An der Donau ist Literaturwoche!

Zehn Tage Leidenschaft für Literatur, besondere Bücher aus unabhängigen Verlagen, ergänzt um feine musikalische Anreicherungen. Vom 20. bis zum 29. April dauert die diesjährige Literaturwoche Donau. Der Verein Literatursalon Donau e. V. und zahlreiche Partner und Unterstützer laden ein.

Freunde schöner Poesie und Poetik, großer Erzählungen und überraschender Texte sollten vorschlafen und sich die Abende und Wochenenden freihalten für das ambitionierte und breit gefächerte Programm. 

Am Freitag 20. April findet bei freiem Eintritt die Eröffnungsveranstaltung im Haus der Museumsgesellschaft Ulm in der Neuen Straße statt. Mit Hernan Ronsino ist gleich eine der wichtigsten Stimmen der argentinischen Literatur zu Gast. Er hat den Übersetzer Luis Ruby und seinen deutschen Verleger Ricco Bilger mitgebracht. Für die musikalischen Akzente des Abends sorgt das Silber Quartett.

Zwei markante Veranstaltungsorte im Rahmen der Literaturwoche Donau 2018: Ulmer Münster und das Haus der Museumsgesellschaft

Was bieten die folgenden Tage?

Um nur einige Höhepunkte zu nennen: Jonas Lüscher stellt seinen Roman über das Streben und Scheitern des Rhetorikprofessors Kraft vor. Iris Wolff liest aus dem vielbesprochenen und hochgelobten, aus vier zusammenhängenden Erzählungen bestehenden Roman So tun als ob es regnet (bei dem Titel handelt es sich um eine rumänische Redensart). Bei Anna Baars Als ob sie träumend gingen begegnen wir einer kroatisch-österreichischen Autorin, die ebenso sprachmächtig wie anrührend von Liebe in Zeiten des Krieges erzählt. Der Schweizer Thomas Meyer besticht mit feinem Humor und Hintersinn. Sein aktuelles Buch Trennt euch! ist konsequenterweise eine überraschende Liebeserklärung an die Beziehung zwischen zwei Menschen.

Ein Tag ohne Bier ist wie ein Tag ohne Wein behauptet Thomas Kapielski. Um das zu überprüfen wird am Schlusssontag zu einer Frühschoppenlesung ins Ulmer Künstlerhaus geladen. Es empfiehlt sich jedoch Zurückhaltung beim Genuss geistiger Getränke, denn am Abend kann man zusammen mit Sudabeh Mohafez den Münsterturm besteigen. In schwindelnder Höhe wird sie ihren Stadtschreibertext vorstellen, der für diese Literaturwoche entstanden ist.

Künstlerhaus und Münsterturm sind nur zwei der wunderbaren Lokalitäten die Florian Arnold und Rasmus Schöll, die beiden Hauptmacher der Veranstaltungsreihe, dem Publikum erschließen konnten. Gespannt sein darf man nicht zuletzt auf die Botschaft internationale Stadt im Herzen Ulms auf dem Hans-und-Sophie-Scholl-Platz. Im bayerischen Nachbarn Neu-Ulm geht es zum Wiley-Kiosk, ins frisch renovierte Edwin-Scharff-Museum und das beliebte Café d’Art.

Im Rahmen der diesjährigen Literaturwoche Donau findet schließlich und zum guten Schluss noch die Erste Ulmer Buchmesse der unabhängigen Verlage statt. Am Sonntag, 29. April im renommierten Museum Villa Rot in Burgrieden (der Ort liegt etwa 20 Kilometer südlich der Donau-Doppelstadt) und bereits einen Tag zuvor, dem Samstag, in den Räumen der Museumsgesellschaft Ulm. 19 Verlage aus ganz Deutschland – aus Ulm sind danubebooks und Topalian & Milani vertreten – präsentieren ein breites Spektrum schöner Bücher, exquisiter Gestaltung und hochwertiger Literatur. Der Eintritt ist frei.

In den Städten Ulm und Neu-Ulm hängen bereits flächendeckend die von Joachim Brandenburg großartig gestalteten Einladungs-Plakate aus. Hinsehen lohnt sich. Das vollständige Programm (das natürlich viel mehr bietet als die hier aufgeführten Appetithappen) mit genauen Angaben zu Orten, Zeiten und Preisen findet man überall dort wo Kultur stattfindet, ganz sicher aber in den beiden Stadtbibliotheken und der Buchhandlung Aegis.

Infos im Netz gibt es hier:

http://literatursalon.net/literaturwoche-donau-2018/

 

Urbi et Libri

StadtLesen kommt nach Neu-Ulm

„In der Stadt lebt man zu seiner Unterhaltung, auf dem Lande zur Unterhaltung der anderen.“
(Oscar Wilde)

Ich bin ja gern in Metropolen unterwegs. Einen Tag oder mehrere in München oder Leipzig, Wien, Berlin oder Zürich, notfalls sogar Stuttgart, bringen immer Gewinn, Anregung, Aufregung, Kunst-, Musik- und Literatur-Erlebnisse. Man kann lange davon zehren. Aber im Grunde meines Herzens bin ich ein Kleinstädter, komme aus einer, habe lange in diesen überschaubaren Biotopen gelebt. Und es zieht mich immer wieder hin.

Neulich hatte ich wieder einen meiner Westallgäu-Tage. Das ist so eine kleine Kurz-Kur; der Erholungsbedarf nimmt schließlich von Lebensjahr zu Lebensjahr zu. Der Himmel war blau, die Luft frisch, es wurde flächendeckend geheut (= Gras gemäht); Gras und Kräuter setzten die herrlichsten Aromen und Aerosole frei. Wie fast jedesmal landete ich auch diesmal in einer jener malerisch heimeligen Kleinstädte der Region. Ich saß, ich laß, ich aß (kleine Demo warum wir das “ß” noch brauchen!) und zwischendurch ging ich ein wenig. Er-ging mich zwischen duftenden Wiesen, an Waldränder entlang, bergauf und bergab. Zwischendurch wurde der Blick frei auf die Alpenkette; an Nordhängen und in Mulden der Hochtäler lag noch reichlich Schnee. Der Weg führte schließlich wieder zurück ins Städtchen. StadtLesen auf der Parkbank, im Cafè oder Biergarten. Unter Linden, blühenden Kastanien, wuchtigen Buchen. Mein ganz persönliches StadtLesen.

StadtLesen gibt es seit einigen Jahren auch im großen Stil. Als Kampagne. Dieses StadtLesen ist eine Aktions- und Veranstaltungsreihe die das Thema Lesen in eine breite Öffentlichkeit tragen möchte – ohne Verpflichtung, ohne Hemmschwellen. Konzipiert und realisiert wird das Ganze von der Innovationswerkstatt Sebastian Mettler in Salzburg. Unterstützt und finanziert von Partnern und Sponsoren aus Wirtschaft, Kultur und Medien. Die wohl unvermeidliche Schirmherrschaft haben die UNESCO- Kommissionen Österreichs und Deutschlands übernommen. In ausgewählten StadtLesestädten wird auf einem von der jeweiligen Stadt zur Verfügung gestellten Platz zu freiem Lesegenuss unter freiem Himmel eingeladen. Höhepunkte sind Lesungen bekannter Autorinnen und Autoren, die aus populären Werken lesen. Nach den ersten Jahren in Österreich, gibt es StadtLesen inzwischen auch in Deutschland, der Schweiz und Italien.

Jedes Jahr wird eine begrenzte Anzahl LeseStädte ausgewählt. 2011 waren das u. a. Ludwigshafen, München und Landshut, Innsbruck, Graz und Eisenstadt. Diesmal sind aus Deutschland z. B. Fürth und Berlin, Zwickau und Chemitz, Saarbrücken und Ingelheim dabei.

Und zum ersten Mal macht heuer der Tross auch in unserer Region halt. Vom 5. bis 8. Juli heißt dann die LeseStadt Neu-Ulm. Ab neun Uhr morgens, bis zum Einbruch der Dunkelheit, kann man auf dem Rathausplatz in über 3000 Büchern schmökern. Am 6. Juli findet ein Integrationslesetag statt, an dem Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund dazu eingeladen sind, in ihrer Muttersprache selbst verfasste Texte zu präsentieren. Und gleich am ersten Abend um 20 Uhr liest der bekannte Krimi-Autor und ehemalige Ulmer Gerichts-Reporter Ulrich Ritzel aus “Schlangenkopf”, seinem neuesten Buch rund um den ehemaligen Polizeibeamten Hans Berndorf.

Rathaus-Platz Neu-Ulm mit Brunnen und Skulptur „Drei Männer im Boot“ des in Neu-Ulm geborenen Bildhauers Edwin Scharff (1887 – 1955).

Welche Bedeutung dem Ereignis auf lokaler Ebene zukommt, lässt uns das Grußwort von Gerold Noerenberg, seines Zeichens Lese-Biest und Oberbürgermeister von Neu-Ulm, erahnen:
„Bücher bergen Wissen, Geschichten und Schicksale. Sie lehren von der Natur, von der Wissenschaft oder vom Leben und erzählen spannende, phantastische oder traurige Geschichten. Lesen heißt: Aussteigen aus dem Alltag, aufsaugen von Wissen oder abwandern in andere Welten. In einen besonderen Erlebnisraum des Lesens können Sie im „Lesewohnzimmer“ der Aktion StadtLesen auf dem Neu-Ulmer Rathausplatz eintreten. Genießen Sie und bleiben Sie ein Weilchen. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.“

Lesefestivals in vielen großen und kleinen Städten: Leipzig, Köln, Hamburg, in Literaturhäusern, auf Burg Ranis, sogar in Schaffhausen. Leseförderung flächendeckend in Kindergärten, Schulen, Vereinen, Bibliotheken, demnächst vermutlich auch in Altenheimen. Der “Welttag des Buches” im April. “Treffpunkt Bibliothek” im Oktober. Jetzt also auch noch “Stadtlesen”. Glaubt wirklich jemand, dass sich mit all diesem Aktionismus, all dem Gutgemeinten, die Zahl der Lesefähigen und Lesewilligen signikant erhöhen, die Zahl der Leseverweigerer deutlich verringern lässt? Ich melde vorsichtshalber Skepsis an. Letztlich ist es immer ein individueller Schritt. Lesen erfordert Antrieb, Lust, Fähigkeiten und setzt ein Verlangen nach dem voraus was Lesen geben kann: Genussvolle Unterhaltung, Wissen, Bildung, Kritikfähigkeit, Lust am Vertiefen und Studieren, vielleicht sogar den Anstoß zu eigenem Schreiben.

Der Klick zu StadtLesen.

Johannes Schweikles “Fallwind”

Ein Roman über die Ereignisse rund um den skandalösen 31. Mai 1811 in Ulm

Was wird nicht Alles gefeiert? Große Töchter und Söhne, Männer und Frauen einer Stadt oder des Erdkreises. Die Jungfernfahrt eines Kreuzfahrtschiffes. Der Erstflug einer neuen Großraum-Maschine. Jubiläen allerorten, runde und eckige. In der kleinen bayerischen, etwas unscheinbaren Gemeinde Neu-Ulm, wurde vor Kurzem krachend deftig und bierschäumend, das 200-jährige Bestehen begangen. Nebenan hingegen – oder besser gegenüber – auf württembergischer Seite, in der auf fünf Hügeln gelegenen Donau- und Universitätsstadt Ulm, feiert man ein ganzes Jahr lang nichts weniger als einen Absturz.

Es war am 31. Mai 1811. Nach langen Vorarbeiten, gründlicher Planung, zahlreichen Testflügen auf einem dieser Ulmer Hügel, wurde es für den Schneidermeister Albrecht Ludwig Berblinger ernst. Man drängte ihn, nachdem der König von Württemberg schon wieder abgereist, sein Bruder, Herzog Heinrich, jedoch noch in der Stadt war und weil er es selbst so in Aussicht gestellt hatte, „seinen ersten öffentlichen Versuch mit seiner Flugmaschine, wenn die Witterung günstig ist“, zu unternehmen. Doch über der kalten Donau gab es keine warmen Aufwinde, wie bei den Probeflüge am Michelsberg, sondern nur tückischen Fallwind. Als er beim Absprung von der Adlerbastei zögerte, wurde nachgeholfen und er fiel fast senkrecht in die Donau. Fischer zogen ihn in einen Kahn, die Bürger lohnten mit Spott, das Leben des bis dahin erfolgreichen Handwerkers lief aus der Bahn.

Längst ist aus den Ereignissen Geschichte geworden und aus dem Schicksal des armen Berblinger ergiebiger und spannender Erzählstoff. Schon vor hundert Jahren gab dieser dem Landwirt und Schriftsteller Max Eyth Gelegenheit ein Tausend-Seiten-Werk zu verfassen, Bert Brecht hat darüber gedichtet, vor drei Jahrzehnten der inzwischen berühmte Edgar Reitz den Stoff zum Film verdichtet, ein Musical für junge Darsteller und Sänger wird immer wieder gerne aufgeführt. Und die jüngste künstlerisch gestaltete Interpretation der Ereignisse vor zweihundert Jahren ist ein kurzweilig lesenswertes Buch das dieses Frühjahr bei Klöpfer und Meyer erschienen ist. Geschrieben hat es Johannes Schweikle, ein erfahrener Journalist der ansonsten Essays und Berichte aus fernen Ländern für ZEIT, GEO und Merian abliefert.

Schweikle macht den Leser gründlich mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund vertraut und schildert eindrucksvoll die Alltagswelt einer Stadt im frühen 19. Jahrhundert mit ihren Regeln und Standesunterschieden, den Tagesabläufen der Menschen, aber auch all dem Dreck, Unrat, der mangelnden Hygiene und den vielen Stunden Dunkelheit in den schmalen Straßen und engen Gassen. Er schreibt flott, kurzweilig, streckenweise im Stil von Reportagen, der die weit zurückliegenden Ereignisse für einige Lese-Momente wie gegenwärtig erscheinen lässt.

Über Albrechts Vorhaben erfahren wir aus verschiedenen Perspektiven. Der Autor läßt zunächst die etwas genervte Ehefrau Anna Berblinger zu Wort kommen. Sie weiß zwar von den gelungenen Flugversuchen ist aber nicht einverstanden mit dem Treiben ihres Gatten: “Weil ich einen Mann will. Und keinen komischen Vogel.” Außerdem ist sie eifersüchtig, unterstellt dem Herrn und Schneidermeister, dass er Anproben bei Damen der Gesellschaft zu mehr nutzt als dem erlaubten Maßnehmen.

Der Schneider selbst war sich seiner Sache zunächst ja sehr sicher. Am Michelsberg war alles gut gegangen: “Nach ein paar Schritten habe ich den Wind gespürt … Mein erster Flug ging über zwei Apfelbäume. Schwebend überwindet die Luftfahrt alle Hindernisse.” Vom gescheiterten Versuch lässt Johannes Schweikle den Bürger Martin Baldinger in seinem Tagebuch berichten: “Eine stumme Fassungslosigkeit legte sich über alles Volk. Niemand wusste diesen Fall zu deuten. Die Hoffnung auf das Neue war dahin.” Schließlich kommt noch der Augenzeuge Jacques Schwenk zu Wort. Er gehört zu den Schadenfreudigen, von denen es nach dem Scheitern viele gab: “Der Schneider hat sich mit Haut  und Haar blamiert. Warum ist er nicht bei seiner Elle geblieben.”

Wenn uns Geschichte und Scheitern des Albrecht Ludwig Berblinger etwas lehren, dann nicht zuletzt die Tatsache, dass, wären Frauen und Männer ihm nachfolgender Generationen bei ihren “Ellen” geblieben, zumindest der schwäbische Teil der Menschheit heute noch in den Höhlen des nahe Ulm gelegenen Lonetals leben würde. Ohne Utopien, ohne Visionäre, die in Kauf nehmen zu Außenseitern gestempelt zu werden, ist nunmal kein Fortschritt denkbar. Johannes Schweikle plädiert deshalb in seinem Buch für einen Verkannten. Auch stellvertretend für viele andere Tüftler, Originale, Schrate, die es nicht in Romane oder Geschichtsbücher geschafft haben. Die nicht zur  Legende werden durften.

“Diese Geschichte balanciert zwischen der Realität des Historikers und der Wahrheit des Erzählers”, schreibt Schweikle in seinen Nachbemerkungen. Man kann das Buch deshalb – und je weiter entfernt von Ulm darin gelesen wird, um so leichter – auch als belletristische Lektüre mit einigem Anspruch verstehen. Man muss daraus nicht unbedingt lernen, darf sich vielmehr einfach nur gut unterhalten lassen. Der Schneider von Ulm, der Albrecht Ludwig Berblinger, hat von all den Feierlichkeiten und viel zu späten Anerkennungen ohnehin nichts mehr. Zu seiner Zeit erging es ihm nicht gut. Von den Zeitgenossen fallengelassen, starb er verarmt und am Rande der Gesellschaft an einem kalten Januar-Tag des Jahres 1829 in seiner Heimatstadt.

Johannes Schweikle ist nicht nur dieses Buch gelungen, er fand auch den richtigen Verlag dafür. Denn was bei Klöper und Meyer erscheint ist stets ausgesprochen ansehnlich. Papier und Bindung, Gestaltung und Ausstattung sind die sprichwörtliche Augenweide.

Dieser Tage erschien vom Autor ein ausführlicher Artikel in „KONTEXT:WOCHENZEITUNG“ zu Fall und Person Berblinger. Man kann diesen gut als Begleitmaterial zum Buch verwenden, als hinführendes Vorwort verstehen oder nach der Lektüre als resümierendes Nachwort lesen. Zu finden ist er online:
KONTEXT:WOCHENZEITUNG
sowie gedruckt in der kontext-Beilage der „taz.die tageszeitung“ vom 28./29. Mai 2011.

Schweikle, Johannes: Fallwind. Vom Absturz des Albrecht Ludwig Berblinger. Roman. – Klöpfer & Meyer, 2011. Euro 18,90