Leipziger Buchmesse 2016 (II)

Meine Bücher

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Fast drei Wochen nach dem Ende der diesjährigen Leipziger Buchmesse liegt es nahe eine kleine Bilanz der Frühjahrs-Neuerscheinungen zu ziehen. Hier sind meine ganz persönlichen Favoriten.

(Die Reihenfolge stellt keine Wertung dar. Bibliographische Daten am Ende des Beitrags.)

Zeh, Unterleuten

“Die Wahrheit war nicht, was sich wirklich ereignet hatte, sondern was die Leute einander erzählten.”

Auf engstem Raum, im märkischen Sand, lässt Juli Zeh ein exemplarisches Bestiarium aufeinander los. Das Dorf hat gelitten. Unter den Weltkriegen, der DDR, der Vergesellschaftung, dem Mauerbau, der Wiedervereinigung und dem Wüten der Treuhand-Gesellschaft, und leidet jetzt unter der Gnadenlosigkeit einer schrankenlos liberalisierten Marktwirtschaft. Nahezu abgeschnitten vom Rest der Welt pflegen Alteingesessene und wenige Zuzöglinge ihre Abhängigkeiten, Schuldgefühle und Zukunftsverweigerung. Eine auf einander fixierte und angewiesene Gemeinschaft, meist älterer Mitglieder.

“ … gefährlicher waren Leute, die sich im Recht glaubten. Sie waren ungeheuer zahlreich, und sie kannten keine Gnade.”

Als nahe der falschen Idylle ein Windpark entstehen soll, brechen Neid und Missgunst, Betrug und Gewalt über Unterleuten herein. Alte Rechnungen sind zu begleichen. Neue werden ausgestellt. Juli Zeh erzählt aus den wechselnden Perspektiven von sehr unterschiedlichen Personen, die jeweils für eine bestimmte charakteristische Haltung stehen. Für jeden dieser Menschen haben wir Leser Verständnis bis Sympathie, obwohl sie sich unmöglich, ungerecht, geschmacklos, egoistisch, ja kriminell verhalten. Dass ihr auf über 600 Seiten ein Zeit- und Generationenroman von höchster Spannung gelungen ist, der uns bis zum (nicht nur) tragischen Ende nicht mehr los lässt, ist die hehre Kunst dieser großartigen Autorin.

Bugadze, Literaturexpress

Einer der bekanntesten Schriftsteller Georgiens erstmals in einer deutschen Übersetzung.

“Im August warfen die Russen Bomben auf uns. Im September trennte sich Elene von mir. Im Oktober fuhr ich nach Lissabon.”

Die munter überzeichnete Geschichte einer Zugfahrt von 100 Dichtern aus vielen Nationen quer durch Europa. Roadmovie und Liebesgeschichte. Drugs, Sex, Rock and Roll. Wobei die Drugs hautpsächlich alkoholische Substanzen sind. Allüren, Schreibblockaden, Futterneid und Narzissmus prägen das erzwungene Miteinander der Künstler-Individuen. Geschildert wird die Fahrt aus der Sicht eines mäßig erfolgreichen, jungen georgischen Schriftstellers. Städte in denen der Expresszug halt macht, die Dichter Gelegenheit zum Landgang bekommen, gleichzeitig Verpflichtungen zu Lesungen haben, sind nach dem Start in Lissabon u. a. Madrid, Paris, Frankfurt, Moskau und Warschau. Der Zielbahnhof steht in Berlin.

Übersetzt hat das Buch die wunderbare, vielseitige Nino Harratischwili, selbst georgischer Herkunft, deren 2014 erschienener Roman “Das achte Leben” zu den wichtigsten deutschsprachigen Büchern des noch jungen Jahrhunderts zählt.

Der georgische Schriftsteller Lasha Bugadze

Stamm, Weit über das Land

Peter Stamm zu lesen, so hat sich gezeigt, lohnt eigentlich immer. Da sein neuestes Buch noch unabgestrichen auf meiner Leseliste steht, zitiere ich ausnahmsweise aus Verlagswerbung und Medium.

Ein Mann steht auf und geht. Einen Augenblick zögert Thomas, dann verlässt er das Haus, seine Frau und seine Kinder. Mit einem erstaunten Lächeln geht er einfach weiter und verschwindet. Astrid, seine Frau, fragt sich zunächst, wohin er gegangen ist, dann, wann er wiederkommt, schließlich, ob er noch lebt. (Verlag)

Mit fassungsloser Faszination folgt der Leser Thomas‘ krummen Wegen durch die Schweizer Wälder und Dörfer, die Pässe hinauf, die Bergwege wieder hinunter: Wege, die keinem Plan folgen, die kein Ziel kennen, kein Ziel außer dem, weg zu sein, nicht mehr greifbar zu sein. (Alexander Solloch im NDR)

Hahn, Kleid meiner Mutter

Anna Katharina Hahn hat ihre Erzählheimat Stuttgart verlassen und macht die spanische Hauptstadt zum Schauplatz ihres neuen Romans. Im Mittelpunkt steht die junge Anita, deren Alltag von Arbeitslosigkeit, Sinn- und Geldmangel, fehlenden Zukunftsperspektiven geprägt ist. Abhilfe verspräche das Auswandern auf den bundesdeutschen Arbeitsmarkt.

“In meinem Beruf habe ich noch nie gearbeitet, denn es gibt keine Stellen. Manchmal engagieren mich junge Familien aus der Nachbarschaft als Babysitterin, aber sie können mich nicht richtig bezahlen, weil sie auch arbeitslos sind. Sie revanchieren sich dann mit Naturalien … “

Doch anders als ihr Bruder kann sich Anita nicht dazu durchringen. Dann sterben überraschend und auf kuriose Weise ihre Eltern und sie macht sich auf eine eher unfreiwillige Spurensuche in deren Vergangenheit, die einige Überraschungen bereithält, und in der ein deutscher Schriftsteller namens de Ruit eine wichtige Rolle spielte.

Hahn verwendet Stilmittel der romantischen Literatur. Es gibt unerklärliche Ereignisse, Schauerliches und Geschichten in der Geschichte. Ein immer wieder überraschendes Buch, rund um aktuelle europäische Probleme, unter Verwendung in der Gegenwartsliteratur aus der Mode geratener Stilelemente. Apropos Mode: Ein Kleid mit Zitronenmuster ist in der Geschichte von besonderer Bedeutung. Ein solches – in Stuttgart entworfen und geschneidert – trug die Autorin, als sie auf der Leipziger Messe ihr Buch vorstellte.

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Anna Katharina Hahn trug ein Kleid mit Zitronenmuster – wie sie es ihrer Protagonistin andichtete.

Gansel, Literatur im Dialog

“Der Band versammelt Interviews von Carsten Gansel mit maßgebenden Vertretern der beiden Literatursysteme Ost- und Westdeutschland sowie der nachfolgenden Autorengeneration zu einem repräsentativen Dialog über die Kultur- und Zeitgeschichte der jüngsten deutschen Vergangenheit.”

Ein Buch, wie geschaffen für jemanden der einen Blog mit dem Untertitel “Literatur.Orte.Spuren” schreibt. Und darüber hinaus für all jene, die sich für Entstehungsprozesse von Literatur und die Personen die sie schaffen interessieren. Es enthält reichlich Material und Anregungen für eine intensivere Beschäftigung mit dem literarischen Leben im Deutschland nach der Wende. Es kann zudem Anstoss sein, den einen Autor, die andere Autorin, neu oder besser kennenzulernen.

Vertreten sind Schriftsteller, die nicht mehr leben, wie Stephan Heym, Erich Loest oder Christa Wolf. Aber auch Persönlichkeiten, die dieser Tage durchaus von sich reden machen. Thomas Brussig, Alexa Hennig von Lange, Reinhard Jirgl und die Buchpreisgewinnerin Kathrin Schmidt.

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Der Stand des Züricher Unionsverlags auf der Leipziger Buchmesse

Disher, Bitter Wash Road

Natürlich darf ein guter Krimi in meiner kleinen Auflistung nicht fehlen. Er kommt diesmal von „down under“ und Bernd Michael Köhler hat ihn schon vor mir gelesen:

„Bitter Wash Road“ von dem australischen Autor Garry Disher ist im besten Sinne ein Gesellschaftsroman in der Form des Krimis. Es finden sich zuhauf betörende Sätze und Passagen wie diese darin:

“Kropp fuhr nordwärts auf dem Barrier Highway in einen Tag voll rostiger Winde und schwarzer, glotzender Vögel, die auf durchhängenden Drähten hockten.”

Wie der Autor mit den poetischen Bildern der kargen Landschaft im Hinterland von Adelaide die Beschreibungen trostloser Menschencharaktere, extrem negativ aufgeladender untergründiger Gesellschaftsschichten, erzählungsbedingter Situationen und Stimmungen, verstärkt und zum Leuchten bringt, ist einfach Klasse. Mit der Figur des strafversetzten Polizisten Paul Hirschhausen, der in dieser menschlichen Wüste als Lonesome Rider mit Herz, sehr schnell die Sympathien des Lesers gewinnt, hat Disher einen originären Typus von Ermittler geschaffen, auf dessen weiteren Fälle man sich schon freuen darf.

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Zeh, Juli: Unterleuten. Roman. – Luchterhand, 2016. Euro 24,99

Bugadze, Lasha: Der Literaturexpress. Roman. – Frankfurter Verlagsanstalt, 2016. Euro 24

Stamm, Peter: Weit über das Land. Roman. – S. Fischer, 2016. Euro 19,99

Hahn, Anna Katharina: Das Kleid meiner Mutter. Roman. – Suhrkamp, 2016. Euro 21,95

Gansel, Carsten: Literatur im Dialog. Gespräche mit Autorinnen und Autoren 1989 – 2014. – Verbrecher Verlag, 2016. Euro 26

Disher, Garry: Bitter Wash Road. Kriminalroman. – Unionsverlag, 2016. Euro 21,95

Ehrung für eine Graphomanin

Juli Zeh ist Thomas-Mann-Preisträgerin

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„Süßer die Glocken nie klingen“, „Vom Himmel hoch“, „Tochter Zion“: Der Leierkastenmann am Eingang zum Innenhof der Münchner Residenz kurbelt eine weihnachtliche Weise nach der anderen. Sein Stoffaffe soll zur Abgabe eines gnädigen Obulus animieren. München leuchtet einmal mehr an diesem zweiten Adventsonntag. Diesmal im Lichterglanz kurzer Tage, der blass wirkt unter dem heute wieder sehr bayerisch blauen Himmel des frischkühlen Wintermorgens.

München riecht nach Schweinsbratwürschteln, Bratapfel, Nuss- und Mandelkern, nach Glühwein. Es wird italienisch gesprochen in der Hauptstadt des Freistaats. Die Gäste aus dem Süden stromern über die Weihnachtsmärkte, photographieren Sehenswürdigkeiten, besetzen Cafés und Wirtshäuser. Palaver, Frohsinn und Gemütlichkeit allerorten.

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8. Dezember 2013, 11 Uhr: Verleihung des Thomas-Preises an die Schriftstellerin Juli Zeh im Max-Joseph-Saal der Münchner Residenz. Der Preis wird von der Hansestadt Lübeck und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste vergeben; in stetem Wechsel, ein Jahr in München, ein Jahr in Lübeck.

Zur Begrüßung sagt der Verleger, Schriftsteller und neue Akademie-Präsident Michael Krüger, Thomas Mann habe den Menschen „als ein abgründiges Meisterwerk der Welt“ beschrieben. Unsere Zeit brauche neue Deuter, Schriftsteller und mutige Staatsbürger. Aus Lübeck ist die Stadtpräsidentin Gabriele Schopenhauser angereist, die Stadt München wird durch die Bürgermeisterin Christine Strobl repräsentiert. Die Bayerische Staatsregierung ist nicht vertreten; sie hat sich aus der Finanzierung der Akademie zurückgezogen.

In seiner Laudatio tritt Ilija Trojanow, der die zu Ehrende aus produktiver Zusammenarbeit bestens kennt, als Staatsanwalt, als Ankläger auf. Juli Zeh hat auf der imaginären Anklagebank Platz genommen, hinter einem Tisch auf dem sich ihre Bücher stapeln. Mit noch nicht einmal 40 Jahren, kann die Autorin eine beachtliche Bibliographie vorweisen. Als promovierte Juristin verteidigt sie sich und ihr Werk selbst, meist indem sie Passagen daraus vorliest. Die Beiden heben humorvoll die Trennung zwischen Laudatio und Danksagung auf, die bei solchen Preisverleihungen üblich ist.

media_28606997--INTEGERIhr wird u. a. „frühes graphomanisches Wirken“ und Aufruf zum bürgerlichen Ungehorsam in Form von Widerstand gegen staatliche Instanzen und Regelungen vorgeworfen. Immer wieder schlage sie ihr Lager „im Niemandsland der Provokation“ auf. Ihr Lebenslauf sei eine kriminelle Laufbahn, die sich in ihren „Machwerken“ dokumentiere. 566 Seiten stark sei z. B. das Verbrechen, das als der Roman „Spieltrieb“ aktenkundig wurde. Es zeichne sich durch besonders perfide Untergrabung des moralischen Konsenses unserer Gesellschaft aus, gefährde die Ordnung des bewährten Schulsystems und schrecke auch vor pornographischen Passagen nicht zurück. „Vom Hochsitz des auktorialen Erzählens“ richtet sie ein Massaker an unseren Illusionen an. Seit Jahren seien außerdem kleinere Delikte – Artikel und Essays zu nahezu allen Themen – in vielen Medien unserer Republik zu finden.

Sie schreibt immer und überall. Schon in den Kinderjahren; auf einer Treppenstufe im Elternhaus soll es angefangen haben. Seitdem: Blatt um Blatt, Kladde auf Kladde. Juli Zeh legt Wert auf die Trennung von Schreiben und Veröffentlichen. Betont dennoch gleichzeitig die Pflicht des Autors zum „verbalen Tag der offenen Tür.“ Die von der Autorin vorgetragenen Auszüge aus ihrem veröffentlichten Schreiben nennt „Staatsanwalt“ Trojanow Beweisstücke.

DSCN0731Wir hätten es mit einer Wiederholungstäterin zu tun, konstatiert der Ankläger. Es bestehe akute Rückfallgefahr; mit einer Wiedereingliederung in die Gesellschaft ist nicht zu rechnen. Sie sei eine Volksverführerin, eine Rattenfängerin, die rebellische Pamphlete verteilt und die Bürger auffordert ihre Rechte zu schützen. Letzteres sei doch ausschließlich Aufgabe und Zweck der staatlichen Organe, die auch über die geeigneten Mittel hierfür verfügen. (Raunen und vereinzeltes Gelächter im Saal.)

Allerdings sind auch mildernde Umstände anzuführen. Ihre Affinität zur polnischen Sprache etwa, die sie sich angeeignet hat, und zur Literatur des Nachbarlandes seien sehr zu begrüßen. (Es folgt ein kurzer polnischer Dialog). Dennoch sieht der Ankläger alles in allem die Schriftstellerin vorsätzlich handeln. Juli Zeh widerspricht: „Das was man Roman nennt, stößt einem zu.“

Aber wie immer das Urteil ausfalle, sie habe gar nicht vor sich zu ändern. „Ich möchte gerne Serientäterin bleiben.“ Die Prozessbesucher spenden dafür langen, dankbaren Beifall und Juli Zeh nimmt ebenso dankbar Urteil und Auszeichnung in Form einer Urkunde entgegen.

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Nach der Veranstaltung spaziere ich am Literaturhaus und einem weiteren – diesmal mittelalterlichen – Weihnachtsmarkt vorbei Richtung Lenbachhaus. Ich interessiere mich für die Bilder der Gruppe „Blauer Reiter“. Der Weg führt über den Königsplatz. Der reichsdeutsche Stil des weitläufigen Aufmarsch-Geländes erinnert an Münchens Rolle im „tausendjährigen Reich“ und den nachträglichen Umgang der „Stadt auf der Hochebene“ (wie sie Lion Feuchtwanger gerne nannte) mit dieser Epoche. Man denkt auch an den Umgang Münchner Intellektueller, Künstler und Politiker mit Thomas Mann und seiner Familie. Unvergessen der „Protest der Wagnerstadt München“ im April 1933 gegen absichtlich missverstandene Äußerungen Thomas Manns über Richard Wagner, der von viel Prominenz und Schickeria unterschrieben wurde.

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Es ist Aufarbeitung von Geschichte der speziellen Münchner Art, dass hier derzeit ein „NS-Dokumentationszentrum“ entsteht. Konzipiert als „ein Lernort zur NS-Geschichte Münchens, zu den Folgen und Nachwirkungen der NS-Zeit“. Auf dem Gelände stand einst das „Braune Haus“, die Parteizentrale der NSDAP. Eröffnet wird voraussichtlich 2014 – so viele Jahrzehnte nach dem Beginn einer Unzeit, deren Ursprünge ganz wesentlich in der bayerischen Metropole lagen. Schon jetzt ist erkennbar, dass das Gebäude in klinischem Reinweiß erstrahlen wird.

(Lesenswerte Romane über die braune Zeit in München gibt es u. a. von Oskar Maria Graf, Lion Feuchtwanger und Thomas Mann, vom Historiker Golo Mann sind in diesem Zusammenhang seine „Deutsche Geschichte“ und seine Erinnerungen erwähnenswert.)

München und Thomas Mann. Ein bisschen hätte ich mir schon gewünscht, dass die Schriftstellerin, Juristin und Bürgerrechtlerin Juli Zeh etwas über dessen Missverhältnis zu München, bzw. der Stadt zum Nobelpreisträger sagt. Aber bemerkenswerter Weise hat sie während der Veranstaltung den Namensgeber des Preises der ihr verliehen wurde mit keinem Wort erwähnt.

Herbst-Lese 2012: Silke Knäpper und Fee Katrin Kanzler

Über zwei Dreiecks-Geschichten von “Ulmer” Autorinnen

Die literarische Szene der kleinen Großstadt Ulm an der Donau und der umliegenden Region ist überschaubar, dennoch durchaus lebendig und vielfältig. Es gibt den lyrischen Rapper, den fleißig schreibenden Buchhändler und eine aktive Autorengruppe. Die “Flugfische” treten mit einem frischen Cross Over aus Sprachkunst, Musik und Tanz vor ein ambitioniertes Publikum; “Wörterflug” verbindet Literatur mit moderner Musik. Der monatliche Poetry Slam füllt regelmäßig einen großen Saal. Und aus dem Dämmer seiner Kammer, in der nur das Äpfelchen glüht, liefert der eine oder andere Blogger mal Hinter- und mal Vordergründiges.

Natürlich ist diese Aufzählung in jeder Hinsicht unvollständig.

In Ulm begannen übrigens – bei jeweils sehr unterschiedlichen Ausgangslagen – die Schriftstellerkarrieren von inzwischen weitbekannten Persönlichkeiten wie Andreas Eschbach, Amelie Fried oder Ulrich Ritzel. Rar waren bisher längere Erzählwerke von Autoren oder Autorinnen die ihren aktuellen Lebensmittelpunkt in der Münsterstadt, bzw. dem sprichwörtlichen “um Ulm herum” haben. Das hat sich in den letzten Monaten geändert.

Gleich zwei jüngere Schriftstellerinnen, die in Sichtweite des vielbestiegenen Kirchturms leben und schreiben, konnten ihr Roman-Debut veröffentlichen: Silke Knäpper und Fee Katrin Kanzler. Erfreulicherweise wurden sie dabei von den Häusern Klöpfer und Meyer, bzw. Frankfurter Verlagsanstalt unterstützt. Zwei Verlagen also, die für besondere Qualitätsmaßstäbe bekannt sind. Beide Frauen haben Sprachen studiert und gehen einem Brotberuf als Lehrkräfte an Gymnasien nach. Für ihre bisherigen, meist kleineren schriftstellerichen Arbeiten, wurden sie schon verschiedentlich ausgezeichnet. Silke Knäpper ist zudem Mitglied der bereits erwähnten “Flugfische”; Fee Kathrin Kanzler betreibt die mystisch märchenhafte Web-Site “fairy-club”.

Bei ganz deutlichen Unterschieden im Stil, weisen die zwei vorgelegten Romane allerhand Gemeinsamkeiten auf. Es sind Dreiecksgeschichten in deren Mittelpunkt Musikschaffende stehen. In beiden Büchern spielt auch die Musik selbst eine wichtige Rolle. Neben der Haupthandlung geht es jeweils um eine tragische Geschwister-Liebe und daraus resultierende Schuldgefühle, Verlustängste und Sinnkrisen.

Knäpper, Silke: Im November blüht kein Raps. – Klöpfer & Meyer, 2012

Paul streicht und zupft den Bass. Der “Held” in Silke Knäppers Roman tut dies hauptberuflich im Orchester des Ulmer Theaters (Stutznitzen Sie ruhig, Herr Indendant! – Aber die Freiheit nehme ich mir.) Paul ist verheiratet, hat eine Zweitfrau namens Hanne und eine zweite Wohnung in die er sich zu atemholenden Sein ohne Frauen zurückzieht.

Während er im Ensemble meist problemlos den richtigen Ton findet, ist sein Privatleben schon längst aus dem Takt geraten. Auch traumatische Kindheitserfahrungen wirken erschwerend nach. Die Härte des Vaters. Dessen musikalische Früh-Erziehung, die das Kind als Schleiferei erlebte. Ein Emanzipationsversuch durch Instrumentenwechsel brachte kaum seelische Entlastung. Neben Paul spielt in “Im November blüht kein Raps “ die Stadt Ulm eine zweite Hauptrolle. Liebhaber verfahrener Beziehungsgeschichten werden das Buch ohnehin gerne zur Hand nehmen, Ulm-Liebhaber und -Kenner auf jeden Fall Freude daran haben. Denn es gibt viel zu entdecken.

41WIN-5+DAL._AA160_Die Buchhandlung Wiltschek und Bauer etwa, deren reale Vorbilder und ihre Inhaber sehr populär bei den Buchliebhabern der Stadt sind. Eine der allerersten italienischen Gaststätten in der alten Reichsstadt, ist seit Jahrzehnten als Pizzeria “Bella Napoli” bekannt und geschätzt. Die ehemalige Lebkuchenfabrik auf der anderen Donauseite im bayerischen Neu-Ulm, in der Paul seinen Zweitwohnsitz unterhält, steht derzeit kurz vor dem Abriss und wird bald einer Wohnanlage der gehobenen Preisklasse mit exklusiven Blicken auf Donau und Bilderbuchkulisse Ulms weichen. Schließlich das Reihenhaus am Kuhberg, das Kult-Cafè Omar in der Oststadt, das Kongress-Zentrum und immer wieder das städtische Theater, einschließlich mancher Blicke hinter dessen Kulissen.

Silke Knäpper schreibt knapp, schnörkellos und präzise. Die Geschichte wird nie langweilig, der Leser folgt dem Geschehen von Anfang an mit Spannung. Die Autorin hat ihre eigene Tonart gefunden. Eigene, originelle Motive sind es hingegen nicht immer auf die sie zurückgreift. Meist werden bewährte, in der neueren deutschen Literatur vielfach verwendete Vorlagen genutzt. Der Zweite Weltkriegt taucht auf; die daraus entstandenen Vertreibungsprobleme werden behandelt, Wurzeln der Familie im Osten ge- und besucht. (Wer wissen will, wie eine junge Autorin über Vertreibung und deren ambivalenten Aspekte schreiben kann, der greift besser zum Roman “Katzenberge” von Sabrina Janesch.) Schließlich fließen auch noch der Jugoslawienkrieg und eine demente Mutter in den Erzählfluss ein. Doch all diese Themen, die schon an anderer Stelle reichlich und oft stimmiger behandelt wurden, werden nur angerissen. Denn das Buch von Silke Knäpper ist nach gut 180 Seiten in 28 Kapiteln und einem Epilog zu Ende. Auch Paul? Lesen Sie selbst!

Die in Ulm erscheinende Südwest-Presse urteilte: “…auf den Lokalbezug ist diese Prosa keinesfalls zu reduzieren, der Roman hat erstaunliche literarische Qualität, findet gewiss überregionale Beachtung.” Das ist der Autorin genau so zu wünschen, wie der Mut, beim nächsten Versuch noch etwas eigensinniger zu werden.

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Kanzler, Fee Katrin: Die Schüchternheit der Pflaume. – Frankfurter Verlagsanstalt, 2012

Du kennst die mehlige Schicht, die eine frische Pflaume hat. Was sie matt macht und blassblau statt dunkel, diese dünne Schicht, dieses Anstandspuder überm tiefen Violett, die Schüchternheit der Pflaume. Wenn du die Pflaume anfasst, reibt sich diese Schicht ab, und die Pflaumenhaut beginnt zu glänzen.”

Der Bassmann, der sie bei ihren Auftritten instrumental begleitet, nennt sie “Missy”, ihr Vermieter Borg spricht sie mit “Prinzessin” an. Für uns Leser bleibt sie namenlos. Sie ist nicht nur Schlafwandlerin; sie folgt auch gerne Göttern. Die Liedermacherin lebt in einer etwas eigenartigen Form von Wohngemeinschaft. Im leicht märchenhaften Haus, das die Bewohner “Goldlaube” nennen. Sie fühlt sich gleichermaßen zum Künstler-Freund Fender hingezogen, wie zum bürgerlich-maskulinen Blau. Und im Hintergrund ist immer die niemals endende intime Verbundenheit mit dem toten Zwillingsbruder. Die junge Frau schwankt und schwenkt zwischen den beiden Männern eben so hin und her, wie zwischen verschiedenen musikalischen Ausdruckformen und erotischen Stimmungen.

51pwAcSDitL._AA160_Fee Kathrin Kanzler schreibt in einer hochpoetischen Sprache. Sie hat lange gefeilt an den Sätzen, den Formulierungen, den Bildern, dem Rhythmus, erzählt sie in Interviews. Lyrische Ausdrucksformen überwiegen bei ihr, ohne dass auf Beschreibungsgenauigkeit verzichtet wird. Es ist sehr viel Wille zur Form, zur Melodie, viel Ambition, erkennbar. Da dies die Lesbarkeit nicht ausdrücklich erleichtert und nicht jeder Leser bereit ist sich auf diesen hohen Ton einzulassen, hat sie zwischendurch für Abwechslung, für gelegentliche Tempowechsel gesorgt. Wenn etwa ein terroristischer Sprengstoff-Anschlag städtisches Leben durcheinanderwirbelt und wichtige Verkehrsadern von einer Sekunde auf die andere zerstört. Ein Abschnitt im Buch, der recht unerwartet kommt und vielleicht etwas mutwillig plaziert wirkt.

Bei aller Sprachmacht, poetischer Virtuosität und dem durchaus vorhandenen epischen Talent, ist das Buch ein paar Seiten zu lang geraten. (“He, Blogger! Was willste eigentlich? Das eine Buch ist dir zu lang, das andere zu kurz. Wie kann man’s dir denn recht machen?”) Dem Leser droht- auf der wort- und bildgewaltigen Strecke irgendwann die Luft auszugehen und er schleppt sich möglicherweise etwas mühsam bis zum Ende auf Seite 318. Allerdings bekommt er auf dem Weg dorthin sehr schöne Kapitel-Überschriften geboten: “Mandelseife.” “Blaue Zunge.” “Salamanderfinger.” “Apfelkerngeschmack.”

Fee Kathrin Kanzler und ihr erster Roman sind schon eine zartwuchtige Entdeckung. Eine neue, ganz eigene, sehr sinnliche Stimme klingt hier an. So sah es auch Björn Hajer in DIE WELT: “Mit seiner feinstofflichen Gestaltwerdung ist dieser Erstling eine beachtliche, vielstimmige Partitur, in der auf reizvolle Weise große neben kleinen Gedanken stehen.” Jetzt darf man gespannt sein, ob diesem ersten erzählerischen Höhepunkt, weitere folgen werden.

Leipziger Nachlese (2)

Corpus Delicti oder Was geht mich meine Freiheit an?

Wird´s besser, wird´s schlechter, fragt man sich alljaehrlich.
Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefaehrlich.

Erich Kästner

Für die Philosophie ist Freiheit – sehr allgemein gesprochen – die Möglichkeit der Selbstbestimmung des Menschen im Gegensatz zur Abhängigkeit von der Macht und dem Zwang anderer. Sie hat für jeden Einzelnen ihre Grenzen dort, wo sie die Freiheit eines anderen zu beschneiden beginnt. Diesen Grenzbereich zu definieren ist Aufgabe von Ethik und Moral, den gemeinsamen Nenner dafür hat Kant im kategorischen Imperativ definiert. Freiheit ist das Programm der aufgeklärten neuzeitlichen Humanität.
Krankheit und Gesundheit sind keine ursprünglich philosophischen Begriffe. Sie sind Fälle für den „Pschyrembel“ – das klinische Wörterbuch. Hier ist Gesundheit das subjektive Empfinden des Fehlens körperl., geistiger u. seel. Störungen od. Veränderungen bzw. ein Zustand, in dem Erkr. u. pathol. Veränderungen nicht nachgewiesen werden können und Krankheit eine Störung der Lebensvorgänge in Organen od. im gesamten Organismus mit der Folge von subjektiv empfundenen bzw. objektiv feststellbaren körperl., geistigen bzw. seelischen Veränderungen. Prävention schließlich, sind alle Krankheiten verhindernden Massnahmen. Nun könnte man zu dem Schluss kommen, dass eine verhindernde Maßnahme, Freiheit einschränkt; es folgt aber die sofortige, scheinbar sichere, Erkenntnis, dass dies für Krankheit nicht viel weniger gilt. Oder etwa doch nicht?

Wo Juli Zeh auftaucht, geht es meist sehr bald nicht nur um ihr literarisches Werk, sondern die Gedanken und Verweisungen die es auslöst. So drehen sich dann die Gespräche, Diskussionen, Interviews um sehr weitreichende Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft, Philosophie.

In Corpus Delicti entwirft die Autorin Zeh die Fiktion einer Gesundheitsdiktatur, die zum Überwachungsstaat orwellscher Dimension geführt hat und in dem Alles was krank machen könnte nicht ausgeübt werden darf und Prävention oberstes Gebot ist. Der Text spitzt zu und polarisiert, so sind ideologische Grundsatzdebatten unter den Lesern und mit der Autorin vorhersehbar. Erstaunlicherweise finden sich dabei im Publikum immer wieder Menschen, die einer solchen Gesellschaftsordnung durchaus ihren Reiz abgewinnen können, für die also Freiheit nicht das höchste Gut ist, und die bereit sind, für andere Werte und Ideale, Freiheit ganz oder teilweise zu opfern. Eine parallele Auseinandersetzung findet in unserer Gegenwart statt, wenn es um die Frage krimineller und terroristischer Bedrohung geht, und wenn eine starke Fraktion dieser Bedrohung mit den verschiedensten Modellen von Kontrolle und Entmündigung der Bürger begegnen will. So ist zum Beispiel eine flächendeckende Videoüberwachung in unseren Innenstädten bereits weitestgehend Realität, sind gesetzlich Regelungen für Telefon- und Computer-Überwachung, recht großzügig ausgelegt.

Zeh, Juli: Corpus Delicti : Ein Prozess. – Schöffling, 2009. 19,90

In Zeh’s Buch widersetzt sich die Hauptfigur Mia den staatlichen Zwangsmaßnahmen und klagt – der Text besteht hauptsächlich aus Gerichtsszenen – im wahrsten Sinne, ihr Recht auf Verweigerung von Prävention und Hygiene und auf Krankheit ein. Und wir Leser dürfen uns die Frage stellen, ob ein Leben in völliger Gesundheit, den Verzicht auf viele andere Werte rechtfertigt und ob nicht Krankheit ein ganz normaler Vorgang und Bestandteil der menschlichen Existenz ist. In der Tat gab es ja auch vernehmbare Stimmen, die Künstlertum und Krankheit in einen unmittelbaren Zusammenhang brachten; die Frage nach der Möglichkeit von Außenseitertum und ihr Wert für eine moderne Gesellschaft muss deshalb gestellt werden. Sind es nicht gerade diese kleinen pathologischen Abseitigkeiten, diese originellen Figuren, die nicht blond, blauäugig und „gesund“ daherkommen, die unser Dasein bereichern, unseren Alltag überhaupt erst erträglich machen?

Juli Zeh (Mitte) am Stand von Mephisto, dem Leipziger Universitäts-Radio…

Juli Zeh hat sich offensichtlich vorgenommen ihr „Corpus Delicti“ durch möglichst viele künstlerische Ausdrucksformen zu deklinieren. Zunächst war es ein – mit mäßigem Erfolg gestartetes- Theaterstück, in Leipzig wurde der Stoff als Roman vorgestellt und am Freitagabend wurde das Ganze als eine Art musikalische Revue präsentiert. Im Werk II trat die Dichterin dafür zusammen mit der Gruppe Slut auf. Es gab gleich Stimmen, die das nicht so toll fanden; aber meiner Meinung nach hatte es schon was: Es war originell instrumentiert, stimmlich wurde viel improvisiert und gelesen mit verteilten Rollen. Warum nicht? Der Stoff und die damit verbundenen Fragen und Konflikte geben das her. Juli Zeh ist heute sicher eine der wichtigsten und originellsten jungen Dichter und Denkerinnen unseres Sprachraums. Man sollte ihr zuhören, sie lesen, wo immer man ihr begegenet. Selbstverständlich hat man auch die Freiheit ihr jederzeit zu widersprechen. Sie wird das wohl erwarten.

…und im Gespräch bei der Leipziger Volkszeitung