In Hölderlins Nähe

Ein Buch von Barbara Wiedemann erkundet Paul Celans Spuren in Württemberg und untersucht sein Verhältnis zu Deutschland.

Ende Oktober. Einer der letzten sonnigen und bunten Herbsttage. Ein Gang durch den Alten Botanischen Garten in Tübingen. Unter farbigen Baumkronen spielende Kinder mit ihren smartphonevernarrten Müttern. Junge Seiltänzer und Ballartisten auf weiten Wiesenflächen. Lesende Studentinnen und Studenten haben die Bänke besetzt. Vor der Brücke über die Ammer: Ein großer alter Herr mit langem schneeweißen Bart in Stricksocken und Ledersandalen spricht lebhaft zu einer spätsommerlich gekleideten jungen Frau mit dicker Umhängetasche und Fahrrad. Als Emeritus und Studentin stelle ich mir die Beiden vor, und dass er dabei war als Paul Celan in den 1950er und 1960er Jahren in Tübingen seine Gedichte vortrug. Vielleicht saß er neben Walter Jens, Ernst Bloch oder Hermann Lenz.

9783863510725_LBarbara Wiedemann hat ihr Celan-Buch an der Werk- und Editionsgeschichte von Celans Lyrik entlang geschrieben. Tübingen ist dabei Ausgangs- und zusammen mit Stuttgart geographischer Mittelpunkt. Die Germanistin und Romanistin Wiedemann arbeitet und schreibt seit vielen Jahren über Paul Celan. Sie ist Lehrbeauftragte an der Universität Tübingen und Herausgeberin zahlreicher Publikationen aus Celans Nachlass. Darunter der berührend poetische Briefwechsel mit der seelenverwandten Dichterfreundin Nelly Sachs und eine Dokumentation des Schriftverkehrs mit dem befreundeten Ehepaar Hanne und Hermann Lenz.

Hermann Lenz, ein Schriftsteller dem man früh das Etikett “Außenseiter” anklebte, hat Celan in seinem figurenreichen autobiographischen Roman “Ein Fremdling” in Gestalt des Dichters Jakob Stern auftreten lassen: “Jakob Stern las, und dabei flog alles Muffige beiseite… Von Stern ging eine Strahlungskraft aus; von ihm und seinen Versen… Stern war der einzige von heute, der sich sehen lassen konnte neben denen aus der alten Zeit; den Dichtern nämlich… “

1952 war der erste Gedichtband Celans in der Bundesrepublik erschienen. “Mohn und Gedächtnis”, der das berühmte Gedicht “Todesfuge” enthält. Im Juli des selben Jahres kam der Dichter zum ersten Mal nach Stuttgart, auf Einladung seines damaligen Verlags, der Deutschen Verlagsanstalt (DVA). Die Freundschaft mit dem Ehepaar Lenz begann bei einem Stuttgart-Besuch im Jahr 1954. “…bei ihnen wohnte Celan, weil der Verlag diesmal seinem Autor, an dem er inzwischen kräftig verdient hatte, zwar großzügig die Fahrkosten erstattete, sich um ein Hotelzimmer aber nicht gekümmert hatte.” Die enge Verbindung mit Hanne und Hermann Lenz blieb zwar nicht ganz ohne athmosphärische Störungen, doch sie gehörte bis zu seinem Freitod im Jahre 1970 zu den Konstanten in Celans Leben.

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Tübingen besuchte Paul Celan zum ersten Mal am 3. Februar 1955. Diese “Pilgerfahrt zu Hölderlin” führte ihn an das Grab im alten Stadtfriedhof und in den “‘Turm” am Neckar. 1955 erschien unter dem Titel “Von Schwelle zu Schwelle” ein weiterer Gedichtband. Seine erste Lesung in Tübingen fand am 3. Juni 1957 statt. Im Hörsaal 9 der „Neuen Aula“ der Universität, eingeladen und veranstaltet von der Buchhandlung Gastl. Vor einigen Monaten ist bei Klöpfer & Meyer ein wunderbares Buch mit dem Titel “Gastlwelt” erschienen. Eine “Hommage an eine alte Buchhandlung” mit Beiträgen dankbarer Kunden und Freunde. In ihrem Kapitel erzählt Barbara Wiedemann die Geschichte von Celans erster Lesung in Tübingen.

1959 erschien “Sprachgitter” und 1960 wurde Paul Celan mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet. Er reiste stets mit gemischten Gefühlen nach Deutschland. (Antijüdische Hass-Parolen an Häuserwänden waren keine Seltenheit.) Sehr deutlich nahm er den immer noch präsenten Antisemitismus im Land wahr und beklagte die mangelnde Aufarbeitung der Nazizeit im Deutschland nach 1945. Die Schriftsteller-Kollegen nahm er davon nicht aus. Als 1959 Heinrich Bölls “Billard um halb zehn” erschien sah er in diesem Werk ebenfalls entsprechende Tendenzen und es entspann sich eine Kontroverse zwischen den Schriftstellern.

In ihrem Buch geht Barbara Wiedemann auch noch einmal ausführlich auf die sogenannte “Goll-Affäre” ein. Die Witwe des Dichters Ivan Goll erhob gegen Celan Plagiatsvorwürfe. Obwohl sich die Unterstellungen als haltlos erwiesen, war Paul Celan tief getroffen. Aber “…viele deutsche Gesprächspartner rieten Celan vor allem dazu, seine Empfindlichkeiten doch möglichst abzustellen!” Während also die breite literarische Öffentlichkeit abwiegelte, stand Hermann Lenz dem Freund mit klaren Worten bei: “Solche Infamien sind auf die Dauer sehr gefährlich, denn eine Lüge, die immer wieder ausgesprochen wird, kann zuletzt doch noch geglaubt werden.”

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Die erste Lesung Paul Celans in Tübingen fand am 3. Juni 1957 in der „Neuen Aula“ der Universität statt.

“Ein Faible für Tübingen“. Paul Celan in Württemberg. Deutschland und Paul Celan, lauten etwas umständlich Titel und Untertitel von Barbara Wiedemanns Buch. Sie drücken aber sehr genau aus worum es der Autorin geht. Ausgehend von den zahlreichen Besuchen Paul Celans in Schwaben wird die komplizierte Beziehung eines deutschsprachigen Dichters, der kein Deutscher war, zum Land der Dichter und Denker – lange eines der Nazis und Henker – beleuchtet und akribisch aufgearbeitet. Wiedemann hat dazu zahlreiche neue Quellen erschlossen und Aussagen von Zeitzeugen einbezogen. So ist ein materialreiches Werk entstanden, das nicht immer flüssig zu lesen ist. Umfangreiche Quellen- und Literaturangaben, sowie das Register, regen zudem leicht zu Abschweifungen an. Für alle die sich mit Paul Celan beschäftigen, die sich für die literarische Szene in Württemberg und die geistige Verfassung Nachkriegsdeutschlands interessieren, ist es allerdings ein Meilenstein mit Handbuchcharakter.

“Niemandsrose” war 1963 der vierte und letzte Gedichtband Celans der zu seinen Lebzeiten in Deutschland erschien. Posthum kamen 1970 noch “Lichtzwang” und 1971 “Schneepart” heraus. Im Rahmen einer Tagung der Hölderlin-Gesellschaft in Stuttgart fand am 21. März 1970 die letzte öffentliche Lesung Paul Celans statt. Eine weitere sollte eigentlich noch im selben Jahr in Ulm stattfinden. Inge Aicher-Scholl, die Schwester der von den Nazis hingerichteten Studenten Hans- und Sophie Scholl, hatte eingeladen. Er ließ wissen, dass er gerne kommen würde und dass ein genauer Termin noch gefunden werden müsse. “Vermutlich in der Nacht vom 19. auf den 20. April hat Celan das Leben eines Überlebenden nicht mehr ertragen können. Inge Aicher Scholls Antwort vom 17. April wurde ungeöffnet aufgefunden.”

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Als ich an jenem Spätnachmittag Ende Oktober Tübingen wieder verließ, hatte ich tatsächlich große Teile des Buches vor Ort gelesen. Auf Bänken am Neckar und im Alten Botanischen Garten, bei Kaffee und Eis in der Altstadt. Im Schaufenster von Gastl entdeckte ich auf dem Rückweg einen Band mit Gedichten über Tübingen. Bevor ich ihn an der Kasse bezahlte, sah ich mich noch ein wenig zwischen den bücherprallen Regalen des engen, ganz seinem eigenlichen Zweck dienenden Ladens um, der für das geistige Leben Tübingens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielte. Dass in dem erworbenen Buch neben bekannten Namen wie Gustav Schwab, Isolde Kurz, Robert Gernhardt und natürlich Friedrich Hölderlin, weniger bekannten wie Irmgard Perfahl oder Dietrich Uffhausen, auch Paul Celan vertreten ist, kann nicht überraschen. Ausgewählt wurde sein Gedicht “Tübingen, Jänner”.

(Mit Ausnahme der Sätze aus Hermann Lenz Roman “Ein Fremdling” stammen alle Zitate aus Wiedemann, “Ein Faible für Tübingen.”)

Wiedemann, Barbara: “Ein Faible für Tübingen”. Paul Celan in Württemberg. Deutschland und Paul Celan. – Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2013

Wiedemann, Barbara (Hrsg.): Paul Celan – Nelly Sachs. Briefwechsel. – Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1993

Wiedemann Barbara; Lenz, Hanne (Hrsg.): Paul Celan – Hanne und Hermann Lenz. Briefwechsel. Mit den Briefen von Gisèle Celan-Lestrange. – Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2001

Lenz, Hermann: Ein Fremdling. Roman. – Insel Verlag, 1983

Rademacher, Heinz (Hrsg.): Gastlwelt. Hommage an eine “alte” Buchhandlung. – Klöpfer & Meyer, 2013

Borowsky, Kay; Werner, Barbara (Hrsg.): …und stochern weiter durchs Aquarell… Tübingen im Gedicht. (Mit e. Vorwort von Inge und Walter Jens), 2. Aufl. – Tübingen und Berlin: edition j. j. heckenhauer, 2004

“Die hellen Nächte” von Hans Sahl

Gedichte aus dem Exil an einem November-Abend in Tübingen

Die jüdische Familie Salomon war um 1900 in Dresden zu Hause. Hier wurde Hans Salomon, der sich später Sahl nannte, 1902 geboren. Im Berlin der 1920er und 1930er Jahre war er einer der bekanntesten Theater- und Literaturkritiker, schrieb für die führenden Blätter, sowie Gedichte, Erzählungen und Theaterstücke. 1933 musste er aus Deutschland fliehen. Es folgten mehrere Exilstationen und eine 13-monatige Internierung in Frankreich. Schließlich gelang die Flucht nach New York, wo Sahl mit Unterbrechungen mehrere Jahrzehnte lebte. Erst 1989 kehrte er für immer nach Deutschland zurück. Fast erblindet, lies er sich in Tübingen nieder, wo er 1993 starb.

“Ich bin der Zeit und ihrem Reim entfremdet / Es hat die Zeit mir meinen Reim entwendet.”

‘Gedichte aus Frankreich’ heißt sein Zyklus “Die hellen Nächte” im Untertitel, weil diese für ihn und die anderen Leidensgenossen besonders schwere Zeit des Exils, das Leitmotiv dieser Arbeiten ist. Als Buch erschienen sie erstmals 1942 unter großen materiellen und editorischen Schwierigkeiten in einer bescheidenen Auflage von 250 Exemplaren bei Barthold Fles in New York. Es war durchaus ungewöhnlich und selten, dass in den Vereinigten Staaten ein Buch deutscher Exilanten in deutscher Sprache herauskam.

Der Bonner Verleger Stefan Weidle, hat es jetzt erfreulicherweise unternommen, diese Sammlung neu herauszugeben. Dabei folgte die Gestaltung des Bändchens weitestgehend der Erstausgabe. Den Satz und die typographische Gestaltung übernahm Friedrich Forssman, der vor zwei Jahren mit der Neuausgabe von Arno Schmidts “Zettels Traum” für einiges Aufsehen sorgte. Unterstützt wurde der Verlag vom Verband Deutscher Schriftsteller (VS) und der Verdi-Zeitschrift “KunstundKultur”. Beide waren es auch, die eine Hans-Sahl-Tagung in Tübingen organisierten, die am Wochenende 9. bis 11. November stattfand. Zum Auftakt wurde am Freitag-Abend im “Hölderlin-Turm” die Neuausgabe der Sahl-Gedichte vorgestellt.

Am Spätnachmittag dieses 9. November fuhr ich über die herbstliche Schwäbische Alb an den Neckar. Auf den Hängen der Hügel glänzten nebelfeuchte Bäume im bunten Geblätter. Vor Ort führt dann der Weg zuerst über die Neckarbrücke. In der Stadt sind überwiegend junge Menschen unterwegs. Hoffnungsvolle Zukunft in alten Gassen. Fremde Sprachen. In der Universitätsstadt leben Menschen aus vielen Ländern. Über den schmalen Weg auf der Stadtmauer komme ich zum Hölderlinturm. Vorbei an Liebespaaren, die, in vertraute Gespräche vertieft, sich in früher Nacht verborgen fühlen. Am anderen Ufer die bekannte Platanen-Allee, nur zu ahnen im Dunkel.

Die vor uns hier gingen: Schelling und Hegel, Mörike und Uhland, der arme Waiblinger, der nach Rom reiste um dort jung begraben zu werden, ganz in der Nähe von Goethes Sohn August. Hermann Hesse, von Heckenhauer kommend, ging hier entlang, Hans Mayer und Walter Jens, der seit Jahren auf der anderen Seite der Stadt vor sich hin dämmert.

Der sogenannte “Hölderlin-Turm” war einst Wohnung und Werkstatt der Tischler-Familie Zimmer. In ihrer Obhut verbrachte der Dichter Friedrich Hölderlin 37 Jahre eines Lebens, das ihm zunehmend entglitt, und in eine nicht mehr genau zu diagnostizierende geistige Erkrankung mündete. Im Erdgeschoß sind drei durchgehende Räume bestuhlt. Im mittleren wird die Musik spielen. Rasch sind alle Sitzplätze besetzt. Kurz vor halb neun herrscht bereits enges Gedränge. Die einen rufen “Fenster auf”, die anderen “Fenster zu.” Die Stimmen der Jungen tröpfeln bei offenem Fenster in den Raum. Abwechselnd atmet man stickige Wärme und schmale Frischluftfäden. Der Abend wird moderiert von Burhard Baltzer, dem Journalisten und Chefredakteur der Zeitschrift “KunstundKultur”.

“Ich werde einmal, nach dem großen Sterben, / Vor Euch, Ihr Mächtigen, mich nicht mehr bücken.”

Das sechsköpfige Ensemble – Streicher, Flöte, Klarinette und Klavier – spielt einen ersten Teil von Hanns Eislers “14 Arten, den Regen zu beschreiben.” Das Stück hat er 1941 als Musik zum gleichnamigen Film komponiert. Danach nennt Burkhard Baltzer einen Gedicht-Titel, im Raum steht eine Person auf und trägt das dazugehörige Gedicht vor. “Tübingen liest Sahl” heißt das Motto. Abwechselnd lesen junge und ältere Tübinger, Männer und Frauen. Gedichte, die ein Mensch schrieb, der seine Heimat verloren hatte, weil dort braun-schwarze Dummheit Denker und Dichter, Juden und Linke, Schwule und Roma aus dem Land oder in die Vernichtungslager getrieben hatte.

“Wer seine Verzweiflung im Exil, von seinem Trotz gepaart mit Humor und Esprit, aber auch die bedingungslose Geradlinigkeit erfuhr, war ins Mark getroffen”, schreibt Burhard Baltzer über Hans Sahl im Vorwort zu “Die hellen Nächte”. Es sind aussagestarke, realitätsverbundene Gedichte, teils in freier Form, teils in einfacheren Reimen. Manche erinnern an die Stilmittel Brechts, andere in ihrer Wut an Tucholsky.

Die Themen sind Vertreibung, Fremde, Außenseitertum, Mittellosigkeit und Verzweiflung, aber auch Liebe und Leben, Sehnsucht und Hoffnung. Sahl selbst sah seine Gedichte weder als schöne, perfekte Gebilde, noch als Ergebnisse irgendeiner experimentellen Poetologie. “Sie haben vielmehr ihren festen Ort in Biographie und Geschichte. Sie sind Sprache aus dem Fühlen, Denken und Erfahren eines Einzelnen, die zugleich zu Wort und Signal für viele wurde und sich mit vielen, über die eigene und deren Einsamkeit hinweg, verständigen wollte…” (Fritz Martini)

Was hat sich geändert in den letzten gut 70 Jahren, seit diese Gedichte geschrieben wurden? Ist die Welt heute eine andere oder haben sich nur die Schauplätze verlagert? Noch immer herrschen Vertreibung, Heimatlosigkeit, Unterdrückung, Hunger und Elend, Flucht und Folter, Hass und Krieg auf unserem Planeten. Hans Sahl war Opfer und Geretteter zugleich. Er hatte das Privileg sich ausdrücken zu können. Er hatte seine deutsche Sprache. Lebte als Dichter. Das war nicht wenig. Auch darum ging es an diesem Wochenende in Tübingen.

“Es ist der letzte Reim noch nicht gefunden / Auf diesen Jammer und auf diese Wunden.”

Samstag, der 10. November 2012. In meiner Tageszeitung entdecke ich eine kleine dpa-Meldung, die u. a. folgende Sätze enthält: „Am Jahrestag der Progromnacht haben Unbekannte in Greifswald alle im Stadtgebiet verlegten Stolpersteine (= Gedenksteine an deportierte und getötete Juden. J. H.) aus dem Straßenpflaster gebrochen. … Der Staatsschutz habe die Ermittlungen aufgenommen, sagte ein Polizeisprecher… Wegen des geschichtsträchtigen Datums werde ein politischer Hintergrund nicht ausgeschlossen.”

Sahl, Hans: Die hellen Nächte. Gedichte aus Frankreich (Neuausgabe). – Weidle Verlag, 2012

Spät-Lese (3)

(Reife Bücher. Erstmals, neu oder wieder gelesen.)

„Hölderlin“ von Peter Härtling

Warum jetzt?

Auf “Hölderlin. Eine Winterreise” von Thomas Knubben hatte ich mich gefreut seit ich die Vorankündigung des Verlages kannte. Das Buch erschien im August bei Klöpfer & Meyer; einem Verlag dem ich eigentlich nur Gutes unterstelle. Diesmal wurde ich enttäuscht. Das ist kein Hölderlin-Buch. Das ist ein Knubben-Buch. Es schildert nicht wirklich die Tragödie Hölderlins letzter großer Reise nach Bordeux und unter Umwegen zurück in die Heimat. Knubben hängt sich an den aktuellen Wanderbuch-Boom an. Da müssen Hölderlin-Zitate herhalten, wo dem Autor der erzählerische Faden verloren geht. Da werden Harald Schmidt, Bob Dylan, Patmos, Anne und Patrick Poirier und viele Andere zitiert ohne dass es dafür gute Gründe gibt.

Eigentlich hatte ich auf Seite vierundzwanzig genug. Knubben zitiert dort Harald Schmidt, der sich einmal den Spaß machte, Hölderlin als Familiendichter zu bezeichnen, den man locker zwischendurch am Strand lesen könne. Arglos fällt er dem Zyniker zum Opfer und gesteht: “Ich habe es versucht, an den Gestaden des Mittelmeeres, es geht vorzüglich.”

Daraufhin habe ich mehr oder weniger lustlos noch etwas hin- und hergeblättert, einige Passagen kreuz- und quergelesen, gegrübelt und die abgestürzte biographische Versuchsanordnung dann leichten Herzens beiseite gelegt. Anschließend der Griff ins Regal – zum „Klassiker“. Der als Roman deklarierten Hölderlin-Biographie von Peter Härtling.

Dieses Buch besitze ich in einer Ausgabe der Büchergilde Gutenberg von 1978 (das Original ist 1976 bei Luchterhand erschienen). Sie wurde von Jürgen Seuss gestaltet, aus der Korpus Bodini gesetzt, auf schwäbischem Scheufelen-Papier bei Hoffmann in Mainz gedruckt und von Lachemaier in Reutlingen gebunden. Das Buch ist frisch wie am ersten Tag. Sein Inhalt auch.

Zugegeben, das mag eine sehr persönliche Erkenntnis sein. Emotional. Das Werk hat mich, als ich es vor Jahren erstmals las, begeistert, in mehrfachem Sinne mitgenommen und zu einer anhaltenden Beschäftigung mit dem württembergischen Dichter angestiftet. In meinem Bekanntenkreis wurde viel darüber diskutiert. Und der eine oder die andere las ergänzend und erweiternd die umfangreiche wissenschaftliche Monographie von Pierre Bertaux, der sich erdreistete den Konsens über Hölderlins geistige Erkrankung in Frage zu stellen.

Der Autor

Peter Härtling wurde 1933 in Chemnitz geboren. Die ersten Lebens- und Schuljahre verbrachte er in Sachsen, bevor ihn Kriegswirren und Vertreibungswellen ins Neckarstädtchen Nürtingen spülten. Dort verbrachte er, wie Friedrich Hölderlin etwa 150 Jahre vor ihm, wichtige und prägende Jahre. Härtling ist heute Ehrenbürger von Nürtingen.

Nach einer Ausbildung und Tätigkeiten als Journalist begleitete er mehrere Positionen beim tradtionsreichen Verlag S. Fischer in Frankfurt, und widmete sich ab 1974 ganz dem literarischen Schreiben. Der engagierte evangelische Christ lebt mit seiner Familie seit vielen Jahren im Nordbadischen.

Im Laufe der Jahrzehnte entstand ein umfangreiches und vielfältiges Werk. Gedichte, Theaterstücke, vor allem aber viel gelesene Romane, zu deren Höhepunkten die biographischen Erzählungen gehören. Über Nikolaus Lenau, Robert Schumann, Wilhelm Waiblinger, E.T.A. Hoffmann und andere.

Härtling hat auch sehr viel für Kinder und Jugendliche geschrieben. Titel wie “Krücke”, “Fränze”, “Ben liebt Anna” wurden sehr populär. Der Schriftsteller erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Bemerkenswert ist, dass bereits zu seinen Lebzeiten dreizehn Schulen in Deutschland nach ihm benannt sind.

Sein neuestes Buch ist wieder ein Erzählwerk das rund um biographische Bruchstücke einer künstlerischen Persönlichkeit entstanden ist. “Liebste Fenschel!: Das Leben der Fanny Hensel-Mendelssohn in Etüden und Intermezzi”, kam in diesem Frühjahr heraus.

Werk und Inhalt

“…ich schreibe keine Biographie. Ich schreibe vielleicht eine Annäherung.” Was ist es wirklich? Roman? Bericht? Wissenschaftliche Abhandlung? Von allem etwas? Härtling hat sich mit Werk und Sekundärliteratur von und zu Hölderlin jedenfalls gründlich beschäftigt, um uns, seinen Lesern, erzählen zu können. Erzählen von Leben, Denken und Dichten des Friedrich Hölderlin, geboren am 20. März 1770, von seinen Freunden Hölder genannt. Von Kindheit und Jugend in Lauffen, Nürtingen, Denkendorf und Maulbronn. Von den Tübinger Jahren. Vom Studium im evangelischen Stift, der theologischen Kaderschmiede Württembergs. Den Wanderjahren. Der langen Suche nach Wegen und Zielen. Der Beerdigung im Juni 1843  auf dem alten Friedhof in Tübingen, der heute mitten in der Stadt liegt. “Christoph Schwab spricht. Der Liederkranz singt zwei Choräle.”

So lernen wir den begabten Gymnasiasten und Studenten kennen, den Dichter und Zeitgenossen Schillers, Goethes und Napoleons, den schmerzlich Liebenden, den Rastlosen, der erst zur Ruhe kommt, als der Geist eigene Wege geht. Wir erfahren vom Republikaner und frühen Demokraten Hölderlin, dem Verächter der Despoten, dem Freund des klassischen (idealisierten) Griechenlands. Peter Härtling zu seiner Vorgehensweise: “Ich erfinde Gestalten, die es gegeben hat. Ich schreibe ein Drehbuch zu einem Kostümfilm. Längst ist er mir vertraut. Ich projiziere, nachdem ich in seinen Briefen und Gedichten gelesen habe, meine Gefühle auf seine Handlungen.”

Höhepunkte

Fasziniert haben mich Persönlichkeiten, die wir rund um Hölderlin kennenlernen. Den schwäbelnden Hegel, den superschlauen Schelling, die Großen von Weimar und Jena, den Freund Sinclair und die Pflegeleute Ernst und Charlotte Zimmer. Und dann natürlich die Frauen. Louise Nast, Elise Lebret, schließlich die Liebe des Lebens, Susett Gontard, seine “Diotima”. Wie uns Härtling mit Umständen und Lebensverhältnissen vertraut macht, uns eintauchen lässt in die historische Kulisse, sein intensiver Erzählstil. Das geht unter die Haut.

Tübingen, das dreckige kleine Nest. Die dunkle, stille, mühsame Zeit. Die Vergangenheit ist nicht zu verherrlichen. Wir können uns in Menschen, die vor zwei Jahrhunderten lebten, nicht mehr wirklich hineinversetzen. Ihre Vorstellungen, ihr Weltbild, nicht mehr nachvollziehen. Es bleibt beim Versuch der Annäherung. Aus fernen Jahren kommen Hölderlins Werke zu uns. Mit ihren Geheimnissen und ihrer Sprachmacht. Mit ihren großen Bildern und dem idealistischen Weltentwurf erreichen und ergreifen sie uns bis heute.

Härtling, Peter: Hölderlin. Ein Roman. – Darmstadt : Luchterhand, 1976 (aktuelle Taschenbuchausgabe bei dtv. Euro 12,90)

Härtling, Peter: Liebste Fenchel!: Das Leben der Fanny Hensel-Mendelssohn in Etüden und Intermezzi. – Köln : Kiepenheuer & Witsch, 2011. Euro 19,99

Bertaux, Pierre: Friedrich Hölderlin. – Frankfurt : Suhrkamp, 1978 (nur antiquarisch oder in Bibliotheken)

Hesse-Orte in Tübingen. Zweiter Teil

Leben wird Literatur

“Über Tübingen hing eine schwarze, verwölkte Novembernacht. Sturm und Sprühregen klirrte und zitterte durch die engen Gassen, aufflackernde rote Laternenlichter glänzten trüb auf dem nassen Plaster wider. Trüb und schwarz mit zwei, drei kleinen roten Fensteraugen lag das alte Schloß wie ein halbschlafendes träges Untier auf seinem langen Hügel, Fetzen von Wolkenschleiern um die spitzen Dächer.”

So schrieb Hermann Hesse 1899 und so beginnt der Abschnitt “Die Novembernacht. Eine Tübinger Erinnerung” im “Hermann Lauscher”. Eigentlich eine in sich geschlossene, eigene kurze Geschichte, wie der ganze “Hermann Lauscher” aus einer Reihe von mehr oder weniger selbständigen Erzählungen besteht, lose verbunden durch die stark autobiographisch geprägte Hauptfigur.

Die Zeit in Tübingen, die Erfahrungen, Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen dieser Jahre, hat Hermann Hesse auf vielfältige Weise und mit den Freiheiten künstlerischen Gestaltens zu Literatur werden lassen. Die Neckarstadt begegnet dem Leser im „Hermann Lauscher“ gleich mehrfach. In dieser stürmischen, aufrührenden Novembernacht gehen Hermann Lauscher und Otto Aber durch die stille Stadt, über Holzmarkt und Marktplatz, vorbei am historischen Rathaus, durch enge Gassen zum Gasthaus „Löwen.“ In der Erzählung „Der Novalis. Aus den Papieren eines Altmodischen“, ist es der Kandidat Rettig der dort einkehrt. Auch in der Erzählung “Freunde” taucht Tübingen auf. Etwas aus dem Rahmen fällt die deutlich längere Geschichte „Im Presselschen Gartenhaus.“ Dazu gleich mehr.

„Zum Löwen“

Hesse fiel es zunächst nicht leicht in Tübingen gesellschaftlichen Anschluss zu finden. Er wollte es auch nicht unbedingt, war skeptisch gegenüber den studentischen Umtrieben, insbesondere jenen der bunten Burschenschaften, und im übrigen mit seiner buchhändlerischen Tätigkeit und seinem umfangreichen Selbststudium sehr gut beschäftigt. „In den ersten Tübinger Zeiten war ich sehr strebsam und solide, später soff ich viel mit Studenten herum.“

In der zweiten Hälfte der Tübinger Zeit schloss sich Hermann Hesse einem kleinen Freundeskreis an, der sich „petit cénacle“ nannte und zu dem er über Ludwig Finckh kam. Der Medizinstudent und spätere Arzt und Schriftsteller gehörte zu den ersten näheren Bekanntschaften die Hesse in Tübingen machte, und aus der eine Freundschaft entstand, die viele Jahre anhielt und eine umfangreiche Korrespendenz hervorbrachte. Als Finckhs antisemitische Haltung offenbar wurde und er sich schließlich der nationalsozialistischen Bewegung anschloss, endete die Freundschaft mit Hesse. Zu dem Tübinger Kreis gehörten noch Otto Erich Faber, Carlo Hammelehle, Oskar Rupp und Wilhelm Schöning. Man traf sich regelmäßig in der Kornhausstraße, im Gasthaus „Zum Löwen.

Von links nach rechts: Otto Erich Faber, Oskar Rupp, Ludwig Finckh, Carl Hammelehle und Hermann Hesse. (Foto: Otto Hofmann, Atelier, Kirchheim unter Teck, heute im Literatur-Archiv Marbach)

„Wir galten als dekadent und modern / Und glaubten es mit Behagen. / In Wirklichkeit waren wir junge Herren / Von höchst modestem Betragen.“

Die Räumlichkeiten des ehemaligen Wirtshauses wurden im Laufe der vielen Jahre unterschiedlich genutzt. Zuletzt war dort ein Kino zu finden. Der goldene Löwe über dem Eingang blieb bis heute erhalten.

„Im Pressel’schen Gartenhaus“

Diese längere, sehr ruhige Erzählung Hesses, nimmt den Leser mit in das Jahr 1823. Angelehnt an Überlieferungen, schildert er, wie die Theologiestudenten und späteren Dichter Wilhelm Waiblinger und Eduard Mörike, den geistig verwirrten, damals 53-jährigen Friedrich Hölderlin bei seiner Pflegefamilie Zimmer in der Bursagasse abholen, um mit ihm zu dem titelgebenden Gartenhäuschen zu wandern. Es lag einst auf dem innenstadtnahen Österberg, um den herum sich damals noch keine Wohnbebauung befand, sondern Gärten und Weinberge. In einem dieser Gärten, stand das im chinesischen Stil erbaute Häuschen, das längst verschwunden ist.

Die Gegend erreicht man heute wie damals, wenn man von Stift oder Hölderlinturm kommend, bei der Eberhardbrücke die verkehrsreiche Straße überquert. Neben einem kleinen Stehcafè und einem türkischen Imbiss führen die zahlreichen steilen, häufig rutschigen Stufen der Germanenstaffel zum Österbergweg, auf dem man weiter bergauf marschiert. Der Spaziergänger verschwindet zunächst zwischen dem dichten Laub der Bäume und Büsche. Doch wenn man eine gewisse Höhe erreicht hat, öffnet sich der Blick auf das Panorama der alten und neuen Dächer, sieht man auf den Neckar, bis zum ebenfalls auf einem Hügel liegenden Schloss und bis zu den etwas weiter entfernten neuen Stadt- und Universitätsteilen, die sich über die Hänge im Westen und Norden verteilen.

Weiter geht man, vorbei an den stilvollen Villen der wohlhabenden studentischen Verbindungen, bis zum heutigen SWR-Regionalstudio. Von hier aus führt der Wilhelm-Schussen-Weg wieder bergab und, im Tal angekommen, befindet man sich direkt auf der Rückseite der heutigen Universitätsbibliothek, nahe der von Universitäts-Einrichtungen geprägten Wilhelmstraße. (Wilhelm Schussen war ein oberschwäbischer Lehrer und Schriftsteller, über den in diesem Blog sicherlich bei Gelegenheit auch einmal zu berichten sein wird.)

Abschied

Ende Juli 1899 schied Hesse bei Heckenhauer aus. Mit Ludwig Finckh und den anderen aus dem „cénacle“ verbrachte er noch einige sommerliche Ferientage in Kirchheim an der Teck. Dort kam es zu einem kleinen „Liebesmärchen“ mit Julie Hellmann, genannt Lulu, der Nichte des Wirts. Diesem schwärmerischen Intermezzo verdanken wir das E. T. A. Hoffmann gewidmete Kapitel „Lulu. Ein Jugenderlebnis“, das ab der zweiten Auflage von 1907, im „Hermann Lauscher“ enthalten ist. Man kann sich nach der Lektüre lebhaft die wehmütige sommerliche Verliebtheit der jungen Männer vorstellen: „Leise begann die schöne Lulu eine Melodie zu summen, und allmählich ging das halbe Flüstern in ein zartes Singen über. Die Jünglinge lauschten und schwiegen wie berauscht; die weichen süßen Töne der edlen Stimme schienen aus der Tiefe des seligen Abends heraufzukommen wie Träume aus der Brust der einschlummernden Erde.“

Der Abschied aus dem kleinen schwäbischen Städtchen am Fuße der Burg Teck fiel natürlich schwer. Hesse hatte Basel als nächste Lebensstation gewählt, wo er als Kind bereits von 1881 bis 1886 mit der Familie gewohnt hatte, als der Vater dort Lehrer im Missionshaus war. „Ich hatte keinen anderen Wunsch, als wieder nach Basel zu kommen; es schien dort etwas auf mich zu warten, und ich gab mir alle Mühe, als junger Buchhandelsgehilfe eine Stelle in Basel zu finden.“ Im Nachsommer 1899 lässt sich Hesse in Basel nieder „mit Nietzsches Werken … und mit Böcklins gerahmter Toteninsel in der Kiste, die meine Besitztümer enthielt.“ Ab 15. September 1899 arbeitete Hermann Hesse als Sortimentsgehilfe in der Reichschen Sortiments-Buchhandlung.

Hesse-Orte in Tübingen. Erster Teil

Ankunft

Hermann Hesse lebte von Oktober 1895 bis Juli 1899 in Tübingen. Als er in der Universitätsstadt am Neckar eintraf war er 18 Jahre alt. Er hatte zu diesem Zeitpunkt einige schwierige und wechselhafte Jugendjahre hinter sich. In Esslingen war ein erster Anlauf eine Buchhändler-Lehre zu absolvieren bereits nach drei Tagen gescheitert. Eine anschließende Mechaniker-Ausbildung bei der Turmuhren-Fabrik Perrot in Calw, war eine rechte Zumutung für den sensiblen Künstler-Charakter. Die Atmosphäre im pietistischen Heimatstädtchen empfand er als bedrängend. Deshalb war Tübingen nicht nur ein weiterer Neuanfang, sondern fast schon so etwas wie die letzte Chance für den jungen Hermann Hesse in einer bürgerlichen Berufslaufbahn.

Heckenhauer

Am 17. Oktober trat Hesse als Lehrling in die Heckenhauer’sche Buchhandlung ein. Das Geschäft befand sich am Holzmarkt, schräg gegenüber der Stiftskirche. Noch heute besteht dort ein, u. a. auf Hesse spezialisiertes Antiquariat, als Nachfolger des ehemaligen Sortiments. Die Ausbildung dauerte drei Jahre und Hesse wurde danach als Sortimentsgehilfe übernommen. Er war zu dieser Zeit bereits fest entschlossen Schriftsteller zu werden und so dienten die zahlreichen Briefe, die er aus Tübingen an die Familie schrieb, auch als Einübung in die zukünftige Laufbahn. Als guter und genauer Beobachter hatte er reichlich Kurioses und Anekdotisches zu berichten; zudem sammelte er fleißig Motive und Charaktere für spätere literarische Arbeiten.

Am akademischen Leben der Stadt, in der die Studierenden und Wissenschaftler bis heute einen großen Teil der Bevölkerung ausmachen, nahm er zunächst nicht teil. „… im ganzen scheint mir das akademische Treiben doch nicht ganz ideal, sondern eng und lückenhaft wie alles Irdische.“ Er eignete sich seinen eigenen Bildungskanon an. Beschäftigte sich jahrelang sehr intensiv mit Goethe, las russische, skandinavische und französische Autoren und wendet sich schließlich Romantikern wie Eichendorff, Tieck und Novalis zu. „Jede Stunde scheint mir verloren, die ich nicht über guten Büchern oder Zeitschriften hinbringe …“. Er las und schrieb, durchforschte im Selbst-Studium die Literaturgeschichte; Zeitschriften druckten bald erste Gedichte von ihm.

Hesses erste selbstständige Veröffentlichung erschien bereits 1898 im Dresdner Verlag E. Pierson. „Romantische Lieder“ wurde in einer Auflage von 600 Exemplaren gedruckt und verkaufte sich schlecht. Ein Jahr danach brachte Diederichs in Leipzig einen Band mit kurzer Prosa heraus. Er trug den Titel „Eine Stunde hinter Mitternacht.“ Mit der späteren Frau des Verlegers Helene Voigt-Diederichs, die etwa in Hesses Alter war, und der seine Arbeiten gefielen, entspann sich ein Briefwechsel. Der Austausch offenbarte gemeinsame Interessen und Neigungen. Zu einer persönlichen Begegnung ist es nie gekommen. Hermann Hesse hatte, neben seiner berufspraktischen Ausbildung, die ersten Schritte auf dem Weg zum etablierten Schriftsteller zurückgelegt.

Herrenberger Straße

Während seiner Tübinger Zeit wohnte Hesse etwas außerhalb der heute bekannten historischen Altstadt. Bei der Dekans-Witwe Leopold hatten ihm die Eltern ein Zimmer gemietet; dort wurde er morgens, mittags und abends mit kräftigen Mahlzeiten versorgt. Der Lehrherr war für ein Vesper am Nachmittag zuständig; meist gab es Bier und Brot. Es war damals durchaus noch üblich, dass die Ausbilder im Betrieb an Erziehung und Menschenbildung der meist noch sehr jungen Lehrlinge mitwirkten; das geschah nicht selten mit einer gewissen Härte. („Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ ist bis heute ein oft zitiertes geflügeltes Wort.) Seinem Sohn in der Fremde hatte zudem Vater Hesse diszplinarische Regeln mit auf den Weg gegeben. Eine davon lautete: „Alle anderen Ausgaben sind zu vermeiden … Das Rauchen auf ein Minimum zu beschränken, weil es den Appetit vermindert, die Nerven reizt und Geld kostet.“

Die Adresse Herrenberger Straße 28 war ein damals sicherlich modernes Wohnhaus in nüchterner Vorstadt-Umgebung. Es wurde inzwischen mehrfach umgebaut, ein Anbau errichtet; heute wird hier Musikunterricht gegeben. Hin und wieder sieht man Japaner und Japanerinnen mit etwas ratlosen Minen davor stehen. Die Herrenberger Straße und ihre Umgebung sind seit dem zweiten Weltkrieg zu einer der verkehrsreichsten Gegenden der Universitätsstadt Tübingen geworden.

In den Jahren, die Hesse bei Frau Leopold wohnte und seiner Arbeit bei Heckenhauer nachging, gab er den skeptischen und um die Zukunft ihres Sohnes besorgten Eltern in Calw keinen Anlass zum Klagen. Er fühlte sich wohl bei seiner Wirtin. „Frau Dekan bemuttert mich aufs sorglichste … Vom Mittagstisch komme ich nur mit Mühe los, da sie voller Erzählkunst ist. Sie ist wie aus einem Dickens’schen Roman exzerpiert … zum Platzen voll von alten und neuen Geschichten, und dabei voll Gutmütigkeit und Liebe.“

Sein Zimmer war das größte der Wohnung und gut ausgestattet: Tisch, Sofa, Schrank, Bett und Nachttisch, Bilder und Blumenstöcke. Zum Schreiben stand Hesse ein Stehpult zur Verfügung, von den beiden Fenstern sah man auf das Schloss Hohentübingen. Vom Lehrlingslohn erwarb er noch eine Gipsbüste des Hermes von Praxitiles und hängte Portraits von Schriftstellen und Komponisten auf. „Auf der Kommode vereinigen sich einige Zinnbecher mit Bierkrieg, Hermes, Muschelkorb … zu einer künstlerisch barocken Gesamtwirkung. Auf dem Kasten ein Still-Leben von Zigarrenschachteln, Flaschen, Honigtopf …“

Fortsetzung folgt.

Herta Müller in Tübingen

„Schreiben ist auch nur eine Arbeit“

Am Abend des 23. November 2009 war Herta Müller auf Einladung der Universität und der Buchhandlung Osiander in Tübingen zu Gast. Im Festsaal der Universität sprach sie mit dem Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer und las anschließend aus ihrem aktuellen Buch „Atemschaukel“.

Wortbewegte, Literaturfreunde, alle Liebhaber des Gedruckten und Gebundenen wissen, welche Buchhandels- und Bibliotheksdichte – und damit welchen Buchreichtum – das schwäbische Universitätsstädtchen auf engstem Raum, in schmalen Gassen, zu bieten hat. Hier verliert sich nichts, wie etwa im großmäuligen München oder im chronisch unaufgeräumten Berlin. Hier haben Heckenhauer und Osiander, Gastl und Cotta, die traditionsreiche Universitätsbibliothek, eine Geschichte die Jahrhunderte zurückreicht. Ein steter Reigen seliger Geister wandelt zwischen Stift und Österberg, zwischen Schloss und Pressels Gartenhaus. Der Besucher, der Student, der Gast und der Gegenwarts-Literat folgt den Spuren von Hölderlin und Hegel, Mörike und Hesse, Ernst Bloch und Hans Mayer.

Herta Müller kommt gerne nach Tübingen. In keiner anderen deutschen Stadt war sie so oft. Weil die Leute hier an sie geglaubt hätten, sagt sie, und das Publikum immer so großzügig und nachsichtig gewesen wäre. 2000 und 2001 sprach sie, von Jürgen Wertheimer eingeladen, im Rahmen der Tübinger Poetik-Dozentur. Die „Atemschaukel“ ist im lokalen Buchhandel derzeit das meistverkaufte Buch.

So war es nicht überraschend, dass nach der Nobelpreisverleihung und dem folgenden Medienrummel, der Andrang zur Veranstaltung mit der Autorin die bisherigen Größenordnungen sprengte. Rasch waren die Karten für die Plätze im Festsaal der Universität ausverkauft und die Nachfrage damit keineswegs befriedigt. Es mussten digitale Geister und deren Helfer bemüht werden, um zusätzlich zum Original-Schauplatz, auch im Auditorium Maximum öffentliches Sehen und Hören per Video-Übertragung zu ermöglichen, sowie eine weltweite Weitergabe ins Netz der Netze zu speisen.

Schmal, klein, noch kleiner als nach Fernseh-Eindrücken vermutet, ganz in Schwarz gekleidet, sitzt sie Jürgen Wertheimer gegenüber. Das Gespräch wird nicht einfach. Er hat eine gewisse Scheu, seit die „alte Bekannte“ zur Nobel-Preisträgerin wurde; sie wiederum hält eigentlich nicht viel von „öden Befragungen“. Wertheimer fühlt sich also in die Pflicht zur Originalität gezwungen, was ihm letztlich allenfalls ansatzweise gelingt. Denn welche Frage ist in den letzten Wochen noch nicht gestellt worden? So wollen wir, der Fragende und alle im Saal, wissen, wie sie mit Sprache umgeht und die recht schroffe Antwort lautet: „Sprache gibt es für mich nicht; sie begleitet nur, was ich sagen möchte.“ Dann wenigsten Freude am Umgang mit Sprache. Nein. Das Suchen nach dem richtigen Ausdruck hat sie manchmal satt bis zum Überdruss. Sie macht ihre Arbeit, die in ihren Augen eine Arbeit ist, wie die anderer Menschen auch, die versuchen ihr Tagwerk möglichst gut zu erledigen. Sie erfindet auch keine Wörter, wie ihr der Frager unterstellt. Die von diesem genannten Begriffe Herzschaufel und Meldekraut seien reale Bezeichnungen. Herzschaufel ein besonders geformtes Werkzeug zum Kohle bewegen; Meldekraut eine Pflanze, die man mit etwas botanischen Sachverstand kennen müsse. Und Atemschaukel, Herztier, Hungerengel, seien natürlich ebenfalls keine Einfälle von ihr, schließlich handelt es sich bei den Einzelteilen dieser Komposita um ganz gewöhnliche Worte des Alltags.

Dann vertieft sie das Thema doch noch. „Wenn Wörter zusammenkommen, die sich nicht kennen, entsteht Poesie.“ Poesie ist also in der Alltagssprache bereits vorhanden. Aber: „Nicht alles, was mich beeindruckt, kann ich selbst in Worten ausdrücken.“ Und sie gibt zu bedenken, dass wir nicht alle Gefühle mit Worten ausdrücken können. „Nicht für Alles gibt es Wörter.“

Herta Müller sammelt Wörter. Sie schneidet sie aus Zeitungen und Zeitschriften aus und bewahrt sie. „Ich habe zig tausende in der Schublade.“ Im „Wörterbahnhof“ warten sie darauf, dass sie abfahren dürfen. Diese ausgeschnittenen Wörter gehen von der Hand in den Kopf; jene beim Schreiben vom Kopf in die Hand. Die gesammelten Wörter stammen nicht aus literarischen Werken, sondern aus profaner, tagesaktueller Medien-Produktion. Herta Müller fügt sie zu Collagen, neuer Bedeutung, neuen Inhalten zusammen.

Sie berichtet von der Vorgeschichte des Buches „Atemschaukel“: „Ohne Oskar Pastiors Details aus seinem Lageralltag hätte ich es nicht gekonnt“, erklärte Herta Müller über das Zustandekommen dieses intensiven Sprachkunstwerks, dessen Handlung in einem sowjetischen Arbeitslager für Rumäniendeutsche nach dem Zweiten Weltkrieg angesiedelt ist. Sie wollten das Buch eigentlich gemeinsam schreiben. Siehe dazu auch diesen Blog-Artikel:

Oskar Pastior

Der plötzliche Tod Pastiors im Herbst 2006 war ein tiefer Einschnitt. Herta Müller musste mit den Arbeiten pausieren, dann allein weitermachen. „Er hat sich so gewünscht, dass daraus ein Buch wird.“

Und dann liest sie in Tübingen aus diesem Buch. Im Saal wird es sehr still. Anspannung im Publikum. Sammlung und Aufmerksamkeit. Die Dichterin liest mit tiefer klarer Stimme. Werk und Sprache werden stärker wahrgenommen, wenn die Autorin selbst vorträgt. Rhythmus und Melodie entstehen, Thema und Variationen, das Rondo der Worte und Passagen klingt. Sie liest mehrere Kapitel und den Schluss. Dann kräftiger und spürbar herzlicher Applaus. Das ist Bewunderung und eine Form von respektvoller Zuneigung.

Draußen in der Nacht ist es herbstlich. Es regnet und ein kräftiger Wind reisst letzte Blätter von alten Bäumen. Das Dunkel in Tübingen, voll seliger Geister.

Müller, Herta: Atemschaukel. Roman. – Hanser, 2009. Euro 19,90

Müller, Herta: Die blassen Herren mit den Mokkatassen. 3. Aufl. – Hanser, 2005. Euro 17,90