Die letzte Lesung

Blau karierte Tischdecke, Rotwein und Pizza Frutti di Mare. Der Kellner im perfekt sitzenden Anzug mit nobler Fliege. Den italienischen Akzent wird er sich antrainiert haben, denn er wurde vor zwei Generationen in Deutschland geboren. Er sorgt sich dieser Tage um ältere Verwandtschaft, die noch in der Gegend von Bergamo lebt. Meine vorerst letzte Pizza außer Haus in diesem so geliebten Ambiente.

Der Erika-Mann-Platz im Zentrum. Alte Linden in der Mitte, drumherum fidele Mischung aus historischem Bestand und sachlicher Funktionalität. Ort quirliger Urbanität. Cafès, Kneipen, Restaurants. An der südöstlichen Ecke die kleine Kultbuchhandlung. Wird mein letzter Besuch im Laden auf unabsehbar der letzte bleiben? Wenige hundert Meter weiter, hinter dem Rathaus, die Stadtbibliothek. Seit zwei Wochen sichtbares Symbol einer hermetischen Gesellschaft. Dreivier Romane liegen zuhause, sie waren weniger fesselnd als erwartet. Die Leihfrist verlängert bis Sankt Nimmerlein.

Die letzte Bierbestellung bei Charlotte, genannt Charly, seit vielen Jahren Stammkraft in meiner Altstadt-Stammkneipe. Wenn ich gewusst hätte, dass diese Halbe an diesem Ort die letzte sein würde für lange Zeit, wäre es an diesem Abend bestimmt nicht die letzte geblieben.

Ich verbringe viel Zeit mit Kindern und Frau, was natürlich schön ist, und trauere manchmal den Veranstaltungen nach, die jetzt gerade wären. Der Schriftsteller Ingo Schulze im Hessischen Rundfunk.

Ingo Schulze (l.), Foto: Wiebke Haag

Ingo Schulze war der bislang letzte Schriftsteller, den ich auf einer echten Lesung, leibhaftig und vor Ort mit reichlich Zuhörerschaft erleben durfte. Damals, es war der 12. März, eine durchaus riskante Angelegenheit, obwohl mir die Eintrittskarte von einem Latexhandschuh überreicht wurde und reichlich Desinfektionsmittel strategisch günstig positioniert zur allgemeinen Verfügung standen. Doch dann der überfüllte Saal, die stickige Luft – der Besuch der Veranstaltung wurde zur Herausforderung des Schicksals. Das alles nicht einmal das reinste Vergnügen. Bei stümperhafter Moderation mit hohem Fremdschämfaktor und einem gleichmütig reagierenden Schriftsteller, der viel zu lange Passagen aus dem neuen Roman las und damit den potentiellen zukünftigen Lesern einiges an möglicher Spannung nahm.

Mitte März 2020. Kommt mir vor als wäre es schon ewig her. Die Buchmessestadt Leipzig ohne Buchmesse. Leipzig in trister Stimmung, bei bedecktem Himmel, gelegentlichem Regen und auffrischendem Nordostwind. Die Lesung von Schulze war eines der wenigen Ereignisse die vom geplanten und längst sorgfältig vorbereiteten, die Buchmesse normalerweise begleitenden Mega-Event Leipzig liest übrig blieb. Nicht wenige Buchmenschen waren trotz Messeausfall und viraler Widrigkeiten nach Sachsen gekommen. (Es war kurz vor den Verboten und wohlmeinenden Verhaltensnormen – eine Zeitenwende vor heute.) Aus Solidarität mit den kleinen Verlagen, den unabhängigen Buchhändlern, den verblüfften Autoren und Autorinnen, die langsam erkannten, dass es ab sofort an die Fundamente ihrer materiellen Existenz gehen würde. Aus Sympathie zum Hotel in dem man seit Jahren entgegen der üblichen Messetrends stets wohlfeile und freundliche Aufnahme fand.

So viele Gutscheine können wir gar nicht verkaufen, sagen die Inhaber der kleinen Buchläden, so tolle Webshops nicht ins Netz stampfen, so viele Fahrradkuriere niemals aussenden, so viel auf Kosten der eigenen Gesundheit schuften, dass die jetzt eingetretenen Verluste kompensiert werden könnten. Camus Pest und Manns Tod in Venedig sind die Seuchenbestseller, die sie in günstigen Taschenbuchausgaben den Kunden vor die Quarantäne-Schleuse legen dürfen.

Seltsam im Freien zu Wandeln. Mit Misstrauen bedacht ein Jeglicher der entgegenkommt, schon vorab verdächtig der Bereitschaft die nunmehr geltenden Abstands- und Anstandsregeln zu verletzen. Die Folge ist verdrucktes, huschiges Aneinandervorbei. Wenige Schritte weiter springt ein Plakat ins Auge das Dank aus- und Solidarität verspricht, und im Ohr noch den Fernsehsprecher, der von Wellen der Hilfsbereitschaft weiß und dessen Sender versichert für EUCH, also für dich und mich, da zu sein.

Das letzte Buch gelesen. In der Krise plötzlich nicht mehr lesen können. … Ich spiele Scrabble mit einer App, ich schaue Netflix, ca. dreizehn Minuten. Dann falle ich in einen tiefen Schlaf. Es läuft ganz gut, dachte ich, aber heute ist so ein Tag, an dem der Rücken schmerzt, und alles reizt, jede Kleinigkeit, und ich nicht mehr mag, und ich das auch so gerne einfach so sagen möchte: Ich mag nicht mehr. (Die Schriftstellerin Lena Gorelik über den Alltag in der Isolation, mit Kinderbetreuung, Autorinnentätigkeit und vernachlässigten individuellen Bedürfnissen.)

Seltsam kommt es nun jenen vor die Enkel haben und denen nicht mehr nahe sein dürfen. Vorlesestunden mit kuscheligem Aneinander sind Vergangenheit. Datenfernkommunkation in Ton und Bild stellt keine wirklich genügende Ersatznähe her. Da muss in höchster Not und angesichts akutem Büchermangel der beliebte Logistikdienstleister DHL bemüht werden. Und so gehen Der Räuber Hotzenplotz, die einfallsreichen Geschichten und Bilder von Janosch, Der Maulwurf Grabowski zusammen mit vielen anderen spannenden Erzählungen und bunten Bilderwelten als Fünf-Kilo-Paket auf die Reise zu den Lieben, die geographisch nah, gleichzeitig unerreichbar sind. Seltsam auch das längst erwachsene Kind in einem anderen Land zu wissen, in dem die Menschen zwar die gleiche Sprache sprechen und das ungleich näher liegt als irgend ein sagenumwobenes Timbuktu, das jedoch, gleich dem eigenen Staat, Grenzen definiert, die Begegnungen mit Hüben oder Drüben ausschließen. 

Große Reiche vergehen, ein gutes Buch bleibt. Ich glaube an gut beschriebenes Papier mehr als an Maschinengewehre, lässt Lion Feuchtwanger sein alter ego Jacques Tüverlin im Roman Erfolg feststellen. Corona ist lautlos und hinterhältig, mikroskopisch klein und mit Literatur allein nicht zu besiegen, allenfalls besser zu ertragen. Es gilt die Zeit mit guten Büchern zu überbrücken, bis der Gegner mit den Waffen moderner medizinisch-biologischer Forschung in seine Schranken gewiesen werden kann. Dann wäre neu zu hoffen: Dass die emsige Buchhandlung im Städtchen wieder öffnet, der kleine unabhängige Lieblingsverlag noch existiert, eine nächste Buchmesse angekündigt wird. Und die Generationen wieder auf einem Lesesofa vereint sind.

Leipzig und die Tschechen

Zweiter Teil des Rückblicks auf Buchmesse und Festival Leipzig liest 2019

Martin Beckers Warten auf Kafka kann man auch lesen wenn Tschechien nicht gerade Gastland der Leipziger Buchmesse ist. Andererseits hat es der Autor natürlich genau zu diesem Anlass geschrieben, mit kühlem Kalkül angesichts des angekurbelten Interesses an Literatur und Kultur der östlichen Nachbarn. Das Buch las ich zu großen Teilen während der Zugfahrt nach Leipzig ich hatte die etwas längere Strecke über Mannheim, Frankfurt und Fulda gewählt die lästiges Umsteigen erspart, stattdessen Zeit und Muse für einstimmende Lektüre lässt.

Martin Becker ist ein 37-jähriger Journalist, Literaturkritiker, Romancier, Hundefreund und Starkraucher, der seit einem Studienaufenthalt vor etlichen Jahren regelrecht vernarrt in Tschechien ist, seine Metropole Prag, deren Ka-und-Ka-Vergangenheit, die literarischen und filmischen Traditionen, den böhmisch-mährischen Humor und nicht zuletzt die seltsame Ernährung der Einwohner, die, so wird immer wieder kolportiert, bevorzugt aus Fleisch und Bier besteht.

Martin Becker und die Moderatorin des Nachwuchsradios Mephisto 97.6 stoßen vor ihrem Gespräch auf dem orangenen Sofa mit tschechischer Braukunst an.

Warten auf Kafka ist eine lockere Reise durch die tschechische Literatur des vorigen Jahrhunderts und der Gegenwart ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit. Dafür verpackt mit einer leicht kafkaesken, sehr unterhaltsamen Rahmenhandlung, mehreren detailliert geschilderten Kneipenbesuchen und befeuchtet mit dem einen oder anderen großen Glas Gerstensaft. In den Kneipen trifft sich Becker, teils real, teils in Gedanken und Gedenken mit schriftstellerischen Größen des Heute und des Gestern. Kafka selbst taucht als verkitschter Kult auf, zu dem er vor Ort aus pekuniär-touristischen Gründen gemacht wird.

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… ich bin ein erschrockener menschlicher Aufschrei, den eine Schneeflocke zusammenbrechen läßt …

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Warten auf Kafka. Im Wirtshaus. Und auf die seligen Geister Jaroslav Hasek und Bohumil Hrabal, den zu besten Zeiten sogar präsidialen Vaclav Havel, die derzeit angesagten Jaroslav Rudiš und Jaromir99, die Märchentante Božena Němcová und den Spezialfall Milan Kundera (zu ihm später). Die greise Lenka Reinerová, letzte deutschsprachige Schriftstellerin Prags, lernte Becker 2008 kurz vor ihrem Tod am Krankenbett kennen. Sein Buch enthält ausführliche Passagen der Verehrung für diese außergewöhnliche Persönlichkeit. Reinerová ist in ihren Werken nicht nur eine aufrichtige Chronistin dieses schrecklichen 20. Jahrhunderts, sondern versammelt zudem in ihren farbigen Ahnengalerien alle maßgeblichen künstlerischen Figuren ihrer Heimat aus dieser Epoche.

Martin Becker hat seinem Buch den Untertitel Eine literarische Seelenkunde Tschechiens gegeben. Ihm ist eine unterhaltsame, leicht lesbare und dennoch bis hin zum Literaturverzeichnis äußerst informative Einführung gelungen, wie man sie in dieser Form nicht noch einmal findet und manch anderer Sprache und Dichterlandschaft wünschen würde. 

Das Buchmesse-Gastland des Jahres 2018 war Rumänien. Bevor das bereits wieder völlig in Vergessenheit gerät, wurde 2019 in Leipzig noch einmal daran erinnert und versucht das Interesse an diesem Land und seiner Literatur wach zu halten. Eine Expertenrunde lotete aus, welche Chancen aus dem Rumänischen übersetzte Bücher auf dem Markt wohl haben mögen. Die Zahl der Gesprächsteilnehmer auf dem Podium übertraf dabei die Zahl der besetzten Stühle vor ihnen. Mäßiges Interesse und bescheidene Aussichten für die Vermittlung rumänischer Autoren und Autorinnen in den deutschen Sprachraum. Was nicht ganz überraschend ist, da bekanntlich im Ursprungsland selbst das Interesse an Gedrucktem und die Zahl der Leser sehr gering sind. 

In Tschechien ist das anders. Es ist eines der ganz großen Leseländer mit einem wachen Interesse an Traditionellem ebenso wie an der Vielzahl der Neuerscheinungen. In Deutschland bekommt man davon wenig mit. Es gab eine Zeit, da war das anders. Ein beliebiges Beispiel: Neben dem Franzosen Ionesco gehörte Sławomir Mrożek einst zu den Stars des absurden Theaters. Seine Stücke wurden Land auf, Land ab gespielt. Dann nicht mehr. Immerhin hat vor vor einigen Wochen das Zittauer Gerhard-Hauptmann-Theater seine Farce Auf hoher See wieder einmal aufgeführt. 

Mrożek war eine meiner wenigen intensiveren Begegnungen mit der tschechischen Literatur. Ich habe ihn gelesen, Hörspielfassungen gehört, Bühnenaufführungen habe ich bis heute leider nicht sehen können. In viel zu jungen Jahren hatte man mir Jaroslav Hašeks Abenteuer des braven Soldaten Schweijk zum Lesen gegeben. Dieser sehr spezielle Humor kam für mich viel zu früh ich habe ihn nicht verstanden. Und das ganze militärische Ambiente war mir damals ebenso suspekt, wie es heute bei vergleichbaren Schilderungen ist.

Brandneu ist Jáchym Topols Roman Ein empfindsamer Mensch. Eine wilde Auseinandersetzung mit europäischer Aktualität. Seine tschechische Künstlerfamilie gastiert beim Shakespeare Festival in Großbritannien und wird von Brexit-Anhängern aus dem Land gejagt: Leave means leave!. Im Campingwagen reisen sie quer durch Europa, gegen den Strom der Flüchtlinge, Richtung Osten. Sie geraten ins russisch-ukrainische Kriegsgebiet, treffen Gerard Depardieu, klauen ihm seinen BMW und machen sich auf den Heimweg nach Böhmen. Radikal ungebändigt ist Topols Erzählweise.

Stilistisch strenger und von ganz anderem Charakter ist Radka Denemarkovás Ein Beitrag zur Geschichte der Freude. Drei ältere Frauen betreiben in Prag ein Archiv, in dem Gewalt an Frauen dokumentiert wird. Sie dokumentieren nicht nur, sie handeln auch. Ein Ermittler untersucht den scheinbaren Selbstmord eines reichen, einflussreichen Mannes und stößt dabei auf die drei Frauen und ihr Tun. Radka Denemarková, die wie ich mir sagen ließ vielleicht wichtigste tschechische Autorin der Gegenwart, verwebt in ihrem sprachmächtigen Roman Elemente des Kriminalromans, Fakten und Fiktion zu einem erschütternden Panorama der Gewalt gegen Frauen.

Eine echte Überraschung ist Gerta. Das deutsche Mädchen von Kateřina Tučková, nicht nur wegen 548 Seiten ein wahres Schwergewicht unter den frisch übersetzten Neuerscheinungen. Gerta wächst in der zweisprachigen Familie Schnirch im mährischen Brünn auf. Die Mutter ist Tschechin, der Vater Deutscher und Anhänger Hitlers. Mit der Errichtung des deutschen Protektorats 1938 zerfällt die Familie wie die Gesellschaft in einen tschechischen und einen deutschen Teil. Die Mutter stirbt und Gerta wird vom eigenen Vater schwanger. Wie tausende Deutsche wird die junge Frau nach dem Krieg zum Staatsfeind erklärt, ausgebürgert und vertrieben. Gerta und ihre Tochter überleben mit anderen deutschen Frauen bei der Zwangsarbeit auf dem Land. Als sie Jahre später in die Heimatstadt zurückkehren werden sie als Deutsche stigmatisiert. Die Sichtweise des Romans auf den ehemals deutsch sprechenden Bevölkerungsteil ist neu und war lange Zeit so nicht vorstellbar. 

Topol und Denemarková, Mitglieder einer mittleren Generation tschechischer Autoren und Autorinnen, gehörten zu den tschechischen Gästen bei deren Veranstaltungen es in Leipzig richtig eng wurde. So etwas wie Starrummel entstand ebenfalls um Jaroslav Rudiš, einer von zahlreichen Künstlern die durch ihre Mehrfachbegabung auffallen und die gerne Genre übergreifend arbeiten. Da wird musiziert, wird gezeichnet und natürlich immer wieder auf unverwechselbare tschechische Art erzählt. Diese teils schrägen Geschichten, entstanden aus den Hefekulturen reicher Phantasie, diese Ansammlungen liebenswerter Außenseiter, lächelnder Verlierer, großer Liebender. Humor und Satire, Melancholie und schwarze Galle. Erzählungen die in der Kneipe bei Knödel und Pilsner ihren Anfang nehmen und immer reicher und farbenfroher werden, je mehr ihr Wahrheitsgehalt abnimmt.

Zu den am meisten besprochenen Büchern dieses Frühjahrs zählt Jaroslav Rudiš Roman Winterbergs letzte Reise. Der greise, mit einem Bein im Grab stehende Winterberg bricht mit seinem genervten Pfleger Jan Kraus auf zu einer Schienenreise durch die eigene Vergangenheit. Zu geschichtsträchtigen Orten der ehemaligen Donaumonarchie über die der alte Mann ebenso seitenlang zu räsonieren versteht, wie über das zurückliegende lange Leben. Ein Roadmovie der besonderen Art, mit stilistischen Eigenheiten, etwa zahlreichen rhetorischen Wiederholungen, das mit einer Streckenlänge von 540 Seiten ein wenig zu viel des Guten will.

Zusammen mit dem Künstler Jaromir99 bildet Rudiš den Kern der Kafka Band. Bei ihren aktuellen Auftritten improvisiert das Ensemble musikalisch-szenisch über Kafkas Roman Amerika.

Die Kafka Band mit Front-Mann Jaroslav Rudiš

Leider sind die projizierten Animationen nicht so gelungen wie in vorangegangenen Programmen. Mit ihrer Farbigkeit und schlichten Geometrie stören sie eher den Gesamteindruck als zur gelungenen Abrundung beizutragen. Enttäuschung macht sich deshalb breit, weil wir ja Jaromir99 als zeichnerischen Schöpfer des wunderbaren Alois Nebel kennen.

Milan Kundera wollte ich erwähnen. Quasi der moderne tschechische Klassiker. Mit seinem viel gelesenen, viel diskutierten und interpretierten Werk Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins habe ich mich etwas geplagt. Mir ist das zu viel Obsession und Abhängigkeit, auch wenn es Kundera meisterlich versteht vom Kern der Geschichte immer wieder in existenzielle Exkurse aufzubrechen. Er ist zweifellos einer der herausragenden tschechischen Autoren, obwohl ihn die Landsleute bereits 1975, da war er 46, (dieser Tage wurde sein 90. Geburtstag gefeiert) ins Exil vertrieben. Seitdem lebt er in Frankreich. Und sein wichtigster Roman weist deutlich mehr französische Einflüsse denn böhmisch-mährische auf. 

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… daß diese ganze Pracht mit einem Samentropfen begann und im Knacken eines Feuers enden wird …

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(Die beiden Zitate sind aus Bohumil Hrabal: Leben ohne Smoking. – Frankfurt am Main, 1995)

“Zum Lesen gibt es keine Alternative” – Notizen zur Leipziger Buchmesse 2017 (II)

Buchmesse 2016. Buchmesse 2017. In den letzten 12 Monaten hat sich die Welt verändert. Deshalb werden in diesem Jahr die Besucherströme kanalisiert und auf allen Zugangswegen Sicherheitskontrollen durchgeführt. Kräftige Männer in Plastewesten mit fluoriszierenden Streifen erkundigen sich freundlich ob Hieb-, Stich- oder Schusswaffen in Handtaschen und Rucksäcken mitgeführt werden, werfen dabei einen meist kurzen Blick in zu öffnende Gepäckstücke. Es geht höflich und verständnisvoll zu. Jedoch, an den “Dolch im Gewande” denkt niemand.

Am taz-Stand sorgte einer der überzeugtesten und überzeugendsten Europäer für enormen Andrang. Mit Schlagfertigkeit und knitzem Humor erreicht der 92-jährige Alfred Grosser mühelos ein junges Publikum. Überall in Europa sind es vor allem junge Menschen, die am Gemeinschaftsgedanken, an freien Grenzen und freiem Denken festhalten wollen. Grosser bestätigt diese Haltung, verkörpert sie selbst ausgesprochen glaubwürdig und bekommt dafür viel Zustimmung und Beifall.

Alfred Grosser (rechts)

“Le Mensch” ist der Titel seines neuesten Buches, das er auf der Messe vorstellte, “Die Ethik der Identitäten” der Untertitel. “Facettenreich und mit vielen persönlichen Rückblicken schreibt Grosser über die Entstehung und Moral sozialer Identität. Dabei wehrt er sich gegen ein altes Grundübel, das aktueller ist denn je – den Finger, der auf andere zeigt, das ‘schlimme DIE’: DIE Muslime, DIE Frauen, DIE Juden, DIE Deutschen, DIE Flüchtlinge. Ein großes Buch, das uns auffordert, auch in schwierigen Zeiten niemals unsere Menschlichkeit zu verlieren.” Heißt es in der Ankündigung des Verlags.

Litauen war das diesjährige Gastland in Leipzig. Ein kleiner Staat am Rande Mitteleuropas, mit einer Ostseeküste, die einst die Familie Mann zu schätzen wusste und in den großartigen Dünen einige Sommerurlaube verbrachte. Ein gewichtiges Pfund für die Tourismuswerbung des baltischen Landes. Darüber hinaus gab man sich alle Mühe den Messebesuchern das literarische Litauen näher zu bringen. Etwa mit einem gedruckten “Crashkurs”, der auf 130 Seiten in “100 Jahre litauischer Literatur” einführt. Die Anzahl der Bücher in deutscher Übersetzung ist nach wie vor überschaubar. Die Titel erscheinen meist in kleineren ambitionierten Verlagen. Wie zum Beispiel dem von Sebastian Guggolz.

Seit wenigen Jahren erst gibt es den Verlag, der sich auf Wiederauflagen und Neuübersetzungen – u. a. von Nobelpreisträgern – aus Nord- und Nordosteuropa spezialisiert hat. Aus Litauen ist der dort allgemein bekannte und sehr verehrte Antanas Skema (1910 – 1961) vertreten. Wie Albert Camus kam der Dichter, der Exiljahre in Deutschland und den USA verbrachte, viel zu jung bei einem Autounfall ums Leben. Der Roman “Das weiße Leintuch” ist sein zentrales, bis heute im Original viel gelesenes Werk. Entlang eigener biographischer Erlebnisse erzählt es vom Schicksal eines Schriftsteller im Exil. Das alter ego des Verfassers schöpft seine Zuversicht sehr stark aus den Erinnerungen an die Heimat. Die baltische Landschaft, literarische Traditionen, Folklore. Die frische Übersetzung ist kommentiert und – wie alle Bücher bei Guggolz – hochwertig ausgestattet.

Sebastian Guggolz (ohne), Klaus Schöffling (mit Bart)

Sebastian Guggolz war mit seinem Verlag einer der Gewinner des diesjährigen “Kurt-Wolff-Preises” für unabhängige Verlage. Während er den Förderpreis entgegennehmen durfte, ging der Hauptpreis an den schon seit vielen Jahren etablierten Verlag Schöffling & Co. und seinen Verleger Klaus Schöffling. “Liebe zum Buch, Mut und Leidenschaft”, seien erforderlich um im heutigen Wettbewerb mit schönen Büchern und außergewöhnlicher Literatur bestehen zu können. So der Laudator Burkhard Spinnen. Gerade die jährlichen Ereignisse auf und rund um die Leipziger Buchmesse zeigen, dass dafür nach wie vor ein gar nicht so kleines Publikum ansprechbar ist.

Besonderes, Schönes, Spannendes und gelegentlich Überraschendes kommt Jahr für Jahr aus der Schweiz. Unsere Nachbarn sprechen, schreiben und lesen ja in nicht weniger als vier Sprachen. Schon bei der Konzentration auf den stärksten Sprachraum, den deutschsprachigen, ist das Angebot so üppig, dass die Auswahl schwer fällt. Martin Suters neuen Roman “Elefant” habe ich allerdings noch nicht gelesen. Ihm wurde einmal mehr große Aufmerksam zuteil, versteht er es doch immer wieder, solide Unterhaltungsliteratur auf gutem Niveau in die Buchläden zu bringen.

Franz Hohler, dessen Erzählungen in der Schweiz schon zum klassischen Schulstoff gehören, war in diesem Jahr mit seinem Gedichtband “Alt?” vor Ort. (“Wird die Sparlampe / die du im WC einschraubst / Brenndauer 10.000 Stunden / länger halten als du?”) Ich habe mir einige von ihm vorgetragene Auszüge angehört, ziehe allerdings seine Prosatexte weiterhin vor. Zuletzt habe ich von ihm den Roman “Gleis 4” gelesen. Noch vergleichsweise jung ist Jonas Lüscher. Ihn konnte ich als Vorleser aus seinem Roman “Kraft” am Schweizer Gemeinschaftsstand erleben. Auf con=libri wurde das Buch bereits besprochen.

Lukas Bärfuss

“Leipzig ist ein Fest für Leser und Schreibende,” findet Lukas Bärfuss, dessen Auftritt mich besonders beeindruckt hat. Er gehört zu denen, die trotz aller professionellen Verbindlichkeiten gerne nach Leipzig kommen. Er spricht über seinen “Hagard”. Anspielungsreich und vieldeutig ist schon der Name des Protagonisten der obsessiven Geschichte. Bärfuss hat eine Schwäche für “Lexiköner” und den Begriff in einem Jagdlexikon gefunden; auch in Shakespears “Kaufmann von Venedig” taucht er auf. Es sind die roten Pumps einer Frau, die er nie richtig zu Gesicht bekommen wird, die Hagards Obsession und seinen daraus resultierenden Niedergang einleiten. Bärfuss: “Kleider machen Leute stimmt gar nicht, Schuhe machen Leute.” Der schmale Roman des Schweizers gehört zu den fesselndsten und originellsten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs.

“In dieser kenntnisreichen Biografie dürfen wir alle Astrid Lindgren noch einmal erleben”, schrieb “Dagens Nyheter” als die Originalausgabe von Jens Andersens umfangreicher Lebens- und Werkbeschreibung erschien. Jetzt liegt sie als Taschenbuchausgabe vor. Sie ist deshalb aktuell, weil darin ausführlich die Haltung Lindgrens als Zeitgenossin und politischer Mensch gewürdigt wird. Im Mittelpunkt ihre Vorstellung von einer gewaltfreien Erziehung unter Achtung der Kinderrechte und ihr Wunsch nach einem friedlichen Miteinander in der Welt. Sehr eindrucksvoll sind in diesem Zusammenhang ihre Tagebücher, die sie während des zweiten Weltkriegs verfasst hat. Diese liegen seit Ende letzten Jahres ebenfalls in einer preiswerten broschierten Ausgabe vor

“Und dann muss man ja auch noch Zeit haben einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.” Diese Lebenshaltung schien ihr keinesweg nur für Kinder empfehlenswert. Ihrem Rat zu folgen bietet schließlich die Zugfahrt Richtung Heimat Gelegenheit. Zeit um dazusitzen, aus dem Zugfenster auf das vorbeiziehende Deutschland zu schauen, Begegnungen mit all den Wahlverwandten in Leipzig, auf der Buchmesse und dem Lesefestival “Leipzig liest” Revue passieren zu lassen, natürlich um zu lesen, und ein wenig auch zu träumen. Von einem Europa das nicht an Oder und Memel, Nordsee und Alpen, Rhein und Karpaten enden darf. Es war der an diesen Tagen in Leipzig der am häufigsten geäußerte Wunsch an die Zukunft: Ein friedliches, tolerantes, demokratisches Europa ohne Grenzen, das in jeder Hinsicht offen bleibt.

Foto: Wiebke Haag

Grosser, Alfred: Le Mensch. Die Ethik der Identitäten. – Dietz, 2017. Euro 24,90

Katkus, Laurynas: 100 Jahre litauischer Literatur. Ein Crashkurs. – Lithuanian Culture Institute, 2017

Hier erfährt man mehr dazu und kann die Broschüre anfordern:

www.lithuanianculture.lt

Skema, Antanas: Das weiße Leintuch. Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig. – Guggolz, 2017. Euro 21

Hohler, Franz: Alt?. Gedichte. – Luchterhand, 2017. – Euro 16

Lüscher, Jonas: Kraft. Roman – s. dazu:

Kraft auf con=libri

Bärfuss, Lukas: Hagard. Roman. – Wallstein, 2017. Euro 19,90

Andersen, Jens: Astrid Lindgren. Ihr Leben. – Pantheon, 2017. Euro 16,99 (Dt. Originalausgabe bei DVA, 2015)

Lindgren, Astrid: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939 – 1945. – Ullstein Taschenbuch, 2016. Euro 14 (Dt. Originalausgabe Ullstein, 2015)

„Für das Wort und die Freiheit” – Notizen zur Leipziger Buchmesse 2017. (I)

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“Nicht zu lesen lohnt sich nicht” (Katharina Herrmann / Kulturgeschwaetz.Wordpress.Com)

“Lesen hilft – und viel lesen hilft viel!” (Julia Schmitz / fraeuleinjulia.de)

“Ich lese, weil ich nicht weiß, wie es ist, nicht zu lesen.” (Marion Rave / schiefgelesen.net)

Hurra! Ich habe einen Sitzplatz ergattert. Mir gegenüber feuerrote Kontaktlinsen und die staubige Perücke einer Manga-Figur. Schweißgeruch. Auf dem Schoß “Warum ich lese” aus dem Homunculus Verlag. (Daraus stammen die Zitate oben.) Ja warum eigentlich? Das fragt man sich schon einmal im völlig überfüllten Straßenbahnwagen der Linie 16 auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse 2017.

Eine Dame hinter mir outet sich als Professorin für Buchwissenschaften in M. Ihre Gesprächpartnerin, erfahre ich postwendend, ist Lektorin für Schulbücher in Wien. Die Beiden kommen immer besser ins Gespräch und ich verliere endgültig den Faden meiner Lektüreversuche. Die “Sinnstiftung des Lesens” spiele kaum noch eine Rolle, höre ich und muss komisch aussehen, weil ich heftig nicke. Spaßfaktor, Erfolgsaussichten in Leben und Beruf, vorgegebene Curricula, der Wille mitreden zu können, bestimmen die Wahl. Wenn überhaupt noch das Buch die Wahl ist.

Leipziger Messe – Buchmesse 2017. Foto: Tom Schulze

“Wir sind da!” Die helle Stimme der Straßenbahnfahrerin reißt mich aus meinen zustimmenden Gedanken. “Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag auf der Leipziger Buchmesse.” Solche Straßenfahrerinnen gibt es nur in Leipzig. Überhaupt gibt es nur in Leipzig so viele Straßenbahnfahrerinnen. Vielleicht noch in Berlin. Apropos Straßenbahnfahrerin, wer es noch nicht gelesen hat, sollte das bald nachholen. Paula Fürstenbergs “Familie der geflügelten Tiger”, bereits im letzten Jahr bei Kiepenheuer und Witsch erschienen. Handelt von einer angehenden Straßenbahnfahrerin und ihrer kuriosen, leicht tragischen Famliengeschichte vor und nach ‘89.

Diese Buchmesse 2017 war eine politische Buchmesse. Besser: Auf dieser Buchmesse spielten politische Inhalte, Themen, Schlagworte und aktuelle Auseinandersetzungen eine zentrale Rolle. “Für das Wort und die Freiheit” hieß es auf Bannern, Fahnen und Podien.

“Wie reden wir eigentlich miteinander?” wurde im Cafè Europa gefragt. Nach Antworten suchten Mely Kiyak, sie ist ist politische Kolumnistin, Fatih Çevikkollu, Theater- und Filmschauspieler, Komiker und Kabarettist, Kijan Espahangizi, Historiker und Leiter des Zentrums Geschichte des Wissens an der ETH Zürich, und Moderatorin Esra Küçük, Kuratorin von Europa21, Mitglied im Direktorium des Maxim Gorki Theater. Intellektuelle, Wissenschaftler, professionelle Schreiber aus Deutschland und der Schweiz, der deutschen Sprache besonders mächtig. Sie machten zunächst deutlich, dass Fake News und Filterblasen so neu gar nicht sind. Das hieß früher nur anders.

Kritik an der alltäglichen Debattenkultur, in Medien und Kanälen, im Privaten. Auf komplexe Probleme und Fragen seien kaum noch differenzierte Antworten möglich. Pro oder Contra Flüchtlinge, nichts dazwischen. Kijan Espahangizi entzauberte das scheinbare Ideal der Volksabstimmungen, die im kantonal strukturierten Nachbarland ja besonders gerne durchgeführt werden. Es gäbe dabei eben nur ja oder nein. Ja oder nein auf vereinfachte Fragestellungen die für vielschichtige Sachverhalte stehen. Und die vermeintlichen Stimmenmehrheiten sind in Wahrheit allenfalls Bruchteile, denn viele dürfen nicht wählen, manche wollen nicht, und dann stimmen 51 Prozent dafür, was letztlich bedeutet, dass eine erhebliche Mehrheit unentschieden oder dagegen ist.

Warum wissen wir eigentlich so wenig über andere Länder? Mehr als Nachrichtenmedien vermitteln können? Einer der Gründe ist, weil so wenig Sachliteratur aus diesen Ländern, von Autoren die in diesen Ländern leben, übersetzt wird. Was wissen wir denn schon über die innergesellschaftlichen Diskurse und Diskussionen, Stimmungen und Strömungen in der Türkei, in Syrien, in Zentralafrika? Bürger und Zeitgenossen dürfen nicht nur das Recht auf Informationen fordern, sie müssen es auch wahrnehmen. Resultiert daraus nicht sogar die Pflicht, sich qualifiziert zu informieren? Und zu lernen, wie man das macht?

Hoffnung und Zukunft für Europa, für die Literatur, für das Lesen und Schreiben? Die Jungen. Junge Menschen die Lesen, die Schreiben, und in Leipzig tapfer und erstaunlich selbstsicher aus ersten Werken vortragen. Oder sich zum intensiven, exzessiven Lesen bekennen. Leser als Lebensform. Wie die drei Bloggerinnen auf der “Leseinsel der Jungen Verlage”. Drei von vierzig Autoren und Autorinnen, stellvertretend für all jene, die in dem bereits erwähnten Sammelsurium “Warum ich lese” enthalten sind, mit ihren ganz persönlichen Leselebensgeschichten. Sarah Reul, Sophie Weigand und Katharina Herrmann.

Sarah Reul, die das Blog pinkfisch.net schreibt hat sich auf 15 triftige Gründe beschränkt. Die haben es in sich, bilden sie doch so etwas wie eine kurzgefasste Lesebiographie. Beginnend mit ihrem ersten Pixi-Buch – “Ralf und die Semmel” – , über den Klassiker “Romeo und Julia”, das abgehobene “Per Anhalter durch die Galaxis”, bis zur unvermeidlichen Harry-Potter-Reihe, über die Bibel und den von Viellesern oft erwähnten Murakami-Roman “Kafka am Strand”, bis zum 15. Grund, der sicher nicht der wirklich letzte sein wird: “Bitte nicht lesen oder Der aufregendste Sommer im Leben von Nelson Jaqua” von Monte Merrick.

Beeindruckt hat mich das literarische Debut von Nadja Schlüter, die auf Lesebühnen unterwegs ist und auch schon journalistisch gearbeit hat. Ihre Erzählungen sind bei Voland & Quist erschienen. Jede Geschichte in »Einer hätte gereicht« handelt von Geschwister-Konstellationen. Pointierte, stimmige Arbeiten, die es verdienen ein breites Publikum zu erreichen. “Da ist eine kauzige Frau, die ihren Bruder bisher gar nicht kannte und jetzt zu sehr mag. Und da ein junger Mann, der es nicht aushält, seinen Bruder besser zu kennen als sich selbst. Zwei völlig Fremde im Zug geben sich spontan als Geschwisterpaar aus und sind sich plötzlich ganz bekannt… Nadja Schlüter lotet in zehn Erzählungen aus, was es heißt, sich auf diese ganz eigene Art nah zu sein.” (Verlagsblog)

Ulrich Schacht (r.) im Gespräch mit Rainer Moritz

Etwas älter ist Ulrich Schacht, und hat dementsprechend schon einiges erlebt. Gefängnis in der ehemaligen DDR, Freikauf durch die damalige Bundesrepublik, eine veritable Karriere als Journalist. Lyrik hat er veröffentlicht. Und nun einen großen Roman, der natürlich autobiographische Bezüge aufweist, die er allerdings im Gespräch mit Rainer Moritz sofort relativiert. Wie das eben so sei mit Literatur und Realität, mit Erdachtem und Erlebten, die Grenzen verschwimmen. “Notre Dame” ist zu allererst eine große Liebesgeschichte. Gleich danach ein Buch über die Freiheit des Einzelnen und das Fehlen von Freiheit, ein überzeugendes Plädoyer für ein offenes Europa so ganz nebenbei. Mittreißend und fesselnd erzählt. Eine der vielen Titel in diesem Frühjahr die am besten sofort gelesen werden wollen.

Schließlich noch eine Bemerkung aus aktuellem Anlass. Entgegen des Eindrucks den einige Mäkler und Nörgler in diesen Tagen gerne verbreiten möchten, standen sich Menschen, die der Ernst der Weltlage bewegt und unbeschwerte, phantasievoll kostümierte Teilnehmer der Manga-Comic-Cosplayer-Szene respektvoll und freundschaftlich gegenüber; ja die verschiedenen Stimmungslagen und Interessengruppen vermischten und vermengten sich. Im März in Leipzig geht es offen zu, tolerant, neugierig, der Blick geht in alle Himmelsrichtungen, es entsteht ein wohltuendes Nebeneinander von Jung und Alt, Bunt und Schwarzgrau, Original und Kopie, Drama und Komödie.

Foto: Wiebke Haag

Den zweiten Teil zur Leipziger Buchmesse 2017 gibt es in einigen Tagen und hier die Daten der ausführlicher erwähnten Bücher:

Fürstenberg, Paula: Familie der geflügelten Tiger. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2016. Euro 18,99

Warum ich lese. 40 Liebeserklärungen an die Literatur. – Homunculus Verlag, 2017. Euro 12,90

Schlüter, Nadja: Einer hätte gereicht. – Voland & Quist, 2017. Euro 18

Schacht, Ulrich: Notre Dame. Roman. – Aufbau Verlag, 2017. Euro 22

Leipziger Buchmesse 2015

Worte und Welten – Themen und Bücher (der zweite Teil)

Schön. Einfach nur schön, die Bücher von Manesse. Gestaltung, Typographie, Papier, Druck und Bindung, und natürlich die Inhalte. Ein Qualitätsanspruch an dem man festhalten möchte, wie Verlagsleiter Horst Lauinger kurz vor der Messe bei einem Besuch in der Ulmer Kulturbuchhandlung Jastram betonte. Leinenbindung, Fadenheftung, guter Druck und Papier im augenfreundlichen Sepia-Ton werden auch in Zukunft für exquisite Leseerlebnisse sorgen. Neben dem bewährten, einheitlich kleinen, gibt Manesse seit einiger Zeit Bücher in größeren Formaten heraus. Dabei sind Entdeckungen wie der neu übersetzte Roman „Washington Square“ von Henry James – das Buch wurde mit einem handkolorierten Buchschnitt ausgestattet – oder „Ein Liebesabenteuer“ von Alexandre Dumas; ein Werk des bei uns hauptsächlich als Mantel-und-Degen-Autor bekannten Franzosen, das erstmals in deutscher Sprache erscheint.

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Eine eigenwillige Kostbarkeit ist die „Die Geschichte vom Prinzen Genji“. Vor 1000 Jahren vom japanischen Dichter Murasaki Shikibu verfasst, erzählt sie von den Liebesabenteuern des Helden und vom Leben am kaiserlichen Hof der Heian-Zeit. Zwei Bände in bestes Leinen gebunden, fast 2000 Seiten im Prachtschuber. Eine Edition in kleiner Auflage, Lieblingsbuch eines wohlhabenden Ehepaars, das dieses verlegerische Wagnis finanziell unterstützte. Der größte Auflagenerfolg des Verlags ist übrigens Tania Blixens „Jenseits von Afrika.“ Ein Erfolg der sich der gelungenen Verfilmung und einem gewissen Robert Redford verdankt.

Non Book. So etwas wie die Gegenwelt zu den Delikatessen von Manesse. Non Book ist all das, was auf einer Buchmesse den freien Blick auf die Bücher verstellt. Jene Blendgranaten der Konsumwelt, ohne die solche Veranstaltungen undenkbar sind. Für einen Großteil der Besucher eigentlicher Anreiz für ihr Kommen. Taschen und Tüten, Anstecknadeln und Kugelschreiber, Luftballons und Kuscheltiere. Bunt-grelles Merchandising-Material aus den VEB Plaste und Elaste, das außer zur baldigen Entsorgung für wenig geeignet ist. Masken, Asseccoires aller schrägen Arten, Kosmetik, Tand und Gewand für die Manga-Comic-Szene und, und, und.

Osterweiterung. (*) „Allein das Wort Herbstzeitlose warf mich in einen Atlantik der Winde.“ Vor einigen Monaten habe ich „Sterne erben, Sterne färben. Eine Ankunft in Wörtern“ von Marica Bodrožić gelesen, erschienen 2007. Ein Buch, das mich in mehrfacher Hinsicht sehr bewegt hat. Heimatverlust und gleichzeitiger Sprachgewinn, Krieg und Versöhnung, sind die Hauptthemen einer mit autobiographischen Passagen durchsetzten Analyse, die bereits außergewöhnliche Sprachkraft erkennen lässt. Bodrožić hat ihre Kindheit im ehemaligen Jugoslawien verbracht. Inzwischen lebt sie seit vielen Jahren in Deutschland, schreibt deutsch und hat sich intensiv mit dem Sprachwechsel beschäftigt.

Marica Bodrožić

Marica Bodrožić

Längst anerkannt sind die besonderen Qualitäten junger Schriftstellerinnen und Schriftsteller und ihre Erzählungen, die aus dem Osten und Südosten Europas ins Land kamen und unsere Literatur mit ihren Werken in deutscher Sprache und vielen neuen Facetten, Themen und Sichtweisen bereichern. Man denke an die bereits mit Buchpreisen prämierten Melinda Nadj Abondji und Saša Stanišić, an Nino Haratischwili und Olga Martynova. An Lena Gorelik mit ihrem Diskussionsbeitrag zur Zuwanderungsdebatte „Sie können aber gut Deutsch“.

Marica Bodrožić stellte in Leipzig ihren neuen Roman „Mein weißer Frieden“ vor. Darin erzählt sie von Land und Leuten ihrer Herkunft vor Ausbruch des Krieges. Die Kindheit der Autorin zu Literatur gestaltet, traurig und aufwühlend, hoch poetisch und tief philosophisch. Ihr geht es um die „Verortung von Humanität“, um die Frage, was eigentlich unser moralischer Kern ist. Eine Frage, die sich vor dem Hintergrund der aktuellen Situation in Ex-Jugoslawien nach wie vor in aller Dringlichkeit stellt. Ist wirklich kein Krieg mehr? Im Buch von Marica Bodrožić stehen Menschen mit ihren konkreten Problemen und Schicksalen im Vordergrund. Die Konflikte von Sprach- und Religionsgruppen bilden die Kulisse. Ein eindringliches „Plädoyer für den Einzelnen, der einen Namen, ein Gesicht hat.“ Ideologien seien namenlos. Von einer Schriftstellerin, die unbedingt stärker wahrgenommen werden sollte.

Hyper-Man. Der mehrfache deutsche Meister im Poetry Slam, der Kolumnist, Blogger und Lesebühnen-Aktivist Andrè Herrmann stammt aus Sachsen-Anhalt. Eine Herkunft, die er keineswegs leugnet, sondern geschickt zu Markte trägt. Andrè hier, Andrè dort. Immer unterwegs von Auftritt zu Auftritt, zu Gespräch und Lesung auf einem der zahlreichen Podien, Sofas oder heißen Stühlen. Und den „Klassenkampf“ stets aufgeschlagen im Anschlag. „Klassenkampf“ heißt sein erster Roman, in dem er das herbe Schicksal einer Kindheit und Jugend in Dessau, die Flucht nach Leipzig und seine temporäre Rückkehr in die alte Heimat aus Anlass eines Klassentreffens heiter ironisch auf- und abarbeitet. Herrmann hat das Monopol auf den Begriff „Hypzig“, mit dem man irgendwann vor einigen Jahren begonnen hatte, das Leipziger Lebensgefühl in gesunder Konkurrenz von jenem der hippen Hauptstadt abzugrenzen. Andrè Herrmann hat ihn erfunden.

"Hyper Man" und jetzt auch Romanautor: Andrè Herrmann

„Hyper Man“ und jetzt auch Romanautor: Andrè Herrmann

Vorbei. In diesem Jahr hatte ich nur zwei echte Messetage. Am Samstag-Morgen fuhr der Zug bereits zurück in den Süden. Klar, dass nicht alle Vorhaben und Pläne, die mit nach Leipzig gereist waren, umgesetzt werden konnten. Das werden sie ja nie. Zudem wird immer so viel spontan entdeckt, kommt einiges willkommen dazwischen oder stößt überraschend zu, wie in diesem Jahr die Blogger-Patenschaft, passieren zwischenmenschliche Begegnungen mit denen nicht zu rechnen war. Der alte Studienkollege, ein beruflicher Leidensgenosse, oder einfach Frau Berg, neben der man plötzlich im Stau zwischen zwei Hallen zu stehen kommt. Man erkennt Frau Berg sofort. Frau Berg sieht in echt so aus, wie auf den Bildern, die man von ihr kennt.

Die diesjährige Leipziger Buchmesse ist längst Geschichte. Jetzt kann wieder gelesen werden. Vor mir liegen Safranskis Goethe-Biographie, die dieser Tage endlich als Taschenbuch erschienen ist, und der neue spannende Marthaler-Krimi mit realem Politik-Bezug von Jan Seghers. Fesselnde, erholsame Lektüre, für strapazierte Messe-Teilnehmer.

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(*) Das muss gerechterweise erwähnt werden: Den Begriff „Osterweiterung“ kenne ich von dem von Michaela Bürger-Koftis herausgegebenen Buch „Eine Sprache – viele Horizonte…: Die Osterweiterung der deutschsprachigen Literatur“, das bereits 2007 im Präsens Verlag erschienen ist.

„Aus Worten werden Welten“

Mit der festlichen Eröffnungsveranstaltung im Gewandhaus, in deren Mittelpunkt die Verleihung des „Buchpreises zur Europäischen Verständigung“ an den rumänischen Schriftsteller Mircea Cărtărescu steht, startet die Leipziger Buchmesse 2015 und Europas größtes Lesefestival „Leipzig liest“.

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Aus Worten sollen also Welten werden. Im Kopf der Leser. An dieser Verwandlung sind einige Protagonisten beteiligt. Autorinnen und Autoren, Verlage und Content-Anbieter, stationäre Sortimentsbuchhändler ebenso wie allerhand Online-Vertriebskanäle und nicht zuletzt die Besucher jener Welten, die aus Wörtern und Sprache entstanden sind – die Leser.

Zwei große Treffpunkte gibt es in Deutschland für die Beteiligten an diesen Prozessen, im Oktober in Frankfurt am Main und im März in Leipzig. Während in Frankfurt Geschäfts-Abschlüsse und –Anbahnungen, sowie umfangreicher Rechtehandel im Vordergrund stehen ist „Leipzig eine Plattform wo man seine Leser erreicht“, wie es der Sprecher der Geschäftsleitung der Leipziger Messe, Martin Buhl-Wagner, formulierte.

Neben dem bunten Messegetummel von Promi-Auftritten bis Manga-Comic-Convention, vom viel beachteten Auftritt der unabhängigen Verlage bis zu den Aktivitäten rund um die literarische Region Südosteuropa (in Leipzig schon seit mehreren Jahren ein besonderes Anliegen), neben diversen Foren, Lesebühnen, blauen und roten Sofas, spielen in diesem Jahr einige interessante, aktuelle, ja brisante Schwerpunkte eine größere Rolle.

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Meinungsfreiheit, Freiheit der Presse und die Freiheit sich künstlerisch auszudrücken sind bedrohte Güter. Nicht nur in den zurückliegenden Monaten wurde das ebenso eindrucksvoll wie warnend immer wieder demonstriert. „Es wird eine sehr politische Buchmesse“, ist sich Buchmesse-Direktor Oliver Zille deshalb sicher. Meinungsfreiheit und Toleranz sind schließlich zentrale Merkmale einer Veranstaltung wie das Treffen in Sachsens Hauptstadt. Deutlich zu machen, dass diese Grund- und Menschenrechte nicht verhandelbar sind, war nie dringender als jetzt.

Vor fünfzig Jahren nahmen die Bundesrepublik Deutschland und der damals noch junge Staat Israel diplomatische Beziehungen auf. 1965, zwanzig Jahre nach dem Ende des Hitler-Regimes, kein einfacher Vorgang, keine Selbstverständlichkeit. Das Jubiläum ist willkommener Anlass Israel, seine Literatur, seine Schriftsteller und Schriftstellerinnen in diesem Jahr als Ehrengäste auf der Buchmesse zu begrüßen. Amoz Oz, Meir Shalev, Mirjam Pressler und viele andere namhafte und weniger bekannte Autoren werden vor Ort sein.

„1965 bis 2015“. Deutschland – Israel“. Dazu gibt es ein kostenloses E-Book. Neben Leseproben enthält es Hintergrund-Informationen zu den beteiligten Autoren. Seit Mitte Februar ist es über alle gängigen Online-Buchshops erhältlich. Weitere Infos dazu und zum Schwerpunkt Israel gibt es hier: http://goo.gl/Bx98oQ

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Etwa 80.000 Erstauflagen erscheinen Jahr für Jahr auf dem deutschen Buchmarkt. Um die 25.000 werden allein im Vorfeld der Leipziger Buchmesse veröffentlicht, um pünktlich an den Messetagen vorgestellt werden zu können. In den Hallen wird, wie im Vorjahr, mit mindestens 175.000 Besuchern gerechnet. Knapp 5.000 unabhängige Buchhandlungen in Deutschland sind Vermittlungsinstitutionen, die das Kulturgut Buch an Mann und Frau bringen und dabei fundiert auf deren individuelle Interessen eingehen können. Ein wichtiges Instrument um Vielfalt und Qualität auf dem Buchmarkt zu sichern ist die Buchpreisbindung.

Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, sieht dieses sinnvolle und unverzichtbare Privileg durch das geplante Freihandelsabkommen der EU mit den USA (TTIP = Transatlantic Trade and Investment Partnership) gefährdet und kündigt energischen Widerstand dagegen an. Bekanntermaßen ist es ja nicht nur der Buchhandel der Kampagnen gegen einzelne Bestandteile des auszuhandelnden Vertragswerks gestartet hat. Den billigen Vorwurf des Antiamerikanismus im Zusammenhang mit dieser kritischen Haltung, erklärt Skipis für absurd. Interessanterweise hat Israel vor knapp zwei Jahren eine Preisbindung für Bücher neu eingeführt.

Die Leipziger Buchmesse: In diesem Jahr vom 12. bis zum 15. März.

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Den „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ erhält Mircea Cărtărescu für seine dreiteilige umfangreiche Roman-Chronik, die sogenannte „Orbit-Trilogie“:

Die Wissenden. – Deutsch bei Paul Zsolnay Verlag, 2009

Der Körper. – Paul Zsolnay Verlag, 2011

Die Flügel. – Paul Zsolnay Verlag, 2014

Die beiden ersten Bände liegen bereits als Taschenbücher vor.

Leipziger Buchmesse 2014

Der erste Teil: Themen und Momente

„Der Dichter frisch voran.“ (Joseph von Eichendorff)

Nach dem milden Winter hatte es der März leicht. Weder Strom noch Bäche mussten vom Eise befreit werden. Der Bücherhimmel über Leipzig strahlte in den ersten beiden Messetagen klar und blau, nach Kälte und Schnee im Vorjahr, diesmal der willkommene Kontrast erster milder Frühlingstage. So war die Stimmung des Publikums gehoben und erwartungsfroh. Am besten bei all jenen, die einen der zahlreich vergebenen Preise überreicht bekamen. Allen voran Sasa Stanisic mit seinem allseits hochgelobten Roman „Vor dem Fest“, als Gewinner des angesehenen und viel beklatschten „Preises der Leipziger Buchmesse“ in der Kategorie Belletristik. Am Abend vor der Messe konnte ich mich bei einer längeren Vorstellung aller fünf nominierten Autoren und ihrer Bücher davon überzeugen, dass dieser Roman und Martin Mosebachs „Blutbuchenfest“ preiswürdige literarische Qualität besitzen.

media_21223761--INTEGERDer diesjährige „Preis der Literaturhäuser“ ging an die Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky, „als eine Autorin, die sich in besonderem Maße um das Gelingen von Literaturveranstaltungen verdient gemacht hat und selbst den Akt des Signierens zu einem künstlerischen Moment macht.“ Leipzig zeichnet sich ja dadurch aus, dass uns Lesern die Schriftsteller und anderen Künstler besonders nahe kommen und ungezwungen begegnen. Und so wunderte ich mich, als Judith Schalansky, im engen Gedränge der Gänge an mir vorbei kam, nur darüber, dass ich sie sofort erkannte, weil sie genau so aussah wie auf den Fotos in ihren Büchern. Ein durchaus ungewöhnliches Phänomen – man vergleiche nur einmal die Abbilder der unzähligen Crime-Ladys mit den realen Frauen.

Einen besonders interessanten und wichtigen Preis vergab einmal mehr die Kurt-Wolff-Stiftung, die damit die Erinnerung an den großen Verleger Kurt Wolff (1887 bis 1963) wach hält. Diese Auszeichnung für kleine unabhängige, besonders engagierte Verlage, erhielten der Berliner Verbrecher Verlag (Hauptpreis, mit Euro 26.000 dotiert) und der in Hamburg beheimatete Mairisch Verlag (Förderpreis, Euro 5.000). Von persönlicher Dankbarkeit geprägt war die Laudatio des in mehreren Schreib-Sparten fleißigen Dietmar Dath, waren doch dessen erste Publikationen in eben jenem Verbrecher Verlag erschienen

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Der indische Historiker und Publizist Pankaj Mishra.

Im festlichen Rahmen der offiziellen Eröffnungsfeier der Buchmesse, die alljährlich viel Prominenz aus Politik und Gesellschaft im Gewandhaus versammelt, wird traditionell der „Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung“ überreicht. Er würdigt „Persönlichkeiten, die sich in Buchform um das gegenseitige Verständnis in Europa, vor allem mit den Ländern Mittel- und Osteuropas, verdient gemacht haben.“ Da überraschte es im ersten Augenblick, dass in diesem Jahr der indische Publizist und Historiker Pankaj Mishra ausgezeichnet wurde. Näher kommt man den Hintergründen wenn man erfährt, dass sein aktuelles Werk „Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens“, sich aus einer nicht-westlichen Perspektive mit der kolonialen Überwältigung Asiens durch den Westen beschäftigt. In Diskussionen und Interviews hat mir der ruhige reflektive Ton dieses belesenen, bescheiden auftretenden Intellektuellen („Ich bin vor allem ein großer Leser.“) sehr gut gefallen.

Politische Themen und die damit verbundenen Gespräche und Debatten, drängten sich auf der Leipziger Buchmesse 2014 und dem begleitenden Lesefestival „Leipzig liest“ immer wieder in den Vordergrund. Das Interesse war rege und alle Veranstaltungen dieser Ausrichtung fanden großen Zulauf und aufmerksame Zuhörer. Nicht immer glücklich damit wurden vielleicht Autoren, die mit ihren frisch publizierten belletristischen Erzählformen in diesen Strudel aktueller zeitgeschichtlicher Fragen gerieten. Wie etwa die ebenfalls für den Buchpreis nominierte Katja Petrowskaja, die gerne über ihren Roman „Vielleicht Esther“, mit dem sie im Vorjahr den Bachmann-Preis gewonnen hatte, gesprochen hätte. Doch ihre Gesprächspartner nahmen zu oft die Gelegenheit wahr, die gebürtige Ukrainerin, die seit vielen Jahren in Berlin lebt und deutsch schreibt, zur aktuellen Situation in ihrem Geburtsland zu befragen. Wobei einem Moderator sogar die Peinlichkeit gelang, Petrowskaja auf ihre „Sowjetvergangenheit“ anzusprechen.

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Seine Signaturen waren in Leipzig gefragt: Martin Suter gehört zu den populärsten und auflagenstärksten Autoren der schweizerischen Literatur-Szene.

Ähnlich erging es den aus dem Gastland Schweiz angereisten Schriftstellern und Schriftstellerinnen. Bietet doch dieser kleine zentraleuropäische Viersprachenstaat nicht erst seit einer jüngsten Volksabstimmung immer wieder Anlass zu kontroversen Diskussionen. Und so mussten die Autoren mehr Auskunft über die Rolle der Alpenrepublik in Europa erteilen, als über ihre schriftstellerischen Erzeugnisse. Messebesucher konnten es sich derweil auf den vielen roten Bänken bequem machen, die von den Gästen über Messe und Stadt verteilt worden waren. Schweizbesucher kennen diese willkommenen Ruhe- und Sitzgelegenheiten von den hervorragend ausgeschilderten Wanderwegen, die das ganze Land durchziehen. Auch in Leipzig wurden sie dankbar angenommen, als ideale Plätze für eine kurze Erholung der strapazierten Füße oder ein erstes Prüfen der eingesammelten Prospekte, Kataloge und Leseproben.

Neokolonialistische Kraftmeierei des Ober-Russen Putin. Säbelrasseln einer ukrainischen Regierung, die kein Wählermandat besitzt. Eine deutsche Ministerin, die einer neuen Vorwärtsverteidigung das Wort redet (Stichwort: „Stärkung der Nato an den Ostgrenzen“). Der Blick zurück ins 20. Jahrhundert sollte eigentlich gegen jede Sehnsucht nach militärischen Auseinandersetzungen in Europa immunisieren. Vor einhundert Jahren begann der Erste Weltkrieg, Auftakt zu einem Jahrhundert der Vernichtung, Verwüstung und nicht mehr rückgängig zu machenden Entkultivierung Mitteleuropas. Auch an diesem Thema und den Büchern dazu kam man in Leipzig nicht vorbei.

5143CeB2mNL._Zwei Titel sind es, die ich mir aus dem unüberschaubar breiten Angebot herauspicken würde: Herfried Münklers „Der große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918“, weil hier weit über das Militärische und Politische hinaus geblickt wird und weil ich den Autor als besonders gut lesbar schätzen gelernt habe (zuletzt: „Die Deutschen und ihre Mythen“). Sowie Hermann Vinkes „Der Erste Weltkrieg: Vom Attentat in Sarajewo bis zum Friedensschluss von Versailles.“ Für die zahlreichen Fotos, Karten und Grafiken zeichnet Ludvik Galzer-Naudé verantwortlich. Vinke gelingt es wieder ein komplexes und schwieriges Thema in äußerst ansprechender Weise für ein jüngeres Publikum aufzubereiten. Ich wünsche gerade diesem Buch eine große Leserschaft in allen Altersklassen.

Zurück zur Poesie. Und damit zur „Leseinsel Junger Verlage“. Für mich immer einer der wichtigsten und spannendsten Anlaufstellen im Messe-Tohuwabohu. Verlage wie Volland & Quist (Kurt Wolff-Förderpreis 2010), Mairisch (s. oben) und Satyr zählen hier zu den betreibenden Kräften. Bei Mairisch erschien der Debutroman von Lisa Kreißler. Auf dem Podium der Lesebühne las sie eine längere Passage aus „Blitzbirke“. Eine Liebesgeschichte mit phantastischen Elementen und altgermanischen Einsprengseln, in der die Autorin stilistisch kleinere Experimente wagt, während ansonsten durchweg – bei aller Qualität – auch von Nachwuchsautoren sehr konventionell erzählt wird.

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Nora Gomringer und das „Wortart Ensemble“.

Nora Gomringers Lyrik hingegen ist eine ganz eigene Welt, die sich nicht in gängige formale Kategorien einordnen lässt. Diese Dichterin missachtet virtuos die Grenzen von Wort und Melodie, Rap und Slam, Deklamation und Proklamation. A-capella-Interpretationen ihrer Texte durch das Dresdner Ensemble „Wortart“ zählten für mich zu den eindrucksvollsten Momenten des heurigen Leipziger Büchermärz. Die CD auf der man das hören kann trägt den schönen Titel „Wie sag ich Wunder“. Den vollen Genuss bieten allerdings nur die Live-Auftritte. Hier gibt es Hörproben und die Tour-Termine!

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In Kürze gibt es auf con = libri den zweiten Teil meiner Eindrücke von der diesjährigen Leipziger Buchmesse.

Sudeleien. Anfang März 2014

Frühblüher, Biller und der doppelte Leo

Einer der ersten Märztage. Frühlingsahnen in Wald, Wiese und Vorgärten. Es geht dem Abend zu. Der süddeutsche Himmel wechselt gemächlich seinen Farbton. Aus strahlendem Hell- wird tiefes Dunkelblau, wenig später Nachtschwarz. Auf der CrossOver-Welle Bayern 2 singt Carmen Consoli von „Fiori d’arancio“ (Orangenblüte). Nach einem sonnenreichen Frischlufttag im Westallgäu zurück in der kleinen Großstadt, staune ich einmal mehr über das eindrucksvolle Blätterwachstum auf dem deutschsprachigen Zeitschriftenmarkt. Während vor allem die täglich erscheinenden, gedruckten Zentralorgane unserer Presselandschaft, längst im Spätherbst ihrer Gutenberg-Existenz angekommen, dem Siechtum durch Flucht in digitale Parallelwelten zu entkommen versuchen, sprießt es heftig und bunt am guten alten Kiosk.

Geradezu inflationär sind Titel-Kreationen mit einem etwas schwammigen Begriff, der wohl irgendwelche halbgaren Sehnsüchte weckt: „Land“. Den Kombinations-Phantasien der Verlags-Kreativen sind keine Grenzen gesetzt. So entdecken wir die metaphysische „Landidee“, den ins mystische verweisenden „Landzauber“, oder bodenständigere Varianten wie „Land der Berge“ und „Land und Forst“. Zwölfmal jährlich grüßt uns „Servus in Stadt & Land“, deren aktuelle Ausgabe – ganz am Puls des Frühlings – verspricht: „Alles erwacht.“ Für den naturnahen Junkie erscheint regelmäßig die „Landapotheke“. Wer bei „Landlust“ an die flotten Mädels vom aktuellen „Bäuerinnen-Kalender“ denkt, liegt völlig falsch. Ob es Schmusekater gibt, die ihrer Heidi ein Jahresabo von „Geliebte Katze“ zum Jahrestag schenken, bleibt offen. Der Titel „Sauen“ hingegen ist deutlich genug, es sei denn schwäbisches Kundenpotential denkt dabei an forciertes Joggen.

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Katze vor Frühlingsboten

Unter den wohlgestalteten Werbeträgern besonders reichhaltig vertreten ist die mundgerechte Kategorie „Essen und Trinken“. Wer nach dem Durchblättern von „Sauen“ wissen möchte, was aus eben diesen werden kann, erfährt es zum Beispiel in „Kochen und Genießen“, „La Tavola“ oder in der schlicht deutlichen „beef!“, die mit ihren sechs Ausgaben pro Jahr Leser und Gaumen erfreuen möchte. Das fleischlose Glück versprechen „Vegetarisch Fit“ und „Kraut & Rüben“. Wenn dennoch etwas schief geht, hilft der „Naturarzt“. Auf falsche Fährte führt „Filethäkeln“. Der Titel hat absolut gar nichts mit besonders feiner Fleischzubereitung zu tun, sondern gehört aufs weite Feld der Handarbeits-Journale, deren reiche Vielfalt die große Zahl jener Zeitschriften ergänzt, die traditionsreich seit gefühlten Jahrhunderten mit anmutigen Frauennamen von Brigitte bis Verena treue Käuferinnenschichten finden.

Für die nächsten Monate ist weiterer Zuwachs in den Auslagen gut sortierter Bahnhofsbuchhandlungen und den Sortimenten breit aufgestellter Lesezirkel zu erwarten. Wie man hört stehen diese Titel unmittelbar vor der Markteinführung: „LandFlucht“, „Mark und Bein“ „Dinkel und Bohne“, „Vegan im Alter“, „Mein Fleisch & ich“. Fordern Sie heute noch Probeexemplare bei den herausgebenden Verlagen an!

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Frühlingsboten vor Hintergrund

Dem aller Unhandlichkeit zum Trotz auflagen-erfolgreichen Wochenblatt „Die Zeit“ konnte ich neulich entnehmen, dass dem notorischen Konfliktsucher und Möchtegern-Großschriftsteller Maxim Biller der deutschsprachige Schreiber-Nachwuchs zu lau ist. Weil bildungsbürgerlich mittelschichtig verweichlicht, weil mit verwechselbarem Geruch der Nachwuchsdichter-Ställe in Leipzig und Hildesheim, weil themenschwach und faden Einheitsbrei erzeugend. Dem zeternden Gelegenheits-Romancier fehlt das Migrantische, das frisch Reingeschmeckte, das radikal-würzige Junggemüse von Balkan, Balaton und Baikal.

Nur so aus dem Bauch heraus und ohne Anspruch auf Vollständigkeit habe ich daraufhin ein paar Namen aneinander gereiht:

Terézia Mora, Sasa Stanisic, Olga Grjasnowa, Ilija Trojanow, Olga Martynova, Lena Gorelik, Vladimir Vertlib, Julya Rabinowich, Catalin Dorian Florescu, Selim Özdogan, Hilal Sezgin. (Links spare ich mir. Alle hier aufgeführten sind leicht im Netz und auf den entsprechenden Buchhandels-Plattformen zu finden. Dort erfährt man Näheres über ihre Herkunft, sprachliche Sozialisation und bis heute publizierten Werke.) Dem von eigenen Zweifeln freien, nur gelegentlich von lästiger Justiz behinderten Erfolgsschriftsteller Biller schlage ich vor, mit einem Buchhändler seines Vertrauens, wahlweise einem beschlagenen Komparatisten, über diese und andere Namen ins Gespräch zu kommen. Ein Zugewinn an Erkenntnis ist ihm sicher. (1)

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Hier wirkt der LandMann. („Er setzt seine Felder und Wiesen in Stand.“)

Was, außer Bauern im Außeneinsatz, im Märzen sicher kommt, ganz gleich ob die Landschaften bereits blühen oder noch von Schnee und Eis bedeckt sein werden wie im letzten Jahr, das ist die Leipziger Buchmesse. Und damit die schönsten Frühlingsboten aus der Dichter poetischen Gärten im Wettstreit um den Preis der Leipziger Buchmesse. In der Kategorie Belletristik stehen diese Titel – und nach ersten Eindrücken meine ich: durchaus zu recht – auf der Short-List:

Sasa Stanisic, Vor dem Fest (Luchterhand): Geschichten, Mythen und Legenden aus dem Heimatarchiv eines Dorfes. Kraft- und phantasievolle Erzählung.

Per Leo, Flut und Boden (Klett-Cotta): Der Historiker Leo verarbeitet die eigene Familiengeschichte zum Roman. Licht und Schatten deutscher Vergangenheit werden dabei differenziert betrachtet.

Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther (Suhrkamp): „Was es bedeutet, die Spuren einer verzweigten Familie zu sichern, wenn nichts sicher ist, außer dem Verschwinden, davon wird hier erzählt…“ (Verlagstext). Ein weiterer erzählender Ost-Import auf dem deutschen Buchmarkt. Bachmann-Preis 2013.

Fabian Hischmann, Am Ende schmeißen wir mit Gold (Berlin Verlag): Noch ein Debütant. Eine junge Stimme die sich an das bewährte Genre des weit ausholenden Familienromans wagt. Im Stil noch etwas unreif.

Martin Mosebach, Das Blutbuchenfest (Hanser): Es mag viele Gründe geben Mosebach nicht zu mögen, aber literarisch hat er mit diesem Buch einen Glanzpunkt gesetzt. Sein Frankfurter Gesellschaftsroman vor dem Hintergrund des Balkankrieges, ist das Werk eines reifen, erfahrenen Autors.

Bei der Online-Wahl des Publikumspreises habe ich mich für „Flut und Boden“ von Per Leo (2) entschieden. Natürlich aus Interesse am Thema und nach den Eindrücken einer Leseprobe, hauptsächlich jedoch aus einem etwas kuriosen Grund, der mit dem Namen des Autors zu tun hat. Vor einiger Zeit habe ich die familienbiographischen Aufzeichnungen „Haltet Euer Herz bereit“ des Berliner Journalisten Maxim Leo (3) gelesen. Die ostdeutschen Lebensläufe von drei Generationen Leos werden in diesem Buch sehr eindrucksvoll beschrieben. Und ich habe mich gefragt, haben diese beiden schreibenden Leos etwas miteinander zu tun? Gibt es da Verwandtschaft oder ähnlich Verbindendes? Ich bin noch nicht dahintergekommen und nehme entsprechende Hinweise gerne entgegen.

Mehr über Menschen und Bücher rund um die Leipziger Messe- und Literatur-Tage gibt es in der zweiten Märzhälfte hier auf con=libri.

(1)  Wille, A. T.: Die Osterweiterung der deutschen Literatur. – Würzburg : Kaiserbuden & Altfrau, 2014 oder 15 (in print)

(2)  Leo, Per: Flut und Boden. – Klett-Cotta, 2014

(3)  Leo, Maxim: Haltet Euer Herz bereit. – Heyne, 2011 (Originalausg. bei Blessing, 2009)

Leipziger Begegnungen 2013

Autoren, Bücher, Themen rund um die diesjährige Buchmesse und das Literaturfest “Leipzig liest”

Der erste Teil

Weg und Hin. Auf dem Weg in die Bachstadt. Im wohltemperierten Zug durch winterliches Bayern, Franken und Thüringen nach Sachsen. Mittelgebirgige Schneelandschaft zwischen Bamberg und Saalfeld. Zeitungslektüre: Der neue Papst nennt sich Franziskus; 250. Geburtstag von Jean Paul. Hier ist seine Gegend gewesen. In Pressig-Rodenkirchen nördlich von Kronach heftiges Schneegestöber. Beachtliche Schneehöhen im Schiefergebirge, dem östlichen Ausläufer des Thüringer Waldes. Hinter Förtschendorf die zahlreichen Windungen eines kleinen Baches. Frisch-flotter Wasserlauf durch weiß-grau-braune Landschaft. Eine alte bemoste Steinbrücke von einer Seite auf die andere. Deutsche Traum- und Märchenlandschaft. Ab und an, meist unverhofft: sonnige Passagen.

Reisefreiheit. Blauer Himmel. Glitzernde Schneefelder die blenden. Der Zug fährt jetzt auf einem Damm, hoch über den Dorf-Giebeln und einem nur ellenbreiten Gewässer mit vielen Eisinseln. Forellenteiche. Eine Kläranlage. Probstzella, wo vor der Reisefreiheit sogenannte Interzonenzüge angehalten und die Reisenden von martialisch auftretenden Grenzern inspiziert wurden. Immer noch sind Relikte dieser Zeit zu sehen. Verlassenes Kleingewerbe, Hinterhöfe voll Gerümpel, verrostete Tatra-Lastwagen, Trabanten, Ölkanister.

Im dösigen Halbschlaf kommen mir Namen in den Sinn: Christoph Hein und Erich Loest, Wolfgang Hilbig und Christa Wolf, Werner Bräunig, Franz Fühmann. Nahe Saalfeld. Goethe könnte hier auf einer seiner geologischen Exkursionen gewandert sein. Schiller, von Jena kommend, bei festem und raschem Schritt Balladen-Verse erprobt haben. Am Sportplatz von Unterloquitz Werbung für das süffige Saalfelder. An einem Schuppen ein schwarzrotgoldener Pfeil von links unten nach rechts oben. “Aufschwung Ost” steht unter dem Pfeil. Legendbildung der Kohljahre. Ernüchterung beim Blick auf die Realitäten im Jahre 2013.

“An der Saale hellem Strande / stehen Burgen stolz und kühn / Ihre Dächer sind zerfallen, / und der Wind streicht durch die Hallen, / Wolken ziehen d´rüber hin.” Vertonte und häufig gesungene Verse die einst der aus Pommern stammende Historiker Franz Kugler in Jena dichtete. Jena um 1800: Ein Mittelpunkt deutscher Klassik, deutscher Denker, Sitz einer Universität von Geltung. Die Nietzsche-Stadt Naumburg mit ihrer Turmsilhouette. Der dem Zerfall überlassene Bahnhof von Großkorbetha. Daneben ein verrosteter Wasserspeicher auf kurzem Ziegelturm. Nach der Durchfahrt von Markranstädt (zerfallender Bahnhof) am Kulkwitzer See entlang. Ehemaliger Kohle-Tagebau, jetzt Wassersport-Zentrum. Dann beginnt Leipzig. In ausholendem Schienenbogen geht es in den größten Kopfbahnhof Europas.

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Wortmacht. Die Macht der Sprache und eine allererste Begegnung auf dem Messegelände. “Ich werde was machen mit der Sprache”, versprach Nora Gomringer auf der “Leseinsel junger Verlage”. Ein Versprechen das sie nuancenreich, mal zart, mal fulminant, vor dankbarem Publikum einlöste. “Text bewirkt ja was. Ich habe da überhaupt keinen Zweifel.”

“Wir sind das Volk!”. Ein Text, ein Ausruf, eine Manifestation, aus vier Worten bestehend, der viel bewirkte. Daran erinnerte Michail Sergejewitsch Gorbatschow, als er in Leipzig seine neue Autobiographie vorstellte und sich in einer Innenstadt-Kirche mit dem langjährigen politischen Weggenossen Hans Dietrich Genscher zum Gespräch traf. Der Menschen-Andrang war immens, das Medien-Echo gewaltig. Wendezeit-Erinnerungen. Anlass für nostalgischen Weißtdunoch?-Austausch. Inzwischen haben es die Völker dieser Erde wieder schwer. Weil es jetzt vorrangig um die Euros der Banken, den Zustand globaler Konzerne, den Kampf um Märkte und Rohstoffe geht. (s. dazu u. a.: Schulze, Dahn, Schirrmacher u. a.)

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Überzeugt von der Macht der Worte: Nora Gomringer

Großes Theater. In klarer kalter Nacht steht eine schmale Mondsichel am Himmel. Hinter den großen klassizistischen Festern der eindrucksvollen, frisch sanierten Stadtbibliothek der Buchstadt Leipzig brennt noch Licht. Lüsterglanz in Gewandhaus und Oper. Im Laternenschein des weiten Augustplatzes sind Menschgruppen unterwegs zum abendlichen Musikereignis. Auf der anderen Seite der Innenstadt ist auch das Schauspielhaus erleuchtet. Durch alte schwere Türen drängen fortwährend Menschen. Sehr viele “Leipzig liest”-Veranstaltungen finden hier statt. Am Freitag-Abend ist ein literarisches Quartett im Raum der “Hinterbühne” geplant. Als Teilnehmer vorgesehen sind Jakob Augstein, dessen viel zu wenig gelesenes Wochenblatt “Der Freitag” als Veranstalter fungiert, die Schriftstellerin Jana Hensel, der Leipziger Stadtschreiber Clemens Meyer und der Kulturredakteur Michael Angele.

Als alle Sitzplätze besetzt sind, viele weitere Interessenten abgewiesen wurden, nehmen auf der Bühne nur Angele und Meyer Platz. Ein Virus habe die beiden anderen niedergestreckt wird mitgeteilt. Angele nippt an einem kleinen Becher Wein. Meyer trinkt aus einem von zwei Halben Bier, die als Vorrat neben ihm stehen. Die Bücher? Naja. Tom Wolfe, „Back to Blood“ (lt. Verlag eine “bissige Satire auf den menschlichen Umgang mit gesellschaftlicher Realität.”); Ulrike Edschmids “Das Verschwinden des Philip S.” (Der Freund war Extremist, geht in den Untergrund, stirbt im Kugelhagel, vierzig Jahre her); Christiane Neudecker, „Boxenstopp“ (Formel 1 und Mißbrauchsthema in einen Topf bzw. Roman gerührt. Bei mir gehen aber bei Büchern über Autowahn immer alle Rolläden runter), Sabine Rennefanz, „Eisenkinder“ (Wut, Verzweiflung, Irrwege von Jugendlichen nach der Wende, autobiographisch, ein Thema das in Leipzig nicht übergangen werden kann). Ganz ehrlich: Für mich war da nichts dabei.

Die Diskussion beginnt. Anfangs wird abwechselnd gesprochen und besprochen, geurteilt und kritisiert. Bald wird aus der Diskussion Disput, Meyer zunehmend heftiger, reißt immer mehr das Wort an sich. Mit Zwischenruf fordert eine Dame den Leipziger auf, den Gesprächspartner doch wieder zu Wort kommen zu lassen. Meyer wird ausfällig (“Wenn es dir nicht passt…” oder so ähnlich) und fordert zum Verlassen des Saales auf. Dem Aufruf folgt daraufhin eine empörte knappe Hälfte des anwesenden Publikums. Angele bemüht zu beruhigen, bleibt beherrscht, will sein Honorar mit Seriosität verdienen. Letztlich arbeiten beide Protagonisten die vorgesehenen sechzig Minuten mehr oder weniger gequält ab. Die Zeugen des Eklats schwanken zwischen Fremdschämen und Erheiterung. Die „Leipziger Volkszeitung“ schreibt am nächsten Tag: “Das Duett geriet zum Duell mit reichlich Dissonanzen, jedoch hohem Unterhaltungswert.”

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Urteilskraft. Was diesen Zweien nicht gelang, wuppte Denis Scheck ganz alleine. Mehrmals täglich auf dem Messeforum der ARD, wusste er vor immer wieder zahlreichen (oder sagt man zahllos, wenn man ein Sehrviel nicht zählen will?) Zuschauern und Zuhörern, mit klaren, deutlichen und verständlichen Aussagen und Urteilen über Bücher zu fesseln und für das Lesen zu begeistern. Das ging Schlag auf Schlag. Die guten mit Kritikerlob überschütten, die schlechten in den (verbalen) Kübel. Die Bücher? Es waren sicher 20 bis 25 verschiedene Titel in einer halben Stunde.

Hier einige der interessantesten Beispiele: “Der Herr der Ringe” (beste Phantasy-Literatur, ein verkappter Roman über den 2. Weltkrieg, was der Autor nicht wahrhaben wollte, aber “der Text ist manchmal klüger als der Autor”), Coelho wird von Scheck generell und bei jeder Gelegenheit verrissen (Denis Scheck ist der absolute Anti-Coelho. Schund, Schwulst, Mist usw.) Nabokov, “Lolita” (absolutes Meisterwerk; man lese nur die ersten drei Sätze und wisse bescheid) und zum Thema Erotik in der Literatur folgte gleich “Shades of Gray” (nicht nur schlecht geschrieben, sondern auch inhaltlich unerträglich. Das Furchtbare seien nicht die sich ständig wiederholenden SM-Szenen, sondern – laut Denis Scheck – die gedankenlos perverse Demonstration von Reichtum und Wohlstand.)

Gelobt wurde hingegen der neue Roman des chinesischen Literaturnobelpreisträgers Yan Mo, “Frösche”, dem es damit endgültig gelungen sei, Vermutungen über eine Kungelei des Autors mit den Oberbonzen zu wiederlegen. In der Debatte um den Umgang mit aus heutiger Sicht diskriminierenden Bezeichnungen in älteren Büchern (“Neger”, “Hexe”) forderte Denis Scheck zur Sachlichkeit und Überprüfung zementierter Standpunkte aller Seiten auf. Und bat schließlich flehentlich und herzerweichend, doch seine Sendung “Druckfrisch” im SWR-Fernsehen regelmäßig anzuschauen, da sie sonst vom Quotentot bedroht sei.

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Laut. Lauter. Lauterbach. Wie der Heiner ist keiner. Schon die zweite Autobiographie. Lauterbachs Läuterung. Seit ich weißnichtmehrwieviel Jahren Verzicht auf Glücksspiel, kein Rumhuren mehr und kein Suff. Abschied vom schlechten Heiner. Ein neues, zweites Leben. Stolz ist der Hahn. Das muss die Welt wissen. Und die Welt will es wissen und strömt zu Hauf, wo immer der Kahlkopf hinter ein Mikrophon tritt.

Doch außer solchen Lautsprechern waren auch moderatere Darsteller zu hören und zu sehen, wie die Schauspielerin Carmen-Maja Antoni, ein in der Regenbogenpresse selten auftauchendes Gesicht, das im Fernsehen hin und wieder in Nebenrollen zu sehen ist. Schon als Kind und Jugendliche wirkte sie in DDR-Filmproduktionen mit. Ihre eigentliche Welt war und ist die Bühne. Seit 1976 ist sie am Berliner Ensemble engagiert, wo sie u.a. in zahlreichen Brechtrollen auftrat. “Im Leben gibt es keine Proben” heißen ihre anektodenreichen Erinnerungen, die sie zusammen mit Brigitte Biermann verfasst hat. Ein bemerkenswertes Kapitel (ost)deutscher Theatergeschichte.

Leipziger Begegnungen 2012

Von Menschen und Büchern rund um die Stadt, ihre Buchmesse und “Leipzig liest” – Der erste Teil

Auftakt. Der Marsch der Massen zur Messe. Wie schnell der Rummel-Trummel jeden Morgen hochfährt! Um zehn werden die Schleusen geöffnet und drängend fluten Hunderte die bereits unruhig auf Einlass warteten die lichte hohe Glashalle und die Flure zwischen den Ausstellungsständen. Und schon sitzen auf blauen und roten Sofas morgenfrische oder notdürftig ausgeschlafene Autoren und Autorinnen neben pseudo-wachen Moderatoren, die planmäßig ihre ersten Frage-Stanzen absondern. “Kann man sagen, dass der Stoff Ihres neuen Romans zu Ihnen gefunden hat?”

Zum Messegelände findet man am frühen Morgen am leichtesten mit der im dichten Takt fahrenden Straßenbahnlinie 16. Die Buchmesse ist nun schon seit Jahren am nördlichen Stadtrand zu Hause, deshalb dauert die Fahrt reichlich 20 Minuten. Man verbringt diese Zeit in engstem Kontakt mit erwartungsvollen Menschen, die alle irgendwas mit Büchern oder zumindest buchnahen Dienstleistungen oder Produkten machen, und mit Schülern und Schülerinnen von Leipziger Bildungseinrichtungen mitsamt ihren Lehrerinnen und Lehrern, denen man den Messebesuch in den Tagesplan geschrieben hat und die diese Abwechslung vom Frontal-Unterricht als willkommenen Freiraum nutzen.

Es ist gut wenn man dann schon gefrühstückt hat. Vor der Begegnung mit den literarischen Protagonisten empfiehlt sich der Besuch beim „Brotagonisten“, wie sich die in ganz Leipzig vertretene Bäckerei-Kette Wendl betitelt. Man kann dort an einer “Vollversemmelung” teilnehmen, eine “Wendl-Schleife” genießen, die südlich des Mains auch als “Brezel” bekannt ist, oder man bringt den netten Damen hinter der Theke schonend bei, dass man gerne einen “Knax” hätte. Dazu eine Tasse Heißen vom aromatischen Bohno W. und für unterwegs kommt vielleicht noch der beliebte, nahrhafte “RoggStar” in die Tüte.

In Leipzig wird ab Null Grad Plus im Freien gefrühstückt. Dafür steht allzeit Sitzgarnitur an Sitzgarnitur vor Kneipe, Cafè, Bäckerei und Restaurant. Das gilt ganz besonders für die zwei wichtigsten Straßenzüge der Messestadt: die szenische Karl-Liebknecht-Straße (kurz: Karli) in der Südvorstadt und das enge Barfußgäßchen, stetig überfülltes Zentrum der Fress- und Vergnügungsmeile Drallewatsch im unmittelbaren Stadtkern.

“Ein Rettungsschirm für die Bildung!” – Transparent an einer Leipziger Hochschule.

Bildung. Eine Buchmesse ist lehrreich. Von dem sächsischen Kabarett-Urgestein Gunther Böhnke, der einst zusammen mit Bernd-Lutz Lange das legendäre Duo “academixer” war, erfahren wir “50 einfache Dinge die Sie über Sachsen wissen sollten”. (Westend. Euro 14,99) „Nicht nur, aber vor allem als Appetitmacher auf Sachsen für Nichtsachsen bestens geeignet, amüsant, anekdotisch, regionalstolz, dabei zugleich selbstironisch.“ (Sächsische Zeitung).

Natürlich hatte auch ich mir bis zu diesem Zeitpunkt nie tiefergehende Gedanken über die Papiertüte gemacht. Jetzt wurde mir auf die Sprünge geholfen. Unter anderem auf dem Mephisto-Sofa (Mephisto 97,6 = Universitätsradio Leipzig) ging Alexander Neubacher in aller Breite dem selbstgewählten Thema und den damit aus seiner Sicht verbundenen Vorurteilen auf den Grund. Entgegen allgemeiner Vermutung und Hoffnung hat jenes beliebte alternative Verpackungsmittel nach seinen Recherchen eine extrem negative Ökobilanz. Das und noch viel mehr, will er uns in seinem Buch der “Ökofimmel: Wie wir versuchen, die Welt zu retten – und was wir damit anrichten” weissmachen. (DVA, Euro 19,99). Diese Pseudoerkenntnisse verbreitende, ressourcenverschwendende Wichtigtuerei – als SPIEGEL-Buch erschienen – kann leider nicht in der Ökotonne entsorgt werden, sie gehört auf den Sondermüll.

Und auch das hätte ich nie erfahren, wenn ich mich nicht einmal mehr drei Tage durch Leipzigs Frühjahrbuchmesse geschoben, gelesen und gestaunt hätte: Im Mai 2011 schloss im indischen Mumbai die weltweit letzte Fabrik für mechanische Schreibmaschinen.

Karl May. Der sächsische Gauner und Vollblut-Fabulierer wurde am 25. Februar 1842 in Ernstthal geboren und starb am 30. März 1912 in Radebeul. So ist derzeit also willkommene Gelegenheit sowohl 100. Todestag, als auch 170. Geburtstag des Reise-, Heimat- und Abenteuer-Schriftstellers ausgiebig zu begehen. Einige unentwegte Freunde seiner Werke, von denen es noch sehr viele gibt, haben sich in der Karl-May-Gesellschaft organisiert, die auf der Messe mit einem kleinen Stand vertreten war und mehrere interessante Veranstaltungen einbrachte.

So las der populäre Schauspieler Peter Sodann Mays humorvolle Kurzgeschichte “Die Senfindianer” und anschließend einige Passagen aus dessen Autobiographie “Mein Leben und Streben” (Zenodot, Euro 24,90). Sodann schätzt besonders die humane Grundstimmung bei Karl May, wobei er aber auf die mitschwingenden christlich-missionarischen Töne eher verzichten könnte. Ihm gefallen neben den Abenteuerromen vor allem die Geschichten aus dem Erzgebirge.

Bereits vor etlichen Jahren hatte der Leipziger Schriftsteller Erich Loest (“Völkerschlachtdenkmal”, “Nikolaikirche”) eine Roman-Biographie des immer noch verkaufsstarken Schriftstellers veröffentlicht, die jetzt wieder neu aufgelegt wurde. Aus “Swallow, mein wackerer Mustang” (Mitteldeutscher Verlag, Euro 10) wurde an den Messetagen täglich im Kulturradio MDR Figaro daraus gelesen. Ganz aktuell ist eine neue, wissenschaftlich fundierte May-Biographie von Helmut Schmiedt bei C. H. Beck erschienen: “Karl May: oder die Macht der Phantasie.” (Euro 22,95)

Sodann. Peter Sodann als Tatort-Kommissar inzwischen pensioniert und als Bundespräsidenten-Kandidat der Linken nur mit einem Kurzauftritt, hält mit seinen politischen Vorstellungen ungern hinter dem Berg und nutzte den einen oder anderen Messeauftritt um seine Meinung vor stets zahlreichem Publik zu äußern. Man muss diese im Einzelnen nicht immer teilen, es ist jedoch sehr erfrischend, eine bekannte Persönlichkeit zu erleben, die sich so bescheiden unprominent gibt und auf jede falsche Stromlinienform verzichtet.

Sodann erzählt, dass er wie Karl May aus Ardistan stammt, was als Hinweis auf beider Herkunft aus sprichwörtlich einfachen Verhältnissen verstanden werden soll und schreibt den regierenden Politikern Goethes leicht verständliches “edel sei der Mensch, hilfreich und gut” ins Poesiealbum. Er verfügt über ein reiches Reservoir klassischer Dichtkunst aus der er jederzeit passend zitieren kann. Den vergnügten Menschen vor ihm, die immer wieder heftig applaudieren gibt er dann noch Brecht mit auf den weiteren Messe- und Lebens-Weg: „Reicher Mann und armer Mann // standen da und sahn sich an. // Und der Arme sagte bleich: // »wär ich nicht arm, wärst du nicht reich«.“

Verfolgung. Bleiben wir noch etwas bei den politischen Momenten der Leipziger Buchmesse, die es trotz allen Unterhaltungs-Überangebotes Jahr für Jahr auch gibt und die mitunter in berechtigte Empörung und originelle Protestformen münden. Natürlich ist die Buchmesse nicht vorrangig als politisches Forum gedacht. Dennoch gibt es Ereignisse und Zustände auf unserem Planeten vor denen man nicht als Mitmensch und schon gar nicht als Künstler die Augen verschließen kann. Deshalb hat der Verband deutscher Schriftsteller eine Aktion gegen Neo-Nazis gestartet. Deshalb setzt sich die Gesellschaft für bedroht Völker für verfolgte Künstler in China ein und tat dies auf der Leipziger Buchmesse mit einer eindruckvollen Aktion und einer Unterschriftensammlung.

Am Ende dieses ersten Teils der „Leipziger Begegnungen 2012“ ein Zitat des verfolgten, vor den Nazis nach Schweden geflohenen Schriftstellers Kurt Tucholsky, über den in diesem Jahr ebenfalls eine neue Biographie von Rolf Hosfeld (Siedler, Euro 21,99) erschienen ist, und dessen Verzweiflung über seine Zeit und Zeitgenossen ihm 1935 nur noch den Ausweg in den Freitod ließ. So radikal deutlich und politisch er sich artikulierten konnte, so zart und liebevoll konnte er gleichzeitig seinen Gefühlen Ausdruck geben. Die Zeilen stammen aus Tucholskys Roman “Schloß Gripsholm” (Diogenes, Euro 7,90):

“…und dann spielten wir das Bücherspiel: Jeder las dem andern abwechselnd einen Satz aus seinem Buch vor, und die Sätze fügten sich schön ineinander.”

Den zweiten Teil der „Leipziger Begegnungen 2012“ gibt es in etwa einer Woche an dieser Stelle. Dann verrate ich auch jene drei Bücher, die ich persönlich in diesem Jahr am interessantesten fand.