Warum das Eierhäuschen kein Adler ist.

„… der rote Bau da, der zwischen den Pappelweiden mit Turm und Erker sichtbar wird, das ist das Eierhäuschen.“ (Theodor Fontane: Der Stechlin)

Vor einiger Zeit habe ich über das unklare Schicksal des Gasthofs „Adler“ im oberschwäbischen Isny-Großholzleute berichtet. Eine Lokalität in der einst die Gruppe 47 tagte und Günter Grass erstmals aus der Blechtrommel las. Das Haus ist inzwischen seit mehreren Jahren ungenutzt und dem langsam zunehmenden Zerfall ausgesetzt. Besser ergeht es da einem anderen interessanten Gebäude von einiger literaturhistorischer Bedeutung.

Dabei hat dieses preußische Original einen eher kurzen Auftritt in Theodor Fontanes Roman „Der Stechlin“. Darin unternimmt eine muntere Gruppe rund um den jungen Offizier Woldemar von Stechlin einen heiter animierten Halbtagesausflug („Abfahrt vier Uhr, Jannowitzerbrücke“) zu einer Einkehr namens „Eierhäuschen“. Mit einem Flussdampfer geht es in das südöstlich von Berlins heutiger Mitte, damals noch außerhalb der Stadt gelegene Treptow.

Die aus Berliner Städtern, brandenburgischem Landadel, zu gleichen Teilen aus Männern und Frauen bestehende Gesellschaft kommt an, verlässt das Schiff, macht einen kleinen Spaziergang, kehrt in dem beliebten Ausflugslokal ein, stärkt sich mit „Wiener Würstl“ und „Löwenbräu“. Nach Einbruch der Dunkelheit geht es mit dem Schiff wieder zurück, unterwegs kommt man in den Genuss eines brillanten abendlichen Feuerwerks.

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Das Eierhäuschen auf einer alten Postkarte zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Wie immer bei Fontane bilden sich wechselnde Paare und personelle Konstellationen, es wird lebhaft Konversation gemacht, sehr andeutungsweise geflirtet, etwas preußische Politik verhandelt. Der Autor legt keinen Wert auf äußerliches Spektakel, begleitet vielmehr seine Figuren mit sanfter Ironie und hintergründigem Humor, der Leser nimmt etwas Zeitgeist mit und genießt den typischen Erzählstil dieses großen Meisters des realistischen Romans.

1837 wurde das Gasthaus als Kneipe für die Schiffer auf Spree, Dahme und Müggelsee eröffnet. Der Wirt verkaufte an der Anlegestelle als Nebenerwerb Eier, so entstand der originelle Name. Im 19. Jahrhundert brannte die Liegenschaft zweimal ab, bevor das Gebäude 1891 im heutigen Stil wieder aufgebaut wurde.

Selbst zu DDR Zeiten wurde es restauriert und einigermaßen in Stand gehalten. Das „Eierhäuschen“ wurde Teil des Volkseigenen Betriebes (VEB) „Kulturpark Plänterwald“. Nach der Wende ging es zunächst in Privatbesitz über und bereits 1991 mit dem zugehörigen Freizeitgelände in Insolvenz. Gelände und Gebäude wurden über 20 Jahre sich selbst und dem zerstörerischen Zahn der Zeit überlassen, bis im März 2014 der Berliner Senat das Grundstück für zwei Millionen Euro erwarb und damit auch in den Besitz des brachliegenden Vergnügungspark und des „Eierhäuschen“ kam.

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Das stark sanierungsbedürftige Anwesen im Jahr 2012

Die Erwähnung des Anwesens in einem Roman von Theodor Fontane wird wohl nicht der einzige Auslöser sein, dass voraussichtlich bereits in diesem Jahr mit der Sanierung begonnen werden kann. Sicher spielte die Möglichkeit eine attraktive Naherholungsmöglichkeit für die Berliner Bevölkerung zu schaffen eine wichtige Rolle. Dafür muss vermutlich ein zweistelliger Millionenbetrag aufgebracht werden. Die Finanzierung erfolgt über einen Investitionsfonds des Landes Berlin. „Naturbezogen und grün geprägt“ Gasthaus und Gelände „als bedeutenden Anziehungspunkt für Erholungssuchende“ zu reaktivieren, haben der Senat des Stadtstaates und der Bezirk Treptow-Köpenick als Ziel ausgegeben. Auch eine Anlegestelle soll es wieder geben, damit die Ausflügler wie zu Fontanes Zeiten mit Schiff von der Flussseite eintreffen können.

Verbunden damit ist die Hoffnung, dass, wie zu Fontanes Zeiten, zahlreiche Gäste kommen, um sich an den „dicht zusammengerückten Tischen niederzulassen, eine Laube von Baumkronen über sich,“ wie es im „Stechlin“ heißt. Doch bis den neu zu pflanzenden jungen Bäumen große Kronen gewachsen sind, wird einiges Wasser die Spree hinab fließen. Immerhin: Ist die Geldnot noch so groß, in Berlin tut sich offensichtlich immer wieder rechtzeitig ein Töpfchen oder gar ein Topf auf aus dem man schöpfen kann.

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Der Gasthof Adler in Isny-Großholzleute im Jahr 2014

Was dem chronisch klammen Berlin mit viel Finanzierungs-Kreativität zu gelingen scheint, ist im vergleichsweise pekuniär gut aufgestellten südöstlichen Baden-Württemberg bisher nicht möglich. Schwäbisch-skeptische Zurückhaltung beim Geldausgeben und seriöse Kämmerer der verantwortlichen Gebietskörperschaften haben eine ähnliche Vorgehensweise für den sehr viel älteren „Adler“ verhindert. Dessen Geschichte reicht immerhin bis zu den Bauernkriegen zurück. Die dringende Erhaltungs-Sanierung oder ein neues Nutzungskonzept sind derzeit nicht in Sicht. Verhandlungen der Stadt Isny, des Landkreises Ravensburg und des zuständigen Regierungsbezirks Tübingen mit potentiellen Investoren blieben ohne Ergebnis.

Ein Engagement der öffentlichen Hand wurde zunächst nicht ernsthaft erwogen. Doch darüber wird jetzt möglicherweise neu nachgedacht, wie in einem Bericht der „Schwäbischen Zeitung“ vom 23. Januar diesen Jahres zu erfahren war. Die Rede ist nun auch im Westallgäu von Fördertöpfen, etwa jenen des Denkmalschutzes. Dazu sollen zunächst einmal die genauen Investitionskosten ermittelt werden; man geht von einem „niedrigen einstelligen Millionenbetrag“ aus. Und einen weiteren Trumpf glauben die Verantwortlichen noch im Ärmel zu haben. Nämlich „zu gegebener Zeit auf Schriftsteller Grass zuzugehen, um mit ihm als Zugpferd weitere finanzielle Unterstützer zu finden.“ Interessanterweise sind wohl die Zeiten endgültig vorbei, in denen das gesellschaftliche Engagement des Literatur-Nobelpreisträgers weit weniger geschätzt wurde.

Leipziger Begegnungen 2012

Von Menschen und Büchern rund um die Stadt, ihre Buchmesse und “Leipzig liest” – Der zweite Teil

Werbeblock. Zugegeben, Werbung kann bis zum Brechreiz nerven. (“For you. Vor Ort.”) Sie kann niveau- und geschmacklos sein. Penetrant. An falscher Stelle und zur falschen Zeit. Sie kann echte Gerbersauer Miefigkeit verbreiten. Aber sie kann auch ganz anders. Werbung kann von weltläufiger Urbanität sein, intelligent (“Quadratisch. Praktisch. Gut.”), charmant, witzig, ästhetisch. Gute Werbung hat, was gute Literatur und gute Kunst auch haben: Geist, Geschmack, Ironiefähigkeit.

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Die im Volksmund als Löffelfamilie bekannte Leuchtreklame des VEB Feinkost Leipzig wurde 1973 am Firmensitz in der Karl-Liebknecht-Straße errichtet und 1993 zum Kulturdenkmal erklärt.

Im ersten Teil der “Leipziger Begegnungen 2012” hatte ich schon die Kampagne für die appetitlichen Wendl’schen Backwaren und ihre ideenreiche Wortspielerei angesprochen. Jetzt komme ich zu zwei positiv auffälligen Beispielen aus der Buchproduktion.

Das “Diogenes Magazin” Nr. 9, Frühjahr 2012. Mit Beiträgen über Bibliotherapie, Donna Leons intime Sicht auf Venedig, den Vieldenker und -schreiber Paulo Coelho und einer ausführlichen Würdigung des im letzten Jahr verstorbenen Verlegers Daniel Keel. Besonders spannend und anregend sind Gespräche und Interviews mit Autoren wie John Irving oder Lukas Hartmann. Es gibt natürlich ein Gewinnspiel und Anregungen zum literarischen Kochen. Selbstverständlich ist das in erster Linie Verkaufsförderung für Autoren und Bücher des Hauses Diogenes. Die man sich allerdings in der Form gerne gefallen lässt. Das Druckwerk fühlt und sieht sich an als hielte man eine wertvoll gemachte Literatur-Zeitschrift in Händen. Zahlreiche farbige und schwarzweiße Abbildungen, hervorragende typographische Gestaltung und über hundert Seiten auf erstklassigem Papier in bester Druckqualität machen dieses Magazin zu einem begehrten Sammelobjekt. Schön, dass das nächste bereits im Mai erscheinen wird.

Das Hesse-Jahr 2012, rund um den 50. Todestag des Dichters im August, begehen die Verlage Suhrkamp und Insel mit einem Jubiläumsprogamm. In einem aufwendigen Farbprospekt werden Bewährtes und Neuproduktionen präsentiert. Dazu gehören klassische Hesse-Titel wie “Der Steppenwolf”, “Siddhartha” oder “Das Glasperlenspiel”, die in neuer hochwertiger und dennoch preisgünstiger Flexcover-Ausstattung herauskommen ebenso wie zwei neue zehnbändige Kompilationen. Die eine enthält das erzählerische Werk (6137 Seiten für Euro 128), eine weitere die neu editierte Versammlung essayistischer Schriften (7127 Seiten für Euro 148). Interessant sind auch Themenbände, die von Hesse ausgewählte und zusammengestellte Werke von ihm geschätzter Autoren und Kulturkreise enthalten: “Morgenländische Erzählungen”, “Geschichten aus Japan” und anderes.

Spuren. Werbung für die Region Kurische Nehrung im allgemeinen und den heute litauischen Ort Nidden macht Frido Mann, der Enkel des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann. Dafür hat er im Auftrag des Mare-Verlages ein wunderschönes, vielschichtiges Buch geschrieben. Thomas Mann und seine Famlie kommen darin am Rande vor, denn in den frühen 1930er Jahren verbrachten sie drei Sommer-Urlaube in diesem am Meer gelegenen, ehemaligen “Worpswede des Ostens”, wie es genannt wurde, weil sich dort einst zahlreiche Maler niedergelassen hatten. Die Einheimischen nannten das Ferienhaus der Manns “Onkel Toms Hütte”. Darin ist inzwischen eine internationale Begegnungsstätte untergebracht, die ein reges Kulturprogramm auf die Beine stellt, das sich u. a. mit Werk und Leben des großen Literaten beschäftigt.

Frido Mann ist ein echter Tausendsassa, rührig und tätig an allen Ecken und Enden. Er hat Musik, Katholische Theologie und Psychologie studiert, jahrelang als Therapeut gearbeitet und nebenbei auch schon immer geschrieben. Heute lebt er als Schriftsteller und Macher in München. In seinem neuesten Buch “Mein Nidden” (Mare, 2012. Euro 18). geht es vorrangig um Kultur, Geschichte und Gegenwart von Ort und Landstrich. Der Autor zeichnet die wechselvolle Geschichte der Kurischen Nehrung im 20. Jahrhundert nach – zwischen Deutschem Reich, Sowjetherrschaft und der Unabhängigkeit Litauens. Mann entwirft gleichzeitig ein einprägsames Bild der überwältigenden Natur und ihrer Mischung aus nördlichem und südlichem Charme. Darüber ein Himmel, der sich fast endlos mit seinen Blautönen über das Haff und die Wanderdünen-Landschaft wölbt.

Orte (1). Das Lesefestival “Leipzig liest” findet auf der Buchmesse und über die ganze Stadt verteilt statt. Den Tag hindurch und bis hinter Mitternacht, an Orten, die so vielfältig und abwechslungsreich, so skurril oder gewöhnlich sind, wie die Autoren und ihre Stoffe, die dort den begeisterungsfähigen – mal größeren, mal kleineren – Menschenscharen präsentiert werden. Da wird in der Deutschen Nationalbibliothek der 100. Geburtstag der Insel-Bücherei gefeiert. Im Gewölbe der Moritzbastei setzen tief unter Tage zwischen dicken Mauern, hoffnungsvolle Nachwuchs-Schriftsteller zu ersten lyrischen oder epischen Höhenflügen an. Da lässt man die hitzige Dora Heldt gleich in einer Sauna auftreten. (Temperatur und/oder Aufguss unbekannt!)

Orte (2). Die Verlagsbuchhandlung – eine Geschäftsform deren Art akut vom Aussterben bedroht ist. Quicklebendig und ein klein wenig wie von gestern wirkend – was ihren Reiz noch erhöht – ist die nach einem Leipziger Stadtteil benannte Connewitzer Verlagsbuchhandlung. Ihr Ladengeschäft ist vielleicht eines der schönsten das in Leipzig Bücher feil bietet. Im Obergeschoß dieser Handlung finden “Leipzig liest” – Veranstaltungen in einem kleinen, intimen Rahmen statt. Der Verlagszweig hat 2009 den vielgelesenen und verfilmten, in den 1950er Jahre spielenden Leipzig-Roman “Für’n Groschen Brause” (Euro 18,90) von Dieter Zimmer neu aufgelegt. Pünktlich zur Messe erschien das Büchlein “101 Asservate. Alter Worte Wert” (Euro 18) von Thomas Böhme. Der Verfasser las in der Buchhandlung einige seiner 101 Miniaturen, die sich um Begriffe drehen, die nicht mehr geläufig oder bereits aus unserem Sprachgebrauch verschwunden sind: Lakritzstangen und Angebinde, Fisimatenten und Fidibus, Möndchenschieber und Garaus, Kerbholz und Unterpfand.

Orte (3). Nicht weit vom Laden der Connewitzer liegt die Adler-Apotheke. Dort arbeitete ab 1. April 1841 der 21-jährige Apotheker-Gehilfe Theodor Fontane (die Apotheke hieß damals “Zum Weißen Adler“). Er war Mitglied im politisch-literarischen “Herwegh-Klub” und veröffentlichte erste Gedichte in dem Unterhaltungsblatt “Die Eisenbahn”. Bereits 1942 veränderte sich Fontane nach Dresden. Erst Jahrzehnte später entstanden jene Romane, die ihm seinen Platz in der  Literaturgeschichte sicherten und in deren Mittelpunkt berühmte Frauenfiguren wie “Effie Briest”, Lene Nimptsch (“Irrungen, Wirrungen”), “Grete Minde” oder “Frau Jenny Treibel” stehen.

Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Burkhard Spinnen (“Belgische Riesen”, “Der schwarze Grat”) hat ein Buch über “Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen” geschrieben, wie “Sein Glück verdienen” im Untertitel heißt. Die Fotos in dem Band stammen von Lorenz Kienzle. Er hat Orte aufgesucht, die in den Romanen Fontanes beschrieben werden, und diese in ihrem gegenwärtigen Zustand mit einer Plattenkamera festgehalten. Im Rahmen von “Leipzig liest” und im Gespräch mit dem Literaturkritiker Elmar Krekeler stellten Spinnen und Kienzle das Buch am ehemaligen Arbeitsplatz Fontanes vor (Knesebeck, Euro 29,95). Für Burhard Spinnen sind die psychologischen Konstellationen, die Problematik des Absterbens von Hergebrachtem, das Brechen von Konventionen, wie sie Fontane schildert, von zeitloser Gültigkeit.

Burkhard Spinnen (links) im Gespräch mit Elmar Krekeler in der Adler Apotheke. – Foto: Monika Stoye

Interessanterweise entspann sich in den anschließenden Gesprächen eine intensive Diskussion über heutige Schul- und Bildungsformen, die ja wesentlich zur Prägung von Menschen beitragen. Spinnen, der sich selbst als “in der Schule als Junge nicht angekommen” bezeichnete, und der viel zu Lesungen in Schulen unterwegs ist, sprach sich entschieden gegen jede Art politisch festgelegter Formatierung von Kindern und Jugendlichen im Rahmen ihrer Schullaufbahn aus. In seine kritischen Äußerungen schloss er auch die Medien, insbesondere das Fernsehen, ein. Es gehe nicht an, dass sich Casting Shows zum Standard für die Beurteilung junger Menschen entwickeln.

Favoriten (1). Leipzig 2012 – einmal mehr sind es viel zu viele Bücher! “Und so viele dumme Bücher.” (Peter Sodann.) Der Dummheit zu Leibe rücken wollte und will die Aufklärung. Denn nie war sie nötiger als heute: die scharfe Schule der Vernunft. Wärmstens zu empfehlen ist deshalb die Lektüre von Manfred Geiers: “Aufklärung. Das europäische Projekt” (Rowohlt, 2012. Euro 24,95). Ein Buch, das auch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war und das in verständlicher, ja unterhaltsamer Form, einen Bogen spannt von den Begründern der Philosophie der Aufklärung wie Locke, Kant und Rousseau bis zu ihren Nachfolgern im 20. Jahrhundert: Hannah Arendt, Karl Popper, Jürgen Habermas und Jacques Derrida. Geier verliert dabei die Lebenspraxis nie aus dem Auge und stellt realistische Bezüge zu Alltag und Gegenwart her. So lesen wir auch als Laien mit Genuss in einer fesselnden Geschichte des aufklärenden Denkens und vernehmen das Plädoyer für Toleranz und Vernunft als hochaktuelle Verpflichtung.

Christian Schüle auf dem orangen Sofa des Universitäts-Radios

Favoriten (2). Schüle, Christian: „Das Ende unserer Tage. Roman“  (Klett-Cotta, 2012. Euro 22,95). Originell, spannend, temporeich. Was wie Science Fiction wirkt, ist großteils längst Gegenwart. Wir schreiben schließlich das Jahr 2012 und der Bundespräsident heißt Christian Wulf. Als Wulf ging und Gauck kam, war die erste Auflage schon im Druck; Verlag und Autor beschlossen die “fiktiven Fakten” nicht mehr zu ändern. So schreibt dieser Roman, der wie eine Zukunftsvision daherkommt, gleichzeitig jüngste bundesdeutsche Geschichte. Im nicht mehr ganz so reichen Hamburg werden Kirchen zu Event-Tempeln umgebaut. Die traditionsreiche Kammfabrik im Süden Hamburgs wird, wie viele andere Firmen der Hansestadt, von chinesischen Investoren übernommen. Der hauptberufliche Journalist Christian Schüle erzählt exemplarisch anhand der Geschichte zweier Männer: Charlie Spengler, Ex-Fabrikdirektor, jetzt Rebell an der Front der Werktätigen und Jungunternehmer Jan Philipp Hertz. Dazu kommen allerhand interessante Nebenschauplätze und -figuren, sowie eine gehörige Portion Zeitgeist und Lokal-Kollorit.

Favoriten (3). “Am Schwarzen Berg” (Suhrkamp, 2012. Euro 19,95). Anna Katharina Hahn hat einen Stuttgart-Roman geschrieben, der gleichzeitig ein Mörike-, Literatur-, und Bibliotheksroman ist. Sie zeichnet ein krasses, hoffnungsloses Bild heutiger Großstadt- und Mittelstands-Verhältnisse. Dazu mehr in einer eigenen Besprechung, die in etwa zwei Wochen auf = conlibri = erscheinen wird.

Spät-Lese (4)

(Reife Bücher. Erstmals, neu oder wieder gelesen)

“Irrungen, Wirrungen” von Theodor Fontane

Warum und wozu?

Nachdem ich einige Romane von Theodor Fontane gelesen und mich etwas mit dessen Biographie beschäftigt hatte, begann ich den Roman “Ein weites Feld” von Günter Grass besser zu verstehen. Darin geht es mal offen, mal verschlüsselt, fast ausschließlich um Leben und Werk Fontanes und die Leküre erfordert entsprechende Vorkenntnisse. Früher musste ich über den ruppigen, unsensiblen, als Spiegel-Titelbild epochemachenden, allzu wörtlich illustrierten Verriss des Buches durch Marcel Reich-Ranicki schmunzeln; inzwischen weiß ich, dass der Meister wohl falsch lag. Denn “Ein weites Feld” ist ein solches und setzt eben Neigung zu und Lektüre von Fontane voraus.

Ich selbst habe die Erzählwelt von brandenburgischer Mark, Oderbruch und preußischem Berlin reichlich spät für mich entdeckt, war lange Zeit dem Vorurteil verhaftet, dass diese “alten Geschichten” zu sperrig und schwer zugänglich seien. Irgendwann las ich dann kurz hintereinander “Vor dem Sturm”, das deutschsprachige Pendant zu Tolstois “Krieg und Frieden” und Fontanes umfangreichster Roman, die Novelle „L’Adultera“, in der ich das Humor-Potential Fontanes entdeckte und die dramatisch tragische Geschichte von der armen „Grete Minde“. “Effi Briest” und “Irrungen, Wirrungen” folgten bald darauf.

Effi Briest ist nicht nur aus meiner Sicht einer der großartigsten Romane in deutscher Sprache überhaupt. Man kann Thomas Mann nur zustimmen: „Eine Romanbibliothek…, beschränkte man sie auf ein Dutzend Bände, auf zehn, auf sechs, – sie dürfte ‚Effi Briest‘ nicht vermissen lassen.“ Fontane schildert darin eines seiner traurigsten und hoffnungslosesten Frauenschicksale. Davon kann man sich bei “Irrungen, Wirrungen” ein Stück weit erholen; denn hier finden wir eine preußische Gesellschaft vor, die sich schon so weit entwickelt hat, dass sie Konflikte zwischen Mann und Frau und den verschiedenen Ständen ohne Todesfälle lösen kann.

Wer war der Autor?

Theodor Fontane wurde erst im fortgeschrittenen Lebensalter zum Roman-Schriftsteller. Am 30. Dezember 1819 kam er in Neuruppin zur Welt. Er trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde Apotheker. Berufliche Stationen waren Magdeburg, Leipzig, Dresden und Berlin, wo er auch den Militärdienst leistete. Nebenher entstanden Erzählungen und Gedichte, die in Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Fontane verkehrte in literarischen Zirkeln, wie dem “Tunnel über der Spree”, dem u. a. auch Paul Heyse und Adolf von Menzel angehörten. Die eigentliche Laufbahn des hauptberuflichen Schriftstellers begann 1849 als Korrespondent der “Dresdner Zeitung”, einige Jahre davon in England.

1862 erschien der erste Band der “Wanderungen durch die Mark Brandenburg”. In den 1860er und 1870er Jahren war Fontane Berichterstatter von Kriegsschauplätzen in Dänemark, Böhmen und Frankreich, wo er als Spion verdächtigt und zeitweise inhaftiert wurde. Bis 1889 schrieb er Theaterkritiken für die “Vossische Zeitung”. Sein erster Roman “Vor dem Sturm” erschien schließlich 1878, in rascher Folge dann weitere, bis 1899 mit “Der Stechlin” die Reihe der Roman-Veröffentlichungen abgeschlossen wurde. Da war der Autor bereits tot. Fontane starb 1898 in Berlin; aus seinem Nachlass wurde 1914 noch das Fragment “Mathilde Möhring” veröffentlicht. “Irrungen, Wirrungen” kam 1888 heraus, noch vor “Effie Briest” (1895), ist aber zeitgeschichtlich später angesiedelt.

Worum geht es?

Schauplatz ist Berlin. Die 1870er Jahre. Eine Zeit der technischen und gesellschaftlichen Umbrüche. Im Mittelpunkt steht die Liebe zwischen dem gut aussehenden, mit beiden Beinen fest im harten Alltag stehenden, selbstbewussten Bürger-Mädchen Lene Nimptsch und dem feschen, familiären ebenso wie überholten ständischen Traditionen verpflichtete Offizier und Baron Botho von Rienäcker. Diese Liebe hat von Anfang an keine Zukunft, was Lene schon immer klar ist, was er aber gegen jeden Verstand nicht wahrhaben will. Nicht einmal dann, als die kluge junge Frau ihrem Geliebten genau vorhersagt, wann der Moment der Trennung für immer kommen wird.

Eine solche Beziehung durfte im Preußen des bereits dem Untergang geweihten, aber immer noch tonangebenden Adels, nicht offen gelebt und schon gar nicht institutionalisiert werden. Doch was wir hier erzählt bekommen ist nichts weniger als die Geschichte einer großartigen weiblichen Selbstbehauptung und zaghafter früher Emanzipation. Fontane schildert realistisch, fast nüchtern, zwar mit Distanz, doch nicht ohne Ironie und leisen Humor. Sehr feinsinnig und facettenreich gelungen sind Nebenfiguren, wie die Nenn-Mutter Nimptsch, ihre Plauderfreundin Frau Dörr und deren knorrig-geiziger Ehegatte. Hier zeigt sich die ganze Größe und Qualität des Erzählers Theodor Fontane.

Was sind die Höhepunkte?

Zu den Höhepunkten des Romans gehört zweifellos der Ausflug von Lene und Botho zum Ausflugslokal “Hankels Ablage” an einem See am Berliner Stadtrand, sowie die anschließend im Gasthof gemeinsam im Doppelzimmer verbrachte Nacht. So direkt wird der Leser auf ein Paarungsgeschehen zwischen den Protagonisten in anderen Werken Fontanes nicht hingewiesen. Allerdings geschieht dies hier ohne die heute selbstverständlichen Details.

Dass die Geschichte für das Liebespaar in pragmatischen Zweckehen mit anderen Partner endet, muss letztlich als positiv angesehen werden. So bleiben alle Beteiligten und auch wir Leser von allzu großem Unheil und damit verbundener Trauer (wie oben bereits angedeutet: s. Effi Briest, wo das ganz anders endet.) verschont. Und wenn sie nicht gestorben sind … Das Buch eignet sich übrigens hervorragend für glückliche, unbeschwerte (Liebes)-Paare unserer Tage zum gegenseitigen Vorlesen. (Doch wer macht so etwas noch?!)

***

Die Werke Fontanes gibt es in vielen verschiedenen Ausgaben. Vom wohlfeilen Reclam-Bändchen, über Taschenbücher, bis zu festgebundenen Varianten. Zur Lektüre empfiehlt sich auf jeden Fall eine kommentierte Ausgabe. So hat man die beste Möglichkeit erzählte Zeit und deren Geist richtig erfassen und mitempfinden zu können und letztlich mehr als nur eine alte Geschichte. Für Irrungen, Wirrungen empfiehlt sich deshalb:

Fontane, Theodor: Irrungen, Wirrungen. Roman, vollst. Ausgabe mit Kommentar und Nachwort von Helmuth Nürnberger. – München: dtv, versch. Jahre. Derzeit Euro 8,90

Feste lesen! (1)

Geschenke vom Buchmarkt – Erster Teil

Advent! Advent! die erste Kerze brennt inzwischen rasch herunter und so langsam wird es Zeit den vorweihnachtlichen Konsumtrieben zu folgen.

Liebe Freunde dieses Blogs, wenn Sie in den nächsten Tagen und Wochen aus der Buchhandlung ihres Vertrauens mehr als den geldwerten Gutschein mitnehmen wollen, gibt es hier, heute und demnächst nochmals, einige kurze Hinweise auf im Druck erschienene Erzeugnisse von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die es möglicherweise verdienen getrost nach Hause getragen, verschenkt oder gar vom Käufer selbst gelesen zu werden. Sollten Sie die nachfolgend aufgeführten Werke in den langen Regalreihen oder auf den Themen-Tischen nicht sofort entdecken, kein Grund zur Panik oder Flucht nach Amazonien. Jeder ordentlich ausgebildete Sortiments-Buchhändler beschafft das Vermisste in der Regel bis zum nächsten Werktag.

 

Junge Stimmen

Die junge Schweizerin Dorothee Elmiger gewann mit ihrer ersten Veröffentlichung, dem Roman „Einladung an die Waghalsigen“ (Dumont. Euro 16,95), den diesjährigen Aspekte-Literaturpreis des ZDF. In ganz eigenem Stil erzählt sie von zwei Schwestern die in einer Endzeitlandschaft zu einer Expedition aufbrechen um ihre eigene Herkunft zu erforschen. Eine erfindungsreiche Geschichte voller erzählerischer Kraft.

Aus dem vorpommerschen Anklam stammt Judith Zander, die in Berlin lebt. In „Dinge die wir heute sagten“ (dtv. Euro 16,90) erzählt sie eine Familiengeschichte über drei Generationen im Nordosten Deutschlands. Es geht um Provinz und Alltag, um Freundschaft und Verrat. Ein Erstling von erstaunlicher Reife. Das Buch stand auf der Short-List für den deutschen Buchpreis.

Auch der Berliner Schriftsteller und Musiker (Mitglied der Gruppe „Fön“) Michael Ebmeyer erzählt uns eine Familiengeschichte. Doch diese führt von der Provinz in die weite Welt. Vom Rheinland und dem schwäbischen Tübingen nach Argentinien und zurück. Und zeitlich vom 19. Jahrhundert bis in die bewegten 1960er Jahre der Bundesrepublik: Landungen (Kein & Aber. Euro 19,90)

Sie gewann in diesem Jahr sowohl den Deutschen, wie auch den Schweizer Buchpreis: Melinda Nadj Abonji, geboren in Becsej in der Vojvodina, studierte an der Universität Zürich Deutsche Literatur und Geschichte. In Ihrem zweiten Roman „Tauben fliegen auf“ (Jung und Jung. Euro 22) erzählt sie eine stark autobiographisch geprägte Migranten-Geschichte. Die Familie Kocsis lebt in der Schweiz, aber es ist ein schwieriges Zuhause, noch keineswegs zur neuen Heimat geworden, obwohl Eltern und Kinder schon gut in das Arbeits- und Alltags-Leben integriert sind. Die Schweiz schafft manchmal die Töchter, Ildiko vor allem, sie ist zwar angekommen, fühlt sich aber nicht immer angenommen.

An orientalische Erzählungen erinnert der Stil von Mariam Kühsel-Hussani. Wie für Melinda Nadj Abonji ist auch für sie Deutsch die Zweit- und eigentlich eine Fremdsprache. Doch in dieser hat die in Kabul geborene Berlinerin zu großer Ausdruckskraft gefunden. In „Gott im Reiskorn“ (Berlin University Press. Euro 18,90) erzählt sie uns von einer alten afghanischen Kalligraphenfamilie, die in den fünfziger Jahren den jungen deutschen Kunsthistoriker Jakob Benta aufgenommen hat. Es ist auch ein Ausflug zu Stationen afghanischer Kulturgeschichte, von denen viele während der zahlreichen Kriegsjahre inzwischen zerstört oder verloren sind.

Alt, aber gut

Wo Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ nach, für die meisten zu vielen Seiten endet, setzt „Vor dem Sturm“ an. (Mehrere Ausgaben auf dem Markt. Sehr schön ist die reich kommentierte von dtv. Euro 15,90) Es ist der erste Roman Theodor Fontanes und gleichzeitig sein umfangreichster. Napoleon ist jetzt auf dem Rückzug aus Russland. Im märkischen Oderbruch bereiten sich Adel und Bevölkerung auf die zurückweichenden Heere vor. Zwischen alter und junger Generation gibt es sehr unterschiedliche Pläne, wie vorgegangen werden soll. Ein breites Panorama der Adels-, Bürger- und Bauernwelt um 1810 mit zahlreichen historischen Rückblenden, farbigen Personen- und Landschaftsschilderungen. Mit etwas Eingewöhnung gut lesbare 700 Seiten.

Wie Tolstoi starb auch Wilhelm Raabe im Jahr 1910. Beider hundertster Todestag wurde in den letzten Wochen mehr oder weniger ausgiebig gewürdigt. Raabe erfuhr dabei so etwas wie eine Neubewertung. Literaturhistorisch zählt der Zeitgenosse Fontanes, Storms und Kellers zu den Realisten. Sein Werk enthält aber auch spätromantische und phantastische Passagen. Inzwischen hat man in seinem Stil und seinen Themen moderne Elemente, die ihrer Zeit voraus waren, entdeckt. Raabe war kein Erfolgsautor, er schrieb nicht gefällig und leichtgängig und liest sich auch heute noch durchaus etwas sperrig. Doch auch hier wird die Mühe mit Lesegenuss und Staunen über die Vielschichtigkeit und Aktualität der Geschichten belohnt. Etwa wenn in „Pfisters Mühle“ (Reclam. Euro 6) der Einbruch moderner Technik und damit neuer Geschwindigkeiten in das Leben der Menschen des 19. Jahrhunderts geschildert wird.

Stopfkuchen“ (u. a. bei dtv. Euro 8,90) bezeichnete Raabe selbst im Untertitel als „See- und Mordgeschichte“. Fachleute sehen in dem Roman einen Vorläufer der späteren Kriminalromane. Eduard, kehrt nach Jahrzehnten in Südamerika noch einmal in seine deutsche Heimat zurück und trifft seinen Jugendfreund Heinrich, genannt „Stopfkuchen“. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Heinrichs Lebensbericht. Dieser versucht darin eine Rechtfertigung seiner im bürgerlichen Sinn verfehlten Lebensform. Heinrich hat sich nämlich vom schwächelnden Außenseiter zum humoristischen Spötter der Gesellschaft entwickelt. Wenn man so will – und wie es später wohl Thomas Mann definiert hätte – zum Künstler. Dem stehen die praktischen, weltzugewandten Erfahrungen Eduards gegenüber.

Wer es erst einmal in kürzerer Form mit Raabe versuchen möchte, dem sei das unvollendete Spätwerk „Altershausen“ empfohlen (Insel-Bücherei Nr. 1335 – wunderschöner kleiner Band! Euro 13,90). Der siebzigjährige Obermedizinalrat Friedrich Feyerabend, zieht Lebensbilanz und beschließt an den Ort seiner Kindheit zurückzukehren. Er reist nach Altershausen, um zu erkunden, wer noch mit ihm auf der Welt geblieben ist. Diese Insel-Ausgabe gewinnt ihren besonderen Wert durch das eigenwillige, ausgesprochen lesenswerte Nachwort des Raabe-Kenners und -Preisträgers Andreas Maier, der erst einmal von sich erzählt: „Ich komme aus einer Kleinstadt, die sich schon während meiner ersten Jahre so verwandelte, daß ich als Student bereits den Überblick verloren hatte … Ständig verschwinden die Dinge im Nichts, und zwar durch Menschenwerk … Wenn man eine Spanne von siebzig Jahren lebt, ist eigentlich am Ende die komplette Welt ausgetauscht.“

Tip: Von Raabe und Fontane gibt es zahlreiche Werke gelb und handlich in Reclams Universal-Bibliothek. Diese Bändchen sind preiswert und können bequem überall mit hingenommen werden.


Lyrik

„… Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
die Försterin im Herrenzimmer.
In dieser wunderschönen Nacht
hat sie den Förster umgebracht …“

So stimmungsvoll kann der Advent sein, zum Beispiel bei Loriot. Und Loriot geht immer: Gemalt, bewegt, gereimt. In vielen Formen und Farben und für alle Altersklassen.

Jan Wagner hingeben meint es ernst. Der aus Hamburg stammende, wie es sich für schöpferische Geister heute gehört, in Berlin lebende Dichter ist einer der wichtigsten und interessantesten deutschen Lyriker der jüngeren Generation. Sein neuestes Buch heißt „Australien“ (Berlin Verlag, 18 Euro). „Man ist glücklich in Australien, / sofern man nicht dorthin fährt“ – diese Verse von Alvaro de Campos hat Jan Wagner der neuen Sammlung vorangestellt und zum poetischen Programm einer Weltreise umgemünzt. Und wo immer Jan Wagner uns hinführt, fördert er Überraschendes zu Tage. Wie gut sich Wagner liest und spricht zeigt dieser Ausschnitt aus dem 2004 erschienen Gedicht „Botanischer Garten“:

„dabei, die worte an dich abzuwägen –
die paare schweigend auf geharkten wegen,
die beete laubbedeckt, die bäume kahl,
der zäune blüten schmiedeeisern kühl,
das licht aristokratisch fahl wie wachs –
sah ich am hügel gläsern das gewächs-
haus, seine weißen rippen, fin de siècle,
und dachte prompt an jene walskelette … „

Streckenweise heiter geht es bekanntlich bei dem vor vier Jahren verstorbenen Robert Gernhardt zu. Tief- und Hintersinn kommen dabei aber keineswegs zu kurz. Seine „Gesammelte Gedichte. 1954 – 2006“ (S. Fischer. Euro 16) kann man nur immer wieder empfehlen. Und mit ihm hoffen nicht Wenige, dass in Erfüllung geht, was er sich einst zusammenreimte:  „Ums Buch ist mir nicht bange. / Das Buch hält sich noch lange.“


Geschenkt!

Reckless (Dressler. Euro 19,95) von Cornelia Funke. Was man den Brüdern Grimm und ihren Figuren alles antun kann, hat uns schon Hollywood auf der Leinwand vor Augen geführt. Jetzt setzt Frau Funke dem noch eins drauf und der Verlag hat es bestsellergerecht zwischen Buchdeckel gepackt. Dazu die Spezialistin für Kinder- und Jugendliteratur, Birgit Dankert: „Cornelia Funke operiert zum Teil recht erfolgreich mit der Ausstattung der Grimmschen Märchenwelt … Aber viele der Wesen, die wir aus den alten Märchen kennen, werden in Reckless einfach nur benutzt und ausgebeutet … Die ständige Aufgeregtheit, die Tücke, die Kleptomanie all der Wassergeister, Stilze, Einhörner und Wölfe, die das Buch übervölkern, schaffen immer nur kurzfristig Spannung … Sehr bedenklich ist auch das Frauenbild, das Reckless zeichnet: Reiz und Kraft der weiblichen Figuren liegen fast ausschließlich in ihren sexuellen Vorzügen. Das beliebte Klischee der gefährlichen Frau nimmt breiten Raum ein.“

* * *

„Feste lesen! wird fortgesetzt, wenn das Wachs von der zweiten Kerze tropft. Dann geht es u. a. um „Schmöker“, echte „Herausforderungen“ und „besondere Bücher.“