Feste lesen! (1)

Geschenke vom Buchmarkt – Erster Teil

Advent! Advent! die erste Kerze brennt inzwischen rasch herunter und so langsam wird es Zeit den vorweihnachtlichen Konsumtrieben zu folgen.

Liebe Freunde dieses Blogs, wenn Sie in den nächsten Tagen und Wochen aus der Buchhandlung ihres Vertrauens mehr als den geldwerten Gutschein mitnehmen wollen, gibt es hier, heute und demnächst nochmals, einige kurze Hinweise auf im Druck erschienene Erzeugnisse von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die es möglicherweise verdienen getrost nach Hause getragen, verschenkt oder gar vom Käufer selbst gelesen zu werden. Sollten Sie die nachfolgend aufgeführten Werke in den langen Regalreihen oder auf den Themen-Tischen nicht sofort entdecken, kein Grund zur Panik oder Flucht nach Amazonien. Jeder ordentlich ausgebildete Sortiments-Buchhändler beschafft das Vermisste in der Regel bis zum nächsten Werktag.

 

Junge Stimmen

Die junge Schweizerin Dorothee Elmiger gewann mit ihrer ersten Veröffentlichung, dem Roman „Einladung an die Waghalsigen“ (Dumont. Euro 16,95), den diesjährigen Aspekte-Literaturpreis des ZDF. In ganz eigenem Stil erzählt sie von zwei Schwestern die in einer Endzeitlandschaft zu einer Expedition aufbrechen um ihre eigene Herkunft zu erforschen. Eine erfindungsreiche Geschichte voller erzählerischer Kraft.

Aus dem vorpommerschen Anklam stammt Judith Zander, die in Berlin lebt. In „Dinge die wir heute sagten“ (dtv. Euro 16,90) erzählt sie eine Familiengeschichte über drei Generationen im Nordosten Deutschlands. Es geht um Provinz und Alltag, um Freundschaft und Verrat. Ein Erstling von erstaunlicher Reife. Das Buch stand auf der Short-List für den deutschen Buchpreis.

Auch der Berliner Schriftsteller und Musiker (Mitglied der Gruppe „Fön“) Michael Ebmeyer erzählt uns eine Familiengeschichte. Doch diese führt von der Provinz in die weite Welt. Vom Rheinland und dem schwäbischen Tübingen nach Argentinien und zurück. Und zeitlich vom 19. Jahrhundert bis in die bewegten 1960er Jahre der Bundesrepublik: Landungen (Kein & Aber. Euro 19,90)

Sie gewann in diesem Jahr sowohl den Deutschen, wie auch den Schweizer Buchpreis: Melinda Nadj Abonji, geboren in Becsej in der Vojvodina, studierte an der Universität Zürich Deutsche Literatur und Geschichte. In Ihrem zweiten Roman „Tauben fliegen auf“ (Jung und Jung. Euro 22) erzählt sie eine stark autobiographisch geprägte Migranten-Geschichte. Die Familie Kocsis lebt in der Schweiz, aber es ist ein schwieriges Zuhause, noch keineswegs zur neuen Heimat geworden, obwohl Eltern und Kinder schon gut in das Arbeits- und Alltags-Leben integriert sind. Die Schweiz schafft manchmal die Töchter, Ildiko vor allem, sie ist zwar angekommen, fühlt sich aber nicht immer angenommen.

An orientalische Erzählungen erinnert der Stil von Mariam Kühsel-Hussani. Wie für Melinda Nadj Abonji ist auch für sie Deutsch die Zweit- und eigentlich eine Fremdsprache. Doch in dieser hat die in Kabul geborene Berlinerin zu großer Ausdruckskraft gefunden. In „Gott im Reiskorn“ (Berlin University Press. Euro 18,90) erzählt sie uns von einer alten afghanischen Kalligraphenfamilie, die in den fünfziger Jahren den jungen deutschen Kunsthistoriker Jakob Benta aufgenommen hat. Es ist auch ein Ausflug zu Stationen afghanischer Kulturgeschichte, von denen viele während der zahlreichen Kriegsjahre inzwischen zerstört oder verloren sind.

Alt, aber gut

Wo Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ nach, für die meisten zu vielen Seiten endet, setzt „Vor dem Sturm“ an. (Mehrere Ausgaben auf dem Markt. Sehr schön ist die reich kommentierte von dtv. Euro 15,90) Es ist der erste Roman Theodor Fontanes und gleichzeitig sein umfangreichster. Napoleon ist jetzt auf dem Rückzug aus Russland. Im märkischen Oderbruch bereiten sich Adel und Bevölkerung auf die zurückweichenden Heere vor. Zwischen alter und junger Generation gibt es sehr unterschiedliche Pläne, wie vorgegangen werden soll. Ein breites Panorama der Adels-, Bürger- und Bauernwelt um 1810 mit zahlreichen historischen Rückblenden, farbigen Personen- und Landschaftsschilderungen. Mit etwas Eingewöhnung gut lesbare 700 Seiten.

Wie Tolstoi starb auch Wilhelm Raabe im Jahr 1910. Beider hundertster Todestag wurde in den letzten Wochen mehr oder weniger ausgiebig gewürdigt. Raabe erfuhr dabei so etwas wie eine Neubewertung. Literaturhistorisch zählt der Zeitgenosse Fontanes, Storms und Kellers zu den Realisten. Sein Werk enthält aber auch spätromantische und phantastische Passagen. Inzwischen hat man in seinem Stil und seinen Themen moderne Elemente, die ihrer Zeit voraus waren, entdeckt. Raabe war kein Erfolgsautor, er schrieb nicht gefällig und leichtgängig und liest sich auch heute noch durchaus etwas sperrig. Doch auch hier wird die Mühe mit Lesegenuss und Staunen über die Vielschichtigkeit und Aktualität der Geschichten belohnt. Etwa wenn in „Pfisters Mühle“ (Reclam. Euro 6) der Einbruch moderner Technik und damit neuer Geschwindigkeiten in das Leben der Menschen des 19. Jahrhunderts geschildert wird.

Stopfkuchen“ (u. a. bei dtv. Euro 8,90) bezeichnete Raabe selbst im Untertitel als „See- und Mordgeschichte“. Fachleute sehen in dem Roman einen Vorläufer der späteren Kriminalromane. Eduard, kehrt nach Jahrzehnten in Südamerika noch einmal in seine deutsche Heimat zurück und trifft seinen Jugendfreund Heinrich, genannt „Stopfkuchen“. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Heinrichs Lebensbericht. Dieser versucht darin eine Rechtfertigung seiner im bürgerlichen Sinn verfehlten Lebensform. Heinrich hat sich nämlich vom schwächelnden Außenseiter zum humoristischen Spötter der Gesellschaft entwickelt. Wenn man so will – und wie es später wohl Thomas Mann definiert hätte – zum Künstler. Dem stehen die praktischen, weltzugewandten Erfahrungen Eduards gegenüber.

Wer es erst einmal in kürzerer Form mit Raabe versuchen möchte, dem sei das unvollendete Spätwerk „Altershausen“ empfohlen (Insel-Bücherei Nr. 1335 – wunderschöner kleiner Band! Euro 13,90). Der siebzigjährige Obermedizinalrat Friedrich Feyerabend, zieht Lebensbilanz und beschließt an den Ort seiner Kindheit zurückzukehren. Er reist nach Altershausen, um zu erkunden, wer noch mit ihm auf der Welt geblieben ist. Diese Insel-Ausgabe gewinnt ihren besonderen Wert durch das eigenwillige, ausgesprochen lesenswerte Nachwort des Raabe-Kenners und -Preisträgers Andreas Maier, der erst einmal von sich erzählt: „Ich komme aus einer Kleinstadt, die sich schon während meiner ersten Jahre so verwandelte, daß ich als Student bereits den Überblick verloren hatte … Ständig verschwinden die Dinge im Nichts, und zwar durch Menschenwerk … Wenn man eine Spanne von siebzig Jahren lebt, ist eigentlich am Ende die komplette Welt ausgetauscht.“

Tip: Von Raabe und Fontane gibt es zahlreiche Werke gelb und handlich in Reclams Universal-Bibliothek. Diese Bändchen sind preiswert und können bequem überall mit hingenommen werden.


Lyrik

„… Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
die Försterin im Herrenzimmer.
In dieser wunderschönen Nacht
hat sie den Förster umgebracht …“

So stimmungsvoll kann der Advent sein, zum Beispiel bei Loriot. Und Loriot geht immer: Gemalt, bewegt, gereimt. In vielen Formen und Farben und für alle Altersklassen.

Jan Wagner hingeben meint es ernst. Der aus Hamburg stammende, wie es sich für schöpferische Geister heute gehört, in Berlin lebende Dichter ist einer der wichtigsten und interessantesten deutschen Lyriker der jüngeren Generation. Sein neuestes Buch heißt „Australien“ (Berlin Verlag, 18 Euro). „Man ist glücklich in Australien, / sofern man nicht dorthin fährt“ – diese Verse von Alvaro de Campos hat Jan Wagner der neuen Sammlung vorangestellt und zum poetischen Programm einer Weltreise umgemünzt. Und wo immer Jan Wagner uns hinführt, fördert er Überraschendes zu Tage. Wie gut sich Wagner liest und spricht zeigt dieser Ausschnitt aus dem 2004 erschienen Gedicht „Botanischer Garten“:

„dabei, die worte an dich abzuwägen –
die paare schweigend auf geharkten wegen,
die beete laubbedeckt, die bäume kahl,
der zäune blüten schmiedeeisern kühl,
das licht aristokratisch fahl wie wachs –
sah ich am hügel gläsern das gewächs-
haus, seine weißen rippen, fin de siècle,
und dachte prompt an jene walskelette … „

Streckenweise heiter geht es bekanntlich bei dem vor vier Jahren verstorbenen Robert Gernhardt zu. Tief- und Hintersinn kommen dabei aber keineswegs zu kurz. Seine „Gesammelte Gedichte. 1954 – 2006“ (S. Fischer. Euro 16) kann man nur immer wieder empfehlen. Und mit ihm hoffen nicht Wenige, dass in Erfüllung geht, was er sich einst zusammenreimte:  „Ums Buch ist mir nicht bange. / Das Buch hält sich noch lange.“


Geschenkt!

Reckless (Dressler. Euro 19,95) von Cornelia Funke. Was man den Brüdern Grimm und ihren Figuren alles antun kann, hat uns schon Hollywood auf der Leinwand vor Augen geführt. Jetzt setzt Frau Funke dem noch eins drauf und der Verlag hat es bestsellergerecht zwischen Buchdeckel gepackt. Dazu die Spezialistin für Kinder- und Jugendliteratur, Birgit Dankert: „Cornelia Funke operiert zum Teil recht erfolgreich mit der Ausstattung der Grimmschen Märchenwelt … Aber viele der Wesen, die wir aus den alten Märchen kennen, werden in Reckless einfach nur benutzt und ausgebeutet … Die ständige Aufgeregtheit, die Tücke, die Kleptomanie all der Wassergeister, Stilze, Einhörner und Wölfe, die das Buch übervölkern, schaffen immer nur kurzfristig Spannung … Sehr bedenklich ist auch das Frauenbild, das Reckless zeichnet: Reiz und Kraft der weiblichen Figuren liegen fast ausschließlich in ihren sexuellen Vorzügen. Das beliebte Klischee der gefährlichen Frau nimmt breiten Raum ein.“

* * *

„Feste lesen! wird fortgesetzt, wenn das Wachs von der zweiten Kerze tropft. Dann geht es u. a. um „Schmöker“, echte „Herausforderungen“ und „besondere Bücher.“

So! Rum. Frankfurter Buchmesse MMX

Mittwoch und folgende

Am liebsten würde ich alle analogen und digitalen Empfangsgeräte ausschalten, alle gedruckten Massenmedien in dafür geeignete Container entsorgen, wegschauen, abtauchen, nur noch mit Lieblingsbüchern dauerschmökern, auswandern nach Polylesien, Tau und Tee trinken, Tag und Nacht von Zetteln träumen, das Westallgäu von Nord nach Süd durchwandern, in mein Tagebuch fallen, unsichtbar bleiben. Doch wenn ich geh’, geht nur ein Teil von mir und der and’re schaut zu dir.

Alle reden von Argentinien. Doch ich sehe, höre und lese nur Schweiz. Melinda Nadj Abonji gewann – Sarrazin sei dank! – mit „Tauben fliegen auf“ den diesjährigen deutschen Buchpreis. Das Schicksal einer ungarischen Familie, die aus Serbien in die Schweiz auswandern muss und deren Geschichte nun in Frankfurt und anderswo die Runde macht. Lieblich, ohne nachhaltigen Abgang. Wir sind Europa.

Dorothee Elmiger bekam neulich den Aspekte Literaturpreis des ZDF für „Einladung an die Waghalsigen“. Ich hab’s gelesen – es ist nicht viel und auch nicht lang – aber großartig und ganz eigen. Mit Mut, Phantasie und Sprachvermögen. Nicht dieses weit verbreitete Schreiben, das eine tragische Biographie erzwingt. Wenn sie das Niveau irgendwann bestätigt, können wir eine neue großartige Stimme begrüßen. Dorothee Elmiger stammt aus Wetzikon im Bezirk Hinwil und lebt jetzt – dreimal raten überflüssig – in Berlin.

Schluss mit Schweiz? Nein, einen hab’ ich noch. Beim 44. Literarischen Wettbewerb der GAD (wer es wirklich nicht weiß: Gastronomische Akademie Deutschland) bekamen die Autoren Dominik Flammer und Fabian Scheffold die „Goldene Feder“ für „Schweizer Käse“, erschienen im AT Verlag, der im schweizerischen Aarau zu Hause ist.

Und Argentinien? Der mehrfach begabte Chansonnier Michael Ebmeyer (Mitglied der Berliner Combo „Fön“) hat schon wieder einen Roman geschrieben. „Landungen“ spielt zu großen Teilen in Argentinien. Erschienen ist diese lesenswerte Zeit- und Familiengeschichte natürlich bei Kein und Aber. Ja, genau: Zürich!

Die armen Grimms. Sie kennen doch die Grimms?! Jacob und Wilhelm, die Wörter- und Märchensammler und großen Gelehrten. Früher Göttingen, später Berlin. Wie geschieht heutzutage ihren Gestalten und Geschichten, den altdeutschen Mythen, den volkstümlich romantischen Figuren? In Reckless, dem neuesten Buch der nach Amerika ausgewanderten, aber immer noch deutschsprachigen Erfolgsautorin Cornelia Funke, werden sie Opfer profitabler Umdeutung.

Birgit Dankert, längst im tätigen Ruhestand, einstmals eine meiner Lieblings-Professorinnen am Hamburger Fachbereich, erläuterte letzte Woche in der ZEIT „Warum das neue Buch von Cornelia Funke ein einziges Ärgernis ist.“

„Cornelia Funke operiert zum Teil recht erfolgreich mit der Ausstattung der Grimmschen Märchenwelt … Aber viele der Wesen, die wir aus den alten Märchen kennen, werden in Reckless einfach nur benutzt und ausgebeutet … Die ständige Aufgeregtheit, die Tücke, die Kleptomanie all der Wassergeister, Stilze, Einhörner und Wölfe, die das Buch übervölkern, schaffen immer nur kurzfristig Spannung … Sehr bedenklich ist auch das Frauenbild, das Reckless zeichnet: Reiz und Kraft der weiblichen Figuren liegen fast ausschließlich in ihren sexuellen Vorzügen. Das beliebte Klischee der gefährlichen Frau nimmt breiten Raum ein.“

Frau Dankert kritisiert den Etikettenschwindel, wenn uns weiß gemacht werden soll, es handelt sich um ein „harmloses Kinder- und Jugendbuch für jedes Lesealter.“ Ihr Fazit: „Wirklichkeit zu erkennen, zu deuten, zu bewältigen und zu überspringen – dazu taugen Märchen. Reckless gelingt das nicht. Seine Welt ist synthetisch und kommt im Leben nicht an.“ Aber alsbald als Kassenschlager in die Kinos – möchte man ergänzen, FSK ab 6 und im Sessel Mutter und Vater mit Drei- und Vierjährigen. Heute müssen Eltern ihre Kinder nicht mehr im Wald aussetzen. Es gibt subtilere Möglichkeiten der Vernachlässigung.

Falten Zitronenfalter Zitronen? Enthält Hundekuchen…? Hat die Frankfurter Buchmesse irgendwie mit Literatur zu tun? Mit Büchern schon. Bücher von Autoren die komplexe Begriffe wie (völlig willkürliches Beispiel!) „hummeldumm“ auf so und so viel Seiten exemplarisch, praktisch, lebensnah und banal glauben erläutern zu müssen. Oder Werke von Jung-, Neu- oder Eigentlichnicht-Autoren, die sich vor völlig natürlichen und weit verbreiteten Naturereignissen wie Vaterwerden und Kinderhaben ins Bücherschreiben flüchten.

Und mit E-Books hat sie zu tun. Nun schon im dritten Jahr nacheinander – in Frankfurt und in Leipzig – sind diese unheimlich im Kommen, werden zum unverzichtbaren Lifestyle-Produkt hochgepredigt. Und alle medialen Kanäle stimmen ein. Das Angebot an Hardware ist vielfältig. Was hätten’s denn gerne? Das anglophile Kindle oder den geschmeidigen Sony Reader, Bookeen Cybook Opus, Foxit eSlick oder Ectaco jetBook-Lite? Den PRS-600 Touch black, das Cybook Gen3 Gold Edition oder doch lieber das äußerst günstige Weltbild-Modell? Es gibt auch tatsächlich schon das eine oder andere Buch zum Draufladen und Runterlesen. Aber nicht für alle die gleichen. Das gilt auch für die Formate und Ausstattungsmerkmale. Unter Strom sollte es natürlich schon stehen – Stichwort: Akku-Laufzeit. Flatrate demnächst. Tolstoj und Fontane gratis dazu.

Von Bibliotheken ist und war in Frankfurt allenfalls am Rande die Rede. Die lassen sich nicht handeln und ihre Dividenden sind nicht pekuniär. Das soll sich jetzt ändern, war zu hören. Und wie Vieles kommt auch diese Idee wohl bald über den großen Teich zu uns. Unser aller Terminator und Ex-Ösi Arni gehört zu den Pionieren die hier mutig Neues wagen. In den USA werden neuerdings kommunale Bibliotheken an private Anbieter übergeben. LSSI (Library Systems and Services) ist eine der Firmen, die dieses Geschäftsfeld erschließen. Ich zitiere aus der FAZ vom 30. September: „Das Unternehmen betreibt bereits 14 Stadtbüchereien mit 63 Zweigstellen, die meisten davon im krisengeschüttelten Bundesstaat Kalifornien, wo Gouverneur Arnold Schwarzenegger gegen die chronische Finanznot kämpft … Jüngst hat es (LSSI) den Auftrag bekommen, drei Büchereien in Santa Clarita (Los Angeles County, 170.000 Einwohner) zu managen. Dort will LSSI-Vorstandchef Frank Pezzanite rund eine Million Dollar jährlich einsparen.“

Über die Buchmesse wird viel gesendet und geschrieben. Lesen Sie einfach was Sie wollen oder lassen Sie es bleiben. Nicht versäumen sollten Sie allerdings den Buchmesse-Blog von Andrea Diener auf faz.net. Das ist auch Tage und Wochen danach noch lesens- und – wegen der photographischen Fähigkeiten der Autorin – auch sehenswert. Sehr interessant und auf bestem Niveau sind zudem zahlreiche Kommentare, die den Berichten jeweils prompt folgen. Allerbeste Diskussionskultur, wie man sie im web nur selten findet.

Sonntag-Abend

Der Kaffee wird kalt. Auf meinem Schreibtisch liegt ein knittriger Gutschein für das „Café der Verlage“, zu finden auf der Frankfurter Buchmesse in Halle 3.1, zwischen Gang L und M. Dafür hätte ich wahlweise einen Espresso oder einen Café Latte bekommen. Eigentlich schade, wenn man die Verpflegungspreise auf der Frankfurter Messe kennt. Aber zu verkraften. Dafür gönne ich mir, wenn ich hiermit fertig bin, einen kräftigen Schluck argentinischen Roten und ein großes Stück reifen Emmentaler.

Deutschland – Argentinien und zurück

„Landungen“ von Michael Ebmeyer

Mit seinem neuesten Buch gelingt Michael Ebmeyer eine breit angelegte Familiensaga, verbunden mit der Darstellung kulturgeschichtlicher Aspekte der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte und ein origineller Argentinien-Roman. Ist es Zufall oder kluge verlegerische Planung, dass dieses Werk in einem Herbst auf den Markt kommt, in dem Argentinien auf der Frankfurter Messe als Gastland begrüßt wird? Eine nicht geringe Aufmerksamkeit scheint damit schon einmal sicher. Und die möchte man der sehr gelungenen, vielschichtigen und dennoch leicht lesbaren Neuerscheinung gerne wünschen.

Die Geschichte beginnt 1869 in Bremerhaven, als die hübsche, ledige Friederike Soltau mit einem Auswandererschiff nach Argentinien aufbricht. Sie soll ihre Brüder unterstützen, die in der Pampa Land erworben haben und hier, mit gesundheitlichen Erwartungen und Hoffnungen verbunden, einen Neuanfang wagen. Leben und Überleben gelingen den Geschwistern nur ansatzweise. Die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingen sind hart.

Frederike ist eine sehr sensible junge Frau die etwas seltsam auf ihre Mitmenschen wirkt. Aus heutiger Sicht würden wir sie wahrscheinlich als psychisch krank einstufen. Doch sie findet als einzige der drei Geschwister in der neuen Welt eine positive Perspektive, ist anpassungsbereit, nimmt ihr Leben schließlich selbst in die Hand und entzieht sich zunehmend der Familie.

Hundert Jahre später wagt der Nachkomme Udo Soltau in Deutschland nach einer gescheiterten Ehe einen Neuanfang mit der viel jüngeren Sigrid und will – um Scheidung und berufliche Selbständigkeit zu finanzieren – den alten Familienbesitz in Übersee verkaufen.

Den eigentlichen Mittelpunkt der Erzählung bildet schließlich Marco, der 1968 auf der südamerikanischen Hacienda gezeugte Sohn von Sigrid und Udo. Auch ihn lässt die argentinische Vergangenheit der Familie nicht los, obwohl er anfangs alles versucht um sie von sich fern zu halten. Es ist schließlich eine Angelegenheit der Eltern, von denen sich der sehr empfindsame und unschlüssige Student nicht nur geographisch abgesetzt hat.

Marco lebt und studiert in Tübingen, „der Hauptstadt der Labilität“. Es geht ihm nicht gut dort, das Neckartal wird ihm zum Jammertal. Als dem Beginn einer zarten neuen Liebe ein psychischer Zusammenbruch folgt, findet er doch noch zu den argentinischen Wurzeln seiner Familie und auf den Spuren seiner Vorfahren neue Wege und Möglichkeiten für sich und die zauberhafte Tari. Bei einem überwachsenen Grabstein, inmitten der grünen Pampa und unter dem Diktat der Zahl 24 schließt sich der Kreis.

Wir kennen das Prinzip schon aus Ebmeyers letztem Buch „Der Neuling“: Man muss weit weg, um zu sich selbst zu finden. Am besten gleich ans andere Ende der Welt. Schamanenhafte Heilkunst – hier die charismatische „hechicera“ Amalia – begegnet uns in „Landungen“ ebenso wieder, wie das nachdrücklich prägende musikalische Erlebnis. Diesmal in Gestalt des legendären argentinischen Volkssängers, dem, viel zu früh durch das Pferd zu Tode gekommenen, legendären Jorge Cafrune.

Neben den eindrucksvollen, sehr kundigen Argentinien-Passagen, durchlebt der Leser mit den Hauptfiguren der beiden jüngeren Generationen auch wesentliche Epochen unserer Republik nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie sehr sich Land, Kultur, Alltag und Moralvorstellungen der Menschen in diesen Jahrzehnten verändert haben, macht der Autor exemplarisch am Grad sexueller Hemmung, bzw. Enthemmung deutlich. Ebmeyer erzählt, spannungsfördernd die Zeitebenen wechselnd, eher konventionell, fast unmodern. Der Wortschatz wird dabei um viele aus fremder Welt und Sprache stammenden Begriffe erweitert und bereichert.

Autor und Verlag haben über das gedruckte Buch hinaus, weiterführende Pfade in virtuelle Welten angelegt. Die Homepage des Buches und die Residenz des Autors im Netz sind so zu erreichen.

Frederike, Udo und Marco gibt es ansatzweise auch auf Facebook. Dort soll man ihnen näher kommen können. Nicht auszuschließen, dass so etwas gelingt, denn auf Facebook ist viel möglich, man kann dort sogar mit einem blauen Sofa in Verbindung treten.

Es ist allerdings auch kein Fehler, auf solche Ausflüge ins social web zu verzichten und sich ganz auf den alten Reiz des epischen Erzählens zu verlassen. Bei den Büchern von Michael Ebmeyer lohnt das allemal; er schreibt hintergründig unterhaltsam auf bestem Niveau und man wundert sich eigentlich nur, warum seine Bücher nicht längst populärer sind.

Ebmeyer, Michael: Landungen. – Kein & Aber, 2010. Euro 19,90