“Zum Lesen gibt es keine Alternative” – Notizen zur Leipziger Buchmesse 2017 (II)

Buchmesse 2016. Buchmesse 2017. In den letzten 12 Monaten hat sich die Welt verändert. Deshalb werden in diesem Jahr die Besucherströme kanalisiert und auf allen Zugangswegen Sicherheitskontrollen durchgeführt. Kräftige Männer in Plastewesten mit fluoriszierenden Streifen erkundigen sich freundlich ob Hieb-, Stich- oder Schusswaffen in Handtaschen und Rucksäcken mitgeführt werden, werfen dabei einen meist kurzen Blick in zu öffnende Gepäckstücke. Es geht höflich und verständnisvoll zu. Jedoch, an den “Dolch im Gewande” denkt niemand.

Am taz-Stand sorgte einer der überzeugtesten und überzeugendsten Europäer für enormen Andrang. Mit Schlagfertigkeit und knitzem Humor erreicht der 92-jährige Alfred Grosser mühelos ein junges Publikum. Überall in Europa sind es vor allem junge Menschen, die am Gemeinschaftsgedanken, an freien Grenzen und freiem Denken festhalten wollen. Grosser bestätigt diese Haltung, verkörpert sie selbst ausgesprochen glaubwürdig und bekommt dafür viel Zustimmung und Beifall.

Alfred Grosser (rechts)

“Le Mensch” ist der Titel seines neuesten Buches, das er auf der Messe vorstellte, “Die Ethik der Identitäten” der Untertitel. “Facettenreich und mit vielen persönlichen Rückblicken schreibt Grosser über die Entstehung und Moral sozialer Identität. Dabei wehrt er sich gegen ein altes Grundübel, das aktueller ist denn je – den Finger, der auf andere zeigt, das ‘schlimme DIE’: DIE Muslime, DIE Frauen, DIE Juden, DIE Deutschen, DIE Flüchtlinge. Ein großes Buch, das uns auffordert, auch in schwierigen Zeiten niemals unsere Menschlichkeit zu verlieren.” Heißt es in der Ankündigung des Verlags.

Litauen war das diesjährige Gastland in Leipzig. Ein kleiner Staat am Rande Mitteleuropas, mit einer Ostseeküste, die einst die Familie Mann zu schätzen wusste und in den großartigen Dünen einige Sommerurlaube verbrachte. Ein gewichtiges Pfund für die Tourismuswerbung des baltischen Landes. Darüber hinaus gab man sich alle Mühe den Messebesuchern das literarische Litauen näher zu bringen. Etwa mit einem gedruckten “Crashkurs”, der auf 130 Seiten in “100 Jahre litauischer Literatur” einführt. Die Anzahl der Bücher in deutscher Übersetzung ist nach wie vor überschaubar. Die Titel erscheinen meist in kleineren ambitionierten Verlagen. Wie zum Beispiel dem von Sebastian Guggolz.

Seit wenigen Jahren erst gibt es den Verlag, der sich auf Wiederauflagen und Neuübersetzungen – u. a. von Nobelpreisträgern – aus Nord- und Nordosteuropa spezialisiert hat. Aus Litauen ist der dort allgemein bekannte und sehr verehrte Antanas Skema (1910 – 1961) vertreten. Wie Albert Camus kam der Dichter, der Exiljahre in Deutschland und den USA verbrachte, viel zu jung bei einem Autounfall ums Leben. Der Roman “Das weiße Leintuch” ist sein zentrales, bis heute im Original viel gelesenes Werk. Entlang eigener biographischer Erlebnisse erzählt es vom Schicksal eines Schriftsteller im Exil. Das alter ego des Verfassers schöpft seine Zuversicht sehr stark aus den Erinnerungen an die Heimat. Die baltische Landschaft, literarische Traditionen, Folklore. Die frische Übersetzung ist kommentiert und – wie alle Bücher bei Guggolz – hochwertig ausgestattet.

Sebastian Guggolz (ohne), Klaus Schöffling (mit Bart)

Sebastian Guggolz war mit seinem Verlag einer der Gewinner des diesjährigen “Kurt-Wolff-Preises” für unabhängige Verlage. Während er den Förderpreis entgegennehmen durfte, ging der Hauptpreis an den schon seit vielen Jahren etablierten Verlag Schöffling & Co. und seinen Verleger Klaus Schöffling. “Liebe zum Buch, Mut und Leidenschaft”, seien erforderlich um im heutigen Wettbewerb mit schönen Büchern und außergewöhnlicher Literatur bestehen zu können. So der Laudator Burkhard Spinnen. Gerade die jährlichen Ereignisse auf und rund um die Leipziger Buchmesse zeigen, dass dafür nach wie vor ein gar nicht so kleines Publikum ansprechbar ist.

Besonderes, Schönes, Spannendes und gelegentlich Überraschendes kommt Jahr für Jahr aus der Schweiz. Unsere Nachbarn sprechen, schreiben und lesen ja in nicht weniger als vier Sprachen. Schon bei der Konzentration auf den stärksten Sprachraum, den deutschsprachigen, ist das Angebot so üppig, dass die Auswahl schwer fällt. Martin Suters neuen Roman “Elefant” habe ich allerdings noch nicht gelesen. Ihm wurde einmal mehr große Aufmerksam zuteil, versteht er es doch immer wieder, solide Unterhaltungsliteratur auf gutem Niveau in die Buchläden zu bringen.

Franz Hohler, dessen Erzählungen in der Schweiz schon zum klassischen Schulstoff gehören, war in diesem Jahr mit seinem Gedichtband “Alt?” vor Ort. (“Wird die Sparlampe / die du im WC einschraubst / Brenndauer 10.000 Stunden / länger halten als du?”) Ich habe mir einige von ihm vorgetragene Auszüge angehört, ziehe allerdings seine Prosatexte weiterhin vor. Zuletzt habe ich von ihm den Roman “Gleis 4” gelesen. Noch vergleichsweise jung ist Jonas Lüscher. Ihn konnte ich als Vorleser aus seinem Roman “Kraft” am Schweizer Gemeinschaftsstand erleben. Auf con=libri wurde das Buch bereits besprochen.

Lukas Bärfuss

“Leipzig ist ein Fest für Leser und Schreibende,” findet Lukas Bärfuss, dessen Auftritt mich besonders beeindruckt hat. Er gehört zu denen, die trotz aller professionellen Verbindlichkeiten gerne nach Leipzig kommen. Er spricht über seinen “Hagard”. Anspielungsreich und vieldeutig ist schon der Name des Protagonisten der obsessiven Geschichte. Bärfuss hat eine Schwäche für “Lexiköner” und den Begriff in einem Jagdlexikon gefunden; auch in Shakespears “Kaufmann von Venedig” taucht er auf. Es sind die roten Pumps einer Frau, die er nie richtig zu Gesicht bekommen wird, die Hagards Obsession und seinen daraus resultierenden Niedergang einleiten. Bärfuss: “Kleider machen Leute stimmt gar nicht, Schuhe machen Leute.” Der schmale Roman des Schweizers gehört zu den fesselndsten und originellsten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs.

“In dieser kenntnisreichen Biografie dürfen wir alle Astrid Lindgren noch einmal erleben”, schrieb “Dagens Nyheter” als die Originalausgabe von Jens Andersens umfangreicher Lebens- und Werkbeschreibung erschien. Jetzt liegt sie als Taschenbuchausgabe vor. Sie ist deshalb aktuell, weil darin ausführlich die Haltung Lindgrens als Zeitgenossin und politischer Mensch gewürdigt wird. Im Mittelpunkt ihre Vorstellung von einer gewaltfreien Erziehung unter Achtung der Kinderrechte und ihr Wunsch nach einem friedlichen Miteinander in der Welt. Sehr eindrucksvoll sind in diesem Zusammenhang ihre Tagebücher, die sie während des zweiten Weltkriegs verfasst hat. Diese liegen seit Ende letzten Jahres ebenfalls in einer preiswerten broschierten Ausgabe vor

“Und dann muss man ja auch noch Zeit haben einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.” Diese Lebenshaltung schien ihr keinesweg nur für Kinder empfehlenswert. Ihrem Rat zu folgen bietet schließlich die Zugfahrt Richtung Heimat Gelegenheit. Zeit um dazusitzen, aus dem Zugfenster auf das vorbeiziehende Deutschland zu schauen, Begegnungen mit all den Wahlverwandten in Leipzig, auf der Buchmesse und dem Lesefestival “Leipzig liest” Revue passieren zu lassen, natürlich um zu lesen, und ein wenig auch zu träumen. Von einem Europa das nicht an Oder und Memel, Nordsee und Alpen, Rhein und Karpaten enden darf. Es war der an diesen Tagen in Leipzig der am häufigsten geäußerte Wunsch an die Zukunft: Ein friedliches, tolerantes, demokratisches Europa ohne Grenzen, das in jeder Hinsicht offen bleibt.

Foto: Wiebke Haag

Grosser, Alfred: Le Mensch. Die Ethik der Identitäten. – Dietz, 2017. Euro 24,90

Katkus, Laurynas: 100 Jahre litauischer Literatur. Ein Crashkurs. – Lithuanian Culture Institute, 2017

Hier erfährt man mehr dazu und kann die Broschüre anfordern:

www.lithuanianculture.lt

Skema, Antanas: Das weiße Leintuch. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. – Guggolz, 2017. Euro 21

Hohler, Franz: Alt?. Gedichte. – Luchterhand, 2017. – Euro 16

Lüscher, Jonas: Kraft. Roman – s. dazu:

Kraft auf con=libri

Bärfuss, Lukas: Hagard. Roman. – Wallstein, 2017. Euro 19,90

Andersen, Jens: Astrid Lindgren. Ihr Leben. – Pantheon, 2017. Euro 16,99 (Dt. Originalausgabe bei DVA, 2015)

Lindgren, Astrid: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939 – 1945. – Ullstein Taschenbuch, 2016. Euro 14 (Dt. Originalausgabe Ullstein, 2015)

Leipzig. 9. Oktober 2014

Mit Festakt, Friedensgebet und Lichtfest feiert Leipzig “25 Jahre Friedliche Revolution”.

Martin Walser anno 1977: “Leipzig ist vielleicht momentan nicht unser. Aber Leipzig ist mein. Und ich war noch nie in meinem Leben in Leipzig.” Reaktionen wie, er habe “den Verstand verloren”, gehörten noch zu den harmloseren denen sich der Schriftsteller daraufhin ausgesetzt sah. Wie ich war er seit 1989 sehr oft in Leipzig. Wie ich ist er gerne und regelmäßig Gast der Buchmesse. Meine allererste Erinnerung an Leipzig ist ein Besuch mit den Ilmenauer Großeltern am Völkerschlachtdenkmal, das dem Kind mächtig Angst machte. Danach kamen viele Jahre in denen nicht daran zu denken war, jemals wieder nach Leipzig zu kommen. Nur zu hoffen.

„Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der Heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert.“ Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl, der gerne als “Kanzler der Einheit” ins Geschichtsbuch möchte, in Interview-Mitschnitten seines Biographen Heribert Schwan.

Das sieht Joachim Gauck, Präsident von 16 seit 1990 wiedervereinten Bundesländern, völlig anders. Mit einem Festakt im Gewandhaus, Friedensgebet in der Nikolaikirche und dem bereits traditionellen Lichtfest feiert Leipzig “25 Jahre Friedliche Revolution”. Der ehemalige Rostocker Pastor und erste Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde spricht an diesem Vormittag “vom Glück”, dass er ganz persönlich empfunden hat. Die Rolle der Leipziger Friedensgebete und Montagsdemonstrationen ist für ihn von herausragender Bedeutung, unverzichtbare Voraussetzung für den damit einsetzenden Prozess der deutschen Wiedervereinigung: “Ohne 9. Oktober, kein 9. November (Mauerfall). Ohne Freiheit, keine Einheit”, ist seine Kernaussage bei der Bewertung der historischen Ereignisse. Und es sei “immer wieder zu erinnern, was wir errungen haben.” Gauck fordert zum politischen Engagement auf. Nur so seien Demokratie und Freiheit zu erhalten.

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© Stadt Leipzig / Stefan Hoyer

Der Festakt im Gewandhaus beginnt pünktlich um 11 Uhr. In der halben Stunde vorher waren zahlreiche Ehrengäste in großen schwarzen Limousinen vorgefahren. Von Polizei und Sicherheitspersonal umgeben und mit Absperrgittern weiträumig separiert. Die Feier der Freiheit braucht reichlich Abschirmung und Schutz. Auf dem Augustus-Platz, ehemals Karl-Marx-Platz, vor 25 Jahren Sammel- und Ausgangspunkt für die Montagsdemonstranten, direkt neben der Oper, ist eine große Leinwand aufgebaut. Hier gibt es die Veranstaltung im traditionsreichen Konzerthaus als “public viewing” für das Volk.

Beim öffentlichen Zuschauen vor der Großleinwand stehen und sitzen zunächst nur wenige Bürger, zögernd werden es mehr. Die Kamera hält auf einige besonders bekannte Gäste. Neben Gauck sind das vor allem Hans Dietrich Genscher, der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung. Der aus Deutschland stammende ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger sitzt in der ersten Reihe, daneben die Präsidenten Polens, Ungarns, der Slowakei und der tschechischen Republik. Das deutsche Staatsoberhaupt hat sie eingeladen um die besondere Rolle dieser Länder beim deutschen Weg in Freiheit und Einheit zu würdigen. Der damals so besonnene Kurt Masur ist kurz zu sehen.

Es ist bewegend als nach Joachim Gaucks starker Rede auf der großen Orgel des Gewandhauses zu Leipzig die Orgel-Sonate von Felix Mendelssohn-Bartoldy erklingt. Nach einer Rede von Ministerpräsident Tillich spielt das Gewandhaus-Orchester aus Beethovens 9. Symphonie die “Ode an die Freude”. Die Verse dazu stammen von Friedrich Schiller; er schrieb sie seinerzeit in Gohlis, damals ein kleines Dorf vor den Toren der noch nicht so ausgedehnten Stadt.

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Auffahrt der Staatskarossen vor dem Gewandhaus (links, nicht im Bild). Im Hintergrund die neu erbaute Universitätskirche, deren ursprünglichen Bau die DDR im Mai 1968 sprengen ließ.

Und die Freiheit? Wird sie denn wahrgenommen und gelebt oder nur empfunden wenn es eine fehlende ist? Überwiegt nicht bei den meisten Zeitgenossen der Hang zur Schwarmexistenz? Ist nicht die Bequemlichkeit des Konformismus meist naheliegender als anstrengende, oft auf wenig Sympathie stoßende Individualität, verbunden mit der Bereitschaft zu Außenseitertum, Dickköpfigkeit und Widerspruchsbereitsschaft.

Ist es nicht so, dass sich für viele Menschen die Frage nach individueller Freiheit erst gar nicht stellt? In Leipzig gibt es – wie in den meisten deutschen Städten – Menschen, für die sie einen schwer zu erreichenden Luxus darstellt. Alte, hilflose und einsame Menschen. Menschen am Rande des Existenzminimums. Menschen die unter Gewalt und Unterdrückung leiden. Kinder und Jugendliche mit wenig Chancen auf dem weiteren Lebensweg. Das Leben in einer freien Gesellschaft beinhaltet neben all ihren Glücksversprechungen auch reichlich Alternativen des Scheiterns, der Hoffnungslosigkeit, der Resignation. Und hat die Freiheit in modernen Zivilgesellschaften nicht auch etwas mit dem Ein- oder Herkommen zu tun?

Am Nachmittag findet in der Nikolaikirche das traditionelle Friedensgebet statt. Nicht wie Woche für Woche seit 1982 montags, sondern aus Anlass des Jubiläumsdatums 9. Oktober ausnahmsweise an einem Donnerstag. Und ausnahmsweise in ganz großer Besetzung. Die Prominenz vom Vormittag fährt erneut an der Rückseite der Kirche vor. Von dort geht es am Polizeispalier vorbei zu den vorderen Bänken im Gotteshaus. Während der Bundespräsident noch kurz auf die Wartenden zugeht, Hände schüttelt, Zuneigung entgegennimmt, steht neben der Sakristei – sich noch rasch eine Zigarette gönnend – der Ex-Chorknabe, das Leipziger Musiker-Urgestein, Sebastian Krumbiegel. Er wird während des Gottesdienstes zwei Lieder singen.

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Zum Friedensgebet durfte auch das Volk kommen. Doch nur wenige der wartenden Bürger fanden Platz – zu groß war der Andrang.

“Sanftheit ist nicht gleich Dummheit, / Liebe ist unsre Stärke. / Rücksicht ist nicht gleich Schwäche, / Weichheit ist unsre Härte. / In uns lebt das Licht, Glück zu empfinden, / es ist ganz einfach, / wir brauchen nur die Kerze anzuzünden”, heißt es in seinem “Meine Nation sind die Liebenden.” Später wird er sich noch mit Udo Lindenbergs “Er wollte nach Deutschland” in der Asylfrage positionieren. Starke Elemente einer außergewöhnlich kraftvollen kirchlichen Zeremonie. Kraftvoll vor allem weil die Geistlichen, aktuelle und ehemalige Pfarrer dieser besonderen Gemeinde und der Superintendent Martin Henker deutliche Worte finden und aussprechen. Ganz in der Tradition der Leipziger Umwelt- und Friedensbewegung fordern sie radikalen Gewaltverzicht, den Stop von Rüstungsexporten und eine liberale Auslegung des Asylrechts.

Im Gegensatz zum Vormittag im Gewandhaus wird etwas Volk in die Kirche eingelassen. Eine 100 Meter lange Schlange hatte sich bereits eine Stunde vor Kirchenöffnung gebildet. Wieder gibt es eine zeitgleiche Übertragung nach draußen. Diesmal auf zwei Plätze. Erneut auf den weitläufigen Augustus-Platz und zusätzlich auf den kleinen, intimeren Nikolaikirchhof. Es ist schon erstaunlich, beachtlich, vielleicht kein Wunder, doch zumindest wunderbar: Unmittelbar neben der Kirche lauschen viele hundert Leipziger und Gäste aus ganz Deutschland und vielen anderen Ländern der Bergpredigt mit ihrer Botschaft von Sanftmut, Toleranz und Mitgefühl, sprechen die Gebete mit, applaudieren zu den Kernaussagen der Predigt und der Fürbitten und singen sichtlich ergriffen geistliche Lieder wie “Nun danket alle Gott” oder “Jesu meine Freude”. Kaum jemand geht danach unberührt durch diese Stadt, deren Menschen so entscheidend dazu beitrugen, dass sich in Deutschland 1989 und 1990 so vieles verändern konnte.

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Foto: Wiebke Haag

Der Tag endet mit dem bereits zur Tradition gewordenen Lichtfest. Aus allen Richtungen strömen bei Einbruch der Dunkelheit Menschen mit Kerzen zum Augustus-Platz. Zwischen 150 und 200 Tausend werden es schließlich sein. Noch einmal kurze Ansprachen von Joachim Gauck und Burhard Jung. Dann setzt sich ganz langsam die Masse in Bewegung. Ein langer Zug entsteht. Es geht Richtung Hauptbahnhof und weiter um den ganzen Innenstadtring, auf den Spuren jener mutigen Leipziger Bürger, die am 9. Oktober 1989 zum alles entscheidenden Spaziergang aufgebrochen waren, zu einem friedlichen Schlendern, das die Kraft besaß Deutschland zu einem neuen Land zu machen.

Den Weg rund um die Innenstadt säumt allerhand Sehens- und Erlebenswertes. Lichtinstallationen, Tanz und Performance, verschiedene musikalische Darbietungen. Bald sind Kneipen und Restaurants überfüllt. Es ist auch ein Volksfest. So entsteht neues Brauchtum. Teilnehmer die heute dabei und jünger als 30 Jahre sind, haben keine eigene Erinnerung an die Ereignisse vom Herbst 1989. “Keine Gewalt” war das zentrale ausgegebene Motto, an das sich alle hielten, während abseits bewaffnete Kräfte von Polizei und Militär auf den Befehl warteten, das Volk des „Arbeiter- und Bauern-Staates“ niederzuwerfen. Ein großes Blutvergießen drohte, wie man es erst wenige Monate vorher in Peking hatte miterleben müssen. Aber es kamen keine Befehle mehr. Nicht aus Moskau. Nicht aus Berlin. Nicht aus Leipzig.

Leipziger Buchmesse 2014

Der erste Teil: Themen und Momente

„Der Dichter frisch voran.“ (Joseph von Eichendorff)

Nach dem milden Winter hatte es der März leicht. Weder Strom noch Bäche mussten vom Eise befreit werden. Der Bücherhimmel über Leipzig strahlte in den ersten beiden Messetagen klar und blau, nach Kälte und Schnee im Vorjahr, diesmal der willkommene Kontrast erster milder Frühlingstage. So war die Stimmung des Publikums gehoben und erwartungsfroh. Am besten bei all jenen, die einen der zahlreich vergebenen Preise überreicht bekamen. Allen voran Sasa Stanisic mit seinem allseits hochgelobten Roman „Vor dem Fest“, als Gewinner des angesehenen und viel beklatschten „Preises der Leipziger Buchmesse“ in der Kategorie Belletristik. Am Abend vor der Messe konnte ich mich bei einer längeren Vorstellung aller fünf nominierten Autoren und ihrer Bücher davon überzeugen, dass dieser Roman und Martin Mosebachs „Blutbuchenfest“ preiswürdige literarische Qualität besitzen.

media_21223761--INTEGERDer diesjährige „Preis der Literaturhäuser“ ging an die Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky, „als eine Autorin, die sich in besonderem Maße um das Gelingen von Literaturveranstaltungen verdient gemacht hat und selbst den Akt des Signierens zu einem künstlerischen Moment macht.“ Leipzig zeichnet sich ja dadurch aus, dass uns Lesern die Schriftsteller und anderen Künstler besonders nahe kommen und ungezwungen begegnen. Und so wunderte ich mich, als Judith Schalansky, im engen Gedränge der Gänge an mir vorbei kam, nur darüber, dass ich sie sofort erkannte, weil sie genau so aussah wie auf den Fotos in ihren Büchern. Ein durchaus ungewöhnliches Phänomen – man vergleiche nur einmal die Abbilder der unzähligen Crime-Ladys mit den realen Frauen.

Einen besonders interessanten und wichtigen Preis vergab einmal mehr die Kurt-Wolff-Stiftung, die damit die Erinnerung an den großen Verleger Kurt Wolff (1887 bis 1963) wach hält. Diese Auszeichnung für kleine unabhängige, besonders engagierte Verlage, erhielten der Berliner Verbrecher Verlag (Hauptpreis, mit Euro 26.000 dotiert) und der in Hamburg beheimatete Mairisch Verlag (Förderpreis, Euro 5.000). Von persönlicher Dankbarkeit geprägt war die Laudatio des in mehreren Schreib-Sparten fleißigen Dietmar Dath, waren doch dessen erste Publikationen in eben jenem Verbrecher Verlag erschienen

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Der indische Historiker und Publizist Pankaj Mishra.

Im festlichen Rahmen der offiziellen Eröffnungsfeier der Buchmesse, die alljährlich viel Prominenz aus Politik und Gesellschaft im Gewandhaus versammelt, wird traditionell der „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ überreicht. Er würdigt „Persönlichkeiten, die sich in Buchform um das gegenseitige Verständnis in Europa, vor allem mit den Ländern Mittel- und Osteuropas, verdient gemacht haben.“ Da überraschte es im ersten Augenblick, dass in diesem Jahr der indische Publizist und Historiker Pankaj Mishra ausgezeichnet wurde. Näher kommt man den Hintergründen wenn man erfährt, dass sein aktuelles Werk „Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens“, sich aus einer nicht-westlichen Perspektive mit der kolonialen Überwältigung Asiens durch den Westen beschäftigt. In Diskussionen und Interviews hat mir der ruhige reflektive Ton dieses belesenen, bescheiden auftretenden Intellektuellen („Ich bin vor allem ein großer Leser.“) sehr gut gefallen.

Politische Themen und die damit verbundenen Gespräche und Debatten, drängten sich auf der Leipziger Buchmesse 2014 und dem begleitenden Lesefestival „Leipzig liest“ immer wieder in den Vordergrund. Das Interesse war rege und alle Veranstaltungen dieser Ausrichtung fanden großen Zulauf und aufmerksame Zuhörer. Nicht immer glücklich damit wurden vielleicht Autoren, die mit ihren frisch publizierten belletristischen Erzählformen in diesen Strudel aktueller zeitgeschichtlicher Fragen gerieten. Wie etwa die ebenfalls für den Buchpreis nominierte Katja Petrowskaja, die gerne über ihren Roman „Vielleicht Esther“, mit dem sie im Vorjahr den Bachmann-Preis gewonnen hatte, gesprochen hätte. Doch ihre Gesprächspartner nahmen zu oft die Gelegenheit wahr, die gebürtige Ukrainerin, die seit vielen Jahren in Berlin lebt und deutsch schreibt, zur aktuellen Situation in ihrem Geburtsland zu befragen. Wobei einem Moderator sogar die Peinlichkeit gelang, Petrowskaja auf ihre „Sowjetvergangenheit“ anzusprechen.

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Seine Signaturen waren in Leipzig gefragt: Martin Suter gehört zu den populärsten und auflagenstärksten Autoren der schweizerischen Literatur-Szene.

Ähnlich erging es den aus dem Gastland Schweiz angereisten Schriftstellern und Schriftstellerinnen. Bietet doch dieser kleine zentraleuropäische Viersprachenstaat nicht erst seit einer jüngsten Volksabstimmung immer wieder Anlass zu kontroversen Diskussionen. Und so mussten die Autoren mehr Auskunft über die Rolle der Alpenrepublik in Europa erteilen, als über ihre schriftstellerischen Erzeugnisse. Messebesucher konnten es sich derweil auf den vielen roten Bänken bequem machen, die von den Gästen über Messe und Stadt verteilt worden waren. Schweizbesucher kennen diese willkommenen Ruhe- und Sitzgelegenheiten von den hervorragend ausgeschilderten Wanderwegen, die das ganze Land durchziehen. Auch in Leipzig wurden sie dankbar angenommen, als ideale Plätze für eine kurze Erholung der strapazierten Füße oder ein erstes Prüfen der eingesammelten Prospekte, Kataloge und Leseproben.

Neokolonialistische Kraftmeierei des Ober-Russen Putin. Säbelrasseln einer ukrainischen Regierung, die kein Wählermandat besitzt. Eine deutsche Ministerin, die einer neuen Vorwärtsverteidigung das Wort redet (Stichwort: „Stärkung der Nato an den Ostgrenzen“). Der Blick zurück ins 20. Jahrhundert sollte eigentlich gegen jede Sehnsucht nach militärischen Auseinandersetzungen in Europa immunisieren. Vor einhundert Jahren begann der Erste Weltkrieg, Auftakt zu einem Jahrhundert der Vernichtung, Verwüstung und nicht mehr rückgängig zu machenden Entkultivierung Mitteleuropas. Auch an diesem Thema und den Büchern dazu kam man in Leipzig nicht vorbei.

5143CeB2mNL._Zwei Titel sind es, die ich mir aus dem unüberschaubar breiten Angebot herauspicken würde: Herfried Münklers „Der große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918“, weil hier weit über das Militärische und Politische hinaus geblickt wird und weil ich den Autor als besonders gut lesbar schätzen gelernt habe (zuletzt: „Die Deutschen und ihre Mythen“). Sowie Hermann Vinkes „Der Erste Weltkrieg: Vom Attentat in Sarajewo bis zum Friedensschluss von Versailles.“ Für die zahlreichen Fotos, Karten und Grafiken zeichnet Ludvik Galzer-Naudé verantwortlich. Vinke gelingt es wieder ein komplexes und schwieriges Thema in äußerst ansprechender Weise für ein jüngeres Publikum aufzubereiten. Ich wünsche gerade diesem Buch eine große Leserschaft in allen Altersklassen.

Zurück zur Poesie. Und damit zur „Leseinsel Junger Verlage“. Für mich immer einer der wichtigsten und spannendsten Anlaufstellen im Messe-Tohuwabohu. Verlage wie Volland & Quist (Kurt Wolff-Förderpreis 2010), Mairisch (s. oben) und Satyr zählen hier zu den betreibenden Kräften. Bei Mairisch erschien der Debutroman von Lisa Kreißler. Auf dem Podium der Lesebühne las sie eine längere Passage aus „Blitzbirke“. Eine Liebesgeschichte mit phantastischen Elementen und altgermanischen Einsprengseln, in der die Autorin stilistisch kleinere Experimente wagt, während ansonsten durchweg – bei aller Qualität – auch von Nachwuchsautoren sehr konventionell erzählt wird.

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Nora Gomringer und das „Wortart Ensemble“.

Nora Gomringers Lyrik hingegen ist eine ganz eigene Welt, die sich nicht in gängige formale Kategorien einordnen lässt. Diese Dichterin missachtet virtuos die Grenzen von Wort und Melodie, Rap und Slam, Deklamation und Proklamation. A-capella-Interpretationen ihrer Texte durch das Dresdner Ensemble „Wortart“ zählten für mich zu den eindrucksvollsten Momenten des heurigen Leipziger Büchermärz. Die CD auf der man das hören kann trägt den schönen Titel „Wie sag ich Wunder“. Den vollen Genuss bieten allerdings nur die Live-Auftritte. Hier gibt es Hörproben und die Tour-Termine!

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In Kürze gibt es auf con = libri den zweiten Teil meiner Eindrücke von der diesjährigen Leipziger Buchmesse.

Leipziger Begegnungen 2013

Autoren, Bücher, Themen rund um die diesjährige Buchmesse und das Literaturfest “Leipzig liest”

Der erste Teil

Weg und Hin. Auf dem Weg in die Bachstadt. Im wohltemperierten Zug durch winterliches Bayern, Franken und Thüringen nach Sachsen. Mittelgebirgige Schneelandschaft zwischen Bamberg und Saalfeld. Zeitungslektüre: Der neue Papst nennt sich Franziskus; 250. Geburtstag von Jean Paul. Hier ist seine Gegend gewesen. In Pressig-Rodenkirchen nördlich von Kronach heftiges Schneegestöber. Beachtliche Schneehöhen im Schiefergebirge, dem östlichen Ausläufer des Thüringer Waldes. Hinter Förtschendorf die zahlreichen Windungen eines kleinen Baches. Frisch-flotter Wasserlauf durch weiß-grau-braune Landschaft. Eine alte bemoste Steinbrücke von einer Seite auf die andere. Deutsche Traum- und Märchenlandschaft. Ab und an, meist unverhofft: sonnige Passagen.

Reisefreiheit. Blauer Himmel. Glitzernde Schneefelder die blenden. Der Zug fährt jetzt auf einem Damm, hoch über den Dorf-Giebeln und einem nur ellenbreiten Gewässer mit vielen Eisinseln. Forellenteiche. Eine Kläranlage. Probstzella, wo vor der Reisefreiheit sogenannte Interzonenzüge angehalten und die Reisenden von martialisch auftretenden Grenzern inspiziert wurden. Immer noch sind Relikte dieser Zeit zu sehen. Verlassenes Kleingewerbe, Hinterhöfe voll Gerümpel, verrostete Tatra-Lastwagen, Trabanten, Ölkanister.

Im dösigen Halbschlaf kommen mir Namen in den Sinn: Christoph Hein und Erich Loest, Wolfgang Hilbig und Christa Wolf, Werner Bräunig, Franz Fühmann. Nahe Saalfeld. Goethe könnte hier auf einer seiner geologischen Exkursionen gewandert sein. Schiller, von Jena kommend, bei festem und raschem Schritt Balladen-Verse erprobt haben. Am Sportplatz von Unterloquitz Werbung für das süffige Saalfelder. An einem Schuppen ein schwarzrotgoldener Pfeil von links unten nach rechts oben. “Aufschwung Ost” steht unter dem Pfeil. Legendbildung der Kohljahre. Ernüchterung beim Blick auf die Realitäten im Jahre 2013.

“An der Saale hellem Strande / stehen Burgen stolz und kühn / Ihre Dächer sind zerfallen, / und der Wind streicht durch die Hallen, / Wolken ziehen d´rüber hin.” Vertonte und häufig gesungene Verse die einst der aus Pommern stammende Historiker Franz Kugler in Jena dichtete. Jena um 1800: Ein Mittelpunkt deutscher Klassik, deutscher Denker, Sitz einer Universität von Geltung. Die Nietzsche-Stadt Naumburg mit ihrer Turmsilhouette. Der dem Zerfall überlassene Bahnhof von Großkorbetha. Daneben ein verrosteter Wasserspeicher auf kurzem Ziegelturm. Nach der Durchfahrt von Markranstädt (zerfallender Bahnhof) am Kulkwitzer See entlang. Ehemaliger Kohle-Tagebau, jetzt Wassersport-Zentrum. Dann beginnt Leipzig. In ausholendem Schienenbogen geht es in den größten Kopfbahnhof Europas.

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Wortmacht. Die Macht der Sprache und eine allererste Begegnung auf dem Messegelände. “Ich werde was machen mit der Sprache”, versprach Nora Gomringer auf der “Leseinsel junger Verlage”. Ein Versprechen das sie nuancenreich, mal zart, mal fulminant, vor dankbarem Publikum einlöste. “Text bewirkt ja was. Ich habe da überhaupt keinen Zweifel.”

“Wir sind das Volk!”. Ein Text, ein Ausruf, eine Manifestation, aus vier Worten bestehend, der viel bewirkte. Daran erinnerte Michail Sergejewitsch Gorbatschow, als er in Leipzig seine neue Autobiographie vorstellte und sich in einer Innenstadt-Kirche mit dem langjährigen politischen Weggenossen Hans Dietrich Genscher zum Gespräch traf. Der Menschen-Andrang war immens, das Medien-Echo gewaltig. Wendezeit-Erinnerungen. Anlass für nostalgischen Weißtdunoch?-Austausch. Inzwischen haben es die Völker dieser Erde wieder schwer. Weil es jetzt vorrangig um die Euros der Banken, den Zustand globaler Konzerne, den Kampf um Märkte und Rohstoffe geht. (s. dazu u. a.: Schulze, Dahn, Schirrmacher u. a.)

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Überzeugt von der Macht der Worte: Nora Gomringer

Großes Theater. In klarer kalter Nacht steht eine schmale Mondsichel am Himmel. Hinter den großen klassizistischen Festern der eindrucksvollen, frisch sanierten Stadtbibliothek der Buchstadt Leipzig brennt noch Licht. Lüsterglanz in Gewandhaus und Oper. Im Laternenschein des weiten Augustplatzes sind Menschgruppen unterwegs zum abendlichen Musikereignis. Auf der anderen Seite der Innenstadt ist auch das Schauspielhaus erleuchtet. Durch alte schwere Türen drängen fortwährend Menschen. Sehr viele “Leipzig liest”-Veranstaltungen finden hier statt. Am Freitag-Abend ist ein literarisches Quartett im Raum der “Hinterbühne” geplant. Als Teilnehmer vorgesehen sind Jakob Augstein, dessen viel zu wenig gelesenes Wochenblatt “Der Freitag” als Veranstalter fungiert, die Schriftstellerin Jana Hensel, der Leipziger Stadtschreiber Clemens Meyer und der Kulturredakteur Michael Angele.

Als alle Sitzplätze besetzt sind, viele weitere Interessenten abgewiesen wurden, nehmen auf der Bühne nur Angele und Meyer Platz. Ein Virus habe die beiden anderen niedergestreckt wird mitgeteilt. Angele nippt an einem kleinen Becher Wein. Meyer trinkt aus einem von zwei Halben Bier, die als Vorrat neben ihm stehen. Die Bücher? Naja. Tom Wolfe, „Back to Blood“ (lt. Verlag eine “bissige Satire auf den menschlichen Umgang mit gesellschaftlicher Realität.”); Ulrike Edschmids “Das Verschwinden des Philip S.” (Der Freund war Extremist, geht in den Untergrund, stirbt im Kugelhagel, vierzig Jahre her); Christiane Neudecker, „Boxenstopp“ (Formel 1 und Mißbrauchsthema in einen Topf bzw. Roman gerührt. Bei mir gehen aber bei Büchern über Autowahn immer alle Rolläden runter), Sabine Rennefanz, „Eisenkinder“ (Wut, Verzweiflung, Irrwege von Jugendlichen nach der Wende, autobiographisch, ein Thema das in Leipzig nicht übergangen werden kann). Ganz ehrlich: Für mich war da nichts dabei.

Die Diskussion beginnt. Anfangs wird abwechselnd gesprochen und besprochen, geurteilt und kritisiert. Bald wird aus der Diskussion Disput, Meyer zunehmend heftiger, reißt immer mehr das Wort an sich. Mit Zwischenruf fordert eine Dame den Leipziger auf, den Gesprächspartner doch wieder zu Wort kommen zu lassen. Meyer wird ausfällig (“Wenn es dir nicht passt…” oder so ähnlich) und fordert zum Verlassen des Saales auf. Dem Aufruf folgt daraufhin eine empörte knappe Hälfte des anwesenden Publikums. Angele bemüht zu beruhigen, bleibt beherrscht, will sein Honorar mit Seriosität verdienen. Letztlich arbeiten beide Protagonisten die vorgesehenen sechzig Minuten mehr oder weniger gequält ab. Die Zeugen des Eklats schwanken zwischen Fremdschämen und Erheiterung. Die „Leipziger Volkszeitung“ schreibt am nächsten Tag: “Das Duett geriet zum Duell mit reichlich Dissonanzen, jedoch hohem Unterhaltungswert.”

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Urteilskraft. Was diesen Zweien nicht gelang, wuppte Denis Scheck ganz alleine. Mehrmals täglich auf dem Messeforum der ARD, wusste er vor immer wieder zahlreichen (oder sagt man zahllos, wenn man ein Sehrviel nicht zählen will?) Zuschauern und Zuhörern, mit klaren, deutlichen und verständlichen Aussagen und Urteilen über Bücher zu fesseln und für das Lesen zu begeistern. Das ging Schlag auf Schlag. Die guten mit Kritikerlob überschütten, die schlechten in den (verbalen) Kübel. Die Bücher? Es waren sicher 20 bis 25 verschiedene Titel in einer halben Stunde.

Hier einige der interessantesten Beispiele: “Der Herr der Ringe” (beste Phantasy-Literatur, ein verkappter Roman über den 2. Weltkrieg, was der Autor nicht wahrhaben wollte, aber “der Text ist manchmal klüger als der Autor”), Coelho wird von Scheck generell und bei jeder Gelegenheit verrissen (Denis Scheck ist der absolute Anti-Coelho. Schund, Schwulst, Mist usw.) Nabokov, “Lolita” (absolutes Meisterwerk; man lese nur die ersten drei Sätze und wisse bescheid) und zum Thema Erotik in der Literatur folgte gleich “Shades of Gray” (nicht nur schlecht geschrieben, sondern auch inhaltlich unerträglich. Das Furchtbare seien nicht die sich ständig wiederholenden SM-Szenen, sondern – laut Denis Scheck – die gedankenlos perverse Demonstration von Reichtum und Wohlstand.)

Gelobt wurde hingegen der neue Roman des chinesischen Literaturnobelpreisträgers Yan Mo, “Frösche”, dem es damit endgültig gelungen sei, Vermutungen über eine Kungelei des Autors mit den Oberbonzen zu wiederlegen. In der Debatte um den Umgang mit aus heutiger Sicht diskriminierenden Bezeichnungen in älteren Büchern (“Neger”, “Hexe”) forderte Denis Scheck zur Sachlichkeit und Überprüfung zementierter Standpunkte aller Seiten auf. Und bat schließlich flehentlich und herzerweichend, doch seine Sendung “Druckfrisch” im SWR-Fernsehen regelmäßig anzuschauen, da sie sonst vom Quotentot bedroht sei.

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Laut. Lauter. Lauterbach. Wie der Heiner ist keiner. Schon die zweite Autobiographie. Lauterbachs Läuterung. Seit ich weißnichtmehrwieviel Jahren Verzicht auf Glücksspiel, kein Rumhuren mehr und kein Suff. Abschied vom schlechten Heiner. Ein neues, zweites Leben. Stolz ist der Hahn. Das muss die Welt wissen. Und die Welt will es wissen und strömt zu Hauf, wo immer der Kahlkopf hinter ein Mikrophon tritt.

Doch außer solchen Lautsprechern waren auch moderatere Darsteller zu hören und zu sehen, wie die Schauspielerin Carmen-Maja Antoni, ein in der Regenbogenpresse selten auftauchendes Gesicht, das im Fernsehen hin und wieder in Nebenrollen zu sehen ist. Schon als Kind und Jugendliche wirkte sie in DDR-Filmproduktionen mit. Ihre eigentliche Welt war und ist die Bühne. Seit 1976 ist sie am Berliner Ensemble engagiert, wo sie u.a. in zahlreichen Brechtrollen auftrat. “Im Leben gibt es keine Proben” heißen ihre anektodenreichen Erinnerungen, die sie zusammen mit Brigitte Biermann verfasst hat. Ein bemerkenswertes Kapitel (ost)deutscher Theatergeschichte.

Leipziger Begegnungen 2012

Von Menschen und Büchern rund um die Stadt, ihre Buchmesse und “Leipzig liest” – Der erste Teil

Auftakt. Der Marsch der Massen zur Messe. Wie schnell der Rummel-Trummel jeden Morgen hochfährt! Um zehn werden die Schleusen geöffnet und drängend fluten Hunderte die bereits unruhig auf Einlass warteten die lichte hohe Glashalle und die Flure zwischen den Ausstellungsständen. Und schon sitzen auf blauen und roten Sofas morgenfrische oder notdürftig ausgeschlafene Autoren und Autorinnen neben pseudo-wachen Moderatoren, die planmäßig ihre ersten Frage-Stanzen absondern. “Kann man sagen, dass der Stoff Ihres neuen Romans zu Ihnen gefunden hat?”

Zum Messegelände findet man am frühen Morgen am leichtesten mit der im dichten Takt fahrenden Straßenbahnlinie 16. Die Buchmesse ist nun schon seit Jahren am nördlichen Stadtrand zu Hause, deshalb dauert die Fahrt reichlich 20 Minuten. Man verbringt diese Zeit in engstem Kontakt mit erwartungsvollen Menschen, die alle irgendwas mit Büchern oder zumindest buchnahen Dienstleistungen oder Produkten machen, und mit Schülern und Schülerinnen von Leipziger Bildungseinrichtungen mitsamt ihren Lehrerinnen und Lehrern, denen man den Messebesuch in den Tagesplan geschrieben hat und die diese Abwechslung vom Frontal-Unterricht als willkommenen Freiraum nutzen.

Es ist gut wenn man dann schon gefrühstückt hat. Vor der Begegnung mit den literarischen Protagonisten empfiehlt sich der Besuch beim „Brotagonisten“, wie sich die in ganz Leipzig vertretene Bäckerei-Kette Wendl betitelt. Man kann dort an einer “Vollversemmelung” teilnehmen, eine “Wendl-Schleife” genießen, die südlich des Mains auch als “Brezel” bekannt ist, oder man bringt den netten Damen hinter der Theke schonend bei, dass man gerne einen “Knax” hätte. Dazu eine Tasse Heißen vom aromatischen Bohno W. und für unterwegs kommt vielleicht noch der beliebte, nahrhafte “RoggStar” in die Tüte.

In Leipzig wird ab Null Grad Plus im Freien gefrühstückt. Dafür steht allzeit Sitzgarnitur an Sitzgarnitur vor Kneipe, Cafè, Bäckerei und Restaurant. Das gilt ganz besonders für die zwei wichtigsten Straßenzüge der Messestadt: die szenische Karl-Liebknecht-Straße (kurz: Karli) in der Südvorstadt und das enge Barfußgäßchen, stetig überfülltes Zentrum der Fress- und Vergnügungsmeile Drallewatsch im unmittelbaren Stadtkern.

“Ein Rettungsschirm für die Bildung!” – Transparent an einer Leipziger Hochschule.

Bildung. Eine Buchmesse ist lehrreich. Von dem sächsischen Kabarett-Urgestein Gunther Böhnke, der einst zusammen mit Bernd-Lutz Lange das legendäre Duo “academixer” war, erfahren wir “50 einfache Dinge die Sie über Sachsen wissen sollten”. (Westend. Euro 14,99) „Nicht nur, aber vor allem als Appetitmacher auf Sachsen für Nichtsachsen bestens geeignet, amüsant, anekdotisch, regionalstolz, dabei zugleich selbstironisch.“ (Sächsische Zeitung).

Natürlich hatte auch ich mir bis zu diesem Zeitpunkt nie tiefergehende Gedanken über die Papiertüte gemacht. Jetzt wurde mir auf die Sprünge geholfen. Unter anderem auf dem Mephisto-Sofa (Mephisto 97,6 = Universitätsradio Leipzig) ging Alexander Neubacher in aller Breite dem selbstgewählten Thema und den damit aus seiner Sicht verbundenen Vorurteilen auf den Grund. Entgegen allgemeiner Vermutung und Hoffnung hat jenes beliebte alternative Verpackungsmittel nach seinen Recherchen eine extrem negative Ökobilanz. Das und noch viel mehr, will er uns in seinem Buch der “Ökofimmel: Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten” weissmachen. (DVA, Euro 19,99). Diese Pseudoerkenntnisse verbreitende, ressourcenverschwendende Wichtigtuerei – als SPIEGEL-Buch erschienen – kann leider nicht in der Ökotonne entsorgt werden, sie gehört auf den Sondermüll.

Und auch das hätte ich nie erfahren, wenn ich mich nicht einmal mehr drei Tage durch Leipzigs Frühjahrbuchmesse geschoben, gelesen und gestaunt hätte: Im Mai 2011 schloss im indischen Mumbai die weltweit letzte Fabrik für mechanische Schreibmaschinen.

Karl May. Der sächsische Gauner und Vollblut-Fabulierer wurde am 25. Februar 1842 in Ernstthal geboren und starb am 30. März 1912 in Radebeul. So ist derzeit also willkommene Gelegenheit sowohl 100. Todestag, als auch 170. Geburtstag des Reise-, Heimat- und Abenteuer-Schriftstellers ausgiebig zu begehen. Einige unentwegte Freunde seiner Werke, von denen es noch sehr viele gibt, haben sich in der Karl-May-Gesellschaft organisiert, die auf der Messe mit einem kleinen Stand vertreten war und mehrere interessante Veranstaltungen einbrachte.

So las der populäre Schauspieler Peter Sodann Mays humorvolle Kurzgeschichte “Die Senfindianer” und anschließend einige Passagen aus dessen Autobiographie “Mein Leben und Streben” (Zenodot, Euro 24,90). Sodann schätzt besonders die humane Grundstimmung bei Karl May, wobei er aber auf die mitschwingenden christlich-missionarischen Töne eher verzichten könnte. Ihm gefallen neben den Abenteuerromen vor allem die Geschichten aus dem Erzgebirge.

Bereits vor etlichen Jahren hatte der Leipziger Schriftsteller Erich Loest (“Völkerschlachtdenkmal”, “Nikolaikirche”) eine Roman-Biographie des immer noch verkaufsstarken Schriftstellers veröffentlicht, die jetzt wieder neu aufgelegt wurde. Aus “Swallow, mein wackerer Mustang” (Mitteldeutscher Verlag, Euro 10) wurde an den Messetagen täglich im Kulturradio MDR Figaro daraus gelesen. Ganz aktuell ist eine neue, wissenschaftlich fundierte May-Biographie von Helmut Schmiedt bei C. H. Beck erschienen: “Karl May: oder die Macht der Phantasie.” (Euro 22,95)

Sodann. Peter Sodann als Tatort-Kommissar inzwischen pensioniert und als Bundespräsidenten-Kandidat der Linken nur mit einem Kurzauftritt, hält mit seinen politischen Vorstellungen ungern hinter dem Berg und nutzte den einen oder anderen Messeauftritt um seine Meinung vor stets zahlreichem Publik zu äußern. Man muss diese im Einzelnen nicht immer teilen, es ist jedoch sehr erfrischend, eine bekannte Persönlichkeit zu erleben, die sich so bescheiden unprominent gibt und auf jede falsche Stromlinienform verzichtet.

Sodann erzählt, dass er wie Karl May aus Ardistan stammt, was als Hinweis auf beider Herkunft aus sprichwörtlich einfachen Verhältnissen verstanden werden soll und schreibt den regierenden Politikern Goethes leicht verständliches “edel sei der Mensch, hilfreich und gut” ins Poesiealbum. Er verfügt über ein reiches Reservoir klassischer Dichtkunst aus der er jederzeit passend zitieren kann. Den vergnügten Menschen vor ihm, die immer wieder heftig applaudieren gibt er dann noch Brecht mit auf den weiteren Messe- und Lebens-Weg: „Reicher Mann und armer Mann // standen da und sahn sich an. // Und der Arme sagte bleich: // »wär ich nicht arm, wärst du nicht reich«.“

Verfolgung. Bleiben wir noch etwas bei den politischen Momenten der Leipziger Buchmesse, die es trotz allen Unterhaltungs-Überangebotes Jahr für Jahr auch gibt und die mitunter in berechtigte Empörung und originelle Protestformen münden. Natürlich ist die Buchmesse nicht vorrangig als politisches Forum gedacht. Dennoch gibt es Ereignisse und Zustände auf unserem Planeten vor denen man nicht als Mitmensch und schon gar nicht als Künstler die Augen verschließen kann. Deshalb hat der Verband deutscher Schriftsteller eine Aktion gegen Neo-Nazis gestartet. Deshalb setzt sich die Gesellschaft für bedroht Völker für verfolgte Künstler in China ein und tat dies auf der Leipziger Buchmesse mit einer eindruckvollen Aktion und einer Unterschriftensammlung.

Am Ende dieses ersten Teils der „Leipziger Begegnungen 2012“ ein Zitat des verfolgten, vor den Nazis nach Schweden geflohenen Schriftstellers Kurt Tucholsky, über den in diesem Jahr ebenfalls eine neue Biographie von Rolf Hosfeld (Siedler, Euro 21,99) erschienen ist, und dessen Verzweiflung über seine Zeit und Zeitgenossen ihm 1935 nur noch den Ausweg in den Freitod ließ. So radikal deutlich und politisch er sich artikulierten konnte, so zart und liebevoll konnte er gleichzeitig seinen Gefühlen Ausdruck geben. Die Zeilen stammen aus Tucholskys Roman “Schloß Gripsholm” (Diogenes, Euro 7,90):

“…und dann spielten wir das Bücherspiel: Jeder las dem andern abwechselnd einen Satz aus seinem Buch vor, und die Sätze fügten sich schön ineinander.”

Den zweiten Teil der „Leipziger Begegnungen 2012“ gibt es in etwa einer Woche an dieser Stelle. Dann verrate ich auch jene drei Bücher, die ich persönlich in diesem Jahr am interessantesten fand.

Sudeleien: März 2012

Unterwegs in Gerbersau

(Um es gleich zu sagen: Diese Sudeleien sind für einen Blog-Beitrag etwas zu lang geraten. Wer also meint, das sei ihm zu viel, er habe eh‘ keine Zeit oder dem Text fehle sowieso jegliche praktische Relevanz, und was der Leseverweigerungs-Begründungen mehr sind, der möge am besten gar nicht erst mit der Lektüre beginnen.)

Beim Ziellosvormichhinschlendern durch einen nieseligen Tag und durch Gässchen und Durchlässe, über Brücken und Stege unserer heimelig winkligen Dreiflüssestadt, musste ich an die Frage des Users “Minhthang” denken, die ich neulich in der Wissens-Community “COSMiQ” gelesen hatte: “Kann mir jemand sagen, wo Gerbersau in Deutschland liegt?” Mir persönlich geht es, ganz gleich wo ich gerade bin, häufig so, dass ich das Gefühl habe, zwar nicht als Teilnehmer dabei, aber irgendwie dennoch mittendrin zu stecken – in Gerbersau.

Am 9. August 2012 jährt sich der Todestag des Dichters und Literatur-Nobelpreisträgers Hermann Hesse (1877 – 1962) zum 50. Mal. Aus diesem Anlass plant nicht nur die Hesse-Geburtsstadt Calw zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen. Damit an dieser Stelle nicht schon Leser abhanden kommen, findet man den Link dorthin erst am Ende des Artikels. In den nächsten Wochen werde ich außerdem noch einmal auf diesen für Literaturfreunde bedeutenden Anlass zurückkommen.

Gerbersauer Idylle

Hesses Verhältnis zu seiner Heimatstadt war in Kindheit und Jugend voller Spannungen, der meist gemütlich genügsame Gerbersauer Geist für den phantasievoll reichbegabten Knaben nicht leicht zu ertragen, die Schulzeit über weite Strecken die reine Qual. Im “kleinen Schwarzwaldnest” war “nie ein Mensch ausgegangen, der einen Blick und eine Wirkung über das Engste hinaus gehabt hätte.” Zwar verklärte sich manches im Lauf der Jahre und Hesse selbst hat die Erinnerung an das Städtchen in seinen Werken immer wieder romantisch verpackt, dennoch war er sich darüber im Klaren, dass dort für ihn kein dauerhaft erträgliches Leben möglich gewesen wäre: “… obwohl Calw für mich nicht halb so schön wäre, wenn ich öfter als alle drei, vier Jahre hinkäme”, hat er 1915 an seine Schwester Adele geschrieben.

Auch das städtische Gemeinwesen wurde und wird nicht nur von vorbehaltlosen Bewundereren des in aller Welt geschätzten Dichters bewohnt. Desinteresse und skeptische Ablehnung waren über Generationen hinweg fester Bestandteile der Einschätzung. In dem Artikel “Hermann Hesses Gerbersau”, der 1930 in der Vossischen Zeitung, Berlin erschien, kam Hans Popp zu dem Fazit: “Die Calwer selbst lieben ihn nicht, sie begreifen ihn nicht; ohne Verständnis für seine große Liebe, die er zu ihnen im Herzen trägt, ohne Verständnis für seine große Seele stehen sie ihm gegenüber, unverstanden steht Hesse unter ihnen, er, der als erster verdienen würde, ihr größter Freund zu sein.” Da sich daran bis heute nicht so grundlegend etwas geändert hat, sind wohl die Bemühungen zum diesjährigen Jubiläumsjahr weniger der literarischen oder persönlichen Bedeutung Hesses, als vielmehr einem kommerziell touristischen Hintergrund geschuldet. Das muss das eine oder andere Ereignis und Angebot der kommenden Wochen und Monate aber keineswegs uninteressanter machen.

Der Trommler und Sprach-Wirbler Udo Lindenberg sagte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf die Frage, ob er Hesse gelesen habe: “Das hat mich gepackt. Wie kann einer über mich schreiben, der mich nicht kennt? Hab’ ich gedacht. Die kleine Stadt, die bürgerliche Enge, der Stress in der Schule, die Suche nach Coolness, der Ausbruch.” Zur Erinnerung: Lindenberg stammt aus einem Gerbersau namens Gronau.

Vor einigen Jahren hat er, inspiriert von Leben und Werk Hermann Hesses, die Udo-Lindenberg-Stiftung gegründet. Diese “fördert junge Texter und Musiker durch Wettbewerbe, um neue Wege gegen das Mitmarschieren in der Masse zu suchen, provokant zu schreiben und sich nicht anzupassen an Mainstream und Casting-Wettbewerbe. Sie will nationale und internationale kulturpolitische Aktivitäten unterstützen, sowie durch die Förderung humanitärer und sozialer Projekte weltweit den Schwächeren zur Seite stehen.”

Gerbersau-on-Wye

“In manchen Augenblicken war Altes und Neues, war Schmerz und Lust, Furcht und Freude ganz wunderlich durcheinander gemischt. Bald war ich im Himmel, bald in der Hölle, meistens in beiden zugleich.” 

Es gab Zeiten, da wollte ich ganz gerne wie Harry Haller sein. Allein mit mir, der Musik Mozarts, dem nie leer werdenden Glas Rotwein, zu nichts und niemandem verpflichtet, als Verrückter da und dort freien Eintritt genießend; hin und wieder würde mich genau so das eine oder andere Gerbersauer Mädel unheimlich cool finden und nicht nur zum Tanze bitten; ich würde Traktate schreiben und sie anschließend in den Wind werfen; meine Kammer wäre kahl und damit mein Leben ohne belastenden Unrat; so lebte ich für und für, Tag um Tag, Jahr um Jahr, für meine Gleichzeitigen längst zur Legende geworden. – Im realen Leben hingegen war ich lediglich bemüht kein Serenus Zeitblom zu werden.

Bis zum hier angesprochenen Jubiläum, dem Todestag Hermann Hesses im August, ist es noch einige Zeit hin. Ein anderer bemerkenswerter Jahrestag liegt hingegen bereits unmittelbar vor uns. Am 24. März wird Martin Walser 85 Jahre alt. Ist es wirklich schon wieder fünf Jahre her, dass er direkt vor mir über einen Leipziger Zebrastreifen ging? Begleitet von Kameramann und Pressefrau. Am Abend hat er gelesen. Vor vielen Menschen, die ihm kräftig applaudierten und ihn hochleben ließen. Damals konnte man nicht ahnen – und entsprechende Prognosen wären gewagt gewesen – dass Walser kurz vor seinem 85. Geburtstag wieder zur Frühjahrs-Buchmesse kommen würde.

Gerbersau am See

Martin Walser lebt seit Jahrzehnten in Gerbersau am Bodensee. Einmal – vor einigen Jahren – wollten die Menschen in diesem Landstrich dem Dichter und Zeitgenossen ein Denkmal spendieren. Ein fleißiger, vielerorts vertretener Künstler, bekannt für seine ebenso plastischen wie leicht hinterfotzigen Arbeiten, führte von den Honoratioren abgenickte Entwürfe gekonnt und an zentraler Stelle aus. Der Mensch und Schriftsteller Walser war nicht angetan, hingegen gewillt, den Bildhauer und seine Intentionen gründlich misszuverstehen. Das war eigentlich nicht schön und direkt so kleingeistig, wie es den ganzen Gerbersauern im Ländle des Schriftstellers gern unterstellt wird.

Dabei hätten Walser Kunstsinn und etwas Toleranz ganz gut gestanden, schließlich war er selbst schon öfters Opfer gravierender Missverständnisse. Wie damals in der Paulskirche von Gerbersau am Main. Oder erst kürzlich mit seinen Glaubensthemen-Büchern „Mein Jenseits“ und „Muttersohn“, als man ihn prompt in die religiöse Erweckungs-Schublade stecken wollte. – (Zu beiden Titeln sind auf = conlibri = seinerzeit Rezensionen erschienen; diese sind jetzt noch einmal auf der Seite „da capo“ zu finden.) – Nein, zum tief Gläubigen, zum kritiklos Glaubenden, zum Hoffenden auf das Jenseits ist er nicht geworden. Er macht uns nur klar, dass uns ohne Glauben Vieles fehlen würde. Wozu die zahlreichen, gedankenlos selbstverständlichen, meist vom ursprünglich religiösen Ursprung gelösten, künstlerischen, alltags-kulturellen und musikalischen Glaubenszeugnisse gehören. Und nicht zu vergessen – Walser betont das unermüdlich -, schließlich sei auch die Liebe reine Glaubenssache.

Leipzig-Gerbersau

Ab Donnerstag ist wieder Buchmesse in Leipzig. Martin Walser wird dort sein. Er wird u. a. seinen Essay „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ vorstellen, in dem er die Verarmung beklagt, die wir durch das Fehlen eines Bedürfnisses nach Rechtfertigung erfahren. Seine Zeugen dafür sind Kafka und Augustinus, Luther, Calvin und Max Weber, Nietzsche und Karl Barth. Außerdem kommt unter dem Titel „Meine Lebensreisen“ noch eine schmale, überteuerte Resteverwertung auf den Markt. Ein bisschen viel hat er ja schon drauflosgeschrieben in den letzten fünf Jahren und seine Verlage ein klein wenig zuviel drauflosveröffentlicht.

Auch ich werde wieder an der Weißen Elster, in den Messehallen und bei einigen der vielen Veranstaltungen an kontrastreichen Örtlichkeiten der spannenden Stadt unterwegs sein. Und irgendwann danach für = conlibri = ein paar Zeilen darüber schreiben. Über meine Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen und Büchern in Leipzig, rund um die Buchmesse und das große Lesefest “Leipzig liest”.

Zum Hesse-Jahr findet man hier Infos die weiterhelfen: Gerbersau/Calw/Hesse/Juliäum

Das Verhältnis Hesses zu Calw wird in diesem ergiebigen Buch gründlich aufgearbeitet:

Schnierle-Lutz, Herbert: Hermann Hesse und seine Heimatstadt Calw. Chronologie eines wechselvollen Verhältnisses. – Calw : Stadtarchiv, 2011. Euro 15

Endlich gibt es auch wieder eine aktuelle Biographie:

Schwilk, Heimo: Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers. – München : Piper, 2012. Euro 22,99

Das Neueste von Martin Walser:

Walser, Martin: Über Rechtfertigung, eine Versuchung: Zeugen und Zeugnisse. – Reinbek : Rowohlt, 2012. Euro 14,95

Walser, Martin: Meine Lebensreisen. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Thomas Schmid. – Hamburg : Corso, 2012. Euro 24,90

Leipziger Buchmesse 2011 – zweite Nachlese

“Hier findet doch irgendeine Lesung statt!?”

Ein hilfesuchender Aufschrei als verständlicher Ausdruck leichter Desorientierung, angesichts eines alle Sinne überfordernden Angebots. Ich habe ihn irgendwo zwischen Messehallen und “Leipzig liest.” aufgeschnappt. Dazu auf =conlibri= nun der zweite Teil literarischer und anderer unsortierter Eindrücke von der diesjährigen Leipziger Buchmesse und dem Lese-Festival “Leipzig liest.” Erneut den ganz persönlichen Spuren des bloggenden Besuchers folgend.

Dittrich. Die Messefrau an sich ist schlank, trägt glänzend halblanges, zwischen braun und rot getöntes Haar, mattschwarzes, bis kurz über die Knie reichendes Kostüm, dazu Stiefel, gerade so hoch, dass die effektvoll giftgrüne Strumpfhose zwischen Stiefelende und Rocksaum gut sichtbar bleibt. Messefrau versucht ständig mit jemand der bedeutend ist, und deshalb nicht allein durch die Hallen und zu seinen Terminen findet, Schritt zu halten. In unserem Beispiel ist es Oliver Michael Dittrich. Besser bekannt als Olli Dittrich. Wir haben ihn nicht sofort erkannt, weil der Messe-Dittrich mit dem Dittsche- oder Musik-Dittrich so wenig gemein hat, wie Messefrau mit Fausts Gretchen.

Auf dem Kopf ist er graumeliert, kurzgeschnitten und akkurat gescheitelt; er ist schlank, groß, hält sich sehr gerade, trägt schwarzen Anzug, klassische Schuhe und eine nagelneue, sehr dicke Brille. Damit sähe er nun besser, sagt er mit geschulter, kräftiger Stimme zu Messefrau. Und da Messefrau “Das freut mich Herr Dittrich” zu Messe-Dittrich sagt, erkennt der Messe-Blogger ihn nun auch. Messe-Bloggers Blicke und Aufmerksamkeit waren zuvor von Messe-Frau etwas abgelenkt. Der Titel den Messe-Dittrich uns auf der Buchmesse nahe legt, heißt übrigens “Das wirklich wahre Leben.” Er ist bei Piper erschienen und kostet 19 Euro 95 Cent. Auch das Messe-Leben ist wahr und wirklich – dicht, prall, manchmal verwirrend und einen Hauch giftgrün.

Schmidt. Schmidt war da ganz anders. Arno Schmidt (1914 – 1979). Arno Schmidt lebte in einem winzigen Haus am Rande eines kleinen Heide-Dörfchens und ging vermutlich nie auf Buchmessen. Er blieb lieber zu Hause, las, forschte, sammelte Zettel und schrieb. Doch genau dieser Arno Schmidt hatte einen eigenen Stand auf der Leipziger Buchmesse. Noch dazu einen ganzen Stand für ein einziges Buch. Die Arno-Schmidt Stiftung, im sandigen Bargfeld zu Hause, hatte auch dieses Jahr wieder eine wunderbare, leicht zeitentrückte Oase inmitten all der Messe-Wucht geschaffen.

Die Standbesatzung widmete sich ganz der Präsentation des großen Hauptwerks ihres Meisters. Die letzten Herbst erschienene Neuausgabe von Arno Schmidts “Zettel’s Traum” war gewichtiger Mittelpunkt dieses Idylls. Der Stand-hafte Schmidt-Kenner und -Interpret Bernd Rauschenbach, resümierte nach der Messe im Fach-Organ “Arno-Schmidt-Mailingliste (ASML)” über den Publikums-Zuspruch: “Erfreulich viel junge Menschen darunter – und ganz erstaunlich viele Frauen (die standen früher eher gelangweilt herum, wenn ihre Männer sich am Stand festlasen). Einige wollten nur mal das sagenumwobene Buch anfassen oder hochheben, aber Etliche verlangten Friedrich Forssman und mir ganze Kurzreferate ab.”

Bild: Arno-Schmidt-Stiftung, Bargfeld

Leipzig. Ich habe keinen Hinweis darauf gefunden, dass Arno Schmidt jemals in Leipzig war. Aber viele andere Literaten haben sich hier aufgehalten und gearbeitet. Wer auf ihren Spuren durch die sächsische Messe- und Kulturstadt spazieren möchte, der hat jetzt einen praktischen und detaillierten Navigator zur Hand: “Literarisches Leipzig” von Ansgar Bach und unter Mitarbeit von Susanne Zwiener, führt uns an die Wohn- und Wirkungsorte von 80 Dichtern, Gelehrten und Verlegern. Von Bruno Apitz, über Theodor Fontane und Franz Kafka, bis zu Juli Zeh, wandern wir alphabetisch durch das Werk und die Stadt. Das Buch, dem auch ein Stadtplan beigefügt wurde, ist ganz neu im Verlag Jena 1800 erschienen, der erstaunlicherweise in Berlin zu Hause ist, und kostet Euro 12.80.

Lyrik. Wilhelm Bartsch, der in Halle lebt, und den ich bisher nicht kannte, hat “Mitteldeutsche Gedichte” (Mitteldeutscher Verlag, 2010. Euro 16.) veröffentlicht. Wer nun mit provinzieller Tümelei rechnet, liegt falsch. Mitteldeutschland, so wird uns hier durch die poetische Hintertür klar – und eigentlich müssten wir das schon seit Thomas Manns “Doktor Faustus” wissen – , ist kulturgeschichtlich deutsches Kernland. Bartsch wandelt auf “Braunkohlenbaumwipfelpfaden zwischen keltischem Knacklaut und Gnadenstern Luther”, wie er es selbst formulierte. Er verwendet starke, unverbrauchte Bilder, holt historisch weit aus, ohne die soziale Realität der Gegenwart aus dem Auge zu verlieren.

Bartsch ist zudem ein profunder Novalis-Kenner, dem er in dem einen oder anderen Gedicht huldigt. Wie Novalis, versteht auch Bartsch den Leser als erweiterten Autor. Dieser hat das Recht, die Werke der Dichter in seinem Sinne zu interpretieren. Aber eben nur Leser oder Leserin. Lehrern hingegen möchte Bartsch am liebsten verbieten, junge Menschen mit ihren lehrplanmäßigen Unterrichts-Interpretationen der Literatur zu entfremden. “Am Ende ist alle Poesie Übersetzung”, schrieb er einmal, und seinen “Mitteldeutschen Gedichten” stellte er die Worte des Philosophen Wittgenstein voran: “Um in die Tiefe zu steigen, braucht man nicht weit reisen.”

Wilhelm Bartsch bei Mephisto.

Mephisto. Den Dichter Wilhelm Bartsch lernte ich auf dem roten Sofa bei “Mephisto 97.6” kennen. Mephisto ist wirklich wunderbar und seit einigen Jahren Medien-Stammgast in der großen Glashalle während der Leipziger Buchmesse. Das Radio der Universität Leipzig sendet Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 12 und 18 bis 20 Uhr im Großraum Leipzig auf der UKW-Frequenz 97,6 MHz. Der Rest der Welt hat bei Interesse Zugang über den Live-Stream im Internet. Der kleine Messestand des Senders hat den Vorteil, dass man hier den Protagonisten der Buchmesse hautnah und in sehr kleinem Rahmen begnegnen kann.

Während sich anderswo dichte Menschentrauben drängen und einem Hören und Sehen schnell vergehen kann, finden sich vor dem roten Sofa oft nur eine Handvoll Kenner ein. Dabei hat Mephisto sie Alle. Ob Buchpreis-Gewinner oder Exkanzler-Sohn, Schauspieler oder Dichter, sie lassen sich ganz offensichtlich sehr gerne von dem gut ausgebildeten Medien-Nachwuchs befragen. Und die angehenden Profis beherrschen ihr Handwerk ohne bereits den gängigen Klischee-Abfragen und Phrasen-Aufsagereien verfallen zu sein. Man darf sehr gespannt sein, was aus Sarah Frühauf, Ben Hänchen und all den anderen einmal wird – wo sie uns in einigen Jahren hoffentlich wieder begegnen werden.

Fazit. Wir schreiben 2011. Das Buch ist noch da. Gedruckt und gebunden, mal handlich, mal schwerwiegend. Allem elektronischen Geblinke zum Trotz. Das Buch ist noch da, und es ist vielfältiger, bunter und manchmal einfältiger als je zuvor. Da gibt es Vaterbücher und Still-Ratgeber, biographische, bekenntnisreiche und erkenntnisarme Bücher, es gibt Bücher für Fitness und für Besinnung, rund um Essen und Trinken, gegen Krebs und gegen Ausländer, Bücher über die Vergangenheit und über die Zukunft. Die Titel heißen “Die Mütter-Mafia und Friends”, “Wenn das Leben dir eine Zitrone gibt, frag nach Salz und Tequila” oder “Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber”, “Kuss mit Soße” oder schlicht “Die Laufmasche”.

Kräftigen Beifall bekam Barbara Conrad als ihr der Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung verliehen wurde. Sie hat Tolstois “Krieg und Frieden” neu und zeitgemäß übersetzt. Was für eine Leistung. Doch wer wird das Buch lesen? Und wer wird Jene lesen, die es nicht auf Long- und Short-Lists, nicht ins Programm eines marktstarken Verlages geschafft haben? Die wirklich literarischen Bücher sind ein Nischenprodukt. Das ist heute in jeder Buchhandlung so und das ist auch auf Buchmessen so. In Leipzig sind sie noch am ehesten zu finden: Die kleinen Verlage, die literarischen Sonderlinge, die Buch-Verrückten, die nimmermüden Lese-Existenzen.

Wer wissen möchte, wie Literatur mit Poesie beginnt, und wie sie gelebt werden kann, der sehe sich den Film “Das Schreiben und das Schweigen“ an, den zur Messezeit in Leipzig freundlicher- und passenderweise die Schaubühne ins Programm genommen hatte. Er zeichnet ein filmpoetisches Portrait der Wiener Lyrikerin Friederike Mayröcker. In unseren Lichtspielhäusern ist er eher selten zu finden; man wird ihn aber wohl bald auf DVD kaufen können. Die Bücher Mayröckers und ihres langjährigen Gefährten Ernst Jandl bekommen wir nach wie vor bei den Buchhändlern unseres Vertrauens.