Rom oder Roman

Lutz Seiler, sein beschwerlicher Weg zum preisgekrönten Roman “Kruso”, und das nicht nur hilfreiche Stipendium in der römischen “Villa Massimo”.

Zwei autobiographische Erzählungen sind darüber entstanden, die dieser Tage bei Topalian & Milani als exquisites, durchgehend illustriertes Druckwerk herauskamen. “Von Rom nach Hiddensee”, sowie “Die römische Saison”, die Titelgeschichte.

Lutz Seiler ist ein Schriftsteller mit besonderem Werdegang. 1963 im thüringischen Gera geboren, begannen literarisches Lesen und Schreiben für ihn erst während der Dienstzeit in der Nationalen Volksarmee der DDR. Hilfreich dabei, dass dieses andere Deutschland über ein dichtes Netz öffentlich zugänglicher Bibliotheken verfügte, mit umfangreichen Beständen an klassischer und – ideologisch gefiltert – gegenwärtiger Literatur. Nach Lehre und Tätigkeiten als Baufacharbeiter folgte ein Germanistikstudium in Halle an der Saale und Berlin.

Die ersten Veröffentlichungen waren Gedichtbände. Erzählungen und Essays folgten. Erste Auszeichnungen: Bremer Literaturpreis, Ingeborg-Bachmann-Preis, Fontane-Preis. 2014 erschien der Roman “Kruso” dessen Grundidee durch eine Zeit, die Seiler auf der Insel Hiddensee verbrachte, angeregt wurde. Dafür erhielt er den Deutschen Buchpreis. Lutz Seiler leitet das literarische Programm im Peter-Huchel-Haus, Wilhelmshorst. Mit seiner Familie lebt er in dem Ort nahe Berlin und in Stockholm.

In “Von Rom nach Hiddensee” erzählt er mit dem Humor der zeitlichen Distanz von seinem Aufenthalt in Italien als Stipendiat. Eine durchaus ehrend und fördernd gemeinte Auszeichnung. 2011, ein knappes Jahr mit der Familie in der römischen Hauptstadt. Einquartiert inmitten anderer Kunstschaffender in der traditionsreichen “Villa Massimo”. In über 100 Jahren waren hier zunächst nur Maler und Bildhauer zu Gast, später kamen Komponisten und Literaten dazu. Ulla Hahn, Oskar Pastior, Herta Müller, Hanns-Josef Ortheil, Andreas Maier und Sibylle Lewitscharoff waren, neben vielen anderen, Vertreter der schreibenden Zunft.

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Der Grundgedanke ist, dem Künstler, der Künstlerin, Zeit, Ruhe, Muße und Anregungen für neue oder in Arbeit befindliche Werke zu schenken. Dass gute Absicht und schiere Realität nicht immer in Einklang zu bringen sind, schildert Lutz Seiler: “Der Roman verweigerte sich, und zwar grundsätzlich. Gleichzeitig die Termine der Villa, fürsorgliche Angebote, dazu die Ideen der Künstlerbetreuerin, Besichtigung von Caravaggio, Konzert im Villino, Exkursion nach Olevano, Kino im Haupthaus und so weiter – alles ganz wunderbar, nur nicht für den, der nicht schreibt. Der, der nicht schreibt, möchte keine Termine, keine Exkursionen und vor allem: keine Künstler sehen.”

Und dass so ein Italien-Aufenthalt nicht für jede nordische Seele ideal ist, Hitze, Lärm und Temperament, nicht jedem Menschen gleichermaßen zuträglich, wissen wir spätestens seit Thomas Mann und Sigrid Damm. Was alles schief gehen kann und wie das ganze Unternehmen schließlich, nicht zuletzt dank Sohn und Frau, doch noch halbwegs gelingt, beschreibt Lutz Seiler ebenso unterhaltsam wie treffend. Er gewährt dabei einen intimen Einblick in die Geheimnisse seiner Schaffensprozesse, lässt uns ein wenig teilhaben an Schwere und Freude einer Schriftsteller-Existenz.

Bei aller Ironie und immer wieder aufblitzenden Witz, klingt der altbekannte Grundkonflikt zwischen künstlerischer Existenz und bürgerlichen Erfordernissen an. Beide Erzählungen, scheinbar mit leichter Hand geschrieben, zeugen von der sprachlichen Kunstfertigkeit des Autors und machen Lust auf mehr. Wer es noch nicht getan hat, wird sich spätestens jetzt an die Lektüre des Großromans “Kruso” machen.

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In der „Oberen Stube“ der Ulmer Museumsgesellschaft stellten Lutz Seiler (rechts) und Ko-Verleger Florian L. Arnold das neue Buch vor.

In Seilers zweiter Geschichte geht es sportlich zu. Dabei ist es gleichermaßen passend wie zufällig, dass das Buch ausgerechnet zur Zeit des Turniers um die Fussball-Europameisterschaft in die Buchhandlungen kommt. “Die römische Saison” handelt von den Freuden am beliebten Ballspiel ganz allgemein, und im Besonderen von den Hürden und bürokratischen Hindernissen beim Bemühen den zwölfjährige Sohn in einem römischen Verein das mannschaftliche Fußballspiel zu ermöglichen. Eine der vielen Facetten dieser großartigen Urstadt Rom und des gegenwärtigen italienischen Staatsgebildes.

“In den kommenden Tagen und Wochen dieses betörend schönen römischen Frühlings dreht sich bei uns alles um die sagenhafte Liste der zehn Dokumente, die wir in mühevoller Kleinarbeit und mit Hilfe der Schule, der Villa Massimo, der Schwedischen Botschaft und unter der unermüdlichen Beratung anderer, so freundlicher wie wortgewandter Spielereltern … zusammentragen. Immer wieder türmen sich neue überraschende und auch ganz unglaubliche Hindernisse auf.”

Alles wird gut. Das junge Talent Mitglied einer „scuola calcio“ mit dem nachvollziehbaren Namen „Futbolclub“ und wir Leser erfahren was italienischer Fußball mit „Panettone“ zu tun hat, jenem schmackhaften Doping-Mittel und Leistungsanreiz (sportlich-kulinarische Banausen sprechen von Sandkuchen), das mit Puderzucker bestäubt auf dem Cafétisch des Vereinsheims steht und „glitzert wie Silber in der Morgensonne.“

Die vieldeutigen, motivisch dichten Tuschezeichnungen im Buch stammen von Max P. Häring. Sie beziehen sich nicht direkt auf den erzählten Inhalt, sind jedoch mit ihrem feinen Strich durchaus von literarischen Themen inspiriert. Dass sie für meinen Geschmack vielleicht etwas zu düster ausfallen, mindert in keiner Weise die ausdrucksstarke künstlerische Qualität. Für die Front des Umschlags wurde ein Motiv aus einem Gemälde des Künstlers verwendet.

Sehr breit ist das Spektrum das sich passionierten Lesern undoder wählerischen Bibliophilen bietet: Vom Tausendseiten-Taschenbuchschmöcker, bis zur ausgewählt fein gestalteten Kostbarkeit. Während man im ersten völlig versinkt, sich ganz Inhalt und Spannung hingibt, bieten Werke der zweiten Art ein Mehr an Genuss, das weit über das eigentliche Lesen hinausgeht, weil man Erlesenes in Händen hält.

Es ist das Ziel des jungen Unternehmens Topalian & Milani im wörtlichen Sinne Un-Gewöhnliches zu bieten. Nischen und Zwischenräume zu entdecken und zugänglich zu machen. Nicht umsonst nennt man sich den “Verlag für schöne Bücher.” Mit Lutz Seilers “Die römische Saison” wird man diesem Anspruch hervorragend gerecht. Ein griffiges 120-Gramm-Papier, Druck und Bindung im Hause Pustet, sorgfältige Vorarbeiten bei Satz und Gestaltung, sowie bei der Schriftenwahl durch Florian L. Arnold.

Ich freue mich bereits auf eines der nächsten Vorhaben, das ich in den Vorankündigungen entdeckt habe. Ein Band mit zwei Novellen von Stefan Zweig: “Buchmendel” und “Die unsichtbare Sammlung”. Wie’s der Zufall will, läuft ja dieser Tage der großartige Film „Vor der Morgenröte“ in unseren Kinos, in dem ein überraschend aufspielender Joseph Hader den Dichter Zweig verkörpert.

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Seiler, Lutz: Die römische Saison. Zwei Erzählungen. – Elchingen : Topalian & Milani, 2016. Euro 17,90

Seiler, Lutz: Kruso. Roman. – Berlin : Suhrkamp, 2015. Euro 10,99 (Taschenbuch-Ausgabe)

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Sudeleien. Ende September 2014

Von Wortschätzchen und allerhand bedrohten Arten

„Ich sauge den Sommer in mich ein wie die Wildbienen den Honig,“ sagte sie. Ich sammle mir einen großen Sommerklumpen zusammen, und von dem werde ich leben, wenn es nicht mehr Sommer ist.“ (Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter)

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Oder: Wir lesen einfach durch bis der Frühling zurückkommt.

Schwer erträglich, und nicht selten schmerzhaft fürs Sprachempfindungs-Organ: das sogenannte Denglish der unermüdlich schiefe Metaphern und verquere Phrasen auswerfenden Sprachknechte unserer schillernden Konsumwelt: „Der alpenfrische Schüttel-Shake“, „Live Cooking“, „Don’t call it Schnitzel“, „Content ist King“. – Willkommener sind da jene Fremdlinge aus anderen Sprachräumen, denen es gelingt im Deutschen heimisch zu werden weil sie unsere Ausdruckmöglichkeiten erweitern und zu größerer Genauigkeit von Formulierungen beitragen. Hin und wieder stößt man recht unvermutet auf solch ein kleines Sprach-Schätzchen, das man dann gerne behalten möchte. Der amerikanischen Schriftstellerin Donna Tartt verdanke ich indirekt die Entdeckung eines solchen, für mich zu diesem Zeitpunkt neuen Lehnwortes aus dem Englischen.

Donna Tartt versteht es, sich und ihr Werk zu inszenieren. Auf Fotos sieht man sie stets in Schwarz und als hochstilisierte Kunstfigur. Ihre Romane, die zu großen Teilen handschriftlich in der New York Public Library entstehen, erscheinen in großen zeitlichen Abständen und sind sehr umfangreich. Die „Geheime Geschichte“ erschien zu Beginn der 1990er Jahre. Anfangs skeptisch, war ich nach und nach immer begeisterter. Ein großes Epos, figurenreich, erzählerisch weit ausholend, sprachlich von außergewöhnlicher Könnerschaft, mit fesselnden Spannungselementen ohne Kriminalroman zu sein. Das zweite Buch – „Der kleine Freund“ – besticht zunächst ebenfalls dank epischer Kraft, entpuppt sich mit steigender Seitenzahl leider als eine etwas schwerfälligere Lektüre. Der neueste Roman heißt „Der Distelfink“, erschien im Frühjahr auf Deutsch und es war klar, dass ich ihn irgendwann lesen würde. (Habe ich, Stand heute, noch nicht.)

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Zunächst forschte ich nach professioneller Einschätzung und fand eine Rezension von Jane Shilling im britischen „New Statesman“, der normalerweise nicht zu den Wochen-Blättern gehört, die ich regelmäßig verschlinge; das verhindert schon die begrenzte englische Sprachkompetenz. So kann es halt passieren, wenn man sich dem großen Suchmaschinen-Bruder anvertraut, ohne wirklich zu wissen, wo man im Weltweitnetz hin möchte. Jedenfalls bespricht Frau Shilling vorrangig den „Distelfink“, den sie in höchsten Tönen lobt und kommt in diesem Zusammenhang auch noch einmal auf den Vorgänger „The Little Friend“. Den fand sie nicht so doll: „This … was a protracted essay in Gothic suspense, set in the American South with a bookish 12-year-old heroine…“

Bookish! Das gefiel mir. Dieses Wort wollte ich in meinen Thesaurus aufnehmen. Es schien mir passend; wobei ich nicht wirklich beurteilen kann, inwieweit für Frau Tartt, bzw. ihre junge Heldin, auf jeden Fall aber für mich. So bin ich zweifellos: Ein klein wenig bookish! Das meint etwas anderes als bibliophil. Die Bedeutung der deutschen Begriffe Bücherfreund und Büchernarr ist vielleicht darin enthalten. Doch ist es als Adjektiv oder Adverb sehr viel flexibler und treffender verwendbar. Probleme ergeben sich allenfalls mit den Steigerungsformen. Vorausgesetzt bookish ist überhaupt steigerbar, wäre es so wahrscheinlich korrekt (Einwände von Anglisten nehme ich jederzeit gerne entgegen): Bookish, more bookish, most bookish. Und jetzt – mit dem Ausklingen des Sommers – kommt die Zeit des Jahres, die nicht nur mich most bookish macht.

Mit abnehmender Tages-Helligkeit und steigender Nebel, geht die Zahl der Neuerscheinungen ihrem jährlichen Höhepunkt entgegen, schicken die Verlage ihre Auflagenbringer auf lange Lesereisen, nahen die groß inszenierten Verleihungen des Deutschen Buchpreises und des Nobelpreises für Literatur.

indexDie Bücher der sechs auf der Shortlist für den Buchpreis nominierten Autorinnen und Autoren habe ich angelesen. Obwohl sicher einiger Proporz im Spiel ist steht keines zu Unrecht auf der Liste. Am besten gefallen – und in dem Buch habe ich mich auch festgelesen – hat mir „Kruso“ von Lutz Seiler. Einer der sogenannten Wenderomane. Im Mittelpunkt steht eine hermetische Gemeinschaft von Personen auf der Insel Hiddensee, die das DDR-Festland verlassen haben, weil sie mehr oder weniger ausgegorene Fluchtpläne hegen. Zunächst einmal sind sie an der Ostseeküste gestrandet und arbeiten am Rande der Legalität in der Insel-Gastronomie. In hochpoetischer Sprache und mit Mitteln leichter Mystifizierung setzt Seiler all jenen ein literarisches Denkmal, denen die Flucht übers Meer nicht gelang oder die dabei umkamen.

Ginge es nach Martin Olczak würde es wohl keinen Literatur-Nobelpreis mehr geben – aus Mangel an Juroren. In seinem Krimi „Die Akademie-Morde“ lässt der schwedische Autor nach und nach die meisten Mitglieder des Nobelpreis-Komitees meucheln. Eine Geschichte die aus dem längst unüberschaubaren Angebot nordeuropäischer Kriminalliteratur etwas hervorsticht. Trotz zahlreicher Toter wird auf die sonst übliche reiserisch überzogene Brutalitäts-, und Sex-Darstellung verzichtet. Neben dem originellen Sujet bekommt der Leser ein interessantes multiethnisches Personal geboten.

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Immer bookish: Denis Scheck

Menschen die bookish sind können nicht ohne Bücher sein. Genauer: Wer bookish ist kann nicht ohne Literatur in gedruckter Form sein. Rezept-Sammlungen und Yoga-Anleitungen werden die Leidenschaft wohl weit weniger befriedigen als umfangreiche Romane, klassische Anthologien oder schön gestaltete und hochwertig produzierte Lyrik-Bände. Menschen die sich als bookish bezeichnen würden („outen“ wäre hier sehr passend), sind ihrer Leidenschaft bedingslos verfallen und durch nichts davon abzubringen. Sie gehen nie ohne Buch aus dem Haus. Bücher sind ständige Begleiter bei Tag und in der leselampenerleuchteten Nacht. Jede Lebenslage ist willkommenes Alibi für den Griff zum Buch. Sie lesen im Sitzen, Stehen und Liegen, zu jeder Uhrzeit, an jedem Platz. Sie kommen an keiner Buchhandlung vorbei, keinem Antiquariat, keiner Ramschkiste auf einschlägigen Flohmärkten. Diese Besonderlinge lesen in (gedruckten) Tageszeitungen zuerst die selten gewordenen Literaturseiten und gleich danach das Feuilleton. (Es soll Ausnahmen geben, die mit dem Sportteil anfangen und trotzdem bookish sind!)

Offene Fragen bleiben. Kann man mit eBooks bookish sein? Wie nennt man es wenn man verrückt nach Zeitungen ist? Paperish? Mit den riesenformatigen Tageszeitungen und den damit einhergehenden druckfarbenschwarz gefärbten Händen geht es ernsthaft zu Ende. Das gestand in einer umfangreichen Analyse die selbst betroffene, traditionsreiche Frankfurter Allgemeine Zeitung.

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In Anlehnung an eine bekannte Werbe-Unterstellung drängt sich abschließend die Frage auf: Sind wir nicht alle ein bisschen bookish? Keineswegs. Nur noch schmale 5 Prozent der erwachsenen deutschen Bevölkerung lesen regelmäßig Bücher – musste ich neulich lesen. Wenn man in Bus, Zug oder Straßenbahn unterwegs ist, wird deutlich warum. Die meisten Zeitgenossen haben gar keine Hände mehr frei für das greifbare Kulturgut. An der menschlichen Hand evolutioniert sich zunehmend das Smartphone zum dominanten Glied. Mitbürger die bookish sind, geblieben sind, bilden längst eine Minderheit, beängstigend in ihrem Bestand bedroht. Sie unter besonderen Schutz zu stellen, wie seltene Pflanzen oder Tiere, dürfte der schleichenden Dezimierung wohl kaum Einhalt gebieten.

Doch noch fallen sie gelegentlich auf. Wirken auf Jene, die für kurze Zeit verstört vom Display aufblicken schrullig, seltsam analog. Sei’s drum und jetzt erst recht: Be foolish. Stay bookish!

Die Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2014.