„Kraft“ von Jonas Lüscher

21. Februar 2017

Ein kurzer Blick auf den Klappentext und ich wusste, dass ich an diesem Buch nicht vorbeikomme: „Richard Kraft, Rhetorikprofessor in Tübingen …“ Ein Buch über einen fiktiven Nachfolger des legendären Walter Jens. Ein Buch also, wie für mich gemacht? Nicht ganz, denn schon nach wenigen Seiten war ich genau da, wo ich mit meiner aktuellen Lektüre nicht hinwollte. In den Vereinigten Staaten von Amerika. Die penetrante PR für zwei dickleibige Wälzer von dort hatten mich in den letzten Wochen eher abgeschreckt. Der Trend ist nun einmal nicht mein Freund. Mir war noch gut in Erinnerung, dass vor einem Jahr der neue Franzen längst nicht hielt, was die Werbetrommeln verkündet hatten.

Kraft hat eine beachtliche akademische Karriere absolviert, die ihn bis auf den renommierten Lehrstuhl in Tübingen und zu Kongressen und Vorträgen in der ganzen Welt brachte. Dennoch sieht er sich als gescheitert – sein Maßstab für Erfolg und Glück ist in erster Linie ein materieller. Geld bedeutet ihm Freiheit. Seine Freiheit hat er mit mehreren gescheiterten Ehen, den Kindern und den entstandenen finanziellen Verpflichtungen restlos eingebüßt. Die so entstandene, von ihm als nahezu ausweglos empfundene Situation macht er für seine nachlassende geistige Schaffenskraft und Kreativität verantwortlich. Er wartet auf einen Befreiungsschlag.

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Die Chance darauf tut sich auf in Form eines Wettbewerbs den ein us-amerikanischer IT-Unternehmer und Multi-Milliardär ausgeschrieben hat. Eine Million Dollar winken dem Gewinner eines Essay-Wettbewerbs. Dieser Aufsatz ist im direkten Wettstreit mit anderen Teilnehmern öffentlich zu präsentieren. Thema ist die Gottesfrage, auch als Theodizee-Problem bekannt. Warum lässt Gott das Schlechte auf der Welt zu? Kann Gott existieren, wenn der von ihm geschaffene Mensch so viel Böses anrichtet? Und wenn Gott existiert, warum verhindert er dann Kriege und Elend nicht? Die konkurrierenden Denker haben zudem nachzuweisen, warum die Welt gut ist wie sie ist.

Krafts Noch-Ehefrau strebt ebenfalls nach einer Zukunft ohne den Gatten. Sie bestärkt ihn in seinem Plan an der Ausschreibung teilzunehmen und bereits für die Vorbereitung nach Kalifornien zu reisen. „Geh, gewinne, bring uns das Geld nach Hause, damit wir alle wieder unsere Freiheit haben, hört Kraft Heike sagen, und dabei muss er an ihren Hallux denken.“

Bei der Familie des alten Freundes Ivan (Isztvan), einem Exil-Ungarn, findet er eine Bleibe und in einer der großzügigen Forschungsbibliotheken den adäquaten Arbeitsplatz. Doch die Arbeit will nicht recht gelingen. Immer mehr drängen sich Erinnerungen an den bisherigen Lebensweg und Reflektionen über vergebene Möglichkeiten in den Vordergrund. Kraft war stets glühender Anhänger einer libertären Wirtschaftsordnung. Ronald Reagan, Maggie Thatcher und Graf Lambsdorff hat er bewundert, vorübergehend an das geistig-moralische Wende-Versprechen Helmut Kohls geglaubt und den Kräften der Märkte vertraut. Die Begegnung mit dem real existierenden Unternehmertum, mit forschen Dienern des Kapitalwachstums, narzisstischen Waffenträgern und softwareentwickelnden Dauerpubertären, bringt sein Weltbild ins Wanken.

Diese ideologische Ausrichtung des Protagonisten gehört zu den Besonderheiten des Buches und unterscheidet es deutlich von den linksalternativen Lebensentwürfen hinter bodentiefen Fensterscheiben der Hauptstadt, die so häufig im Mittelpunkt der Werke gegenwärtiger Jungautoren stehen.

Zudem schreibt Jonas Lüscher hochklassisch. Bevorzugt lange, geduldig ausformulierte Sätze, bei realistischer Erzählweise und einer durchgängigen ironischen Distanz. Das Buch hat Witz. Etwa wenn Kraft bei seinem Ruderausflug auf unbekanntem Gewässer gegen guten Rat grandios Schiffbruch erleidet und diese Szenen stark an einen Segelausflug auf dem stürmischen Bodensee in Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ erinnern.

Und wenn die hippe Lifestyle-Kultur solventer Nerds rund um das Silicon Valley auf die Schippe genommen wird. Da stehen sie in langer Reihe geduldig vor einem In-Lokal Schlange, um, endlich eingelassen, mit einem nach normalen Maßstäben eher bescheidenen Mahl abgespeist zu werden. „Die Mühsal der Speisenauswahl kann man sich hier sparen, es gibt nur ein Gericht. Kraft schaut etwas ratlos auf das mit goldbraunem Paniermehl überbackene Nudelgratin … Exakt achtzehn Minuten nachdem sie das Lokal betreten haben, stehen sie wieder auf der Valencia Street.“

In diesen achtzehn Minuten erläutert der einladende Mäzen Erkner seine Zukunftsvisionen. Visionen von einem Projekt, verbunden mit einem Menschen- und Weltbild, das Krafts ideologische Festung endgültig erschüttert. Er hat in seinem Leben einen entscheidenden Wendepunkt erreicht. Das Ende des immer spannender werdenden Ablaufs ist überraschend.

Jonas Lüscher, ein Schweizer der in München lebt, hat 2013 mit der Novelle „Frühling der Barbaren“ debütiert. Er hatte zunächst eine akademische Laufbahn als Philosoph eingeschlagen und bereits drei Jahre in seine Dissertation investiert. „Aus der Dissertation ist leider nichts geworden, dafür ist nun der vorliegende Roman entstanden, in den einiges eingeflossen ist, über das ich im Rahmen meiner wissenschaftlichen Tätigkeit nachgedacht habe.“ So steht es in der „Danksagung“ am Ende des Buches, das nicht durchgängig leicht zu lesen ist. Doch Ausdauer und Mitdenken des Lesers werden mit einem Erlebnis belohnt, das Anspruch und Vergnügen auf fast ideale Weise kombiniert.

media_44388249Die „Süddeutsche Zeitung“ war begeistert von „Kraft“ und widmete dem Buch und seinem Autor in der Ausgabe vom 4. Februar eine ausführliche, farbig illustrierte Rezension. Das Fazit von Christopher Schmidt: „Die kühle Intellektualität dieses Autors ist ein schöner Fremdkörper in einer Zeit, in der Reflexionsprosa nicht allzu hoch im Kurs steht, … wohltuend ist der Laserblick eines Jonas Lüscher, der unsere Gegenwart mit einem eisigen Sengstrahl analysiert.“

Lüscher, Jonas: Kraft. Roman. – C. H. Beck, 2017. Euro 19,95


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