Nicht nur Walser

Bei Gmeiner ist ein umfangreicher Text- und Bildband zur Literatur in Oberschwaben seit 1945 erschienen.

Die vordere Umschlagseite zeigt auf einer Schwarzweiß-Fotografie Maria Menz im Gespräch mit Martin Walser. Die beiden verdeutlichen in beispielhafter Weise das weite Spektrum der oberschwäbischen Literaturszene im 20. Jahrhundert. Hier einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren, vielgelesen, vielgefragt, von dem ein umfangreiches Werk unterschiedlicher Gattungen vorliegt, das verfilmt wurde, übersetzt, das Kontroversen auslöste und seinen Verfasser zum omnipräsenten Zeitgenossen werden ließ. Im März dieses Jahres wurde er 90 Jahre alt, tourt und schreibt derweil unverdrossen.

Dort die katholische Frau, aus einem dörflichen Umfeld, die ihre Begabung vorwiegend in Form mystisch durchwebter religiöser Lyrik und Dialektdichtung umsetzte, der man die Ausübung ihrer Neigung und Begabung nicht durchgehen lassen wollte, die sich dennoch berufen fühlte und vielfältige Widerstände in Kauf nahm. In jungen Jahren entkam sie für kurze Zeit der heimatlichen Enge. Als Krankenschwester konnte sie sich im großstädtischen Leipzig nicht behaupten, verbrachte schließlich als Außenseiterin ein langes Leben in ländlicher Abgeschiedenheit. Durch Walsers Zuspruch und Unterstützung erfuhr sie bescheidene und späte Anerkennung und ruht seit 1996, bereits fast wieder vergessen, auf dem Friedhof von Oberessendorf bei Biberach.

Literatur in Oberschwaben seit 1945 ist ein über 300 Seiten starker Sammelband mit Aufsätzen ausgewiesener Kenner der Region und ihres literarischen Lebens. So sind unter anderem Peter Blickle, Oswald Burger, Ulrike Längle und Peter Renz mit Beiträgen vertreten. Jeder Aufsatz ist in sich abgeschlossen und kann separat gelesen werden. Kleinere Redundanzen ließen sich so nicht ganz vermeiden. Der Gmeiner Verlag hat das Werk in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft Oberschwaben editiert, zur Finanzierung des ambitionierten Vorhabens leisteten die Oberschwäbischen Energiewerke einen erheblichen Beitrag.

Manfred Bosch leitet den Band mit seinem Überblick ein. Nicht zufällig trägt der Aufsatz den Titel Oberschwaben als literarische Landschaft nach 1945. Eng verbunden sind die Schriftstellerinnen und Schriftsteller zwischen Donau und Bodensee mit ihrer natürlichen und zivilisatorischen Umwelt, den Hügeln und Tälern, Seen und Flüssen, den kleinen und etwas größeren Städten. Nicht selten findet sich diese Verbundenheit im Werk wieder. Sei es das Leben am großen See bei Walser oder das bäuerlich Existenzielle bei Maria Beig, bis hin zur literarischen Umformung architektonischer und religiöser Besonderheiten bei Arnold Stadler.

Natürlich sind die bekanntesten Namen prominent vertreten. Ernst Jünger, Maria Beig oder Arnold Stadler. Und natürlich Martin Walser, der sich als Patron bis heute immer wieder für die Literatur seiner Gegend und die Persönlichkeiten, die sie schaffen, einsetzt. Denn die Schreibenden Oberschwabens stehen nicht in gleicher Weise im Blickpunkt wie jene der bundesdeutschen Metropolen. So darf man bei der Lektüre des Buches auch an jene denken, die hier nicht vorkommen. Die es trotz einschlägiger Begabung und vorhandenen dichterischen Fleißes nicht geschafft haben verlegt und damit öffentlich überhaupt erst wahrgenommen zu werden. Ganz sicher gehören dazu zahlreiche Frauen des 20. Jahrhunderts. Die Probleme und Hindernisse die Maria Menz, Maria Beig und Maria Müller-Gögler in ihren Laufbahnen und Lebenswegen zu bewältigen hatten, lassen dies zumindest erahnen. Ich weiß, da ist eine Geschichte, und ich weiß, ich werde sie nicht erfahren, beschreibt Cees Nooteboom in seinem Roman Paradies verloren dieses Dilemma.

Ulrike Längle erweitert die Region um das angrenzende Vorarlberg. Das ist geschickt, so sind interessante und bekannte Namen, wie Michael Köhlmeier und Monika Helfer in das Buch geraten. Mit Grenzziehungen ist es ja so eine Sache. Ein geographischer Raum Oberschwaben ist nicht eindeutig definiert und kulturell gibt es traditionell zahlreiche verwandschaftliche Beziehungen, Verflechtungen, Parallelen mit der angrenzenden Nachbarschaft in Österreich, der Schweiz, den bayerischen und badischen Ländereien.

Auf dem vorderen Umschlag sehen wir ein zweites Bild, das uns die malerische Pracht im Inneren des Rathauses der Stadt Wangen erahnen lässt. Und wir sehen die Teilnehmer am sogenannten Literarischen Forum Oberschwaben, die sich hier zu einer ihrer jährlichen Zusammenkünfte getroffen haben. Zu den Förderern, Inspiratoren oberschwäbischen Kunstschaffens im weitesten Sinne gehörte der feinsinnige Kommunikator Walter Münch, einst Landrat des Kreises Wangen, als es diesen noch gab. Er und weitere engagierte Mitstreiter waren es, die die Tradition des Forums ins Leben riefen. Es handelt sich dabei um offene Treffen von Autoren und Autorinnen, die aus dem Gebiet stammen oder sich ihm zugehörig fühlen, zu zwanglosem Kennenlernen und Erfahrungsaustausch. Das Buch berichtet darüber ebenso wie über das Wirken einer literarischen Gruppe, die als Ravensburger Kreis bis 2005 existierte.

Literatur in Oberschwaben seit 1945 gewinnt zusätzlichen Wert und Reiz durch die zahlreichen Abbildungen, darunter viele Personenporträts. Ein großer Teil der Fotografien stammt von dem in diesem Jahr verstorbenen Rupert Leser. Über viele Jahrzehnte ein in vielen Medien und Ausstellungen vertretener Bildchronist der oberschwäbischen Landschaft und ihrer Menschen.

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Weber, Edwin Ernst (Hrsg.): Literatur in Oberschwaben seit 1945. – Gmeiner-Verlag, 2017

(Der größte Teil der Beiträge in diesem Buch basiert auf Vorträgen während einer Tagung der Gesellschaft Oberschwaben, die 2011 im Volkshochschulheim Inzigkofen stattfand.)

Geschichte Oberschwabens

Im 19. und 20. Jahrhundert

Anfang dieses Monats erschien der erste Band einer auf drei Bände angelegten Geschichte Oberschwabens, verfasst von dem Historiker und langjährigen Leiter des Ravensburger Stadtarchivs Peter Eitel. Eitel ist einer der profundesten Kenner südwestdeutscher Regionalgeschichte. 1970 promovierte er mit einer landeshistorischen Arbeit über „Die oberschwäbischen Reichsstädte im Zeitalter der Zunftherrschaft.“ Von ihm sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche fachwissenschaftliche Veröffentlichungen erschienen. Er ist auch Redakteur der seit 1990 erscheinenden Kulturzeitschrift des Landkreises Ravensburg „Im Oberland“.

Der erste Band seiner oberschwäbischen Geschichte, die nun nach und nach bei Thorbecke herauskommt, trägt den Titel „Der Weg ins Königreich Württemberg (1800 – 1870) und beginnt mit einer Bestandsaufnahme, dem Kapitel „Das Gesicht Oberschwabens um 1800.“ Eitel beschränkt sich in seiner Darstellung bewusst auf die letzten 200 Jahre und vermeidet damit, sich in nur unscharf zu fixierenden und darzustellenden Vorzeiten zu verlieren; zudem der Landschaftsbegriff „Oberschwaben“ umso schwerer zu definieren ist, je weiter man ihn in die Vergangenheit zurück verfolgt. Heute versteht man darunter allgemein die Region zwischen Schwäbischer Alb und Bodensee, eingeschlossen die württembergischen Teile des West-Allgäus. Band 1 endet mit dem Ausbruch des deutsch-französischen Krieges von 1870/71, einem Ereignis, das nicht nur für diesen Kulturraum von einschneidender Bedeutung war und in dessen Folge Deutschland ein ganz neues Gesicht bekam.

Erstmals gelingt in diesem Buch auch eine überfällige Sozial- und Wirtschaftgeschichte, waren die bisherigen Darstellungen doch zu sehr auf die klerikalen und vom Adel dominierten Rahmenbedingungen und Einflüsse beschränkt. Dabei stand – selbstverständlich für diesen Landstrich – die katholische Kirche und Kultur mit all ihren vielfältigen Erscheinungsformen und Machtstrukturen im Vordergrund. Peter Eitel verzichtet natürlich keineswegs darauf diese Aspekte zu beschreiben, betrachtet jetzt aber auch das Verhältnis zwischen Katholiken und Protestanten und widmet ein eigenes Kapitel den oberschwäbischen Juden. Er gibt Themen wie Kunst und Schulwesen den angemessen Raum und stellt immer wieder auch die alltäglichen Lebensbedingungen der Menschen dieser hügeligen Landschaft in den Mittelpunkt.

Der Autor lässt dabei oft schriftliche Original-Quellen sprechen; 260 meist farbige Abbildungen – viele davon bisher unveröffentlicht – ergänzen und bereichern das Buch. So entstand ein vielfältiger und farbiger Eindruck der Geschichtslandschaft des 19. Jahrhunderts. Vorgesehen ist, im zweiten Band die Zeit bis zum Ende des Königreichs Württemberg 1918 und im dritten Band bis zur Gründung des modernen Baden-Württemberg im Jahr 1952 zu behandeln.

Eitel, Peter: Geschichte Oberschwabens im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 1: Der Weg ins Königreich Württemberg (1800 – 1870). – Thorbecke, 2010. Euro 29,90

„Mein Jenseits“ von Martin Walser

Das Scheitern des Augustin Feinlein

Jetzt versucht Martin Walser ernsthaft „seinem“ Schiller in Sachen Zitierfähigkeit und -häufigkeit Konkurrenz zu machen. „Mein Jenseits“, das neue kleine Werk, ist prall gefüllt mit Sätzen und Passagen, die bestens zum dauerhaft und vielseitig verwendbaren Aphorismus taugen. Hier ist eine Rangliste der besten Sieben:

Platz 7: Jeder muss, um seine Strafe zu ertragen, ein bisschen strenger strafen, als er gestraft worden ist.

Platz 6: Ich bin froh, dass ich etwas nachzuschlagen habe. Hoffentlich brauch ich lange, bis ich es finde.

Platz 5: Das Jenseits muss schön sein. Sonst kannst du es gleich vergessen.

Platz 4: Die Welt entspricht dir nicht, aber du sollst ihr entsprechen.

Platz 3: Ich ging immer an einer Wand entlang, die würde aufhören, dann begänne das Leben, die volle Berührung. Das war ein Irrtum. Diese Wand war das Leben.

Platz 2: Von allen Menschen gleich weit weg, dann bist du am richtigen Ort.

Platz 1: In die Irre gehen. Wissend. Nichts gewöhnlicher als das.

Um es gleich zu sagen: Es ist ein schönes Buch und es ist eine schöne Geschichte. Verheißungsvoll bereits der Auftakt. Eine kleine Abhandlung über das Komischwerden und die damit verbundenen menschlichen „Mödelen“ (Eigenheiten, Skurrilitäten) von älteren Menschen im Oberschwäbischen. „Südlich der Donau sagt man zum Beispiel: Der und der wird auch allmählich komisch. Das merken alle, wissen alle, nur der, der allmählich komisch wird, merkt es nicht.“ Augustin Feinlein, Chefarzt eines Psychiatrischen Landeskrankenhauses, ahnt, dass auch ihn dieses Schicksal ereilen könnte, ja, kann nicht ausschließen, dass es ihn schon eingeholt hat. Er weiß was Älterwerden bedeutet, deshalb hat er an seinem 63. mit dem Zählen der Geburtstage aufgehört. Zudem wird ihm immer mehr klar, dass er im beruflichen Alltag zum Störfaktor geworden, dass die Zeit über ihn hinweg gegangen ist.

Deshalb fliegt er seit einigen Jahren gerne einmal zwischendurch für zwei, drei Tage nach Rom um sich in der Basilika San Agostino, in das Caravaggio-Bild „Madonna dei Pelligrini“ zu versenken. Auch in seiner Heimat hält er sich sehr gerne „immer wieder ohne Anlass im Kirchendämmer“ auf und lässt „die Zeit vergehen“. Das sind kleine Fluchten um das „klinische Quältheater“ zu unterbrechen. Dämmrig, wie die Kirchenräume, sind auch die Zimmer des immer gleichen Hotels, in dem er in Rom wohnt. „Man kann nicht lesen in diesem Hotel … Das ist so befriedigend. Du darfst dich mit dir selber beschäftigen.“ Damit hat Feinlein mehr als genug zu tun. Nebenbei resümiert und reflektiert er einige wesentliche Kapitel süddeutscher Kirchen- und Klöstergeschichte und beschäftigt sich mit der Reliquien-Seeligkeit des oberschwäbischen Katholizismus. Zudem zeigt sich, dass die Liebe seines Lebens, die bisher unerfüllt blieb, dies wohl endgültig bleiben wird.

Lebensgeschichte ist Glaubensgeschichte macht Walser deutlich. Und auch nicht zu glauben, kann eine persönliche Glaubensgeschichte sein. Zwischen glauben und nicht glauben ist nicht viel Platz, lediglich für ein paar Zweifel. Martin Walser setzt  auf die künstlerischen Schöpfungsakte der Musik und der Kunst als lebendigste, oft genug überwältigende menschliche Glaubenszeugnisse. Die Lebensgeschichte eines Menschen handelt immer auch von vergebenen Möglichkeiten, falsch gewählten Alternativen. Diesen trauert Feinlein im fortschreitenden Alter nach, dazu der verlorenen Geliebten, den nicht genutzten Chancen anderer beruflicher Weichenstellungen. Jetzt wünscht er sich „bloß keine Kreuzung mehr. Keine So-oder-so mehr.“ Doch im sechsten Kapitel nimmt die Erzählung für unseren in Liebe und Beruf gescheiterten Protagonisten noch einmal eine kleine, fast dramatische Wende. Dass dieses Buch am Ende jedoch sieben Kapitel haben muss, versteht sich fast von selbst.

Wie man hört, haben wir es mit dem Präludium zum nächsten großen Roman des 82-jährigen Schriftstellers, der im nächsten Jahr erscheinen wird, zu tun. Dort wird uns Prof. Dr. Dr. Feinlein erneut begegnen. Wir Leser freuen uns auf weitere Details aus dem Leben dieses neuen Walser-Helden.

Wie schon vor einiger Zeit bei Lenz, wird auch mit „Mein Jenseits“ eine etwas längere Kurzgeschichte in Apotheker-Manier und dank eines renommierten Autoren-Namen, überteuert an Mann und Frau gebracht. Immerhin ist dieses Buch sorgfältig gedruckt und geschmackvoll ausgestattet. Mit schwarzem Vorsatz und weinrotem Einband. Dazu ein Schutzumschlag, der ein Foto des Autors mit Bodensee im Hintergrund und auf dem Titel eine Abbildung von Anselm Kiefers „Sappho“ zeigt. Martin Walser hat auch nicht die Mühe gescheut, das Werk als Hörbuch einzulesen. Am 9. Februar liest er außerdem im Literaturhaus Frankfurt und am 23. Februar – auf Einladung von Osiander – in Tübingen aus seinem neuen Buch.

Walser, Martin: Mein Jenseits. Novelle. – Berlin University Press, 2010. – Euro 19,90

Geschichten aus Oberschwaben

„Sumerwunne

so du dine liehten tage erglenzen wilt

was kan in der welte danne hügelicher sin

und diu sunne

dringet liehtem meien dur den grüenen schilt“

(Frühlingswonne,

die uns den Glanz der lichten Tage schenkt,

was kann in dieser Welt denn schöner sein,

wenn Sonne

strahlend durch des Maien Grünen dringt.)

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„Dennoch gibt es flüchtige Bilder von Heimat: den nachtblauen Sternenhimmel, die trägen Wintertage in der hinteren Stube, das Dämmerlicht draußen, wenn stundenlanges Schneegeflimmer die Grenze zwischen den Gärten, Dächern und dem Himmel auflöste, die Apfelkisten im oberen Flur, die Flaschen mit dem selbstgemachten Johannisbeersaft in den wackeligen Kellerregalen, die Eisblumen am morgendlichen Abortfenster, die Krokusse und Narzissen im Frühlingsgarten, die Sommerlichen Kletterrosen, der tägliche Krach der Düsenjäger…“

Etwa 750 Jahre trennen diese beiden Texte. Der erste stammt von Schenk Ulrich von Schmalegg-Winterstetten, der um 1225 in der Nähe von Ravensburg geboren wurde. Die Sätze des zweiten stehen in dem 1998 erschienen Roman „Ins Offene“, den Karlheinz Ott geschrieben hat. Ott wurde 1957 in Ehingen geboren und gehört inzwischen zu den etablierten deutschen Schriftstellern der mittleren Generation. Zu finden sind beide Zitate in der Anthologie „Geschichten aus Oberschwaben“, die in diesem Herbst bei Klöpfer und Meyer erschienen ist. Die Auswahl erstellt und den Band herausgegeben haben der langjährige Leiter des Kulturamtes des Bodenseekreises, Elmar L. Kuhn und der aus Waldburg stammende Literaturwissenschaftler und Autor Peter Renz. In einer weit gespannten Auswahl versammelt der Band Gedichte, Auszüge aus Erzählungen und Romanen, Erinnerungen, Aufsätzen und Vorträgen.

Oberschwaben war und ist sicher keine traditionell literarische Landschaft. Minnesänger zog es in weinseligere Gegenden, kritisch-kreative Geister suchten oft früh den Weg in die Großstadt. Erst im Laufe des 20. Jahrhundert hat sich die Situation zwischen Donau und Bodensee verändert. Es waren eigenwillige, mutige Frauen, die mit ihren Arbeiten ein Publikum fanden, bald auch über die Region hinaus. Die drei Marien, Maria Beig, Maria Menz und Maria Müller-Gögler, sind bis heute fester Bestandteil eines eher bescheidenen literarischen Kanons der hügeligen Gegend.

Einer der bedeutensten bundesdeutschen Großschriftsteller hatte nach Lehr- und Wanderjahren den Weg zurück zum springenden Brunnen gefunden und sich am See niedergelassen. Martin Walser hat viel getan für die oberschwäbische Literatur und ihre Repräsentanten. Er hat unterstützt und gefördert, geholfen und gelobt, wo er konnte. Walser schreibt vom „hiesigen Ton“: „Der Ton ist fest. Immer durchwachsen. Mühelos feierlich, absichtslos ernst.“ So wie jener der Maria Menz, die meist im Dialekt schrieb, der religiösen Mystik zuneigte und von der ein Gedicht auf den Text von Walser folgt. Walser und Menz waren sich über lange Jahre in Erfurcht von ihrer und Respekt von seiner Seite, auf eine besondere Weise und in aller Gegensätzlichkeit und Distanz verbunden.

Hermann Hesse schildert einen Aufenthalt in Ulm, Siegfried Landauer seine Jugend in Riedlingen, Golo Mann schwärmt vom Salemer Tal. Viele der Autoren und Autorinnen waren nur kurz in Oberschwaben zu Hause oder schreiben lediglich darüber. So staunt man nicht schlecht, dass da auch ein Johannes R. Becher auftaucht, ehemaliger Kulturminister und amtlicher Großschriftsteller der DDR. Im informativen Anhang, der biographische Abrisse zu allen vertretenen Persönlichkeiten bietet, erfährt man, dass der in München geborene, nicht nur den Text zur DDR-Hymne verfasst, sondern auch ein „Lob des Schwabenlandes“ geschrieben hat. „Mein Städtchen du im Donautal – Es war ein Glückverwehen – Es war einmal…Ein Totenmal – Sah ich beim Wiedersehen.“ Der Sammelband und auch wir halten das aus. Wir trösten uns mit dem Satiriker Dr. Owlglass, dem deftigen barocken Sebastian Sailer und dem Biberacher Klassiker Christoph Martin Wieland.

Der letzte Teil des Buches ist mit „Arbeiten, denken und beten“ überschrieben. Möglicherweise die aktuelle oberschwäbische Prioritätenliste. Bis vor wenigen Jahrzehnten musste den meisten Menschen Beten und Arbeiten genügen. Mehr oder weniger behütet von fürstlicher und kirchlicher Obrigkeit, die sich heute schwer damit tut, dass sich die Verhältnisse und Prioritäten – auch in Oberschwaben – verschoben haben.

Das Literarische Forum Oberschwaben hat über viele Jahre den Dichtern und Schriftstellern in loser Bindung Podium und Austausch geboten. Seit einigen Jahren unterstützt auch die Gesellschaft Oberschwaben Literatur und Autoren. In seinem Vorwort zum Buch skizziert Peter Renz, die literaturgeschichtliche Entwicklung bis in die Gegenwart. Im Nachwort macht uns Elmar L. Kuhn mit den historisch-politischen Gegebenheiten vertraut.

Kuhn, Elmar L.; Renz, Peter (Hrsg.): Geschichten aus Oberschwaben. – Klöpfer und Meyer, 2009. Euro 22,90

Maria Beig

Ein oberschwäbischer Lebensweg

Maria Beig wurde am 8. Oktober 1920 in der Nähe von Tettnang geboren. Mit zahlreichen Geschwistern wuchs sie auf einem Bauernhof auf. Am Pädagogischen Seminar in Kirchheim/Teck zur Fachlehrerin ausgebildet, arbeitete sie als Hauswirtschafts- und Handarbeitslehrerin auf der Schwäbischen Alb, in Heilbronn und Friedrichshafen, wo sie heute lebt. Sie ist verwitwet und hat eine Tochter. 1982 erschien ihr erster Roman: „Rabenkrächzen. Eine Chronik aus Oberschwaben.“ Weitere Romane und Erzählungen folgten. 1983 erhielt sie den Alemannischen Literaturpreis, 1997 den Literaturpreis der Landeshauptstadt Stuttgart, 2004 den Johann-Peter-Hebel-Preis. In der letzten Zeit war es etwas still geworden um Maria Beig. Nun ist in diesem Jahr im Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer ihr Erinnerungsbuch „Ein Lebensweg“ erschienen. Im Juni wurde es von Kritikern auf Platz 1 der SWR-Bestenliste gewählt.

Layout 1Vom trendigen Berlin aus gesehen ist das katholisch geprägte Oberschwaben eine ferne Gegend. Umgekehrt gilt das auch. Selbst die geographisch näher liegende Landeskapitale, das pietistische Stuttgart, ist weit weg. Die historischen Beziehungen der Region zwischen Alb und Bodensee gehen eher in Richtung des österreichischen Vorarlberg und den schweizerischen Thurgau. Diese Gebiete bilden noch immer so etwas wie einen kulturell und sprachlich verwandten Großraum.

In Oberschwaben lässt es sich heute gut leben. Die Arbeitslosenquote ist eine der niedrigsten im ganzen Land, die Ausbildungsquote der zahlreichen mittelständischen Betriebe beachtlich. Hochschulen wurden angesiedelt. Große und nicht ganz so große Kleinstädte bieten kulturelle Vielfalt, angenehmes Wohnen und hohe Lebensqualität. Auch der ländliche Raum ist bestens entwickelt und hat an allen modernen Errungenschaften teil.

Das war nicht immer so. Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte ein Mädchen aus kinderreicher Familie, das im bäuerlichen Milieu aufwuchs, nur schwerlich Zugang zu höherer Bildung oder eigenständiger beruflicher Existenz. Es wurde in der Regel jung verheiratet, arbeitete auf dem elterlichen oder als Haushaltshilfe auf fremdem Hof. Manche gingen in ein Kloster. Die Menschen im ländlichen Oberschwaben des 20. Jahrhunderts arbeiteten nicht selten für die nackte Existenz, die nötigste Ernährung, Bekleidung, Behausung. Sie hatten Missernten, Wirtschaftskrisen und zwei Weltkriege zu überstehen. Von dieser Welt handeln die Romane und Erzählungen der Schriftstellerin Maria Beig. Die von ihr geschilderten Schicksale sind beispielhaft, die Hauptfiguren meist weiblich, mit deutlichen Wesenszügen der Autorin.

AU_Beig_LDer Lebenslauf der Maria Beig ist ein ungewöhnlicher für diese Region. Wer sich statt zu bäuerlichen Schaffen, zu scheinbar sinnlosem, unproduktiven Tun wie Lesen, Lernen und Schreiben hingezogen fühlte, hatte es nicht leicht, geriet in den Ruf einer schwer erziehbaren, aus der Art geschlagenen, wurde gern allerhand korrigierenden Maßnahmen unterzogen.
Von einer solchen Kindheit und Jugend erzählt die Autorin in ihrem „Lebensweg“. Von Liebe, aber auch Hass und Ablehnung innerhalb der Familie. Von den Lieblingsgeschwistern, dem ambivalenten Verhältnis zum Vater. Von Krieg und Not. Von erster kaum eingestandener Liebe und der jahrelangen Suche nach einem eigenen Weg, dem individuellen Lebensentwurf jenseits traditioneller Vorgaben. Der Weg in den bürgerlichen Beruf wird gegen alle Widerstände eingeschlagen, es ist auch eine Form von Flucht. Die junge Frau kommt, nicht immer ganz freiwillig, herum im Land. Es folgen Irr- und Umwege. Schließlich Ehe und Familie, Krankheit und Zweifel. Und spät erst, im Nachsommer eines inzwischen langen Lebens, gibt sie der verheimlichten und unterdrückten Neigung nach und beginnt zu schreiben. So erfahren wir von diesem Frauenschicksal – auch stellvertretend für die Vielen, die wir nicht vernehmen, die nicht über Fähigkeiten oder Mut verfügen sich zu artikulieren.

Als ihr Roman „Rabenkrächzen“ erschien, hatten ländliche Erlebnisberichte Konjunktur, und so wurde ihr Buch gleich ein ansehnlicher und viel beachteter Erfolg. Martin Walser bestätigte sie, ebenso wie er dies bei anderen oberschwäbischen Dichterinnen und Dichtern getan hat, in ihrer Veranlagung. Walser war es auch der erkannte: „Durch Erzählen überlebt sie“. Maria Beig beschreibt kein idyllisches Landleben; sie zerstört romantische Vorstellungen. Beschönigt nichts. Berichtet über Gelingen und Scheitern mit nüchternem Gleichmut. Wie für viele Autoren, ist für Maria Beig Schreiben immer auch ein Stück Erlösung. Dafür ist in süddeutscher Provinz eigentlich die katholische Kirche zuständig. Und man wundert sich ein wenig, dass diese in dieser erzählenden Biographie fast keine Rolle spielt.

Gegenüber früheren Werken schreibt Maria Beig ihren „Lebensweg“ in einer Sprache die reifer, schärfer, differenzierter geworden ist. Nach langer Krankheit mit hoffnungslosen Phasen, endlich aus dem Krankenhaus entlassen, notiert sie, wie sie dazu kam, diese Erinnerungen zu schreiben: „Gleich geblieben ist meine Unfähigkeit, hohle Stunden zu ertragen, so habe ich wieder angefangen zu schreiben.“ Es ist der letzte Satz im Buch und für die Autorin doch noch einmal ein Anfang. Wir Leser innerhalb und außerhalb Oberschwabens sind darüber keineswegs unglücklich. Für jene von außerhalb wurde dem schön ausgestatteten Band ein Glossar mit Erläuterungen regionaler sprachlicher Eigenheiten beigegeben.

Beig, Maria: Ein Lebensweg. – Klöpfer & Meyer, 2009

(Abbildungen mit freundlicher Erlaubnis des Verlags)