Urkraft des Erzählens

Die neue Nobelpreisträgerin und ihr Roman Ur und andere Zeiten.

Manche Literaten bekommen ihre Preise posthum. Olga Tokarczuk bekam den ihren für ein Jahr das bereits vergangen ist. Nachholend hereingeholt in diesen Herbst 2019, weil im Herbst 2018 das Nobelkomitee sich selbst so peinlich war, dass es lieber zurücktrat als vor die Öffentlichkeit. 

Der Nobelpreis eines vergangenen Jahres. Wie passend für ein Werk, das die Vergangenheit im Titel trägt. (Im polnischen Original noch treffender, wie mir der Übersetzer von Google verrät: Prawiek i inne czasy. Prawiek wird als Vorgeschichte übersetzt.) Soweit man das über die nicht unerhebliche Sprachbarriere hinweg beurteilen kann, wurde Ur und andere Zeiten glänzend übersetzt von Esther Kinsky, der man die meisten Arbeiten Tokarczuks anvertraut hat.

Und welch’ ein Glück, dass ich genau dieses Buch bereits vor einiger Zeit, auf der Suche nach interessanten Entdeckungen bei den östlichen Nachbarn, in die Hand bekam und jetzt aus erfreulichem Anlass lesen konnte. Dabei will es gar nicht so gut in mein literarisches Beuteschema passen, mit seinen phantastischen und mystischen Elementen, die im stringenten Hauptstrang der Handlung allerdings so selbstverständlich platziert sind dass sie dem skeptischen Leser keine Widerhaken setzen. 

Die polnische Erstausgabe datiert von 1996, die Verfasserin war da 34 Jahre alt. Und wenn ihr im Dezember die Urkunde überreicht wird, gehört sie immer noch zu den jüngeren Empfängern. Der Preisträger des laufenden Jahres – ein gewisser Peter Handke – ist mit seinen 76 Lenzen im gewöhnlichen Maß.

Olga Tokarczuks Ur ist ebenso vage Zeit-, wie exakte Ortbezeichnung: Ur ist ein Ort mitten im Weltall. Im Norden verläuft die Grenze von Ur an der Straße von Taszow nach Kielce entlang … Die südliche Grenze bildet das Städtchen Jeszkotle … Die ersten Ur-Bewohner lernt man zu Kriegsbeginn 1914 kennen. Den Müller der in die Uniform gezwungen und eingezogen wird. Seine Frau, die während der jahrelangen Abwesenheit des Gatten den Mühlenbetrieb führt. Ihr Mann, der die ungeborene Tochter und sein vertrautes Leben zurücklassen muss, wird lange nach Kriegsende erst heimkehren. Tochter Misias erste Erinnerung verband sich mit dem Anblick eines abgerissenen Mannes auf dem Weg zur Mühle. Ihr Vater war unsicher auf den Beinen, und später weinte er oft nächtelang an Mamas Brust. Deshalb behandelte Misia ihn wie ihresgleiches. 

Da ist der Freiherr Popielski, der angesichts der grausamen Zeiten und den damit verbundenen Veränderungen, seinen Glauben in Zweifel zieht. Und da ist – wir sind in Polen – die Muttergottes von Jeszkotle. Sie war der reine Wille, denen zu helfen, die krank und gebrechlich waren. Sie war die Kraft, die durch ein Wunder Gottes dem Bild zugekommen war. Dem Freiherrn konnte sie nicht helfen, denn ihn hatte der Glaube an die Wunder Gottes verlassen. 

Da sind Verwandte und Nachbarn, allerhand Ur-Einwohner mit denen wir exemplarisch den Ur-Kosmos kennenlernen. Wie überall auf der Welt werden in Ur die Kinder rasch groß, bekommen selbst Kinder. Es wird geliebt, betrogen und gestorben. Es gibt Streber, Außenseiter und Originale. Verbindungen in himmlische Sphären sind häufig, manchmal nehmen sie skurrile, manchmal verzweifelte Formen an, hin und wieder sind sie unterbrochen. Die Gepflogenheiten ändern sich nur langsam, die Jahrzehnte ziehen dennoch unaufhaltsam vorbei. 

Die Kapitel über die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg, die Deportation und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, die Auswirkungen und Folgen des kriegerischen Wahnsinns, sind ausgesprochen ergreifend geschildert. Selten habe ich eine so bewegende und treffende Darstellung dieses Elends, dieser Leidensjahre gelesen. In der deutschen Literatur gibt es wenig das in ähnlicher Weise dem Schicksal Polens und seiner Menschen gerecht würde.

(Bild: Fryta 73 from Strzegom (Wikimedia Commons account: Fryta73), Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Handke bekam die Auszeichnung trotz seiner vielfach verurteilten Haltung zum Jugoslawienkrieg. Die Berechtigung wird bei ihm in Zweifel gezogen, ein Entrüstungssturm tobt durch analoge und digitale Medien. Tokarczuks Lebensform und politische Haltung findet hingegen viel Zustimmung, um so mehr, als sie sich konträr zu den restaurativen Tendenzen in Polen verhält. In der Süddeutschen Zeitung schrieb Thomas Urban … dass das Regierungslager in Warschau nicht erfreut sein kann. Schon allein mit ihren Rasta-Strähnen und bunten Perlen im Haar ist sie den Konservativen in Polen verdächtig. … Vor allem aber engagierte sich Olga Tokarczuk bei den polnischen Grünen und gehörte der Redaktion der Zeitschrift Krytyka Polityczna an, für die linke und linksliberale Vordenker schreiben. Sie warnt vor einem schleichenden Prozess der Ent-Demokratisierung in Polen.

Olga Tokarczuk ist im ländlichen Niederschlesien, in der Kleinstadt Sulechow, aufgewachsen, sie hat in Warschau Psychologie studiert und mit verhaltensauffälligen Jugendlichen gearbeitet. Die Mutter war Polonistin, ihr Vater Bibliothekar, früh hatte sie die Möglichkeit Klassiker der polnischen und der Weltliteratur zu lesen. Wie viele Polen und Polinnen ging sie ins Ausland um Geld zu verdienen – nach London. 1989 wurden erste Gedichte von ihr veröffentlicht. Sie organisierte Literaturfestivals in der polnischen Provinz und gründete einen Kleinverlag. Sie hat sich mit dem kulturellen Erbe in den ehemals deutschen Gebieten beschäftigt. Heute lebt sie in Breslau und auf einem Dorf. 1993 erschien ihr erster Roman. Reise der Buchmenschen wurde in Polen als bestes Prosadebüt der Jahre 1992/93 ausgezeichnet. Für den Roman Flights (deutsch: Unrast) erhielt sie 2018 den hochdotierten Man Booker Prize.

Ja, mich hat, wie es positive Kritiken schildern, der Erzählstrom mitgerissen. Diese subtile Schlichtheit und Klarheit der Sprache lässt nur schwer wieder los. Da liest sich Tragik federleicht und sanfter Humor nimmt der Jahrhundertschwere ihr Gewicht. Und die am Rande Urs stets gegenwärtigen Erzengel werden zu selbstverständlichen, vertrauten Protagonisten. Das ist zeitlose Epik von dauerhaftem Rang, die wir in Deutschland ohne die Nobelpreis-Verleihung vermutlich übersehen hätten.

Die deutschsprachigen Ausgaben von Olga Tokarczuks Werken erscheinen im Kampa Verlag, Zürich. Die Ausgabe von Ur und andere Zeiten die mir vorliegt, ist seinerzeit im Berlin Verlag erschienen, eine Neuausgabe wird von Kampa mit Hochdruck vorbereitet. Geplant ist nicht weniger, als in Kürze deutsche Übersetzungen des vielfältigen und bereits recht umfangreichen Gesamtwerks in einem Verlag zu beheimaten.

Am 1. Oktober erschien das aktuelle Buch der Schriftstellerin: Die Jakobsbücher. Ein historischer Stoff, ein Opus Magnum von gut 1100 Seiten, das bereits große Resonanz und Anerkennung findet. Das ist eines der Bücher, die man in hundert Jahren noch lesen wird, sagt der Verleger Daniel Kampa. Auf mich sehe ich eine große und spannende Leseherausforderung zukommen. Vielleicht wird auf con=libri beizeiten davon zu berichten sein.

2014 hat der SPIEGEL polnische Literaten besucht und porträtiert. Wir erfahren, wie es bei Olga Tokarczuks aussah: Ein Altar steht in Tokarczuks Schreibzimmer. Darauf lässt ein koreanischer Buddha Schultern und Mundwinkel hängen, die Hindugöttin Durga steht aufrecht, sie steht für das Wissen und das Handeln.

 

Herta Müller in Tübingen

„Schreiben ist auch nur eine Arbeit“

Am Abend des 23. November 2009 war Herta Müller auf Einladung der Universität und der Buchhandlung Osiander in Tübingen zu Gast. Im Festsaal der Universität sprach sie mit dem Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer und las anschließend aus ihrem aktuellen Buch „Atemschaukel“.

Wortbewegte, Literaturfreunde, alle Liebhaber des Gedruckten und Gebundenen wissen, welche Buchhandels- und Bibliotheksdichte – und damit welchen Buchreichtum – das schwäbische Universitätsstädtchen auf engstem Raum, in schmalen Gassen, zu bieten hat. Hier verliert sich nichts, wie etwa im großmäuligen München oder im chronisch unaufgeräumten Berlin. Hier haben Heckenhauer und Osiander, Gastl und Cotta, die traditionsreiche Universitätsbibliothek, eine Geschichte die Jahrhunderte zurückreicht. Ein steter Reigen seliger Geister wandelt zwischen Stift und Österberg, zwischen Schloss und Pressels Gartenhaus. Der Besucher, der Student, der Gast und der Gegenwarts-Literat folgt den Spuren von Hölderlin und Hegel, Mörike und Hesse, Ernst Bloch und Hans Mayer.

Herta Müller kommt gerne nach Tübingen. In keiner anderen deutschen Stadt war sie so oft. Weil die Leute hier an sie geglaubt hätten, sagt sie, und das Publikum immer so großzügig und nachsichtig gewesen wäre. 2000 und 2001 sprach sie, von Jürgen Wertheimer eingeladen, im Rahmen der Tübinger Poetik-Dozentur. Die „Atemschaukel“ ist im lokalen Buchhandel derzeit das meistverkaufte Buch.

So war es nicht überraschend, dass nach der Nobelpreisverleihung und dem folgenden Medienrummel, der Andrang zur Veranstaltung mit der Autorin die bisherigen Größenordnungen sprengte. Rasch waren die Karten für die Plätze im Festsaal der Universität ausverkauft und die Nachfrage damit keineswegs befriedigt. Es mussten digitale Geister und deren Helfer bemüht werden, um zusätzlich zum Original-Schauplatz, auch im Auditorium Maximum öffentliches Sehen und Hören per Video-Übertragung zu ermöglichen, sowie eine weltweite Weitergabe ins Netz der Netze zu speisen.

Schmal, klein, noch kleiner als nach Fernseh-Eindrücken vermutet, ganz in Schwarz gekleidet, sitzt sie Jürgen Wertheimer gegenüber. Das Gespräch wird nicht einfach. Er hat eine gewisse Scheu, seit die „alte Bekannte“ zur Nobel-Preisträgerin wurde; sie wiederum hält eigentlich nicht viel von „öden Befragungen“. Wertheimer fühlt sich also in die Pflicht zur Originalität gezwungen, was ihm letztlich allenfalls ansatzweise gelingt. Denn welche Frage ist in den letzten Wochen noch nicht gestellt worden? So wollen wir, der Fragende und alle im Saal, wissen, wie sie mit Sprache umgeht und die recht schroffe Antwort lautet: „Sprache gibt es für mich nicht; sie begleitet nur, was ich sagen möchte.“ Dann wenigsten Freude am Umgang mit Sprache. Nein. Das Suchen nach dem richtigen Ausdruck hat sie manchmal satt bis zum Überdruss. Sie macht ihre Arbeit, die in ihren Augen eine Arbeit ist, wie die anderer Menschen auch, die versuchen ihr Tagwerk möglichst gut zu erledigen. Sie erfindet auch keine Wörter, wie ihr der Frager unterstellt. Die von diesem genannten Begriffe Herzschaufel und Meldekraut seien reale Bezeichnungen. Herzschaufel ein besonders geformtes Werkzeug zum Kohle bewegen; Meldekraut eine Pflanze, die man mit etwas botanischen Sachverstand kennen müsse. Und Atemschaukel, Herztier, Hungerengel, seien natürlich ebenfalls keine Einfälle von ihr, schließlich handelt es sich bei den Einzelteilen dieser Komposita um ganz gewöhnliche Worte des Alltags.

Dann vertieft sie das Thema doch noch. „Wenn Wörter zusammenkommen, die sich nicht kennen, entsteht Poesie.“ Poesie ist also in der Alltagssprache bereits vorhanden. Aber: „Nicht alles, was mich beeindruckt, kann ich selbst in Worten ausdrücken.“ Und sie gibt zu bedenken, dass wir nicht alle Gefühle mit Worten ausdrücken können. „Nicht für Alles gibt es Wörter.“

Herta Müller sammelt Wörter. Sie schneidet sie aus Zeitungen und Zeitschriften aus und bewahrt sie. „Ich habe zig tausende in der Schublade.“ Im „Wörterbahnhof“ warten sie darauf, dass sie abfahren dürfen. Diese ausgeschnittenen Wörter gehen von der Hand in den Kopf; jene beim Schreiben vom Kopf in die Hand. Die gesammelten Wörter stammen nicht aus literarischen Werken, sondern aus profaner, tagesaktueller Medien-Produktion. Herta Müller fügt sie zu Collagen, neuer Bedeutung, neuen Inhalten zusammen.

Sie berichtet von der Vorgeschichte des Buches „Atemschaukel“: „Ohne Oskar Pastiors Details aus seinem Lageralltag hätte ich es nicht gekonnt“, erklärte Herta Müller über das Zustandekommen dieses intensiven Sprachkunstwerks, dessen Handlung in einem sowjetischen Arbeitslager für Rumäniendeutsche nach dem Zweiten Weltkrieg angesiedelt ist. Sie wollten das Buch eigentlich gemeinsam schreiben. Siehe dazu auch diesen Blog-Artikel:

Oskar Pastior

Der plötzliche Tod Pastiors im Herbst 2006 war ein tiefer Einschnitt. Herta Müller musste mit den Arbeiten pausieren, dann allein weitermachen. „Er hat sich so gewünscht, dass daraus ein Buch wird.“

Und dann liest sie in Tübingen aus diesem Buch. Im Saal wird es sehr still. Anspannung im Publikum. Sammlung und Aufmerksamkeit. Die Dichterin liest mit tiefer klarer Stimme. Werk und Sprache werden stärker wahrgenommen, wenn die Autorin selbst vorträgt. Rhythmus und Melodie entstehen, Thema und Variationen, das Rondo der Worte und Passagen klingt. Sie liest mehrere Kapitel und den Schluss. Dann kräftiger und spürbar herzlicher Applaus. Das ist Bewunderung und eine Form von respektvoller Zuneigung.

Draußen in der Nacht ist es herbstlich. Es regnet und ein kräftiger Wind reisst letzte Blätter von alten Bäumen. Das Dunkel in Tübingen, voll seliger Geister.

Müller, Herta: Atemschaukel. Roman. – Hanser, 2009. Euro 19,90

Müller, Herta: Die blassen Herren mit den Mokkatassen. 3. Aufl. – Hanser, 2005. Euro 17,90