„… waldbegraben, an einer reichlich-frischen Brandung“

Das Ostseebad Graal-Müritz und die Dichter

Erich Kästner wuchs in Dresden auf. 1899 in der barocken Elbe-Stadt geboren, machte er mit 15 Jahren die erste größere Reise. Von einer wohlhabenden Tante finanziert, führte sie über Berlin an die Ostsee. In den Sommerferien des Jahres 1914 stand er zusammen mit seiner Cousine und der geliebten Mutter „vom Strandhafer zerkratzt, zwischen den Dünen und sah aufs Meer hinaus. Auf diesen atemberaubend grenzenlosen Spiegel aus Flaschengrün und Mancherleiblau und Silberglanz … Das Meer war groß und blind, unheimlich und voller Geheimnisse.“

Dem ersten Staunen folgte bald überraschende Erkenntnis: „Am Rande des Erhabenen fand das Lächerliche statt. Man war aus den Städten geflohen und hockte jetzt, angesichts der Unendlichkeit, noch viel enger nebeneinander als in Hamburg, Dresden und Berlin. Man quetschte sich auf einem Eckchen Strand, laut und schwitzend zusammen wie in einem Viehwagen … Während der Ferien lagen die Mietskasernen am Ozean … Der Mensch glich dem Schaf und trat in Herden auf.“

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Im späten Winter 2013, der bis weit in den April und über Ostern dauerte, sah es ganz anders aus. Nur wenige Menschen besuchten die norddeutsche Küste oder buchten in einem der Urlaubsorte. Statt leichter Bademoden dicke Parkas, Thermo-Anoraks, Schals und Kapuzen, Handschuhe und warme Schuhe. Stille und beschauliche Einsamkeit auf langen Spaziergängen, eisige Wellengicht und vom Schnee geweißte Dünen, leichtes Gehen auf gefroren festem Sand, kalte Winde von Ost, kein Geruch von Sonnenmilch, keine üppigen Eistüten, die allzu leichte Beute wendiger Seemöwen werden können, reichlich Platz in den Frühstücksräumen der Pensionen, den Restaurants und Fisch-Imbissen. Anfang April 2013 sind die Fotos zu diesem Beitrag entstanden.

„Als ich ein kleiner Junge war“ heißen die Kindheitserinnerungen Erich Kästners. In raffiniert naiv gestalteter Form schildert er humorvoll ironisch die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg aus dem Blickwinkel eines Heranwachsenden. Müritz war der Ort in den er damals mit Mutter, Tante und Cousine reiste. Ein inzwischen seit über 150 Jahren beliebtes, in allen Epochen und Gesellschaftssystemen viel frequentiertes Seebad, das nach und nach mit dem Nachbardorf zusammenwuchs und sich heute Graal-Müritz nennt. Es liegt knapp 30 Kilometer nordöstlich von Rostock, kurz vor der Halbinsel Fischland-Darß.

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Tucholsky war hier und Hans Fallada (1893 – 1947) hat zwischen 1905 und 1909 mehrere Ferien in Graal verbracht. Alfred Kerr kam auf einer Fahrradtour durch Müritz und das damals noch sehr kleine, verstreut besiedelte Graal – „waldbegraben, an einer reinlich-frischen Brandung, sagt mir sofort zu“, schrieb er im Juni 1915 in sein Notizbuch. 1906 lernte Robert Musil in Graal die sechs Jahre ältere Martha Marcovaldi; 1911 heirateten die beiden. Im ansehnlich renovierten „Haus Ithaka“ befindet sich heute die öffentliche Bäder-Bibliothek; der Dramatiker und Drehbuchautor Rudolf Presber (1868 – 1935) wohnte hier und von 1963 bis 1969 der Schriftsteller Herbert Nachbar (1930 – 1980).

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Einer der sehr gerne dem Trubel und Gedränge der Hochsaison aus dem Wege ging war Walter Kempowski (1929 – 2007). In seinem autobiographischen Journal „Sirius“ schildert er Eindrücke von 1990: „Im Mai habe ich ein paar Stunden am Strand von Graal gesessen, es war wunderbares Wetter, und keine Menschenseele war zu entdecken. Es waren keine Spuren mehr auszumachen von den großen Tagen meiner Eltern.“

Vor dem zweiten Weltkrieg wohnten die Kempowskis in der Rostocker Augustenstraße, in einem Gebäude im Bauhausstil. Unter dem Dach hatte Walter ein kleines Mansardenzimmer. Der Vater war ein wohlhabender Reeder. Graal wurde von der Familie oft besucht, man hatte es ja nicht weit. Eine Bilderserie in „Sirius“ auf den Seiten 358 folgende, zeigt Eltern, Großeltern und andere Verwandte am Ostseestrand. In hochgeschlossenen, hellen Kleidern sitzen die Frauen im Strandkorb, die Männer tragen Anzug und Hüte, Mädchen in Matrosenkleidern spielen in einem Segelboot das im Sand aufgebockt wurde, eine Windmühle ist zu sehen.

„In Erinnerung an unseren großen Kollegen Cäsar Flaischlen“, schrieb Walter Kempowski im April 1993 in das Gästebuch eines Lokals in dem dieser um 1900 sehr populäre Schriftsteller einst verkehrte. „Hab Sonne im Herzen, / ob’s stürmt oder schneit, / ob der Himmel voll Wolken, / die Erde voll Streit!“ (singbar nach der Melodie von ‚Der Mai ist gekommen‘), beginnt eines der bekanntesten Gedichte Cäsar Otto Hugo Flaischlens (1864 – 1920), der in Stuttgart zur Welt kam, später in Berlin lebte und ein Bekannter Hermann Hesses war.

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An klaren, frostigen Wintertagen geht der Blick weit hinaus übers offene Meer. Im Norden sind Dänemark und Schweden zu ahnen, im Osten das Baltikum. Fernweh stellt sich ein, Wehmut und sanfte Melancholie. Eine Stimmung, die den Winter-Strandgänger an Franz Kafka (1883 – 1924) denken lässt, dessen letzter Sommer in ganz besonderer Weise mit diesem Flecken am Meer verbunden ist. Im Juli 1923 bezog er ein Zimmer in der Pension „Glückauf“, schon lange schwer krank. Tuberkulose, Magen- und Darmkrämpfe, immer wieder Fieberschübe. Gegen den Rat des Arztes hatte die Familie dem Vierzigjährigen einen Ostsee-Aufenthalt verordnet.

Über die Zwischenstation Berlin, kam er, bei Sommerhitze fröstelnd, weil wieder einmal fiebernd, in Graal-Müritz an. Bei offener Balkontür hörte er Kinder singen. Es waren jiddische Lieder, gesungen von Kindern, die unbeschwerte Ferienwochen im „Berliner Jüdischen Volksheim“ verbrachten. Alsbald nahm Kafka an einer Sabbatfeier in dieser Einrichtung teil. Und „… am Abend des 13. Juli, eine Woche nach seiner Ankunft, ging Kafka hinüber … Durch ein Fenster im Erdgeschoss blickte er in die Küche, in der eine junge Frau beschäftigt war, eine Frau mit halblangen, dichtem, lockigem Haar, runden Wangen und vollen Lippen.“

So lernte der Schriftsteller die letzte große Liebe seines Lebens kennen. Dora Diamant, ein „dunkles Geschöpf“, wie sie sich selbst bezeichnete, 1898 in der Nähe von Lodz geboren, einem Gebiet, das damals zum russischen Zarenreich gehörte.

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„Dora“ heißt das Kapitel in „Kafka. Die Jahre der Erkenntnis“, einem von drei Bänden Reiner Stachs großer und großartiger Kafka-Biographie, in dem er diese Begegnung und die kurze Zeit schildert, die dem Paar bleiben sollte. Dora und Franz hatten sich gegen alle Vernunft und Ratschläge zum gemeinsamen Lebensweg entschieden. Unter ständigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten und in wechselnden Untermiet-Quartieren, lebten sie nach dem Müritzer Sommer in Berlin.

Michael Kumpfmüller hat aus diesem Lebensabschnitt Kafkas einen schönen, einfühlsamen Roman gestaltet. „Die Herrlichkeit des Lebens“ wird für den längst todkranken Dichter ein letztes Mal sichtbar, spürbar. Auf der Basis von Kafkas Tagebüchern, Briefen und letzten Texten hat Kumpfmüller eine bewegende Liebesgeschichte geschrieben. Dora Diamant blieb bei Franz Kafka bis zu dessen Tod am 3. Juni 1924 im niederösterreichischen Kierling, nahe Wien.

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Literatur

Kästner, Erich: Als ich ein kleiner Junge war. – Zürich, 1996

Kempowski, Walter: Sirius. Eine Art Tagebuch. 2. Aufl. – München, 1990

Kumpfmüller, Michael: Die Herrlichkeit des Lebens. Roman. – Köln, 2011

Puttkammer, Joachim: Schriftsteller in Graal-Müritz. 2. Aufl. – Rostock, 2004

Stach, Reiner: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis. – Frankfurt am Main, 2008

 

 

 

Feste lesen!

Bei Kerzenschimmer, Zimtgebäck und Malventee. In Wollsocken unter der Leselampe. Mit Büchern durch den Winter.

“Es ist etwas Besonderes um Menschen, die am gedruckten Wort Interesse haben. Sie sind eine eigene Spezies: kundig, freundlich, wißbegierig – einfach menschlich.” Dieser Satz stammt von Nathan Pine, der, als er im Dezember 1982 neunzigjährig in New York verstarb, 77 Jahre als Buchhändler gearbeitet hatte.

Lange Lesen

Zum Beispiel mit Jan Brandt und seinem “Gegen die Welt” (Dumont. Euro 22,99). Der aus Leer stammende Jungautor und Journalist macht seine Heimatregion Ostfriesland zur literarischen Landschaft. Die Geschichte beginnt Mitte der Siebzigerjahre und erzählt wird auf fast 1000 Seiten die Geschichte des Daniel Kuper, der gerne zwischen Stühle und geistige Fronten gerät und in dessen Leben es nicht immer mit rechten Dingen zu geht. “Rebellisch und bewegend, wahnsinnig und witzig”, fand Söhnke Wortmann das Buch.

“Der wahrhaftige Volkskontrolleur” von Andrej Kurkow (Haymon. Euro 22,90) hat leider nur schlappe 500 Seiten. Man hätte gerne mehr gehabt von diesen absurden, skurrilen und doch der Realität so nahen Episoden und Ereignissen, die in Russland angesiedelt sind. Kurkow selbst stammt aus der Ukraine und ist spätestens seit seinem “Picknick auf dem Eis” auch bei uns bestens bekannt. Ob Russland oder Ukraine – nicht auszuschließen, dass der Alltag in beiden Staaten derzeit große Ähnlichkeit mit Kurkows Romanen hat. In seinem neuen Buch geht es um einen eher harmlosen Zeitgenossen, der unerwartet in das groteske Amt eines Volkskontrolleurs gewählt wird. Das bleibt nicht folgenlos.

Wer den diesjährigen Gewinner des deutschen Buchpreises noch nicht gelesen hat, sollte die Feiertage dazu nutzen. “In Zeiten des abnehmenden Lichts” (Rowohlt. 19,95) reisen wir mit Eugen Ruge. Und es sind sehr deutsche Zeiten. Eine breit angelegter Familienroman, der ganz aus östlicher, also DDR-Perspektive erzählt wird. Der Autor war bereits 57 Jahre alt, als sein Erstling dieses Jahr erschien und für den die eigene Familiengeschichte reichlich Stoff lieferte. Einer der Höhepunkt, wie in so manch gutem Generationen-Roman, ist ein Weihnachtskapitel. Rasant und amüsant wie hier linienharte Stalinisten den Spagat versuchen zwischen völligem Ignorieren und gelassenem Hinnehmen dieser christlich-heidnischen Traditionsveranstaltung.

Wer lieber etwas lesen möchte, das mit unseren aktuellen Problemen zu tun hat, ist bei einem anderen Buch richtig, das ebenfalls ein wundervolles, vor allem nahrhaftes Weihnachtskapitel zu bieten hat. Hauptsächlich geht es jedoch um Spekulation, Warentermin-Geschäfte, geschäftlichen Niedergang, die Krise des Kapitalismus, die Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten und um Probleme mit der nachwachsenden Generation. Das Buch ist dick, gut und erschien erstmals vor 110 Jahren: “Buddenbrooks” von Thomas Mann. (S. Fischer. Gebunden Euro 14, als TB Euro 9,95)

Besonderes Lesen

Judith Schalansky erfüllt mir viele Wünsche. Sie hat ihr neuestes Werk traumhaft schön gestaltet, selbst gesetzt, Material, Schrift und Farben ausgewählt. In der Hand hält man mit “Der Hals der Giraffe” (Suhrkamp. Euro 21,90) ein ganzheitlich erfahrbares Sinnes- und Lese-Erlebnis, das die vielfach begabte Schriftstellerin schelmisch einen Bildungsroman nennt. Es ist zeitlich vor und nach der deutschen Wende angesiedelt und handelt von einer Lehrerin, die Naturwissenschaften unterrichtet und deren Verstand Gefühlsregungen ablehnt. Eine grausame und gleichzeitig bemitleidenswerte Figur, für die man als Leser seltsamerweise alsbald echte Sympathie entwickelt. Ein faszinierender Beweis, was Literatur anrichten kann.

“Wunsiedel” (Wunderhorn. Euro 18,90) ist ein kleines Städtchen im nördlichen Franken, nahe der Grenze zu Tschechien. Nicht jeder kennt es. Im Sommer finden dort auf Deutschlands ältester Freilicht- und Naturbühne die Luisenburg-Festspiele statt. Wunsiedel ist der Geburtsort des ebenso originellen, wie zu wenig geschätzten Dichters Jean Paul. Beides spielt in dem schmalen Band von Michael Buselmaier eine zentrale Rolle. Der Autor, der wenig und selten veröffentlicht, lässt seinen Protagonisten zweimal in die Provinz reisen. Das reicht um den Leser über dessen Leben zu unterrichten. Lektüre für Menschen, die sich bei Handke, Hermann Lenz oder Kappacher nicht langweilen.

“Die Herrlichkeit des Lebens” (Kiepenheuer & Witsch. Euro 18,99) ist ein wirklich doppelbödiger Titel für das neue Buch von Michael Kumpfmüller und inhaltlich ein starker Kontrast zu seinem vielbeachteten “Hampels Fluchten”. Geht es darin doch um die letzte Liebe, das elende Siechtum und das frühe Sterben des Franz Kafka. Irgendwo zwischen jeder Menge Elend und Aussichtslosigkeit glimmt der Funke eines kleinen Glücks, das fast alles erträglich macht. Eindrucksvoll und einfühlsam erzählt. Franz Kafka, der deutschsprachige Jude aus Prag, einer der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, starb am 3. Juni 1924. Er wurde nur 41 Jahre alt.

Preiswert lesen

Eine ebensfalls längst vergangene jüdische Welt und Kultur lernen wir in Peter Manseaus “Bibliothek der unerfüllten Träume” (dtv. Euro 9,90) kennen. Ein junger amerikanischer Autor mit praller osteuropäischer Erzähllust. In den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wandert Itsik Malpesch aus dem bessarabischen Kischinau nach New York aus. Sein Leben ist von zwei großen Lieben geprägt. Zur Literatur und zur Metzgerstochter Sascha Bimko. Malpesch denkt und dichtet in einem ausgestorbenen jiddischen Dialekt. Am Ende seines Lebens ist er der einzige der diesen noch beherrscht.

Hanns-Josef Ortheils  “Die Erfindung des Lebens” (btb. Euro 11,99) ist wieder etwas für Leute, die gerne länger am selben Buch lesen. Fast 600 Seiten umfasst dieser stark autobiographische und kaum verschlüsselte Roman des in Köln und im Westerwald verwurzelten, heute in Stuttgart lebenden Schriftstellers, Nachdenkers und Genießers. Wie der Autor, erlebt die Hauptfigur des Romans, eine Mutter, die nach zahlreichen Schicksalschlägen nicht mehr spricht. Und so bleibt auch das Kind zunächst stumm. Der Vater und die Musik öffnen den Jungen schließlich für die Welt der Sprache. Er wird Schriftsteller. Eine Geschichte, fast zu schön, wüßte man nicht, dass sie im Kern wahr ist.

Viele sagen: Das ist der hinreisenste Liebesroman der letzten Jahre. Und die Geschichte ist bereits in unseren Kinos angekommen. Doch man sollte keinesfalls auf das Buch verzichten. “Zwei an einem Tag” (Heyne. Euro 9,99) von David Nicholls. Sie sind zwanzig als sie sich kennenlernen, aber eine gemeinsame Zukunft werden sie nicht haben. Getrennt durch Jahr und Tag, verpassen und begegnen sich immer wieder. Solide Erzählkunst, Humor und ein wenig Tragik, dazu ein Schuss britische Ironie – das macht zumindest die Leser glücklich.

Und zum guten Schluss noch: Das herrliche “Das war ich nicht” (Goldmann. Euro 8,99) des deutsch-isländischen Hamburgers Kristof Magnusson gibt es inzwischen auch als Taschenbuch. Drei Menschen, die vorher nichts voneinander wussten, geraten in abenteuerliche Wechselbeziehungen und eine Bank bricht zusammen. Rasant und amüsant. Mit für deutsche Romane ungewöhnlich flotten Dialogen.

Nun machen wir uns also auf zum Buchhändler unseres Vertrauens, Friedrich Nietzsches Satz immer im Hinterkopf: “Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen.”

Die Fotos dieses Beitrags sind von Wiebke Haag. Sie entstanden in dem walisischen Buchdorf Hay-on-Wye.