Bin ich das?

Zu Michael Angeles „Der letzte Zeitungsleser“

zeitungssymbol1

“Zeitungen lesen.” So lautet die Anweisung des Otto Trsnjek an seinen Lehrling Franz Huchel in Robert Seethalers Roman “Der Trafikant”. “Die Zeitungslektüre nämlich sei überhaupt das einzig Wichtige, das einzig Bedeutsame und Relevante am Trafikantendasein; keine Zeitung zu lesen hieße ja auch, kein Trafikant zu sein, wenn nicht gar: kein Mensch zu sein.”

Trafiken sind kleine, enge, völlig überfrachtete Läden in österreichischen Städten. Dort kann man Lotterie-Lose erwerben, Rauchwaren, Zeitschriften und eben Zeitungen kaufen. Seit Jahren ist der Verkauf gedruckter Tageszeitungen jedoch rückläufig, ebenso wie die Zahl der Titel, die im Nachbarland oder in unserer Republik erscheinen.

Meine Friseurin, die als zweites berufliches Standbein zusammen mit ihrem Mann einen Kiosk in unserer Stadt betreibt (Kioske spielen ja in Deutschland etwa die Rolle wie die Trafiken in Österreich), will von dieser Entwicklung hingegen noch nichts bemerkt haben. Ihre Stammkunden verhielten sich unverändert, versicherte sie mir. Sie muss dann allerdings auf Nachfrage einräumen, dass ihre Verkaufsstelle vorwiegend von Personen mindestens mittleren Alters frequentiert wird. Eine zudem meist konservative Klientel, Lehrer der nahen Gymnasien, Richter, Anwälte, Justizbedienstete, der Justizeinrichtungen um die Ecke. Junge Kundschaft habe sie so gut wie nicht.

media_4708146

In einem wehmütigen Großessay gibt der Journalist Michael Angele den Grabstein für die gedruckte Tageszeitung in Auftrag, und verfasst zugleich einen launisch anekdotenreichen und sehr persönlichen Nachruf. Er wird, wenn dem letzten Blatt sein Stündchen geschlagen hat, als Zeitungsautor und notorischer Leser, gleich zweifach Hinterbliebener sein. Auch ich würde dann zu den zurückgelassenen Waisen gehören. Denn Zeitungslektüre gehört für mich seit ich denken kann zu den unverzichtbarsten Alltäglichkeiten.

Lange vor der Zeit als ich die ersten Karl-May-Bände verschlang, von den Wildwest- und Wüsten-Abenteuern nicht mehr genug bekommen konnte, hatte erstes mühsames Entziffern von Schlagzeilen begonnen. Natürlich mit dem örtlichen Lokalblatt, das unser Haushalt abonniert hatte, wie es fast alle Familien in unserer Umgebung abonniert hatten, und dessen tägliche Ausgabe bereits zu früher Stunde durch den Briefschlitz der Haustür fiel. Wohl gab es Menschen in der Umgebung, die kein Zeitungs-Abonnement hatten – doch die hielt man damals für etwas sonderlich, ja fast haftete ihnen ein leichter Hauch des Asozialen an.

Später kaufte ich mir hin und wieder die “Süddeutsche” oder die “Stuttgarter Zeitung”. Einzelausgaben waren damals selbst mit schmalem Taschengeld erschwinglich. In den rebellischen Jugendjahren wurde die zu jener Zeit deutlich linksliberale “Frankfurter Rundschau” ebenso unentbehrlich wie sichtbar getragenes Statussymbol und Glaubenbekenntnis. Als ich nach der Schulzeit in einem Verlag lernte und arbeitete, der Fachliteratur für die Uhren- und Schmuckbranche herausgab, wurde die “Neue Zürcher Zeitung” (NZZ) erst zur beruflichen Pflicht- und bald schon zu einer der Lieblingslektüren. Ich genoss den leicht überfordernden intellektuellen Anspruch und den globalen Geist des Blattes, lernte, was ein gutes Feuilleton ist.

Michael Angele beginnt sein Buch, dessen Satzspiegel der Breite einer Zeitungsspalte entspricht, mit der bekannten Geschichte Thomas Bernhards, in der dieser durch halb Österreich fährt auf der Suche nach der aktuellen Ausgabe der “Neuen Zürcher Zeitung”. Nachzulesen in Bernhards autobiographischer Erzählung “Wittgensteins Neffe”.

dscn2040

Angele entwickelt in seiner Trauerarbeit eine anschauliche Soziographie der guten alten Tageszeitung, deren Tage aus Sicht der meisten Medien-Propheten gezählt sind, sowie eine kleine Typologie prägnanter Leser-Charaktere. Das Zeitunglesen war und ist für viele Menschen gute Gewohnheit und fester Bestandteil alltäglicher Rituale. Sich über das Gelesene zu wundern, zu ärgern, mit anderen auszutauschen, gehört zur lieb gewonnenen Interaktion zwischen Blatt und Leser. Welche Überraschungen hält doch so eine aufgeschlagene Doppelseite weit über die erwartbaren Informationen, Ereignisberichte, Sportergebnisse und Werbeanzeigen bereit?

Bedauerlich, die Rettungs- und Sanierungsversuche des Traditionsmediums führen dazu, dass wir statt des vielfältigen Spektrums an fundierten Informationen und prägnanten Meinungen, zunehmend mit Kitsch, Tratsch und Trash abgespeist werden. Gleichlautende Agenturmeldungen und großformatige Bebilderung vermießen noch den letzten Standhaften ihre Treue. Aus distanzierter objektivierter Betrachtung wird vielfach seichte Propaganda, Anbiederung an Werbekunden, billige Kopie der für Online-Medien gebräuchlichen Formensprache. Neugier und Wissensdurst werden mit Hollywood-Scheidungen, Promi-Schicksalen und penetrant wiederholten Politiker-Statements abgespeist.

Rettungsversuche bestehen neuerdings in veränderten Wochenend-Ausgaben, die längere hintergründige Artikel, aber auch unterhaltsame Bestandteile bieten, um so zu entspannter Sonntags-Letüre anzuregen. Das ist sicher ein wichtiger neuer Weg. Zu den Stärken der Zeitung alter Prägung zählte allerdings insbesondere die regelmäßige lokale und regionale Berichterstattung. Mit ihrem Verschwinden würde in Zukunft ein fundamentales Element der demokratisch-parzipativen Demokratie vermisst.

Dicke Wochenzeitungen können diese Funktion nicht ersetzen. Leistungsfähige Lokalredaktionen fallen leider seit Jahren immer häufiger den Spardiktaten zum Opfer. Konzentrationsprozesse auf Verlagsebene und fusionierte redaktionelle Mantelteile lassen die Vielfalt, den Kontrastreichtum und die Pluralität immer weiter schrumpfen. Feuilletons müssen weichen, qualifizierte Literaturkritik verschwindet. Schaut man auf die wöchentlichen Filmseiten sieht man nur noch allerseits wiedergekäute Propaganda für ohnehin leichtgängige Blogbuster und billige Massenware.

Neulich wurde die Optik, das Layout meiner Lokal- und Regionalzeitung neu gestaltet – relaunched. Das Ergebnis ist insgesamt erschütternd, die Einsichtsbereitschaft der Verantwortlichen in ihr Misslingen gering, wie Stellungnahmen und Interviews zu entnehmen ist. In einem Gespräch mit der eigenen Zeitung äußerte sich der Chefredakteur überraschend zuversichtlich über die Zukunftsfähigkeit seines und anderer vergleichbarer Blätter: „Es gibt kein anderes Medium, das in dieser Breite und Tiefe Themen aufbereitet. In dem Konzert der sozialen Netzwerke, in dem jeder seine Meinung ungeprüft … herausposaunen darf, müssen Zeitungen und ihre Redakteure als verlässlicher Anker funktionieren, die die Diskussion bündeln und objektivieren. Das ist eine hohe Verantwortung, der wir sicher nicht immer ganz gerecht werden können. Aber ich sehe niemand außer den Zeitungen, der diese Rolle einnehmen könnte.“ (*)

Ob er recht behalten wird? In Stefan Zweigs Erzählung “Buchmendel”, 1929 erschienen, betritt der Protagonist ein Wiener Kaffeehaus, “altwienerisch bürgerlich und vollgefüllt mit kleinen Leuten, die mehr Zeitungen konsumierten als Gebäck.” Als ich bei einem Wienbesuch vor einigen Wochen zum wiederholten Male im gemütlich morbiden “Jelinek” auf eine Melange einkehrte, lagen die vielen deutschsprachigen und internationalen Blätter beiseite geschichtet und unbeachtet auf einem Sideboard. Die Kaffehaus-Besucher des Jahres 2016 starrten auf Smartphones oder tippten in schicke Laptops.

Ich gehöre, wie Michael Angele, zu jenen Übriggebliebenen, die sich wünschen, dass es in Zukunft gedruckte Tageszeitungen und kluge, fähige Redakteure geben wird, die einem Anspruch, wie ihn der oben zitierte Chefredakteur formulierte, gerecht werden und in Form einer ansehnlichen, äußerlich ansprechenden gedruckten Tageszeitung umsetzen können und dürfen. Damit ich und meine Generation nicht zu den letzten gehören. Den letzten Zeitungslesern.

zeitungssymbol1

(*) Es handelt sich um die in Ulm erscheinende SÜDWEST PRESSE

(Das Gespräch mit Chefredakteur Ulrich Becker erschien in der Ausgabe vom 1. Oktober 2016. Das Blatt veröffentlichte zahlreiche Stellungsnahmen von Lesern zum Relaunch, die in der Mehrheit tendenziell eher positiv ausfielen. Wesentlich negativer und ablehnender waren Wortmeldungen die auf einer separaten Social Media Plattform zu finden sind. Um auf dem Forum schreiben zu dürfen ist eine separate Registrierung erforderlich. In das gedruckte Blatt wurden diese kritischen Äußerungen nicht übernommen.)

Angele, Michael: Der letzte Zeitungsleser. – Galiani Berlin, 2016

Seethaler, Robert: Der Trafikant. – Roman. – Kein & Aber, versch. Jahr u. Aufl.

Bernhard, Thomas: Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft. – Suhrkamp, 2006

Zweig, Stefan: Buchmendel. Erzählungen. – S. Fischer, 1990

Leipziger Begegnungen 2013

Autoren, Bücher, Themen rund um die diesjährige Buchmesse und das Literaturfest “Leipzig liest”

Der erste Teil

Weg und Hin. Auf dem Weg in die Bachstadt. Im wohltemperierten Zug durch winterliches Bayern, Franken und Thüringen nach Sachsen. Mittelgebirgige Schneelandschaft zwischen Bamberg und Saalfeld. Zeitungslektüre: Der neue Papst nennt sich Franziskus; 250. Geburtstag von Jean Paul. Hier ist seine Gegend gewesen. In Pressig-Rodenkirchen nördlich von Kronach heftiges Schneegestöber. Beachtliche Schneehöhen im Schiefergebirge, dem östlichen Ausläufer des Thüringer Waldes. Hinter Förtschendorf die zahlreichen Windungen eines kleinen Baches. Frisch-flotter Wasserlauf durch weiß-grau-braune Landschaft. Eine alte bemoste Steinbrücke von einer Seite auf die andere. Deutsche Traum- und Märchenlandschaft. Ab und an, meist unverhofft: sonnige Passagen.

Reisefreiheit. Blauer Himmel. Glitzernde Schneefelder die blenden. Der Zug fährt jetzt auf einem Damm, hoch über den Dorf-Giebeln und einem nur ellenbreiten Gewässer mit vielen Eisinseln. Forellenteiche. Eine Kläranlage. Probstzella, wo vor der Reisefreiheit sogenannte Interzonenzüge angehalten und die Reisenden von martialisch auftretenden Grenzern inspiziert wurden. Immer noch sind Relikte dieser Zeit zu sehen. Verlassenes Kleingewerbe, Hinterhöfe voll Gerümpel, verrostete Tatra-Lastwagen, Trabanten, Ölkanister.

Im dösigen Halbschlaf kommen mir Namen in den Sinn: Christoph Hein und Erich Loest, Wolfgang Hilbig und Christa Wolf, Werner Bräunig, Franz Fühmann. Nahe Saalfeld. Goethe könnte hier auf einer seiner geologischen Exkursionen gewandert sein. Schiller, von Jena kommend, bei festem und raschem Schritt Balladen-Verse erprobt haben. Am Sportplatz von Unterloquitz Werbung für das süffige Saalfelder. An einem Schuppen ein schwarzrotgoldener Pfeil von links unten nach rechts oben. “Aufschwung Ost” steht unter dem Pfeil. Legendbildung der Kohljahre. Ernüchterung beim Blick auf die Realitäten im Jahre 2013.

“An der Saale hellem Strande / stehen Burgen stolz und kühn / Ihre Dächer sind zerfallen, / und der Wind streicht durch die Hallen, / Wolken ziehen d´rüber hin.” Vertonte und häufig gesungene Verse die einst der aus Pommern stammende Historiker Franz Kugler in Jena dichtete. Jena um 1800: Ein Mittelpunkt deutscher Klassik, deutscher Denker, Sitz einer Universität von Geltung. Die Nietzsche-Stadt Naumburg mit ihrer Turmsilhouette. Der dem Zerfall überlassene Bahnhof von Großkorbetha. Daneben ein verrosteter Wasserspeicher auf kurzem Ziegelturm. Nach der Durchfahrt von Markranstädt (zerfallender Bahnhof) am Kulkwitzer See entlang. Ehemaliger Kohle-Tagebau, jetzt Wassersport-Zentrum. Dann beginnt Leipzig. In ausholendem Schienenbogen geht es in den größten Kopfbahnhof Europas.

YAKUMO DIGITAL CAMERA

Wortmacht. Die Macht der Sprache und eine allererste Begegnung auf dem Messegelände. “Ich werde was machen mit der Sprache”, versprach Nora Gomringer auf der “Leseinsel junger Verlage”. Ein Versprechen das sie nuancenreich, mal zart, mal fulminant, vor dankbarem Publikum einlöste. “Text bewirkt ja was. Ich habe da überhaupt keinen Zweifel.”

“Wir sind das Volk!”. Ein Text, ein Ausruf, eine Manifestation, aus vier Worten bestehend, der viel bewirkte. Daran erinnerte Michail Sergejewitsch Gorbatschow, als er in Leipzig seine neue Autobiographie vorstellte und sich in einer Innenstadt-Kirche mit dem langjährigen politischen Weggenossen Hans Dietrich Genscher zum Gespräch traf. Der Menschen-Andrang war immens, das Medien-Echo gewaltig. Wendezeit-Erinnerungen. Anlass für nostalgischen Weißtdunoch?-Austausch. Inzwischen haben es die Völker dieser Erde wieder schwer. Weil es jetzt vorrangig um die Euros der Banken, den Zustand globaler Konzerne, den Kampf um Märkte und Rohstoffe geht. (s. dazu u. a.: Schulze, Dahn, Schirrmacher u. a.)

DSCN0257

Überzeugt von der Macht der Worte: Nora Gomringer

Großes Theater. In klarer kalter Nacht steht eine schmale Mondsichel am Himmel. Hinter den großen klassizistischen Festern der eindrucksvollen, frisch sanierten Stadtbibliothek der Buchstadt Leipzig brennt noch Licht. Lüsterglanz in Gewandhaus und Oper. Im Laternenschein des weiten Augustplatzes sind Menschgruppen unterwegs zum abendlichen Musikereignis. Auf der anderen Seite der Innenstadt ist auch das Schauspielhaus erleuchtet. Durch alte schwere Türen drängen fortwährend Menschen. Sehr viele “Leipzig liest”-Veranstaltungen finden hier statt. Am Freitag-Abend ist ein literarisches Quartett im Raum der “Hinterbühne” geplant. Als Teilnehmer vorgesehen sind Jakob Augstein, dessen viel zu wenig gelesenes Wochenblatt “Der Freitag” als Veranstalter fungiert, die Schriftstellerin Jana Hensel, der Leipziger Stadtschreiber Clemens Meyer und der Kulturredakteur Michael Angele.

Als alle Sitzplätze besetzt sind, viele weitere Interessenten abgewiesen wurden, nehmen auf der Bühne nur Angele und Meyer Platz. Ein Virus habe die beiden anderen niedergestreckt wird mitgeteilt. Angele nippt an einem kleinen Becher Wein. Meyer trinkt aus einem von zwei Halben Bier, die als Vorrat neben ihm stehen. Die Bücher? Naja. Tom Wolfe, „Back to Blood“ (lt. Verlag eine “bissige Satire auf den menschlichen Umgang mit gesellschaftlicher Realität.”); Ulrike Edschmids “Das Verschwinden des Philip S.” (Der Freund war Extremist, geht in den Untergrund, stirbt im Kugelhagel, vierzig Jahre her); Christiane Neudecker, „Boxenstopp“ (Formel 1 und Mißbrauchsthema in einen Topf bzw. Roman gerührt. Bei mir gehen aber bei Büchern über Autowahn immer alle Rolläden runter), Sabine Rennefanz, „Eisenkinder“ (Wut, Verzweiflung, Irrwege von Jugendlichen nach der Wende, autobiographisch, ein Thema das in Leipzig nicht übergangen werden kann). Ganz ehrlich: Für mich war da nichts dabei.

Die Diskussion beginnt. Anfangs wird abwechselnd gesprochen und besprochen, geurteilt und kritisiert. Bald wird aus der Diskussion Disput, Meyer zunehmend heftiger, reißt immer mehr das Wort an sich. Mit Zwischenruf fordert eine Dame den Leipziger auf, den Gesprächspartner doch wieder zu Wort kommen zu lassen. Meyer wird ausfällig (“Wenn es dir nicht passt…” oder so ähnlich) und fordert zum Verlassen des Saales auf. Dem Aufruf folgt daraufhin eine empörte knappe Hälfte des anwesenden Publikums. Angele bemüht zu beruhigen, bleibt beherrscht, will sein Honorar mit Seriosität verdienen. Letztlich arbeiten beide Protagonisten die vorgesehenen sechzig Minuten mehr oder weniger gequält ab. Die Zeugen des Eklats schwanken zwischen Fremdschämen und Erheiterung. Die „Leipziger Volkszeitung“ schreibt am nächsten Tag: “Das Duett geriet zum Duell mit reichlich Dissonanzen, jedoch hohem Unterhaltungswert.”

DSCN0290

Urteilskraft. Was diesen Zweien nicht gelang, wuppte Denis Scheck ganz alleine. Mehrmals täglich auf dem Messeforum der ARD, wusste er vor immer wieder zahlreichen (oder sagt man zahllos, wenn man ein Sehrviel nicht zählen will?) Zuschauern und Zuhörern, mit klaren, deutlichen und verständlichen Aussagen und Urteilen über Bücher zu fesseln und für das Lesen zu begeistern. Das ging Schlag auf Schlag. Die guten mit Kritikerlob überschütten, die schlechten in den (verbalen) Kübel. Die Bücher? Es waren sicher 20 bis 25 verschiedene Titel in einer halben Stunde.

Hier einige der interessantesten Beispiele: “Der Herr der Ringe” (beste Phantasy-Literatur, ein verkappter Roman über den 2. Weltkrieg, was der Autor nicht wahrhaben wollte, aber “der Text ist manchmal klüger als der Autor”), Coelho wird von Scheck generell und bei jeder Gelegenheit verrissen (Denis Scheck ist der absolute Anti-Coelho. Schund, Schwulst, Mist usw.) Nabokov, “Lolita” (absolutes Meisterwerk; man lese nur die ersten drei Sätze und wisse bescheid) und zum Thema Erotik in der Literatur folgte gleich “Shades of Gray” (nicht nur schlecht geschrieben, sondern auch inhaltlich unerträglich. Das Furchtbare seien nicht die sich ständig wiederholenden SM-Szenen, sondern – laut Denis Scheck – die gedankenlos perverse Demonstration von Reichtum und Wohlstand.)

Gelobt wurde hingegen der neue Roman des chinesischen Literaturnobelpreisträgers Yan Mo, “Frösche”, dem es damit endgültig gelungen sei, Vermutungen über eine Kungelei des Autors mit den Oberbonzen zu wiederlegen. In der Debatte um den Umgang mit aus heutiger Sicht diskriminierenden Bezeichnungen in älteren Büchern (“Neger”, “Hexe”) forderte Denis Scheck zur Sachlichkeit und Überprüfung zementierter Standpunkte aller Seiten auf. Und bat schließlich flehentlich und herzerweichend, doch seine Sendung “Druckfrisch” im SWR-Fernsehen regelmäßig anzuschauen, da sie sonst vom Quotentot bedroht sei.

DSCN0292

Laut. Lauter. Lauterbach. Wie der Heiner ist keiner. Schon die zweite Autobiographie. Lauterbachs Läuterung. Seit ich weißnichtmehrwieviel Jahren Verzicht auf Glücksspiel, kein Rumhuren mehr und kein Suff. Abschied vom schlechten Heiner. Ein neues, zweites Leben. Stolz ist der Hahn. Das muss die Welt wissen. Und die Welt will es wissen und strömt zu Hauf, wo immer der Kahlkopf hinter ein Mikrophon tritt.

Doch außer solchen Lautsprechern waren auch moderatere Darsteller zu hören und zu sehen, wie die Schauspielerin Carmen-Maja Antoni, ein in der Regenbogenpresse selten auftauchendes Gesicht, das im Fernsehen hin und wieder in Nebenrollen zu sehen ist. Schon als Kind und Jugendliche wirkte sie in DDR-Filmproduktionen mit. Ihre eigentliche Welt war und ist die Bühne. Seit 1976 ist sie am Berliner Ensemble engagiert, wo sie u.a. in zahlreichen Brechtrollen auftrat. “Im Leben gibt es keine Proben” heißen ihre anektodenreichen Erinnerungen, die sie zusammen mit Brigitte Biermann verfasst hat. Ein bemerkenswertes Kapitel (ost)deutscher Theatergeschichte.

Die lange Liebe zur Zeitung

Oder warum ich irgendwann Thomas Bernhard lesen werde

Obwohl der bunte und laute eBook-Rummel immer mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, bleibe ich gelassen. Für den Rest meiner Lebensspanne sind genügend gedruckte Bücher vorhanden und werden noch reichlich neu erscheinen. Doch denke ich an die Zukunft der gedruckten Zeitung, wird mir schon etwas mulmiger. Dabei bin ich gerade von diesem Medium so völlig abhängig. Von klein auf und für immer. Geruch und Geknister. Überformat und Überschrift. Gefaltet oder ausgebreitet. Öliges Schwarz das schmiert. Tag für Tag. Einfach. Kompliziert. Ohne Zeitung geht es nicht. Nie. Nirgends. Morgens zum allerersten Kaffee das selbstverliebte Lokalblatt, aus der besten aller Städte, Präsentierteller eitler Provinz-Prominenz. Ein Platz für Helden. Mittags Sport in SZ, FAZ, FR, TAZ oder Schduddgarder. Abends Feuilleton in SZ, FAZ, FR, TAZ oder NZZ. Wöchentlich FAS, TAS, derFREITAG oder – wenn gar nichts sonst greifbar – auch mal WAMS. DIE ZEIT? Die Zeit der ZEIT ist vorbei. Boulevard und Trivialbrei machen sich zunehmend breit im einst liberal-intellektuellen Muss für alle die mitreden wollten.

Ich werde nie Thomas Bernhard lesen! Nie. Nirgends. Das war bisher so sicher wie Blüms Rente. Thomas Bernhard würde ich nicht lesen. Dieses absatzlose Jammertal, diesen triefenden Ich- und Weltschmerz, das endlose Leiden an Österreich und Österreich und wieder Österreich, wollte ich mir ersparen. Auch das fortwährende Draufhauen auf echte und vermeintliche Nazis und Katholiken; verständlich zwar, aber sich stark abnützend. „In jedem Wiener steckt ein Massenmörder, aber man darf sich die Laune nicht verderben lassen.“

Und es gibt weitere Leserzumutungen, wie seine zahlreichen punktarmen, kommareichen Passagen. Die langen Sätze voll Wort- und Begriffswiederholungen. “Die Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie” – der durchaus witzige Text über die Verleihung dieses Preis an ihn, Thomas Bernhard, geht über zwölfeinhalb Seiten und n-mal lesen wir “Die Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie”. Der Autor begründet: “ich bemühe mich naturgemäß immer um den ganzen korrekten Titel” und schert sich wenig um liebe Müh‘ und Not seiner Leser.

Natürlich, und jetzt gerate ich fast und wie nebenbei ins Lobende, verleiht das der flüssigen Sprachmelodie einen gewissen Rhythmus. Natürlich schimmert hinter dem fortwährenden Haudrauf literarischer Glanz; doch zu leicht werden spitze Ironie und galgenhumorige Komik dabei übersehen. Auf gar keinen Fall aber kann ich ihm seine Absatzlosigkeit nachsehen, denn die macht es nahezu unmöglich, wie gewohnt die Lektüre an beliebiger Stelle zu unterbrechen; und ich lasse mir als Leser auch von meinen verehrtesten Dichtern und Dichterinnen nicht gerne Unterbrechungslosigkeit vorschreiben.

Die Veränderung in meinem Weltbild begann am 23. Februar 2010. Da entdeckte ich Thomas Bernhard als Artgenossen. In der Wochenzeitung derFREITAG berichtete der Autor Michael Angele über die “Leiden des Zeitungssüchtigen”. Er ließ keinen Zweifel aufkommen, dass es ihm um die gedruckte Version des fast vierhundert Jahre alten Nachrichten-Trägers geht.“ Idealerweise sollte man diesen Text in der gedruckten Ausgabe des Freitag lesen.”

Das habe ich gemacht und jemanden gefunden, der mir aus dem Herzen sprach. Dem es in wunderschönster und pointierter Weise gelang über Freud und Leid des gemeinen langjährig Zeitungsabhängigen zu schreiben. Unter anderem ging es um die Schwierigkeiten die auftreten können, wenn man versucht, tagesaktuelle Zeitungen der eigenen Muttersprache (hier: Deutsch) in einem entlegenen anatolischen Bergdorf oder italienischen Badeort, einer märkischen Flächengemeinde oder Kleinstadt der Mittelheide zu beschaffen, wobei BILD hier ausdrücklich nicht mitspielt.

Angele schildert in diesem Zusammenhang, wie Thomas Bernhard einen ganzen Tag durch halb Südbayern und ein Drittel Österreich fuhr um die NZZ des Tages zu erwerben. “350 Kilometer Hass auf „Drecksorte“, in denen es die „Neue Zürcher“ nicht gibt.” Das konnte ich mühelos nachvollziehen; war mir doch Ähnliches immer wieder an nur scheinbar erholsamen Urlaubstagen widerfahren. Thomas Bernhard selbst beschreibt das Original-Erlebnis in dem autobiographischen Buch “Wittgensteins Neffe”.

Es war immer noch Februar und immer noch Zweitausendzehn, als dieses Werk als allererstes von Thomas Bernhard den Weg ins häusliche Bücherregal fand – Abteilung: Neuzugänge. Es ist eine traurige Geschichte, mit viel Tod und Krankheit, aber mit eben dieser herrlichen Passage über eine unheilbare Zeitungssucht.

Detailgetreu wird uns von der grotesken Odysee erzählt, die von Ort zu Ort führt, u. a. nach Salzburg, Bad Reichenhall, Steyr und Wels, aber nicht zur Tagesausgabe der NZZ. Bernhards Fazit: “Da wir in allen diesen angeführten und von uns an diesem Tag aufgesuchten Orten die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommen haben … kann ich alle diese aufgeführten Orte nur als miserable Drecksorte bezeichnen, die absolut diesen unfeinen Titel verdienen. Wenn nicht einen dreckigeren. Und es ist mir damals auch klar geworden, daß ein Geistesmensch nicht an einem Ort existieren kann, in dem er die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommt.“

Ich selbst existiere und lebe in einer kleinen süddeutschen Groß- und Universitätsstadt. Und als ich neulich über einen der schmucken Plätze dieser Stadt schlenderte, gingen vor mir zwei Mädchen, junge Frauen, ins Gespräch vertieft, und eine von beiden seufzte: “Ach Berlin. Ulm ist überwältigend.” Fast alle deutschsprachigen Zeitungen sind hier für mich und Tag für Tag problemlos verfügbar. Unter all den lesenswerten, mir vertrauten Blättern, habe ich über die Jahre hinweg immer wieder gerne und oft zur Süddeutschen Zeitung gegriffen.

Während unser lokales Pflichtblatt vor einigen Tagen, als sich in Ägypten Weltgeschichte ereignete, auf der Titelseite mit der Zeile “Ken wird 50” und einem großen farbigen Bild des Plaste-Produkts und Barbie-Gefährten aufmachte, erklomm die SZ am Freitag den 4. Februar einen neuen Gipfel des Qualitäts-Journalismus. Auf Seite 3 erschien, sechsspaltig und mit ebenso breitem schwarzweißen Portrait-Bild, “Der Weltverbesserer … Thomas Bernhard würde jetzt 80 Jahre alt werden. Eine Winterreise und Geburtstagswallfahrt”, von Benjamin Henrichs. Ein Artikel der noch einmal nachdrücklich, weit ausholend und originell zu Lektüre und Beschäftigung mit dem großen, queren österreichischen Dramatiker und Erzähler anregt. Eine deutsche Tageszeitung, die ihre ganze prominente Seite einem toten Dichter widmet: “Am 12. Februar 1989, drei Tage nach seinem 58. Geburtstag, ist Thomas Bernhard in Gmunden gestorben … Begraben wurde der Dichter in Wien, auf dem Grinzinger Friedhof, ohne dass es die Öffentlichkeit bemerkte, genau so also, wie er es immer gewollt hatte.”

„Es ist wie es ist, und es ist fürchterlich.“ Thomas Bernhard litt fast sein ganzes Leben an einer unheilbaren Lungenkrankheit. Am 9. Februar 2011 wäre er 80 Jahre alt geworden.

Ich habe längst begonnen, Thomas Bernhard zu lesen.

 

Bernhard, Thomas: Wittgensteins Neffe. – Suhrkamp, 2006

Bernhard, Thomas: Meine Preise. – Suhrkamp, 2009

Henrichs, Benjamin: Der Weltverbesserer. – In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 28, 4. Februar 2011, S. 3

Angele, Michael: Warum wir Zeitungen brauchen, derFREITAG, 23.2.2010

und hier: http://www.freitag.de/kultur/1008-warum-wir-zeitungen-brauchen