Hermann Hesse und Ulm. Das Buch

Bis heute hat der aus dem lauschig-engen Calw stammende Dichter Hermann Hesse (1877 – 1962) ein großes Leserpublikum in Deutschland und der Welt. Er wurde und wird darüber hinaus als unangepasste Persönlichkeit, als Pazifist und Gegner des Naziregimes geschätzt. Nicht zuletzt links und rechts der Donau.

Die Stadt Ulm zählt inzwischen um die 120.000 Einwohner. Mit der bayerischen Nachbarstadt Neu-Ulm sind es nahezu 180.000. Viele Menschen lieben diese Städte, leben gerne hier, kommen als Touristen oder finden einen attraktiven Arbeitsplatz und bleiben auf Dauer.

Dass Hermann Hesse eine ganz besondere Beziehung zu Ulm (und zu Neu-Ulm) hatte, entdeckten die beiden Bibliothekare Jan Haag und Bernd Michael Köhler. Als sie der Sache intensiver nachgingen stießen sie auf bibliographische und archivarische Quellen die belegen, dass dieses Verhältnis Hesses zu Ulm, Neu-Ulm (und Blaubeuren!), zu Freunden und Bekannten in der Region, sehr viel weitreichender und vielfältiger war als es die bisher bekannten biographischen Publikationen wiedergeben. Ihre Recherche-Ergebnisse und die daraus resultierenden Erkenntnisse haben sie in einem kleinen Buch zusammengefasst, das bereits im letzten Herbst erschienen ist. 

“Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt”, stieß auf breites Interesse in Ulm und Umgebung, sowie darüber hinaus bei vielen die sich für diesen Schriftsteller und regionale Bezüge in der deutschen Literaturgeschichte interessieren. Die neuen Quellen, die die beiden Autoren entdeckten und auswerten konnten, fanden große Beachtung in der einschlägigen Hesseforschung. Der ausführliche bibliographische Anhang des Buches dokumentiert die gesamten ausgewerteten Quellen. Ein kleines, feines Weihnachtsgeschenk oder eine originelle Aufmerksamkeit zwischendurch für Literatur- oder Ulmfreunde. 

Kaufen Sie auf jeden Fall vor Ort in der Buchhandlung Ihres Vertrauens und unterstützen sie damit die bunte Vielfalt unserer Innenstädte und Stadtteile. Wer’s unbedingt online machen möchte – auch darauf sind die meisten lokalen Buchhändler eingerichtet , die entsprechenden Plattformen sind im Netz unschwer zu finden. Ein Kauf direkt im Laden ist allerdings schöner und erlebnisreicher. Oft verlässt man diesen dann mit überraschenden Entdeckungen oder gut beraten mit einigen unvorhergesehenen Neuerwerbungen.

Schwäbischen Geldbeuteln, die sich nur schwer öffnen, sei an dieser Stelle verraten: Das Buch ist in den Stadtbibliotheken Ulm und Neu-Ulm vorhanden und kann dort unter Beachtung der geltenden Regularien entliehen werden.

Haag, Jan; Köhler, Bernd Michael: “Seien Sie gegrüßt liebe Freunde in Ulm”. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt. Klemm+Oelschläger, 2018. Gebunden, 114 Seiten, Euro 12,80 ISBN 978-3-86281-132-8

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Eine Besprechung des Buches in der Ulmer Südwest Presse ist hier zu finden.

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Kurze Einblicke in den Text:

In seinem selbstironischen Reisebericht Die Nürnberger Reise berichtet Hermann Hesse von einer Lesung in Ulm im Jahr 1925. Haag/Köhler schildern wie es danach weiter ging:

“Nach der Lesung saß man bei der Familie von Lydie und Eugen Link in der Neutorstraße 7 mit dem Museumsleiter und einigen wenigen anderen beim Wein zusammen. Gut vorstellbar, dass noch ein Eugen dabei war. Eugen Zeller, der zudem ganz in der Nähe, in der Bessererstraße 9, wohnte. Eine solche vertraute und überschaubare Runde hatte Hesse frühzeitig in der für ihn typischen Weise eingefordert, wie einem Brief an Eugen Link vom 18. Oktober 1925 zu entnehmen ist: Den auftauchenden Vorschlag zu einem Bankett oder einem Zusammensitzen eines größeren Kreises nach dem Vortrag bitte ich unbedingt abzulehnen. Sonst riskieren Sie, daß Sie mich morgen in Ihrem Gastzimmer erhängt finden.

Vier Jahre später las der eigenwillige Hesse wieder in Ulm:

“Nach der Lesung 1925 im Museum mit seinem verhältnismäßig kleinen Veranstaltungsraum war der Wunsch entstanden, den Dichter erneut in Ulm zu erleben. Diesmal hatte man den deutlich größeren Saal angemietet, um den zu erwartenden Ansturm zu bewältigen. Dennoch musste erneut eine erhebliche Zahl Interessierter wieder nach Hause geschickt werden. Der übervolle Saal wurde als ein sprechender Beweis für das aufsteigende, kulturelle Interesse der Ulmer interpretiert. Auch Jacques Offenbachs Schöne Helena, die zur gleichen Zeit im städtischen Theater ihre Reize spielen ließ, konnte den Ansturm auf die Vorlesung literarischer Werke nicht mindern.”

Über Hesses eigene literarische Vorlieben ist unter anderem zu erfahren:

“Was Hermann Hesse und Eugen Zeller teilten, war ihre Leidenschaft für den Landsmann, unfreiwilligen Landpfarrer und Dichter aus Berufung, Eduard Mörike (1804 – 1875). Der Ulmer Lehrer (Zeller, J. H.) sammelte Bücher und Gegenstände aus dessen Nachlass. Hesse war sehr an diesen Devotionalien interessiert und wandte sich mit einer entsprechenden Bitte an den Freund. Ihrem Wunsche ein Mörike-Original zu besitzen, bin ich gerne zur Verfügung, war die Antwort. … Doch von den eigenen Schätzen gedachte er nichts abzugeben. Zeller vermittelte den Kontakt zu Fanny, der zweiten Tochter Mörikes, die zeitweise mit ihrem Mann in Neu-Ulm … “

 

Hermann Hesse und Ulm

Was führte Hermann Hesse an einem Abend im April 1904 in das Gasthaus Schwarze Henne hinter dem Gänsturm? Was faszinierte den Dichter am Ulmer Münster? Und wer war eigentlich Eugen Link?

Zweimal war der Schriftsteller Hermann Hesse zu Lesungen aus seinen Werken in Ulm. Den Aufenthalt im November 1925 hat er in seiner autobiographischen Erzählung “Die Nürnberger Reise” in Literatur verwandelt.

Dass sich Hesse darüber hinaus sehr oft in Ulm aufgehalten hat und ein Leben lang gute Beziehungen zu Freunden und Bekannten in der Stadt pflegte, schildert jetzt ein Buch mit dem Titel “Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt.” Es erscheint Anfang Oktober im Verlag Klemm + Oelschläger. Anhand bekannter und bisher unbekannter Quellen zeigen Jan Haag und Bernd Michael Köhler Aspekte aus dem Leben des Schwaben Hermann Hesse, die in den bisherigen Lebensbeschreibungen nicht berücksichtigt wurden.

Am Dienstag, 2. Oktober, stellen die Autoren ihr Buch in der Museumsgesellschaft Ulm (Neue Straße 85, Eingang Kramgasse) vor. Die Veranstaltung beginnt um 19:30 Uhr, der Eintritt ist frei.

Literaturwoche Donau 2018

Der kleine Rückblick. Knapp und persönlich.

Es kann gut tun, wenn man intellektuell gefordert, ja überfordert wird. Es wird viel zu oft viel zu wenig verlangt. Der deutsch-schweizer Philosoph und Schriftsteller Jonas Lüscher wies darauf hin. Und sein Roman Kraft, den er in der Ulmer Stadtbibliothek vorstellte, ist genau so ein Werk, dessen voller Genuss sich entfaltet wenn man ihn mit einem kleinen Rucksack an Voraussetzungen angeht. Die Geschichte vom Tübinger Rhetorikprofessor (sic!), der nach Kalifornien reist um dort in mehrfacher Hinsicht zunächst heftig ins Schlingern zu geraten um schließlich zu kentern.

Was für ein wunderbarer Ort diese Stadtbibliothek. Als Büchersammlung, als Treffpunkt, als Veranstaltungsort, als markanter Mittelpunkt inmitten historischer Umgebung, eine Glaspyramide, transparent und einladend. Drinnen Bücher, Bücher, Bücher, Leseplätze und W-LAN, draußen Passanten, Cafés, Restaurants, reges Stadtleben.

Die Literaturwoche Donau 2018 ist punktgenau im Hochfrühling gelandet. Es wärmt, grünt und blütenstaubt. Im Bus sitzt schräg gegenüber einer der keinen Bart hat. Dafür hält er in der einen Hand eine Doppel-LP aus Vinyl und in der anderen einen Viererpack Drumsticks.

Angesichts der explodierenden Natur kommen mir die Pflaumen- und Kirschbäume in den Büchern von Iris Wolff in den Sinn. Nicht nur sie lobte das besondere Ambiente und die einmalige Atmosphäre des Ulmer Veranstaltungsreigens. Sie habe sich sehr wohl gefühlt, ließ sie wissen, im nostalgisch trendigen Casino, das bis auf den letzten Vintage-Sessel besetzt war. Ihr gefiel, dass sie ihren Verleger Arno Kleibel vom Salzburger Otto Müller Verlag an ihrer Seite hatte.

Nicht zuletzt weil er ihr erlaubt hatte ihren aktuellen Roman in vier Erzählungen nach einer rumänischen Redensart So tun, als ob es regnet betiteln zu dürfen. Man muss wissen, dass Verleger und Lektoren (angeblich verkaufshemmende) Kommata in Buchtiteln überhaupt nicht schätzen. Ein Abend, der wie so manch anderer, vom gut vorbereiteten Florian L. Arnold moderiert wurde, der als Mitorganisator genügend Ausdauer für diese lange Woche hatte und für jede unvorhersehbare Gesprächswendung ein rhetorisches Werkzeug.

Als der ohne Bart aussteigt kann ich das Plattencover erkennen: Bryan Adams. Dabei hatte ich auf Jazz getippt. Es sind diese ganz eigenen, charaktervollen Lokalitäten die ein Gutteil des Reizes der Literaturwoche ausmachen: Die Räume der Ulmer Museumsgesellschaft, das ehemalige Sparkassen-Casino, das Museum Villa Rot in Burgrieden (Abstecher nach abseits der Donau), das Edwin-Scharff-Museum in Neu-Ulm, die Putte ebendort.

Die Putte ist eine ehemalige Schreibwarenhandlung. Hier habe ich als bayerischer Volksschüler Hefte, Stifte und Bucheinbände erstanden. Jetzt haben sich Künstler in die freigeräumten und weiß gestrichenen Räume eingemietet, zeigen ihre Werke und laden zu kleinen, intimen Runden. Wie jene mit den schreibenden Vonhiers Sybille Schleicher, Florian L. Arnold und Silke Knäpper. Sie stellten jeweils eines ihrer Lieblingsbücher den anderen beiden, sowie den versammelten Neugierigen vor. Sie ließen wissen, wie schwer die Auswahl gefallen war. Arnold hatte Sebalds Austerlitz dabei, Schleicher Transit von Anna Seghers, aktuell weil gerade eine Petzold-Verfilmung des Stoffes angelaufen ist. Beide Bücher kannte ich bereits.

Neu war für mich Meine Freunde des Franzosen Emmanuel Bove. Silke Knäpper hatte es mitgebracht. In den 1920er-Jahren mäandert Bâton durch Paris. Er ist Kriegsinvalide. Die Rente reicht zum Nötigsten. Anders als Knut Hamsuns alter ego einige Jahrzehnte früher leidet er keinen Hunger. Ihn quält die Einsamkeit. Von einer Suche nach Anschluss, Freundschaft, Liebe handelt dieses Buch. In klarer präziser Sprache, ein Stil frisch wie von neulich, ebenso gut wie unverkennbar übersetzt von Peter Handke. Wahrhaftig, ich habe kein Glück. Kein Mensch interessiert sich für mich… Ich war traurig und wütend. Die Vorstellung, mein ganzes Leben würde in Einsamkeit und Armut ablaufen, verstärkte meine Hoffnungslosigkeit.

An zehn Tagen Literaturwoche gab es eigentlich nur Höhepunkte. Doch wenn es nur Höhepunkte gibt, entstehen keine Gipfel, sondern lediglich eine ausgedehnte Hochfläche. Braucht eine Veranstaltung wie die Literaturwoche deshalb mehr Auf und Ab, Gut und Besser, Mehr und Weniger? Am Ende ist es so, dass das dichte Angebot es jeder und jedem ermöglicht persönliche Favoriten zu finden. Was kann es Schöneres geben als Vielfalt mit Qualität und Niveau? Dass nicht alle Ulmer, Neu-Ulmer das bemerkt haben … Geschenkt.

Wie man seine Stadt mit anderen Augen sieht, wenn man eine Veranstaltung der Literaturwoche Donau verlässt! Warum waren denn alle die jetzt dort draußen sind nicht ebenfalls dabei, sondern haben sich mit Zimteis, Cappuccino, Weizenbier und Donauufer zufrieden gegeben?

Begeistert vom Flair des Donauufers und der Altstadt waren, soweit sie Zeit dafür fanden, die Aussteller der erstmals veranstalteten kleinen Buchmesse, die unter dem Label Konturen stattfand und zu der fast 20 Verlage gekommen waren. Viele davon arbeiten nach einem Motto das dem großen Verleger der Weimarer Republik, Kurt Wolff, zugeschrieben wird, nachdem man zwar von der Verlegerei nicht leben, gleichwohl gut damit leben könne. Das angebotene Spektrum dieser unabhängigen Buchmacher reichte von der Beatlyrik über wiederentdeckte Romane, literarische Texte auf CDs gepresst, die wie Singlescheiben längst vergangener Populärmusik-Zeiten aussehen, bis zu Buchrollen und Kinderbüchern.

Am Samstag war die Verkaufsausstellung etwas außerhalb zu Gast, in der Villa Rot im idyllisch gelegenen Burgrieden. Am Sonntag dann in den Räumen der Museumsgesellschaft in Ulms stark frequentierter Mitte. Weit Gereiste waren dabei, wie Jürgen Schütz und sein Wiener Septime Verlag, spannende Spezialisten wie Moloko Print oder Ralf Zühlkes Stadtlichter Presse, Verlage aus der Region wie Thomas Zehenders danube books, Etablierte wie der Peter Hammer Verlag. Einfache Tische, reichlich Büchervorräte, gedruckte Verlagsprogramme und -vorschauen, interessiertes Publikum und auskunftsfreudige Verleger garantierten den Erfolg dieses Formats, das auf jeden Fall wiederholt werden soll.

Lesen ist Entspannung, Bereicherung, Vergnügen und gelegentlich Mühsal. Wer Erholung von mitunter vielleicht etwas zu voraussetzungssatter Lektüre sucht, der greife zu den Büchern von Martin Ebbertz. Humor mit Geist, Witz mit Geschmack bieten Werke wie Feuer in der Eiswürfelfabrik, 66 Kürzestgeschichten über kleine Katastrophen und alltägliche Beobachtungen von Dingen wie sie überall und jederzeit passieren können oder eben auch nicht, weil sie der Phantasie des Schriftstellers entspringen. Erschienen im Axel Dielmann-Verlag.

In einer Eiswürfelfabrik brach ein furchtbares Feuer aus. Die Feuerwehr kam mit vielen Wagen. Die Feuerwehrmänner schoben die Leitern vor und rollten die Schläuche aus. Mit starken Wasserstrahlen spritzten sie in die Fabrik… Die Arbeiter trugen Eiswürfel aus der brennenden Fabrik, soviel sie konnten. Sie schwitzten viel und bekamen schwarze Gesichter. Am Abend war der Brand gelöscht… Zur Belohnung durften die Arbeiter sich jede Menge Eiswürfel mit nach Hause nehmen. Daraus kochten sie sich dann Tee oder Kaffee.

Ebbertz hat neben zahlreichen Büchern für sogenannte Erwachsene auch für Kinder geschrieben. Als Beispiel sei hier nur noch Der kleine Herr Jaromir genannt, der, so schrieb DIE ZEIT, aus einem anderen Land stammt, einem wo Kinder und Dichter gemeinsame Sachen machen.

Die Literaturwoche Donau bot zehn Tage Gelegenheit sich gemein zu machen. Mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern, mit Verlegern und Verlegerinnen, mit Literatur in seiner schillernden Vielfalt. Vor allem aber mit all den tollen Menschen, die teilen, was man selbst liebt.

Georgische Momente

Über Begegnungen mit Nino Haratischwili und Zurab Karumidze.

Georgischer Wein ist hierzulande schwer zu bekommen. Haben wir nicht im Angebot, teilt der lokale Handel auf Nachfrage mit. Natürlich wird man schließlich im Internet fündig. Ein Saperavi, Kindzmarauli und ein Tsinandali werden angeboten. Der Weißwein „Goruli Mtsvane“ vom georgischen Spitzenweingut Château Mukhrani wird aus der autochthonen georgischen Rebsorte Goruli erzeugt, die Trauben werden ausschließlich per Hand gelesen. Das erfahre ich auf der Seite des Bremer Weinkolleg. Hanseaten hatten schon immer ein Händchen für Weinimporte.

Wein fließt reichlich in die Kehlen der Protagonisten von Nino Haratischwilis großem georgischen Generationenroman Das achte Leben (für Brilka). Fast genauso häufig erfahren wir darin vom Genuss feiner Trinkschokolade deren Zubereitung und Verzehr zelebriert wird. Rezepturen der Vorfahren werden in den Familien vererbt und gehütet wie Goldschmuck.

Die Schokolade war zäh und dickflüssig, schwarz wie die Nacht vor einem schweren Gewitter, und wurde in kleinen Portionen, heiß, aber nicht zu heiß, in kleinen Tassen und – im Idealfall – mit Silberlöffeln verzehrt. Für dieses Jahrhundert-Buch und ihre Theaterstücke wurde die Schriftstellerin in Augsburg mit dem Bertolt-Brecht-Preis ausgezeichnet.

Der Frühsommer hatte sich in den April verirrt. Ein warmer weicher Nachmittag und Abend am Tag der Preisverleihung im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses. Hier die vergangene Pracht der einst reichen Fuggerstadt, draußen junges Leben und Treiben, Sonne und aufkeimende Frühlingssäfte riefen auf die Plätze und in die Gassen. Cafès und Biertische waren dicht besetzt, luftige Kleider, kurze Hosen, bare Füße allerorten. Gesprächsfetzen, Lachen und Rufen in der Luft. Brecht-Erbe Wecker im Sinn. Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und die Luft nach Erde schmeckt, ist´s egal, ob man gescheit ist, wichtig ist, daß man bereit ist und sein Fleisch nicht mehr versteckt … Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und der Himmel ein Opal, weiß ich, dass das meine Zeit ist …

Nino Haratischwili ist jetzt Mitte dreißig. Natürlich die jüngste Preisträgerin. Drei Romane und zahlreiche Theaterstücke sind von ihr bereits erschienen und aufgeführt worden. Aus Neigung zu dieser Sprache hat sie in der Schule früh Deutsch gelernt und bereits sehr jung begonnen in deutscher Sprache zu schreiben. Brechts Kaukasischer Kreidekreis war eines der ersten Theaterstücke die sie in Tiflis sah, sie beeindruckt und geprägt hat. 1998 gründete sie eine deutsch-georgische Theatergruppe, schrieb, inszenierte und spielte vier erste Stücke auf Deutsch. In Tiflis studierte sie Filmregie, in Hamburg Theaterregie, hier lebt sie inzwischen mit ihrer Familie. Schon 2008 erhielt ihr Drama Liv Stein einen Autorenpreis auf dem Heidelberger Stückemarkt.

Foto: Birgit Böllinger

In seiner Begrüßung der Preisträgerin wies Kultur-Bürgermeister Kiefer auf Brechts durch eine alte Legende angeregte Kalendergeschichte vom Augsburger Kreidekreis hin, eine Vorarbeit zum späteren Theaterstück Der Kaukasische Kreidekreis. In der Begründung für die Preisverleihung heißt es: Nino Haratischwilis Romane und Theaterstücke lassen sich mit den großen Exildramen Bertolt Brechts in Verbindung bringen. Und FAZ-Ressortchef Andreas Platthaus fand für seine Laudatio die Formel: Wenn Bertolt Brecht das epische Theater erfunden hat, dann Nino Haratischwili die theatralische Epik.

Im Herbst ist Georgien Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018. Es besteht kein Zweifel, dass bei dieser Gelegenheit georgischer Wein an einschlägigen Messeständen zum Ausschank kommen wird. Viel wichtiger jedoch ist mir, dass zu diesem Zeitpunkt der neue Roman einer großen europäischen, aus Georgien stammenden Schriftstellerin erscheint. Wenn ich in Augsburg richtig hingehört habe, wird er den Titel Die Katze und der General tragen.

Der sommerliche Frühling in Ulm steht jenem in Augsburg in nichts nach. Hier wie dort atmet die Stadt auf und findet sich allerorten leichtlebiges Treiben und Sehnen. Zudem ist Literaturwoche an der Donau. Im Künstlerhaus bestand Gelegenheit zur Begegnung mit dem georgischen Autor Zurab Karumidze und seinem Übersetzer und Verleger Stefan Weidle. Die beiden hatten den Roman Dagny oder ein Fest der Liebe mitgebracht.

Kurz kam die Frage auf, ob Weidle wohl der georgischen Sprache mächtig sei. Dem ist nicht so. Karumidze hat das Buch in englischer Sprache verfasst. Neben der Muttersprache und Russisch seine dritte Sprache, wie er es formulierte. Karumidze lebt in Tiflis, doch sein Roman ist kein ausgesprochen georgisches Buch, Thema und Personal sind europäisch, die Abläufe universell.

Zarub Karumidze und Stefan Weidle (rechts)

Die Norwegerin Dagny Juel war ein Modell Edvard Munchs, etwa für seine bekannte Madonna. Strindberg verliebte sich in sie und reagierte bösartig als er auf Ablehnung stieß. Sie heiratete den polnischen Schriftsteller Stanislaw Przybyszewski und war mit ihm in Berliner Künstlerkreisen unterwegs. Przybyszewski verkaufte die Muse an seinen Bewunderer Wladyslaw Emeryk. So kam sie nach Tiflis.

Dagny Juel hat selbst Gedichte und kurze Dramen (in norwegischer Sprache) geschrieben, die Karumidze in seinem Buch immer wieder in englischer Version zitiert. Verleger Weidle möchte diese Werke demnächst als eigenen Band herausgeben. Am 4. Juni 1901 wurde Dagny von einem nicht erhörten Liebhaber in Tiflis erschossen und dort an ihrem 34. Geburtstag beerdigt. Als Aristokratin von Geburt und Charakter war Dagny Juel wie ein frischer Wind für die Männer, die atemlos nach ihrer Position in Kunst und Leben suchten.

Die in Ulm gelesenen Ausschnitte stellten ein herausforderndes Buch vor, eine tiefgründige Geschichte, frivol, erotisch, ebenso offen in der Sprache wie verschlüsselt in seinen Anspielungen. Die Hauptfigur ein Spielball männlicher Launen, Lüste, voll pornophonischem Lebensekel. Ein postmoderner Roman sei das, wurde als Kategorie bemüht. Der Begriff metamodern wurde erprobt. Doch wozu Klischees? Jedes literarische Werk steht letztlich für sich.

Weidle verwies auf die breite und tiefe literarische Vorbildung des Verfassers und dessen zahlreiche Reminiszenzen an die Weltliteratur, die sich nur mit entsprechender Leseerfahrung erschließen. In diesem Zusammenhang forderte er dazu auf nicht nur aktuelle Bücher zu lesen, sondern immer wieder zu den Klassikern, den alten und den modernen zu greifen. Ein berechtigtes Ansinnen. Sein persönlicher Hausgott, ließ er noch wissen, ist Heimito von Doderer.

Zwischendurch sangen Autor und Verleger Norwegian Wood im Männerduett. Warum wurde nicht so recht klar, kam aber gut an. Der volle Bass Karumidzes ist so beeindruckend, dass der Wunsch geäußert wurde, er möge mit seiner Stimme noch etwas auf Georgisch vortragen. Er wählte eine Passage aus dem über 850 Jahre alten georgischen Nationalepos Vepkhis t’q’aosani (zu deutsch: Der Recke im Tigerfell) des Dichters Rustaveli. Ein wohltönender Vortrag.

Georgien ist die ursprüngliche Heimat des Weines und des kultivierten Weinbaus, behaupten Fachleute. Archäologen haben im Land Weinrebsamen entdeckt, die 5.000 Jahre alt sind. Sie können in Tbilissi im Museum des Weininstitutes bewundert werden.

Nino Haratischwilis Achtes Leben (für Brilka) habe ich kurz nach Erscheinen gelesen. Verschlungen, genossen und bewundert. Ob ich über kurz oder länger zu Dagny oder ein Fest der Liebe greifen werde, ist nicht absehbar. Allerdings kann kaum etwas anderes einen selbst so überraschen wie Wendungen und Launen der Leselust. Und irgendwann wird vielleicht ein Glas das beim Lesen vor mir steht mit georgischem Wein gefüllt sein.

An der Donau ist Literaturwoche!

Zehn Tage Leidenschaft für Literatur, besondere Bücher aus unabhängigen Verlagen, ergänzt um feine musikalische Anreicherungen. Vom 20. bis zum 29. April dauert die diesjährige Literaturwoche Donau. Der Verein Literatursalon Donau e. V. und zahlreiche Partner und Unterstützer laden ein.

Freunde schöner Poesie und Poetik, großer Erzählungen und überraschender Texte sollten vorschlafen und sich die Abende und Wochenenden freihalten für das ambitionierte und breit gefächerte Programm. 

Am Freitag 20. April findet bei freiem Eintritt die Eröffnungsveranstaltung im Haus der Museumsgesellschaft Ulm in der Neuen Straße statt. Mit Hernan Ronsino ist gleich eine der wichtigsten Stimmen der argentinischen Literatur zu Gast. Er hat den Übersetzer Luis Ruby und seinen deutschen Verleger Ricco Bilger mitgebracht. Für die musikalischen Akzente des Abends sorgt das Silber Quartett.

Zwei markante Veranstaltungsorte im Rahmen der Literaturwoche Donau 2018: Ulmer Münster und das Haus der Museumsgesellschaft

Was bieten die folgenden Tage?

Um nur einige Höhepunkte zu nennen: Jonas Lüscher stellt seinen Roman über das Streben und Scheitern des Rhetorikprofessors Kraft vor. Iris Wolff liest aus dem vielbesprochenen und hochgelobten, aus vier zusammenhängenden Erzählungen bestehenden Roman So tun als ob es regnet (bei dem Titel handelt es sich um eine rumänische Redensart). Bei Anna Baars Als ob sie träumend gingen begegnen wir einer kroatisch-österreichischen Autorin, die ebenso sprachmächtig wie anrührend von Liebe in Zeiten des Krieges erzählt. Der Schweizer Thomas Meyer besticht mit feinem Humor und Hintersinn. Sein aktuelles Buch Trennt euch! ist konsequenterweise eine überraschende Liebeserklärung an die Beziehung zwischen zwei Menschen.

Ein Tag ohne Bier ist wie ein Tag ohne Wein behauptet Thomas Kapielski. Um das zu überprüfen wird am Schlusssontag zu einer Frühschoppenlesung ins Ulmer Künstlerhaus geladen. Es empfiehlt sich jedoch Zurückhaltung beim Genuss geistiger Getränke, denn am Abend kann man zusammen mit Sudabeh Mohafez den Münsterturm besteigen. In schwindelnder Höhe wird sie ihren Stadtschreibertext vorstellen, der für diese Literaturwoche entstanden ist.

Künstlerhaus und Münsterturm sind nur zwei der wunderbaren Lokalitäten die Florian Arnold und Rasmus Schöll, die beiden Hauptmacher der Veranstaltungsreihe, dem Publikum erschließen konnten. Gespannt sein darf man nicht zuletzt auf die Botschaft internationale Stadt im Herzen Ulms auf dem Hans-und-Sophie-Scholl-Platz. Im bayerischen Nachbarn Neu-Ulm geht es zum Wiley-Kiosk, ins frisch renovierte Edwin-Scharff-Museum und das beliebte Café d’Art.

Im Rahmen der diesjährigen Literaturwoche Donau findet schließlich und zum guten Schluss noch die Erste Ulmer Buchmesse der unabhängigen Verlage statt. Am Sonntag, 29. April im renommierten Museum Villa Rot in Burgrieden (der Ort liegt etwa 20 Kilometer südlich der Donau-Doppelstadt) und bereits einen Tag zuvor, dem Samstag, in den Räumen der Museumsgesellschaft Ulm. 19 Verlage aus ganz Deutschland – aus Ulm sind danubebooks und Topalian & Milani vertreten – präsentieren ein breites Spektrum schöner Bücher, exquisiter Gestaltung und hochwertiger Literatur. Der Eintritt ist frei.

In den Städten Ulm und Neu-Ulm hängen bereits flächendeckend die von Joachim Brandenburg großartig gestalteten Einladungs-Plakate aus. Hinsehen lohnt sich. Das vollständige Programm (das natürlich viel mehr bietet als die hier aufgeführten Appetithappen) mit genauen Angaben zu Orten, Zeiten und Preisen findet man überall dort wo Kultur stattfindet, ganz sicher aber in den beiden Stadtbibliotheken und der Buchhandlung Aegis.

Infos im Netz gibt es hier:

http://literatursalon.net/literaturwoche-donau-2018/

 

Herbst-Lese 2012: Silke Knäpper und Fee Katrin Kanzler

Über zwei Dreiecks-Geschichten von “Ulmer” Autorinnen

Die literarische Szene der kleinen Großstadt Ulm an der Donau und der umliegenden Region ist überschaubar, dennoch durchaus lebendig und vielfältig. Es gibt den lyrischen Rapper, den fleißig schreibenden Buchhändler und eine aktive Autorengruppe. Die “Flugfische” treten mit einem frischen Cross Over aus Sprachkunst, Musik und Tanz vor ein ambitioniertes Publikum; “Wörterflug” verbindet Literatur mit moderner Musik. Der monatliche Poetry Slam füllt regelmäßig einen großen Saal. Und aus dem Dämmer seiner Kammer, in der nur das Äpfelchen glüht, liefert der eine oder andere Blogger mal Hinter- und mal Vordergründiges.

Natürlich ist diese Aufzählung in jeder Hinsicht unvollständig.

In Ulm begannen übrigens – bei jeweils sehr unterschiedlichen Ausgangslagen – die Schriftstellerkarrieren von inzwischen weitbekannten Persönlichkeiten wie Andreas Eschbach, Amelie Fried oder Ulrich Ritzel. Rar waren bisher längere Erzählwerke von Autoren oder Autorinnen die ihren aktuellen Lebensmittelpunkt in der Münsterstadt, bzw. dem sprichwörtlichen “um Ulm herum” haben. Das hat sich in den letzten Monaten geändert.

Gleich zwei jüngere Schriftstellerinnen, die in Sichtweite des vielbestiegenen Kirchturms leben und schreiben, konnten ihr Roman-Debut veröffentlichen: Silke Knäpper und Fee Katrin Kanzler. Erfreulicherweise wurden sie dabei von den Häusern Klöpfer und Meyer, bzw. Frankfurter Verlagsanstalt unterstützt. Zwei Verlagen also, die für besondere Qualitätsmaßstäbe bekannt sind. Beide Frauen haben Sprachen studiert und gehen einem Brotberuf als Lehrkräfte an Gymnasien nach. Für ihre bisherigen, meist kleineren schriftstellerichen Arbeiten, wurden sie schon verschiedentlich ausgezeichnet. Silke Knäpper ist zudem Mitglied der bereits erwähnten “Flugfische”; Fee Kathrin Kanzler betreibt die mystisch märchenhafte Web-Site “fairy-club”.

Bei ganz deutlichen Unterschieden im Stil, weisen die zwei vorgelegten Romane allerhand Gemeinsamkeiten auf. Es sind Dreiecksgeschichten in deren Mittelpunkt Musikschaffende stehen. In beiden Büchern spielt auch die Musik selbst eine wichtige Rolle. Neben der Haupthandlung geht es jeweils um eine tragische Geschwister-Liebe und daraus resultierende Schuldgefühle, Verlustängste und Sinnkrisen.

Knäpper, Silke: Im November blüht kein Raps. – Klöpfer & Meyer, 2012

Paul streicht und zupft den Bass. Der “Held” in Silke Knäppers Roman tut dies hauptberuflich im Orchester des Ulmer Theaters (Stutznitzen Sie ruhig, Herr Indendant! – Aber die Freiheit nehme ich mir.) Paul ist verheiratet, hat eine Zweitfrau namens Hanne und eine zweite Wohnung in die er sich zu atemholenden Sein ohne Frauen zurückzieht.

Während er im Ensemble meist problemlos den richtigen Ton findet, ist sein Privatleben schon längst aus dem Takt geraten. Auch traumatische Kindheitserfahrungen wirken erschwerend nach. Die Härte des Vaters. Dessen musikalische Früh-Erziehung, die das Kind als Schleiferei erlebte. Ein Emanzipationsversuch durch Instrumentenwechsel brachte kaum seelische Entlastung. Neben Paul spielt in “Im November blüht kein Raps “ die Stadt Ulm eine zweite Hauptrolle. Liebhaber verfahrener Beziehungsgeschichten werden das Buch ohnehin gerne zur Hand nehmen, Ulm-Liebhaber und -Kenner auf jeden Fall Freude daran haben. Denn es gibt viel zu entdecken.

41WIN-5+DAL._AA160_Die Buchhandlung Wiltschek und Bauer etwa, deren reale Vorbilder und ihre Inhaber sehr populär bei den Buchliebhabern der Stadt sind. Eine der allerersten italienischen Gaststätten in der alten Reichsstadt, ist seit Jahrzehnten als Pizzeria “Bella Napoli” bekannt und geschätzt. Die ehemalige Lebkuchenfabrik auf der anderen Donauseite im bayerischen Neu-Ulm, in der Paul seinen Zweitwohnsitz unterhält, steht derzeit kurz vor dem Abriss und wird bald einer Wohnanlage der gehobenen Preisklasse mit exklusiven Blicken auf Donau und Bilderbuchkulisse Ulms weichen. Schließlich das Reihenhaus am Kuhberg, das Kult-Cafè Omar in der Oststadt, das Kongress-Zentrum und immer wieder das städtische Theater, einschließlich mancher Blicke hinter dessen Kulissen.

Silke Knäpper schreibt knapp, schnörkellos und präzise. Die Geschichte wird nie langweilig, der Leser folgt dem Geschehen von Anfang an mit Spannung. Die Autorin hat ihre eigene Tonart gefunden. Eigene, originelle Motive sind es hingegen nicht immer auf die sie zurückgreift. Meist werden bewährte, in der neueren deutschen Literatur vielfach verwendete Vorlagen genutzt. Der Zweite Weltkriegt taucht auf; die daraus entstandenen Vertreibungsprobleme werden behandelt, Wurzeln der Familie im Osten ge- und besucht. (Wer wissen will, wie eine junge Autorin über Vertreibung und deren ambivalenten Aspekte schreiben kann, der greift besser zum Roman “Katzenberge” von Sabrina Janesch.) Schließlich fließen auch noch der Jugoslawienkrieg und eine demente Mutter in den Erzählfluss ein. Doch all diese Themen, die schon an anderer Stelle reichlich und oft stimmiger behandelt wurden, werden nur angerissen. Denn das Buch von Silke Knäpper ist nach gut 180 Seiten in 28 Kapiteln und einem Epilog zu Ende. Auch Paul? Lesen Sie selbst!

Die in Ulm erscheinende Südwest-Presse urteilte: “…auf den Lokalbezug ist diese Prosa keinesfalls zu reduzieren, der Roman hat erstaunliche literarische Qualität, findet gewiss überregionale Beachtung.” Das ist der Autorin genau so zu wünschen, wie der Mut, beim nächsten Versuch noch etwas eigensinniger zu werden.

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Kanzler, Fee Katrin: Die Schüchternheit der Pflaume. – Frankfurter Verlagsanstalt, 2012

Du kennst die mehlige Schicht, die eine frische Pflaume hat. Was sie matt macht und blassblau statt dunkel, diese dünne Schicht, dieses Anstandspuder überm tiefen Violett, die Schüchternheit der Pflaume. Wenn du die Pflaume anfasst, reibt sich diese Schicht ab, und die Pflaumenhaut beginnt zu glänzen.”

Der Bassmann, der sie bei ihren Auftritten instrumental begleitet, nennt sie “Missy”, ihr Vermieter Borg spricht sie mit “Prinzessin” an. Für uns Leser bleibt sie namenlos. Sie ist nicht nur Schlafwandlerin; sie folgt auch gerne Göttern. Die Liedermacherin lebt in einer etwas eigenartigen Form von Wohngemeinschaft. Im leicht märchenhaften Haus, das die Bewohner “Goldlaube” nennen. Sie fühlt sich gleichermaßen zum Künstler-Freund Fender hingezogen, wie zum bürgerlich-maskulinen Blau. Und im Hintergrund ist immer die niemals endende intime Verbundenheit mit dem toten Zwillingsbruder. Die junge Frau schwankt und schwenkt zwischen den beiden Männern eben so hin und her, wie zwischen verschiedenen musikalischen Ausdruckformen und erotischen Stimmungen.

51pwAcSDitL._AA160_Fee Kathrin Kanzler schreibt in einer hochpoetischen Sprache. Sie hat lange gefeilt an den Sätzen, den Formulierungen, den Bildern, dem Rhythmus, erzählt sie in Interviews. Lyrische Ausdrucksformen überwiegen bei ihr, ohne dass auf Beschreibungsgenauigkeit verzichtet wird. Es ist sehr viel Wille zur Form, zur Melodie, viel Ambition, erkennbar. Da dies die Lesbarkeit nicht ausdrücklich erleichtert und nicht jeder Leser bereit ist sich auf diesen hohen Ton einzulassen, hat sie zwischendurch für Abwechslung, für gelegentliche Tempowechsel gesorgt. Wenn etwa ein terroristischer Sprengstoff-Anschlag städtisches Leben durcheinanderwirbelt und wichtige Verkehrsadern von einer Sekunde auf die andere zerstört. Ein Abschnitt im Buch, der recht unerwartet kommt und vielleicht etwas mutwillig plaziert wirkt.

Bei aller Sprachmacht, poetischer Virtuosität und dem durchaus vorhandenen epischen Talent, ist das Buch ein paar Seiten zu lang geraten. (“He, Blogger! Was willste eigentlich? Das eine Buch ist dir zu lang, das andere zu kurz. Wie kann man’s dir denn recht machen?”) Dem Leser droht- auf der wort- und bildgewaltigen Strecke irgendwann die Luft auszugehen und er schleppt sich möglicherweise etwas mühsam bis zum Ende auf Seite 318. Allerdings bekommt er auf dem Weg dorthin sehr schöne Kapitel-Überschriften geboten: “Mandelseife.” “Blaue Zunge.” “Salamanderfinger.” “Apfelkerngeschmack.”

Fee Kathrin Kanzler und ihr erster Roman sind schon eine zartwuchtige Entdeckung. Eine neue, ganz eigene, sehr sinnliche Stimme klingt hier an. So sah es auch Björn Hajer in DIE WELT: “Mit seiner feinstofflichen Gestaltwerdung ist dieser Erstling eine beachtliche, vielstimmige Partitur, in der auf reizvolle Weise große neben kleinen Gedanken stehen.” Jetzt darf man gespannt sein, ob diesem ersten erzählerischen Höhepunkt, weitere folgen werden.

Mai 1960

Die Gruppe 47 in Ulm

Der zweite Teil

1959 war der Roman “Die Blechtrommel” erschienen und hatte für einige Aufregung und manch frische Brise im schwarzbraunen Mief der schon viel zu lang anhaltenden Nachkriegszeit Dreizonen-Deutschlands gesorgt. Aus heutiger Sicht eines der wichtigsten und bedeutensten deutschsprachigen Werke des 20. Jahrhunderts. Der Autor Günter Grass hatte bis dahin nur etwas Lyrik veröffentlicht, einige Jahre in Paris gelebt und hauptsächlich als Bildhauer gearbeitet. Seine umfangreiche, voller Fabulierlust erzählte Geschichte löste nach dem Erscheinen allerhand Turbulenzen in einer Gesellschaft aus, die langsam zu einem bescheidenen Wohstand kam und es sich unter der Dauerkanzlerschaft des rheinischen Gemütsmenschen Adenauer behaglich gemacht hatte.

Aufgrund einiger saftig bildhafter Passagen wurden Buch und Autor die Verbreitung von Geschmacklosigkeiten, von Pornographie und Blasphemie vorgeworfen. Damit hatten sich Schriftsteller in den 1950er Jahren immer wieder einmal auseinanderzusetzen. Arno Schmidt, der mit seiner “Seelandschaft mit Pocahontas” auch davon betroffen war, wechselte deshalb sogar den Wohnsitz, verließ mehr oder weniger freiwillig das erzkatholische Kastel an der Saar. Als selbsternannte Moralinstanzen traten vor allem katholische Oberhirten und spezielle konservative Kreise auf. Im Mai 1960 nahm Günter Grass an der Hörspiel-Tagung der Gruppe 47 in Ulm teil.

Inge Aicher-Scholl nutzte ihre Kontakte und lud den Schriftsteller zu einer Lesung in das im Zentrum der Stadt gelegene, traditionsreiche Schwörhaus ein. Günter Grass las am Samstag-Abend, den 28. Mai. Das zahlreich erschienene Ulmer Publikum nahm den umstrittenen Jungautor freundlich auf. Die lokale Presse schrieb über den Auftritt des markanten Danzigers in Ulm: “Er trug seinen literarischen Schatz in einer winzigen Reisetasche von der Art, wie sie deutsche Landärzte um die Jahrhundertwende benützt hatten, zum Lesepult, verbeugte sich verbindlich lächelnd und sah ein wenig aus wie Guareschi und Georges Brassens.”

Günter Grass las einige Gedichte und aus der “Blechtrommel” die Kapitel “Das Kartenhaus” und “Brausepulver”, ein Kapitel von besonderem literarisch-erotischen Reiz. “Da saß ein Epiker von Format, ein unbefangener Kraftprotz, der ein verwöhntes Publikum in Bann schlagen konnte, mit seinen Geschichten, mit seiner Sprache”, schrieb die Schwäbische Donauzeitung. Man möchte ergänzen: Und mit seiner Vortragsweise, seiner Performance, wie man heute vielleicht sagen würde. Wer in den letzten Jahren Gelegenheit hatte eine Grass-Lesung zu erleben, konnte feststellen, dass die Schilderung von 1960 auch heute noch fast unverändert zutrifft.

Über zwei weitere Teilnehmer des Ulmer Treffens der Gruppe 47 kann Interessantes berichtet werden.

Das Ulmer Schwörhaus, in dem heute das Stadtarchiv untergebracht ist.

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Friedrich Knilli promovierte 1959 mit einer experimentalpsychologischen Untersuchung des Hörspiels und verfasste ein Buch mit dem Titel “Das Hörspiel. Mittel und Möglichkeiten eines totalen Schallspiels”, das bald als Standardwerk galt. Er gehörte später zu den Mitbegründern des “Literarischen Colloquiums Berlin” und war Professor für Literatur- und Medienwissenschaften an der Technischen Universität Berlin, ein ausgezeichneter Kenner von Leben und Werk Lion Feuchtwangers, der sich schwerpunktmäßig unter anderem mit der Darstellung der Juden in den Medien beschäftigte. Knilli vertrat in Fragen der Hörspiel-Theorie eine Gegenposition zur Hamburger Linie Heinz Schwitzkes, für den das “Wortspiel” im Vordergrund stand und befürchtete seinerseits eine “Verwortung des Hörspiels.” Er setzte stärker auf Inszenierung und dramaturgische Effekte.

Unterstützt wurde Friedrich Knilli in seiner Position während der Ulmer Tage von einem Germanisten aus Nürnberg, der zur Tagung als Hans Schwerte angemeldet war, und der sich in Gesprächen gerne über die Nazi-Vergangenheit des NDR-Hörspiel-Chefs Schwitzke ausließ. Schwerte hatte in Erlangen studiert und promoviert und wurde 1965 Professor für Neuere Deutsche Literatur an der RWTH Aachen, von 1970 bis 1973 war er ihr Rektor und wurde dem linksliberalen Flügel der Professorenschaft zugerechnet. Er erhielt das Bundesverdienstkreuz und den belgischen Orden “Officier de L’Ordre de la Couronne.”

In den 1990er Jahren verdichteten sich Gerüchte, dass Schwerte nicht der war als der er sich ausgab. Recherchen des niederländischen Fernsehens und der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule enthüllten schließlich Schwertes ursprünglichen Namen: Hans Werner Schneider, geboren 1909 in Königsberg. Seit 1933 war dieser Schneider in NS-Organisationen aktiv gewesen, ab 1937 gehörte er der SS an, in der er verschiedene Führungspositionen begleitete und u. a. auch in den besetzten Niederlanden arbeitete.

Kurz nach Kriegsende hatte Schneider sich mit Hilfe seiner “Witwe” für tot erklären lassen und den Namen Hans Schwerte angenommen, der einem vermutlich im Krieg gefallenen Soldaten gehört hatte. So konnte er eine scheinbar makellose akademische Karriere absolvieren. Schwerte/Schneider, der sich unter dem Druck der Ermittlungen schließlich selbst angezeigt hatte, wurde in der Folge der Professoren-Titel aberkannt. Er verlor alle Pensions-Ansprüche und das Bundesverdienstkreuz. 1960, bei seinen Auftritten auf dem Ulmer Kuhberg, war er ein allseits geschätzter Wissenschaftler, Hörspiel-Fachmann und Gesprächspartner gewesen.

Es gibt einen wunderbaren Bildband über die Treffen der Gruppe 47 (Köln, 1997). Die Fotos hat Toni Richter gemacht, die Frau Hans Werner Richters. Einerseits geben die Schwarzweiß-Aufnahmen einen lebendigen Eindruck von Ort und Athmosphäre jeder einzelnen Veranstaltung; gleichzeitig wirken sie jedoch unglaublich nostalgisch – im wahrsten Sinne wie aus einem anderen Zeitalter. Das außerordentliche Treffen, die Hörspieltagung im Mai 1960 in Ulm, ist in dem Buch mit fünf Bildern vertreten. Auf einem davon sieht man eine kleine Gruppe auf der großen nach Süden ausgerichteten Terasse des HfG-Komplexes in intensive Gespräch vertieft: Dieter Wellershoff, Franz Schonauer, Walter Hasenclever, Hans Werner und Toni Richter. Es ist ein besonders schöner Platz. Von hier blickt man auch heute noch über das tiefer liegende Donautal in Richtung der an Föhntagen in der Ferne sichtbaren Alpenkette.

1960 waren die Nachwirkungen der Nazi-Jahre in Deutschland noch nicht gänzlich überwunden, wie wir oben gesehen haben. Aber auch in Europa war der braune Spuk noch nicht zu Ende. In Spanien beherrschte seit 1939 der faschistische Diktator Francisco Franco das Land und das blieb so bis zu seinem Tod im Jahre 1975. Bevor man Ulm wieder verließ, verfassten und verabschiedeten  die Schriftsteller und Schriftstellerinnen eine gemeinsame Petition, in der sie sich für Journalisten und Publizisten in Spanien einsetzten, die unter diesen spätfaschistischen Verhältnissen zu leiden hatten. Das nächste reguläre Treffen der Gruppe 47 fand im November 1960 im Rathaus von Aschaffenburg statt. Es wurden 150 Personen eingeladen, darunter 16 neue Autoren und Autorinnen; 25 lasen aus ihren unveröffentlichten Werken. Günter Eich, der in Ulm zu jenen gehört hatte die im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen, musste unter dem materiellen Druck der ihn zu allerhand Brot-Arbeit zwang und nach zahlreichen Reisen und Lesungen wegen “totaler Erschöpfung” absagen.

Auf der Blog-Seite „da capo“ finden Sie ein Zitat Hans Werner Richters zum Selbstverständnis der Gruppe 47.

In diesem Blog werde ich gelegentlich auch über andere Treffen der Gruppe 47 im süddeutschen Raum berichten.

Mai 1960

Die Gruppe 47 in Ulm

Der erste Teil

Die Ulmer Hochschule für Gestaltung wird für immer als eine ganz besondere Bildungseinrichtung in Erinnerung bleiben. Der Gebäudekomplex, den sie bei ihrer Gründung 1955 bezog, war von dem Schweizer Architekten und Mitbegründer der Hochschule, Max Bill im Bauhausstil als industrielles Serienprodukt (Plattenbau) geplant und errichtet worden. Unscheinbar und harmonisch fügen sich auch heute noch die einzelnen Trakte in den sanften Hang des Hochsträß. Etwas außerhalb der Stadt auf dem Kuhberg gelegen, war die HfG von Anfang gleichermaßen Fortschrittsmotor wie skandalumwehter Sammelpunkt kreativ liberaler Geister. 1968 wurde sie auf Druck der baden-württembergischen CDU-Regierung und mit zustimmender Genugtuung weiter Kreise der Ulmer Stadtgesellschaft abgewickelt.

Das letzte Wochenende im Mai 1960 war für die ehemalige freie Reichsstadt Ulm an der Donau von großer Bedeutung – sie bekam ihre zweite Hochschule. Im großen Ratssaal fand die feierliche Eröffnung einer Ingenierschule durch den damaligen Kultusminister Storz statt. Eine Bildungsstätte die sich mit realen, greif- und begreifbaren Gegenständen beschäftigte, fand in der Stadt sofort wesentlich mehr Anklang als das eher abstrakte und theoretische Wirken der Hochschule für Gestaltung. Dass dort durchaus bahnbrechende, Jahrzehnte nachwirkende Ideen, Entwürfe und Produkte entstanden, wurde den meisten Skeptikern erst klar, als diese Aera schon wieder vorbei war. Die Ingenieurschmiede aber wurde 1971 zur Fachhochschule und inzwischen im Rahmen der Bologna-Prozesse zur Hochschule veredelt.

Während im historischen Rathaus der Donaustadt von den Honoratioren des Landes und der Stadt auf den Bildungs-Meilenstein angestoßen wurde, fand am selben Wochenende eine andere, ebenfalls äußerst prominent besetzte Zusammenkunft statt. Im Bill-Bau der HfG traf sich die Gruppe 47 ab Donnerstag den 26. Mai und bis Sonntag den 29. Mai zu einer Hörspieltagung. 80 Schriftsteller, Autoren, Journalisten und Kulturschaffende waren dazu angereist.

Die Gruppe 47, das von Hans Werner Richter begründete Schriftstellertreffen, wurde in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik etwa zweimal jährlich einberufen. Die letzte reguläre Tagung fand 1967 statt. “Eigentlich ist die Gruppe gar keine Gruppe. Sie nennt sich nur so.” (H. W. Richter) Diese Gruppe, die keine Gruppe war, nie aus einem festen Teilnehmerkreis bestand, hat die literarische Landschaft des Nachkriegsdeutschland wesentlich mit geprägt und ihre weitere Entwicklung nachhaltig beeinflußt. Was im Mai 1960 in Ulm stattfand war ein Treffen außerhalb des üblichen Rhythmus und eine Tagung, die sich ein enges und spezielles Themenspektrum gewählt hatte: Sie war ganz und ausschließlich dem Hörspiel gewidmet. Aus diesem Sonderstatus erklärt sich zum Teil die schlechte Quellenlage. Es existieren nur wenige verwertbare Zeugnisse und Dokumente zu diesem Ereignis.

1960 hatte die Medienform des Hörspiels ihren Bedeutungshöhepunkt und den Gipfel des Publikumszuspruchs schon leicht überschritten. Die Konkurrenz des noch jungen Fernsehens und des zunehmend beliebten Fernsehspiels wurde stärker. In den Jahren zuvor waren einige wichtige Werke im Genre Hörspiel entstanden, die auch jederzeit höheren literarischen Ansprüchen genügten. Prägend wurde bei der Aufnahmepraxis die „Hamburger Hörspieldramaturgie“ unter Heinz Schwitzke der auch den Begriff des “Wortkunstwerks” prägte. Südwestfunk und Süddeutscher Rundfunkt waren Rundfunksender die Hörspiel, Hörbild und Hör-Essays in ihren Programmen besonders pflegten. Damit trugen sie nicht zuletzt wesentlich zur Verbesserung der Einkommenssituation des einen oder anderen Schriftstellers bei. 1960 gab es in allen deutschen Rundfunkanstalten etwa 300 Termine für Hörspielsendungen. An der Veranstaltung in Ulm nahmen u. a. teil: Alfred Andersch, Wolfgang Hildesheimer und Günter Wellershoff, Ruth Rehmann, Walter Hasenclever und Franz Schonauer, der Regisseur Peter Schulze-Rohr, der Großkritiker Marcel Reich-Ranicki, der Medienwissenschaftler Friedrich Knilli, sowie Günter Eich und Ilse Aichinger.

Günter Eich studierte Sinologie und arbeitete ab 1932 als freier Schriftsteller. Seine Schwerpunkte waren die Lyrik und eben das Hörspiel, wie zum Beispiel das 1951 erstgesendete “Träume” oder “Das Mädchen von Viterbo” (1953). “Wie alle großen Schriftsteller hat Eich sich eine Grundform geschaffen, an deren Vervollkommnung er arbeitet”, schrieb Walter Jens über Eich und sein Verhältnis zum Hörspiel. Man zählte ihn zu den Wegbereitern des “literarischen Hörspiels”. Doch dieser Begriff wurde immer wieder in Frage gestellt. So auch bei der Tagung auf dem Ulmer Kuhberg. Die örtliche Zeitung resümierte sogar: “Das literarische Hörspiel gibt es noch nicht.” Man war generell auf der Suche nach neuen literarischen Ausdrucksformen, hielt die traditionellen Gattungen für überholt. Eine Entwicklung, die aus heutiger Sicht, eher im Sande verlief.

Seit 1953 war Günter Eich mit Ilse Aichinger verheiratet. Ilse Aichinger als Tochter einer jüdischen Ärztin und eines Lehrers in Wien geboren, wurde katholisch getauft. Die Familie war der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt; Ilses Großmutter und die jüngeren Geschwister der Mutter wurden 1942 deportiert und ermordet. Die Zwillingsschwester floh im Juli 1939 mit einem der letzten Jugendtransporte nach England. Ilse Aichingerr selbst und ihre Mutter blieben unter schwierigen Umständen in Wien. Ilse absolvierte zwar erfolgreich das Gymnasium, bekam aber als Halbjüdin keinen Studienplatz. Erst nach Kriegsende konnte sie ein Medizinstudium beginnen, das sie jedoch nach fünf Semestern abbrach, um ihren ersten Roman zu schreiben.

Die österreichische Schriftstellerin stieß früh zur Gruppe 47, zu deren Gründungsmitgliedern ihr späterer Mann Günter Eich gehörte. 1948 war ihr Roman “Die größere Hoffnung” erschienen. Aichingers wichtigsten Hörspiele waren “Knöpfe” (1953), das auch dramatisiert wurde und “Weiße Chrysanthemen”, mehr ein Hörtext als ein szenisches Hörspiel. Ilse Aichinger warnte vor einer radikalisierten Sprachkritik, wie sie u. a. auch von der Abteilung Information der Ulmer HfG betrieben wurde, die der Naturwissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller Max Bense aufgebaut hatte. In ihrem Essay “Meine Sprache und ich” schrieb Aichinger dazu: “Meine Sprache und ich, wir reden nicht miteinander, wir haben uns nichts zu sagen.” Anfang der 50er Jahre hatte sie zeitweilig bei Inge Aicher-Scholl an der Ulmer Volkshochschule gearbeitet. Inge Aichers Mann, der bekannte Graphiker und Designer Otl Aicher war maßgeblich am Aufbau der Hochschule für Gestaltung beteiligt. Diese Verbindungen waren es wohl, die die Teilnehmer der Hörspieltagung im Mai 1960 ausgerechnet nach Ulm führten.

In Ulm wurden Arbeiten von Teilnehmer der Tagung, aber auch von Autoren die nicht nach Ulm gekommen waren, präsentiert – durch Vortrag oder das Abspielen von Tonbändern; einige Aufnahmen wurden vom Rundfunk-Übertragungswagen eingespielt. Dabei war Neues und Altes, Rohfassungen ebenso, wie fertige Inszenierungen. Da es die Quellenlage unmöglich macht eine komplette Teilnehmerliste der Tagung zu erstellen, ist aus heutiger Sicht nicht mehr eindeutig zu klären, welche Werke vor Ort von ihren Autoren vorgestellt und welche von fremder Stimme gelesen oder von Band eingespielt wurden.

Hier eine kleine Auswahl der am letzten Maiwochende 1960 vorgestellten Werke: Das schon erwähnte Dreipersonen-Stück “Weiße Chrysanthemen” Ilse Aichingers und “Albino” von Alfred Andersch, der lange für Hessischen und Süddeutschen Rundfunk gearbeitet hatte, seit 1958 aber im Tessin lebte, weil er mit der gesellschaftlichen Entwicklung im Adenauer-Deutschland nicht einverstanden war. Von Günter Eich eine alte und eine neue Fassung von “Der Tiger Jussuf”; von Alfred Döblins “Berlin Alexanderplatz” eine Hörspielfassung. Der “Schützengraben-Dialog” des israelischen Aktivisten und Schriftstellers Ben-Gavriel, der 1891 als Eugen Hoeflich in Wien zur Welt gekommen war, wurde ebenso heftig diskutiert wie Wolfgang Hildesheimers böse Komödie “Herrn Walsers Raben”.

Vom Polen Zbigniew Herbert, der hauptsächlich als Lyriker bekannt wurde, gab es “Das Zimmer” und von Eugène Ionesco, dem Großmeister des absurden Theaters, den “Automobil-Salon”. Von Paul Kruntorad, der aus dem Tschechischen stammte und in Österreich als Publizist wirkte, “Das Hobby”; von der viele Jahre später auch als Grünen-Politikerin auftretenden Ruth Rehmann Partien aus “Ein ruhiges Haus” und von Dieter Wellershoff Passagen aus “Der Minotaurus”. Wellershoff erfuhr vor drei Jahren mit seinem erfolgreichen Roman “Der Himmel ist kein Ort” noch einmal späte Anerkennung.

Die Sitzungen dauerten bis weit in die Nacht, dabei wurde kräftig geraucht und reichlich gezecht. Zur nicht immer nur ernsthaften Runde gehörte damals bereits ein 33-jähriger Bildhauer, der neuerdings auch als Schriftsteller vernehmbar von sich reden machte und bis heute bei vielen gesellschaftlichen, politischen und literarischen Anlässen mit seinen meinungsstarken Wortmeldungen nicht wegzudenken ist: Günter Grass.

Dazu mehr im zweiten Teil und in Kürze an dieser Stelle.

Johannes Schweikles “Fallwind”

Ein Roman über die Ereignisse rund um den skandalösen 31. Mai 1811 in Ulm

Was wird nicht Alles gefeiert? Große Töchter und Söhne, Männer und Frauen einer Stadt oder des Erdkreises. Die Jungfernfahrt eines Kreuzfahrtschiffes. Der Erstflug einer neuen Großraum-Maschine. Jubiläen allerorten, runde und eckige. In der kleinen bayerischen, etwas unscheinbaren Gemeinde Neu-Ulm, wurde vor Kurzem krachend deftig und bierschäumend, das 200-jährige Bestehen begangen. Nebenan hingegen – oder besser gegenüber – auf württembergischer Seite, in der auf fünf Hügeln gelegenen Donau- und Universitätsstadt Ulm, feiert man ein ganzes Jahr lang nichts weniger als einen Absturz.

Es war am 31. Mai 1811. Nach langen Vorarbeiten, gründlicher Planung, zahlreichen Testflügen auf einem dieser Ulmer Hügel, wurde es für den Schneidermeister Albrecht Ludwig Berblinger ernst. Man drängte ihn, nachdem der König von Württemberg schon wieder abgereist, sein Bruder, Herzog Heinrich, jedoch noch in der Stadt war und weil er es selbst so in Aussicht gestellt hatte, „seinen ersten öffentlichen Versuch mit seiner Flugmaschine, wenn die Witterung günstig ist“, zu unternehmen. Doch über der kalten Donau gab es keine warmen Aufwinde, wie bei den Probeflüge am Michelsberg, sondern nur tückischen Fallwind. Als er beim Absprung von der Adlerbastei zögerte, wurde nachgeholfen und er fiel fast senkrecht in die Donau. Fischer zogen ihn in einen Kahn, die Bürger lohnten mit Spott, das Leben des bis dahin erfolgreichen Handwerkers lief aus der Bahn.

Längst ist aus den Ereignissen Geschichte geworden und aus dem Schicksal des armen Berblinger ergiebiger und spannender Erzählstoff. Schon vor hundert Jahren gab dieser dem Landwirt und Schriftsteller Max Eyth Gelegenheit ein Tausend-Seiten-Werk zu verfassen, Bert Brecht hat darüber gedichtet, vor drei Jahrzehnten der inzwischen berühmte Edgar Reitz den Stoff zum Film verdichtet, ein Musical für junge Darsteller und Sänger wird immer wieder gerne aufgeführt. Und die jüngste künstlerisch gestaltete Interpretation der Ereignisse vor zweihundert Jahren ist ein kurzweilig lesenswertes Buch das dieses Frühjahr bei Klöpfer und Meyer erschienen ist. Geschrieben hat es Johannes Schweikle, ein erfahrener Journalist der ansonsten Essays und Berichte aus fernen Ländern für ZEIT, GEO und Merian abliefert.

Schweikle macht den Leser gründlich mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund vertraut und schildert eindrucksvoll die Alltagswelt einer Stadt im frühen 19. Jahrhundert mit ihren Regeln und Standesunterschieden, den Tagesabläufen der Menschen, aber auch all dem Dreck, Unrat, der mangelnden Hygiene und den vielen Stunden Dunkelheit in den schmalen Straßen und engen Gassen. Er schreibt flott, kurzweilig, streckenweise im Stil von Reportagen, der die weit zurückliegenden Ereignisse für einige Lese-Momente wie gegenwärtig erscheinen lässt.

Über Albrechts Vorhaben erfahren wir aus verschiedenen Perspektiven. Der Autor läßt zunächst die etwas genervte Ehefrau Anna Berblinger zu Wort kommen. Sie weiß zwar von den gelungenen Flugversuchen ist aber nicht einverstanden mit dem Treiben ihres Gatten: “Weil ich einen Mann will. Und keinen komischen Vogel.” Außerdem ist sie eifersüchtig, unterstellt dem Herrn und Schneidermeister, dass er Anproben bei Damen der Gesellschaft zu mehr nutzt als dem erlaubten Maßnehmen.

Der Schneider selbst war sich seiner Sache zunächst ja sehr sicher. Am Michelsberg war alles gut gegangen: “Nach ein paar Schritten habe ich den Wind gespürt … Mein erster Flug ging über zwei Apfelbäume. Schwebend überwindet die Luftfahrt alle Hindernisse.” Vom gescheiterten Versuch lässt Johannes Schweikle den Bürger Martin Baldinger in seinem Tagebuch berichten: “Eine stumme Fassungslosigkeit legte sich über alles Volk. Niemand wusste diesen Fall zu deuten. Die Hoffnung auf das Neue war dahin.” Schließlich kommt noch der Augenzeuge Jacques Schwenk zu Wort. Er gehört zu den Schadenfreudigen, von denen es nach dem Scheitern viele gab: “Der Schneider hat sich mit Haut  und Haar blamiert. Warum ist er nicht bei seiner Elle geblieben.”

Wenn uns Geschichte und Scheitern des Albrecht Ludwig Berblinger etwas lehren, dann nicht zuletzt die Tatsache, dass, wären Frauen und Männer ihm nachfolgender Generationen bei ihren “Ellen” geblieben, zumindest der schwäbische Teil der Menschheit heute noch in den Höhlen des nahe Ulm gelegenen Lonetals leben würde. Ohne Utopien, ohne Visionäre, die in Kauf nehmen zu Außenseitern gestempelt zu werden, ist nunmal kein Fortschritt denkbar. Johannes Schweikle plädiert deshalb in seinem Buch für einen Verkannten. Auch stellvertretend für viele andere Tüftler, Originale, Schrate, die es nicht in Romane oder Geschichtsbücher geschafft haben. Die nicht zur  Legende werden durften.

“Diese Geschichte balanciert zwischen der Realität des Historikers und der Wahrheit des Erzählers”, schreibt Schweikle in seinen Nachbemerkungen. Man kann das Buch deshalb – und je weiter entfernt von Ulm darin gelesen wird, um so leichter – auch als belletristische Lektüre mit einigem Anspruch verstehen. Man muss daraus nicht unbedingt lernen, darf sich vielmehr einfach nur gut unterhalten lassen. Der Schneider von Ulm, der Albrecht Ludwig Berblinger, hat von all den Feierlichkeiten und viel zu späten Anerkennungen ohnehin nichts mehr. Zu seiner Zeit erging es ihm nicht gut. Von den Zeitgenossen fallengelassen, starb er verarmt und am Rande der Gesellschaft an einem kalten Januar-Tag des Jahres 1829 in seiner Heimatstadt.

Johannes Schweikle ist nicht nur dieses Buch gelungen, er fand auch den richtigen Verlag dafür. Denn was bei Klöper und Meyer erscheint ist stets ausgesprochen ansehnlich. Papier und Bindung, Gestaltung und Ausstattung sind die sprichwörtliche Augenweide.

Dieser Tage erschien vom Autor ein ausführlicher Artikel in „KONTEXT:WOCHENZEITUNG“ zu Fall und Person Berblinger. Man kann diesen gut als Begleitmaterial zum Buch verwenden, als hinführendes Vorwort verstehen oder nach der Lektüre als resümierendes Nachwort lesen. Zu finden ist er online:
KONTEXT:WOCHENZEITUNG
sowie gedruckt in der kontext-Beilage der „taz.die tageszeitung“ vom 28./29. Mai 2011.

Schweikle, Johannes: Fallwind. Vom Absturz des Albrecht Ludwig Berblinger. Roman. – Klöpfer & Meyer, 2011. Euro 18,90

Die lange Liebe zur Zeitung

Oder warum ich irgendwann Thomas Bernhard lesen werde

Obwohl der bunte und laute eBook-Rummel immer mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, bleibe ich gelassen. Für den Rest meiner Lebensspanne sind genügend gedruckte Bücher vorhanden und werden noch reichlich neu erscheinen. Doch denke ich an die Zukunft der gedruckten Zeitung, wird mir schon etwas mulmiger. Dabei bin ich gerade von diesem Medium so völlig abhängig. Von klein auf und für immer. Geruch und Geknister. Überformat und Überschrift. Gefaltet oder ausgebreitet. Öliges Schwarz das schmiert. Tag für Tag. Einfach. Kompliziert. Ohne Zeitung geht es nicht. Nie. Nirgends. Morgens zum allerersten Kaffee das selbstverliebte Lokalblatt, aus der besten aller Städte, Präsentierteller eitler Provinz-Prominenz. Ein Platz für Helden. Mittags Sport in SZ, FAZ, FR, TAZ oder Schduddgarder. Abends Feuilleton in SZ, FAZ, FR, TAZ oder NZZ. Wöchentlich FAS, TAS, derFREITAG oder – wenn gar nichts sonst greifbar – auch mal WAMS. DIE ZEIT? Die Zeit der ZEIT ist vorbei. Boulevard und Trivialbrei machen sich zunehmend breit im einst liberal-intellektuellen Muss für alle die mitreden wollten.

Ich werde nie Thomas Bernhard lesen! Nie. Nirgends. Das war bisher so sicher wie Blüms Rente. Thomas Bernhard würde ich nicht lesen. Dieses absatzlose Jammertal, diesen triefenden Ich- und Weltschmerz, das endlose Leiden an Österreich und Österreich und wieder Österreich, wollte ich mir ersparen. Auch das fortwährende Draufhauen auf echte und vermeintliche Nazis und Katholiken; verständlich zwar, aber sich stark abnützend. „In jedem Wiener steckt ein Massenmörder, aber man darf sich die Laune nicht verderben lassen.“

Und es gibt weitere Leserzumutungen, wie seine zahlreichen punktarmen, kommareichen Passagen. Die langen Sätze voll Wort- und Begriffswiederholungen. “Die Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie” – der durchaus witzige Text über die Verleihung dieses Preis an ihn, Thomas Bernhard, geht über zwölfeinhalb Seiten und n-mal lesen wir “Die Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie”. Der Autor begründet: “ich bemühe mich naturgemäß immer um den ganzen korrekten Titel” und schert sich wenig um liebe Müh‘ und Not seiner Leser.

Natürlich, und jetzt gerate ich fast und wie nebenbei ins Lobende, verleiht das der flüssigen Sprachmelodie einen gewissen Rhythmus. Natürlich schimmert hinter dem fortwährenden Haudrauf literarischer Glanz; doch zu leicht werden spitze Ironie und galgenhumorige Komik dabei übersehen. Auf gar keinen Fall aber kann ich ihm seine Absatzlosigkeit nachsehen, denn die macht es nahezu unmöglich, wie gewohnt die Lektüre an beliebiger Stelle zu unterbrechen; und ich lasse mir als Leser auch von meinen verehrtesten Dichtern und Dichterinnen nicht gerne Unterbrechungslosigkeit vorschreiben.

Die Veränderung in meinem Weltbild begann am 23. Februar 2010. Da entdeckte ich Thomas Bernhard als Artgenossen. In der Wochenzeitung derFREITAG berichtete der Autor Michael Angele über die “Leiden des Zeitungssüchtigen”. Er ließ keinen Zweifel aufkommen, dass es ihm um die gedruckte Version des fast vierhundert Jahre alten Nachrichten-Trägers geht.“ Idealerweise sollte man diesen Text in der gedruckten Ausgabe des Freitag lesen.”

Das habe ich gemacht und jemanden gefunden, der mir aus dem Herzen sprach. Dem es in wunderschönster und pointierter Weise gelang über Freud und Leid des gemeinen langjährig Zeitungsabhängigen zu schreiben. Unter anderem ging es um die Schwierigkeiten die auftreten können, wenn man versucht, tagesaktuelle Zeitungen der eigenen Muttersprache (hier: Deutsch) in einem entlegenen anatolischen Bergdorf oder italienischen Badeort, einer märkischen Flächengemeinde oder Kleinstadt der Mittelheide zu beschaffen, wobei BILD hier ausdrücklich nicht mitspielt.

Angele schildert in diesem Zusammenhang, wie Thomas Bernhard einen ganzen Tag durch halb Südbayern und ein Drittel Österreich fuhr um die NZZ des Tages zu erwerben. “350 Kilometer Hass auf „Drecksorte“, in denen es die „Neue Zürcher“ nicht gibt.” Das konnte ich mühelos nachvollziehen; war mir doch Ähnliches immer wieder an nur scheinbar erholsamen Urlaubstagen widerfahren. Thomas Bernhard selbst beschreibt das Original-Erlebnis in dem autobiographischen Buch “Wittgensteins Neffe”.

Es war immer noch Februar und immer noch Zweitausendzehn, als dieses Werk als allererstes von Thomas Bernhard den Weg ins häusliche Bücherregal fand – Abteilung: Neuzugänge. Es ist eine traurige Geschichte, mit viel Tod und Krankheit, aber mit eben dieser herrlichen Passage über eine unheilbare Zeitungssucht.

Detailgetreu wird uns von der grotesken Odysee erzählt, die von Ort zu Ort führt, u. a. nach Salzburg, Bad Reichenhall, Steyr und Wels, aber nicht zur Tagesausgabe der NZZ. Bernhards Fazit: “Da wir in allen diesen angeführten und von uns an diesem Tag aufgesuchten Orten die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommen haben … kann ich alle diese aufgeführten Orte nur als miserable Drecksorte bezeichnen, die absolut diesen unfeinen Titel verdienen. Wenn nicht einen dreckigeren. Und es ist mir damals auch klar geworden, daß ein Geistesmensch nicht an einem Ort existieren kann, in dem er die Neue Zürcher Zeitung nicht bekommt.“

Ich selbst existiere und lebe in einer kleinen süddeutschen Groß- und Universitätsstadt. Und als ich neulich über einen der schmucken Plätze dieser Stadt schlenderte, gingen vor mir zwei Mädchen, junge Frauen, ins Gespräch vertieft, und eine von beiden seufzte: “Ach Berlin. Ulm ist überwältigend.” Fast alle deutschsprachigen Zeitungen sind hier für mich und Tag für Tag problemlos verfügbar. Unter all den lesenswerten, mir vertrauten Blättern, habe ich über die Jahre hinweg immer wieder gerne und oft zur Süddeutschen Zeitung gegriffen.

Während unser lokales Pflichtblatt vor einigen Tagen, als sich in Ägypten Weltgeschichte ereignete, auf der Titelseite mit der Zeile “Ken wird 50” und einem großen farbigen Bild des Plaste-Produkts und Barbie-Gefährten aufmachte, erklomm die SZ am Freitag den 4. Februar einen neuen Gipfel des Qualitäts-Journalismus. Auf Seite 3 erschien, sechsspaltig und mit ebenso breitem schwarzweißen Portrait-Bild, “Der Weltverbesserer … Thomas Bernhard würde jetzt 80 Jahre alt werden. Eine Winterreise und Geburtstagswallfahrt”, von Benjamin Henrichs. Ein Artikel der noch einmal nachdrücklich, weit ausholend und originell zu Lektüre und Beschäftigung mit dem großen, queren österreichischen Dramatiker und Erzähler anregt. Eine deutsche Tageszeitung, die ihre ganze prominente Seite einem toten Dichter widmet: “Am 12. Februar 1989, drei Tage nach seinem 58. Geburtstag, ist Thomas Bernhard in Gmunden gestorben … Begraben wurde der Dichter in Wien, auf dem Grinzinger Friedhof, ohne dass es die Öffentlichkeit bemerkte, genau so also, wie er es immer gewollt hatte.”

„Es ist wie es ist, und es ist fürchterlich.“ Thomas Bernhard litt fast sein ganzes Leben an einer unheilbaren Lungenkrankheit. Am 9. Februar 2011 wäre er 80 Jahre alt geworden.

Ich habe längst begonnen, Thomas Bernhard zu lesen.

 

Bernhard, Thomas: Wittgensteins Neffe. – Suhrkamp, 2006

Bernhard, Thomas: Meine Preise. – Suhrkamp, 2009

Henrichs, Benjamin: Der Weltverbesserer. – In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 28, 4. Februar 2011, S. 3

Angele, Michael: Warum wir Zeitungen brauchen, derFREITAG, 23.2.2010

und hier: http://www.freitag.de/kultur/1008-warum-wir-zeitungen-brauchen