Ein Brief aus Leipzig

Mein lieber Eferenz!

Länger hast Du nichts von dem nach Wildost verschlagenen Bruder – oder doch Cousin – im Geiste gehört und hattest doch soviel Recht zu der Erwartung, etwas von ihm zu hören, nach dessen Andeutungen im letzten Ferngespräch. Nun gut es ist soweit: Mich und ich haben uns also vergraben in den Elias-Kien-Nachlass und bemühen uns sorgsam und gründlich wertend Schicht um Schicht abzutragen und das zu Tage beförderte im rechten Licht betrachtet einer angemessenen Bestimmung zuzuführen. Wie Du weißt, sind die Brunnen der Vergangenheit tief; sollte man sie nicht unergründlich nennen? Dies nämlich dann sogar und vielleicht eben dann, wenn nur und allein ein Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede steht.

Soviel sei schon verraten, erste Funde zeigen Erstaunliches und lassen für die weitere Arbeit Spannung und Erwartung nicht geringer werden.
Schon nach wenigen Tagen fiel uns ein handschriftliches Gedichtfragment in die Hände, geschrieben mit schwarzer Tinte auf hell-beigen Bütten, umrankt von einem einstmals wohl buntem Blumenmuster, dessen Farben aber fast vollständig verblasst sind. Die in altdeutscher Schrift geschriebenen Zeilen jedoch erscheinen noch kräftig auf dem Papier und sind gut zu lesen.

„Du wirst im Dunkeln entschwinden,
dich nahm der steinerne Wald.
Ich werde dich nicht mehr finden,
tröstliche Menschengestalt.

Aber mich heiter zu fügen,
hab ich vollkommenen Grund:

es liegt ein großes Genügen
in dem Wissen um deinen Mund –„

Das Ende in dieser Form verleitete uns zunächst zu der Annahme, dass es sich wohl um ein Fragment handeln müsse. Titel, Autorenangabe oder irgendeine Art von Signatur waren nicht vorhanden. So schien guter Rat zwar nicht unbedingt teuer, aber immerhin schwer zu bekommen – zumindest zu Beginn unserer Recherchen. Zu einem Ergebnis kamen wir dann allerdings doch recht rasch. Um Dich nicht lange auf der Folterbank zu strecken oder mit ermüdenden Einzelheiten unserer Vorgehensweise zu langweilen, fasse ich unverzüglich zusammen.

Es handelt sich also um ein Gedicht und zwar keineswegs um ein unvollständig notiertes. Es trägt den Titel „Großstadtbegnung“ und muss wohl der oberschwäbischen Dichterin Maria Menz zugeschrieben werden. Menz, die von 1903 bis 1996 lebte und die meiste Zeit in ihrer Heimat Oberessendorf, südlich von Biberach, verbrachte, arbeitete in den 1930er Jahren einige Zeit als Krankenschwester in Leipzig. Diese Stadt ist, außer Stuttgart, nachweislich ihr einzig echtes Großstadt-Erlebnis geblieben und man kann vermuten, dass sich die Betitelung auf die sächsische Metropole bezieht. Wie das Manuskript in den Besitz Kiens kam, ist sicher nicht mehr aufzuklären; dass er der Angesprochene sein könnte, eher unwahrscheinlich, da nichts in der Biographie der Dichterin eine solche Vermutung nahe legen könnte. Allerdings blieben deren Leipziger Jahre doch immer sehr im Dunkeln. Der forschenden Literaturwissenschaft sind hier anspruchsvolle Aufgaben gestellt.

Das ist also ist ein Beispiel für das was hier vor sich geht und aus scheinbar vertrockneten Brunnen an die Oberfläche drängt.

Für heute lebe denn recht wohl, lieber Eferenz Werk! Halte Dich gut, wie ich versuchen will, es zu tun, damit wir uns wiedersehen.
Ich hoffe, bald noch weitere interessante Neuigkeiten aus Leipzig in die Welt melden zu können.

Dein Arthur Thomas von der Weißen Elster

P.S.: Wenn ich es richtig sehe, gibt es weder bei Dir noch bei mir, noch sonstwo, derzeit irgend etwas Neues über unsere schmerzlich vermisste Lisaweta. Wie absurd erscheint in diesem Zusammenhang der angebliche Nutzen moderner Kommunikations-Apparaturen. Nun, der sehr geschätzte Kehlmann hat das Thema in „Ruhm“ ja vortrefflich aufbereitet.