Leipziger Buchmesse 2011 – eine erste Nachlese

„Wir lieben Leipzig!“

Mit diesem Ausruf beendete dtv-Chef Wolfgang Balk die diesjährige Lesenacht seines Verlags im akademixer-Keller und sprach damit sicher nicht nur den Anwesenden aus dem Herzen, sondern den meisten Besuchern von Buchmesse und “Leipzig liest”.

Am Sonntag ging die diesjährige Leipziger Buchmesse zu Ende; nach erneutem Besucherzuwachs nähert sich dieser Frühjahrshöhepunkt wohl endgültig seiner Kapazitätsgrenze. Der Wunsch nach einem Fachbesuchertag wurde deshalb von zahlreichen Buchhändlern und Bibliothekaren, Verlags- und Medienleuten immer wieder geäußert.

Voll. Voller. Leipziger Buchmesse. Gedränge also, und Geschiebe in allen Hallen und Gängen, an Ständen und vor Foren und Bühnen. Kein Durchkommen und dennoch allerorten buntes, oft fröhliches Treiben. Aber auch ernsthafte Diskussionen und hintergründige Gespräche. Medienrummel zudem. Bei =CONLIBRI= nun einige Eindrücke von – überwiegend – literarischen Aspekten des viertägigen Ereignisses. Eine klitzekleine Auswahl nur, zudem ganz den persönlichen Lieben und Vorlieben des bloggenden Besuchers folgend.

Setz. Clemens Johann Setz bekam den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik für seinen Erzählband “Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes.” Das war durchaus überraschend und unterstreicht einmal mehr die mögliche Eigendynamik solcher Preisträger-Findungsprozesse. Nun mag der gewollt originell und verstörend wirkende Titel des Buches ebenso etwas abschrecken wie die dargestellten Gewalt- und Pornowelten; mangelndes Schreib-Talent kann man dem 28-jährigen Autor jedoch nicht unterstellen. In bester östereichischer Jungautoren-Tradition – erinnert sei etwa an Handke oder Bernhard – gab er sich in den Tagen vor der Auszeichnung betont raubeinig, pointenreich provozierend, und verzichtete auch nicht darauf kräftige Seitenhiebe an Kolleginnen und Kollegen des schreibenden Gewerbes zu verteilen. Das änderte sich, als dann der Preisträger von Termin zu Termin gereicht wurde. Er lobte sogar ausdrücklich Wolfgang Herrndorf und dessen Roman “Tschick”, den er mit großem Vergnügen gelesen habe und dessen Verfasser den Preis ebenso verdient hätte. Wolfgang Herrndorf hatte wie Arno Geiger (“Der alte König in seinem Exil”) zu den Favoriten gezählt; er konnte wegen seiner tragischen Erkrankung nicht nach Leipzig kommen.

Bank. Zu meinen ganz persönlichen Favoritinnen gehört schon seit einiger Zeit die Schriftstellerin Zsuzsa Bank, deren Debüt-Roman “Der Schwimmer” vor einigen Jahren großen Eindruck auf mich gemacht hat. Insbesondere die sprachlichen Fähigkeiten der Autorin, die aus einer ungarischen Familie stammt, aber von Anfang an in Deutsch schrieb, sind bemerkenswert. Man muss sich in den letzten Jahren immer wieder wundern, wie viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller die deutsche Literatur bereichern, die in eine andere Sprache hineingeboren wurden. Auch im neuen Roman “Die hellen Tage” findet Bank wieder zu ihrem weichen, melodiösen Sprach-Rhythmus. Erzählt wird die Geschichte dreier Familien und die zahlreichen Zerreißproben ausgesetzte Dreiecksbeziehung von Seri, Karl und Aja. Das Buch spielt u. a. in einem phantasievoll farbigen Zirkus-Milieu. „“Die hellen Tage“ sind für mich das schönste Buch des Frühjahrs 2011″, sagte Christine Westermann im WDR.

Florescu. Auch die Muttersprache von Catalin Dorian Florescu war nicht Deutsch sondern Rumänisch. Heute lebt er als deutschsprachiger Autor in der Schweiz. Bereits seine letzten beiden Romane “Zaira” und “Der blinde Masseur” fanden große Beachtung und zahlreiche Leser. In Leipzig stellte er sein Buch “Jacob beschließt zu lieben” vor. Es ist die abenteuerliche Lebensgeschichte des Jacob Obertin aus dem schwäbischen Dorf Triebswetter im rumänischen Banat, samt seiner Vorfahren. Florescu erzählt farbig und flott. Anekdotenreich und sinnlich schildert er Sitten und Gebräuche, Glauben und Aberglauben des europäischen Südosten. Manchmal hat man beim Lesen das Gefühl Schnaps und Knoblauch zu riechen. Der Autor berichtete, dass er sich immer wieder einige Zeit in Rumänien aufhält um neue Eindrücke, Stoffe und Geschichten zu sammeln. Für ihn ist Europa im übrigen eine einzige große Migrationsgeschichte.

Catalin Dorian Florescu zu Gast bei 3sat

Sofa. Polstermöbel allerorten. Traditionsreich, zentral positioniert und menschenreich umlagert, das blaue Sofa. Aufgestellt von Bertelsmann, Deutschlandradio Kultur und ZDF, nimmt hier alles Platz was einen Namen hat oder sich einen machen möchte. Nicht alle Gäste sind dabei von wirklich literarischem Rang wie Karen Duve, Margriet de Moor oder Melinda Nadj Abonji. Die meisten sind einfach populäre Figuren oder Darsteller unserer immer stärker ausfasernden Medien-Landschaft. Ein Joachim Krol ist ebenso dabei, wie die unvermeidliche Veronica Ferres, Gutmensch Todenhöfer und Leidfigur Walter Kohl, Radler Täve Schur oder die Übergröße Jörg Thadeusz. Tiefschwarz hingegen ist die Sitzgelegenheit für die Komik- und Manga-Fraktion; rot das Möbel auf dem Stand des Universitätsradios “Mephisto 97.6” – ein bemerkenswerter Messeteilnehmer, über den in einigen Tagen in einer zweiten Nachlese einige Sätze zu lesen sein werden. Ein Sofa befand sich auch im zweiten Stockwerk der innenstädtischen, lauschigen Connewitzer Verlagsbuchhandlung und hier saß dann am Abend nach getaner Messe-Schicht noch einmal der Eine oder die Andere in angenehm intimen Rahmen, las, plauderte, gab bereitwillig Auskunft und signierte vor eher kleinem, aber sehr geneigtem Publikum.

Leipziger Tage sind kurz. Sie sind im Nu vorüber. Und wenn sie zu Ende gehen, hat man immer das Gefühl etwas verpasst zu haben. Doch auch der Kondition buch- und literaturaffiner Geister sind Grenzen gesetzt. Die Füße schwitzen, schwellen und schmerzen. Höchste Zeit also die letzte Station des dann schon fortgeschrittenen Abends anzusteuern. Ein finaler, müder Meinungsaustausch im Sitzen, bei Bier, Wein, spätem Würzfleisch, in „Volkshaus“, „Südbrause“, „Cafè Puschkin“ oder einer der zahlreichen Kneipen und Restaurants auf dem hochfrequentierten Drallewatsch, dann fällt der Vorhang und manche Frage bleibt bekanntlich offen.

Eine zweite Nachlese folgt in wenigen Tagen.

Leipziger Buchmesse 2011 – ein Vorbericht

Fakten. Die Leipziger Buchmesse findet in diesem Jahr vom 17. bis zum 20. März statt. Es wird mit etwa 2.100 Ausstellern aus dem In- und Ausland gerechnet. Die Ausstellungsfläche wurde erweitert. Viele junge, unabhängige Verlage nutzen die günstigen Leipziger Rahmenbedingungen und können sicher sein, dass sie auf mehr Interesse stoßen, als bei der tosenden herbstlichen Konkurrenz am Main. Neu ist ein vergrößerter Bereich für die mehr als 120 Hörbuch-Aussteller in Halle 3, sowie die „Hörspiel-Arena“. Die Fantasy-Fans bekommen erstmals eine eigene „Lese-Insel“ in Halle 2.

Serbien. Ost- und Südost-Europa mit seiner sprachlichen, literarischen und verlegerischen Vielfalt, die in Deutschland immer noch sehr peripher wahrgenommen wird, war schon immer einer der Schwerpunkte der Leipziger Messe. Aussteller, Autoren und Publikum aus diesen Regionen kamen und kommen gern nach Leipzig. In diesem Jahr ist Serbien das Schwerpunktland. Aus diesem Anlass wurde vom serbischen Kultusministerium eine Übersetzungs-Förderung („Traduki“) auf den Weg gebracht. So können 30 neue Titel erstmals in Deutsch erscheinen.

Vor 50 Jahren erhielt Ivo Andric den Literaturnobelpreis. Seitdem führte die serbische Literatur in Europa eher ein Nischen-Dasein. Weitere bekannte Autoren sind Danilo Kis und Aleksandar Tisma. Inzwischen hat sich aber wieder eine lebendige junge Literaturszene etabliert. Im Südosteuropa-Forum (Halle 4) stellt die Leipziger Buchmesse in Zusammenarbeit mit Traduki und der Robert-Bosch-Stiftung Autoren und Autorinnen des gesamten südosteuropäischen Raumes vor.

Nordeuropa. Besonders interessant, und auch schon traditionell mit Spannung erwartet, wird wieder der Auftritt der nordischen Länder. Alle skandinavischen Staaten und Island präsentieren sich gemeinsam im „Nordischen Forum.“ Die mittlerweile sechste nordische Literaturnacht findet am 18. März ab 19 Uhr im NaTo (KaLi) statt. Island wird zudem im Herbst Gastland der Frankfurter Buchmesse sein, ein Ereignis, das erste Vorboten auch nach Leipzig entsandt hat.

Blau. Kultmöbel und eine der am stärksten frequentierten Anlaufstellen ist das blaue Sofa von Deutschlandradio Kultur, ZDF und Club Bertelsmann unter der imposanten Kuppel der zentralen Glashalle. Hier lassen sich alle zu Interview und Lesung nieder, die im Gespräch oder gefragt sind und jene, die etwas zu sagen, bzw. geschrieben haben. In diesem Jahr nehmen circa 60 Autoren und Autorinnen neben den Moderatoren und Moderatorinnen Platz. ZDFinfokanal und Deutschlandradio Kultur senden fast 30 Stunden; so entsteht die längste öffentlich-rechtliche Literatursendung.

Antiquariat. Als internationale Verkaufsausstellung für antiquarische Bücher, Graphiken und Autographen, bietet die Leipziger Antiquariatsmesse einen eigenen, stets gut nachgefragten und etwas intimeren Handelsplatz innerhalb des großen Messe-Treibens. Antiquare sind weitestgehend unabhängig von saisonalen und aktuellen Trends; doch in diesem Jahr dürfte es in ihrem Umfeld etwas aufgeregter zugehen. Die zentrale Internetplattform für Antiquariate ZVAB soll an den Konkurrenten abebooks verkauft werden. Der Deal ist für das zweite Quartal geplant. Hinter abebooks steht Amazon als Mehrheitseigner. Da ist sicher noch mit allerhand Bewegung in der sonst eher etwas beschaulich trägen Branche zu rechnen.

Nominiert. Gleich am ersten Messetag, ab 16 Uhr, werden wieder die Preise der Leipziger Buchmesse vergeben. Im Bereich der Belletristik ist es der Jury gelungen, zum großen Teil überdurchschnittliche Qualität von Autoren sehr unterschiedlichen Charakters herauszufiltern:

Anna Katharina Fröhlich: „Kream Korner“
(Berlin Verlag)
Arno Geiger: „Der alte König in seinem Exil“
(Carl Hanser)
Wolfgang Herrndorf: „Tschick“
(Rowohlt Berlin)
Clemens J. Setz: „Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“
(Suhrkamp)
Peter Stamm: „Seerücken“
(S. Fischer)

Arno Geiger, so kann man sich überzeugen, wird mit jeder Veröffentlichung besser. Nach dem erfolgreichen „Alles über Sally“ im Vorjahr, hat er jetzt ein einfühlsames Buch über seinen an Demenz erkrankten Vater vorgelegt. „Der alte König in seinem Exil“ ist ein gutes Stück Literatur, aber auch Plädoyer für ein eher traditionelles Familienbild und den unvergänglichen Wert des Lebens jenseits gängiger und konsumabler Klischees und Normen. Sprachlich schöner, allemal feinfühliger und weniger peinlich als dereinst Jens über Jens.

Überschätzten Poschlismus produziert Clemens Setz, dessen voluminöse “Frequenzen” mir schon gewaltig auf die Nerven gingen, und dessen Erzählungen rund um das “Mahlstädter Kind” Ähnliches befürchten lassen. Erste Auftritte des Jung-Autors deuten jedenfalls in diese Richtung. Talent hat er sicherlich, aber das muss noch länger reifen. Hätte ich nicht mit in die Auswahl genommen.

Mein Favorit heißt Wolfgang Herrndorf! “Tschick” ist ein Buch, wie man es in deutscher Sprache lange sucht. Geht man ganz weit zurück, so findet man vielleicht mit Ludwig Thomas‘ “Lausbubengeschichten” annähernd Vergleichbares. Doch natürlich ist “Tschick” ganz anders: Rührendes Pubertätsdrama, jugendliches Zeitstück, Road-Movie; manchmal weht auch etwas “Fänger-im-Roggen”-Stimmung durch das Buch. Es handelt von zwei sehr unterschiedlichen vierzehnjährigen Jungs, und sollte unbedingt von allen Menschen jenseits dieses Alters gelesen werden, denn es ist auch eine literarisch verpackte Lektion über männliches Erwachsenwerden in überregulierten Zeiten. Aber vor allem: Es hat Tempo und Witz. Und das ist schon so viel mehr, als man sonst auf deutschen Büchertischen geboten bekommt.

Möpse. “Ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos”, sinnierte einst der große Lebensberater Loriot. Leipzig macht es möglich. Eine Messe mit Mops. Das Tier heißt Henry und in Frankfurt wurde ihm seinerzeit der Zutritt zu den Hallen hehren Handelns verwehrt. In Leipzig präsentiert er in diesem Jahr, zusammen mit seinem Frauchen Uschi Ackermann, die tierische Neuerscheinung “Ein Mops, ein Buch.” Ob Henry auch auf dem blauen Sofa bellen darf?

„Es gilt, noch viel zu wagen…“

Theodor Kramer und Wenzel


In der aktuellen Auflage von Rothmanns „Kleiner Geschichte der deutschen Literatur“ ist er nicht zu finden. Dort wird ein zeitgenössischer Heiterling namens Otto Waalkes gewürdigt; den Namen Theodor Kramer sucht man jedoch vergebens im Register. Im großen und neuesten „Kindler“ werden wir fündig. Das Literaturlexikon kennt den Schöpfer „dieser eigenwilligen Lyrik, die sich allen Etikettierungen widersetzt.“

Theodor Kramer schrieb ausschließlich Lyrik. Es wird geschätzt, dass er im Laufe seines Lebens über 10.000 Gedichte geschrieben hat. Jene, die Schubladen brauchen, verliehen das Etikett „soziale Lyrik“; er selbst sah sich als Mittler zwischen denen, die im Strom problemlos mitschwimmen können und „denen, die ohne Stimme sind.“

Theodor Kramer wurde am Neujahrstag des Jahres 1897 im niederösterreichischen Niederhollabrunn geboren. Er arbeitete zunächst als Buchhändler und Vertreter; ab Anfang der 1930er Jahre war er ein sehr erfolgreicher, im ganzen deutschen Sprachraum bekannter Schriftsteller. Er stammte aus einer jüdischen Familie; politisch stand er auf der Seite der sozialdemokratischen Bewegungen.

Wien/ÖNB/200.820

In einem Antiquariat des Ceausescu- und Securitate-Bukarest der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, erwarb Herta Müller für einen rumänischen Leu das Buch „Die Gaunerzinke“ von Theodor Kramer. Ein Leu entsprach damals dem Gegenwert einer, in sozialistischen Staaten äußerst preiswerten, Straßenbahnfahrt. Den Autor kannte die junge Frau und angehende Schriftstellerin bis dahin noch nicht. Herta Müller war als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien bereits in den Focus des berüchtigten Geheimdienstes des totalitären Regimes geraten und fand sich und ihre Welt in den Gedichten über Verfolgung, Tod, Gefängnis und Flucht sofort wieder. „Kein anderer Autor fand für das Schwerste so leicht einen Klang, keiner war so mündlich im Ton und so einprägsam wie die schönsten rumänischen Volkslieder.“

Etwa 25 Jahre später gab Herta Müller, die inzwischen längst in Berlin lebte, einen Sammelband des Dichters Kramer heraus und verfasste dazu das Nachwort. Das Buch trägt den Titel „Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan.“ Mit diesen Versen beginnt das erste Gedicht des Buches:

„Mein Bruder Aron Lumpenspitz, / was hast du dich erhängt / und mich allein gelassen / in Stuben und auf Gassen, / wo nachts das Grauen hängt?!“

Kramer versuchte hier die Stimmung zur Zeit des Nationalsozialismus und der Judenvernichtung wiederzugeben. Nach dem Einmarsch von Hitlers Truppen in Österreich und dem – nicht nur erzwungenen – Anschluss des Landes an Deutschland, hatte der Schriftsteller die Gefährdung für sich und seine Frau lange unterschätzt. Erst im Februar 1939 floh zunächst Inge Kramer-Halberstam mit der Unterstützung Thomas Manns, Franz Werfels und Arnold Zweigs nach London. Auf Intervention des englischen PEN konnte im Juli auch Theodor Kramer sein Heimatland verlassen und nach England ausreisen. In dem Gedicht „Verbannt aus Österreich“ versuchte er sein Gefühlsleben im Exil in Worte zu fassen:

„Schon dreimal fiel und schmolz der Schnee; / wie lang noch, daß ich nicht vergeh, / verbannt aus Österreich.“

Im Dezember 1946 kehrte er nach Hause zurück. Im Wiener Globus-Verlag erschienen bald zwei Bücher. Eine zaghafte Anerkennung durch die Nachkriegsgesellschaft für einen Autor setzte ein, der während der Kriegsjahre in Vergessenheit geraten war. Doch sein Leben war in den folgenden Jahren von Krankheit geprägt. Theodor Kramer starb am 3. April 1958. Seine poetische Kraft, sein wacher Sinn für soziale Realitäten, sein sanfter aber eindringlicher Ton bleibt in seinen Gedichten erhalten. Wie zum Beispiel in „Wann sich im Herd die Asche wellt“ (das „wann“ ist hier eine wienerische Variante von „wenn“):

„Wann sich im Herd die Asche wellt / Und durch das kalte Gitter fällt / Und sich im Winkel find’t kein Scheit / Ist es die allerbeste Zeit / Um von der Glut zu schreiben.

Wann still es wird im fremden Land / Und der Kumpan, wozu er stand / Verriet und gut dabei gedeiht / Ist es die allerbeste Zeit / Um von der Glut zu schreiben.“

Auf dem Buchmarkt ist derzeit leider nur eine einzige Gedichtsammlung Kramers zu bekommen. Sie trägt den Titel „Laß still bei dir mich liegen“ und enthält ausschließlich Liebesgedichte. Der Dichter hat viel über dieses facettenreiche Thema geschrieben; inhaltlich reicht dabei das Spektrum von zarter Anbetung bis zu drastischer Erotik. Wie ein Lebensmotto, das durchaus auch auf dem Grabstein einer Janis Joplin oder Ingeborg Bachmann stehen könnte, liest sich die letzte Strophe seines „Nachtlieds“:

„Allen, die’s zu üppig treiben, / allen, die sich früh zerreiben, / allen die dies glücklich macht, / wünsch ich eine gute Nacht.“

***

Kurz, prägnant und doch vieldeutig: „Wenzel“ nennt sich der aus dem Wittenberger Ortsteil Kropstädt stammende Künstler Hans-Eckardt Wenzel. Ein Liedermacher, Sänger, Komponist, Dichter und Clown. Dass er nicht ganz den populären Bekanntheitsgrad wie ein Konstantin Wecker oder Hannes Wader erlangte, hat zum einen damit zu tun, dass er aus dem Osten Deutschlands stammt, dort auch hauptsächlich sein Publikum findet, sich zum anderen den heute gängigen Medienkonventionen weitestgehend entzieht.

Wenzel hat sich längere Zeit intensiv mit dem Werk Theodor Kramers beschäftigt und in den letzten Jahren zahlreiche Texte vertont und interpretiert. Das Ergebnis ist eine harmonische Zusammenführung von Text und Musik, als hätten Kramers Verse seit Jahrzehnten darauf gewartet, so in Noten gesetzt und vorgetragen zu werden. Für die expressive, teils sozialromantische, teils sozialkritische Lyrik des Österreichers hat Wenzel passende, schlichte Melodien gefunden, die allerdings raffiniert arrangiert und von Musikern gespielt wurden, die ihre Instrumente (oft mehrere) beherrschen.

Aus dieser Arbeit sind zwei CDs hervorgegegangen: “Lied am Rand” und “Vier Uhr früh”. Wenzel ist ein Volkssänger und -dichter im ganz urspringlichen Sinn, ein Komödiant und Musikant, wie er auch von Kramer erdacht und bedichtet sein könnte:

“Darf nicht ruhn, muß Straßen weiter; / Denn bald bin ich nicht mehr da, / und es spielt die Stadt kein zweiter / so die Ziehharmonika.”

Zur Leipziger Buchmesse im März erscheint nach etlichen Jahren endlich auch wieder ein Gedichtband von Hans-Eckardt Wenzel. “Seit ich am Meer bin”, kommt im Berliner Verlag Matrosenblau heraus. Die Premiere wird mit einer musikalischen Lesung am 16.3. in der Leipziger Schaubühne Lindenfels gefeiert. 2010 erschien Wenzels 30. CD “Kamille und Mohn”. Mit dem Lied “Krise” steht er derzeit auf Platz 1 der Liederbestenliste.

Das Zitat im Titel dieses Blog-Beitrags stammt aus Theodor Kramers Gedicht “Oh, käms auf mich nicht an.” Es wurde von Wenzel ebenfalls vertont und gesungen und gehört zu den schönsten Liedern der CD “Vier Uhr früh”. Drum sei zum guten Schluß, die letzte Strophe hier zitiert:

“Wann unser immer einer / Sich fallen läßt und fällt, / so wird um ihn gleich kleiner / und ärmer diese Welt / Es gilt, noch viel zu wagen, / wieviel mir auch verrann / oh, könnt ich doch noch sagen: / Es kommt auf mich nicht an.”

***

Kramer, Theodor: Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan. Gedichte. – Hrsg. und mit einem Nachwort von Herta Müller. – Wien, 1999. (Vergriffen, nur noch antiquarisch zu bekommen.)

Kramer, Theodor: Laß still bei dir mich liegen. Liebesgedichte. – Erweiterte Neuausgabe. – Wien, 2005

Weitere Informationen zu Theodor Kramer findet man bei der Theodor-Kramer-Gesellschaft, Wien.

Und hier geht es zu Wenzel.

(Bei der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien, bedanke ich mich für die Genehmigung das Foto Theodor Kramers verwenden zu dürfen.)

Von Menschen und Büchern

Nachträge zur Leipziger Buchmesse 2010

Erster Teil – mit zwei Geburtstagen

Der Preis der Leipziger Buchmesse ging in diesem Jahr an Georg Klein für seinen „Roman unserer Kindheit“, den Sachbuchpreis erhielt Ulrich Raulff für sein Buch „Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben“, Ulrich Blumenbach erhielt für seine Übertragung des Romans „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace die Auszeichung für die beste Übersetzung. Das war im Donnerstag letzter Woche. Dem ersten Tag der Leipziger Buchmesse 2010.

Am Samstag wurde es sehr eng. Die Besucherströme mussten durch Sicherheits-Kräfte gesteuert, die Übergänge in die einzelnen Hallen zu Einbahnstraßen erklärt werden. Als am Abend des letzten Tages die Tore der Leipziger Buchmesse für dieses Jahr wieder geschlossen wurden, hatte man 159.000 Menschen gezählt. Erneut einige Tausend mehr als im Vorjahr. Geschätzte 5000 – fast ausschließlich Kinder und Jugendliche – waren in besonderer Mission unterwegs. Diese „Cosplayer“ (von costume play) verkleiden sich als Figuren aus Mangas, Computerspielen, Fantasy- oder Märchen-Literatur. Da sah man Naruto, Ume oder eine Herzkönigin, Engel mit überdimensionierten Flügeln, Rotkäppchen, das in dieser Version dem gefräßigen Wolf Schluckbeschwerden bereiten wird. Nicht wenige Besucher nahmen allerdings Anstoß an dieser Farbigkeit und fanden die, aus ihrer Sicht karnevalesken Elemente, fehl am Platz. Doch Messe-Direktor Oliver Zille stellte im MDR-Gespräch klar, dass Messe Markt ist und dass er es sehr begrüße, dass dieses Segment alljährlich nach Sachsen kommt. Es wäre auch zu schade und folgenreich, so ein engagiertes und belebendes Publikum zu vertreiben. Jungen Menschen einmal mehr klar zu machen, dass sie mit ihrer Art und ihren Interessen nicht erwünscht sind, kann kein Weg sein.

Sehr viele Besucher kamen wegen der präsenten Prominenz. Dem greisen Ex-Präsidenten Richard von Weizsäcker, Stasi-Aufklärer Joachim Gauck, der Sieben-Brücken-Combo Karat, der schrill-vitalen Missionarin Nina Hagen, der drall-vergnügten Plaudertasche Marianne Sägebrecht, um nur Einige zu nennen. Andere, eher die kleinere Zahl, waren auf der Suche nach literarischem Neuland, nach Künstlern, die in unserem Lande noch nicht so oder auch gar nicht bekannt sind, wie jene aus Südost-Europa oder einige Skandinavier.

Der demonstrativen Wucht der allgegenwärtigen Medien konnte sich niemand entziehen. Allerdings waren von den Rundfunk- und Fernseh-Anstalten nur die öffentlich-rechtlichen vor Ort. RTL, SAT1, Vox und wie sie alle heißen, haben natürlich ganz andere Sorgen, Stars und Zielgruppen. Bei den Tages- und Wochenzeitungen durfte man sich über die Anwesenheit echter Qualitätsorgane wie Zeit, Süddeutsche usw. freuen und darüber wundern, wo eigentlich „Der Spiegel“ geblieben war. Offensichtlich wird in Hamburg zielstrebig an der weiteren Boulevardisierung des einstmals wichtigsten deutschen politischen Wochen-Blattes gearbeitet. Besonders groß ist Jahr für Jahr der Einsatz der hervorragend gestaltet und geschriebenen örtlichen „Leipziger Volkszeitung“. Deren ständig überfüllte Lesearena, in der zahlreiche bekannte und noch bekanntere Persönlichkeiten auftraten, benötigt in der Zukunft vielleicht einmal ein verändertes, möglicherweise offeneres, Konzept, um dem Massen-Ansturm Herr zu werden. Bei den westdeutschen Medien kann man insgesamt eine gewisse Zurückhaltung feststellen, was die Berichterstattung über die Leipziger Buchmesse betrifft. Wird berichtet, ist nicht selten eine leichte Überheblichkeit zu verzeichnen, die Züge herablassenden Spotts annimmt, wenn die Zeitung aus Frankfurt kommt.

Die Musik spielt in Leipzig. Und auch auf der jährlichen Buchmesse. Dort ist die Musikstadt mit einem eigenen Stand vertreten, auf dem Komponisten, die in Leipzig wirkten – wie Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn-Bartholdy – die zentrale Rolle spielen. Just während der Messetage, am 21. März, konnte der 325. Geburtstag von Johann Sebastian Bach begangen werden. Zur Feier dieses Jubiläums wurde das Bach-Museum erweitert und generalüberholt neu eröffnet und fand in der Thomas-Kirche ein Fest-Konzert mit dem Thomaner-Chor statt; zu Gehör gebracht wurden Kantaten von Bach und Telemann. Der Musikstadt-Messestand sollte auch den jüngsten Nachwuchs erreichen. Um seine Aufmerksamkeit wurde mit allerhand spielerischen Klangwerken geworben. Einen eigenen Ausstellungsbereich bekamen erstmals die Musik-Verleger. Neben großen Namen, wie Bärenreiter und Schott, nutzten auch kleinere Anbieter die Leipziger Gelegenheiten. Gerade bei diesen und ähnlich bei den schmalen, weniger bekannten Literatur-Verlagen, gab es die Möglichkeit zu mancher Entdeckung und interessanten Gesprächen.

Die vielbesprochene und –diskutierte Helene Hegemann konnte einem nur Leid tun. Im Rahmen der auch in Leipzig sehr heftigen Debatte rund um die akuten Probleme mit einem zeit- und mediengerechten Urheberrecht, wurde sie zum Spielball der verschiedenen Interessen-Gruppen. Gleichzeitig sollte sie als Teenie-Star der deutschen Literatur herhalten und für Zulauf und Umsätze sorgen. Eine Rolle mit der sie sichtlich überfordert war und deshalb völlig erschöpft die Messe vorzeitig verlassen musste. Was den Plagiatsvorwurf und im Zusammenhang damit, ihre literarischen Fähigkeiten betrifft, bekam sie Unterstützung von prominenter Seite. Martin Walser in einem Interview der Frankfurter Rundschau: „Die Anfangsgeschwindigkeit – wenn ich das mal mit einer Rakete vergleiche – hat sie doch von sich. Andernfalls würde sie doch das nicht alles herholen wollen. Das ist doch klar.“

Walser selbst, gern gesehener Gast in Leipzig und immer noch und wieder ein Publikumsmagnet, konnte gleich zwei neue Bücher präsentieren. Seine glaubenssehnsüchtige Novelle „Mein Jenseits“ und den neuesten Tagebuchband „Leben und Schreiben – Tagebücher 1974 – 1978.“ Gerade dieses Buch bot reichlich Diskussions- und Gesprächsstoff. Der Autor, in seinem Leben von den Medien mal links, mal rechts einsortiert, seine Werke, mal zerrissen, dann wieder in den Himmel gelobt, machte deutlich, wie wertvoll Tagebücher für die Aggressions-Abfuhr und die Bewältigung von Alltagen unterschiedlichster Zumutbarkeits-Schwere sind. „Tagebuchschreiben ist eine Lebensart“, sagt Martin Walser deshalb. Am heutigen 24. März wird er 83 Jahre alt. In Leipzig gab er sich offen plaudernd, dachte und formulierte brillant. Noch immer ist der Dichter vom Bodensee „Gedankenreich. Sprachmächtig.“ (Denis Scheck) Möge uns dieser wichtige Autor mit all seiner vitalen Schaffenskraft noch lange erhalten bleiben. Von dieser Stelle: Alles, alles Gute, Martin Walser!

Den sprachlichen (Ur-)Gewalten und der intellektuellen Präsenz eines Clemens Meyer waren nicht alle Moderatoren gewachsen. So flüchtete sich Tina Mendelssohn im 3sat-Gespräch in die Bitte, der Autor möge doch – was eigentlich nicht vorgesehen war – aus seinem neuen Buch „Gewalten“ vorlesen, da sie offensichtlich Schwierigkeiten hatte, angemessene Fragen zu formulieren. Meyer ergab sich mit ironischer Nachsicht, das Publikum unterstützte mit kräftigem Beifall und nach der Veranstaltung mit vielen Signierwünschen. Sein neuestes Werk trägt den Untertitel „ein Tagebuch“. Ein Kunstgriff, wie Meyer erläuterte, der es ihm ermöglicht hat, die Kurzgeschichten mehr oder weniger lose miteinander zu verbinden, zueinander in Beziehung zu setzen oder auch persönliche Elemente einfließen lassen zu können, ohne zwischen Autor und Protagonisten ständig differenzieren zu müssen. Ein Verfahren dass bereits Daniel Kehlmann in seinem Erzählband „Ruhm“ anwandte. In Meyers Geschichten geht es um Ereignisse des Jahres 2009 und ihr Gewaltpotential. Der Autor spannt einen Bogen von den Erlebnissen eines Einzelnen in der psychiatrischen Notaufnahme bis zum traumatisierenden Amok-Lauf von Winnenden. Die Stärke des Buches ist es, dass solche Ausmaße von Wahnwitz, solche Alpträume, erzählbar werden und dass es damit auch einen Beitrag zur Verarbeitung leistet.

Das umfangreiche, bunte Lese-Festival „Leipzig liest“ breitete sich vier Tage in der gesamten Sachsen-Metropole aus und bewies erneut, wie ein großes, dennoch sehr unterschiedliches Publikum, für die Literatur und ihre vielfältigen Darstellungs-Möglichkeiten, zu begeistern und gleichzeitig postmoderne, urbane Räume mit Menschen, Phantasie und Lebensart gefüllt werden können. Bis weit in die Nacht hinein waren Kneipen, Theater und Buchhandlungen, alte Kino- und Gerichtssäle, Bibliotheken und Museen voller Neugieriger und Enthusiasten, die danach noch stundenlang an Theken oder im Freien unter Heizpilzen bei Bier, Wein und Bionade Gedanken und Ideen austauschten.

Die Nobelpreis-Träger waren natürlich auch da. Herta Müller las im bis auf den letzten Platz besetzten Central-Theater aus „Atemschaukel“ und Günter Grass traf, sah und hörte man auf dem Messegelände eigentlich überall. Zu Günter Grass demnächst mehr in diesem Blog.

Leipziger Buchmesse 2010: Der Vorbericht

Die Messe

Kommenden Donnerstag, 18. März, beginnt die Leipziger Buchmesse 2010. Sie dauert bis Sonntag. Leichte Einbußen sind in diesem Jahr bei der Zahl der Aussteller, sowie der verkauften Fläche zu verzeichnen. Dem Otto-Normal-Besucher wird das kaum auffallen und auch die Messe-Macher sind froh, dass sie angesichts der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so glimpflich davon gekommen sind. Sie rechnen mit etwa 2.100 Ausstellern aus circa 40 Ländern. Im letzten Jahr kamen 147.000 Besucher und diese Zahl sollte eigentlich wieder erreicht oder übertroffen werden. Ein farbiges Ereignis mit zahlreichen Schwer- und Höhepunkten wird auf jeden Fall geboten. Dafür sorgen Themenwelten wie das „Forum Kinder – Jugend – Bildung“, die Comics- und Manga-Präsentationen, die in dieser Breite nur Leipzig bietet und natürlich wieder der sehr beliebte Hörbuch-Bereich. Ein besonders treues Publikum hat auch die Antiquariatsmesse, als fester und traditionsreicher Teil der Gesamt-Veranstaltung. Neu hinzu kommen der Ausstellungsbereich Musik, der Gemeinschaftsstand Lateinamerika und die Autoren-Buchhandlung. Ebenfalls zum ersten Mal: Der Schwerpunkt Digitalisierung. Ein Thema, das ja derzeit die gesamte Buchbranche umtreibt. In der Broschüre „Digitale Themen auf der Leipziger Buchmesse“ wird auf Veranstaltungen zu den Themen E-Books, libreka! E-Commerce und Co. hingewiesen. Außerdem findet man eine Übersicht von Ausstellern, welche über Produkte zum Thema Digitalisierung an Ihren Ständen informieren und bei denen man diese auch selbst ausprobieren kann.

Der Preis

Bereits am ersten Buchmessetag werden in der großen zentralen Glashalle die Preise der Leipziger Buchmesse verliehen. Über die Auszeichnungen, die mit insgesamt 45.000 Euro dotiert sind, entscheidet eine siebenköpfige Jury. Sie werden zu gleichen Teilen in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Essayistik, sowie Übersetzung verliehen. Anspruch der Jury ist es, herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen und Übersetzungen zu ehren, womit der Preis unmittelbar an das Konzept der Leipziger Buchmesse als Forum für Autoren und Literaturvermittlung anschließt. Unterstützt wird der „Preis der Leipziger Buchmesse“ durch den Freistaat Sachsen und die Stadt Leipzig. Hier kann man sehen, welche Autoren und Bücher nominiert wurden.

„Leipzig liest“

Das große Festival der Literatur und verwandter Künste. In wirklich ganz Leipzig und drumherum. Am Abend des 18. März erfährt man im Café Puschkin (KaLi) von Kathrin Passig (Bachmann-Preis!) und Aleks Scholz warum „Verirren“ manchmal schneller zum Ziel führt. Bei dem Buch zum Thema, dass bei Rowohlt erschienen ist, soll es sich laut Autorenschaft um eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene handeln. Am Tag darauf erklärt Rolf-Bernhard Essig aufgeweckten Jung-Lesern bereits ab acht Uhr dreißig (8.30!): „Wann ist ein Held ein Held“. Wer es wissen will muss zu solch früher Stunde in die Jugend-Tonne der Deutschen Angestellten Akademie kommen. Die meisten Höhepunkte gibt es am Samstag-Abend: Zum Beispiel im Keller des Centralkabaretts. „Mann für Mann“ von und mit Bastienne Voss. Laut Programmheft handelt es sich dabei um einen humoristisch-„erotischen Mauerfall“. Oder wie wäre es mit „Venus in Panik“. Spät am Abend in der Baumwollspinnerei. Ein Buch- und Videoprojekt der Gruppe VIP. Das vollständige Programm ist mit umfangreich eher unzureichend beschrieben. „Leipzig liest“ besteht aus insgesamt über 2000 Veranstaltungen, an denen sich 1500 Autoren an mehr als 300 Lese-Orten beteiligen. H i e r hat man es komplett und bequem durchsuchbar vor sich.

Messe-Direktor Oliver Zille bekennt sich in einem Presse-Gespräch zu der Notwendigkeit, dem erwartungsvollen Publikum, neben jungen und unbekannteren Autoren und Künstlern, auch Stars zu präsentieren: „Wichtige Namen des Frühjahrs müssen hier vertreten sein. Vom Medientross, den die Großen anziehen, profitieren auch die Kleinen.“ Leipziger Messe und „Leipzig liest“ zeichnen sich unter anderem auch durch ihre Nähe, ihre Unmittelbarkeit, zwischen Publikum und Autoren aus. Man sieht seinen Lieblingsschriftsteller, die bewunderte Dichterin, sehr häufig auch zwischen den einzelnen Events, dann sozusagen im übertragenen oder auch wörtlichen Sinne völlig ungeschminkt. Sollte es Ihnen bei solcher Gelegenheit gelingen, mit dem verehrten Wort-Künstler ins Gespräch zu kommen, sollten Sie vielleicht die Ratschläge beherzigen, die der Leiter des Hamburger Literaturhauses, Rainer Moritz, im Börsenblatt den Veranstaltern von Lesungen für die Konversation danach im privaten, ungezwungen Rahmen, an die Hand gibt: „Wie glücklich sind Schriftsteller oft, wenn (man) mutig die Niederungen der Alltagskultur betritt, dazu einlädt, über die Aufstiegschancen des FC St. Pauli nachzusinnen, einen Witz zu erzählen, Mietpreise in deutschen Großstädten zu vergleichen, sich an Kindheitserlebnisse mit Almdudler und Maoam zu erinnern oder die Leistungsfähigkeit von Internetversendern zu erörtern. Dann fliegen die Gesprächsbälle hin und her, dann fällt alles Schwere vom Autor ab.“ Viel Vergnügen also bei gepflegter Konversation mit Walser, Meyer, Passig und Co.

Herbst-Lese (3)

Zwei unterhaltsame deutsche Romane

Im Feuilleton gehört die Behauptung, es gäbe seit Jahren keine lesenswerten Romane über Deutschland und schon gar nicht solche mit Ost-West-Thematik, zum Standard-Repertoire. Doch sie ist Quatsch. Man muss nicht erst Großmeister wie Schulze, Brussig oder Tellkamp bemühen, um festzustellen, dass diese Aussage durch ständiges Wiederholen auch nicht wahrer wird. In der zweiten Reihe, bei Unterhaltungsschriftstellern der jüngeren Generation – deren Existenz in der deutschen Literatur von Kritikern auch gerne bestritten wird – finden wir immer wieder interessante, lesenswerte Beispiele. Zwei Bücher, die in diesem Herbst erschienen sind und sich intensiv mit dem Thema D, einschließlich DDR und Wende, befassen, sollen hier kurz vorgestellt werden. Die behandelten Themen und die geschilderten Milieus der beiden Jung-Autoren könnten dabei reizvoller und gleichzeitig gegensätzlicher nicht sein.

Ein Künstlerroman: Louise im blauweiß gestreiften Leibchen von Mathias Nolte

Die Handlung spielt sich hauptsächlich in Berlin ab. Ost und West, als es diese Unterscheidung noch gab, also zu tiefsten DDR-Zeiten und – in der Haupthandlungsebene – einige Jahre nach der Wende.  Charlotte Pacou wird, kaum dass sie einer trostlosen Beziehung entronnen, fälschlicherweise für eine Privatdektivin gehalten und vom smarten Bankier Daniel Baum mit der Suche nach einem verschollenen Bild beauftragt. Luise 2Dieses schuf einst der sehr junge, hochbegabte Maler Jonas Jabal. Er gab dem Werk jenen Titel, den auch Nolte für seinen Roman verwendet. Jabals tragisches Leben, Lieben und Scheitern wird uns parallel zu der sich entwickelnden Geschichte und der zunehmenden Nähe von Schnüfflerin und Auftraggeber erzählt. Das Buch bietet viel Berlin, viel Kunst und Liebe und auch etwas Spannung. Ein vortrefflicher Unterhaltungsroman eben. Autor ist der ehemalige Buchhändler und Journalist Mathias Nolte, dessen erster Roman „Roula Rouge“ 2007 erschien. Sein neues Werk ist nicht ganz zufällig bei Deuticke erschienen. Die Österreicher haben uns schon mit Namen wie Paulus Hochgatterer („Die Süße des Lebens“), Daniel Glattauer („Gut gegen Nordwind“) und dem wunderbar stillen Walter Kappacher („Selina“) bekannt gemacht und begeistert. Leser und Käufer bekommen gute Literatur mit Niveau, in Büchern, die handwerklich sorgfältig gestaltet und hergestellt werden. Ein greifbarer Genuss, den kein E-Book-Reader je wird bieten können. Die Louise bei Mathias Nolte ist übrigens ein rechtes Früchtchen, entsprechend geht es im Roman manchmal etwas charmant frivol zu. Im nächsten Buch hingegen werden wir mit echten Schweinereien konfrontiert.

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Der Kontrast: Die letzte Sau von Patrick Hofmann

Südlich von Leipzig, wenige Jahre nach der Wende. Die Menschen in Muckau sind in doppelter Bedrängnis. Von der einen Seite verschlingt sie der sich immer noch weiter ausdehnende Tage-Bergbau, von der anderen das bundesrepublikanische Wirtschaftssystem, einschließlich seiner Demark. Die Siedlung verschwindet. Der Roman beginnt, als nur noch ein Haus übrig ist. Übrig ist auch die letzte Sau. Zu DDR-Zeiten durfte man hier Schweine für die Selbstversorgung halten. Nun steht die Behausung samt Stall vor dem Abriss, die Sau vor der Schlachtung. Die Schlachterin kommt frühmorgens. SAUEntlang der Schlachtungs- und Verwertungskette des nahrhaften Tieres, erzählt der Roman die Geschichte von drei Generationen, deren Leben und Alltag seit Jahrzehnten mit diesem Haus und Grund verbunden waren. Zum Schluß kommen alle noch einmal zusammen. Hier wird deutlich und drastisch erzählt. Dem Leser wird eine literarische Schlachtplatte vorgesetzt. Es ist ein Milieu kleiner Leute, die während der kommunistischen Herrschaft gelernt haben sich durchzuwurschteln, und die genau wissen, dass sie diese Fähigkeiten, erlernte Improvisations-Bereitschaft und ideologische Biegsamkeit, auch im neuen System brauchen werden. Wahre Werte sind die, die man essen kann, ganz nach Brecht, kommt erst das Fressen und dann die Moral. Doch was bleibt Menschen mit solchen fremdbestimmten Lebensläufen anderes übrig. Und so wird zum letzten Mal eine Sau geschlachtet, zerteilt, verwurschtet, verspeist. So sitzt die Familie noch einmal gemeinsam am wackelnden alten Tisch und der Autor erzählt uns von mühsamer Vergangenheit und ungewisser Zukunft. Kein Buch für Vegetarier und Warmduscher.

Nolte, Mathias: Louise im blauweiß gestreiften Leibchen. – Deuticke, 2009. Euro 19,90

Hofmann, Patrick: Die letzte Sau. – Schöffling & Co., 2009. Euro 19,90

Leipzig

Die Thomaner

Nun ist es aber mit der Musik wie mit der Literatur. Man fragt sich gelegentlich – oder besser: wird gefragt – hat das eigentlich einen Sinn? Wozu ist es gut? Können also Literatur oder Musik irgendetwas bewirken? Manchmal wohl schon: Sie erreichen Menschen, die dies zulassen und stoßen etwas in ihnen an; so finden diese Menschen mitunter Kraft und Zuversicht etwas zu bewegen. Nicht immer handelt es sich dabei um den großen Felsen – den überlassen wir Sisyphos -, meist nur um kleine Kiesel; aber auch das wäre ja schon viel mehr als Nichts.

Nach Stationen unter anderem in Arnstadt, Mühlhausen und Weimar lebte und arbeitete Johann Sebastian Bach ab 1723 bis zu seinem Tode in Leipzig. Er ist der bekannteste Thomaskantor; sein Name ist auf der ganzen Welt mit dieser Kirche und der Stadt Leipzig verbunden. Bach starb am 28. Juli 1750; seine Grabstätte befindet sich heute in der Thomaskirche.

Wenn sich der Thomanerchor nicht auf einer seiner vielen Tourneen im In- und Ausland befindet und die Schüler keine Ferien haben, gestaltet er regelmäßig an Freitagen um 18 Uhr einen Vesper-Gottesdienst, samstags um 15 Uhr eine Motette und am Sonntagmorgen, 9.30 h, den Hauptgottesdienst der Gemeinde.

Dabei handelt es sich um kirchlich-religiöse Veranstaltungen, aber vor allem am Freitag und Samstag erfahren diese einen regen Zulauf durch Touristen aus allen Erdteilen. Es sind hervorragende Gelegenheiten den berühmten Chor bei der Erfüllung seiner ureigensten Aufgaben hören und wenn man Glück hat, ihm auch zuschauen zu können. Das umfangreiche Ensemble, das nur aus Jungs und jungen Männern besteht, bietet auf der Chor-Empore einen prächtigen Anblick. Dazu muss man sich rechtzeitig einen Platz im Kirchenschiff sichern, da die Sicht durch zahlreiche tragende Säulen von vielen Plätzen aus eingeschränkt ist; den wunderbaren Klang von Orgel und Chor hört man aber überall gleich gut. Wer den Weg findet, von den Rummelplätzen der Messen und der Stadt in diese besinnliche Oase, wird es nicht bereuen. Er wird das Gotteshaus bewegt verlassen, auch wenn er sich nicht zu den Gläubigen zählt.

Leipzig

In dieser Straße, am Rande der Leipziger Innenstadt, lebte bis zu seinem Tod Anfang 2009, Elias Kien mit seiner Haushälterin Therese. Er wurde 98 Jahre alt.

Die Trauerfeier fand in der geschichtsträchtigen Nikolaikirche statt. Auf ausdrücklichen Wunsch des Verstorbenen, sangen Mitglieder des Thomaner-Chors ein Te Deum von Johann Gottfried Schicht.