Nachsommer (2)

Stimmen und Stimmungen


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Kurt Tucholsky

„So vier, so acht Tage – Und dann geht etwas vor. Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Noch ist alles wie gestern: Die Blätter, die Bäume, die Sträucher… aber nun ist alles anders… Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören… Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre. Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.“

*

Ingeborg Bachmann

„Die große Fracht des Sommers ist verladen,

das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit

wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.

Die große Fracht des Sommers ist verladen.“

*

Artur Thomas Wille

Preußisches Finale. Während echte Blüten welken, blüht es auf an Laternenpfählen, Bauzäunen, Plakatwänden. Papierene Pracht in Grün und Gelb, Rot und Schwarz, in Altbraun. Mähdrescher haben ihre Arbeit getan, Phrasendrescher ziehen auf. Noch einmal wird es hitzig im Land. An einem Sonntagabend im späten September wird abgerechnet werden. Nach Abwrackprämie und Kinderbonus gibt es Prozente. Sitze werden verteilt im verkuppelten Reichstag. Im Müggelsee letzte Nacktbader an mildem Abend. Kreuzberger Nächte sind wieder lang. Noch einen grünen Tee in Habakuks Gartenlaube. Dann spielen die Philharmoniker ihre Öde ohne Freude und der letzte Vorhang fällt uns vor die Füße. Trauerzug zum Stadtschloss. Requiem im Dom.

*

Rainer Maria Rilke

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

*

Maria Beig

„Dann drängte es mich – die Schwalben zwitscherten zum Abschied – manches schriftlich festzuhalten. Dabei wunderte ich mich, wie groß die Lust war, dies zu tun.“

Mehr über den „Lebensweg“ der oberschwäbischen Schriftstellerin in einigen Tagen an dieser Stelle.

Nachsommer (1)

Varus, Varus, wo sind deine Lektionen?

In Nachsommer des Jahres 9 christlicher Zeitrechnung erlitten drei römische Legionen unter der Führung ihres Feldherrn Publius Quinctilius Varus eine vernichtende Niederlage gegen ein germanisches Heer unter Führung eines gewissen Arminius – auch „Hermann“ genannt.

Immer wieder einmal hat sich, was von Deutschen (vereinfachend wird hier auf eine Definition der Begrifflichkeit verzichtet) jubelnd als Sieg deklariert wurde, in der historischen Dimension als Niederlage und Demütigung erwiesen.

Auf dieses Phänomen weist in der heutigen FAZ, der in römischer Geschichte bestens bewanderte Essayist und Schriftsteller Durs Grünbein, im Zusammenhang mit der „Schlacht im Teutoburger Wald“, der sogenannten „Hermannschlacht“, hin. Er vermutet entgegen der gängigen positiven Interpretationen in Form vielfältiger Legenden, „dass in den dichten Wäldern damals etwas Verhängnisvolles seinen Anfang nahm.“

In dem auch heute noch sehr lesenswerten Roman „Die Geschwister Oppermann“ von Lion Feuchtwanger will der Schüler Berthold in einem Geschichtsreferat ein differenziertes Bild von Hermann, dessen Schlacht und ihren Folgen wiedergeben. Als das Referat fertig und der Vortrag fällig ist, hat ein deutschnationaler Oberlehrer die Berliner Gymnasialklasse übernommen. Die ansatzweise kritische, verschiedene Aspekte beleuchtende Darstellung des Schüler unterbricht er alsbald rüde, verlangt von dem jüdischen Schüler eine Entschuldigung für die Befleckung des nationalen Denkmals und trägt so dazu bei, dass, verbunden mit den Umständen einer sich manifestierenden nationalsozialistischen Herrschaft, der Junge in den Selbstmord getrieben wird. Das Buch über das Schicksal der seit Generationen in Berlin beheimateten Familie Oppermann ist von erschütternder Eindringlichkeit. Feuchtwanger verarbeitete darin bereits 1933 Ereignisse zu großer Literatur von denen andere noch 1946 nichts gewusst haben wollten.

Der Anfang vom Ende dieser Epoche kam am 1. September 1939 als mit landesweiter Jubelhysterie der Einmarsch in das benachbarte Polen als großer und gerechter Sieg der germanischen Sache gefeiert wurde. Der Irrtum hatte nicht nur eine deutsche Niederlage, sondern ein in der Geschichte einmaliges Schlachten und Bomben zur Folge.

Als im Nachsommer 1989 in Österreich, Ungarn, Prag und Leipzig viele Menschen zunächst nur Urlaub machten, um alsbald jedoch nie geahnte Grenzen zu überschreiten und schließlich ein Teil des „deutschen Volkes“ in eine ungeheuerliche Bewegung geriet, überwog zunächst die Skepsis. Aber, wurde am Anfang nur Stacheldraht niedergetrampelt, so fiel doch am Ende eine lange hohe Mauer und vierzig Jahre Diktatur waren vorbei. Schließlich grenzenloser Jubel, Korkenknallen und wiedervereintes In-den-Armen-Liegen. Die Unterdrückung war besiegt. Die Unterdrücker hatten kapituliert. Einzelne Trabis kamen in der Folge bis Rom.

Im Nachsommer zwanzig Jahre danach ist der Jubel verklungen, Schwermut und Missklang haben sich ausgebreitet. Es stehen sogar Rudimente der alten Kader für Land- und Bundestag zur Wahl und bekommen nicht wenige Stimmen. Sie posieren mit breiter Brust vor Kameras und fordern Macht.

So wenig Freude und nachhaltiges Glück über einen der wenigen echten Siege?

„Zweitausend Jahre währt er nun schon, der germanische Stolz, dem Vormarsch der Zivilisation getrotzt zu haben.“  Schreibt Durs Grünbein über die Niederlage des Varus.

Grünbein, Durs: Vom Podest geholt. Varus ist auf Dienstreise. In: FAZ, 202, 1. September 2009, S. 33

Feuchtwanger, Lion: Die Geschwister Oppermann. Neuausgabe. – Aufbau Taschenbuch, 2008

Siehe dazu auch in diesem Blog: „Was wäre wenn Durs Grünbein den Nobelpreis für Literatur bekäme?“: