Von Menschen und Gedichten

Nachträge zur Leipziger Buchmesse 2010

Zweiter Teil – mit zwei Lyrikern

„Und wir / hasten und hatschen und huschen und jagen und joggen und latschen und marschieren und schleichen und schlendern und spazieren und staksen und stapfen und stelzen … und storchen und tänzeln und tippeln und tappeln und trippeln und trappeln und trödeln und trotten und wallen und wandeln und wandern und waten und watscheln und zockeln und zotteln und zuckeln, / und wir sammeln uns in Gruppen und in Gesellschaften und in Bekanntenkreisen … „

Zitate aus dem Gedicht „Vademecum“ von Morten Söndergaard. Enthalten in dem Anfang dieses Jahres erschienenen Band „ein schritt in die richtige richtung“, der aus vier längeren Gesängen und Gedichten besteht. Der dänische Autor spricht von einem „Gehbuch“. In „Vademecum“, dem ersten Teil des Buches, das in Dänemark bereits 2005 herauskam, untersucht Söndergaard gründlich das Gehen als Bewegungsform im wörtlichen, aber auch im metaphorischen Sinn und erprobt dafür mögliche Sprach- und Ausdrucksmöglichkeiten: wir gehen zum Einkaufen, kommen in die Gänge, gehen vor die Hunde, gehen bankrott und schließlich über den Jordan…

Morten Söndergaard wurde und wird von Roland Hoffmann mit viel Gefühl für Rhythmus und Sprachmelodie ins Deutsche übertragen. Hoffmanns Versionen entsprechen den Originalen auf verblüffende Weise, wozu sicherlich auch die nahe Verwandtschaft der beiden germanischen Sprachen beiträgt. Wie stimmig, stimmungsvoll und ausdruckstark das beim Vortrag klingen kann, wurde demonstriert als Dichter und Übersetzer auf der Leipziger Buchmesse am Stand der Nordischen Literaturen Passagen aus „Vademecum“ synchron in Deutsch und Dänisch vortrugen. Hier zumindest ein kleiner Eindruck, wie man sich das Zitat am Anfang in dänischer Sprache vorzustellen hat:

„Og vi / dasker og driver og drysser og defilerer og flanerer og gakker og jokker og jakker og jogger og lister og lunter og promenerer og sjokker og sjosker og slentrer og spadserer og spankulerer og stavrer og stepper og stolprer og storker … og tusser og töffer og vader og vandrer og vralter / og vi samler os i grupper og i samfund og i omgangskredse …“

Die Lyrik Söndergaards wirkt am stärksten bei Auftritten vor Publikum, wenn die Lesung zur Performance wird, wenn Gestik, Mimik und Musikalität des Dichters oder Vortragenden die uralte Verwandtschaft von Dichtung und Lied, von Dichtung und Gesang, deutlich machen können. Auch in Leipzig waren die Zuhörer bei solchen Veranstaltungen sichtlich beeindruckt. Einer der Höhepunkte war der gemeinsame Auftritt von Morten Söndergaard und Clemens Meyer, als es dem Dänen gelang, den Leipziger zu einem ebenfalls ausdrucksstark gestalteten Vortrag seiner Prosa zu bewegen. Die Augen- und Ohren-Zeugen im altehrwürdigen Theater-Saal waren begeistert.

Die deutschen Ausgaben der Werke Morten Söndergaards erscheinen im Verlag seines Übersetzers, dem litteraturverlag roland hoffmann. Sie sind selbst in guten Buchhandlungen nicht immer vorrätig, aber jederzeit und problemlos zu beschaffen. Bemühen Sie den Buchhändler ihres Vertrauens – er wird es ihnen danken.

Wesentlich schneller und leichter zugänglich sind neue Gedichte von Michael Lentz. Durch geschickte Kooperation mit der FAZ sind einige im sonst nicht immer lyrischen WWW nur wenige Klicks vom geneigten Interessenten und potentiellen Zuhörer entfernt. (Link im Anhang.) Die Originale und den ganzen umfangreichen Zyklus von Liebesgedichten gibt es selbstverständlich auch als schön gestaltetes Druckwerk unter dem Titel „Offene Unruh. 100 Liebesgedichte“ im Verlag S. Fischer.

Der 1964 geborene Michael Lentz begann seine dichterische Laufbahn mit Poetry Slam. 1998 wurde er „Deutscher Meister“ in dieser Disziplin; 2001 gewann er den Ingeborg-Bachmann-Preis und wurde 2005 mit dem „Preis der Literaturhäuser“ ausgezeichnet. Von ihm liegen inzwischen mehrere Lyrik- und Prosa-Bände vor. Großen Anklang bei Publikum und Kritik fand sein 2007 erschienener Roman „Pazifik Exil“. Darin schildert er die Flucht vieler Intellektueller und Künstler vor der nationalsozialistischen Herrschaft ins amerikanische Exil. Seit 2006 ist er Professor für literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig.

Söndergaard, Morten: ein schritt in die richtige richtung. et skridt i den rigtige retning. Gedichte Deutsch und Dänisch. – Übersetzt von Roland Hoffmann. litteraturverlag roland hoffmann, 2010. Euro 19,90

Ders.: Bienen sterben im Schlaf. – Übersetzt von Roland Hoffmann. litteraturverlag roland hoffmann, 2007. Euro 18,90

Lentz, Michael: Offene Unruh. 100 Liebesgedichte. – S. Fischer, 2010. Euro 16,95

Die Lyrik-Lesungen von Michael Lentz auf faz.net

Lentz, Michael: Pazifik Exil. S. Fischer, 2007. – Als Fischer Taschenbuch, 2009. Euro 9,95


Weihnachtsgrüße

Dear friends everywhere!

Because I know that your russian is not the very best, I write you some words for x-mas in english (the language of our scientific community). I’m just visiting my grandma in Nowosibirsk (55° 2′ 0″ N, 82° 55′ 0″ E) and I’ll stay here the next ten days. Grandma is celebrating her 84th anniversary at December, 29.

So I send my greatings from the wild east. Have all a very fine christmas and a happy start into the new year. We will see us in 2009 – I hope in best mood and health.

Always yours

Lisa

Liebe Freunde in Deutschland

Ihr werdet Euch erinnern: Der junge Ulmer Lyriker Ludwig Lannjange (von den Freunden “Slammy” genannt) hatte das sechsmonatige Neuseeland-Stipendium des Cannstatter Schiller-Instituts gewonnen. Am 1. Oktober war er von Frankfurt aus auf die andere Seite unseres Erdballs aufgebrochen. Zunächst musste er zur Finanzierung des Aufenthalts beitragen indem er vor Ort bei der Apfelernte mitarbeitete. Inzwischen hat seine Schreibphase begonnen. Untergebracht ist er in einer modernen ZweiRaumWohnung im Zentrum von Wellington. Dort besuche ich ihn derzeit für einige Tage. Gelegenheit für mich wieder einmal bei den Freunden vom Kiwi-Research-Center vorbeizuschauen und auch der National Library of New Zealand einen kurzen Besuch abzustatten.

Fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch, allen die mich kennen,

wünscht

B. E. Mich!