Das Nußbaumblatt

Ein Juligedicht von Louis Fürnberg. Mit Notizen zum Dichter.

Das Nußbaumblatt

Heut hat der Wind ein welkes Nußbaumblatt
in unsern schmalen, kalten Hof getragen,
der nichts als eine hohe Mauer hat.

Da haben wir die Hände ausgestreckt
danach, die schweigend wir den Hof durchschritten;
was so ein Blatt für Sommerwünsche weckt.

Und einer fing´s in seiner hohlen Hand
und hielt es zart und zärtlich an die Wange,
ein Nußbaumblatt, von Juliglut verbrannt;

und reicht es dem, der hinter ihm ging stumm …
der küßte es, und so im Weitergange
ging es, ein welkes Blatt, geküßt reihum.

In einem der bekanntesten Lieder der im Osten und Westen unserer Republik gleichermaßen beliebten Deutschrock-Formation Puhdys kommt zu rhythmischem Gitarrenklang ein Lebenswunsch zum Ausdruck: Alt wie ein Baum möchte ich werden, so wie der Dichter es beschreibt. 

Welcher Dichter ist da eigentlich gemeint? Nach ihm fragt kaum jemand. Er hieß Louis Fürnberg und die Puhdys beziehen sich auf sein Gedicht Alt möcht’ ich werden, das so beginnt:

Alt möcht’ ich werden wie ein alter Baum, / mit Jahresringen längst nicht mehr zu zählen …

Als Louis Fürnberg 1909 in Iglau geboren wurde, wäre die Vorstellung dass sich sein Lebenskreis eines Tages in Weimar schließen würde wohl völlig abwegig erschienen. Iglau, die Bergstadt an der Grenze von Böhmen und Mähren zählte um diese Zeit beachtliche 28.000 Einwohner. Etwa 22.000 davon hatten Deutsch als Muttersprache. Die jüdische Fabrikantenfamilie Fürnberg zog nach Karlsbad um, wo Louis Kindheit und Jugend verbrachte und das Gymnasium besuchte. Anschließend ging er in Prag auf die deutsche Handelsakademie und wurde 1928 Mitglied der (deutschen!) kommunistischen Partei. Erste Gedichte erschienen in deutschsprachigen Zeitungen. 1937 heiratete er die aus Wien stammende Lotte Wertheimer.

Die Machtergreifung Hitlers in Deutschland und der Einmarsch seiner Armee in Prag im März 1939 warf das junge Paar aus vorhersehbarer Lebensbahn. Die Flucht nach Polen scheiterte. Lotte wurde bereits nach zwei Monaten aus der Haft entlassen und floh nach London. Louis blieb inhaftiert und wurde mehrfach gefoltert. Der Familie gelang es schließlich ihn freizukaufen. Über Italien und Jugoslawien flohen Lotte und Louis nach Palästina. Die meisten Mitglieder ihrer Familien fielen dem Holocaust zum Opfer.

Zurück in Prag arbeitete Louis Fürnberg ab 1946 zunächst als Journalist und war von 1949 bis 1952 Kulturattaché der tschechoslowakischen Botschaft in Ost-Berlin. Das politische Klima in seiner Heimat wurde zunehmend von antisemitischen und nationalistischen Tendenzen geprägt. Aus Louis Fürnberg musste Lubomir Fyrnberg werden. Im Rahmen seiner Tätigkeit für die Botschaft kam er 1949 zum ersten Mal nach Weimar und nahm an den Feierlichkeiten zu Goethes 100. Geburtstag teil. Thomas Mann hielt seine berühmte Ansprache im Goethejahr 1949 und widerstand den Versuchen beider deutscher Staaten den damals noch im amerikanischen Exil lebenden Nobelpreisträger für sich zu vereinnahmen. 

Der Feingeist, Dichter und Goetheverehrer Louis Fürnberg hingegen war in seinem heimlichen geistigen Zentrum angekommen. Dass diese geistig-literarische Heimat in einem Staatswesen lag das den Weimarer Idealen, seiner Tradition und seinen ehedem hier wirkenden Repräsentanten, von Wieland bis Goethe, Hohn sprach, ist aus heutiger Sicht leicht zu erkennen. Fürnberg und viele andere jedoch fühlten sich damals im richtigen Deutschland, hofften auf eine gerechte Zukunft in sozialistischer Gesellschaft. Mit seinem literarischen Wirken setzte sich ja nicht nur Fürnberg für diese Utopie ein. Auch Kollegen wie Brecht, Huchel, Hermlin, und vor allem der zum Funktionär avancierte Johannes R. Becher, waren mit Teilen ihres Schaffens auf Linie.

1954 übersiedelte das Ehepaar Fürnberg mit ihren beiden Kindern nach Weimar. Wohnadresse wurde die Rainer-Maria-Rilke-Straße 17. Eine berufliche und damit materielle Basis für die Familie fand Louis als stellvertretender Leiter der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur. 1955 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie der Künste. Noch im selben Jahr erlitt er einen schweren Herzinfarkt von dem er sich nie wieder richtig erholte. Der Dichter, der schon als junger Mann schwer an Lungentuberkulose erkrankt war, starb schließlich am 24. Juni 1957. Er wurde 48 Jahre alt. Ein großer Trauerzug begleitete den Sarg durch ein dichtes Spalier Weimarer Bürger zum Ehrengräberfeld des Historischen Friedhofs.

Was ich singe, sing ich den Genossen. / Ihre Träume gehen durch mein Lied. 

Louis Fürnberg 1949. Quelle: Bundesarchiv Bild 183-S81891

Louis Fürnberg verstand sich als politischer Dichter. Er zählte zu den von den Führungskadern geschätzten, weil nützlichen, benutzbaren Staatsdichtern. Bis in breite Schichten der Bevölkerung war er bekannt und beliebt. Insbesondere Teile seiner Lyrik, die manchmal fast hymnische Züge hatte, zeugen von fester kommunistischer Gesinnung, der er ein Leben lang treu blieb. Seine Gedichte wurden immer wieder vertont. Es entstanden eingängige, leicht singbare Lieder die besonders in Schulen und Jugendorganisationen sehr populär wurden.

Neben unzähligen Gedichten schrieb Fürnberg Erzählungen und Romane. Zu seinen bekannteren Prosaarbeiten zählt die Novelle Begegnung in Weimar, in der er seiner Verehrung für das klassische Weimar und seine Goethe-Bewunderung zum Ausdruck bringt. Sie erzählt von einem Treffen des polnischen Dichters Adam Mickiewiczs mit Johann Wolfgang von Goethe. Die über weite Strecken in Dialogform gestaltete Geschichte deutet das erzählerisch-gestalterische Potenzial des Autors an, ist inhaltlich letztlich zu speziell und elitär.

Nach dem Tod des systemtreuen Dichters betreute die Witwe Lotte Fürnberg das Werk ihres Mannes. Sie gab seine Gesammelten Werke heraus, die in sechs Bänden in den Jahren 1964 bis 1973 erschienen. Die langjährige Freundschaft mit Arnold Zweig dokumentiert der 1978 publizierte Briefwechsel. Louis Fürnberg wurde von seinem Umfeld als freundlicher, bescheidener Mensch charakterisiert. Sein großer Gerechtigkeitssinn und seine Sympathie für die Vernachlässigten und zu kurz Gekommenen führten dazu dass er sich für einen Weg entschied der zwar viel Hoffnung, doch letztlich keine Lösung für die Probleme der Welt bot.

In Weimar entstand ein Louis-Fürnberg-Archiv, das Lotte Fürnberg bis zu ihrem Tod, im Alter von 92 Jahren im Januar 2004, betreute. Ruhm und Bekanntheit des Schriftstellers wurden auch nach dem Ende des DDR-Staats hauptsächlich in Weimar und Thüringen eifrig gepflegt. Als 2009 der 100. Geburtstag anstand, gab es eine Gedenkveranstaltung im Weimarer Stadtschloss. Alena, Tochter der Fürnbergs, trug Gedichte des Vaters vor und Wulf Kirsten hielt die Laudatio. In einem Gebäude der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, wenige Kilometer außerhalb der Klassikerstadt gelegen, wurde Louis Fürnbergs Arbeitszimmer originalgetreu rekonstruiert. Es kann nach Anmeldung besichtigt werden.

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Fürnberg, Louis: Gesammelte Werke in sechs Bänden. – Berlin und Weimar, 1964 – 1973

Fürnberg, Louis; Zweig, Arnold: Der Briefwechsel zwischen Louis Fürnberg und Arnold Zweig : Dokumente e. Freundschaft. – Berlin und Weimar, 1978

Fürnberg, Louis: Die Begegnung in Weimar. 2. Aufl. – Berlin und Weimar, 1969

Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. – erw. Aufl., Berlin, 2009

Das Blättchen. Zweiwochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft. – Berlin : Verl. d. Blättchens (Online-Ausgabe) (22) 2019. https://das-blaettchen.de/schlagwort/louis-fuernberg

 

 

 

Von Weimar nach Ilmenau

Eine Erkundung. 200 Jahre nach Goethe.

Für mich wird es ein kleiner Ausflug von den deutschen Klassikern, seligen Geistern wie Goethe, Schiller, Herder und Wieland, zur Kleinstadt am Nordhang des Thüringer Waldes. Von einer Keimzelle deutscher Republik, der Musik- und Bauhausstadt zum Ort einiger prägender Kinderjahre. 

Reichlich 50 Kilometer durch junigrünes Thüringen. Über Land eine Fahrt von einer guten Stunde. Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine mühsame, staubige Tagesreise. Früh halb Sieben aus Weimar. Goethes Route ging über Bad Berka, Tannroda, Kranichfeld, Dienstedt, Groß-Hettstett, Stadtilm. Schmale harte Wege, bei Regen schlammig. Gepäck, Kutsche, Pferde, Dienerschaft. 

Bei meiner Fahrt bin ich in einen ungewöhnlichen frühen Sommer geraten. Dreißig Grad am frühen Nachmittag. Die Spargel- und Erdbeerzeit ist auf dem Höhepunkt. Verkaufsstände am Wegesrand. Eine Gemüse-, Blumen- und Beerengegend. Zu DDR-Zeiten konnten nicht einmal die Parteifunktionäre das Reifen von Früchten gänzlich verhindern. Wer einen kleinen privaten Garten besaß war fein raus und gut versorgt. Konnte genießen, was staatlich gelenkte Erzeugergenossenschaften und Konsum- und HO-Läden verplant hatten.

Die Zweiburgenstadt Kranichfeld. Niederburg und Oberschloss. Das mittlere Ilmtal. Hier darf sich eine Ansiedlung von wenigen Tausend Menschen in Ballungsgebieten allenfalls Dorf oder Vorort bereits Stadt nennen. Der Weg zum Oberschloss ist streckenweise eng und steil. Sträßchen mit erneuertem Katzenkopfpflaster. Erste Vorgänger der Anlage entstanden bereits im 12. Jahrhundert. Seine heutige Form bekam es um 1530. Eine Ausstellung zu Geschichte von Schloss und Stadt sind hier untergebracht. Weiter Blick über Wiesen, Felder und bewaldete Hügel. Die Höhen des Thüringer Waldes vor Augen.

Rudolf Baumbach wurde 1840 in Kranichfeld geboren. Er wäre längst vergessen, hätte er nicht Texte geschrieben aus denen so häufig und gern gesungene Lieder wie Hoch auf dem Gelben Wagen wurden. Deshalb gibt es im Ort das Baumbachhaus. Mit der Dauerausstellung zum Leben von Rudolf Baumbach und wechselnden Ausstellungen mit regionalem Bezug. Jetzt im Juni findet wieder das Rosenfest statt. Zum 140. Mal, es hat alle Staatsformen und politischen Systeme scheinbar unbeschadet überstanden.

Immer wieder Alleen. Alte Linden und schlanke Pappeln. Sie sind den Straßenerneuerungen nach der Wende nicht zum Opfer gefallen. Schnelles Fahren verbietet sich, ist wohl auch nicht erwünscht. Meist geht es kurvig voran und immer wieder durch kleine Ortschaften. Verschlafen wirken sie, verlassen, müde in der Junisonne des Jahres 2018. Es gibt Bäume, die müssen schon hier gestanden haben als der Weimarer Minister und Dichter mit seiner Entourage durchreiste. Auf dem Weg zu staatstragenden Geschäften oder naturkundlichen Exkursionen. Oder einfach zu einigen Stunden Waldeinsamkeit. 

Nach 12 Uhr in Stadtilm. Nach über fünf Stunden Holpern und Rütteln ist Stadtilm Rast- und Zwischenstation für Johann Wolfgang von Goethe und sein Gefolge. Einkehr im Gasthaus Zum Hirschen. Es liegt am größten Marktplatz Thüringens, einem weiten länglichen Rechteck dessen Fläche über 10.000 Quadratmeter misst. Der 202 Meter lange steinerne Eisenbahnviadukt am Ortsausgang ist unbedingt sehenswert. Heute verkehren auf ihm nur die Regionalbahnen von Saalfeld nach Erfurt. Der Fernverkehr rauscht mit 250 Stundenkilometern über noch längere hohe Betonbrücken und durch nicht enden wollende Tunnel von München über Nürnberg in die Hauptstadt des Freistaats.

Von den ersten Lokomotiven und der ersten regelmäßig befahrenen Strecke mit Personenverkehr zwischen Manchester und Liverpool 1830 eröffnet hat Goethe noch erfahren. Hat er eine der rollenden Dampfmaschinen in Deutschland gesehen? Vielseitig interessiert, hat er technische Neuerungen stets begrüßt, wenngleich er, wie die meisten Älterwerdenden, die ständige Beschleunigung von Entwicklungen und Ereignissen beklagte. Vielen Ostdeutschen ging es nach 1990 ähnlich. Was auf jahrelange Agonie und Gleichgültigkeit nach dem Beitritt in die Marktwirtschaft folgte, überforderte. Man fühlte sich überfahren, abgestellt, ratlos zurückgelassen. Darunter litt nicht zuletzt da und dort die Begeisterung für demokratische Freiheiten.

Vor dem Viadukt das Rathaus der Gemeinde Stadtilm. Ein ehemaliges Kloster. Stadtbibliothek, Polizeiposten und Touristen-Info sind mit untergekommen in dem vielräumigen langgestreckten Komplex, der leicht vernachlässigt wirkt. Stadtilm ist ein ehemaliges Straßendorf. Mehre Kilometer erstreckt sich die Hauptstraße zwischen den niedrigen, geduckt wirkenden Häusern mit ihren tiefen Erdgeschoßwohnungen, deren Fenster sich oft kaum einen Meter über dem Gehweg befinden.

Am 26. August 1813 wieder einmal unterwegs von Weimar nach Ilmenau schrieb Goethe in Stadtilm (wohl während der Mittagsrast) sein Gedicht Unterwegs. Es gehört bis heute zu seinen populärsten: Ich ging im Walde / So vor mich hin, / Und nichts zu suchen, / Das war mein Sinn. Er findet ein Blümchen am Wegesrand, möchte es spontan pflücken, überlegt es sich schließlich anders. Ein allegorisches Liebesgedicht, das er seiner Christiane zum 25. Jahrestag widmet und sogleich nach Weimar sendet.

Um drei Uhr am Nachmittag Aufbruch in Stadtilm. Über Gräfenau zum Ziel der Reise. Und schließlich Nach Sechs in Ilmenau. Die Herberge heißt Zum Goldenen Löwen. Vor wenigen Jahren wurde unmittelbar neben diesem, in der ehemaligen Form nicht mehr existenten Gebäude, ein Hotel unter dem geschichtsträchtigen Namen eröffnet. Es ist bereits wieder geschlossen. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der thüringischen Provinz sind auch im Jahr 28 der Einheit schwierig.

1776 war Goethe zum ersten Mal in Ilmenau. Verschiedene Verwaltungsaufgaben im Auftrag des Herzogs in den folgenden Jahren führten zu häufigen Besuchen. Darunter der Versuch den brachliegenden Bergbau wiederzubeleben. Was zunächst aussichtsreich erscheint und dem Städtchen bescheidenen Aufschwung verspricht, scheitert letztlich. 1796 muss der Stollen nach massivem Wassereinbruch für immer stillgelegt werden. 17 Jahre lang meidet Goethe danach Ilmenau.

Zu Beginn des Jahres 1779 war ihm die Direktion der Kriegskommission übertragen worden. Sie hatte die Aufgabe Rekruten für den Kleinstaat zu verpflichten. Soldaten die dann vom Landesherrn gegen gutes Geld an andere Heere „verliehen“ wurden. Goethe ist nicht immer begeistert von den Aufgaben die ihm sein Dienstherr überträgt. Bevorstehende Ekelverhältnisse durch die Kriegskommission, schreibt er ins Tagebuch.

Das andere Ilmenau. Schöne Stunden in der Umgebung. Im Wald. Beim Wandern und Erforschen der artenreichen Natur. Die Geologie. Goethe der Zeichner. Dampfende Täler bei Ilmenau. Seine letzte Reise nach Ilmenau findet im August 1831 um den 82. Geburtstag statt, zwei Enkelsöhne begleiten ihn, sieben Monate vor seinem Tod. Am 22. Juli hatte er endlich sein dichterisches Lebenswerk beendet. Das umfangreiche Manuskript des Faust gebündelt, verschnürt und fürs Erste in die Schublade gelegt. Das Hauptgeschäft zustande gebracht. Letztes Mundum. – Alles rein Geschriebene eingeheftet …, steht im Tagebuch. Er ist erleichtert: Mein ferneres Leben kann ich nunmehr als ein reines Geschenk ansehen …

Ende August noch einmal eine kleine Rundreise von Ilmenau aus nach Martinroda, Langewiesen und Stützerbach. Neu angelegte Chauseen bewundert er. Sieht eine Lindenallee wieder bei deren Pflanzung er vor 50 Jahren dabei war. Lebensbilanz. An Zelter schreibt er: … Nach so vielen Jahren war denn doch zu übersehen: das Dauernde, das Verschwundene. – Das Gelungene trat vor und erheiterte, das Mißlungene aber war vergessen und verschmerzt.

Der heiße Spätnachmittag im Juni. Das Auto habe ich auf dem Parkplatz an der Festhalle abgestellt. Einmal quer durch die Stadt führt mein Weg. Naumannstraße, Lindenstraße, Mühlgraben, Oehrenstöcker Straße. Im Tageskaffee der Bäckerei die alten Männer vor dem Kaffee, der längst kalt ist. Ihr Schweigen nur selten unterbrochen von dem nasalen südthüringischen Nuu, das alles bedeutet und nichts. 

Das Hinterhaus in dem die Großeltern lebten wurde vor einigen Jahren abgerissen. Im Erdgeschoß schwitzten Glasbläser vor ihren Gasfeuern. Der Onkel in der Neubausiedlung. Die Lieblingstante. Die Schischanzen und die Schlittenbahn. In der Erinnerung weiße, kalte Winter, aus den Schornsteinen Rauch von verfeuerter Braunkohle. Es stinkt und beißt im Rachen. Längst sanfte Kindheitserinnerung. Wie der Duft der Bratwürste auf glühenden Holzkohlen.

Schon ist es nach sechs. Die Läden geschlossen. Die Straßen nahezu menschenleer. Von Ilmenau nach Weimar in einer Stunde. Hin und wieder durch eine Allee. 200 Jahre nach Goethe.

* * *

Oberhauser, Fred; Kahrs, Axel: Literarischer Führer Deutschland. – Frankfurt : Insel Verlag, 2008

Damm, Sigrid: Goethes letzte Reise. – Frankfurt : Insel Verlag, 2007

Schrader, Walter: Goethe und Ilmenau. – Kassel : Verlag Jenior und Preßler, 1994

Neuendorf, Siegfried: Die Goethestadt Ilmenau. – Ilmenau : Carl Heiner Druck (Hrsg.: Deutscher Kulturbund), 1959

Sigrid Damm, Goethe und die Frau von Stein

“Sigrid Damm befreit Geschichte und Geschichten nach gründlicher Recherche vom Aktenstaub, holt sie in zeitgemäßer Sprache in die Gegenwart und lässt den Leser teilhaben an ihren Gedanken und Überlegungen.” (Thüringische Landeszeitung, 7.12.2015)

Sie hat über Caroline Schlegel-Schelling, Friedrich Schiller und Jakob Michael Reinhold Lenz geschrieben. Über Goethe natürlich, den sie uns als Menschen schildert, mit sehr menschlichen Schwächen und Schattenseiten. Und über Frauen rund um Goethe: Die Schwester Cornelia, die Partnerin, Ehefrau und Mutter seiner Kinder – Christiane Vulpius. Sie ist in Gotha geboren und verbrachte dort die Schulzeit. Studium und Promotion in Jena. Akribisch recherchiert sie für ihre literaturhistorischen Veröffentlichungen, Archive und Bibliotheken sind ihr zweite Heimat. Auf unvergleichliche Weise versteht sie es, Forschungsergebnisse einem breiten Leserkreis verständlich und durchaus unterhaltsam nahezubringen.

Sie ist Ehrenbürgerin der Heimatstadt und wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet. Mit dem Thüringer Literaturpreis, dem Lion-Feuchtwanger-, dem Fontane-und dem Mörike-Preis. Sie lebt in Berlin und Mecklenburg und hin und wieder hält sie sich gerne im hohen Norden auf. Meine Sichtweise auf die Weimarer Klassik und die Denkmäler Goethe und Schiller hat sie entscheidend beeiflusst. (Nebenbei: Dass ich mich vor einiger Zeit aufführlicher mit den Werken Günter de Bruyns befasst habe, den wir in West- und Süddeutschland bedauerlicherweise kaum wahrnehmen, verdanke ich ihr.)

Am 7. Dezember wurde Sigrid Damm 75 Jahre alt. Wenige Wochen zuvor erschien ihr neuestes Buch. Wieder eine “Recherche” zu einer Frau, die in Weimar und für Goethe eine wichtige, in seinen ersten Weimarer Jahren prägende Rolle spielte: “Sommerregen der Liebe. Goethe und Frau von Stein.”

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“Ich muß dir’s sagen, du einzige unter den Weibern, die mir eine Liebe in’s Herz gab die mich glücklich macht… Ich liege zu deinen Füssen und küsse deine Hände.” (Aus einem Brief v. 23. Februar 1776)

Einmal mehr erfahren wir vom allzu menschlichen Goethe, dem Fehlbaren, Zweifelnden, manchmal Verzweifelten. Von einem jungen Heißsporn und liebenden Mann. Von seiner Seite ist es Liebe. Mit allem was dazugehört, wenn es nach ihm ginge. Seine Briefe lassen das unschwer erkennen. Er ist 27 Jahre alt und neu im Stab des Weimarer Kleinstaates. Sie ist 34, verheiratet, mehrfache Mutter. Konventionen, familiäre Verpflichtung und Selbstdisziplin sind stark genug. Sie widersteht dem Stürmer und Dränger. Wenn es bei ihm Liebe war, die Liebe eines jungen Mannes, die sich natürlich nach körperlicher Erfüllung sehnt, was hat die Umworbene empfunden? Was bedeutete ihr diese Beziehung? Sigrid Damm kann das nicht letztgültig beantworten. Doch sie versteht es auf die ihr eigene Art, sich in die beiden starken Persönlichkeiten einzufühlen.

“Liebste ich habe gestern Abend bemerckt dass ich nichts lieber sehe als Ihre Augen, und dass ich nicht lieber seyn mag als bey Ihnen.” (Aus einem Brief v. 3. August 1778)

media_38258836Man muss Schriftsteller oder Schriftstellerinnen deren Werke man verehrt nicht mögen, doch, beeindruckt vom literarischen Schaffen, würde man es vielleicht ganz gerne. Künstler sind jedoch in noch viel stärkerem Maße ambivalente Persönlichkeiten wie wir Schlichten. Dies am Beispiel Goethes zu zeigen ist eines der Ziele der Literaturhistorikerin Damm. Sie selbst schwankt dabei zwischen distanzierter Bewunderung und einem gewissen Widerwillen. An diesem Zwiespalt der Gefühle lässt sie ihre Leser teilhaben und vermittelt ein Goethebild das realistischer, schärfer und uns näher ist, als das der üblichen Klischee. Der zerrissene Künstler mit den mehr als zwei Seelen in seiner Brust, der Staatsmann ohne Überzeugung, der wilde Junge, der Scheue und Ängstliche, einen Mann, der von nichts so abhängig war, wie von den Frauen, die ihn auf Strecken seines Weges begleiteten.

“Kaum bin ich aufgestanden so mach’ ich schon Plane wie ich zu Ihnen kommen und den Tag bey Ihnen zubringen will… So lang das geht werde ich in meinem Schneegestöber aushalten, und schreiben und zeichnen, hernach komm ich und fahre mit Ihnen in’s Conzert. Adieu meine liebe Cometenbewohnerinn.” (Aus einem Brief v. 4. Februar 1781)

Im Mittelpunkt des Interesses stehen bei der Wissenschaftlerin und Autorin Damm die Frauen. Über und für Cornelia, Christiane und Charlotte schreibt die Weimar-Spezialistin. Sie weist auf die Bedeutung der Zeit hin, in der diese Personen lebten, die Prägung durch Herkunft, durch Milieus in denen sie aufwuchsen und zu leben hatten. Nicht zuletzt, aber nicht so vordergründung wie in konventioneller Geschichtsschreibung, geht es um die Männer, die so viel Einfluss auf ihre Lebensläufe hatten, von denen sie gesellschaftlich und wirtschaftlich abhängig waren. Doch die Frauen über die Damm schreibt sind keine bloßen Objekte, Anhängsel, Produkte einer männerdominierten Gesellschaft. Sie sind eigenständige, eigenwillige Charaktere. Belesen,  klug oder beides. Lebenserfahren, praktisch veranlagt, pragmatisch. Oft handeln sie gerade dann, wenn die Männer zurückziehen. Wie Goethe, der besonders gerne unangenehmen Situationen aus dem Weg ging.

Sigrid Damms Buch besteht aus drei Teilen. Einer längeren Einleitung, mit der Schilderung des Lebenswegs der Charlotte Albertine Ernestine Freifrau von Stein, geborene von Schardt. Eine Auswahl der Briefe Goethes an Charlotte; Gegenbriefe sind leider nicht überliefert, der größte Teil wurde auf Wunsch Frau von Steins vernichtet. Sowie einer ausführlichen Interpretation der außergewöhnlichen Beziehung und ihres Umfeldes. Zum besseren Verständnis der Briefe dienen die Anmerkungen im Anhang. Personenregister und Literaturverzeichnis ergänzen eine sorgfältige Edition.

Damm, Sigrid: Sommerregen der Liebe. Goethe und Frau von Stein. – Insel Verlag, 2015. Euro 22,95

Goethes Orte in Ilmenau

„Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“ (1)

“Die Gegend ist herrlich, herrlich!”, schrieb Johann Wolfgang von Goethe am 4. Mai 1776 an Herzog Karl August nach Weimar. Am Tag zuvor war der Dichter des “Werther” und des “Götz” zu einem allerersten Aufenthalt in Ilmenau eingetroffen. Für Ilmenau durchaus ein Ereignis, denn der neue Berater und bald auch Freund des Herrschers über die Kleinstaaterei Sachsen-Weimar-Eisenach war bereits eine Berühmtheit in deutschsprachigen Ländern.

In den folgenden Jahrzehnten besuchte er das Städtchen am Nordrand des Thüringer Waldes und seine Umgebung achtundzwanzigmal und verbrachte dort insgesamt 220 Tage. Auch seinen 82. Geburtstag hat er im August 1831 in Ilmenau gefeiert. Neben anderen waren die Enkel Wolfgang und Walter, damals 11 und 13 Jahre alt, dabei. Man logierte im Gasthaus „Zum Löwen“ (s. a. unten). Die Stadtkapelle spielte auf, und abends zog man mit Fakeln über Roda nach Elgersburg. Es wurde der letzte Ilmenau-Aufenthalt, die letzte Reise (2) überhaupt, des inzwischen reisemüden Dichters. Johann Wolfgang von Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar.

Amtshaus. Das ehemalige Amtshaus beherbergt heute das Goethe- und Stadtmuseum. Nach einem Brand im Jahre 1752 wurde es als Barockbau neu errichtet und schließt den am Hang gelegenen Marktplatz nach Norden hin ab. Zur Goethezeit war es der Sitz des Amtmanns, also des herzöglichen Vertreters in der Stadt. Goethe standen in dem vergleichsweise großzügigen Gebäude einige Jahre eigene Räume zur Verfügung. Soweit es seine zahlreichen Verpflichtungen zuliesen, hat er hier immer wieder am „Wilhelm Meister“ gearbeitet.

Rathaus. Am westlichen Rand des Marktplatzes steht bis heute das Rathaus. Das historische Gebäude wurde längst um einige moderne Anbauten erweitert. Unter Goethes Vorsitz tagte hier im Juni 1781 die Bergbau-Kommission. Es ging dabei in Verhandlungen mit Abordnungen von Kursachsen und Sachsen-Gotha um die Klärung von Bergwerksrechten – Voraussetzung um den Bergbau der Ilmenauer Gegend auf eine neue solide Basis zu stellen. Das gelang zunächst, doch schon nach wenigen Jahren mussten die wiedereröffneten Minen, die der Stadt eine wirtschafliche Erholung gebracht hatten, erneut geschlossen werden. Es waren hauptsächlich geologische Gegebenheiten, die diesen Erwerbszweig zum Erliegen brachten.

Sächsischer Hof. An der Stelle der ehemaligen Gaststätte “Sächsischer Hof” steht heute ein stattliches Wohn- und Geschäftshaus. Im “Sächsischen Hof” wohnte Charlotte von Stein, als sie Goethe 1776 in Ilmenau besuchte. Zeitweise stieg auch Goethe selbst hier ab. Unter anderem 1784, als er seine vielbeachtete Rede zur Wieder-Eröffnung des Bergbaus in den zuvor stillgelegten Gruben der Ilmenauer Gegend hielt.
Von 1801 bis zu ihrem Tod wohnte die Sängerin und Schauspielerin Corona Schröder (1751 – 1802) im Sächsischen Hof. Auf dem Schwalbensteinfelsen nahe Ilmenau hatte Goethe im März 1779 seine „Iphigenie“ vollendet. Das Drama wurde am 6. April in Weimar uraufgeführt. Goethe führte Regie und gab den Orest. Die Schröder spielte die Iphigenie. Ihr Grab auf dem Ilmenauer Friedhof ist heute eine Station des Goethe-Wanderwegs.

Der “Löwen.” Häufig, und wie beschrieben, letztmals an seinem 82. Geburtstag, wohnte Goethe während seiner Ilmenau-Aufenthalte im Gasthof „Zum Löwen“, der nicht mehr existiert. Damals war es das erste Haus am Platz. Allerdings hielt sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Übernachtungsangebot im Städtchen sehr in Grenzen. Reisende kamen selten, man hatte lange Jahre existenzielle Probleme: Kriegsfolgen, Hungersnöte, Brände und Misswirtschaft. Mit Goethes Einsatz und Ideenreichtum kamen bessere Zeiten. In dem Gebäude, das heute an dieser Stelle steht, befindet sich im Erdgeschoss eine italienische Eisdiele. Dem modernen Reisenden auf Goethe-Spuren kann das sehr freundlich kommode Hotel “Lindenhof” gleich nebenan empfohlen werden.

“Was weis ich was mir hier gefällt / In dieser engen kleinen Welt / Mit leiser Zauberhand mich hält … “ (3). Goethe war auch viel in der Umgebung Ilmenaus unterwegs. Bei seinen Exkursionen im Thüringer Wald widmete sich der universell interessierte Dichter geologischen, mineralogischen und botanischen Forschungen. „Als Vorläufer Darwins hat er den Gedanken einer organischen Entwicklung der Natur von einfachen zu immer vollkommeneren Gebilden klar ausgesprochen.“ (4) Doch vor allem in jüngeren Jahren kamen auch die vergnüglichen Natur-Aufenthalte nicht zu kurz. Zusammen mit dem herzoglichen Freund wurden Jagden veranstaltet; und bei manchem Nachtlager unter freiem Himmel ging es in großer Gesellschaft laut und feuchtfröhlich zu. Gut ausgeschilderte Wanderwege rund um Ilmenau ermöglichen es heute allen Interessierten diesen Spuren Goethes zu folgen. Vielleicht mit der einen oder anderen Reclam-Ausgabe seiner Werke im Rucksack.

(1) Aus dem “ Osterspaziergang“, der gerne als eigenständiges Gedicht angesehen wird, dessen Verse aber aus dem ersten Teil des „Faust“ stammen.

(2) Siehe dazu: Damm, Sigrid: Goethes letzte Reise. – Frankfurt und Leipzig, 2007 (auch als Insel Taschenbuch erhältlich). Ausgehend von Goethes letztem Ilmenau-Aufenthalt berichtet die Autorin in kurzweilig erzählender Form über verschiedene Stationen in Goethes Leben.

(3) Aus dem Gedicht „Einschränkung“, geschrieben in dem Dörfchen Stützerbach, das einige Kilometer südwestlich von Ilmenau liegt und dessen Goethe-Gedenkstätte dieser Tage aus Kostengründen von der Schließung bedroht ist.

(4) Neuendorf, Siegfried: Die Goethestadt Ilmenau. – Ilmenau, 1959 (rarer DDR-Druck)