Sigrid Damm, Goethe und die Frau von Stein

“Sigrid Damm befreit Geschichte und Geschichten nach gründlicher Recherche vom Aktenstaub, holt sie in zeitgemäßer Sprache in die Gegenwart und lässt den Leser teilhaben an ihren Gedanken und Überlegungen.” (Thüringische Landeszeitung, 7.12.2015)

Sie hat über Caroline Schlegel-Schelling, Friedrich Schiller und Jakob Michael Reinhold Lenz geschrieben. Über Goethe natürlich, den sie uns als Menschen schildert, mit sehr menschlichen Schwächen und Schattenseiten. Und über Frauen rund um Goethe: Die Schwester Cornelia, die Partnerin, Ehefrau und Mutter seiner Kinder – Christiane Vulpius. Sie ist in Gotha geboren und verbrachte dort die Schulzeit. Studium und Promotion in Jena. Akribisch recherchiert sie für ihre literaturhistorischen Veröffentlichungen, Archive und Bibliotheken sind ihr zweite Heimat. Auf unvergleichliche Weise versteht sie es, Forschungsergebnisse einem breiten Leserkreis verständlich und durchaus unterhaltsam nahezubringen.

Sie ist Ehrenbürgerin der Heimatstadt und wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet. Mit dem Thüringer Literaturpreis, dem Lion-Feuchtwanger-, dem Fontane-und dem Mörike-Preis. Sie lebt in Berlin und Mecklenburg und hin und wieder hält sie sich gerne im hohen Norden auf. Meine Sichtweise auf die Weimarer Klassik und die Denkmäler Goethe und Schiller hat sie entscheidend beeiflusst. (Nebenbei: Dass ich mich vor einiger Zeit aufführlicher mit den Werken Günter de Bruyns befasst habe, den wir in West- und Süddeutschland bedauerlicherweise kaum wahrnehmen, verdanke ich ihr.)

Am 7. Dezember wurde Sigrid Damm 75 Jahre alt. Wenige Wochen zuvor erschien ihr neuestes Buch. Wieder eine “Recherche” zu einer Frau, die in Weimar und für Goethe eine wichtige, in seinen ersten Weimarer Jahren prägende Rolle spielte: “Sommerregen der Liebe. Goethe und Frau von Stein.”

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“Ich muß dir’s sagen, du einzige unter den Weibern, die mir eine Liebe in’s Herz gab die mich glücklich macht… Ich liege zu deinen Füssen und küsse deine Hände.” (Aus einem Brief v. 23. Februar 1776)

Einmal mehr erfahren wir vom allzu menschlichen Goethe, dem Fehlbaren, Zweifelnden, manchmal Verzweifelten. Von einem jungen Heißsporn und liebenden Mann. Von seiner Seite ist es Liebe. Mit allem was dazugehört, wenn es nach ihm ginge. Seine Briefe lassen das unschwer erkennen. Er ist 27 Jahre alt und neu im Stab des Weimarer Kleinstaates. Sie ist 34, verheiratet, mehrfache Mutter. Konventionen, familiäre Verpflichtung und Selbstdisziplin sind stark genug. Sie widersteht dem Stürmer und Dränger. Wenn es bei ihm Liebe war, die Liebe eines jungen Mannes, die sich natürlich nach körperlicher Erfüllung sehnt, was hat die Umworbene empfunden? Was bedeutete ihr diese Beziehung? Sigrid Damm kann das nicht letztgültig beantworten. Doch sie versteht es auf die ihr eigene Art, sich in die beiden starken Persönlichkeiten einzufühlen.

“Liebste ich habe gestern Abend bemerckt dass ich nichts lieber sehe als Ihre Augen, und dass ich nicht lieber seyn mag als bey Ihnen.” (Aus einem Brief v. 3. August 1778)

media_38258836Man muss Schriftsteller oder Schriftstellerinnen deren Werke man verehrt nicht mögen, doch, beeindruckt vom literarischen Schaffen, würde man es vielleicht ganz gerne. Künstler sind jedoch in noch viel stärkerem Maße ambivalente Persönlichkeiten wie wir Schlichten. Dies am Beispiel Goethes zu zeigen ist eines der Ziele der Literaturhistorikerin Damm. Sie selbst schwankt dabei zwischen distanzierter Bewunderung und einem gewissen Widerwillen. An diesem Zwiespalt der Gefühle lässt sie ihre Leser teilhaben und vermittelt ein Goethebild das realistischer, schärfer und uns näher ist, als das der üblichen Klischee. Der zerrissene Künstler mit den mehr als zwei Seelen in seiner Brust, der Staatsmann ohne Überzeugung, der wilde Junge, der Scheue und Ängstliche, einen Mann, der von nichts so abhängig war, wie von den Frauen, die ihn auf Strecken seines Weges begleiteten.

“Kaum bin ich aufgestanden so mach’ ich schon Plane wie ich zu Ihnen kommen und den Tag bey Ihnen zubringen will… So lang das geht werde ich in meinem Schneegestöber aushalten, und schreiben und zeichnen, hernach komm ich und fahre mit Ihnen in’s Conzert. Adieu meine liebe Cometenbewohnerinn.” (Aus einem Brief v. 4. Februar 1781)

Im Mittelpunkt des Interesses stehen bei der Wissenschaftlerin und Autorin Damm die Frauen. Über und für Cornelia, Christiane und Charlotte schreibt die Weimar-Spezialistin. Sie weist auf die Bedeutung der Zeit hin, in der diese Personen lebten, die Prägung durch Herkunft, durch Milieus in denen sie aufwuchsen und zu leben hatten. Nicht zuletzt, aber nicht so vordergründung wie in konventioneller Geschichtsschreibung, geht es um die Männer, die so viel Einfluss auf ihre Lebensläufe hatten, von denen sie gesellschaftlich und wirtschaftlich abhängig waren. Doch die Frauen über die Damm schreibt sind keine bloßen Objekte, Anhängsel, Produkte einer männerdominierten Gesellschaft. Sie sind eigenständige, eigenwillige Charaktere. Belesen,  klug oder beides. Lebenserfahren, praktisch veranlagt, pragmatisch. Oft handeln sie gerade dann, wenn die Männer zurückziehen. Wie Goethe, der besonders gerne unangenehmen Situationen aus dem Weg ging.

Sigrid Damms Buch besteht aus drei Teilen. Einer längeren Einleitung, mit der Schilderung des Lebenswegs der Charlotte Albertine Ernestine Freifrau von Stein, geborene von Schardt. Eine Auswahl der Briefe Goethes an Charlotte; Gegenbriefe sind leider nicht überliefert, der größte Teil wurde auf Wunsch Frau von Steins vernichtet. Sowie einer ausführlichen Interpretation der außergewöhnlichen Beziehung und ihres Umfeldes. Zum besseren Verständnis der Briefe dienen die Anmerkungen im Anhang. Personenregister und Literaturverzeichnis ergänzen eine sorgfältige Edition.

Damm, Sigrid: Sommerregen der Liebe. Goethe und Frau von Stein. – Insel Verlag, 2015. Euro 22,95

“… es wird nicht weniger mit den Jahren.” *)

Nachträge zu Sigrid Damm

Von der Lektüre Sigrid Damms “Wohin mit mir” gingen zahlreiche und reizvolle Anregungen zum Weiterdenken und zu weiterer Beschäftigung mit der Autorin und ihrem Umfeld aus. Wenn ich heute ein kleines Zwischen-Fazit ziehe: Ich habe mit Sigrid Damm nicht nur eine lesenswerte Schriftstellerin, nicht nur eine kenntnisreiche Literaturwissenschaftlerin, sondern vor allem auch eine Persönlichkeit kennengelernt, die mit sanfter Überzeugungskraft differenzierte Alternativen zu gängigen Klischees anbietet. Einige Eindrücke möchte ich hier in Ergänzung meines Beitrags über “Wohin mit mir” widergeben. Dabei ist mehr ein offenes Nachdenken, als ein in sich geschlossener Aufsatz entstanden.

Blick auf Gotha in Thüringen (Foto: Marcel Müller).

Persönliches

Der bisher einzige Aufenthalt im thüringischen Gotha ist mir nicht in allerbester Erinnerung. Ein schlechtes Hotelzimmer, ein etwas angegammeltes Bett, das Pendeln nach Erfurt zu einem mittelmäßigen Kongress meines Berufstandes. Sigrid Damm wurde 1940 in Gotha geboren. Was sie über die Stadt ihrer Kindheit und Jugend an verschiedenen Stellen liebevoll und detailgetreu beschreibt, habe ich damals nicht wahrgenommen. Andere Städte, die in  Lebenslauf und Werk der Autorin eine wichtige Rolle spielen, sind mir näher: Die Goethe-Stadt Ilmenau und die eigenen Kindheitsjahre dort; Weimar, als Klassiker-Zentrum und für uns Deutsche zentraler Geschichts-Begriff; Saalfeld mit seinem zu DDR-Zeiten wichtigen Umsteigebahnhof – von hier ging es über holpriges Kopfsteinplaster in langsamer Fahrt mit Wartburg oder Trabant weiter zu den Dörfer und Städtchen am Thüringer Wald – ; Jena, mit seiner Universität, an der im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert so viele Geistesgrößen Station machten.

Nach Studium, Promotion, Familienzeit und teilweise frustriender Arbeit in den begrenzten Spielräumen des DDR-Regimes, scherte Sigrid Damm aus. Machte sich unter großen materiellen Einschränkungen selbständig und unabhängig – persönlich und beruflich. Es ist aus heutiger Sicht erstaunlich, wie weit sie dabei innerhalb der ideologischen und staatlichen Grenzen des zweiten Deutschland gehen konnte. Die skeptischen Wächter des “kleinen Landes” ließen sie dabei jedoch nie aus den Augen. In Interviews und Gesprächen, versammelt u. a. in “Einmal nur blick ich zurück. Auskünfte”, wird auch das angesprochen. Ebenso wie der Weg Sigrid Damms zum Schreiben, ihr Selbstverständnis als Schriftstellerin.

Goethe-Spuren in Ilmenau

Für Sigrid Damm hängt Erzählen, der Erzählstil von den Orten ab. (Eine Sichtweise, die auch diesem Blog zugrunde liegt.) Sie erkundet ihren Stoff “mit den Füßen”, muss die Örtlichkeiten, an denen stattfand worüber sie schreibt, kennenlernen, erlaufen, erfahren. Dabei hilft die bis ins Alter nicht versiegende Wander- und Erkundungslust. Ebenso groß ist die Leidenschaft für den Aufenthalt und die Forschung in Archiven und Bibliotheken, wo manches zu Tage befördert wird, das von der Großforschung übersehen wurde. Bert Brecht gehört zu jenen, die zu Orientierung und Justierung der Werteskala beitrugen: “Man versteht nichts von der Literatur, wenn man nur die ganz Großen gelten läßt … Einige versagen in der Kunst des Speichelleckens, welche von einigen der Größten meisterhaft beherrscht wurde.”

Die „Auskünfte” sind ein aufschlussreiches und spannendes Buch. Wir erfahren nicht nur viel über Sigrid Damm, sondern auch über die geschichtlich für Deutschland so besonders bedeutsamen und ereignisreichen reichlich sieben Jahrzehnte ihres bisherigen Lebens. Auf über 400 Seiten, in Gesprächen und Interviews, Würdigungen, Dankreden und Essays. Die meisten der zahlreichen hoch interessanten Schwarz-Weiß-Foto wurden hier erstmals veröffentlicht. Sie zeigen Sigrid Damm mit Weggefährten und -gefährtinnen, mit ihren Söhnen, vor Tischbeins berühmten Goethe-Bild, bei Lesungen und Ehrungen, sowie mit zahlreichen Persönlichkeiten des literarischen Lebens im 20. Jahrhunderts: Christoph Hein und Helga Schütz, Eva Strittmatter, Peter Bichsel und Durs Grünbein, dem großen Insel- und Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld.

1989 und die Folgen

“Der gesellschaftliche Fortschritt läßt sich exakt messen an der gesellschaftlichen Stellung des schönen Geschlechts (die häßlichen eingeschlossen).” Sigrid Damm, die fast 50 Jahre ihres Lebens in der DDR verbrachte, zitiert bewusst diese markante Aussage des Philosophen, Historikers und Gesellschaftkritikers Karl Marx. Worte, die sich eigentlich auf die Verhältnisse im 19. Jahrhundert beziehen, haben auch heute noch eine erstaunliche Aktualität. Nicht nur Sigrid Damm ist der Meinung, dass sich nach der Wende die gesellschaftliche Stellung “des schönen Geschlechts” im neuen Groß-Deutschland nicht unbedingt zu dessen Vorteil entwickelt hat.

Damm schreibt ebenso schöngeistig wie handfest über Literaten vergangener Jahrhunderte, und sie hat sich ihre Gedanken über die jüngsten politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen gemacht. Wie Ingo Schulze, dem ich viel Nachdenkliches in diese Richtung verdanke, und dessen Essays und Reden in diesem Zusammenhang sehr zu empfehlen sind, bedauert Sigrid Damm die Freisetzung eines hemmungslosen Kapitalismus nach dem Ende des totalitären zweiten deutschen Staates. Ein begründungsbefreiter Kapitalismus, der den Sieg der Systeme für sich beansprucht und keine Zweifel an seiner globalen Legitimation mehr zulässt. Nicht nur die DDR wurde abgeschafft, sondern auch die bis dahin existierende, im wesentlich noch von einer sozialen Marktwirtschaft geprägte BRD.

“Wehe dem Sieger!” heißt ein Buch der Publizistin Daniela Dahn, in dem diese Entwicklungen analysiert und veranschaulicht werden. Haben wir uns nicht an bestimmte Schlagworte, an uns täglich begegnende Sprachhülsen gewöhnt, glauben wir nicht längst zu wissen, was sie definieren, ohne noch nach deren ursprünglichen Bedeutungszusammenhängen zu fragen? DDR, Wende, Wiedervereinigung, Beitritt, Kapitalismus, Sozialismus, Globalisierung, Markt vs. Marx, links, rechts, oben und unten – es ist doch so einfach! Tatsächlich sind dies überstrapazierte, von allzu viel, manchmal passender, jedoch meist unpassender Verwendung zu Allgemeingut geronnene Floskeln, von denen jeder zu wissen meint, was sie aussagen, die jedoch weder in der Theorie, noch in irgendeiner empirischen Realität wirklich belastbar sind. So stehen sie dem Verstehen von Geschichte und Gegenwart, dem Entwickeln zukunftsfähiger Vorstellungen, klotzig und scheinbar unverrückbar im Wege.

Freiheit statt Kommunismus lautet die bewährte, breit akzeptierte Formel. Im Namen der Freiheit hat der Kapitalismus sich selbst weltweite Narrenfreiheit gewährt. Für Ausbeutung, Unterdrückung, Kriege. Doch Freiheit geht nur ohne Hunger. Freiheit geht nur mit Bildung. Freiheit geht nicht – hier lässt Rosa Luxemburg grüßen – auf Kosten anderer. Die Freiheit die “wir” meinen, die Auswüchse eines ungezügelten, demokratisch kaum noch legitimierten und kontrollierten Kapitalismus beraubt den größten Teil der Bewohner dieses Planeten ihrer fundamentalen Menschenrechte.

Goethe- und Schiller-Denkmal vor dem Nationaltheater in Weimar

Goethe

Wer Kinderjahre in Ilmenau verbrachte, dem ist Goethe fast so vertraut wie ein Zeitgenosse. Hier führen auch heute noch alle Wege zu Goethe. Später in der Schule, im Deutsch-Unterricht, war ich deshalb für sein Werk etwas aufgeschlossener als die meisten meiner Mitschüler. “Faust” hat mich von anfang an besonders interessiert und fasziniert. Ich war 14 oder 15 als unser Jahrgang die Verfilmung von und mit Gründgens zu sehen bekam. Später bin ich dem Werk auch öfters in Bühnenfassungen begegnet. Und die weitergedachte Version von Thomas Mann wurde für mich zu einem der wichtigsten Leseerlebnisse. Auch noch in jungen Jahren und sehr identifikationsträchtig: Werther. In der Reihenfolge Plenzdorf-Buch, Plenzdorf-Film, Goethe.

Etwas älter musste ich werden um “Wilhelm Meister” und “Wahlverwandtschaften” zu verstehen; beide gehören bis heute nicht zu meinen Lieblingsbüchern. Am liebsten habe ich immer über diesen Oberdichter gelesen, der an so vielen Stellen in unserem Land als Denkmal und idealisiertes Bildnis zu sehen ist.

Sigrid Damm musste Goethe vom Sockel holen, um sich mit ihm auseinandersetzen zu können, um schließlich über ihn und sein Umfeld schreiben zu können. “Ich hätte in DDR-Zeiten niemals über Goethe schreiben können. Weil er ja Staatsdichter war, der, von Widersprüchen gereinigt, auf dem Podest stand.” Aber zu Goethe gehörte eben auch ein Jakob Michael Reinhold Lenz, mit dem sich Sigrid Damm als Herausgeberin und in einem umfangreichen biographischen Erzählwerk intensiv beschäftigt hat. Goethes beschämender Umgang mit dem Dichter-Kollegen. Goethe, der den Freund fallen lässt, ihm den Aufenthalt in Weimar verwehrt. Damm begründet ihre Sichtweise wieder mit Brecht: “… daß ein großes Werk immer auch bezahlt wird mit Verletzungen von Menschlichkeit sich selbst und anderen gegenüber.”

Sigrid Damm hat um Goethe herum geforscht, erzählt und geschrieben. Über den armen Lenz, die Schwester Cornelia, die Lebensgefährtin Christiane, den Konkurrenten und späteren Freund Friedrich Schiller, die von Goethe (nicht ganz offen) bewunderte Caroline Schelling. Und erst danach über Goethe selbst. Erst die neueren Bücher handeln schließlich auch von ihm als Hauptgegenstand: “Goethes letzte Reise.” “Goethe im Berg”.

Franz Fühmann, Alfred Wellm, Volker Braun und Erich Fried (v.l.n.r.), 1981. (Bundesarchiv: 193-Z1229-303, Foto: Gabriele Senft)

Literatur

Der Damm-Lektüre verdanke ich sehr viele Lese-Anstöße, wichtige Verweise auf mir weniger bekannte und neu zu entdeckende Bücher und Autoren. Nur einige kann ich hier kurz erwähnen. Zu allererst natürlich die biographischen Erzählungen. Ein Genre, dass auch das Werk Sigrid Damms prägt. Erinnert wurde ich zum Beispiel an das wunderbare Jean Paul Richter Buch von Günter DeBruyn, das ich vor Jahren angelesen und bis heute noch immer nicht vollständig gelesen habe. Das Keller-Buch von Adolf Muschg kannte ich noch gar nicht. Umso vertrauter war ich mit den biographisch fundierten Romanen Peter Härtlings. Von dessen “Hölderlin” war Sigrid Damm besonders beeindruckt. Er wurde sicher ein Stück weit zum Maßstab für das eigene Schaffen.

Über Damm stieß ich auf die Gedichte von Angela Krauß, aus denen das Zitat im Titel dieses Beitrags stammt. Mit Krauß ist Sigrid Damm ebenso befreundet, wie mit der bereits erwähnten Daniela Dahn, und wie sie es mit der inzwischen verstorbenen Eva Strittmatter war, der Frau des großen norddeutschen Epikers Erwin Strittmatter (“Der Laden”), der im Westen kaum wahrgenommen wurde. Zu ihren Freunden zählt sie auch Markus Werner, den Schweizer Erzähler mit dem besonderen Ton und die norwegische Doppelbegabung Ketil Björnstad, der sowohl als Romancier, wie als Komponist hervorgetreten ist, und den ich unbedingt demnächst mit beiden Kunstformen kennenlernen möchte.

Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Jürgen Teller (1926 – 1999) wurde nie so bekannt, wie der umtriebige, in die damalige Bundesrepublik ausgewanderte und lange Jahre in Tübingen lehrende Hans Mayer. Beide waren Schüler Ernst Blochs an der Universität Leipzig, der, nach dem Krieg aus amerikanischem Asyl zurückgekehrt, 1956 wegen seiner philosophischen Freiheitsvorstellungen zwangsemeritiert wurde und 1961 die DDR verließ. Teller, der sich wie Mayer für Bloch eingesetzt hatte, aber im Land bleiben wollte, wurde von der Universität entlassen und musste einige Zeit in einem Stahlwerk arbeiten. Dort verlor der Kriegsgeschädigte bei einem Arbeitsunfall den linken Arm. Jürgen Teller war ein großer und ausdauernder Briefeschreiber. Mit Sigrid Damm verband ihn eine langjährige Freundschaft. Dokumentiert u. a. in zahlreichen gefühlvollen, anspielungsreichen Briefen an seine “Schwester im Geiste”.

Eine ganz besondere Rolle nahm auch Franz Fühmann, den wir vor allem als Nacherzähler klassischer Stoffe und als Kinder- und Jugendbuch-Autor kennen, in Sigrid Damms Leben ein. Erster Kontakt entstand über einen der Söhne, der sich im Kindesalter mit einer Frage an den zu der Zeit sehr populären Autor wandte. Fühmann war bekannt dafür, dass er nahezu jede Zuschrift seiner jungen Leser und Leserinnen persönlich beantwortete. Etwas später schrieb er für das Marionetten-Theater, das die Damm-Söhne konstruiert und gebaut hatten, und nun intensiv bespielten, ein eigenes Stück. Daraus entstand jahrelange Freundschaft auch zur Mutter und Schriftsteller-Kollegin, die mit dem zu frühen Tod dieses besessenen Arbeiters, rastlosen Grüblers und Zweiflers, der sich an den Realitäten aufgerieben hatte, im Juli 1984 endete.

Meine Ausführungen beziehen sich u. a. auf folgende Bücher und Texte:

Damm, Sigrid: “Einmal nur blick ich zurück”. Auskünfte. – Berlin : Insel, 2010
Damm, Sigrid: Ich bin nicht Ottilie. Roman. – Insel und Suhrkamp; versch. Jahre, versch. Ausgaben
Damm, Sigrid: Atemzüge. Essays. – Leipzig : Insel, 1999
Teller, Jürgen: Briefe an Freunde. – Leipzig : Insel, 2007
Dahn, Daniela: Wehe dem Sieger! Ohne Osten kein Westen. – Reinbek : Rowohlt, 2009
Schulze, Ingo: Was wollen wir? Essays, Reden, Skizzen. – Berlin : Berlin Verlag
Schulze, Ingo: Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte. – Rede, die Ingo Schulze am 26. Februar im Rahmen der Dresdner Reden 2012 im Dresdner Schauspielhaus gehalten hat.

*) Aus: “Ich muß mein Herz üben” (Krauß, Angela: Ich muß mein Herz üben. Gedichte. – Insel, 2009)

Wohin mit mir

Sigrid Damm und ihr neues Buch

„Gott, gehen Sie mir doch mit Italien…! Italien ist mir bis zur Verachtung gleichgültig! Das ist lange her, daß ich mir einbildete, dorthin zu gehören. Kunst, nicht wahr? Sammetblauer Himmel, heißer Wein und süße Sinnlichkeit … Kurzum, ich mag das nicht. Ich verzichte. Die ganze bellezza macht mich nervös.“

In ihrem neuen Buch schreibt Sigrid Damm über einen Rom-Aufenthalt in der zweiten Hälfte des Jahres 1999. Zu Beginn dieser italienischen Monate hat sie sich dort so gefühlt, wie es die hier zitierten Sätze ausdrücken. Thomas Mann lässt sie Tonio Kröger, die Hauptfigur der gleichnamigen Novelle, an eine berfreundete Malerin in München richten, bevor er zu einer etwas merkwürdigen Reise nach Dänemark aufbricht. Sigrid Damm machte sich im Sommer 1999 in umgekehrter Richtung auf den Weg. Von Nordschweden, der Stille Lapplands, über Berlin ins brodelnde, laute und heiße Rom. Wie vor ihr Thomas Mann, ist sie dem Italien-Taumel nicht erlegen.

Sigrid Damm hat den größten Teil ihres Lebens in der ehemaligen DDR verbracht. 1942 wurde sie im thüringischen Gotha geboren. Dass Goethe zu einem Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen und publizistischen Arbeit werden würde, lag also sozusagen in unmittelbarer geographischer Nähe. Sie studierte zunächst Pädagogik, doch bald schon Germanistik und Geschichte. Sie forschte in Jena, heiratete, zog mit ihrem Mann nach Berlin, bekam zwei Söhne. Promoviert hat sie 1970 über „Probleme der Menschengestaltung im Drama Hauptmanns, Hofmannsthals und Wedekinds.“

Schließlich arbeitete sie in der “Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur” der DDR. Mit der geplanten alternativen Politik- und Gesellschaftsform des anderen deutschen Staates verband sie einige Hoffnungen. Doch nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns und nach der Verhaftung des System-Kritikers Rudolf Bahro gab sie ihrem Leben eine Wende. Sie kündigte ihre Stelle im Ministerium, trennte sich von ihrem Mann, der als Funktionär tätig war, und wurde mit 38 Jahren freie Publizistin. Im Leipziger Insel-Verlag gab sie eine dreibändige Werkausgabe von Jakob Michael Reinhard Lenz heraus. Bald darauf erschien ihre erste erzählende Biographie über diesen Schriftsteller: “Vögel, die verkünden Land.” Der eigene Stil, die eigene Sprache waren gefunden und bald auch ein stetig wachsendes Lese-Publikum.

Sigrid Damm ist heute eine schöne ältere Frau mit einer beeindruckenden geistigen Ausstrahlung. Der norwegische Komponist und Schriftsteller Ketil Björnstad, mit dem sie befreundet ist, hat sie einst darauf angesprochen, dass sie der großen Schauspielerin Liv Ullmann ähnlich sieht. „Unsere kleine Liv“, hat sie deshalb der mecklenburgische Kollege Erwin Strittmater genannt.

Leider hatte ich auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse die Gelegenheiten ausgelassen, Sigrid Damm bei der Vorstellung ihres neuesten Werkes persönlich zu erleben. Mit großer Begeisterung las ich vor einigen Jahren ihren Bestseller „Christiane und Goethe“; eine für mich nachhaltige Lektüre, weil sie eine längere Phase der Beschäftigung mit Goethe und seinem Werk nach sich zog. Später folgte das 2007 erschienene „Goethes letzte Reise“; eine Reise die den greisen Dichter an seinem letzten Geburtstag nach Ilmenau führte. Das Buch war also für jemanden dessen Familie aus diesem Thüringerwald-Städtchen stammt eine naheliegende Leküre. Aber ich war enttäuscht. Es war mir zuviel Resteverwertung, allzuviel Bekanntes wurde wiederholt und zu ausführlich zitiert.

Deshalb stand eigentlich zunächst einmal Damm nicht mehr auf dem Lesezettel. Letzten Monat entdeckte ich dann „Wohin mit mir“ unter den Neu-Erwerbungen meiner Bibliothek. Wie es so geht. Ich wollte nur kurz anlesen – und kam nicht mehr los. Was mich zuerst anzog war die von mir schon immer als spannungsvoll empfundene Nord-Süd-Thematik (s. oben). Sie spielt in Damms neuem Werk eine zentrale Rolle. Sigrid Damm lebte Ende der 1990er-Jahre einige Zeit in der Einsamkeit und inmitten der karg-spektakulären Natur Lapplands. “Christiane und Goethe” hat sie hier geschrieben. Mit sich und ihrer Arbeit war sie im Einklang, als ihr das sechsmonatige Stipendium in der „Casa di Goethe“ zugedacht wurde. Die Veränderung ist ihr nicht leicht gefallen.

“Wohin mit mir” ist ein sehr persönliches Buch, auch eine Art Lebensbilanz. Es beginnt mit einer stimmungsvollen Schilderung des nordischen Frühlingseinbruchs, der dem unvermeidlichen Aufbruch der Schriftstellerin vorausgeht. Unmittelbar darauf folgt eine Passage in der sie deutliche Kritik am damaligen Jugoslawienkrieg und der Rolle des Westens, insbesondere die der deutschen Politik, übt. Solche Stellungnahmen sind bei ihr, die sich ganz der Literatur und ihren Persönlichkeiten verbunden fühlt, selten, dafür umso eindrucks- und wirkungsvoller bei ihren Lesern. Es folgt die lange Fahrt von Berlin in den Süden. Im Auto des Sohnes durchfährt sie zum ersten Mal in ihrem Leben die Alpen. Sie ist fast 60 Jahre alt. Ihr Verleger Siegfried Unseld, der sich viel und gerne in Italien aufhielt, ist darüber erstaunt. Eine Reaktion die viele Menschen aus der ehemaligen DDR kennenlernen konnten. Und Sigrid Damm wundert sich ihrerseits: „Wenn ich von den hellen Nächten in Leningrad, von Moskau, vom Balaton oder vom Schwarzen Meer erzählte: Schweigen. War das nicht auch die Welt?“

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Der Bildungsreisende Johann Wolfgang Goethe auf dem bekannten Gemälde von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, entstanden 1787.

Das Buch ist in Tagebuchform geschrieben und chronologisch gegliedert. Kalendertage bilden die Kapitel. Sigrid Damm hat über Lenz geschrieben, über Cornelia, Christiane und Wolfgang Goethe; sie schilderte ihren Weg mit Schiller; diesesmal schreibt sie zunächst einmal über sich. Die Eintragungen zu den Tagen beginnen mit kurzen Schilderungen des Tagesablaufs, um dann zu Erinnerungen und Impressionen aus der Vergangenheit der Autorin abzuschweifen. In diesen Rückblenden begleiten wir sie auf den wichtigsten Stationen ihres Lebens, treffen mit ihr interessante, bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten, Dichterfreunde, Künstler-Bekanntschaften.

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden“, sagte Sigrid Damm in einem Gespräch mit Radio Bremen. Mit offenen Blick auf sich selbst, schreibt sie über ihr Leben, ihre Vorstellungen, ihre Selbstzweifel. Die „Wiedergeburt“, die Goethe in Rom erfahren haben will, erlebt Sigrid Damm dabei nicht. Zu negativ waren die ersten starken Eindrücke vor Ort. Lästig bis unerträglich der Lärm rund um die Uhr, das heftige Temperament der Menschen, feiernde Fußball-Anhänger mitten in der Nacht, lüsterne Männer, die ihre Triebe nicht im Griff haben, die enge, unpraktische, heiße Unterkunft, Belästigungen durch den Museumsbetrieb in der “Casa”.

Mit der Zeit weicht dann die anfängliche Skepsis. „Das Geschenk Rom. Ich habe das Gefühl an den Schnüren der Geschenkverpackung zu ziehen und sie langsam zu lösen.“ Sie nutzt die Zeit für ausführliche kunsthistorische Streifzüge, lernt Menschen kennen, besucht die Goethe-Orte, beschäftigt sich mit dem traurigen Schicksal der früh gestorbenen, außergewöhnlichen Ingeborg Bachmann, die lange in Rom gelebt hat, schildert eine Begegnung mit deren ehemaligen Gefährten, dem Komponisten Hans Werner Henze. Sie besucht das Grab der Bachmann, die Gräber des Goethe-Sohns August und des schwäbischen Dichters Wilhelm Waiblinger. Sie macht Abstecher nach Neapel, für einige Tage sucht sie Erholung in einem kleinen Ort an der Küste, macht einen Besuch bei Bekannten in Mailand, ist zum 75. Geburtstag von Siegfried Unseld, der in Venedig groß gefeiert wird, eingeladen, wo sie viele Kolleginnen und Kollegen trifft, die in den Verlagen Suhrkamp und Insel ihre verlegerische Heimat gefunden haben.

Sehr interessant sind auch die Einblicke, die Sigrid Damm immer wieder in ihre Schreibprozesse gewährt. In Lappland hatte sie über Weimar geschrieben. Jetzt in der engen, heißen „Casa di Goethe“ arbeitet sie an einem Buch über die nordische Weite. Ein Bild- und Textband, der zusammen mit den Söhnen entsteht. „Ich bin bei mir“, heißt es dann. Oder die Blicke hinter die Kulissen des Verlagsgeschäfts. Der ständige Spagat zwischen Anspruch und Vermarktung.

Als sich „Christiane und Goethe“ im Laufe des Jahres 1999 zum Verkaufserfolg entwickelt – der Titel stand mehrere Wochen auf Platz eins der SPIEGEL-Bestseller-Liste – wachsen die Ansprüche an und die Herausforderungen für die Autorin. Im Herbst kommt sogar eine Anfrage ob denn Frau Damm bereit wäre an der ZDF-Sendung „Wetten dass?“ teilzunehmen. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie so ein Gespräch zwischen dem oberflächlich flapsigen Strahlemann Gottschalk und der sensiblen Wissenschaftlerin und ausdrucksstarken Publizistin verlaufen wäre! Sigrid Damm sagt entgegen der Vorstellung des Verlages die Teilnahme ab. Auch viele Interview-Anfragen und Wünsche nach Lesungen werden negativ beschieden.

Der Rom-Aufenthalt endet mit dem „Jahrtausendwechsel“. Ein Abschied zwischen ausufernden Feierlichkeiten und den damals weit verbreiteten Untergangs-Szenarien. „Der Süden ist in mir. Ich kann ihn nach Norden mitnehmen“, heißt es am Ende des italienischen Halbjahres.

Das Buch, das ein Jahrzehnt später daraus entstand,  vermittelt dem Leser viele Beschäftigungs-, Besichtigungs- und Lektüre-Anregungen. Manchmal war es mir etwas zu viel Kunstgeschichte, zu viele Namen von Straßen und Plätzen, Parks, Museen, archäologischen Fundorten. „Ich könnte vor Glück auf dem Kopf laufen“ notiert Sigrid Damm einmal nach einem besonderen Kunst-Erlebnis. Mir haben es mehr die Passagen über Goethe – Vater und Sohn August –, über Dichter und Dichterinnen, die sich in Rom aufhielten, angetan. Anderen Lesern mag es gerade anders herum gehen. Wie auch immer. Vielleicht ist es nicht ganz schlecht, wenn man bei der Lektüre einen guten Reiseführer und einen Stadtplan der Heiligen Stadt neben sich hat. Sollte man selbst in nächster Zeit nach Rom reisen, ist der Kunst- und Literaturinteressierte wiederum gut beraten, wenn er Sigrid Damms „Wohin mit mir“ in den Koffer legt.

Damm, Sigrid: Wohin mit mir. – Insel, 2012. Euro 22.95