die Staatsmacht repräsentierten: Parteigebäude der SED in Halle und Leipzig, die Stasi-Zentrale in Jena, die Stadtverwaltung in Görlitz.

17-juni-1953_arbeiteraufstand, Landesarchiv Berlin

Quelle: Landesarchiv Berlin

Bereits am Vortag waren Truppen der sowjetischen Besatzungsmacht in Alarmbereitschaft versetzt und russische Panzer in Stellung gebracht worden. Am 17. Juni eskalierte die Situation. Rotarmisten feuerten in Berlin in die aufgebrachte Menschenmenge, Panzer überrollten Demonstranten. Am nächsten Tag wurde der Aufstand mit größter Gewalt niedergeschlagen. Zurück blieben Tote und Verletzte. Und schon am 19. Juni, einem Freitag, verhängten Schnellgerichte Todesurteile gegen 17 angebliche Anführer, die sofort vollstreckt wurden. Der 60. Jahrestag dieser Ereignisse bietet eine gute Gelegenheit die Beschäftigung und Auseinandersetzung, nicht nur mit dem Juni 1953, sondern mit vier Jahrzehnten DDR-Geschichte, wieder etwas zu intensivieren.

Zwei Bücher von Hermann Vinke können dabei sehr hilfreich sein. Sie sind alles andere als trocken aufbereiteter Geschichtsstoff; sie sind kurzweilig und dabei wesentlich seriöser als manche sogenannte Dokumentation der letzten Jahre im TV. “Die DDR. Eine Dokumentation mit zahlreichen Biografien und Abbildungen” hat mir sehr geholfen, die Ereignisse von 1953 hier kurz, knapp, aber wie ich hoffe einigermaßen korrekt wiederzugeben. Das Buch rekapituliert die ganze DDR-Geschichte, einschließlich Vorgeschichte und Ereignissen in den Jahren nach dem Weltkrieg, die zum Entstehen eines zweiten deutschen Staates führten. Neben den politisch Handelnden von Pieck bis Honecker, werden Persönlichkeiten aus allen gesellschaftlichen Bereichen vorgestellt. Breiten Raum gibt der Autor den Tendenzen und Entwicklungen die dann schließlich zu offenen Grenzen, dem Fall der Mauer und zur Wiedervereinigung führten.

media_18756106--INTEGERDie im Anhang aufgeführten Museen und Gedenkstätten lohnen sicher jederzeit einen Besuch. Auch über zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung sind immer noch Städte, Regionen und Landschaften im Osten Deutschlands zu entdecken und zu erkunden. Neugierig und nachdenklich machend, regt dieses Buch dazu an. Im Vorwort schrieb Wolfgang Thierse: “Die Erinnerungen an das Leben in der DDR, an den Alltag unter den Bedingungen einer Diktatur, an den aufgeblähten Sicherheitsapparat, an die politische Justiz, an die Mangelwirtschaft verblassen allmählich. Dabei lohnt sich die Erkundung der DDR-Geschichte gerade für junge Menschen: Denn in der Beschäftigung mit der DDR lernen sie auch die heutige Bundesrepublik besser kennen und verstehen. Sie erfahren, warum Freiheit, Rechtssicherheit und Demokratie ebenso schützenswerte wie zerbrechliche Errungenschaften sind…”

Unter die Haut geht stellenweise “Gegen den Strom der Unfreiheit”, das Zeitzeugen-Buch von Hermann Vinke. Hier wird Geschichte personalisiert. Die Schicksale ganz verschiedener Menschen, ihre Erlebnisse in der DDR, in Beruf und Alltag, im Widerstand, in Haft, bei Verfolgung oder Verschleppung, werden in Form von Interviews, Portraits und Reportagen zu spannendem Lesestoff. Man liest von abenteuerlichen Fluchtgeschichten, der empörenden Wehrlosigkeit politischer Gefangener, lernt den Naturschützer Hans Dieter Knapp kennen, begegnet engagierten Frauen wie Ulrike Poppe und Bärbel Bohley, Friedensaktivisten und Kulturschaffenden. Einige recht bekannte Namen sind ebenfalls vertreten, wie der heutige Bundespräsident Joachim Gauck oder sein Nachnachfolger im Amt des Leiters der Stasi-Unterlagenbehörde Roland Jahn. Beide Bücher von Hermann Vinke haben ausführliche Personenregister, die nicht nur das Nachschlagen ermöglichen, sondern zudem auf den einen oder anderen Namen neugierig machen. Die umfangreichen Literatur- und Quellenverzeichnisse regen zu vertiefender Lektüre an.

media_25734997--INTEGERHermann Vinke war viele Jahre Journalist und als Korrespondent u. a. in den USA, Japan und Ostdeutschland tätig. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, darunter das sehr bekannte, auch in Schulen eingesetzte “Das kurze Leben der Sophie Scholl”, für das er mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Seine beiden hier erwähnten Bücher sind bei Ravensburger erschienen, bieten seriöse, sorgfältig rechechierte Daten und Fakten, umfangreiches Bildmaterial, sowie zahlreiche Abbildungen von Original-Dokumenten. Es sind schöne, aufwendig gestaltete Bücher, optisch und haptisch jederzeit ein Genuss. Bücher die man immer wieder gerne in die Hand nimmt. Vom Verlag wohl vorrangig für eine jüngere Lesergruppe gedacht, bieten die Bücher von Hermann Vinke durchaus kompakte, ansprechend aufbereitete Informationen für alle Altersgruppen.

Das wichtigste belletristische Werk, das sich direkt mit den Ereignissen rund um den Arbeiteraufstand beschäftigt, hat Stefan Heym geschrieben, der in diesem April 100 Jahre alt geworden wäre. In seinem 1974 erschienenen Roman “5 Tage im Juni” wird das Geschehen chronologisch aus der Sicht von (fiktiven) Beteiligten erzählt, in deren Mittelpunkt der Arbeiter und Parteigenosse Witte steht. Zwischen den einzelnen Kapitel findet man kurze Auszüge aus Originaldokumenten, etwa aus Verlautbarungen des Zentralkommittees der SED, Pressemeldungen oder Befehlen der Militärkommandos. Dieses Buch habe ich zum erstenmal in jungen Jahren gelesen und jetzt im Rahmen der Arbeit an diesem Blog-Beitrag einige Passagen erneut. Ich war überrascht wie frisch der Schreibstil Heyms noch ist. Erzählt wird über weite Strecken in dialogischer Form, was erkennen lässt, dass Heym stark von us-amerikanischen Autoren beeinflusst wurde. Vor der Nazidiktatur war er einst über den Ozean geflohen, bekam die amerikanische Staatsbürgerschaft und verließ das Land wieder als die Auswüchse der McCarthy-Ära unerträglich wurden.

Der fulminante Großroman “Rummelplatz” von Werner Bräunig, der 1934 in Chemnitz geboren wurde, endet mit den Ereignissen des Juni 1953. Vorher schildert er breit angelegt das Schicksal einiger junger Leute, die aus sehr unterschiedlichen – teils politischen, teils persönlichen – Gründen als Arbeiter im berühmt und berüchtigten Bergbaukombinat Wismut gelandet sind. Eine harte Realität, die mit den eigentlichen Wünschen und Sehnsüchten der Menschen wenig zu tun hat. Diese triste, von Repressionen und Unsicherheiten geprägte Alltagswelt beleuchtet der Autor aus verschiedenen Perspektiven. Dabei wird sehr gut nachvollziehbar, wie es zu den Aufständen und Ausbrüchen im Juni 1953 kommen konnte. Bräunig hat ein literarische Meisterwerk geschaffen, das erst spät die verdiente Beachtung fand. Geplant hatte er auch noch einen zweiten Teil. Die Realisierung scheiterte letztlich am exzessiven, unsteten und kräfteraubenden Lebensstils Bräunigs, der 1976 zum frühen Tod führte. Zu diesem Buch hat Christa Wolf ein Vorwort geschrieben und Angela Drescher erläutert den nicht eben geradlinigen editorischen Werdegang.

YAKUMO DIGITAL CAMERA

Jüngeren Datums sind zwei ebenfalls recht dicke Familienromane. (Offensichtlich müssen Romane über das Leben, Streben und Scheitern in der DDR einen gewissen Umfang haben.) Dabei ist “Der Turm” (Erscheinungsjahr: 2008) von Uwe Tellkamp sogar schon dabei ein echter Klassiker zu werden. Hier sind die Protagonisten in akademischen Berufen tätig und bekommen, da sie nicht zur Arbeiter- und Bauernklasse gehören, vom Regime allerhand Steine in den Weg gelegt. Sie sind im Dresdner Nobelviertel Weißer Hirsch, malerisch am Elbhang gelegen, zu Hause, dem auch der Autor entstammt. Uwe Tellkamp schreibt lange, dichte Sätze, die Lektüre fällt nicht immer leicht. Dennoch oder gerade deshalb ist das Buch die herausragende Beschreibung eines Milieus, das in der ehemaligen DDR keine führende Rolle spielen durfte. Drei Jahre muss sich der junge Christian Hoffmann, Sohn eines Chefarztes, zum Militär verpflichten, um überhaupt eine Chance auf den begehrten Medizin-Studienplatz zu bekommen.

Etwas anders ist die Ausgangssituation für die Hauptfiguren in “Brüder und Schwestern” von Birk Meinhardt, das erst in diesem Jahr erschienen ist. Am Beispiel der drei Kinder des Druckereileiters Willy Werchow, lernen wir exemplarische Lebensläufe im pseudokommunistischen SED-Staat kennen. Während der eine Sohn mit dem System schon früh in Konflikt gerät und der zweite sich zum Opportunisten entwickelt, sucht die Tochter nach Geborgenheit in der Gegenwelt eines Zirkus. Birk Meinhardt ist ein ausgesprochen spannendes und deftiges Buch gelungen, das Leser rasch fesselt.

YAKUMO DIGITAL CAMERA

Die Leipziger Nikolaikirche

Dieses Bild werde ich nicht mehr vergessen. Es muss 2007 oder 2008 gewesen sein, als sich zufällig in einem der von Menschen überfüllten Gängen der Leipziger Buchmesse zwei alte Männer begegneten. Es waren die Schriftsteller Günter Grass und Erich Loest, die sich dann gerührt und sprachlos lange in den Armen lagen, bis sie sich wieder trennen mussten, um Verpflichtungen des Messealltags – Lesungen, Interviews, Signierstunden – nachzukommen. Erich Loest hat Mitte der 1990er Jahre einen wichtigen Roman rund um die Wende-Ereignisse in Leipzig geschrieben. Wie schon bei Tellkamp und Meinhardt, steht auch in „Nikolaikirche“ eine Familie im Mittelpunkt. An ihr werden exemplarisch die Risse und Konflikte aufgezeigt, die durch die ganze DDR-Gesellschaft gingen. Immer mehr in den erzählerischen Vordergrund treten im Verlauf der Handlung jene Menschen der sächsischen Metropole, die mit Diskussionen, Gebeten, Andachten und Kerzen den Weg für die späteren Märsche von Zehntausenden ebneten. Besonders interessant sind Abschnitte in denen deutlich wird, welche Rolle die Kirchengemeinden in Leipzig und ihre geistlichen Vertreter in diesen so entscheidenden Monaten spielten. Sie boten Schutz und Freiraum für Versammlungen und Gespräche, sie waren dort, wo Kirche eigentlich immer sein sollte: ganz nah bei den Menschen ihrer Zeit, ihrer Umgebung.

YAKUMO DIGITAL CAMERA

„Auferstanden aus Ruinen / Und der Zukunft zugewandt, / Laß uns dir zum Guten dienen, / Deutschland, einig Vaterland.“ Verse des Staatsdichters und führenden Kulturfunktionärs der DDR Johannes R. Becher und vielgesungener Beginn der DDR-Nationalhymne. Seine Vorstellung vom „einig Vaterland“ verwirklichte sich ganz anders als er sich das vermutlich vorgestellt hat. Zudem hat sein Staat neue Ruinen hinterlassen, die bis heute – z. B. wie hier in Leipzig – als pitoresk-absurde Denkmäler besichtigt werden können.

In Hermann Vinkes DDR-Buch wird auch Marion Brasch kurz erwähnt, auf Seite 179 geht es um die Jugend- und Musikszene. Marion Brasch gehörte zu den Moderatorinnen des Ostberliner Jungendradios DT 64. Im letzten Jahr hat sie einen bewegenden biographischen Roman (“Ab jetzt ist Ruhe”) über sich, ihre Eltern, Brüder und Freunde veröffentlicht. Sie ist die Schwester des 2001 verstorbenen Schriftstellers Thomas Brasch und die Tochter eines überzeugten Kommunisten und führenden Kaders der DDR-Einheitspartei SED. Ihr Buch ist ebenso traurig wie humorvoll, und bietet einen leicht lesbaren Einblick in den Alltag einer Familie, die eigentlich zu den Stützen des real existierenden Sozialismus zählen sollte, jedoch an den Vorstellungen und Widersprüchen dieser inhumanen Gesellschaft zerbrach.

media_25809071--INTEGERDie gesammelten Gedichte von Thomas Brasch (geboren 1945 im englischen Exil der Eltern, gestorben 2001 in Berlin), einem der bedeutendsten “DDR-Schriftsteller”, sind  jetzt über 1000 Seiten schwer unter dem Titel „Die nennen das Schrei“ bei Suhrkamp erschienen. “Tausend Seiten Liebe, Krieg und Sterben, Tausend Seiten Schmutz, Schutt und Scheitern. Tausend Seiten Alltag, Anarchie und Geschichte… Tausend Seiten Deutschland,” schreibt der Spiegel über dieses Buch. Das Werk eines Dichters und Erben Brechts, das es noch richtig zu entdecken, bzw. wiederzuentdecken gilt.

“… und wir verehrten die Freiheit wie eine strahlende Schönheit in der Ferne.” sagte Joachim Gauck in seiner Dankesrede zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises 2011 im Rückblick auf sein Leben in der DDR. Den Satz las ich in Hermann Vinkes „Gegen den Strom der Unfreiheit“, in dem auch ein ausführliches Interview mit Gauck zu finden ist. Wie schwer es nach 1989 wurde, mit scheinbar grenzenloser Freiheit umzugehen, musste nicht nur er erfahren. Zu oft waren die Erwartungen letztlich doch sehr bescheiden auf die Erfüllung simpler Konsumwünsche ausgerichtet. Eine Entwicklung bei der sich Menschen aus ehemals westlichen und ehemals östlichen Provinzen schneller einig waren als auf vielen anderen Gebieten. Dabei blieb nicht selten die Freiheit, ja manchmal sogar die körperliche Unversehrtheit Andersdenkender auf der Strecke. Womit wir bei der im heutigen Deutschland nur noch im schiefen Licht dargestellten Rosa Luxemburg an- und damit möglicherweise etwas vom Thema “17. Juni 1953” abgekommen wären. Oder doch nicht?

(*) Das Zitat stammt aus dem Gedicht “Und der Sänger Dylan in der Deutschlandhalle” von Thomas Brasch” (in: Der schöne 27. September)

So! Rum. Juni MMX

4:1 oder 2. Das Ergebnis war schon erstaunlich deutlich. Noch mehr verwundert jedoch die britische Reaktion auf dieses Natur-Ereignis. Auf die sonst übliche martialische, mit Kriegs-Metaphern durchsetzte Sprache, haben die englischen Medien weitestgehend verzichtet. Viele faire Fans anerkannten zudem die Leistung der deutschen Mannschaft und fanden das Ergebnis leistungsgerecht. Nun wird es als nächstes darum gehen, Argentinien zum Weinen zu bringen. Für den adeligen Linksfuß Lukas Podolski kein Problem: „Die Brust ist erst mal da nach dem Spiel.“ Na also. Allerdings war auf die Anatomie-Kenntnisse des Fussball-Adels und ihrer Volksscharen noch nie Verlass. „Mit dem Herz in der Hand“, fordern seit Jahren die stimmgewaltigen „Sportfreunde Stiller“ zum Mitsingen und Weltmeister werden auf.

625:494. Der nächste Horst heißt Christian. Christian Wulff. Der Job ist noch der gleiche: Bundespräsident. Realität: Mann Anfang Fünfzig mit junger Frau und noch jüngerem Kind für mindestestens 5 Jahre an Präsidentenpalast und Protokoll gefesselt. Wer’s mag.  Wahrscheinlich nur etwas für Persönlichkeiten die schon mit fünfeinhalb in die Vorschul-Organisation ihrer Partei eingetreten sind und dort gleich den Ortsverein übernommen haben. Gewählt von denen, die immer die wählen, von denen man ihnen sagt, dass sie die wählen sollen.

Glückwunsch. „Die meisten Dichter verstehen von Literatur nicht mehr als Vögel von Ornithologie.“ Mit dieser Aussage rechtfertigte Marcel Reich-Ranicki einst die Existenz der Literaturkritik im allgemeinen und des Literaturkritikers im besonderen. Am 2. Juni wurde Marcel Reich-Ranicki 90 Jahre alt und vielfach öffentlich gewürdigt und gefeiert. Einer der schönsten Jubiläumsbeiträge: Das Geburtstagsständchen von Harald Schmidt, der Brechts „Erinnerungen an Marie A.“ vorsang:

„An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum …“

Buch (1). „Weltempfänger“ heißt eine Bestenliste, die monatlich Bücher in Form eines Ranking vorstellt, die aus afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Sprach- und Literaturräumen stammen. Verantwortlich dafür ist „litprom“. Eine Initiative in Vereinsform, die es sich u. a. zur Aufgabe gemacht hat, Literatur abseits der sonst dominanten europäischen und angelsächsischen Märkte in den Blickpunkt zu rücken. Auf Platz 1 der Juli-Ausgabe der Liste steht der mexikanische Autor Paco Ignacio Taibo mit seinem beim Verlag Assoziation A erschienen Titel „Der Schatten des Schattens“. Das derzeit in den Medien, dabei aber weniger mit seiner Literatur, präsente Südafrika, ist mit Gedichten von Lebogang Mashile vertreten. „Töchter von Morgen“ heißt das Buch. Diesen und frühere Weltempfänger gibt es auf der Web-Site von „litprom“.

Buch (2). Neue Medien können auch dazu beitragen, dass in Vergessenheit geratene Stärken „älterer“ Medienformen, wieder deutlicher sichtbar werden. Auf diesen Effekt setzt u. a. die Slow Media Bewegung um den Soziologen und Medienberater Benedikt Köhler. „Gegenüber dem regiden Kontrollwahn der Apple Corp. wird die in den letzten Jahren erfolgreich verdrängte widerständige, antihegemoniale Macht des Buchs wieder spürbar“, schrieb Köhler im Börsenblatt 23, 2010, auf Seite 15. Slow Media hat sich der „Langsamkeitspflege“ verschrieben und möchte das „Mono Tasking“ fördern: „So wie die Herstellung eines guten Essens die volle Aufmerksamkeit aller Sinne eines Koches und seiner Gäste erfordert, können Slow Media nur in fokussierter Wachheit mit Genuss konsumiert werden.“

Buchhandel. Und gleich ein weiteres Zitat von Benedikt Köhler aus der Quelle wie oben: „Wer sich an die Beliebigkeit von Download- und Löschbutton gewöhnt hat, wird die andere Qualität eines slowen Mediums wie des Buchs stärker zu schätzen lernen.“ Auch wenn ich persönlich das englische slow nicht unbedingt mit einer deutschen Beugung quälen würde – irgendwie hat der Mann keineswegs Unrecht. Das zeigt auch ein in letzter Zeit erkennbarer Trend, der kleinen, standortverbundenen, kettenunabhängigen Buchhandlungen eine günstige Zukunft verspricht. Kundennähe, Stadtteil-Treffpunkt, Vernetzung, attraktive Veranstaltungen sind die Trümpfe mit denen engagierte Buchhändler stechen können. Dabei ist keineswegs von realitäts- und marktfernen Kuschel-Nischen die Rede, denn offensiver Umgang mit neuen Medien gehört ebenfalls zu den Erfolgsvoraussetzungen.