Die Unschärfe der Welt

Über den neuen Roman von Iris Wolff

In der Erinnerung ist alles für immer aufgehoben, doch Gegensätze liegen so nah beieinander, dass sie manchmal, selbst wenn man sich mit bestem Gewissen auf die Wahrheit beruft, nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. (Iris Wolff: Leuchtende Schatten, S. 148)

Wie schwer es fällt, den Begriff Heimat zu verdeutlichen. Wie oft versagt Sprache bei der Verständigung. Wie missverständlich kann die Sprache der Liebe sein. Schweigen hingegen kann mitunter sehr aussagekräftig sein. Wie oft besteht zwischen den Generationen Unverständnis. Wie zuverlässig sind sichere Wahrheiten. Und wie verschwommen die Grenze zwischen Verwandtschaft und Wahlverwandtschaft.

Unschärfen der Welt begleiten Protagonisten und Leser durch den neuen Roman von Iris Wolff. Es ist ihr vierter.

Sehr viel Schnee fällt, als das junge Paar sein erstes Kind erwartet. Der Weg in die Klinik, ein Abenteuer. Das ist der spannende Einstieg in einen Roman der durchaus als traditionelle Familiengeschichte gelesen werden kann. Im Zentrum stehen Hannes und Florentine mit ihrem Sohn Samuel, der in einem strengen Winter um das Jahr 1970 im rumänischen Banat geboren wird. Hannes ist auf Umwegen lutherischer Pfarrer geworden. Die Familie gehört zur deutschsprachigen Minderheit. Eine von mehreren Minderheiten im totalitären Staat des Ceaușescu-Clans. Das Dorf liegt an der Marosch (Mureş, Maros, Mieresch), einem Fluss der knapp 800 Kilometer lang durch Rumänien und Ungarn fließt, bevor er in die Theiss mündet. Diesem Fluss kommt in Iris Wolffs Buch eine besondere Bedeutung zu.

Hannes Eltern, Karline und Johann, stammen noch aus der Zeit, als das Land eine Monarchie war. Karline versucht im kargen Kommunismus ihre großbürgerlichen Ideale aufrecht zu erhalten und verehrt in stolzer Treue den abgedankten König Michael. Die Eheleute Konstanty und Malva gehören zur slowakischen Volksgruppe und als reformierte Christen zur Gemeinde von Hannes. Ihre Tochter Stana und Samuel sind Sandkastenfreunde. Als Hannes Besucher aus Ostdeutschland im Pfarrhaus beherbergt, wird er von Konstanty bei der Securitate, der Staatssicherheit, angeschwärzt. Das gesellschaftliche Klima ist geprägt von einem Netz aus Überwachung, von gegenseitigem Misstrauen und Verleumdung.

Wahrheit und Klarheit, Scheitern und Gelingen, Vergangenes und Vergessenes, Erinnertes und Verändertes, die Menschen sind in ihren engen Lebenskäfigen gefangen. Was geschieht und einem selbst widerfährt, wird meist als schicksalhaft und unabänderlich ertragen. Auflehnung hat schwere Konsequenzen. Selten sind Versuche auszubrechen. Samuel wird es auf spektakuläre Weise versuchen und fliehen, Eltern, Freunde, Umfeld ohne Ankündigung und ohne Nachricht von seinem Verbleib verlassen. Damit beginnt für ihn eine Odyssee durch Orte und Regionen der Bundesrepublik Deutschland und die Freiheits- und Konsumverheißungen des Westens. Jahre später führt der Ausbruch an den Ausgangspunkt zurück. Manche Menschen mussten fortgehen, um diesen Ort zu finden, andere wiederum würden ihn nie finden, wenn sie fortgingen.

Iris Wolffs Buch ist ein Panorama über vier Generationen. Die charismatische Karline wird ihre Urenkel noch sehen. Sie durchlebt die Katastrophen und Kriege, die Systemwechsel und die damit verbundenen unterschiedlichen Wahrheiten, die Not und das Elend, Aufschwung und Zweifel – alles was das 20. Jahrhundert in die Geschichtsbücher eintrug.

Es gab verschiedene Einsamkeiten. Die des Berges, der schon immer da war. Die der offenen Landschaft und dem Gefühl des Verlorenseins. Die der Großstadt und ihrer Gleichgültigkeit. Es gab die Einsamkeit des Lehrerzimmers, der überfüllten Straßenbahn, der leeren Wohnung.

Foto: Wiebke Haag

Auch im neuesten Roman der Freiburger Schriftstellerin klingt wieder dieser ganz eigene Iris-Wolff-Ton an. Der besondere Stil, die Beobachtungsgenauigkeit und Beschreibungsfähigkeit. Iris-Wolff-Leser schätzen die Passagen reiner sprachlicher Schönheit, die Gedankenfülle und einfühlsame Melancholie. Im aktuellen Buch überrascht Wolff zudem mit einer pointiert ironischen Passage, in der sie den absolutistischen Conducător (zu deutsch: Führer) porträtiert und entlarvt. Unvergleichlich versteht es Iris Wolff detailgenau Alltägliches zu beschreiben. Essensgewohnheiten, Tagesrituale, Lebensformen, Arbeitsweisen, wie etwa Methoden der Wollreinigung. Schilderungen, die uns heutigen Lesern bereits exotisch vorkommen, andererseits vielleicht an die Erzählungen der eigenen Vorfahren erinnern. Und da ist diese naturnahe Poesie. Die Natur dient immer wieder einmal der Zeitzuordnung, sie ist Vergänglichkeitssymbol oder Ausdruck von Stetigkeit.

Die Wiese war septemberwarm, die Bäume lagen im Dunkeln, nur ein wenig Mondsilber in den Ästen … – … Das Gemüsebeet lag in der Sonne, Paprika reiften neben Tomaten, grüne Bohnen neben Zucchini, Wassermelonen lagen auf der Erde. Sie waren so groß, dass sie ins Haus gerollt werden mussten.

Erzählt wird aus wechselnden Perspektiven, in jedem Kapitel steht eine andere Figur im Mittelpunkt. Wie bereits in So tun, als ob es regnet sind die Kapitel novellenartig gestaltet, entsprechend stehen jeweils markante Ereignisse im Zentrum. Der tragische Tod eines Jugendlichen. Das Erwachen sexueller Gefühle zwischen Samuel und Stana (vielleicht die poetischsten Passagen des Buches). Die Flucht Samuels oder, wie im Schlusskapitel, der Tod der Patriarchin Karline.

Die Unschärfe der Welt ist ganz nebenbei ein Roman literarischer Anspielungen und Verweisungen. So wird Samuels Freund Oswald Oz gerufen, ein Spitzname der sich natürlich auf den legendären Zauberer bezieht. Mit der Zauberei kommt übrigens ein Element ins Spiel, das gegen Ende des Buchs einen speziellen Akzent setzen wird.

Dass der 16-jährige, der beim Schwimmen in der Marosch so unglücklich ums Leben kommt, Echo gerufen wird, lässt Thomas-Mann-Kenner aufhorchen. Echo wurde ein kleiner Junge genannt, der eigentlich Nepomuk Schneidewind hieß, und den Thomas Mann in seinem Doktor Faustus so qualvoll an Meningitis sterben lässt. Dem Leser werden die Einzelheiten des Sterbeprozesses nicht vorenthalten und Iris Wolff, die nicht so weit geht wie der Nobelpreisträger, spart ebenfalls nicht mit den Details eines sinnlosen Todes. Einschließlich einer ausführlichen Darstellung der Beerdigungszeremonie mit ihren tradierten Ritualen.

Und auf einer Insel vor der deutschen Küste treffen wir Bene wieder, einen der Besucher, die vor vielen Jahren im Banater Pfarrhaus zu Gast waren und der inzwischen Inhaber einer kleinen Buchhandlung geworden ist. Mit seinen ausgewählten Empfehlungen verführt er seine Kundschaft zu Leseerlebnissen, die über das vielgefragte, vielgekaufte Belletristische hinausgehen. DDR-Literatur etwa, Wolf natürlich, aber auch Johnson und Fries. Literatur aus Osteuropa, Pastior, Banffy und Marai. Welchen Wert hatten Buchhandlungen sonst, als dass man persönliche Empfehlungen erhielt? Eine als Frage verkleidete Feststellung, die ebenso sicher im Sinne der Verfasserin von Die Unschärfe der Welt ist, wie der eine oder die andere der empfohlenen Autoren und Autorinnen zu ihren Lektüren gehören dürften.

Für Anfänge musste man sich entscheiden. Enden kamen von allein, wenn  man sich nicht entschieden hatte.

Am Ende von Iris Wolffs neuem Roman schließt sich der Kreis. Was uns Wolff-Lesern und -Leserinnen so wichtig und wertvoll geworden ist, dass wir uns über jede neue Variante ihres Urstoffes freuen, trägt andererseits dazu bei, dass sie nicht dieselbe Publikumsbreite erreicht wie andere Schreiber und Schreiberinnen ihrer Generation. Hier geht es eben nicht um hippe Metropolen, um das Lebensgefühl, die Irrungen und Wirrungen westlicher Großstädter, nicht um die Fensterformen in der Bundeshauptstadt. Im Mittelpunkt steht die deutsche Minderheit in Rumänien, stehen Dörfer, kleine Städte, einsame Landschaften des Banat. Lebensläufe, Schicksale von Menschen in Europas Osten, die durch weltgeschichtliche Willkür am Rande gelandet sind. Iris Wolff schreibt Literatur, die sich Strömungen verweigert. Zeitlos und zauberhaft.

Iris Wolff und ihr Werk wurden in den letzten Jahren mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Jetzt steht Die Unschärfe der Welt auf der Longlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis.

Wolff, Iris: Die Unschärfe der Welt. Roman. Klett-Cotta, 2020. Euro 20. – (Auch Hörbuch und E-Book erhältlich.)

Von Blitzen aus heiterem Himmel, wahren Freunden und grünen Brüsten

Kurzgeschichten des rumänischen Autors Florin Iaru.

So geht short story. In 53 Erzählungen demonstriert der rumänische Schriftsteller auf meist nur wenigen Druckseiten was echte Kurzprosa kann. Die grünen Brüste (Im Original: Sînii verzi, erschienen 2017) ist sein dritter Band mit Arbeiten dieser Form, der erste in deutscher Übersetzung. Erschienen ist das Buch im Ulmer Verlag danube books. Den farbigen Schutzumschlag mit seinen anspielungsreichen Motiven hat der Ulmer Künstler und Autor Florian L. Arnold entworfen.

Immer wieder geht es in Iarus Geschichten um das Verhältnis der Geschlechter, um Spannungen, Missverständnisse zwischen Mann und Frau, um nicht selten unrealistische, gegenseitige Erwartungen. Dankbaren und umfangreichen Erzählstoff bietet das Feld des Alltäglichen, des allzu Menschlichen. Seine Darstellungen sind humorvoll, hinterhältig, zugespitzt. Er spielt geschickt mit dramatischen Steigerungen, flunkert gerne spitzbübisch und entzaubert doppelbödig die eine oder andere sicher geglaubte Gewissheit. Das ist oft skurril und witzig, manchmal prall und drastisch, gerne auch frivol, verträumt oder tragisch. Immer jedoch pointiert, mit originellen Sichtweisen, scharfen Beobachtungen und überraschenden Wendungen.

Wie in der Story Der Blitz aus heiterem Himmel. In der wir teilhaben am Abnützungskrieg eines kleinbürgerlichen Ehepaars mit zwei Kindern. Die Kinder laufen eher am Rande mit, erwünscht sind sie wohl längst nicht mehr. Die Partner schwanken zwischen kurzen Phasen des Einvernehmens und Eskalationen, die unversehens in Hass und Ablehnung umschlagen. Die Schlusssätze deuten eine Konsequenz an die eigentlich vorhersehbar war und dennoch unerwartet kommt. Mit keinem Wort zuviel ist das vortrefflich auf den Punkt geschrieben.

Dank einer einfühlsamen und sicheren Übersetzung ist davon auszugehen, dass Ton und Intention des Verfassers in der deutschen Übertragung stimmig wiederzufinden sind. Manuela Klenke wurde 1984 in Cluj-Napoca geboren, lebt jetzt in Osnabrück und arbeitet als Übersetzerin aus dem Rumänischen. Ihre erste literarische Übersetzung war der viel beachtete Roman Null Komma Irgendwas (Interior zero) von Lavinia Branişte, der im mikrotext Verlag erschienen ist. Bei Manuela Klenke waltet nicht unter wirtschaftlichem Druck gepfuschte Oberflächlichkeit, wie wir es aus vielen Übersetzungen englischsprachiger Massenware kennen. Sie leistet mit Sorgfalt, wortforschender Geduld, Satz für Satz, Absatz für Absatz, akribische Arbeit.

Bei der titelgebenden Erzählung handelt es sich um Stoff aus der gegenwärtig sehr beliebten Kategorie Coming-of-Age. Sie zeigt deutlich und exemplarisch Iarus prägnante Ausdruckskraft. Lakonisch und präzise gelingt ihm die erzählerische Verdichtung ohne jede Oberflächlichkeit. Es geht um den fast unerträglichen Leidensdruck eines 15-jährigen Mädchens, das, nicht untypisch für die Altersgruppe, mit ihrer körperlichen Erscheinung unzufrieden ist. Sie fühlt sich von der Natur vernachlässigt, sieht sich als hässliches Entlein dem ein Mauerblümchen-Schicksal droht. Vor allem ist es Adelas unterentwickelte Oberweite, wie sie vergleichend feststellt, die sie in Verzweiflung und Depression stürzt. Zu allem Übel muss sie schmerzlich erfahren, dass Dillkompressen das Brustwachstum keineswegs fördern, sondern die jungen Knospen lediglich nachhaltig grün färben. Die Geschichte nimmt schließlich ein sehr versöhnliches Ende. (Natürlich hat mir persönlich besonders gefallen, dass Adela Lesetherapie zur Linderung ihres quälenden Seelenzustandes einsetzt.)

Foto: Mihai Barbu

Florin Iaru, mit bürgerlichem Namen Florin Râpă, wurde 1954 in Bukarest geboren und gehört seit vielen Jahren zu den etablierten Autoren Rumäniens. Er arbeitete unter anderem für das rumänische Fernsehen und ist als Redakteur und Herausgeber von Zeitschriften tätig. Sein literarisches Debüt im Jahre 1981 trägt den Titel Cântece de trecut strada (Lieder zum Überqueren der Straße). Neben Bänden mit Erzählungen und Gedichten hat er Lyrik und Prosa in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Gedichte von Florin Iaru wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Was fehlt? Vielleicht ein Vor- oder Nachwort das uns deutschen Lesern hilft den Autor innerhalb der rumänischen Literatur einzuordnen. Ergänzend zum Hinweis des Verlags, dass Iarus Geschichten gesellschaftskritische Themen aufgreifen, hätte man sich Angaben zur Entstehungszeit gewünscht. Das vorliegende Buch mit den 53 Kurzgeschichten enthält zusätzlich einen Teil mit dem Titel Erinnerungen. Drei Texte von denen es interessant zu wissen wäre, was es damit auf sich hat und wie autobiographisch sie einzuschätzen sind.

Die Kurzgeschichten von Florin Iaru in der Sammlung Die grünen Brüste sind durchweg fesselnde, lohnende Lektüre, die sich übrigens hervorragend für etwas eignet, das (zumindest unter Erwachsenen) etwas aus der Mode gekommen ist: Zum Vorlesen, gegenseitig, wechselseitig – in lauschiger Atmosphäre ein unterhaltsames Vergnügen.

Common Ground. Literatur aus Südosteuropa heißt einer der Themenschwerpunkte der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Eine gute Idee, ein anderer Blickwinkel und notwendige Alternative zum meist westlich, an der angloamerikanischen Dominanz orientierten Mainstream. Das Verlagsprogramm von danube books spiegelt die kulturelle Vielfalt der Donauländer, Veröffentlichungen aus dem Südosten Europas stehen im Zentrum des Angebots. In Leipzig sind Titel dieses ambitionierten Programms an den Ständen der Slowakischen Literaturagentur SLOLIA und des Rumänischen Kulturinstituts zu finden.

Florin Iaru wird nicht nach Leipzig kommen. Wer ihn zusammen mit seiner Übersetzerin Manuela Klenke erleben möchte, hat im Mai zweimal dazu Gelegenheit: Am 6. Mai in Osnabrück in der Buchhandlung zur Heide und am 8. Mai in Erfurt im Kulturhaus Dacheröden. Das Radioprogramm Ö 1 des Österreichischen Rundfunks (ORF) bringt in seiner Reihe Radiogeschichten einen Beitrag über Die grünen Brüste und den Autor Florin Iaru. Am 23. April 2020, 11:05 Uhr, Titel: Vom Absurden im Normalen.

Iaru, Florin: Die grünen Brüste. Erzählungen. Aus dem Rumänischen übersetzt von Manuela Klenke. – danube books, 2020

 

Drei Kilometer

Über den Debütroman von Nadine Schneider

Aber davon, wie das Ende ist, ahnt man nichts. Man ahnt nicht, dass kein Frühling mehr kommt, und nichts von einem letzten Sommer.

Der Fluss Temesch (Rumänisch: Timiș) entspringt im rumänischen Mittelgebirge Semenic, erreicht nahe Grănicerii die serbische Grenze und mündet nach 359 Kilometern bei Pančevo in die Donau. 1989 ist Serbien ein Landesteil der von Staatschef Tito mit harter Hand zusammengehaltenen sozialistischen Republik Jugoslawien. In Rumänien beherrscht der Ceaușescu-Clan das Land. Die Macht seiner Geheimdienste reicht bis in die hinterste Provinz, die Wirtschaft ist ruiniert und die Bevölkerung leidet unter Mangel, Bespitzelungen, vielfältigen Formen von Unterdrückung und die jüngere Generation unter einer deprimierenden Perspektivlosigkeit.

Nadine Schneiders Erzählung beginnt im Spätsommer 1989. Drei junge Erwachsene – Hans, Anna und Misch – gehören zu einer seit Jahrhunderten in Rumänien beheimateten deutschsprachigen Minderheit (sogenannte Banater Schwaben). Sie leben in einem Dorf an der Temesch, drei Kilometer von der jugoslawischen Grenze entfernt. Die Sommer sind heiß und staubig. Riesige Maisfelder prägen im August und September die Landschaft. 

Die hochgewachsenen Pflanzen bieten für einen begrenzten Zeitraum willkommenen Schutz für eine Flucht ins benachbarte Ausland. Für viele Banater heißt das Sehnsuchtsziel Bundesrepublik Deutschland, wo oft schon Verwandte oder Bekannte leben. Doch die Flucht ist nicht ohne Risiko. Wer auf serbischer Seite gefasst wird, landet zunächst einmal in einem jugoslawischen Gefängnis.

Foto: Wiebke Haag

Die Protagonisten in Nadine Schneiders Roman sind hin- und hergerissen. Frei nach dem Liedermacher Wolf Biermann möchten sie am liebsten weg – und blieben am liebsten hier. Sie hängen an dem gewohnten Zuhause in dem sie aufgewachsen sind, lieben ihre Familien, haben Freunde und sind verwurzelt in Landschaft und Traditionen. Wenig aussichtsreich ist jedoch ihre Zukunft vor Ort, quälend sind Gegenwart und Alltag mit politischer Gleichschaltung, mangelndem Vertrauen in die Mitmenschen, dem verweigerten Studium, der stupiden Arbeit in der Fabrik. 

… ich wollte nicht weg. Ich wollte mir nichts anderes vorstellen außer heißen Augusttagen und Wintern, in denen die Kälte fest gegen die Fenster drückte. Nichts außer dem Frühling, wenn die alten Frauen ihre Bänke vor den Häusern bezogen …

Das Thema Flucht ist für Hans, Anna und Misch allgegenwärtig. Offen darüber gesprochen wird nicht. Immer wieder verschwindet mal jemand aus dem Umfeld. Gräber auf dem Friedhof werden nicht mehr besucht und gepflegt. Häuser bleiben leer, Gärten verwildern. Nicht allen wird der Neuanfang gelingen, die Verheißungen des freien Westen sind groß, Desillusionierungen vorprogrammiert. So oder so: Am Ende ist der Verlustkatalog (György Dragoman) nur schwer erträglich.

Die drei Freunde sind sehr unterschiedlich in Charakter und Temperament. Aus der reinen Freundschaft wird ein brisantes Dreiecksverhältnis. Es entstehen Unsicherheiten und Zweifel an der gegenseitigen Verlässlichkeit, ein Seiltanz zwischen Treue und Verrat. Und unterschwellig gären die Fluchtpläne. Aufgeben oder standhalten? Gehen oder bleiben? Gute Gründe gibt es für beide Alternativen, schlechte ebenso. 

Es ist der Spätsommer dieses besonderen Jahres 1989. Dass in Kürze in Berlin eine Mauer fallen und eine Grenze sich öffnen wird, eine neue Zeit unmittelbar bevorsteht, die fundamentale Veränderungen der politischen Verhältnisse in Deutschland, Rumänien und Europa bringen würde, und dass die Uhr für die Ceaușescus und Konsorten bereits tickt, konnte sich in diesem Sommer, nicht nur in Südosteuropa, niemand vorstellen.

In der Jugend spielt sich das Leben im Feld der Möglichkeiten ab, hat Iris Wolff formuliert. Genau das und die damit verbundenen Ambivalenzen beschreibt Nadine Schneider am Beispiel ihrer Hauptfiguren präzise und intensiv. Ihre klare Sprache findet dabei immer wieder zu wunderschönen Bildern und poetischen Passagen. Ihre Schilderungen der Natur und der Jahreszeiten, des Selbstverständlichen und des Besonderen verdichtet sie zu hoher Intensität.

Seufzend verschränkte mein Vater die Arme und sah zum Himmel. Er war klar und so übersät von Sternen, dass das Schwarz beinahe verschwand unter den weißen Punkten ausgeschütteten Lichts.

Nadine Schneider wurde 1990 in Nürnberg geboren, studierte Musikwissenschaft und Germanistik in Regensburg, Cremona und Berlin, wo sie heute lebt. Sie war mehrfach Stipendiatin der Bayerischen Akademie des Schreibens, Finalistin beim 22. Irseer Pegasus und wurde beim Literaturpreis Prenzlauer Berg ausgezeichnet. Drei Kilometer ist, nach einigen Veröffentlichungen in Anthologien, ihr erster Roman, für den sie den Literaturpreis der Stadt Fulda 2020 und den Bloggerpreis für Literatur Das Debüt 2019 erhielt.

Foto: Laurin Gutwin

Selbst Tochter Banater Schwaben konnte sie Stoff und Fakten für ihre Geschichte dennoch nur begrenzt aus familiären Erinnerungen gewinnen. Sie recherchierte vor Ort und fand in Bibliotheken Material, das ihr die exakte Schilderung von Tages- und Jahresabläufen, sowie regionaler, volksgruppentypischer Gebräuche und Eigenheiten ermöglichte.

Die Tatsache, dass wir als Leser von Anfang an wissen wie die Weltgeschichte nach dem Sommer ‘89 weiterging, lässt uns mit zunehmender Spannung auf Misch, Anna, Hans und ihr Schicksal blicken. Zudem bleibt lange offen wer von den Dreien sich letztlich zur Flucht entschließt oder nicht. Das Buch ist in drei Teilen angelegt, die grob den Jahreszeiten Sommer, Herbst und Winter folgen.

Mit den Stürmen des Herbst und dem winterlichen Frost kommt der Mangel.

Der Herbst verarmte uns. Wir litten nicht Hunger, doch immer schien zu wenig auf dem Teller zu sein, und das Gefühl, nie satt zu werden, war zur Gewohnheit geworden.

Im Spätherbst des Jahres 1998 beginnt es nicht nur in der Natur zu stürmen. Lange aufgestaute Wut und zunehmende Verzweiflung lässt die Menschen auf die Straße gehen. In den Städten kommt es zu Demonstrationen und Streiks. Das Regime schlägt blutig zurück. Doch das Ende der Ceaușescu-Zeit rückt näher, das Land steht vor gewaltigen Umbrüchen. In diesen Passagen des Romans werden Nadine Schneiders Beschreibungen drastisch und eindringlich. Sie spart nichts aus was die Kehrseite der kleinen Hoffnungsfunken an Schrecken und Gefahren mit sich bringt. Das liest sich packend, großartig, bewegend.

Schneider, Nadine: Drei Kilometer. – Jung und Jung, 2019

 

Oskar Pastior (1927 – 2006)

„Ich sitze stumm und kraule / das Kleinhirn zwecks Belebung / die Sprache zwecks Bestrebung“

„Natürlich weiß ich nie, wann ein Projekt beginnt. Das ist das Aufregende: erst wenn es begonnen hat (nach 3, 4, 7, 8 Anläufen oder Würfen) hat es gegriffen, so genau kennt man den Zeitpunkt nie.“

Aber wir kennen zumindest diesen Zeitpunkt: Am 20.  Oktober 1927 kam Oskar Pastior in Hermannstadt (Sibiu) als Angehöriger der deutschen Minderheit in Rumänien zur Welt. Und bei allem, was wir heute über den Menschen und sein Werk wissen und nicht wissen, ist zu vermuten, dass er schon als Dichter geboren wurde. „Als könnte Sprache indem sie mich erfindet, dem ‚Wort vor dem Ding vor dem Wort vor dem Ding vor dem Wort’, usw., auf die Spur kommen.“

Der Vater war Zeichenlehrer, das Elternhaus kulturell inspiriert und vergleichsweise aufgeschlossen, die Umgebung seiner Kindheit und Jugend deutsch. Deutsche Sprache, Kirche und Schule, deutsche Bücher. Von 1938 bis 1944 besuchte er das Gymnasium in der Heimatstadt. Wie für viele Menschen nahm sein Leben durch den Zweiten Weltkrieg eine entscheidende Wende, mit Ereignissen und Erlebnissen, die für immer nachwirkten und die zu prägenden Traumatisierungen führten.

Gegen Kriegsende wurden Rumäniendeutsche in die damalige UdSSR deportiert. Sie sollten sich am „Wiederaufbau der Sowjetunion“ beteiligen und damit ihre „Kriegsschuld“ abtragen. Oskar Pastior traf es bereits im Januar 1945. Da ist er 17 Jahre alt. Fünf Jahre wird er in sowjetischen Arbeitslagern verbringen. Er wusste nicht, ob er wieder aus dem Lager herauskommen würde. Doch die Großmutter hatte ihm zum Abschied gesagt: „Ich weiß, du kommst wieder.“ Dieser Satz habe ihn am Leben erhalten, wird er später Herta Müller erzählen. Auch Bücher, die er mitgenommen hatte, gaben ihm Halt und Kraft um Hunger und Demütigungen zu überstehen. Darin gelesen werden konnte nicht, man musste sie verstecken, der Besitz von Papier war verboten.

Nach seiner Rückkehr schlug er sich zunächst als Kistennagler und Bautechiker durch, leistete Militärdienst. „Ansonsten erkläre ich hiermit, dass ich im Nageln von Butterkisten weniger gut bin als im Nageln von Auberginenkisten, bei denen ich es einmal auf 800 Nägel die Stunde gebracht habe. Es lebe die Auberginenkiste, sie ist eine Naturschönheit.“ So steht es in einer biographischen Skizze aus den 70er Jahren.

1953 konnte er endlich Abitur machen und 1955 mit dem Germanistik-Studium in Bukarest beginnen, das er 1960 mit dem Staatsexamen abschloss. Die folgenden Jahre arbeitete er bei einem deutschsprachigen Rundfunkprogramm in der rumänischen Hauptstadt. 1964 erschien der Lyrikband „Offene Worte“, zwei Jahre später „Gedichte“. Erste Auszeichnungen folgten.

1968 nutzte Oskar Pastior einen Studienaufenthalt in Wien zur Flucht in die Bundesrepublik Deutschland, über München kam er nach Berlin, wo er ab 1969 als freier Schriftsteller lebte. Noch im selben Jahr erschien mit „Vom Sichersten ins Tausendste“ eine erste Gedichtsammlung in Deutschland. Wenig später mit „Kopfnuss und Januskopf“ ein Titel der andeutete, was die Leser bei diesem Autor erwartet. Von vielen Begriffen auch die Kehrseite, von vielen Reimen auch der Kehrreim. Er war ein Wortspieler und Buchstaben-Jongleur, er wirbelte Sprache durcheinander, gewann ihr spielerische Elemente ab. Die FAZ bezeichnete ihn als „einen der legitimen Nachfahren von Dada“. Doch das trifft nur ungenau. Zu komplex sind die Inhalte und Themen, zu vielfältig die Chiffren, Verweise und Anspielungen. Es ging nicht einfach um neue Formen oder scheinbare Form-Auflösungen. Nicht um Originalität mit aller Macht, aber auch nicht um eine Kapitulation vor der Allmacht von Sprache. Oskar Pastior war im besten und vieldeutigsten Sinne ein Sprach-Beherrscher.

In den neunziger Jahren war der Schriftsteller Gastdozent in Kassel und Frankfurt. Seine Frankfurter Poetik-Lesungen wurden bei Suhrkamp unter dem Titel „Das Unding an sich“ veröffentlicht. Sie bieten mögliche Erklärungen und Interpretationen – einige von vielen denkbaren – für die programmatische Programmlosigkeit, für die Dauerversuche an Wort, Satz und Vers. Jörg Drews nannte Pastior einen „lingualen Neutöner“. Es entstanden Experimente mit Stilformen wie Anagramm, Sonett und Sestine, eine aus dem italienischen übernommene Gedichtform der Troubadoure mit sechszeiligen Strophen:

„voilà une sixtine francaise-anglaise:

this is an english-german sestina:

oh eine deutsch-rumänische sestine:

iata si sextina romino-ruseasca:

äto – russo-italjanskaja sestina:

eccola una sestina italian-italiana:”

(Liebe Rumänen, Rumäniendeutsche, Kenner des Rumänischen: Zu gerne hätte ich die vierte Zeile obiger Gedicht-Strophe mit den notwendigen Akzenten ausgerüstet, doch die mir zur Verfügung stehenden Zeichensätze waren darauf nicht vorbereitet. J. H.)

Was ihm an sprachlichem Material zur Verfügung stand, aus welchen Brunnen er schöpfen konnte, schilderte Oskar Pastior in einer der Frankfurter Vorlesungen: „…die siebenbürgisch-sächsische Mundart der Großeltern; das leicht archaische Neuhochdeutsch der Eltern; das Rumänisch der Straße und der Behörden; ein bissel Ungarisch; primitives Lagerrussisch; Reste von Schullatein, Pharmagriechisch, Uni-Mittel- und Althochdeutsch; angelesenes Französisch, Englisch.“

Im Jahr 2004 besuchte Oskar Pastior zusammen mit Herta Müller die ehemaligen Arbeitslager in der heutigen Ukraine. Die Schriftstellerin plante eine Roman-Biographie über das Schicksal eines deportierten Rumäniendeutschen. Das Erlebte des Kollegen Pastior sollte als Grundlage dafür dienen. Dieser unterstützte das Vorhaben, erzählte Herta Müller viele Einzelheiten aus Lagerzeit und –leben. Er ist für sie einer der wenigen brauchbaren Zeugen und Quellen, „weil seine Erinnerung aus Winzigkeiten besteht, aus Details. Und genau das ist der Stoff für Literatur.“ Sie wollten das Buch gemeinsam schreiben, formulierten Sätze, die aus langen Gesprächen entstanden, arbeiteten zusammen an den einzelnen Kapiteln. Oskar hat alles mit einer mechanischen Schreibmaschine getippt und sich über die ständigen Änderungswünsche von Herta geärgert. „Ich wusste nicht, dass Prosa so schwer ist.“

Am 4. Oktober 2006, mitten in den Arbeiten am entstehenden Buch, starb der Mitverfasser Oskar Pastior überraschend. Zwei Wochen vor Verleihung des Büchnerpreises der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung; er war gerade in Frankfurt eingetroffen, um die Buchmesse zu besuchen.

„Doch wer, wenn der Schnee schmilzt,

wird dort finden, was übrigblieb von uns beiden,

und den rissigen Findelstein

aufnehmen bei sich?“

Seine Stimme lebt in den Hörbüchern fort, die er selbst eingesprochen hat. Sie stellen ein ideales Medium für die vielfarbigen, ausdrucksstarken Sprachwerke eines einmaligen Dichters dar. Der österreichische Kollege Ernst Jandl brachte es auf den Punkt als er ihm folgenden Vers widmete: „oskar passt zu pastior / pastior paßt zu oskar“. Die schwerste Zeit seines Lebens, die Jahre größter Not und Verelendung, sind aufgehoben in dem Roman „Atemschaukel“ von Herta Müller. „Ich wollte eine Beschädigung deutlich machen, und ich musste Situationen zeigen, die das Trauma verursacht haben.“ Im Dezember wird Herta Müller in Stockholm den Nobelpreis für Literatur entgegennehmen. Oskar Pastior wird sie begleiten.

Pastior, Oskar: durch – und zurück. Gedichte. Mit einem Nachwort von Michael Lentz. – Fischer Taschenbuch Verlag, 2007. Euro 9.95

Pastior, Oskar: Das Unding an sich. Frankfurter Vorlesungen. – Suhrkamp, 2006. Euro 7,50

Bei Hanser ist in den letzten Jahren eine vierbändige Werkausgabe erschienen.

Müller, Herta: Atemschaukel. Roman. – Hanser, 2009. Euro 19,90