Tilmann Lahme: Die Manns

Mit Tilmann Lahmes “Die Manns” erscheint in diesem Jahr schon die zweite Sammelbiographie über die neben den Wagners bekannteste deutsche Künstlerfamilie. Bereits im Sommer kam “Das Jahrhundert der Manns” von Manfred Flügge in die Buchhandlungen, einem Autor der vor einigen Jahren eine umfassende Heinrich-Mann-Biographie vorlegte und mehrfach über Personen aus dem Umfeld der Manns, wie etwa die Malerin Eva Hermann, publizierte.

Tilmann Lahme, der noch junge Literatur- und Geschichtswissenschaftler, hat für die FAZ und andere Medien gearbeitet und lehrt derzeit an der Universität Lüneburg. Er ist schon längere Zeit durch seine Forschungen und Veröffentlichungen mit Thomas Mann und seiner Familie vertraut. 2009 hat er uns Golo Mann (1909 – 1994) in einer großen Lebens- und Werkbeschreibung, die auf der Basis seiner Dissertation entstand, ganz neu nahegebracht. Vieles davon ist in sein aktuelles Werk über Thomas (1875 – 1955), Katja (1883 – 1980) und ihre sechs Kinder eingegangen. Er konzentriert sich ganz auf diese Kernfamilie, von den Geschwistern des Nobelpreisträgers schaut lediglich der Bruder und Schreib-Konkurrent Heinrich (1871 – 1950) “manchmal kurz über den Zaun”.

9783100432094-cover-lDass ich hier und heute ausschließlich über das Lahme-Buch schreibe, hängt damit zusammen, dass ich Lahmes Arbeiten schon länger verfolge und sehr schätze. Ich habe einige seiner Artikel und Aufsätze mit Gewinn gelesen und mehrere seiner kenntnisreichen und gut strukturierten Vorträge gehört. Zuletzt im Stuttgarter Literaturhaus, wo er Mitte Oktober sein neues Buch vorstellte und mit einem leicht ironischen Dauerlächeln und druckreifen Sätzen auf die fast plump wirkenden Fragen einer schlecht vorbereiteten FAZ-Redakteurin antwortete. Effektsicher las er pointierte Kapitel aus seinem Werk und beantwortete zum Schluss ausführlich die durchweg sachkundigen Fragen des Publikums. In Stuttgart berichtete er auch von dem “neuen” Quellenmaterial, das er für sein Werk verwenden konnte.

“Unordnung und späte Funde”, kalauerte die FAZ in Anspielung auf eine Thomas-Mann-Erzählung, als im Spätsommer 2013 dreizehn Kisten mit Familienkorrespondenz der Manns entdeckt wurden, die bis dahin so aufbewahrt waren, dass sie keiner entdeckte. Sie konnten deshalb in Forschung und Edtionen zu den Manns bis zu diesem Zeitpunkt nicht berücksichtigt werden. Die 3.000 Briefe stammen hauptsächlich aus dem Nachlass von Katja Mann. Tilmann Lahme ist der erste Wissenschaftler und Autor, der diese Archivalien für eine neue literaturhistorische Publikation sichten und auswerten konnte.

Nun sind die meisten Manns “kein unerforschtes Kapitel” der deutschen Literaturgeschichte. Weshalb der überraschende Fund in Zürich mit Spannung und großer Erwartung aufgenommen wurde. Doch wirklich neue Erkenntnisse sind es letztlich nicht, die dabei zu gewinnen waren. Manches tritt deutlicher hervor. Die entdeckten Dokumente bestätigen oft, was bisher nur vermutet wurde. Viele Details aus dem Alltag, über Sorgen und Probleme des Familienlebens, über die unterschiedlichen Erfahrungen im Exil und über all jene Sorgen die Eltern mit ihren Kindern haben.

Allerdings haben wir es bei den Manns mit mindestens zwei Besonderheiten zu tun. Zum einen mit einer sehr wohlhabenden, standesbewußten Familie, zum anderen mit acht Menschen, die alle, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, Veranlagung zum Künstlertum bei gleichzeitiger Distanz zum “Bürgertum” in sich trugen. Sie schrieben, musizierten, traten auf, trugen vor und waren alle mehr oder weniger schwer mit jener Form von Leiden geschlagen, die Thomas Mann als Voraussetzung wahrer Künstler-Existenz bezeichnet hätte. Sie waren Melancholiker, hatten ihre depressive Phasen, keinem fiel das Leben leicht, und mit ein wenig sehnsüchtigen Neid mussten sie auf die Leichtigkeit der Blauäugigen, Liebenswürdigen, Gewöhnlichen blicken.

Lahme kann erstmals, in einer Darstellung die für ein größeres Publikum gedacht ist, auf sexuelle Themen und den Umgang damit im interfamiliären Kontext etwas ausführlicher eingehen. Was wohl nicht zuletzt den neuen Zeugnissen zu verdanken ist. Er zeigt, dass mit dem Komplex Homosexualität familienintern offener umgegangen wurde, als Außenstehenden bisher bekannt war und es frühere Biographen belegen konnten oder wollten. Dennoch bleiben genügend Tabuzonen und Unausgesprochenes. Manch Neues erfährt man bei Lahme über die Kinder, die bisher kaum Berücksichtung fanden, weil von ihnen nur wenige Veröffentlichungen und Lebenszeugnisse vorliegen. Das betrifft die Töchter Monika (1910 – 1992) und Elisabeth (1918 – 2002), sowie den Sohn Michael (1919 – 1977).

Auf diesem Bild des Jahres

Auf diesem Bild des Jahres 1919 von links nach rechts: Monika, Golo, Michael, Katja, Klaus, Elisabeth, Erika.

Ihrem Wirken und ihren Hinterlassenschaften angemessen, stehen auch bei Lahme die vielseitigen, sehr aktiven Erika (1905 – 1969) und Klaus (1906 – 1949) immer wieder im Mittelpunkt, während Golo durchaus eine Sonderstellung zukommt. Er hat es als einziger zu einem Hochschulabschluss und einer kleinen akademischen Karriere gebracht, ist jedoch von Anlage und Neigung ebenfalls in erster Linie Schriftsteller. Ein mit stattlichem Minderwertigkeitskomplex ausgestatteter potentieller Schriftsteller, der sich als Sohn eines Welt-Autors selbst Zurückhaltung im Metier auferlegt.

Klaus ist der hochbegabte, schwierige, vielseitige, drogensüchtige Alleswoller, der mit unfassbarem Tempo durchs Leben und dem Tod entgegeneilt. Der voller Neid und Ehrgeiz dem Vater unbedingt als Künstler das Wasser reichen möchte. Lahme relativiert seine literarischen Leistungen. Er schwanke in fast jedem seiner zahlreichen Werke zwischen Genie und Kitsch.

Erika, die wandelbare Darstellerin, Kabarettistin, Vortragende, die vielen Männern und Frauen den Kopf verdreht und das Konto erleichtert, die im Leben und auf der Bühne unzählige Rollen spielt, die sich von der femme fatal zur zuverlässigen Assistentin des Großschriftsteller wandelt, ist am Ende diejenige die ihrem Vater in den späten Jahren, neben Katja, am nächsten ist. Thomas Mann akzeptiert und sucht schließlich ihre Unterstützung bei Abfassung, Gestaltung, Korrektur und Kürzung seiner Romane, Essays und Reden. Ohne diesen Einfluss wäre Manches nicht das geworden was wir heute kennen.

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1929: Katja und Thomas im Stockholmer Grand Hotel, wo sie zur Nobelpreis-Verleihung an den Autor der „Buddenbrooks“ logierten.

Michael und Monika sind die größten Sorgenkinder, entspricht ihre Entwicklung doch am wenigsten den hehren Ansprüchen der Eltern. Monika wird von der Familie als tapsiges Mauerblümchen gesehen, entwickelt sich mühsam und wird nie richtig selbständig. Ihre Schreibbemühungen bleiben im Ansatz stecken. Michael ist der mit den größten Geldsorgen. Penetrant ist fast jeder Brief an die Mutter mit entsprechenden Bitten und Forderungen verbunden. Was dieses Buch sehr deutlich macht, ist, wieviel organisatorisches, wirtschaftliches und erzieherisches Graubrot die tapfere Ehefrau dem Dichter-Gatten vom allzeit gut gekleideten Leib hält. Sie ist es zumeist, die mit den Kindern korrespondiert, die tröstet, rät, manchmal auch fordert, vor allem aber die nie versiegenden Wünsche nach finanzieller Unterstützung des stets klammen Nachwuchses erfüllt.

Lahme geht bei seinen Schilderungen chronologisch vor. Jahr für Jahr, Monat für Monat. Und immer wieder kommen alle acht an die Reihe. Es beginnt 1922, da ist Thomas bereits 47 Jahre alt, hat mit “Buddenbrooks” einen der wenigen deutschsprachigen Welt-Romane geschrieben, mit “Königliche Hoheit” heiter parodistisch nachgelegt, und ihm ist mit dem “Tod in Vendig” eine der schönsten Novellen des 20. Jahrhunderts gelungen. Katja wird in diesem Jahr 39. Sie hat sechs Kinder geboren, als letztes war 1919 der Sohn Michael zur Welt gekommen, an dem sie ein Leben lang besonders hing, obwohl er (aber nicht nur er) ihr einigen Kummer machte.

Die Lebensgeschichten werden parallel zu den wechselvollen deutschen Zeitläuften und der damit eng verknüpften Weltgeschichte erzählt. Immerhin haben die Ereignisse der Weimarer Republik, der Nazizeit und dem damit verbundenen Exil, schließlich der Zweite Weltkrieg, das Schicksal der Familie und jedes einzelnes seiner Mitglieder, ganz entscheidend beeinflusst. Das Buch endet mit dem Jahr 2002, jenem Jahr in dem Elisabeth stirbt, die kurz zuvor noch in dem eindrucksvollen mehrteiligen Dokudrama von Heinrich Breloer als aufgeweckte, altersweise Zeugin Elisabeth Mann-Borghese eine späte TV-Karriere machte.

av_fluegge_manns_korr.inddSowohl Flügges “Jahrhundert”, wie Lahmes “Die Manns” sind ausgesprochen gelungene Bücher. Man kann beide ganz ohne wissenschaftliche Ambitionen zur gehobenen Unterhaltung lesen oder sich intensiver auf die tieferen Erkenntnisse einlassen. Lahme lotet dabei etwas gründlicher aus, wuchert mit dem Pfund der neu gefundenen Briefe, ergänzt den Text mit zahlreichen Anmerkungen. Beide Bücher regen nachhaltig zur Lektüre der Mann’schen Originale an.

In Stuttgart hat Tilmann Lahme auf meine Nachfrage berichtet, dass er zusammen mit Kerstin Klein und Holger Pils an einer Auswahl-Edition von Briefen der Familie arbeitet. Ein Teil der Züricher Funde wird darin enthalten sein. Unter dem Titel “Familienbriefe” soll dieser Band im nächsten Frühjahr bei – wie könnte es anders sein – S. Fischer erscheinen. Ein Ende der Neuerscheinungen zum Komplex “Thomas Mann” ist also noch keineswegs in Sicht.

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Lahme, Tilmann: Die Manns. Geschichte einer Familie. – S. Fischer, 2015. – Euro 24,99

Flügge, Manfred: Das Jahrhundert der Manns. – Aufbau, 2015. – Euro 22,95

Flügge, Manfred: Heinrich Mann. Eine Biographie. – Rowohlt, 2006

Lahme, Tilmann: Golo Mann. Biographie. – S. Fischer, 2009

 

1875, 1955, 2015!

Notizen zu einem Thomas-Mann-Jahr

Er ist bereits seit 60 Jahren tot und geboren wurde er vor 140 Jahren. Am 6. Juni 1875 in der damaligen Stadtrepublik Lübeck. Runde Zahlen. Anlass genug für die Thomas-Mann-Gemeinde ein Jubiläums- und Jubeljahr auszurufen. Dabei ist Thomas Mann eine literarische Größe der regelmäßig und Jahr für Jahr sehr viel mehr Aufmerksamkeit zuteil wird als den meisten anderen toten Dichtern. Eine Aufmerksamkeit die sicher nicht unbedingt in direktem Zusammenhang mit der Häufigkeit der Lektüre seiner Originalwerke steht. Dafür wird über dieses Werk, und noch viel lieber rund um die Person des Autors mitsamt seiner originellen Familie, fleißig herausgegeben, veranstaltet, ausgestellt und aufgeführt.

In Herbstvorschauen der Verlage, die dieser Tage die Druckereien verlassen oder als PDF-Dokumente auf einschlägigen Websites erscheinen, wird Vorfreude auf zwei Bücher geweckt, die in der zweiten Jahreshälfte in die gut sortierten Buchläden kommen. Tilmann Lahme kennen Kundige bereits als Verfasser einer profunden, sehr lesenswerten Golo-Mann-Biographie. Er hat nach dem Studium für die FAZ gearbeitet und lehrt heute an der Universität Lüneburg. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich intensiv mit der Familie Mann. Im Herbst legt er nun als Ergebnis dieser Forschungen seine Monographie “Die Manns. Geschichte einer Familie” vor, die – wie könnte es anders sein – bei S. Fischer erscheinen wird.

Zentralbild Thomas Mann bürgerlich-humanistischer Schriftsteller von Weltgeltung. geb.: 6.6.1875 in Lübeck gest.: 12.8.1955 Kilchberg (Schweiz) 1929 erhielt er den Nobelpreis. 41175-29, Scherl Bilderdienst,

Thomas Mann 1929 im Hotel Adlon. (Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-28795)

Lahme hat dafür die gesamte interfamiliäre Korrespondenz, darunter viele bisher nicht bekannte oder nicht beachtete Dokumente, ausgewertet und die verschiedenen Konstellationen und Abhängigkeiten des Familien-Verbundes untersucht. Der Verlag schreibt in seiner Ankündigung: “Legenden und Deutungen erscheinen in neuem Licht. Aus den verschiedenen Perspektiven entsteht ein vielschichtiges, ungeheuer lebendiges Bild einer Familie, in der um gegenseitige Anerkennung gekämpft wurde und sich auf einmalige Weise Literatur, Politik und Leben durchdrangen.” Diese Buch dürfte verschärftes Bestseller-Potential haben und die einschlägigen Filmemacher sehe ich schon in den Startlöchern für den Wettlauf um die Rechte für bewegte Bilder.

“Er ist ein Meister, er bleibt”, beginnt Thomas Manns großer Essay über Theodor Storm. “Bürger auf Abwegen” heißt das Buch, das sich mit beiden norddeutschen Künstlern beschäftigt und in dem die literarische Würdigung und durchaus kritische Einordnung des Husumers Storm durch den Lübecker Bürger und Schriftsteller eine zentrale Rolle spielt. Es ist der von Christian Demandt herausgegebene Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung, die vom 11. September bis 8. November diesen Jahres zunächst im Lübecker Buddenbrookhaus und anschließend bis weit ins nächste Jahr hinein im Theodor-Storm-Haus Husum zu sehen sein wird. “Er war ein Freier – trotz aller Weichheit und Sensibililät seiner Natur ein Mann trotziger Stirn…”, urteilte der Nobelpreisträger im Essay über den Vorfahren im Geiste.

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Theodor-Storm-Büste in Husum (Foto: Thorsten Schramme)

Obwohl sie keine Zeitgenossen waren – Mann hat Storm (1817 – 1888) ja bereits als eine Art “Klassiker” – wahrgenommen, gibt es so etwas wie eine Verwandtschaft zwischen diesen beiden zutiefst bürgerlich gegrägten Persönlichkeiten, deren Lebenswege und Werke von der antibürgerlichen Ambivalenz ihres Künstlertums und der schmerzlich-kreativen Auseinandersetzung mit ihren Milieus und Determinationen zeugen. Zu entdecken sind Parallelen “in ihren Auffassungen von Kunst und bürgerlicher Tätigkeit, ihrer Liebe zu Poesie und Musik, in ihren erotischen Verwirrungen, in ihrer Neugier auf das Einbrechen des Phantastischen in die vernünftig geordnete Welt…”, heißt es im Ankündigungstext des Verlages zu “Bürger auf Abwegen”.

Im der ersten Septemberhälfte werden sich gleich zwei öffentliche Tagungen mit Gemeinsamkeiten und Trennendem der beiden großen Dichter-Persönlichkeiten beschäftigen. Von 4. bis 6. September lädt die Theodor-Storm-Gesellschaft nach Husum ein. Das traditionelle Herbst-Kolloquium der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft findet die Woche drauf vom 10. bis 13. September statt. Und da gibt es dann gleich noch etwas zu feiern: Diese Vereinigung gibt es nun seit 50 Jahren. (S. Links im Anhang)

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Auch in der Stadt in der Thomas-Mann fast 40 Jahre lebte wird “Thomas Mann zu Ehren” und aus Anlass des doppelten Gedenkjahres einiges auf die Beine gestellt. Doch die offiziellen Stellen sind es weniger, die sich dabei hervortun. Diese Aufgabe stemmen – und das nicht zum ersten Mal – die rührigen Menschen des Thomas-Mann-Forums München, allen voran der vielseitige Dirk Heißerer, deren Engagement ein umfangreiches Jubiläums-Programm mit einer großen Zahl unterschiedlichster Veranstaltungen ermöglicht. Alle Informationen dazu gibt es über die Homepage des Forums (s. Anhang) oder in der Arcisstraße 12, 80333 München.

In Russland geht ein so genanntes “Deutsches Kulturjahr” zu Ende, von dem man in deutschsprachigen Medien erschreckend wenig vernommen hat. Man hätte ja recherchieren müssen. Lieber werden die beliebten und beliebigen Fertigtexte der westlichen Unterhaltungskonzerne von den abgemagerten Redaktionen verwendet, was zunehmend zur inhaltlichen Gleichschaltung der Feuilletons, der Kultur- und Medienseiten unserer Zeitungen führt. Dem “Focus” verdanke ich aber immerhin, dass ich erfahre, dass zum Abschluss des “Deutschen Kulturjahres” im Moskauer Puschkin Literaturmuseum eine Fotoausstellung über das Leben des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann zu sehen sein wird. Bis 30. September hat man Zeit, die russische Hauptstadt zu besuchen und dabei zu erkunden, was die Kuratoren für sehens- und mitteilenswert halten.

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Während wir bei der Beschäftigung mit Thomas Mann gleich auf mehrere ausgezeichnete Biographien (von Peter de Mendelssohn bis Hermann Kurzke) zurückgreifen können, gibt es zu Storm meines Wissens derzeit nur ein adäquates wissenschaftlich fundiertes und aktuelles Werk: “Du graue Stadt am Meer. Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert” von Jochen Missfeldt. Daneben entdeckt man Kurioses, wie den Storm-Krimi “Das Nordseegrab” des Tilman Spreckelsen. “DICHTER, ANWALT, ERMITTLER – Theodor Storm und sein geheimnisvoller Gehilfe Söt in Husum: ein Nordseeküstenkrimi voller Spannung und historischer Atmosphäre”, verspricht der Verlag. Gelesen habe ich das im April erschienene Buch des bisher hauptsächlich als Journalist hervor getretenen Autors noch nicht. Sollte ich? Es wird im übrigen der erste Band einer von Spreckelsen geplanten Reihe rund um den Ermittler Storm sein.

Von Manfred Flügge liegt seit einigen Wochen “Das Jahrhundert der Manns” vor. Flügge kommt das Verdienst zu, vor knapp zehn Jahren eine dringend benötigte Biographie über den Thomas-Bruder Heinrich veröffentlicht zu haben. Weniger gelungen war sein Versuch über “Die vier Leben der Martha Feuchtwanger”, dessen über 400 Seiten vor allem mit Klatsch, Tratsch und intimen Indiskretionen zu imponieren versuchen. Nun also die “Manns”. Da er nicht der erste ist, der sich gleich die ganze Familie vornimmt (s. oben, sowie z. B. Reich-Ranickis, “Thomas Mann und die Seinen” oder die „andere Geschichte der Familie Mann“ mit dem Titel „Im Netz der Zauberer“ von Marianne Krüll) darf man gespannt sein, was er uns Neues und Interessantes zu bieten hat. “Das politische Denken und Handeln sowie die wichtigsten literarischen Werke der Manns stellt er in engem Zusammenhang mit Zeit- und Lebensgeschichte dar,” kündigt der Klappentext die Intension des Verfassers an. Das wäre ja schon mal was.

HörJüngere Zeitgenossen mögen staunen. Obwohl unser im Jahr 2015 einmal mehr gefeierter Autor bereits im 19. Jahrhundert zur Welt kam und für jüngere Erdenbürger schon seit Urzeiten tot ist, kann man ihn durchaus in Bild und Ton sehen und hören. Es gibt einiges Filmmaterial von ihm und seinem Umfeld und vor allem gibt es Tonaufnahmen. Jetzt neu erschienen im Hörverlag sind 17 Stunden Original Thomas Mann auf 17 CDs. Er liest/las darauf u. a. aus dem “Felix Krull”, dem “Zauberberg”, “Joseph und seine Brüder”. Zu hören sind außerdem die Reden “Deutsche Hörer”, die er mit der BBC aufnahm und die für die Landsleute im Nazi-Deutschland gedacht waren. Und Thomas Mann erzählt von der Musik, die er gerne hörte und von der es dann auch Hörbeispiele gibt. Diese Vorträge zeugen auch von der darstellerischen Begabung des Schriftstellers, deutlich wird das vor allem wenn er mal heiter-ironisch, mal getragen bis tragisch aus den eigenen Romanen und Erzählungen liest.

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Lahme, Tilmann: Die Manns. Geschichte einer Familie. – S. Fischer, 2015 (ersch. 8. Okt. 2015). Euro 24,99

Demandt, Christian (Hrsg): Bürger auf Abwegen. Thomas Mann und Theodor Storm. – Wallstein, 2015 (ersch. 1. Sept. 2015). Euro 24,90

Missfeldt, Jochen: Du graue Stadt am Meer. Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert. – Reclam, 2014 (TB-Ausg., Original: Hanser, 2013). Euro 14,95

Spreckelsen, Tilman: Das Nordseegrab. Ein Theodor-Storm-Krimi. – Fischer TB, 2015. Euro 9,99

Flügge, Manfred: Das Jahrhundert der Manns. – Aufbau Verlag, 2015. – Euro 22,95

Mann, Thomas: Die große Originalton-Edition. 17 Audio-CDs und 1 Audiobook. – der Hörverlag, 2015. UVP Euro 49,99

Theodor-Storm-Gesellschaft

Deutsche Thomas-Mann-Gesellschaft

Thomas-Mann-Forum München e. V.

 

Ehrung für eine Graphomanin

Juli Zeh ist Thomas-Mann-Preisträgerin

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„Süßer die Glocken nie klingen“, „Vom Himmel hoch“, „Tochter Zion“: Der Leierkastenmann am Eingang zum Innenhof der Münchner Residenz kurbelt eine weihnachtliche Weise nach der anderen. Sein Stoffaffe soll zur Abgabe eines gnädigen Obulus animieren. München leuchtet einmal mehr an diesem zweiten Adventsonntag. Diesmal im Lichterglanz kurzer Tage, der blass wirkt unter dem heute wieder sehr bayerisch blauen Himmel des frischkühlen Wintermorgens.

München riecht nach Schweinsbratwürschteln, Bratapfel, Nuss- und Mandelkern, nach Glühwein. Es wird italienisch gesprochen in der Hauptstadt des Freistaats. Die Gäste aus dem Süden stromern über die Weihnachtsmärkte, photographieren Sehenswürdigkeiten, besetzen Cafés und Wirtshäuser. Palaver, Frohsinn und Gemütlichkeit allerorten.

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8. Dezember 2013, 11 Uhr: Verleihung des Thomas-Preises an die Schriftstellerin Juli Zeh im Max-Joseph-Saal der Münchner Residenz. Der Preis wird von der Hansestadt Lübeck und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste vergeben; in stetem Wechsel, ein Jahr in München, ein Jahr in Lübeck.

Zur Begrüßung sagt der Verleger, Schriftsteller und neue Akademie-Präsident Michael Krüger, Thomas Mann habe den Menschen „als ein abgründiges Meisterwerk der Welt“ beschrieben. Unsere Zeit brauche neue Deuter, Schriftsteller und mutige Staatsbürger. Aus Lübeck ist die Stadtpräsidentin Gabriele Schopenhauser angereist, die Stadt München wird durch die Bürgermeisterin Christine Strobl repräsentiert. Die Bayerische Staatsregierung ist nicht vertreten; sie hat sich aus der Finanzierung der Akademie zurückgezogen.

In seiner Laudatio tritt Ilija Trojanow, der die zu Ehrende aus produktiver Zusammenarbeit bestens kennt, als Staatsanwalt, als Ankläger auf. Juli Zeh hat auf der imaginären Anklagebank Platz genommen, hinter einem Tisch auf dem sich ihre Bücher stapeln. Mit noch nicht einmal 40 Jahren, kann die Autorin eine beachtliche Bibliographie vorweisen. Als promovierte Juristin verteidigt sie sich und ihr Werk selbst, meist indem sie Passagen daraus vorliest. Die Beiden heben humorvoll die Trennung zwischen Laudatio und Danksagung auf, die bei solchen Preisverleihungen üblich ist.

media_28606997--INTEGERIhr wird u. a. „frühes graphomanisches Wirken“ und Aufruf zum bürgerlichen Ungehorsam in Form von Widerstand gegen staatliche Instanzen und Regelungen vorgeworfen. Immer wieder schlage sie ihr Lager „im Niemandsland der Provokation“ auf. Ihr Lebenslauf sei eine kriminelle Laufbahn, die sich in ihren „Machwerken“ dokumentiere. 566 Seiten stark sei z. B. das Verbrechen, das als der Roman „Spieltrieb“ aktenkundig wurde. Es zeichne sich durch besonders perfide Untergrabung des moralischen Konsenses unserer Gesellschaft aus, gefährde die Ordnung des bewährten Schulsystems und schrecke auch vor pornographischen Passagen nicht zurück. „Vom Hochsitz des auktorialen Erzählens“ richtet sie ein Massaker an unseren Illusionen an. Seit Jahren seien außerdem kleinere Delikte – Artikel und Essays zu nahezu allen Themen – in vielen Medien unserer Republik zu finden.

Sie schreibt immer und überall. Schon in den Kinderjahren; auf einer Treppenstufe im Elternhaus soll es angefangen haben. Seitdem: Blatt um Blatt, Kladde auf Kladde. Juli Zeh legt Wert auf die Trennung von Schreiben und Veröffentlichen. Betont dennoch gleichzeitig die Pflicht des Autors zum „verbalen Tag der offenen Tür.“ Die von der Autorin vorgetragenen Auszüge aus ihrem veröffentlichten Schreiben nennt „Staatsanwalt“ Trojanow Beweisstücke.

DSCN0731Wir hätten es mit einer Wiederholungstäterin zu tun, konstatiert der Ankläger. Es bestehe akute Rückfallgefahr; mit einer Wiedereingliederung in die Gesellschaft ist nicht zu rechnen. Sie sei eine Volksverführerin, eine Rattenfängerin, die rebellische Pamphlete verteilt und die Bürger auffordert ihre Rechte zu schützen. Letzteres sei doch ausschließlich Aufgabe und Zweck der staatlichen Organe, die auch über die geeigneten Mittel hierfür verfügen. (Raunen und vereinzeltes Gelächter im Saal.)

Allerdings sind auch mildernde Umstände anzuführen. Ihre Affinität zur polnischen Sprache etwa, die sie sich angeeignet hat, und zur Literatur des Nachbarlandes seien sehr zu begrüßen. (Es folgt ein kurzer polnischer Dialog). Dennoch sieht der Ankläger alles in allem die Schriftstellerin vorsätzlich handeln. Juli Zeh widerspricht: „Das was man Roman nennt, stößt einem zu.“

Aber wie immer das Urteil ausfalle, sie habe gar nicht vor sich zu ändern. „Ich möchte gerne Serientäterin bleiben.“ Die Prozessbesucher spenden dafür langen, dankbaren Beifall und Juli Zeh nimmt ebenso dankbar Urteil und Auszeichnung in Form einer Urkunde entgegen.

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Nach der Veranstaltung spaziere ich am Literaturhaus und einem weiteren – diesmal mittelalterlichen – Weihnachtsmarkt vorbei Richtung Lenbachhaus. Ich interessiere mich für die Bilder der Gruppe „Blauer Reiter“. Der Weg führt über den Königsplatz. Der reichsdeutsche Stil des weitläufigen Aufmarsch-Geländes erinnert an Münchens Rolle im „tausendjährigen Reich“ und den nachträglichen Umgang der „Stadt auf der Hochebene“ (wie sie Lion Feuchtwanger gerne nannte) mit dieser Epoche. Man denkt auch an den Umgang Münchner Intellektueller, Künstler und Politiker mit Thomas Mann und seiner Familie. Unvergessen der „Protest der Wagnerstadt München“ im April 1933 gegen absichtlich missverstandene Äußerungen Thomas Manns über Richard Wagner, der von viel Prominenz und Schickeria unterschrieben wurde.

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Es ist Aufarbeitung von Geschichte der speziellen Münchner Art, dass hier derzeit ein „NS-Dokumentationszentrum“ entsteht. Konzipiert als „ein Lernort zur NS-Geschichte Münchens, zu den Folgen und Nachwirkungen der NS-Zeit“. Auf dem Gelände stand einst das „Braune Haus“, die Parteizentrale der NSDAP. Eröffnet wird voraussichtlich 2014 – so viele Jahrzehnte nach dem Beginn einer Unzeit, deren Ursprünge ganz wesentlich in der bayerischen Metropole lagen. Schon jetzt ist erkennbar, dass das Gebäude in klinischem Reinweiß erstrahlen wird.

(Lesenswerte Romane über die braune Zeit in München gibt es u. a. von Oskar Maria Graf, Lion Feuchtwanger und Thomas Mann, vom Historiker Golo Mann sind in diesem Zusammenhang seine „Deutsche Geschichte“ und seine Erinnerungen erwähnenswert.)

München und Thomas Mann. Ein bisschen hätte ich mir schon gewünscht, dass die Schriftstellerin, Juristin und Bürgerrechtlerin Juli Zeh etwas über dessen Missverhältnis zu München, bzw. der Stadt zum Nobelpreisträger sagt. Aber bemerkenswerter Weise hat sie während der Veranstaltung den Namensgeber des Preises der ihr verliehen wurde mit keinem Wort erwähnt.

Marcel Reich-Ranicki

„Wäre es nicht richtiger, die Poesie in das Centrum zu setzen?“ (Friedrich Schlegel, Notizen zur Philosophie)

Am Tag nach seinem Tod sahen viele Titelseiten der Tageszeitungen aus, wie sie früher immer aussahen. Unbunt. Ein großes Schwarzweiß-Portrait des Verstorbenen wurde an prominenter Stelle plaziert. Auf diesen Bildern sieht er aus, wie er für uns viel jüngere – heute durchaus auch schon Fünfzig- oder Sechszigjährigen – aussah seit wir ihn kannten. Alterslos alt, kritisch gefaltetes Gesicht, ironisch geschwungene Lippen, starke Brille. Ein temperamentvoller Mann mit lebenskräftiger Ausstrahlung.

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Er gehörte zu Jenen, die Zögerlichen wie mir versicherten, dass man die Beschäftigung mit Literatur zu einem Hauptbestandteil des eigenen Lebens machen darf. Hauptberuflich, außerberuflich, überhaupt. Wie es sich ergibt. Wie es gefällt. Alle schrägen Blicke und verletzenden Einwände, alle Verdächtigungen von ach so regen, zerstreut und unruhig tätigen Zeitgenossen, können getrost und ohne Rechtfertigungszwang ignoriert werden. Marcel Reich-Ranicki lebte eine unbedingte Hingabe an die Literatur vor. Leben in, mit und für Literatur, verstanden als Gunst, nicht ohne auch Genuss und “viel Spaß” daran zu haben.

Viel Freude und intensives Interesse hatte er am großräumig realistischen Erzählen. Mit ihm teile ich die Begeisterung für die gewichtigen Gesellschaftsromane des 19. Und 20. Jahrhunderts. Und im Gegensatz zu ihm, werde ich hoffentlich noch etwas Zeit haben um entsprechende Werke des 21. Jahrhundert zu entdecken. In der weitausholenden Epik muss – darauf legte er ausdrücklich Wert – immer auch viel Platz für die Liebe sein, auch die erotische Liebe.

Das galt ebenso für von ihm geschätzte Lyrik. Für starke Poesie, für Verse, Lieder, Bilder von bleibendem Wert, setzte er sich ein. Als Herausgeber seiner Frankfurter Anthologie. Zeitlose Höhepunkte der Dichtkunst aller Epochen wurden regelmäßiger und fester Teil einer einflussreichen Tageszeitung und erschienen in Buchform. Es ist sehr zu hoffen, dass die Serie nicht endet, dass “seine” Zeitung auch in Zukunft dafür Raum bietet. Von ihm habe ich mir sagen lassen, dass Bert Brecht einer der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker neuerer Zeit war. Das hatte ich selbst nie so wahrgenommen. Jetzt sah ich Brecht mit anderen Augen, las ihn völlig neu.

Thomas Manns letzter Roman blieb Fragment, denn ursprünglich hatte er einen weiteren Teil geplant. Es war dieses Buch, das ich von ihm als erstes in die Hände bekam – eher zufällig, vielleicht aus Neugierde. Stundenlang saß ich, versunken in den “Krull” und in einen alten, weinroten Plüschsessel. Ich werde damals wohl etwa 17 oder 18 Jahre alt gewesen sein. Was habe ich verstanden, was empfunden? Die Sprache, der Ton, die Melodie, seine Ironie und die genial aus Realität geformte Erzählung, gewannen mich, wie ich jetzt im Rückblick feststellen kann, zunächst für sein Werk, später auch für Person und Umfeld. Es wird wohl eine lebenslange Beziehung bleiben. Dauerhaft wurden „Doktor Faustus“, „Tonio Kröger“ und „Der Tod in Venedig“ zu meinen ganz persönlichen „Hauptwerken.“ Wobei ich sagen muss, dass natürlich die „Buddenbrooks“ eine herausgehobene Sonderstellung einnehmen. Dieses Buch ist dann doch zu „famos“, grandios und virtuos.

Berlin, Thomas Mann

Thomas Mann, 1929, das Jahr in dem ihm der Nobelpreis verliehen wurde. – Quelle: Bundesarchiv Berlin. Bild 183-H28795

“Je mehr wir von Thomas Mann zu lesen bekommen, desto schwieriger wird es, diesen Leistungsethiker, diesen gigantischen Enzyklopädisten zu lieben – und desto leichter, in zu bewundern, ja zu verehren.” (Marcel Reich-Ranicki, “Das Genie und seine Helfer”, 1976)

Wo soll man bleiben mit eigener Bewunderung und Verehrung, die etwas einsam machen kann? Da freut man sich Gesinnungsbrüder zu finden. Wobei in diesem Fall Gesinnungs-Vater vielleicht die passendere Bezeichnung wäre. Es war in den letzten Jahrzehnten nicht immer leicht sich als leidenschaftlicher Thomas-Mann-Leser zu bekennen. Es gab viele Schnellaburteiler, kenntnisfreie Verächter. Wer, wie Marcel Reich-Ranicki, beim Thema Thomas Manns Epik ins Schwärmen, sehr leicht auch in referierendes Monologisieren geriet, stieß vielfach auf Ablehnung. Marcel Reich-Ranicki verdanke ich die Bestätigung meiner Ahnung, dass Thomas Mann der bedeutenste Epiker deutscher Sprache, mindestens des 20. Jahrhunderts ist. Und dass man sich zu diesem exzellenten Wirklichkeitsgestalter, handwerklich höchst anspruchsvollen Satzdrechsler und bitter-zartem Ironiker ohne Scheu und Reue bekennen kann. Er hat die umfangreiche, breitangelegte literarische Form zur Vollendung gebracht.

 “Es gibt nichts Gutes außer: Man tut es.”

Erich Kästners Kinderbücher haben inzwischen vielen jungen Generationen gut getan. Wie oft habe ich das „Fliegende Klassenzimmer“ gelesen? Ich kenne alle Verfilmungen des Stoffes. Von Erich Kästner konnte, wer wollte, erfahren, das die scheinbare Unvernunft von Kindern, die vernünftigere Geisteshaltung ist. Dann natürlich seine Chansons und Gedichte für Erwachsene aus der Zeit der Weimarer Republik. “Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn?” Sein Berliner Krisen-Roman „Fabian“, über die Hilflosigkeit des Individuums. Über Arbeitslosigkeit und Elend, die Endzeitstimmung der Zwischenkriegsjahre. Diese Geschichte eines begabten Menschen dem immer mehr die Hoffnung auf eine erträgliche Zukunft schwindet. Der Ausweg der sich dann doch abzeichnete, und von vielen Zeitgenossen Kästners, auch Künstlerkollegen, euphorisch eingeschlagen wurde – er führte in die Nazi-Diktatur mit all ihren furchtbaren Folgen.

Erich Kästner 1968 bei Dreharbeiten in München. Foto: MoSchle

Mit Marcell Reich-Ranicki teile ich die Sympathie für den Schriftsteller – und ein bisschen auch für diesen sächsischen Muttersohn – Erich Kästner. Zu dessen 75. Geburtstag erschien ein mehrspaltiger, liebevoller Aufsatz Reich-Rinickis in der FAZ. Zurückhaltend bis wohlwollend äußerte er sich über Kästners Verhalten während des Dritten Reichs. Kästner habe seine besondere Form des inneren Exils gewählt. Für den Autor spräche auch, dass seine Bücher von den Nazis verbrannt wurden. „Deutschlands Exilschriftsteller honoris causa“ nennt ihn deshalb der Kritiker. Für ihn war er „der Sänger der kleinen Leute, der Dichter der kleinen Freiheit.“ Kästner wollte niemanden erlösen, glaubte nicht die Welt verbessern zu können. „Er hatte nicht mehr und nicht weniger zu bieten als Grazie und Esprit, Humor und Vernunft“, heißt es im Aufsatz von 1974.

Marcel Reich-Ranickis Autobiographie „Mein Leben“ wurde ein internationaler Bestseller. Hier trat er den Beweis an, dass auch er zu den richtigen Erzählern gehört. Was mag es ihm bedeutet haben, dass sein kommerzieller Erfolg mit diesem Buch manches übertraf was die von ihm gelobten oder gescholtenen Autoren verfasst hatten? Die Lektüre von Reich-Ranickis Lebensbeschreibung war für mich einer der wichtigsten und ehrlichsten, mich sehr unmittelbar erreichenden Einblicke in die Ungeheuerlichkeiten des Dritten Reichs und das Schicksal deutscher und osteuropäischer Juden. Dieses Buch hat mein Geschichtsbild noch einmal nachhaltig geschärft und mich erneut gegen alle Formen von Relativierung sensibilisiert.

Aus seinem Schicksal schöpfte er selbst Mut, Kraft und Zuversicht. Man kann das mit eigenem Verstand kaum fassen. „Schrecken konnte ihn wenig. Er hatte andere Schrecken erfahren und überlebt,“ schrieb Volker Hage im „Spiegel“. Allen Pauschalverurteilungen hat er, der jedes Recht auf lebenslangen Hass gehabt hätte, sich stets verweigert, und bleibt so dauerhaftes Vorbild für die eigenen Sichtweisen der Gegenwart.

“Ich schrieb mit scheußlicher Feder!” (*)

“Mein Nachrichtendienst” – unter diesem Titel wurden jetzt bei Wallstein die Briefe der Hedwig Pringsheim an ihre Tochter Katia Mann aus den Jahren 1933 – 1941 veröffentlicht. Herausgegeben und kommentiert hat die umfangreiche zweibändige Edition der Literaturwissenschaftler, Thomas-Mann- und Bayern-Spezialist Dirk Heißerer.

“Liebe kleine gute Katja! So; nun rollt dies 1934 unwiderruflich, unwiederbringlich in den Abgrund, Kronos hat allwieder, der unersättliche Freßsack, eins seiner Kinder verschlungen; und wir stehen und starren in den Abgrund und wissen nicht, sollen wir uns freuen oder sollen wir trauern. Denn ach, wir wissen ja nicht, welches Gesicht dies 1935 uns weisen wird. Nichts, garnichts wissen wir. Also laßt uns fröhlich sein und Pfannkuchen essen und Punsch trinken!” (Brief 98, vom 29.12.1934) Sätze einer begabten, ausdrucksstarken Schreiberin.

Welche Konstellation. Sie war die Tochter von Hedwig Dohm, der berühmten Frauenrechtlerin und feministischen Autorin. Sie wurde die Frau von Alfred Pringsheim, dem großbürgerlichen Mathematik-Professor, Kunst- und Musikliebhaber. In jungen Jahren eine kurze Karriere als Schauspielerin. Mutter von fünf Kindern, darunter die begabte, eigensinnige Katia. Schwiegermutter des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann.

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Die junge Hedwig Pringsheim, geb. Dohm

Der erste Brief stammt vom 20. März 1933, da war Hedwig Pringsheim bereits 77 Jahre alt. Die Tochter Katia, 1883 geboren und seit 1905 verheiratet mit dem in Lübeck aufgewachsenen Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann, inzwischen Mutter von sechs Kindern, lebte seit wenigen Wochen in Zürich. Der Ausbruch des Hitlerschen Größenwahns und der Beginn des von ihm verkündeten tausendjährigen Reiches hatten das Paar veranlasst von einer ihrer zahlreichen Auslandsreisen nicht mehr nach München zurückzukehren. Die wichtigste Verbindung zum Elternhaus wurde für Katia danach der Briefwechsel mit der Mutter. 375 Briefe von der Mutter an die Tochter sind erhalten.

Die Überlieferungsgeschichte des Brief-Konvoluts, die Dirk Heißerer für uns zusammengefasst hat, gehört zu den spannenden Passagen des ausgesprochen dichten und erkenntnisreichen Nachworts. Die Antwort- und Gegenbriefe von Katia sind wohl verloren. Heißerer versuchte dies in den Kommentaren zu kompensieren, indem er sich an den Tagebüchern von Thomas Mann orientierte. Weitere wichtige Quellen für den erläuternden Anhang waren die Tagebücher der Hedwig Pringsheim, sowie Briefe von und an Thomas, Katia und Erika Mann, an und von Klaus und Peter Pringsheim.

Bis Oktober 1939 schrieb Hedwig Pringsheim aus München. Die Pringsheims hatten lange gezögert Deutschland zu verlassen, die deutschen Wurzeln zu kappen und den Verlust des Besitzes – unter anderem die große Kunstsammlung – hinzunehmen. Doch 1939 mussten auch sie nach Zürich emigrieren und Hedwig schreibt ihre Briefe von November 1939 bis Ende 1941 aus dem Schweizer Exil. Im Juli 1942 erliegt sie einem Krebsleiden. Katia und Thomas Mann sind inzwischen im kalifornischen Pacific Palisades zu Hause.

Nach dem ersten Durchblättern, einigem Kreuz- und Querlesen, kann ich nur staunen, was Dirk Heißerer hier geleistet hat. Bewundernd sitzt man vor dieser akribischen Herausgeberschaft, vor diesem Mammutwerk. Die eigentlichen Briefe machen den kleineren Teil der beiden Bände aus. Den größeren beanspruchen die verschiedenen Anhänge: Kommentare, Register, Glossare, Quellen-Nachweise und Nachwort.

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Katharina „Katia“ Mann, geb. Pringsheim, im Alter von 22 Jahren.
Foto: Carl van Vechten

Aufschlussreich, hilfreich und während der Lektüre immer wieder eine gute Orientierungshilfe sind die Familientafeln im zweiten Band, sowie das Glossar, das beiden Bänden mitgegeben wurde. Die Familien Pringsheim, Dohm und Mann waren sehr weit verzweigt und man muss immer wieder einmal für einen Namen den Platz in der richtigen Familie und der passenden Generation finden. Das ausführliche Personenregister liest sich übrigens wie ein Who’s who des mitteleuropäischen Kultur- und Geisteslebens vom Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Da wird die Lust geweckt der einen oder anderen bekannten oder weniger bekannten Persönlichkeit intensiver nachzuspüren. Spuren, die uns, würde man ihnen folgen, leicht vom sprichwörtlichen Hundertsten ins nicht mehr überschaubare Tausendste entführen könnten.

Meist stehen für Hedwig Pringsheim zunächst einmal familiäre Themen und Probleme des Alltags im Vordergrund und werden ausführlich abgehandelt. Geburten und Gebrechen, Hochzeiten und Todesfälle, Glücksfälle und Unglücksfälle im Verwandten- und Bekanntenkreis, Lebensmittelpreise und Versorgungsengpässe. Doch auch die politischen Entwicklungen, die laufenden Ereignisse in Nazi-Deutschland sind wichtiger Teil der mütterlichen Berichte. Um die stärker werdenden Zensur-Schikanen des Regimes zu unterlaufen, wird im Laufe der Jahre zunehmend verschlüsselt geschrieben; in Kodierungen, die nur Familienmitgliedern etwas sagen. Etwa wenn Katja und Thomas vor einer Rückkehr nach München gewarnt werden müssen.

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Im Brief 245 geht es um ein gescheitertes Wiedersehen, das für den Juli 1938 in Kreuzlingen bei Konstanz geplant war. Letzten Endes kam es nur zu einem Telefonat. In den Briefen 263 bis 265 erfährt man aus erster Hand von den konkreten Folgen der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Und wie und welche Verwandte, Freunde danach in Konzentrationslager verschleppt wurden. Ein großes Thema ist auch der Raub der umfangreichen Pringsheimschen Kunstsammlung durch die Nazis. Briefgespräche von der Mutter an die Tochter gerichtet, über die von den Machthabern unüberwindlich gemachten terretorialen Grenzen und Einschränkungen hinweg.

Es sind Zeugnisse der einzigartigen Zerstörung geistiger, künstlerischer, wissenschaftlicher Traditionen und Lebensformen des jüdischen Großbürgertums im nationalsozialistischen München. Hedwig Pringsheims Schreibstil ist ausgesprochen originell, immer anschaulich, häufig ironisch. Es herrscht ein spezieller “Familienton” vor. Jener Ton “witziger, geistiger Konversation” ist noch vernehmbar, wie er vor 1933 im Palais Pringsheim gepflegt wurde. In ihren Briefen setzt Hedwig das auf ihre besondere Weise fort. Das hat durchaus schriftstellerische Qualitäten und etwas sehr Eigenes, nicht nur weil mit der Rechtschreibung nach individuellen Regeln umgegangen wird.

“Also ich bin nicht glücklich. Aber das kann man ja auch wirklich now-a-days nicht verlangen. Wir wonen gut, wir haben einigen netten Verkehr, und jetzt muß ich mich sogar gleich zum Sonntagsessen zu Lily’n toilettiren. Deren Genueser Verwandte reisen wol Ende der Woche wieder in ihre italienische Heimat, und dann fangen gewiß sofort Lily’s berümte jours an, über deren Besucherzal sie mir immer triumphirend berichtete; auf die ich mich aber, offengestanden, kein bischen freue, obgleich ich ja, wie sie sagt, jedes Mal kommen muß.” (Ein kleiner Ausschnitt aus Brief 314, geschrieben in Zürich am 14.1.1940, Hedwig ist ansonsten u. a. mit der Lektüre von Goethes “Wilhelm Meister” beschäftigt. “… gute Lektüre …”. Lily ist die Pianistin Karolina Reiff, geb. Sertorius, eine der ältesten Freundinnen Hedwig Pringsheims, sie lebte schon seit 1893 in Zürich)

Was nun? Wie geht man als Leser mit dieser spektakulären Neuerscheinung um? Immer wieder einmal darin schmökern? Die kiloschweren Wälzer in die Sommerfrische mitnehmen? Man liefe Gefahr mehr Zeit mit diesen faszinierenden Bänden zu verbringen als in grünem Wald und auf freier Flur. Man kann die gewichtigen Leinenbände vermutlich so oft in die Hand nehmen, wie man will, ganz fertig wird man mit der Fülle des Materials so schnell nicht. Wer sich davon angeregt, noch intensiver mit Leben, Umfeld und Schicksal der Hedwig Pringsheim beschäftigen möchte, der kann die beiden Bücher von Inge und Walter Jens über Katia Mann und ihre Mutter, sowie die Tagebücher der Hedwig Pringsheim lesen.

(*) Schlußsatz unter Brief 187, vom 5. 7. 1937

Pringsheim, Hedwig: Mein Nachrichtendienst. Briefe an Katia Mann 1933 – 1941. 2 Bände, herausgegeben und kommentiert von Dirk Heißerer. – Wallstein Verlag, 2013

Jens, Inge; Jens, Walter: Katias Mutter. Das außerordentliche Leben der Hedwig Pringsheim. – Rowohlt, 2005

Jens, Inge; Jens, Walter: Frau Thomas Mann. Das Leben der Katharina Pringsheim. – Rowohlt, 2003

Pringsheim, Hedwig: Tagebücher 1885 – 1897. 2 Bände, herausgegeben von Cristina Herbst. – Wallstein Verlag, 2013

Feste lesen!

Bei Kerzenschimmer, Zimtgebäck und Malventee. In Wollsocken unter der Leselampe. Mit Büchern durch den Winter.

“Es ist etwas Besonderes um Menschen, die am gedruckten Wort Interesse haben. Sie sind eine eigene Spezies: kundig, freundlich, wißbegierig – einfach menschlich.” Dieser Satz stammt von Nathan Pine, der, als er im Dezember 1982 neunzigjährig in New York verstarb, 77 Jahre als Buchhändler gearbeitet hatte.

Lange Lesen

Zum Beispiel mit Jan Brandt und seinem “Gegen die Welt” (Dumont. Euro 22,99). Der aus Leer stammende Jungautor und Journalist macht seine Heimatregion Ostfriesland zur literarischen Landschaft. Die Geschichte beginnt Mitte der Siebzigerjahre und erzählt wird auf fast 1000 Seiten die Geschichte des Daniel Kuper, der gerne zwischen Stühle und geistige Fronten gerät und in dessen Leben es nicht immer mit rechten Dingen zu geht. “Rebellisch und bewegend, wahnsinnig und witzig”, fand Söhnke Wortmann das Buch.

“Der wahrhaftige Volkskontrolleur” von Andrej Kurkow (Haymon. Euro 22,90) hat leider nur schlappe 500 Seiten. Man hätte gerne mehr gehabt von diesen absurden, skurrilen und doch der Realität so nahen Episoden und Ereignissen, die in Russland angesiedelt sind. Kurkow selbst stammt aus der Ukraine und ist spätestens seit seinem “Picknick auf dem Eis” auch bei uns bestens bekannt. Ob Russland oder Ukraine – nicht auszuschließen, dass der Alltag in beiden Staaten derzeit große Ähnlichkeit mit Kurkows Romanen hat. In seinem neuen Buch geht es um einen eher harmlosen Zeitgenossen, der unerwartet in das groteske Amt eines Volkskontrolleurs gewählt wird. Das bleibt nicht folgenlos.

Wer den diesjährigen Gewinner des deutschen Buchpreises noch nicht gelesen hat, sollte die Feiertage dazu nutzen. “In Zeiten des abnehmenden Lichts” (Rowohlt. 19,95) reisen wir mit Eugen Ruge. Und es sind sehr deutsche Zeiten. Eine breit angelegter Familienroman, der ganz aus östlicher, also DDR-Perspektive erzählt wird. Der Autor war bereits 57 Jahre alt, als sein Erstling dieses Jahr erschien und für den die eigene Familiengeschichte reichlich Stoff lieferte. Einer der Höhepunkt, wie in so manch gutem Generationen-Roman, ist ein Weihnachtskapitel. Rasant und amüsant wie hier linienharte Stalinisten den Spagat versuchen zwischen völligem Ignorieren und gelassenem Hinnehmen dieser christlich-heidnischen Traditionsveranstaltung.

Wer lieber etwas lesen möchte, das mit unseren aktuellen Problemen zu tun hat, ist bei einem anderen Buch richtig, das ebenfalls ein wundervolles, vor allem nahrhaftes Weihnachtskapitel zu bieten hat. Hauptsächlich geht es jedoch um Spekulation, Warentermin-Geschäfte, geschäftlichen Niedergang, die Krise des Kapitalismus, die Unzufriedenheit breiter Bevölkerungsschichten und um Probleme mit der nachwachsenden Generation. Das Buch ist dick, gut und erschien erstmals vor 110 Jahren: “Buddenbrooks” von Thomas Mann. (S. Fischer. Gebunden Euro 14, als TB Euro 9,95)

Besonderes Lesen

Judith Schalansky erfüllt mir viele Wünsche. Sie hat ihr neuestes Werk traumhaft schön gestaltet, selbst gesetzt, Material, Schrift und Farben ausgewählt. In der Hand hält man mit “Der Hals der Giraffe” (Suhrkamp. Euro 21,90) ein ganzheitlich erfahrbares Sinnes- und Lese-Erlebnis, das die vielfach begabte Schriftstellerin schelmisch einen Bildungsroman nennt. Es ist zeitlich vor und nach der deutschen Wende angesiedelt und handelt von einer Lehrerin, die Naturwissenschaften unterrichtet und deren Verstand Gefühlsregungen ablehnt. Eine grausame und gleichzeitig bemitleidenswerte Figur, für die man als Leser seltsamerweise alsbald echte Sympathie entwickelt. Ein faszinierender Beweis, was Literatur anrichten kann.

“Wunsiedel” (Wunderhorn. Euro 18,90) ist ein kleines Städtchen im nördlichen Franken, nahe der Grenze zu Tschechien. Nicht jeder kennt es. Im Sommer finden dort auf Deutschlands ältester Freilicht- und Naturbühne die Luisenburg-Festspiele statt. Wunsiedel ist der Geburtsort des ebenso originellen, wie zu wenig geschätzten Dichters Jean Paul. Beides spielt in dem schmalen Band von Michael Buselmaier eine zentrale Rolle. Der Autor, der wenig und selten veröffentlicht, lässt seinen Protagonisten zweimal in die Provinz reisen. Das reicht um den Leser über dessen Leben zu unterrichten. Lektüre für Menschen, die sich bei Handke, Hermann Lenz oder Kappacher nicht langweilen.

“Die Herrlichkeit des Lebens” (Kiepenheuer & Witsch. Euro 18,99) ist ein wirklich doppelbödiger Titel für das neue Buch von Michael Kumpfmüller und inhaltlich ein starker Kontrast zu seinem vielbeachteten “Hampels Fluchten”. Geht es darin doch um die letzte Liebe, das elende Siechtum und das frühe Sterben des Franz Kafka. Irgendwo zwischen jeder Menge Elend und Aussichtslosigkeit glimmt der Funke eines kleinen Glücks, das fast alles erträglich macht. Eindrucksvoll und einfühlsam erzählt. Franz Kafka, der deutschsprachige Jude aus Prag, einer der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, starb am 3. Juni 1924. Er wurde nur 41 Jahre alt.

Preiswert lesen

Eine ebensfalls längst vergangene jüdische Welt und Kultur lernen wir in Peter Manseaus “Bibliothek der unerfüllten Träume” (dtv. Euro 9,90) kennen. Ein junger amerikanischer Autor mit praller osteuropäischer Erzähllust. In den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wandert Itsik Malpesch aus dem bessarabischen Kischinau nach New York aus. Sein Leben ist von zwei großen Lieben geprägt. Zur Literatur und zur Metzgerstochter Sascha Bimko. Malpesch denkt und dichtet in einem ausgestorbenen jiddischen Dialekt. Am Ende seines Lebens ist er der einzige der diesen noch beherrscht.

Hanns-Josef Ortheils  “Die Erfindung des Lebens” (btb. Euro 11,99) ist wieder etwas für Leute, die gerne länger am selben Buch lesen. Fast 600 Seiten umfasst dieser stark autobiographische und kaum verschlüsselte Roman des in Köln und im Westerwald verwurzelten, heute in Stuttgart lebenden Schriftstellers, Nachdenkers und Genießers. Wie der Autor, erlebt die Hauptfigur des Romans, eine Mutter, die nach zahlreichen Schicksalschlägen nicht mehr spricht. Und so bleibt auch das Kind zunächst stumm. Der Vater und die Musik öffnen den Jungen schließlich für die Welt der Sprache. Er wird Schriftsteller. Eine Geschichte, fast zu schön, wüßte man nicht, dass sie im Kern wahr ist.

Viele sagen: Das ist der hinreisenste Liebesroman der letzten Jahre. Und die Geschichte ist bereits in unseren Kinos angekommen. Doch man sollte keinesfalls auf das Buch verzichten. “Zwei an einem Tag” (Heyne. Euro 9,99) von David Nicholls. Sie sind zwanzig als sie sich kennenlernen, aber eine gemeinsame Zukunft werden sie nicht haben. Getrennt durch Jahr und Tag, verpassen und begegnen sich immer wieder. Solide Erzählkunst, Humor und ein wenig Tragik, dazu ein Schuss britische Ironie – das macht zumindest die Leser glücklich.

Und zum guten Schluss noch: Das herrliche “Das war ich nicht” (Goldmann. Euro 8,99) des deutsch-isländischen Hamburgers Kristof Magnusson gibt es inzwischen auch als Taschenbuch. Drei Menschen, die vorher nichts voneinander wussten, geraten in abenteuerliche Wechselbeziehungen und eine Bank bricht zusammen. Rasant und amüsant. Mit für deutsche Romane ungewöhnlich flotten Dialogen.

Nun machen wir uns also auf zum Buchhändler unseres Vertrauens, Friedrich Nietzsches Satz immer im Hinterkopf: “Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen.”

Die Fotos dieses Beitrags sind von Wiebke Haag. Sie entstanden in dem walisischen Buchdorf Hay-on-Wye.

“Thomas Mann der Amerikaner”

Eine biographische Nahaufnahme von Hans Rudolf Vaget

Es ist eine Lektüre mit Mehr-Wert. Neben zahlreichen neuen oder vertiefenden Details über einen der wichtigsten Lebensabschnitte des Groß-Schriftstellers bekommen Thomas-Mann-Freunde manches Extra über die krisen- und kriegsreiche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Für alle also, deren historische Kenntnisse über solides Allgemeinwissen nicht hinausgehen, eine lohnende, stellenweise regelrecht spannende Lektion. Thomas Mann lebte vierzehn Jahre in den USA. In seiner nicht gerade ereignisarmen Lebensspanne, dürfte dieser Abschnitt zu den bewegtesten gehören.

Hans Rudolf Vaget lehrt als Literaturwissenschaftler in Northampton, Massachusetts. Thomas Mann ist seit Jahrzehnten einer seiner Forschungs-Schwerpunkte, zu denen auch Goethe und Richard Wagner zählen. Vaget hat den Briefwechsel von Thomas Mann und Agnes Meyer herausgegeben. Er ist einer der Herausgeber der aktuell bei S. Fischer erscheinenden neuen großen kommentierten Ausgabe der Werke Thomas Manns. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehört “Seelenzauber” – mittlerweile ein Standardwerk über Manns Beziehung zur Musik; in Zeitschriften und Kongressbänden sind darüber hinaus eine große Zahl vielbeachteter Aufsätze von ihm erschienen.

Franklin D. Roosevelt (1942), Foto: Library of Congress

“Annäherungen an Amerika”, “Amerika – die große Verführung” und “Die heimatliche Ferne” sind die drei Hauptabschnitte des Buches überschrieben. Schwerpunkte der Darstellung bilden Manns Verhältnis zur amerikanischen Politik, geprägt durch sein besonderes Verhältnis zum Präsidenten Roosevelt; das erstmals in dieser Breite analysierte Verhältnis zwischen dem Schriftsteller und seiner amerikanischen Förderin und Bewunderin Agnes Meyer – wir erfahren, wie differenziert, schwankend, ja phasenweise heikel diese Beziehung tatsächlich war. Den dritten großen Schwerpunkt bildet das literarische Schaffen Manns während der amerikanischen Periode, und man muss die Kraft bewundern, mit der er bei all den Ablenkungen, Unruhen und Unwägbarkeiten in Leben und Umfeld, zu solch konzentrierter und ergiebiger Arbeit fähig war.

Hans Rudolf Vaget erschloss für die Arbeit an seinem Buch neue, sowie bisher weniger beachtete Quellen und ermöglicht so veränderte Interpretationen und Sichtweisen. Etwa wenn wir erfahren, dass die prominente, hoch veranlagte Publizistin Susan Sontag bereits in sehr jungen Jahren eine große Thomas-Mann-Verehrerin war. Oder die von Vaget glaubwürdig belegte Erkenntnis, dass Thomas Mann während seiner Zeit in Amerika von Anfang an im Fokus und unter Beobachtung des FBI stand. Das war Teil eines Generalverdachts gegenüber fast allen Kulturschaffenden. “Hoover ließ praktisch die ganze amerikanische Literatur beschatten”, fasst Vaget zusammen.

Als schließlich die Kommunisten-Hysterie und die damit verbundenen Bespitzelungen, Verfolgungen und Intellektuellen-Tribunale in der McCarthy-Aera ihren Höhepunkt erreichten, sah Thomas Mann darin ein Form der “Herrschaft fascistischer Gewalt.” Als er selbst immer stärker unter Druck geriet, ging er schließlich mehr und mehr auf Distanz zum politischen Establishment seines Gastlandes. Diese Entwicklung hat letzten Endes entscheidend dazu beigetragen, dass er sich entgegen ursprünglicher Absichten, doch zu einer Rückkehr nach Europa entschloss und seine letzten Lebensjahre in Zürich verbrachte.

Thomas Mann gehörte zu den am meisten beachteten, übersetzten und materiell erfolgreichsten deutschen Schriftstellern im Exil. Das trug ihm auch allerhand Neid und Missgunst ein. Wie intensiv Wirkung und Wahrnehmung seiner Werke, dabei insbesondere der Joseph-Romane, gerade in Nordamerika war, macht Vaget in einem so bisher nicht ausgeführten Umfang deutlich. Auch der große Roman über Deutschland – “Doktor Faustus” – hat seine spezielle amerikanische Perspektive. Vaget dazu: “Thomas Manns deutschestes Werk entstand in Pacific Palisades, dem von Deutschland am weitesten entfernten Ort seiner Laufbahn.” Manns Geschichtsverständnis beruhte zwar in erster Linie auf persönlicher Erfahrung, geschrieben darüber hat der Nobelpreisträger jedoch aus zeitlicher undoder geographischer Distanz.

Die nun vorliegende, mit allen Anhängen fast 600 Seiten umfassende Teil- und Detail-Biographie des wichtigsten und vielleicht auch umstrittensten deutschen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts ist durchweg spannend, dabei flüssig zu lesen. Hin und wieder tauchen kleine Redundanzen auf. Wer will kann auch schwächere Passagen entdecken.

Ein Beispiel ist die Vermutung Vagets, dass “in der homoerotischen Dimension seiner Fiktionen ein reiches Potential für seine Langzeitwirkung beschlossen liegt, jedenfalls in Amerika” – die mir etwas gewagt und willkürlich erscheint, zumal wenn behauptet wird, “dass in einer Zeit, in der angesichts von Aids das gleichgeschlechtliche Begehren weitgehend wieder, wie schon in Thomas Mann formativen Jahren, eine solitäre und imaginäre Angelegenheit geworden ist …” Möglicherweise zeugt es von einer gewissen Unaufgeklärtheit, Veranlagung und Begehren gleichzusetzen. Auch kann ich, um es flappsig zu formulieren, derzeit keinen Run von Schwulen und Lesben auf die Werke Thomas Manns erkennen – weder diesseits noch jenseits des Atlantiks.

Freunde, Verehrer und Kenner Thomas Manns und seinem Werk, gleich welcher Weltanschauung und Neigung, werden die großartige Arbeit von Hans Rudolf Vaget aber auf jeden Fall mit Gewinn, ja mit Vergnügen, lesen und studieren. In der biographischen Sekundärliteratur zu Thomas Mann wird sie einen prominenten Platz neben Mendelsohn und Kurzke einnehmen, weil sie deren Standard-Werke vertiefend ergänzt und weiterführt.

Vaget, Hans Rudolf: Thomas Mann der Amerikaner. – S. Fischer, 2011. Euro 24,95