Ehrung für eine Graphomanin

Juli Zeh ist Thomas-Mann-Preisträgerin

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„Süßer die Glocken nie klingen“, „Vom Himmel hoch“, „Tochter Zion“: Der Leierkastenmann am Eingang zum Innenhof der Münchner Residenz kurbelt eine weihnachtliche Weise nach der anderen. Sein Stoffaffe soll zur Abgabe eines gnädigen Obulus animieren. München leuchtet einmal mehr an diesem zweiten Adventsonntag. Diesmal im Lichterglanz kurzer Tage, der blass wirkt unter dem heute wieder sehr bayerisch blauen Himmel des frischkühlen Wintermorgens.

München riecht nach Schweinsbratwürschteln, Bratapfel, Nuss- und Mandelkern, nach Glühwein. Es wird italienisch gesprochen in der Hauptstadt des Freistaats. Die Gäste aus dem Süden stromern über die Weihnachtsmärkte, photographieren Sehenswürdigkeiten, besetzen Cafés und Wirtshäuser. Palaver, Frohsinn und Gemütlichkeit allerorten.

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8. Dezember 2013, 11 Uhr: Verleihung des Thomas-Preises an die Schriftstellerin Juli Zeh im Max-Joseph-Saal der Münchner Residenz. Der Preis wird von der Hansestadt Lübeck und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste vergeben; in stetem Wechsel, ein Jahr in München, ein Jahr in Lübeck.

Zur Begrüßung sagt der Verleger, Schriftsteller und neue Akademie-Präsident Michael Krüger, Thomas Mann habe den Menschen „als ein abgründiges Meisterwerk der Welt“ beschrieben. Unsere Zeit brauche neue Deuter, Schriftsteller und mutige Staatsbürger. Aus Lübeck ist die Stadtpräsidentin Gabriele Schopenhauser angereist, die Stadt München wird durch die Bürgermeisterin Christine Strobl repräsentiert. Die Bayerische Staatsregierung ist nicht vertreten; sie hat sich aus der Finanzierung der Akademie zurückgezogen.

In seiner Laudatio tritt Ilija Trojanow, der die zu Ehrende aus produktiver Zusammenarbeit bestens kennt, als Staatsanwalt, als Ankläger auf. Juli Zeh hat auf der imaginären Anklagebank Platz genommen, hinter einem Tisch auf dem sich ihre Bücher stapeln. Mit noch nicht einmal 40 Jahren, kann die Autorin eine beachtliche Bibliographie vorweisen. Als promovierte Juristin verteidigt sie sich und ihr Werk selbst, meist indem sie Passagen daraus vorliest. Die Beiden heben humorvoll die Trennung zwischen Laudatio und Danksagung auf, die bei solchen Preisverleihungen üblich ist.

media_28606997--INTEGERIhr wird u. a. „frühes graphomanisches Wirken“ und Aufruf zum bürgerlichen Ungehorsam in Form von Widerstand gegen staatliche Instanzen und Regelungen vorgeworfen. Immer wieder schlage sie ihr Lager „im Niemandsland der Provokation“ auf. Ihr Lebenslauf sei eine kriminelle Laufbahn, die sich in ihren „Machwerken“ dokumentiere. 566 Seiten stark sei z. B. das Verbrechen, das als der Roman „Spieltrieb“ aktenkundig wurde. Es zeichne sich durch besonders perfide Untergrabung des moralischen Konsenses unserer Gesellschaft aus, gefährde die Ordnung des bewährten Schulsystems und schrecke auch vor pornographischen Passagen nicht zurück. „Vom Hochsitz des auktorialen Erzählens“ richtet sie ein Massaker an unseren Illusionen an. Seit Jahren seien außerdem kleinere Delikte – Artikel und Essays zu nahezu allen Themen – in vielen Medien unserer Republik zu finden.

Sie schreibt immer und überall. Schon in den Kinderjahren; auf einer Treppenstufe im Elternhaus soll es angefangen haben. Seitdem: Blatt um Blatt, Kladde auf Kladde. Juli Zeh legt Wert auf die Trennung von Schreiben und Veröffentlichen. Betont dennoch gleichzeitig die Pflicht des Autors zum „verbalen Tag der offenen Tür.“ Die von der Autorin vorgetragenen Auszüge aus ihrem veröffentlichten Schreiben nennt „Staatsanwalt“ Trojanow Beweisstücke.

DSCN0731Wir hätten es mit einer Wiederholungstäterin zu tun, konstatiert der Ankläger. Es bestehe akute Rückfallgefahr; mit einer Wiedereingliederung in die Gesellschaft ist nicht zu rechnen. Sie sei eine Volksverführerin, eine Rattenfängerin, die rebellische Pamphlete verteilt und die Bürger auffordert ihre Rechte zu schützen. Letzteres sei doch ausschließlich Aufgabe und Zweck der staatlichen Organe, die auch über die geeigneten Mittel hierfür verfügen. (Raunen und vereinzeltes Gelächter im Saal.)

Allerdings sind auch mildernde Umstände anzuführen. Ihre Affinität zur polnischen Sprache etwa, die sie sich angeeignet hat, und zur Literatur des Nachbarlandes seien sehr zu begrüßen. (Es folgt ein kurzer polnischer Dialog). Dennoch sieht der Ankläger alles in allem die Schriftstellerin vorsätzlich handeln. Juli Zeh widerspricht: „Das was man Roman nennt, stößt einem zu.“

Aber wie immer das Urteil ausfalle, sie habe gar nicht vor sich zu ändern. „Ich möchte gerne Serientäterin bleiben.“ Die Prozessbesucher spenden dafür langen, dankbaren Beifall und Juli Zeh nimmt ebenso dankbar Urteil und Auszeichnung in Form einer Urkunde entgegen.

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Nach der Veranstaltung spaziere ich am Literaturhaus und einem weiteren – diesmal mittelalterlichen – Weihnachtsmarkt vorbei Richtung Lenbachhaus. Ich interessiere mich für die Bilder der Gruppe „Blauer Reiter“. Der Weg führt über den Königsplatz. Der reichsdeutsche Stil des weitläufigen Aufmarsch-Geländes erinnert an Münchens Rolle im „tausendjährigen Reich“ und den nachträglichen Umgang der „Stadt auf der Hochebene“ (wie sie Lion Feuchtwanger gerne nannte) mit dieser Epoche. Man denkt auch an den Umgang Münchner Intellektueller, Künstler und Politiker mit Thomas Mann und seiner Familie. Unvergessen der „Protest der Wagnerstadt München“ im April 1933 gegen absichtlich missverstandene Äußerungen Thomas Manns über Richard Wagner, der von viel Prominenz und Schickeria unterschrieben wurde.

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Es ist Aufarbeitung von Geschichte der speziellen Münchner Art, dass hier derzeit ein „NS-Dokumentationszentrum“ entsteht. Konzipiert als „ein Lernort zur NS-Geschichte Münchens, zu den Folgen und Nachwirkungen der NS-Zeit“. Auf dem Gelände stand einst das „Braune Haus“, die Parteizentrale der NSDAP. Eröffnet wird voraussichtlich 2014 – so viele Jahrzehnte nach dem Beginn einer Unzeit, deren Ursprünge ganz wesentlich in der bayerischen Metropole lagen. Schon jetzt ist erkennbar, dass das Gebäude in klinischem Reinweiß erstrahlen wird.

(Lesenswerte Romane über die braune Zeit in München gibt es u. a. von Oskar Maria Graf, Lion Feuchtwanger und Thomas Mann, vom Historiker Golo Mann sind in diesem Zusammenhang seine „Deutsche Geschichte“ und seine Erinnerungen erwähnenswert.)

München und Thomas Mann. Ein bisschen hätte ich mir schon gewünscht, dass die Schriftstellerin, Juristin und Bürgerrechtlerin Juli Zeh etwas über dessen Missverhältnis zu München, bzw. der Stadt zum Nobelpreisträger sagt. Aber bemerkenswerter Weise hat sie während der Veranstaltung den Namensgeber des Preises der ihr verliehen wurde mit keinem Wort erwähnt.

Sudeleien. Advent 2013

Kaufet! Frohlocket!

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“Sein oder nicht sein” (William Shakespeare)

“Sein und Zeit” (Martin Heidegger)

“Haben oder Sein” (Erich Fromm)

“Haben und Sein” (Münchens Shopping Guide)

“willhaben.at” (Österreichische Online-Plattform)

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Das Geheimnis ist gelüftet. Jetzt wissen wir, was sich in den großen Tanklastzügen befindet, die in den letzten Wochen, aus dem Süden kommend, unsere Autobahnen verstopfen. Es ist der Rohstoff für die Glühweinschwemmen auf deutschen Weihnachtsmärkten. Hier, an der Glühweintheke, verläuft die alljährliche vorweihnachtliche Kampftrinker-Front. Hier sind alle gleich. Hier stinkt der Banker genauso nach Fusel und Zimt wie der Hartzvierer. Weihnachtszeit ist einig Katerland. Alles glüht im Glanze des Lichtervorhangs “Flockenzauber” und des Schwibbogens “Sternenglanz”. Die Benebelung durch heiße Würz-Weine meist zweifelhafter Provinienz geht einher mit einem Phänomen kollektiver Unzurechnungsfähigkeit, das in vier Wochen von einem Höhepunkt zum nächsten kulminiert: Dem Kaufrausch.

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Vorweihnachtliche Tränke für sinnspendende Heißgetränke und Ort erwartungsfroher (Advent!) zwischenmenschlicher Zusammenkunft.

Es ist eine Zeit angekommen in der der Run auf das höherwertige Konsumgut hysterische Züge annimmt. Das kompakte Surround-System im schnuckeligen 150-PS- Kleinwagen für den Erstgeborenen, das tasmanische Schnappaustern-Collier für die Zweitfrau, der Dritt-Full-HD-Screen für die Schwieger-Oma. Wer jetzt immer noch keine “PS 4” oder wenigstens das “Premium Bundle der XBox one” kauft, wird umgehend für blöd erklärt. Apple um Apple fällt nicht weit und landet unterm Tannengrün. Gutscheine für Body-Shop und Beauty-Ranch, für Wellness-Ressort und Deep-Sea-Diving werden häufiger gedruckt als Euronoten. Jetzt preißen die Wirtschaftsweisen die Tage, reiben Bilanzbuchhalter die Hände – die Zeit stärkster Binnennachfrage ist angebrochen.

Mein Konsumtempel ist und bleibt die Buchhandlung. Und Jahr für Jahr muss ich dankbarer und demütiger sein, dass es sie im neokolonialen Großreich Amazonien immer noch gibt. Und dass dort sogar nachwievor die Ergebnisse feinster Dicht- und Erzählkunst in gedruckter und schön gebundener Form zu finden sind.

Gut, ganz leicht zu finden sind sie nicht. Nach der Ladentür unterschreitet man zunächst einmal das Schnee-Imitat aus weißen Wattewolken, drückt sich vorbei an Adventsgestecken, Duftschälchen, Rauschgoldengeln und Seidenschals. Lässt die CDs, DVDs und Blue-Rays links oder rechts liegen, umkurvt den lebensgroßen Papp-Ochsenknecht und kommt alsbald zu den ersten Büchern: “BeBeanie unlimited. Häkelmützen für jede Gelegenheit”, “myboshi drinnenundraußen”, “Sushi für Anfänger”. Fast wäre ich dann in der Kinderbuch-Abteilung gelandet. Dort stapelt sich “Der kleine Vampir mit der großen Häkelnadel” der Erfolgsautorin  Rosa Wolle – erst im Frühjahr bei Geltz und Belberg erschienen und schon in der 99. Auflage.

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Angebote einer süddeutschen Buchhandlung des postliterarischen Zeitalters.

Bis zu Zeh und Kehlmann, Lewitscharoff und Gomringer, Haas und Glavinic, Stamm und Werner, Kaiser und Zeiner, ist es jetzt nicht mehr weit. Durch die Kalenderausstellung, schräg hinter den Krimi- und Fantasy-Wänden sind sie zu finden. Und an der Rückwand der Handlung entdecke ich den gehobenen literarischen Anspruch in Form einer kleinen Abteilung mit “Klassikern”. Goethe und Hölderlin, Dante und Tolstoi, Schiller …, – halt nein! Schiller fehlt. Ausgerechnet der schwäbische Klassiker in einer schwäbischen Buchhandlung. Dafür finden einige Fastnochzeitgenossen wie Kästner, die Manns, Nabokov oder Henry Miller in der Klassik-Kategorie Asyl.

Das Buch lebt ja bekanntlich. Von mir und einigen anderen Unbeirrbaren. Also das gedruckte. Und das muss auch so bleiben. Denn eines wird immer deutlicher: Das E-Book gefährdet die deutsche Wirtschaft. Im allgemeinen, und ganz besonders die heimische Geschenkband-Industrie. Wenn die Regierung nichts unternimmt sind tausende von Arbeitsplätzen in Gefahr. Wie der Sprecher des Verbandes der Deutschen Geschenk- und Schmuckbänder-Industrie (VDGSI), Ben Schnur, mitteilt, ist die klassische Schleife aus Polyband oder Bast auf dem Rückzug. Schnur fordert die Bundesregierung und Kanzlerin Merkel deshalb auf, endlich Nägel mit Köpfen für Bänder und Schleifen zu machen, will heißen Steuererleichterungen und Subventionen aus dem europäischen Strukturfonds für betroffene Regionen und Betriebe auf den Weg zu bringen.

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Der Begründer des weihnachtlichen Urmythos in kindlicher und kindgerechter Formatierung.

Zurück im heimischen Lesesessel atme ich tief ein und aus, während ich den Knopf meines leicht veralteten Wiedergabegerätes drücke. Die Zeit ist gekommen für mein Sein, das Zeit haben für Lesen und Hören. Ganz leise erklingen die ersten Töne, die Bugge Wesseltoft auf seinem sanft temperierten Klavier anschlägt. Später werde ich vielleicht noch ein Trompetenkonzert von Tomasi oder Haydn auswählen. Oder ich lasse mich mit einem “Brandenburgischen Konzert” in erholsamen Halbschlummer entführen. Das Fenster bleibt zu. Es ist kalt, es schneit und draußen riecht es penetrant nach Anis und Zimt, defekten Kaminöfen und automobilem Gediesel, nach Kardamon und dem angebrannten Christstollen in Nachbars nagelneuen 3D-Heißluft-Plus-Backofen, dessen Hersteller “optimale Backergebnisse dank innovativer Wärmeverteilung” verspricht.