Hermann Hesse heute: “Kinderseele” mit Illustrationen von Marie Wolf

21. April 2017

Fast drei Jahrzehnte hat es gedauert bis Hermann Hesse in der Lage war eines seiner bedrückenden Kindheitserlebnisse literarisch aufzuarbeiten. Eine Geschichte von Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen, kindlicher Angst, eine Geschichte über die Beziehung zu einem übermächtig scheinenden Vater, über schwäbisch-pietistische Erziehung im ausgehenden 19. Jahrhundert.

“Als ich elf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule her nach Hause, an einem von den Tagen, wo Schicksal in den Ecken lauert, wo leicht etwas passiert. An diesen Tagen scheint jede Unordnung und Störung der eigenen Seele sich in unserer Umwelt zu spiegeln und sie zu entstellen. Unbehagen und Angst beklemmen unser Herz, und wir suchen und finden ihre vermeintlichen Ursachen außer uns, sehen die Welt schlecht eingerichtet und stoßen überall auf Widerstände.”

Die Büchergilde Gutenberg hat es unternommen, diese für Hesse so exemplarische, meisterhafte Erzählung als eigene Veröffentlichung neu herauszugeben. Sie wurde von Hesse Ende 1918 geschrieben, erschien erstmals in der 181. Nummer der “Deutschen Rundschau” und in Buchform 1920 in einem Band mit “Klingsors letzter Sommer” und “Klein und Wagner”. Die Büchergilde zeigt verlegerischen Mut mit dieser feinen kleinen Einzelveröffentlichung.

Der jungen Illustratorin Marie Wolf gelingt mit ihren farbigen Bildern eine überraschend plastische und passende Interpretation. Szenen aus unserer Zeit, die gleichzeitig mystisch aufgeladene Parabeln sind. Sachlich, scheinbar naiv in der Ausführung, einmal in zarten Pastelltönen, ein anderes mal dunkel, düster, bedrohlich.

Im Nachwort erzählt sie welche Assoziationen die Lektüre des Hesse-Textes bei ihr auslöste und so die Formensprache ihrer Zeichnungen anregte. Die religiös aufgeladenen Metaphern, die gottgleiche Rolle des Vaters, die Macht der Erwachsenen über die Kinder. Sie fragte sich “Kinderseele! Was hat mich beschäftigt und bewegt, als ich in diesem Alter war? Was ist meine ‘Kinderseele’?” Dabei fallen ihr Situationen ein, in denen sie als Kind ein schlechtes Gewissen hatte, Situationen wie sie alle Kinder in irgendeiner Form kennenlernen. Kinder können die Größenordnung ihres, oft nur scheinbaren, Fehlverhaltens noch nicht einordnen, reagieren mit Ohnmacht und Angst vor den Konsequenzen. Diese Gefühle verfolgen sie sehr lange, bis in alptraumreiche Nächte.

Die Protagonisten in Wolfs Zeichnungen haben menschliche Körper und Tierköpfe. Die Hauptfigur, das alter ego Hermann Hesses, ist ein junger Affe. Ein Tier das in der christlichen Symbolik für Eitelkeit, Lüsternheit und Bosheit steht. Was dem subjektiv empfundenen Selbstbild des Jungen entspricht. Der Vater als Adler verkörpert ein übermächtiges Tier, das Intelligenz, Überlegenheit und göttliche Fürsorge ausstrahlt.

Marie Wolf auf der Leipziger Buchmesse 2017

Marie Wolfs Kinder der Gegenwart sind in den Plattenbauten der großstädtischen Vororte zu Hause. Ihre Spielplätze sind betonierte Wege zwischen Häuserschluchten und triste Schulhöfe, die familiäre Atmosphäre erscheint kalt, die Rollenverteilung klassisch. Wolf wurde 1991 geboren und wuchs selbst in einer Erfurter Plattensiedlung auf. Die Beziehung zu den Eltern war harmonisch, extreme Erfahrungen wie sie Hermann Hesse widerfuhren, gab es in ihrer Kindheit nicht.

Seit einem Studium in Kommunikationsdesign arbeitet sie freiberuflich. Bei ihrer Vorstellung des Buches auf der Leipziger Buchmesse hat mich fasziniert, wie sich eine Leserin ihrer Generation so selbstverständlich in die Vorstellungswelt eines Schriftstellers aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts einfühlen kann.

Ich habe sie deshalb nach ihren Hesse-Lektüren gefragt. Und sie hat mir erzählt, dass ihre erste Begegnung tatsächlich im gymnasialen Deutsch-Unterricht stattgefunden hat. Es gab da einen Lehrer, der die Schulgeschichte “Unterm Rad” mit seinen Schülerinnen und Schülern durchnahm. Danach hat Marie Wolf den “Steppenwolf” gelesen. Eine erstaunliche Lektüre-Biographie.

Ihre zeichnerische Interpretation von Hesses “Kinderseele” bietet nicht nur Einblick in ihre künstlerische Ausdrucksfähigkeit und einen ausgeprägten Gestaltungswillen, sondern ist darüber hinaus die gute Gelegenheit eine der vielen wunderbaren Erzählungen Hermann Hesses neu zu entdecken und vielleicht Lust auf mehr davon zu bekommen. Das schön gestaltete und hochwertig ausgestattete Buch eignet sich auch sehr gut zum verschenken.

Hesse, Hermann; Wolf, Marie (Illustrator): Kinderseele. Erzählung (Mit 13 vierfarbigen Illustrationen und einer Nachbemerkung der Illustratorin, fester Einband mit schillerndem Papier, Format 15 x 19,5 cm, Buchgestaltung von Cosima Schneider, 72 Seiten.) Edition Büchergilde, 2017. Euro 18 (Mitglieder Preis Euro 17)


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