“Ich schrieb mit scheußlicher Feder!” (*)

“Mein Nachrichtendienst” – unter diesem Titel wurden jetzt bei Wallstein die Briefe der Hedwig Pringsheim an ihre Tochter Katia Mann aus den Jahren 1933 – 1941 veröffentlicht. Herausgegeben und kommentiert hat die umfangreiche zweibändige Edition der Literaturwissenschaftler, Thomas-Mann- und Bayern-Spezialist Dirk Heißerer.

“Liebe kleine gute Katja! So; nun rollt dies 1934 unwiderruflich, unwiederbringlich in den Abgrund, Kronos hat allwieder, der unersättliche Freßsack, eins seiner Kinder verschlungen; und wir stehen und starren in den Abgrund und wissen nicht, sollen wir uns freuen oder sollen wir trauern. Denn ach, wir wissen ja nicht, welches Gesicht dies 1935 uns weisen wird. Nichts, garnichts wissen wir. Also laßt uns fröhlich sein und Pfannkuchen essen und Punsch trinken!” (Brief 98, vom 29.12.1934) Sätze einer begabten, ausdrucksstarken Schreiberin.

Welche Konstellation. Sie war die Tochter von Hedwig Dohm, der berühmten Frauenrechtlerin und feministischen Autorin. Sie wurde die Frau von Alfred Pringsheim, dem großbürgerlichen Mathematik-Professor, Kunst- und Musikliebhaber. In jungen Jahren eine kurze Karriere als Schauspielerin. Mutter von fünf Kindern, darunter die begabte, eigensinnige Katia. Schwiegermutter des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann.

Hedwig_Pringsheim

Die junge Hedwig Pringsheim, geb. Dohm

Der erste Brief stammt vom 20. März 1933, da war Hedwig Pringsheim bereits 77 Jahre alt. Die Tochter Katia, 1883 geboren und seit 1905 verheiratet mit dem in Lübeck aufgewachsenen Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann, inzwischen Mutter von sechs Kindern, lebte seit wenigen Wochen in Zürich. Der Ausbruch des Hitlerschen Größenwahns und der Beginn des von ihm verkündeten tausendjährigen Reiches hatten das Paar veranlasst von einer ihrer zahlreichen Auslandsreisen nicht mehr nach München zurückzukehren. Die wichtigste Verbindung zum Elternhaus wurde für Katia danach der Briefwechsel mit der Mutter. 375 Briefe von der Mutter an die Tochter sind erhalten.

Die Überlieferungsgeschichte des Brief-Konvoluts, die Dirk Heißerer für uns zusammengefasst hat, gehört zu den spannenden Passagen des ausgesprochen dichten und erkenntnisreichen Nachworts. Die Antwort- und Gegenbriefe von Katia sind wohl verloren. Heißerer versuchte dies in den Kommentaren zu kompensieren, indem er sich an den Tagebüchern von Thomas Mann orientierte. Weitere wichtige Quellen für den erläuternden Anhang waren die Tagebücher der Hedwig Pringsheim, sowie Briefe von und an Thomas, Katia und Erika Mann, an und von Klaus und Peter Pringsheim.

Bis Oktober 1939 schrieb Hedwig Pringsheim aus München. Die Pringsheims hatten lange gezögert Deutschland zu verlassen, die deutschen Wurzeln zu kappen und den Verlust des Besitzes – unter anderem die große Kunstsammlung – hinzunehmen. Doch 1939 mussten auch sie nach Zürich emigrieren und Hedwig schreibt ihre Briefe von November 1939 bis Ende 1941 aus dem Schweizer Exil. Im Juli 1942 erliegt sie einem Krebsleiden. Katia und Thomas Mann sind inzwischen im kalifornischen Pacific Palisades zu Hause.

Nach dem ersten Durchblättern, einigem Kreuz- und Querlesen, kann ich nur staunen, was Dirk Heißerer hier geleistet hat. Bewundernd sitzt man vor dieser akribischen Herausgeberschaft, vor diesem Mammutwerk. Die eigentlichen Briefe machen den kleineren Teil der beiden Bände aus. Den größeren beanspruchen die verschiedenen Anhänge: Kommentare, Register, Glossare, Quellen-Nachweise und Nachwort.

Katharina_Mann_1905

Katharina „Katia“ Mann, geb. Pringsheim, im Alter von 22 Jahren.
Foto: Carl van Vechten

Aufschlussreich, hilfreich und während der Lektüre immer wieder eine gute Orientierungshilfe sind die Familientafeln im zweiten Band, sowie das Glossar, das beiden Bänden mitgegeben wurde. Die Familien Pringsheim, Dohm und Mann waren sehr weit verzweigt und man muss immer wieder einmal für einen Namen den Platz in der richtigen Familie und der passenden Generation finden. Das ausführliche Personenregister liest sich übrigens wie ein Who’s who des mitteleuropäischen Kultur- und Geisteslebens vom Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Da wird die Lust geweckt der einen oder anderen bekannten oder weniger bekannten Persönlichkeit intensiver nachzuspüren. Spuren, die uns, würde man ihnen folgen, leicht vom sprichwörtlichen Hundertsten ins nicht mehr überschaubare Tausendste entführen könnten.

Meist stehen für Hedwig Pringsheim zunächst einmal familiäre Themen und Probleme des Alltags im Vordergrund und werden ausführlich abgehandelt. Geburten und Gebrechen, Hochzeiten und Todesfälle, Glücksfälle und Unglücksfälle im Verwandten- und Bekanntenkreis, Lebensmittelpreise und Versorgungsengpässe. Doch auch die politischen Entwicklungen, die laufenden Ereignisse in Nazi-Deutschland sind wichtiger Teil der mütterlichen Berichte. Um die stärker werdenden Zensur-Schikanen des Regimes zu unterlaufen, wird im Laufe der Jahre zunehmend verschlüsselt geschrieben; in Kodierungen, die nur Familienmitgliedern etwas sagen. Etwa wenn Katja und Thomas vor einer Rückkehr nach München gewarnt werden müssen.

media_25561710--INTEGER

Im Brief 245 geht es um ein gescheitertes Wiedersehen, das für den Juli 1938 in Kreuzlingen bei Konstanz geplant war. Letzten Endes kam es nur zu einem Telefonat. In den Briefen 263 bis 265 erfährt man aus erster Hand von den konkreten Folgen der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Und wie und welche Verwandte, Freunde danach in Konzentrationslager verschleppt wurden. Ein großes Thema ist auch der Raub der umfangreichen Pringsheimschen Kunstsammlung durch die Nazis. Briefgespräche von der Mutter an die Tochter gerichtet, über die von den Machthabern unüberwindlich gemachten terretorialen Grenzen und Einschränkungen hinweg.

Es sind Zeugnisse der einzigartigen Zerstörung geistiger, künstlerischer, wissenschaftlicher Traditionen und Lebensformen des jüdischen Großbürgertums im nationalsozialistischen München. Hedwig Pringsheims Schreibstil ist ausgesprochen originell, immer anschaulich, häufig ironisch. Es herrscht ein spezieller “Familienton” vor. Jener Ton “witziger, geistiger Konversation” ist noch vernehmbar, wie er vor 1933 im Palais Pringsheim gepflegt wurde. In ihren Briefen setzt Hedwig das auf ihre besondere Weise fort. Das hat durchaus schriftstellerische Qualitäten und etwas sehr Eigenes, nicht nur weil mit der Rechtschreibung nach individuellen Regeln umgegangen wird.

“Also ich bin nicht glücklich. Aber das kann man ja auch wirklich now-a-days nicht verlangen. Wir wonen gut, wir haben einigen netten Verkehr, und jetzt muß ich mich sogar gleich zum Sonntagsessen zu Lily’n toilettiren. Deren Genueser Verwandte reisen wol Ende der Woche wieder in ihre italienische Heimat, und dann fangen gewiß sofort Lily’s berümte jours an, über deren Besucherzal sie mir immer triumphirend berichtete; auf die ich mich aber, offengestanden, kein bischen freue, obgleich ich ja, wie sie sagt, jedes Mal kommen muß.” (Ein kleiner Ausschnitt aus Brief 314, geschrieben in Zürich am 14.1.1940, Hedwig ist ansonsten u. a. mit der Lektüre von Goethes “Wilhelm Meister” beschäftigt. “… gute Lektüre …”. Lily ist die Pianistin Karolina Reiff, geb. Sertorius, eine der ältesten Freundinnen Hedwig Pringsheims, sie lebte schon seit 1893 in Zürich)

Was nun? Wie geht man als Leser mit dieser spektakulären Neuerscheinung um? Immer wieder einmal darin schmökern? Die kiloschweren Wälzer in die Sommerfrische mitnehmen? Man liefe Gefahr mehr Zeit mit diesen faszinierenden Bänden zu verbringen als in grünem Wald und auf freier Flur. Man kann die gewichtigen Leinenbände vermutlich so oft in die Hand nehmen, wie man will, ganz fertig wird man mit der Fülle des Materials so schnell nicht. Wer sich davon angeregt, noch intensiver mit Leben, Umfeld und Schicksal der Hedwig Pringsheim beschäftigen möchte, der kann die beiden Bücher von Inge und Walter Jens über Katia Mann und ihre Mutter, sowie die Tagebücher der Hedwig Pringsheim lesen.

(*) Schlußsatz unter Brief 187, vom 5. 7. 1937

Pringsheim, Hedwig: Mein Nachrichtendienst. Briefe an Katia Mann 1933 – 1941. 2 Bände, herausgegeben und kommentiert von Dirk Heißerer. – Wallstein Verlag, 2013

Jens, Inge; Jens, Walter: Katias Mutter. Das außerordentliche Leben der Hedwig Pringsheim. – Rowohlt, 2005

Jens, Inge; Jens, Walter: Frau Thomas Mann. Das Leben der Katharina Pringsheim. – Rowohlt, 2003

Pringsheim, Hedwig: Tagebücher 1885 – 1897. 2 Bände, herausgegeben von Cristina Herbst. – Wallstein Verlag, 2013

Leipziger Begegnungen 2013

Autoren, Bücher, Themen rund um die diesjährige Buchmesse und das Literaturfest “Leipzig liest”

Der zweite Teil

“Ich habe in meinem ganzen Leben außer meinem Sparbuch noch nie ein Buch gelesen.” Behauptete neulich in einem Interview Heinz Georg Kramm, besser bekannt als Heino, seineszeichens LandaufLandab-Sänger („Schwarzbraun ist die Haselnuss“). Und der nachdenkliche Alphabet und verwirrte Vielleser wundert sich, auf was man im Land gut gefüllter Festgeldkonten und hormongesteuerter SUV-Piloten noch so alles stolz sein kann. – “Vorsicht Buch!” möchte man da hilfreich und warnend zugleich zurufen. Und so heißt denn auch – aber nicht nur deshalb – die neue Image-Kampagne der Buchbranche, die in Leipzig gestartet wurde und die in Zukunft die Republik flächendeckend überziehen soll. Wen sie wohl erreichen kann und ob sie bei hartnäckigen Fällen wie Herrn Kramm noch etwas bewirken wird?

DSCN0234

Das Buch sucht neue Leser- und Käuferschichten. Dazu schlägt die Buchbranche ab sofort kräftiger auf die Werbe-Trommel.

Hier können auch Kleine groß rauskommen. Die Buchmesse in Leipzig ist der ideale Platz für kleinere und unabhängige Verlage sich einem offenen Publikum vor Ort und einer breiteren Öffentlichkeit via berichtender Massenmedien zu präsentieren. Deshalb kommen sie Jahr für Jahr gerne wieder (und weil Frankfurt sowieso zu teuer ist!). Die meist schmalen, dafür oft sehr phantasievoll gestalteten Stände, gehören für Kenner zu den wirklichen Messe-Höhepunkten. Mit der “Leseinsel junger Verlage” wurde zudem für die Autoren dieser Marken ein ideales Podium geschaffen um leibhaftig und vor sehr interessierten und aufgeschlossenen Menschen aus den frisch verlegten Werken vorzutragen.

DSCN0248

Anselm Neft liest aus seinem Roman „Hell“ der im Satyr-Verlag erschienen ist.

Kurt Wolff war eine der profiliertesten Verleger-Persönlichkeiten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Einige Zeit Weggenosse von Ernst Rowohlt, etablierte er 1912 sein eigenes Unternehmen. Im Leipziger Kurt Wolff Verlag erschienen neben vielen anderen Franz Kafka und Gottfried Benn, Georg Trakl, Frank Werfel und Walter Hasenclever. Die im Jahr 2000 gegründete Kurt Wolff Stiftung – deren Vorstand der umtriebige Stefan Weidle (Weidle Verlag) anführt – hat sich die Förderung einer “vielfältigen Verlags- und Literaturszene” zum Ziel gesetzt. Jährlich verleiht sie auf der Leipziger Buchmesse den Kurt Wolff Preis in mehreren Kategorien.

In diesem Jahr ging der Hauptpreis an den Wallstein Verlag, “der seit gut einem Vierteljahrhundert in sorgfältigen und gestalterisch anspruchsvollen Editionen die deutsche Literatur seit dem 18. Jahrhundert mit der Zeit- und Wissenschaftsgeschichte verknüpft und zugleich der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur eine herausgehobene Plattform bietet.” Den Förderpreis bekam das noch ganz junge Berliner Unternehmen “binooki.” Die Gründerinnen Selma Wels und Inci Bürhaniye verlegen zeitgenössische türkische Belletristik in deutscher Sprache. Zielgruppe sind in erster Linie die vielen Mitbürger im Lande mit türkischen Wurzeln, aber auch bei deutschen Muttersprachlern sollen diese, meist erstmals ins Deutsche übersetzten Werke, das Interesse an der aktuellen Literaturszene in der Türkei wecken.

DSCN0246

Der Leipziger Messestand von „Binooki“. Das Regalsystem ist nicht von Ikea, sondern besteht aus leeren Weinkisten. Die Verlegerinnen streuten das Gerücht, dass sie die darin enthaltenen Flaschen selbst ausgetrunken hätten.

Eine wirklich gute Idee hatte auch der mairisch Verlag. Er ist in Hamburg ansässig, pflegt ein recht buntes Programm und erfand jetzt kurzerhand den „indiebookday“ (den es allerdings in den USA schon länger gibt ;-)), angelehnt an die unabhängigen Plattenlabel (die sog. „Indielabel“) in der Musikindustrie. Der erste deutsche indiebookday fand am 23. März statt. An diesem Tag wurden Buchliebhaber aufgefordert in einen Buchladen ihrer Wahl zu gehen und ganz gezielt ein Buch zu kaufen, das aus einem Indie-Verlag stammt. Danach sollte ein Foto des Covers, des Buches, vielleicht sogar von Käufer mit Buch, in einem sozialen Netzwerk (Facebook, Twitter, Google+) oder einem Blog unter dem Stichwort „Indiebookday“ veröffentlich werden. Wer die Aktion gut findet, wird zudem gebeten darüber zu reden oder zu schreiben. Die für den Anfang nicht ganz schlechte Resonanz dieser Kampagne kann im Netz besichtigt werden.

header

Keine Werbekampagne braucht es hingegen für Zeitgenossen wie den von mir sehr geschätzten Filmregisseur und bekennenden Bücherfreund Christian Petzold (“Wolfsburg”, “Gespenster”, “Barbara”). Als ihm jüngst ein gut dotierter Preis verliehen wurde und man wissen wollte, was er mit dem Geld vorhabe, antwortete er: “Zu einer Weltreise habe ich keine Lust. Ich glaube ich kaufe mir noch mehr Bücher.”

Zur Nachahmung empfohlen. Verlassen Sie dazu die viel beschrittenen Pfade der gleichgeschalteten Konsum-Boulevards, all die von Manhattan, Esprit, H & M, C & A, K & L, P & C, Schuh-Paradiesen, Jeanshallen, MacDings und Kauf-Bums gesäumten 1A-Lagen; meiden Sie die als Buchhandlung nur noch deklarierten öden Großflächen, deren Zukunft mehr als ungewiss ist. Biegen Sie ab in die Nebenstraßen, die Winkelgassen und versteckten Plätze. Wenn Sie dort irgendwo den Hinweis “VorsichtBuch!” entdecken – ignorieren Sie ihn. Betreten Sie den Laden trotzdem. Zum zwanglosen Stöbern und Schmökern, zum Entdecken und zu angenehmen Gesprächen über Literatur (!) mit kundigen Buchhändlern und Buchhändlerinnen.

Hier beispielhaft einige aktuelle Neuerscheinungen der erwähnten kleineren undoder jüngeren, auf jeden Fall aber medienkonzern-unabhängigen Verlage, deren  Produktion Sie dort möglicherweise begegnen werden:

Satyr-Verlag

Neft, Anselm: Hell. Roman, 2013. Euro 19,90

Bartel, Christian: Grundkurs Weltherrschaft. Bekenntnisse eines Ausnahmeathleten, 2013. Euro 11,90

binooki

Canigüz, Alper: Söhne und siechende Seelen, 2012. Euro 14,90

Boralioglou, Gaye: Der hinkende Rhythmus. Roman, 2013. Euro 15,90

Wallstein

Piwitt, Hermann Peter: Die Gärten im März. Roman, Neu aufgelegt 2013. Euro 19

Kögl, Gabriele: Auf Fett Sieben. Roman, 2013. Euro 17,90

Stahl, Daniel: Nazi-Jagd: Südamerikas Diktaturen und die Ahndung von NS-Verbrechen, 2013. Euro 34,90

mairisch Verlag

Paul, Stevan: Schlaraffenland. Ein Buch über die tröstliche Wirkung von Milchreis, die Kunst, ein Linsengericht zu kochen und die Unwägbarkeiten der Liebe. 15 Kochgeschichten, 2012. Euro 18,90 (wurde in Leipzig als Geheimtip gehandelt.)

Volandt & Quist

Gomringer, Nora: Ich werde etwas mit der Sprache machen, 2011. Euro 14,90. (s. a. Teil 1 der Leipziger Begegnungen 2013)

Gomringer, Nora: Monster Poems. Mit Illustrationen von Reimar Limmer, 2013. Euro 17,90