„… waldbegraben, an einer reichlich-frischen Brandung“

Das Ostseebad Graal-Müritz und die Dichter

Erich Kästner wuchs in Dresden auf. 1899 in der barocken Elbe-Stadt geboren, machte er mit 15 Jahren die erste größere Reise. Von einer wohlhabenden Tante finanziert, führte sie über Berlin an die Ostsee. In den Sommerferien des Jahres 1914 stand er zusammen mit seiner Cousine und der geliebten Mutter „vom Strandhafer zerkratzt, zwischen den Dünen und sah aufs Meer hinaus. Auf diesen atemberaubend grenzenlosen Spiegel aus Flaschengrün und Mancherleiblau und Silberglanz … Das Meer war groß und blind, unheimlich und voller Geheimnisse.“

Dem ersten Staunen folgte bald überraschende Erkenntnis: „Am Rande des Erhabenen fand das Lächerliche statt. Man war aus den Städten geflohen und hockte jetzt, angesichts der Unendlichkeit, noch viel enger nebeneinander als in Hamburg, Dresden und Berlin. Man quetschte sich auf einem Eckchen Strand, laut und schwitzend zusammen wie in einem Viehwagen … Während der Ferien lagen die Mietskasernen am Ozean … Der Mensch glich dem Schaf und trat in Herden auf.“

DSCN0384

Im späten Winter 2013, der bis weit in den April und über Ostern dauerte, sah es ganz anders aus. Nur wenige Menschen besuchten die norddeutsche Küste oder buchten in einem der Urlaubsorte. Statt leichter Bademoden dicke Parkas, Thermo-Anoraks, Schals und Kapuzen, Handschuhe und warme Schuhe. Stille und beschauliche Einsamkeit auf langen Spaziergängen, eisige Wellengicht und vom Schnee geweißte Dünen, leichtes Gehen auf gefroren festem Sand, kalte Winde von Ost, kein Geruch von Sonnenmilch, keine üppigen Eistüten, die allzu leichte Beute wendiger Seemöwen werden können, reichlich Platz in den Frühstücksräumen der Pensionen, den Restaurants und Fisch-Imbissen. Anfang April 2013 sind die Fotos zu diesem Beitrag entstanden.

„Als ich ein kleiner Junge war“ heißen die Kindheitserinnerungen Erich Kästners. In raffiniert naiv gestalteter Form schildert er humorvoll ironisch die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg aus dem Blickwinkel eines Heranwachsenden. Müritz war der Ort in den er damals mit Mutter, Tante und Cousine reiste. Ein inzwischen seit über 150 Jahren beliebtes, in allen Epochen und Gesellschaftssystemen viel frequentiertes Seebad, das nach und nach mit dem Nachbardorf zusammenwuchs und sich heute Graal-Müritz nennt. Es liegt knapp 30 Kilometer nordöstlich von Rostock, kurz vor der Halbinsel Fischland-Darß.

DSCN0348

Tucholsky war hier und Hans Fallada (1893 – 1947) hat zwischen 1905 und 1909 mehrere Ferien in Graal verbracht. Alfred Kerr kam auf einer Fahrradtour durch Müritz und das damals noch sehr kleine, verstreut besiedelte Graal – „waldbegraben, an einer reinlich-frischen Brandung, sagt mir sofort zu“, schrieb er im Juni 1915 in sein Notizbuch. 1906 lernte Robert Musil in Graal die sechs Jahre ältere Martha Marcovaldi; 1911 heirateten die beiden. Im ansehnlich renovierten „Haus Ithaka“ befindet sich heute die öffentliche Bäder-Bibliothek; der Dramatiker und Drehbuchautor Rudolf Presber (1868 – 1935) wohnte hier und von 1963 bis 1969 der Schriftsteller Herbert Nachbar (1930 – 1980).

DSCN0352

Einer der sehr gerne dem Trubel und Gedränge der Hochsaison aus dem Wege ging war Walter Kempowski (1929 – 2007). In seinem autobiographischen Journal „Sirius“ schildert er Eindrücke von 1990: „Im Mai habe ich ein paar Stunden am Strand von Graal gesessen, es war wunderbares Wetter, und keine Menschenseele war zu entdecken. Es waren keine Spuren mehr auszumachen von den großen Tagen meiner Eltern.“

Vor dem zweiten Weltkrieg wohnten die Kempowskis in der Rostocker Augustenstraße, in einem Gebäude im Bauhausstil. Unter dem Dach hatte Walter ein kleines Mansardenzimmer. Der Vater war ein wohlhabender Reeder. Graal wurde von der Familie oft besucht, man hatte es ja nicht weit. Eine Bilderserie in „Sirius“ auf den Seiten 358 folgende, zeigt Eltern, Großeltern und andere Verwandte am Ostseestrand. In hochgeschlossenen, hellen Kleidern sitzen die Frauen im Strandkorb, die Männer tragen Anzug und Hüte, Mädchen in Matrosenkleidern spielen in einem Segelboot das im Sand aufgebockt wurde, eine Windmühle ist zu sehen.

„In Erinnerung an unseren großen Kollegen Cäsar Flaischlen“, schrieb Walter Kempowski im April 1993 in das Gästebuch eines Lokals in dem dieser um 1900 sehr populäre Schriftsteller einst verkehrte. „Hab Sonne im Herzen, / ob’s stürmt oder schneit, / ob der Himmel voll Wolken, / die Erde voll Streit!“ (singbar nach der Melodie von ‚Der Mai ist gekommen‘), beginnt eines der bekanntesten Gedichte Cäsar Otto Hugo Flaischlens (1864 – 1920), der in Stuttgart zur Welt kam, später in Berlin lebte und ein Bekannter Hermann Hesses war.

DSCN0315

An klaren, frostigen Wintertagen geht der Blick weit hinaus übers offene Meer. Im Norden sind Dänemark und Schweden zu ahnen, im Osten das Baltikum. Fernweh stellt sich ein, Wehmut und sanfte Melancholie. Eine Stimmung, die den Winter-Strandgänger an Franz Kafka (1883 – 1924) denken lässt, dessen letzter Sommer in ganz besonderer Weise mit diesem Flecken am Meer verbunden ist. Im Juli 1923 bezog er ein Zimmer in der Pension „Glückauf“, schon lange schwer krank. Tuberkulose, Magen- und Darmkrämpfe, immer wieder Fieberschübe. Gegen den Rat des Arztes hatte die Familie dem Vierzigjährigen einen Ostsee-Aufenthalt verordnet.

Über die Zwischenstation Berlin, kam er, bei Sommerhitze fröstelnd, weil wieder einmal fiebernd, in Graal-Müritz an. Bei offener Balkontür hörte er Kinder singen. Es waren jiddische Lieder, gesungen von Kindern, die unbeschwerte Ferienwochen im „Berliner Jüdischen Volksheim“ verbrachten. Alsbald nahm Kafka an einer Sabbatfeier in dieser Einrichtung teil. Und „… am Abend des 13. Juli, eine Woche nach seiner Ankunft, ging Kafka hinüber … Durch ein Fenster im Erdgeschoss blickte er in die Küche, in der eine junge Frau beschäftigt war, eine Frau mit halblangen, dichtem, lockigem Haar, runden Wangen und vollen Lippen.“

So lernte der Schriftsteller die letzte große Liebe seines Lebens kennen. Dora Diamant, ein „dunkles Geschöpf“, wie sie sich selbst bezeichnete, 1898 in der Nähe von Lodz geboren, einem Gebiet, das damals zum russischen Zarenreich gehörte.

DSCN0318

„Dora“ heißt das Kapitel in „Kafka. Die Jahre der Erkenntnis“, einem von drei Bänden Reiner Stachs großer und großartiger Kafka-Biographie, in dem er diese Begegnung und die kurze Zeit schildert, die dem Paar bleiben sollte. Dora und Franz hatten sich gegen alle Vernunft und Ratschläge zum gemeinsamen Lebensweg entschieden. Unter ständigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und in wechselnden Untermiet-Quartieren, lebten sie nach dem Müritzer Sommer in Berlin.

Michael Kumpfmüller hat aus diesem Lebensabschnitt Kafkas einen schönen, einfühlsamen Roman gestaltet. „Die Herrlichkeit des Lebens“ wird für den längst todkranken Dichter ein letztes Mal sichtbar, spürbar. Auf der Basis von Kafkas Tagebüchern, Briefen und letzten Texten hat Kumpfmüller eine bewegende Liebesgeschichte geschrieben. Dora Diamant blieb bei Franz Kafka bis zu dessen Tod am 3. Juni 1924 im niederösterreichischen Kierling, nahe Wien.

***

Literatur

Kästner, Erich: Als ich ein kleiner Junge war. – Zürich, 1996

Kempowski, Walter: Sirius. Eine Art Tagebuch. 2. Aufl. – München, 1990

Kumpfmüller, Michael: Die Herrlichkeit des Lebens. Roman. – Köln, 2011

Puttkammer, Joachim: Schriftsteller in Graal-Müritz. 2. Aufl. – Rostock, 2004

Stach, Reiner: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis. – Frankfurt am Main, 2008

 

 

 

Biertrinker, Unruhestifter, Tonsetzer

Aktuelle Biographien über Dichter und Komponisten

In den letzten Wochen und Monaten sind einige neue, hochinteressante Biographien erschienen. Häufig war ein rundes Jubiläum Anlass für den Zeitpunkt der Veröffentlichung. Drei Bibliotheken musste ich bemühen, bis jene Bücher auf dem Schreibtisch lagen, mit denen ich mich befassen wollte. Inzwischen sind sie durchgesehen, angelesen und auf meine persönliche Lese-Dringlichkeit abgeschätzt.

04.131917463.2

Jean Paul. * 21. März 1763 in Wunsiedel (“Wonsiedel”), + 14. November 1825 in Bayreuth

“Wenigstens den Wert hat dieses Werk, daß es ein Werkchen ist und klein genug; so daß es, hoff’ ich, jeder Leser fast schon im Buchladen schnell durchlaufen und auslesen kann, ohne es wie ein dickes erst deshalb kaufen zu müssen.” Einmal abgesehen davon, dass sich der Buchhändler bedanken wird, da die Empfehlung des Autors geeignet ist dessen ohnehin schon schmale wirtschaftliche Basis weiter zu schwächen: So schnell ist man denn doch nicht fertig mit diesen gerade einmal knapp 100 Seiten. Die zitierte Empfehlung steht in der “Vorrede” zu “Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz” eines für Jean Paul typischen Werkes.

Nicht durch Handlungsreichtum besticht die Erzählung, sondern durch Sprachkapriolen, Abschweifungen und allerhand satirisch-humorvolles Anspielen, was jedoch für uns heutige nicht mehr ohne weiteres verständlich ist. Dass der Text “mit fortlaufenden Noten” ausgestattet ist, hilft auch nicht weiter. Denn diese Fußnoten tauchen nicht nur in einer sehr eigenwilligen numerischen Reihenfolge auf; sie sind auch in keiner Weise geeignet dem Leser die Lektüre zu erleichtert. In vollem aphoristischem Glanz stehen sie meist ganz für sich. “Den Halbgelehrten betet der Viertelsgelehrte an – diesen der Sechzehnteilsgelehrte – und so fort; – aber nicht den Ganzgelehrten der Halbgelehrte.” So heißt es etwa in der Nummer 72, ohne dass sich ein Zusammenhang mit der Hauptgeschichte erkennen ließe; dafür folgen allzugleich die Nummern 35 und 17.

Helmut Pfotenhauer leitet die Arbeitstelle Jean-Paul-Edition der Universität Würzburg und war viele Jahre Präsident der Jean-Paul-Gesellschaft. Wie kaum ein anderer ist er also berufen, den 250. Geburtstag des großen Biertrinkers und leidenschaftlichen Schreibers mit einem Standardwerk über dessen Leben, Dichten und Publizieren zu würdigen. Der Wissenschaftler schildert den mühsamen, keineswegs selbstverständlichen Weg des Johann Paul Friedrich Richter – der sich als Schriftsteller Jean Paul nannte – zu Bildung und selbstbestimmter Berufsausübung, die langen Durststrecken der Erfolglosigkeit, die fehlende Anerkennung durch die Kollegen seiner Zeit – voran das klassische Weimar um den Geheimrat. Neben den Romanen und Erzählungen geht Pfotenhauer auch ausführlich auf das umfangreiche Briefwerk ein. Er legt eine Lebens- und Werkbeschreibung von hohem Niveau vor, die aber auch für Nicht-Spezialisten sehr gut lesbar ist. Zu Überblick und Orientierung tragen dabei die Anmerkungen und eine ausführliche Zeit- und Lebens-Chronik im Anhang bei.

Lese-Dringlichkeit: Baldmöglichst, da mit diesem Werk auch einiges an literaturgeschichtlichem Wissen vermittelt wird.

04.131917424.2

Zum 250. Geburtstag Jean Pauls wurde auch eine überarbeitete Fassung von Günter de Bruyns “Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter” neu aufgelegt. Dabei handelt sich um keine streng wissenschaftliche Arbeit, sondern eine etwas freier gestaltete schriftstellerische Würdigung, die Leben und Schreiben Jean Pauls in engen Zusammhang mit dessen Zeit, Gesellschaft und Lebensumständen stellt. (Eine für die DDR-Zeit nicht untypische Vorgehensweise. De Bruyn gelingt es weitestgehend auf ideologische Klischees zu verzichten.) Ich besitze eine Lizenzausgabe der “Büchergilde Gutenberg”, des 1975 im Hallensischen Mitteldeutschen Verlag erschienenen Originals, die, wie damals nicht unüblich, aus DDR-Produktion stammt und zum Zwecke der Devisenbeschaffung nur im Westen verkauft wurde. Hergestellt im druckgraphischen Großbetrieb Karl-Marx-Werk in Pößneck. Die Lektüre dieses sprachlich sehr gelungenen Werkes war gleichzeitig meine erste Begegnung mit dem solitär neben den anderen Klassikern stehenden Autor. Seine Romane und Erzählungen zu lesen fällt allerdings auch versierten Lesern nicht leicht. Der absurde Sprachwitz und die vielen zeitbezogenen Anspielungen und Spitzen behindern die Verständlichkeit und hemmen den Lesefluss.

Lese-Dringlichkeit: Gering, da eine nochmalige Leküre wohl der Fülle anderer Lesevorhaben zum Opfer fallen wird.

Bertold (“Bert”) Brecht. * 10. Februar 1998 in Augsburg, + 14. August 1956 in Ost-Berlin (DDR)

In diesen Tagen jähren sich ja zum achtzigsten Male die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten. Bei jenen aus heutiger Sicht unfassbaren Aktionen „wider den undeutschen Geist“ gingen im Mai 1933 Bücher von Franz Kafka, Karl Kraus, Rosa Luxemburg, Robert Musil, Joachim Ringelnatz, Bertha von Suttner und vielen anderen in Flammen auf.  Mit dabei waren auch die Werke von Bertold Brecht und Kurt Tucholsky.

“Bertold Brecht. Lebenskunst in finsteren Zeiten” von Jan Knopf ist Summe und Krönung einer wissenschaftlichen Laufbahn, die in großen Teilen dem wichtigsten deutschsprachigen Dramatiker (und viele meinen auch des größten Lyrikers) des 20. Jahrhunderts gewidmet war und ist. Der Literaturwissenschaftler hatte eine Professur an der Universität Karlsruhe und baute dort die Arbeitsstelle Bertold Brecht (ABB) auf; er gab das Brecht-Handbuch heraus und ist Mitherausgeber der Großen Berliner und Frankfurter Ausgabe.

Brecht“Das simple Leben lebe, wer da mag! / … / Was hilft da Freiheit? Es ist nicht bequem. / Nur wer im Wohstand lebt, lebt angenehm!” (“Die Ballade vom angenehmen Leben”, aus der “Dreigroschenoper”)

Das Buch von Knopf ist umfangreich, dicht und detailgetreu. Auf jeder Seite spürt man die besondere Verbundenheit des Verfassers mit diesem charismatischen, schwierigen Menschen, dem genialisch lebensprallen Künstler. Brecht habe ich mir immer so ähnlich wie Wolf Biermann vorgestellt. Kraftvoll, zugewandt, von sich überzeugt, immer zwischen sehr laut und zart leise wechselnd. Die Biographie ist in historische Abschnitte gegliedert: Von “Deutsches Kaiserreich (1898 – 1918)” bis “Deutsche Folgen (1945/47 – 1956)”. Brechts typischer Stil wird mit vielen eingefügten Zitaten gegenwärtig für den Leser. Über das Verhältnis zu seinen Frauen – häufig ja auch engste Mitarbeiterinnen – erfährt man mehr neue Einzelheiten, als dem Gesamtbild des Menschen und Dichters gut tut.

Dafür staunen wir über die Schaffenskraft dieses Berserkers, die uns Knopf im Vorwort demonstrativ auflistet:“Bertold Brecht schrieb im Laufe seines kurzen Leben 48 Stücke (Shakespeare 37), über 2300 Gedichte (Goethe, der allerdings älter wurde, über 3000), etwa 200 Erzählungen … und immerhin drei Romane.” Die Brecht-Biographie von Jan Knopf ist kein einfaches Buch. Es fordert den Leser, es seziert den Gegenstand und ich bin gespannt, ob es eine lohnende Lektüre für mich werden wird.

Lese-Dringlichkeit: Gleich nach Büchner (s. unten).

Kurt Tucholsky. * 9. Januar 1890 in Berlin, + 21. Dezember 1935 in Göteborg

Wahrlich “ein deutsches Leben”, wie es im Untertitel von Rolf Hosfelds Buch heißt. Und ein deutsches Leiden, ein Leiden durch und mit Deutschland. Tucholsky, der so hart und treffsicher formulieren konnte, dabei so empfindlich und empfindsam war, der leichtfüßigen Humor und Traurigkeit so wunderbar verbinden konnte, wie man es aus seinen autobiographisch angehauchten Erzählungen “Schloß Gripsholm” oder “Rheinsberg” kennt.

41342MYSH1L._“Es war ein bunter Sommertag – und wir waren sehr froh. Morgens hatten sich die Wolken rasch verzogen; nun legte sich der Wind, und große, weiße Wattebäusche leuchteten hoch am blauen Himmel, sie ließen die gute Hälfte unbedeckt und dunkelblau – und da stand die Sonne und freute sich.” (“Schloss Gripsholm”)

Rolf Hosfeld hat bereits eine sehr beachtete Karl-Marx-Biographie geschrieben. In seiner neuesten Monographie stellt er neben dessen Werken, Tucholskys geographischen, sprachlichen und geistigen Heimatverlust durch die Machtergreifung der Nazis in den Mittelpunkt. “Innerlich zerrissen, rast- und heimatlos führte er ein Leben zwischen Berlin, Paris und Schweden.” Ausführlich geht Hosfeld auch auf die Frauen ein, die in Tucholskys Leben eine wichtige Rolle spielten. Else Weil und Mary Gerold mit denen er verheiratet war und die Spuren in seinem Werk hinterließen, Lisa Matthias, die in zeitweise nach Schweden begleitete, Getrude Meyer, mit der in England war, Hedwig Müller bei der er über ein Jahr in Zürich lebte.

Von großer Bedeutung war die Beziehung zu Carl von Ossietzky, mit dem zusammen er für die “Weltbühne” arbeitete, und der sich 1932 für den berühmten Tucholsky-Satz “Soldaten sind Mörder” vor Gericht verantworten musste. Da wurde er noch freigesprochen, doch bereits im Februar 1933 sperrten ihn die neuen Machthaber ins Konzentrationslager. Am 7. März 1933 erschien die letzte Nummer der “Weltbühne”, am 10. Mai fanden die ersten großen Bücherverbrennungen statt, am 23. August wurde Kurt Tucholsky, der sich in Schweden aufhielt, von den Nationalsozialisten offiziell ausgebürgert.

Hosfelds Biographie ist eine journalistische Arbeit, die mit wissenschaftlicher Sorgfalt geschrieben wurde und sehr gut lesbar ist. Nach den zahlreichen Mord- und Gewalttaten von Rechts in den letzten Jahren, in Zeiten wieder oder immer noch salonfähiger religiöser Intoleranz und teilweise unverhohlenem Rassismus, zum Zeitpunkt eines großen Neo-Nazi-Prozesses in München, ist es mehr als naheliegend sich mit Leben und Werk dieses konsequenten Pazifisten und Antifaschisten zu beschäftigen.

Lese-Dringlichkeit: Gleich nach dem “Brecht”. Zwei großartige Schriftsteller, zwei deutsche Lebensläufe, die ein wichtiges Gegengewicht zu aktuellen Zeiterscheinungen vermitteln. Zwei Bücher, die in die Schaufenster aller Buchhandlungen der Berliner Republik gehören.

Guiseppe Verdi. * 10. Oktober 1813 in Le Roncole, nahe Parma, + 27. Januar 1901 in Mailand

Richard Wagner. * 22. Mai 1813 in Leipzig, + 13. Februar 1883 in Venedig

Zur Einstimmung auf die nächsten Abschnitte habe ich ein CD eingelegt und es wären nun eigentlich zwei Komponisten mit ihren Biographien an der Reihe, die beide vor 200 Jahren geboren wurden. Doch während ich Arien aus “La Traviata” höre, kommen mir Zweifel, ob ich nicht den verträglichen Umfang eines einigermaßen lesenswerten Blog-Artikels sprenge, wenn ich die Bücher zu Verdi und Wagner so ausführlich darstelle, wie die über meine Dichter. Zumal ich alles andere als ein Musikspezialist bin. Deshalb sei in aller Kürze darauf hingewiesen, dass die einschlägigen Titel in den Literaturangaben am Ende des Beitrags aufgeführt sind: Die Bücher von Rosselli und Schwandt (Neuauflage) zu Verdi und die Biographie von Geck über Wagner (über den im Jubiläumsjahr noch sehr viel mehr Neues erscheint).

Und nur noch dies zur Ergänzung: Wagner und Verdi waren klassische Antipoden ihrer Zeit, in ihren Lebensentwürfen und den verwirklichten Kunstvorstellungen. Dazu bietet sich als alternative und sehr unterhaltsame Lektüre der Verdi-Roman von Franz Werfel an. Einer der Handlungsstränge des Buches ist der Rivalität zwischen Wagner und Verdi gewidmet und endet mit dem Tode Wagners in Venedig (!). Ein anderer dreht sich um den  Marchese Gritti, der die meisten Abende seines hundertjährigen Lebens in der Oper verbracht hat. “Der Marchese war neunundzwanzigtausenddreihundertundsiebenundachtzigmal im Theater gewesen, hatte neunhunderteinundsiebzig verschiedene Werke gehört… “ Der Roman gehört zu den schönsten, heute noch lesenswerten Büchern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Georg Büchner. * 17. Oktober 1813 in Goddelau nahe Darmstadt, + 19. Februar 1837 in Zürich

Hermann Kurzke lehrte viele Jahre als Professor für Neuere Deutsche Literaturgeschichte in Mainz. Er ist ein bekannter und anerkannter Thomas-Mann-Spezialist, u. a. Mitherausgeber der “Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe”. Sein 1999 erschienenes und längst zum Standardwerk gewordenes Buch “Thomas Mann. Das Leben als Kunstwerk” setzte Maßstäbe sowohl der Biographik als auch der Werkinterpretation. Jetzt hat er sich mit großer Lust und Hingabe mit Georg Büchner beschäftigt. Kurzke, der in Mainz ein Gesangbucharchiv aufgebaut hat und dieses bis heute betreut, fand “Georg Büchner sei ein erfrischendes Kontrastmittel zum Kirchenlied.” Frisch und mitreisend ist in der Tat das vorliegende Werk “Georg Büchner. Geschichte eines Genies”.

“Den 20. ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen.” Die ersten Sätze von Georg Büchners Erzählung “Lenz”, die ich bereits als Schullektüre kennenlernte. Über den tragischen Lebenslauf des Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz habe ich später vor allem bei meiner Beschäftigung mit Goethe und seinem Umfeld mehr erfahren. Büchners Theaterstück Woyzeck konnte ich sowohl als Original-Sprechstück sehen, wie auch in der Alban Bergschen Opern-Interpretation erleben.

ln Kurzkes Buch lernt man einen neuen Büchner kennen. Einen anderen, als den, den wir bisher zu kennen glaubten: den politisch engagierten Dichter, den jungen Revoluzzer. Bei Kurzke erfahren wir, dass er selbst sich nicht in erster Linie als Dichter verstand und nicht der Aufrührer und Anzettler war, als der er vielfach dargestellt wurde. Georg Büchner studierte ja Medizin und seine eigentliche Leidenschaft waren die Naturwissenschaften. Doch der frühe Tod hat die eingeschlagene Laufbahn beendet, bevor sie richtig beginnen konnte.

Im Büchner-Buch von Hermann Kurzke werden die Werke Büchners natürlich angemessen gewürdigt. Doch der Autor macht deutlich, dass Büchner selbst seinen “Landboten” für unreif und den “Woyzeck” für unfertig hielt. Dass ihm seine Doktorarbeit über das Nervensystem der Barben wichtiger war als alles Dichten. Büchner war immer jung, unfertig. Ein Genie freilich, von dem wir aber nicht wissen können, was aus ihm im Laufe eines längeren Lebens, mit der Möglichkeit zu reifen, sich zu entwickeln, geworden wäre. “Das Verstandene ist das Tote, nur das Unverstandene lebt und lockt. Was endgültig durchschaut ist, wird abgehakt und aufgeräumt. Was noch ein Geheimnis hat, fasziniert hingegen,” schreibt Hermann Kurzke. Sein neues Buch ist eine fesselnde und fundierte Lektüre über das Geheimnis Georg Büchner.

Lese-Dringlichkeit: Ich bin mittendrin.

Pfotenhauer, Helmut: Jean Paul. Das Leben als Schreiben. Biographie. – Hanser, 2013. Euro 27,90

Bruyn, Günter de: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter. Eine Biographie. Überarb. Neufassung. S. Fischer, 2013. Euro 21,99

Knopf, Jan: Bertold Brecht. Lebenskunst in finsteren Zeiten. Biografie. Hanser, 2012. Euro 27,90

Hosfeld, Rolf: Tucholsky. Ein deutsches Leben. Biographie. – Siedler, 2012. Euro 21,99

Rosselli, John: Guiseppe Verdi – Genie der Oper. Eine Biographie. – Beck, 2013. Euro 21,95

Schwandt, Christoph: Giuseppe Verdi. Die Biographie. Aktualisierte Neuausgabe. Insel, 2013. Euro 10,99

Geck, Martin: Wagner. Biographie. – Siedler, 2012. Euro 24,99

Werfel, Franz: Verdi. Roman der Oper.  u. a. als Fischer TB, Euro 12,95

Kurzke, Hermann: Georg Büchner. Geschichte eines Genies. Beck, 2013. Euro 29,95