2017. Das Jahr von DLS

Treibstoff aus Nüssen und Wohnen im All sind sicher zwei wichtige Trends der nahen oder ferneren Zukunft. Doch jetzt sind wir im Jahr 2017. Und jetzt kommt DLS.

Für zahlreiche aktuelle Statussymbole läuft die Uhr ab. PS-starke Geländewagen, hypergigantische Kreuzfahrt-Dampfer, löchrige Designer-Jeans, chromblitzende Kaffee-Automaten der 2000-EuroplusX-Klasse, Dauerkarten für Freizeitparks, opulente Grill-Orgien, selbstgestrickte Bimmel und Bommel, Reisen in exotische Inselstaaten. Out. Das Zeitalter von DLS hat begonnen. Oder wie das Zukunftsorgan BALD schrieb: „DLS – alle sind dabei!“

Erste Zeitschriften-Titel tauchen an den Kiosken auf: „Mein DLS“, „DLS-Lust“, „DLS-Idee“, „Mega-DLS“, „DLS für Landfrauen“, selbst die altbewährte Apotheken-Rundschau macht mit: „Mit DLS und ihrer Apotheke zu einem erfüllten und gesunden Leben.“

Die Buch-Verlage ziehen hektisch nach. Schon liegen die ersten Titel auf Sondertischen bei Dubenhugel und Co.: „DLS für Dummies“, „Mein Weg zum perfekten DLS“, „DLS in 10 einfachen Schritten“. Angekündigt sind Bücher von Til Schweiger („Mehr Wumm mit DLS“) und Barbara Becker („Jungbrunnen DLS.“) Die Kuppelspezialisten von Parshit werben: „Bei uns findest Du den idealen DLS-Partner“.

D, wie Denken, wie selber denken, kritisch denken, Skepsis pflegen. Folgenabschätzung erlebt einen ungeahnten Boom. „Zweifel sind das Beste, was einer Gesellschaft passieren kann“, schrieb Angelika Slavik in ihrem zu skeptischen Denken anregenden Essay auf „SZ Online“ an Neujahr 2017. Ein fulminanter Auftakt zum DSL-Jahr. Vor sich selbst macht dieses neue Denken nicht halt, wie Slavik betont: „Die Fähigkeit, die eigene Leistung zu hinterfragen, ist die erste und unabdingbare Voraussetzung für Exzellenz in jeder Disziplin.“

Die Volkshochschulen sind dabei. Kurs-Beispiele der vh Erkenschwick: „Ich bin Selbstdenker“, „Skepsis in allen Lebenslagen, I und II“. Voraussetzung für die Teilnehmer: Bereitschaft und Fähigkeit zu konzentriertem, ausdauernden Lesen selbst sperriger Texte.

L, wie Lesen. Lesen immer und überall. Wissen erwerben durch Lesen. Lesen mit Ausdauer, Bücher mit Gehalt und von Umfang. Aus Belesenheit und Wissen wird Bildung, grundlegende Voraussetzungen für eigenständiges Denken. Es werden wieder Bücher gekauft um sie zu besitzen. Planer von Neubauwohnungen haben erkannt: Jetzt sind Stellwände für Xtra-breite Regale gefragt.

Die neuen Leser sind bookish. Gedruckte Haptik erobert die Wohn- und Arbeitsräume, ja selbst die Kinderzimmer. In Bussen und Bahnen, auf Bänken und Wiesen, an Kaffeehaustischen – kaum noch jemand hält ein Smartphone vor die Nase. Die Container an den Sammelstellen füllen sich mit entsorgtem Elektroschrott. Die Renaissance des Buches ist allerorten spürbar. Fast vergessene Handwerke und Berufe kehren zurück: Papierschöpfer, Buchbinder, Antiquare. Qualifizierte Bibliothekare und Buchhändler werden händeringend gesucht.

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„Geben wir dem Buch seine Verantwortung zurück“, forderte Nina George auf den Leipziger Buchtagen im Juni 2016. „Ein Buch ist der Kontrollentwurf zur virtuellen Welt und seiner behaupteten ‚Schwarmintelligenz‘, die im Web kollektiv einen Konsensbrei aus Wissen und Vermutung anrührt, in kurzen, verdaulichen Texthäppchen – der schon am nächsten Tag aus der Timeline und aus dem Gedächtnis verschwunden ist.“ (Im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels war das nachzulesen.)

S, wie Schreiben. Händisches, bewusstes Schreiben. Wohlüberlegtes, ausformuliertes Aufschreiben. Beschreiben als Selbstvergewisserung. Gedanken und Gedächtnis in Schriftform ohne Speicherprobleme und zur nachhaltigen Verfügbarkeit.

Geschäfte für alle Arten von Schreibwaren eröffnen neu. Kleine überladene Räume in denen zu finden ist, was das Herz der neuen Schreiber höher schlagen lässt. Feine Papiere, edle Füllfederhalter, Blei- und Buntstifte. Kladden und Tagebücher sind seit Tagen ausverkauft, neue Lieferungen werden erwartet, die Liste der Vorbestellungen ist lang.

Schreiner fertigen Steh- und Schreibpulte, Sekretäre, Schreibtische aus schwerer Eiche nach individuellen Wünschen. Die Menschen schreiben Tages- und Familienchroniken, Gedichte, Skizzen und Geschichten über Erlebtes und Erdachtes. Die gelbe Post war auf die einsetzende Flut handgeschriebener Briefe nicht vorbereitet.

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Lotte ist immer noch Bedienung in meiner Stammkneipe am Max-Brod-Platz. Dabei studiert sie längst BWL mit „Schwerpunkt Mergers and Acquisitions“, wie sie mir neulich stolz berichtete. Ob sie abkassieren könne, sie habe jetzt Feierabend. Meine rechte Wange lag noch auf der Druckerschwärze des Lokalblatts. Als meine Augen offen sind, sehe ich, dass ich genau auf einem Artikel geruht habe, der über die Schließung von Bücher-Hansi informiert, der letzten unabhängigen Buchhandlung in unserer kleinen Großstadt.

Hinaus ins Zwielicht abendlichen Schneetreibens. Mir kommt in den Sinn, dass ich meinem ausgeträumten Traum noch ein weiteres L anhängen könnte.

L, wie Laufen. Das neue Laufen heißt Spazierengehen, Schlendern, Promenieren. Sanftes Wandern auf den Spuren unserer Dichter. Mit Friedrich Schiller durch das Tal der Saale, mit Theodor Fontane durch Berlin und Brandenburg, mit Maria Müller-Gögler von Weingarten nach Schlier durchs Lauratal, bergauf, bergab mit Hermann Lenz in Stuttgart, mit Hölderlin von Hauptwil an den Bodensee und zurück in die schwäbische Heimat, mit Andreas Maier die Wetterau erkunden.

Denken und Gehen. Was für eine Symbiose. Damit beginnt eines der merkwürdigsten Bücher, das mir in letzter Zeit untergekommen ist.

„Ich kann auf meinen Spaziergängen die schwierigsten und verzwicktesten Gedanken denken, ohne von äußeren Einflüssen unterbrochen und gestört zu werden. Ich spaziere vor mich hin, meine körperliche Person mit ihren Beinen und Füßen auf ihrem Weg, mein Geist mit seinem Denken in seinen Gedanken.“ Bald schon trifft der Protagonist eine Gleichgesinnte, eine Beziehung bahnt sich an: „… ich habe gesehen, daß du ein Denker bist, du denkst beim Gehen, die ganze Zeit denkst du beim Gehen, das habe ich gesehen, und ich brauche einen Denker, ich sehne mich nach einem Denker …“ (Christoph Bauer, Jetzt stillen wir unseren Hunger. S. Fischer, 2001)

„Wir sind die Treibenden.“

Ein Jahr geht zu Ende

Neben Essen, Trinken, Schwatzen, Schenken und Beschenktwerden, Zanken und Vertragen, Zusammen- und Besinnlichsein; außer Tannenbäumebestaunen und Vorsätzefassen, Raketen zünden und Ideen zulassen, Träumen und Schlendern, bieten die Tage um Weihnachten und den Jahreswechsel noch manche Stunde (manchen Tag) zum Blättern und Schmökern, für alte und neue Lektüre, dem Wiederindiehandnehmen fast vergessener Bücher und das Entdecken literarischen Neulands.

Zur Zeit lese ich den meisterlichen Roman „Exil“ von Lion Feuchtwanger. Über 800 lohnende Seiten, die natürlich etwas Geduld und Beharrlichkeit erfordern. Es ist der dritte Band der sogenannten „Wartesaal-Trilogie“ und handelt vom Schicksal einer Gruppe Menschen, die Naziherrschaft und Judenverfolgung nach Paris vertrieben haben. Die ersten beiden der inhaltlich nur lose verknüpften Bände, „Erfolg“ und „Die Geschwister Oppermann“, hatte ich bereits vor längerer Zeit gelesen.

Süffigeres liegt für danach bereit. In den freien Tagen bis zum 6. Januar möchte ich mir unbedingt noch den neuen Krimi von Elisabeth Herrmann gönnen. Er heißt „Versunkene Gräber“ und wurde von einer meiner anderen Lieblings-Spannungsautorinnen, nämlich Inge Löhnig, sehr gelobt. Herrmann greift gerne Themen der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte auf. Und so verrät der Klappentext ihres aktuellen Buches, dass ein Verbrechen in der Gegenwart, hineinführt “in die dramatischen Ereignisse des Jahres 1945, als sich die Schicksale von Tätern und Opfern kreuzten und Entsetzliches geschah.” Ich bin gespannt.

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“Seit mindestens zweihundert Jahren ist der Drang nach Beschleunigung so dominant, daß er Umwälzungen von schockierendem Ausmaß bewirkte, die ihrerseits Anlaß zu Fragen, Klagen und Warnungen gaben.”

In diesen Tagen und Wochen begleitet mich ein schmales Büchlein der aus der heutigen Slowakei stammenden, in der Schweiz lebenden Übersetzerin, Essayistin und Schriftstellerin Ilma Rakusa mit dem Titel „Langsamer! Gegen Atemlosigkeit, Akzeleration und andere Zumutungen“. Es enthält mehrere nicht allzu lange Aufsätze, jeder mit starken Bezügen zur Literatur, die um das für Viele immer drängender werdende Bedürfnis nach Entschleunigung kreisen. Zu den verweisungs- und geistreich aufgegriffenen Themen, die Rakusa mit diesem Verlangen in Zusammenhang bringt, gehören u. a. Arbeit, Natur, Muße und Reise.

Mir gefällt am besten das Kapitel “Lektüre”, in dem die Autorin den Lesern verdeutlicht, dass in ganz besonderer Weise “Lesen ein langsamer Vorgang … ist und bleibt.” Und “das sogenannte Verschlingen von Büchern … sich vorhandener Zeit und Ausdauer” verdankt. In den Gedanken von Ilma Rakusa finde ich willkommene Rechtfertigung und Bestätigung für die eigene Liebe zur Literatur, zu den Werken von Dichtern und Denkern, für meine liebste Zeitverwendung – das Lesen. “Sinnlichkeit, Beschaulichkeit, Entspannung … Lesen will nicht nur zweckdienlich sein. Daß es Erkenntnisse vermitteln und unterhalten kann, daß es zur Welt- und Ich-Findung, zur Sinnstiftung und Klärung beiträgt, ist das eine. Zugleich ist es eine sich selbst genügende Tätigkeit, die ein großes Glücksversprechen enthält.”

Der Leser “erfährt, dank Konzentration und Hingabe, ein verändertes Zeitgefühl, überwindet die Ich-Grenzen und bewegt sich in einem Raum spielerischer Autonomie.” Täuscht mein Eindruck, oder sind es tatsächlich immer weniger Menschen, die in unserer Gegenwart der Einladung, solch ganz persönliche Privilegien wahrzunehmen und in selbstbestimmtem Tempo durch die Welt zu schreiten, folgen?

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Meine allerneueste Erwerbung, nach langem Hinundherüberlegen, ist die bei Fischer erschienene Taschenbuch-Ausgabe der Romantrilogie „November 1918“. Ein literarisches Großprojekt des Schriftstellers und Arztes Alfred Döblin über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Beginn sich im neuen Jahr 2014 zum 100. Male jährt. Döblin zählt zu den etwas aus dem Blick geratenen Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Am bekanntesten ist sein stilistisch außergewöhnlicher, von Rainer Werner Fassbinder einst eindrucksvoll verfilmter Roman “Berlin Alexanderplatz”. Mit Döblin wollte ich mich schon länger einmal etwas intensiver beschäftigen. Nach Feuchtwanger und dem Krimi soll dies der nächste Lesestoff werden. Ob es dazu kommt? Lesen kann man nicht wirklich planen. Es ist von Launen, Stimmungen, Angeboten und zahlreichen Einflüssen und Zufällen abhängig.

Ein Jahr geht zu Ende. Wie immer in unserem Kulturkreis mit einem 31. Dezember. Bei Anbruch des darauffolgenden Tages, dem 1. Januar, wird sich wenig geändert haben. Wir treiben weiter durch Raum und Zeit. Dimensionen für die nur der Mensch Maßeinheiten, Maßstäbe und Normen kennt. Stets auf der Suche nach sicheren Ankerplätzen. Im unauflöslichen Zwiespalt von „Wille und Vorstellung“.

„Wir sind die Treibenden“, beginnt das XXII. “Sonett an Orpheus” von Rainer Maria Rilke aus dem Jahr 1922:

Wir sind die Treibenden. / Aber der Schritt der Zeit, / nehmt ihn als Kleinigkeit / im immer Bleibenden.

Alles das Eilende / wird schon vorüber sein; /  denn das Verweilende / erst weiht uns ein.

Knaben, o werft den Mut / nicht in die Schnelligkeit, / nicht in den Flugversuch.

Alles ist ausgeruht: / Dunkel und Helligkeit, / Blume und Buch.

„Mit Büchern in Gesellschaft“

Hanns-Josef Ortheil und das Lesen

Vladimir Nabokov, russischer Schriftsteller und Schmetterlingsforscher, der den größten Teil seines Lebens im deutschen, amerikanischen und schweizerischen Exil verbrachte, war auch zehn Jahre an der nordamerikanischen Universität von Cornell als Literatur-Professor tätig. Zu seiner pädagogischen Zielsetzung gehörte es, nach eigener Aussage „Meisterleser für die Autoren von Meisterwerken“ auszubilden. In seinem Buch “Die Kunst des Lesens” hat er seine dahingehenden Vorstellungen an Hauptwerken der russischen Literatur und Schriftstellern wie Tolstoi, Dostojewski und Gorki erläutert, erprobt und weitergegeben.

Man darf dem deutschen Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Hochschullehrer Hanns-Josef Ortheil unterstellen, dass er ähnliche Absichten verfolgt, wenn er, in immer wieder neuen Formen und bei immer wieder anderen Gelegenheiten, über das Thema “Lesen” ausschweift. Beiden Schriftstellern ist zudem gemein, dass sie gerne darauf aufmerksam machen möchten, wie nahe verwandt intensives, lebensbegleitendes Lesen und der Drang und die Fähigkeit zum Schreiben sind.

Im letzten Jahr entstanden sieben kurze Video-Filme, in denen Hanns-Josef Ortheil über jeweils ein konkretes Thema spricht und dazu einige ihn interessierende und, wie er hofft, auch sein Publikum begeisternde Bücher vorstellt. “Ortheils Monologe” entstand in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Stuttgart, Regie führte Manfred Heinfeldner, die animierten Passagen stammen von Ralf Bohde. Gedreht wurde in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs an Schauplätzen, die einen engen Bezug zum jeweiligen Inhalt haben.

In den ersten Folge ging es um “Einfachheit”, “Musik hören”,  und “Gastrophie”, bei der uns der Autor zu besonders labhaften, kulinarischen Schauplätzen mitnimmt. Dann durften wir den berucksackten Ortheil beim “Pilgern” auf lichten, grünen Wegen begleiten, ihn über “Gärten” und “Kunst” plaudern und passende Lektüre empfehlen hören und sehen. Der bisher neueste Film entstand im Dezember letzten Jahres und widmete sich einer Beschäftigung, die für Schriftsteller tägliches Handwerk und künstlerische Passion, manchmal aber auch verwünschte Qual ist – dem Schreiben. Ortheil nimmt uns dazu mit in die Geburtsstadt Friedrich Schillers, nach Marbach bei Ludwigsburg, zu den dortigen Literatur-Museen.

Die Filme bieten reichlich inspirierendes Gedankengut vor manch hintersinniger Kulisse. Sie haben eine unterschiedliche Länge von etwa acht bis knapp 15 Minuten und können auf der Web-Site des Stuttgarter Literaturhauses angesehen werden: “Ortheils Monologe”.

Dem Schreiben voraus, wie uns Nabokov und Ortheil überzeugend klarmachen, geht also unabdingbar das Lesen. Ohne ausdauerndes, dabei tief in Stoff und Stil eines Werkes versinkendes Lesen, ist Schreiben nur selten möglich. Nach einer schöpferischen Pause wurde nun mit einer Veranstaltung im Literaturhaus Stuttgart die nächste Serie von “Ortheils Monologen” gestartet. Diesmal stand das Thema “Lesen” auf dem Programm des Abend; wobei man sich die Frage stellen konnte, warum es bis Folge acht dauerte, bis diese elementare Form allen literarischen Erlebens an die Reihe kam. Wenn der Autor und Protagonist die Absicht hatte, die Spannung zu steigern, so war es ihm zweifellos gelungen. Erwartungsfroh war darum auch das zahlreiche Publikum im Saal des Stuttgarter Literaturhauses am Abend dieses 24. Februar.

Hanns-Josef Ortheil unternahm den breit angelegten, ja bewußt ausufernden Versuch, über das Thema “Lesen” nachzudenken; er tat dies in aller Öffentlichkeit, vor allerdings sehr geneigtem Auditorium. Rhetorisch bestens aufbereitet, geschliffen ausformuliert und in anspruchvoller, aber jederzeit verständlicher Sprache, trug der Wahl-Stuttgarter vor. Um sich auf diesen Abend vorzubereiten war er nach eigener Aussage intensiv durch Bücher, Bibliotheken, Buchhandlungen und das inzwischen unumgängliche weltweite Netz vagabundiert.

Hans-Josef Ortheil signiert im Literaturhaus Stuttgart

Anekdoten- und zitatenreich, mit Bildmaterial unterstützt, stellte er unter anderem verschiedene Lese-Typen in Geschichte und Gegenwart vor. Ortheil selbst zählt sich zum Typus des wilden Lesers. Er liest alles, er liest immer, er wirft auf alles Gedruckte – mindestens – einen Blick. Humorvoll und pointiert gestaltete Ortheil seinen Vortrag in Form eines genussreichen Fünf-Gänge-Menüs. Als einer der Hauptgänge wurde der neue Videofilm zum Thema “Lesen” präsentiert, für den diesmal die Stuttgarter Stadtbibliothek im Wilhelmspalais die Kulisse abgab. Ortheil stellt darin vier Bücher vor, die ihm, selbstverständlich neben vielen anderen, die in diesem kurzen Video-Vortrag nicht erwähnt werden konnten, wichtig erscheinen, um sich mit dem Thema gründlich und vertiefend zu beschäftigen. Zu sehen ist das Ergebnis hier.

Den Abend im Stuttgarter Literaturhaus beschloss Hanns-Josef Ortheil mit einer kurzen Lesung aus seinem Buch “Lesehunger”, in dem er sich ebenfals mit dem Thema “Lesen”, hier aus einer sehr privaten, fast intimen Perspektive heraus, beschäftigt hat. Das Buch enhält Tagebuch-Aufzeichnungen, kleine Erzählungen und essayistische Beiträge, die durch die Rahmenhandlung in Form eines fiktiven Interviews in einen Gesamt-Zusammenhang gebracht wurden. Es liest sich ausgesprochen unterhaltsam und kurzweilig, bietet dabei ein Übermaß an Lektüre-Hinweisen und -Vorschlägen. Die Fülle der  Lese-Anregungen überfordert möglicherweise selbst geübte Viel-Leser.

Ortheil, Hanns-Josef: Lesehunger. – München, 2009. (Sammlung Luchterhand. Euro 8.–)

Feste lesen! (3)

Alle Jahre wieder

Damals hatte Paul Geburtstag. Seitdem sind nun auch schon wieder fast vier Monate vergangen. Zwar befand sich über dem Atlantik bereits ein barometrisches Minimum, doch spannte sich ein Himmel von blauer Seide über den milden Spätsommertag und der Garten lag im Sonnendunst eines letzten, schönen Augusttages.

Paul ist der Schwager einer Kusine meiner Frau. Seine Ehrentage gehören zu den wirklichen Höhepunkten eines jeden Jahres und sind für die ganze Familie, die nähere, die weitere und entfernte Verwandtschaft, unumschiffbare Pflichttermine. Je mehr Angehörige, Freunde, Kolleginnen und Kollegen seine zum Festsaal umgerüstete Garage bevölkern, desto glücklicher ist der Jubilar. An diesem runden Geburtstag hatte die Garage einen bierzeltartigen Vorbau bekommen, dessen leichtes Leinendach im sanften Sommerwind harmonisch auf und ab schwang.

Am Morgen dieses wunderbaren und zudem arbeitsfreien Tages, hatte ich noch im Bett, die zum wiederholten Male unterbrochene Lektüre von Tellkamps „Der Turm“ wieder aufgenommen. Auf Seite 371: „Ruhe. Wie ein Boot nach einem letzten Ruderzug schien der Tag zu treiben, nicht mehr in Anstrengung, noch nicht am Ziel, der Himmel, an dem nur noch wenige, federleichte Wolkenbrauen staunten, dehnte sich zu Luftballonbläue … “ Irgendwann meldete sich dann der Tag, riefen Frau und Kinder, nahmen die Dinge ihren festlich unabänderlichen Verlauf, verlangten Gespräch und Gesang, Speis und Trank die volle Konzentration.

Schon bald nach Pauls Geburtstag galt es den Hochzeitstag zu begehen und wenige Wochen später in kurzer Folge die Geburtstage unserer Kinder, mit all ihren Vor- und Nachbereitungen. Am zweiten Wochenende im Oktober wurde Großtante Hilde 90 und vierzehn Tage später im nahegelegenen ländlichen Vorort drei Tage Kirchweih gefeiert. Anfang November weihten Kulturdezernat und Elternbeirat die neue barrierefreie Eingangshalle des Schulzentrums ein, mit im Schulchor sangen die Kinder; Freiwillige waren für Kaffee-, Bier-, Würstchen- und Kuchen-Verkauf gesucht worden. Ende desselben Monats hatte der Schach-Club „Weiße Dame“ hundertjähriges Jubiläum; drei Tage gehörten den Festlichkeiten, einschließlich überregional besetztem und von der örtlichen Volksbank mit attraktiven Preisen ausgestattetem Turnier. Anfang Dezember schied tränenreich Kollege Zeitblom aus dem aktiven Dienst, der Abend klang feuchtfreulichtraurig im Stammlokal des zukünftigen Pensionärs aus.

365 Tage hat das Jahr. An den meisten muss man arbeiten. An allen anderen aber könnte man eigentlich von morgens bis abends lesen. Es spräche wenig dagegen. Aber allzu oft kommt Allzuoft. Höhepunkte des Kalendariums und des Kirchenjahres sind Tiefpunkte für leidenschaftliche Leser. Da vorher (Sekt), aus Anlass (Sekt), zum Essen (Wein) und zum Schluss (Bier und Schnaps) noch reichlich Prozentiges genossen wird, ist es nach der Feier auch meist vorbei mit Schmökern. Es bleibt das Bett, mit unruhigem Schlaf und dem durch Zwiebelrostbraten, Torte und Trinkgenüsse verursachten Alptraum. In diesem stehe ich vor dem Regal und beim Versuch einen Band der neuen kommentierten Frankfurter Werkausgabe zu greifen, löst sich die ganze Konstruktion mitsamt hunderten, nach den Regeln für die alphabetische Katalogisierung (Kennern sprechen von den „RAK“) sortierter Bände von der Wand.

Unter solchen Umständen kommt auch diesmal das Weihnachtsfest heran und wieder verfolgten wir mit Hilfe des Abreißkalenders, auf dessen letztem Blatt ein Tannenbaum gezeichnet ist, pochenden Herzens das Nahen der unvergleichlichen Zeit. Schneeflocken fallen und legen sich auf die weiße Decke, die schon Tagen in den Straßen der Stadt liegt. Die Laternen geben nur spärliches Licht; in den Häusern aber wird es von Minute zu Minute heller.

Unter dem reichgeschmückten Tannenbaum, im Schein der Kerzen, vor erwartungsfrohen, festlich gestimmten, kleinen und größeren Menschen, da liegen sie auch dieses Jahr wieder: Die Klassiker wie der immer aktuelle „Werther“, „Krieg und Frieden“ neben „Vor dem Sturm“, „Buddenbrooks“ neben den Rilke-Gedichten, Neuerscheinungen von Grass und LeCarré, von Melinda Nadj Abonji und Mariam Kühsel-Hussani, Erzählungen und Romane, Kunst- und Bildbände, Koch- und Kinderbücher, neben Socken und Taschentüchern, Gut- und Geldscheinen in diskreten Kuverts, zwischen Lebkuchen und Likören. Da liegen sie. Alle Jahre wieder.

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Danksagung: Ich danke meiner Familie für ihr Verständnis, ganz besonders aber meiner Frau, die mir die Arbeit an diesem Blog mit ihrer Zuversicht stets erleichtert. Außerdem danke ich Robert Musil, Thomas Mann und Theodor Fontane, ohne die dieser Beitrag nicht möglich gewesen wäre. Allen Genannten und Nichtgenannten wünsche ich eine fröhliche und – soweit es die Umstände erlauben und sie noch leben  – lektürereiche Weihnachtszeit.