Reise ins Innere. Karl May und Hermann Hesse

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler

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Lieber Leser, weißt du, was das Wort Greenhorn bedeutet? – – eine höchst ärgerliche und despektierliche Bezeichnung für denjenigen, auf welchen sie angewendet wird.
(Karl May: Winnetou I)

Das Landhaus Erlenhof lag nicht weit vom Wald und Gebirge in der hohen Ebene.
Vor dem Hause war ein großer Kiesplatz, in den die Landstraße mündete.
(Hermann Hesse: Heumond)

Dies waren die ersten Zeilen, die ich von Karl May (1842-1912) und Hermann Hesse (1877-1962) gelesen habe. Karl May lernte ich im Alter von 12 Jahren in der Gestalt von Old Shatterhand in seiner Reiseerzählung Winnetou I kennen. Und ich war 17, als mir ein Fischer-Taschenbuch mit grünem Einband in die Hände fiel. Es trug den verlockenden Titel Schön ist die Jugend, enthielt die Erzählungen Heumond, Schön ist die Jugend und Der Zyklon und war von Hermann Hesse.

Der Abenteuerschriftsteller Karl May bescherte mir unzählige selige Lesestunden, in denen ich in eine komplett andere Wirklichkeit abtauchen konnte und wie der Autor selbst in einen Wunscherfüllungsrausch verfiel, der die Rückkehr in die Realität meiner Kinder- und Jugendjahre nicht immer leicht machte. Am Ende dieses Lesemarathons hatte ich alle damals erschienenen Werke Karl Mays einschließlich des Spätwerks regelrecht verschlungen- es dürften so um die 70 Bände gewesen sein.

In der Gemeindebücherei meines Heimatdorfes standen die Gesammelten Werke im Regal- es handelte sich um die berühmten grünen Bände des Karl-May-Verlages. Ich gehörte zu den eifrigsten Nutzern der kleinen Bibliothek. Zu Geburtstagen und an Weihnachten bekam ich einzelne Titel der Sonderausgabe des Wiener Tosa-Verlages geschenkt, die damals u.a. vom Kaufhof vertrieben wurden. Es waren Höhepunkte meines frühen Leselebens, wenn ich in der nahegelegenen Stadt vor den Kaufhof-Regalen stand und mir einen Karl May aussuchen durfte. In seltenen Fällen hatte ich mir vom kargen Taschengeld einen Band abgespart, den ich dann in Verbindung mit einem heftigen Ausstoß von Glückshormonen höchstselbst käuflich erworben habe.

Hermann Hesse schließlich wurde einige Jahre später zu meinem lebensbegleitenden Lieblingsdichter. Die Entdeckung des Hesse-Kosmos glich einer Entdeckungsfahrt ins Innere der Seele. Vieles von dem, was ich dort nach und nach vorfand, betraf mich direkt, schien wie für mich geschrieben. Eine Lesewirkung, die unter jugendlichen Hesse-Lesern weit verbreitet war. Ob sie es auch heute noch ist? Ob es denn im 21. Jahrhundert überhaupt noch eine nennenswerte Anzahl von Hesse-Lesern in der jüngeren Generation gibt?

Kurze Zeit nach der Initialzündung durch die Verheißung Schön ist die Jugend schenkten mir meine Eltern die 12-bändige Werkausgabe der Gesammelten Werke. Es war das kostbarste, folgenschwerste Geschenk, das ich je von meinen Eltern erhalten habe. Ich bin ihnen für immer dankbar dafür, zumal es ihnen schwergefallen sein dürfte, das nötige Geld für über 6000 Seiten Buch aufzubringen. In der Folge habe ich in vergleichsweise kurzer Zeit die 12 blauen Bände vom Auftakt in Band 1 (Einem Freunde mit dem Gedichtbuch) bis zum Schlussakkord in Band 12 (Ende einer Bücherbesprechung) gelesen- in jugendlichem Eifer und entflammt von der Brisanz und Kraft der Texte. Oft gerieten die Lektürestunden zu ausgesprochenen Lesefeiern, die ich zelebrierte wie ein geistiges Ritual.

Im Band 12 der geliebten blauen Bände (Schriften zur Literatur II) ist als letzte von Hesses Buchbesprechungen die Erzählung Abschied von den Eltern von Peter Weiss (1961) abgedruckt. Hier schließt sich für mich der Kreis um meine Geschichte der Hermann-Hesse-Werkausgabe, musste doch auch ich Abschied nehmen von meinen beiden Eltern, den Portalfiguren meines Lebens (Peter Weiss).

Nun, ich kenne ihn [Karl May] jetzt, und empfehle seine Bücher den Onkeln von Herzen, die der Jugend Bücher schenken wollen. Sie sind phantastisch, unentwegt und hanebüchen, von einer gesunden, prächtigen Struktur, etwas völlig Frisches und Naives, trotz aller flotten Technik. Wie muss er auf die Jungen wirken! Hätte er doch den Krieg noch erlebt und wäre Pazifist gewesen! Kein Sechzehnjähriger wäre mehr eingerückt. (Hermann Hesse 1919 nach der Lektüre von Schatz im Silbersee und Von Bagdad nach Stambul in der Neuen Zürcher Zeitung vom 13.07.1919.)

Der Volksschriftsteller Karl May und der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse lebten und arbeiteten ohne Zweifel in vollkommen verschiedenen Welten. Trotzdem gibt es, wenn man die oberen Schichten abträgt, bedeutende Gemeinsamkeiten, die Hartmut Wörner in seiner Studie Seelenbrüder akribisch herausgearbeitet hat. Danach diente die polare Struktur des Menschseins und der Welt, in wir leben, beiden als Grunderkenntnis, von der aus sie ihre Geschichten entwickelten. Hesses großes Thema der Individuation mit dem Ziel der Integration der Gegensätze entspricht bei May die Entwicklung des Einzelnen hin zur Überwindung des negativen Pols, des Bösen.

Beiden gemeinsam ist eine im weitesten Sinne ethisch-spirituelle Grundierung all ihren Denkens und Tuns. Während Mays Helden aus einer rigid christlich-mystischen Gesinnung heraus agieren, durchzieht Hesses Werk vor dem Hintergrund seiner pietistischen Herkunft eine überkonfessionelle, an das indische und vor allem chinesische Denken angelehnte Spiritualität. Es wundert nicht, dass sich daraus bei beiden eine pazifistische Grundhaltung manifestierte- bei Hesse sehr früh am Beginn des Ersten Weltkrieges, bei May spätestens in seinem Alterswerk ab ca. 1899.

Der Sofien-Saal zu Wien um 1900

In einzigartiger Weise hat Hermann Hesse sein Schreiben als Selbsttherapie betrieben. Seelisches und körperliches Leiden am Leben veredelte er zu Literatur. Karl May wiederum hat die Wunscherfüllungsfunktion von Literatur als Autor geradezu perfektioniert- in seinem Werk und in seiner vorgetäuschten Identität als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi in der realen Welt, die er erst nach seiner Orientreise 1899/1900 aufgab. Beiden gemeinsam ist eine komplizierte psychische Struktur, die Kompensationen geradezu lebensnotwendig machte. Die Reise ins Innere hat dabei zu sehr unterschiedlichen literarischen Resultaten geführt, in der Selbsterforschung und der Verwandlung von Gelebtem und nicht Gelebtem in packende Geschichten sind sich die Schriftsteller aus Radebeul und Montagnola auf einer tiefen Ebene nahe.

Getroffen haben sich die zwei Schriftsteller in den Jahren, in denen eine Begegnung hätte stattfinden können, wohl nie. Hartmut Wörner hat in seiner Studie Kirchheim unter Teck als den Ort genannt, wo sich die Wege beider um die Jahrhundertwende hätten kreuzen können. Darüber hinaus kann nun mitgeteilt werden, dass Karl May und Hermann Hesse sich im März 1912 nachweislich zur gleichen Zeit in derselben Stadt aufgehalten haben: in Wien. May hielt bei seinem letzten öffentlichen Auftritt am 22. März vor einem ca. 2000-köpfigen Publikum (darunter u.a. Bertha von Suttner, Georg Trakl, Karl Kraus und Heinrich Mann) im Sofiensaal seine berühmte Rede Empor ins Reich der Edelmenschen! Von Mittwoch, 20. März bis Sonntag, 24. März logierte er mit seiner Frau Klara im Wiener Hotel Krantz. Zurück in Radebeul starb Karl May wenige Tage später am 30.03.1912.

Hesse war wegen Lesungen in Brünn (22.3.) und Wien (23.3.) in die Kaiserstadt an der Donau gereist. Unterbrochen von dem Abstecher nach Brünn weilte Hermann Hesse vom 19. März (Dienstag) bis 25. März (Montag) in Wien. Vor seiner Abreise hatte der Dichter am Sonntag in der Hofoper noch eine Nachmittagsvorstellung von Mozarts Zauberflöte besucht. Gut möglich, dass Hesse bei einem seiner Stadtrundgänge eines der vielen großformatigen Plakate oder einen Aushang gesehen hat, auf denen für Mays Vortrag geworben wurde. Am Vortragsabend selbst stand auch Hesse am Vortragspult, allerdings im nur wenige Bahnstunden entfernten Brünn. Jedenfalls waren sich die beiden Schriftsteller räumlich wohl nie so nahe wie in diesen Wiener Tagen im Frühjahr 1912. Geistig waren sie es bei den von Wörner nachgewiesenen Gemeinsamkeiten auf jeden Fall – unabhängig von Ort und Zeit.

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Karl May: Die Gesammelten Werke des Karl-May-Verlags (94 „grüne Bände“) sind weiterhin lieferbar. Seit 1987 erscheint zusätzlich die Historisch-kritische Ausgabe (seit 2008 im Karl-May-Verlag). Preisgünstige Ausgaben werden von diversen Verlagen vertrieben. 

Hermann Hesse: Die Sämtlichen Werke (20 Bände + Registerband) sind ebenso wie etliche Einzelausgaben und Sammlungen bei Suhrkamp/Insel erschienen.

Wörner, Hartmut: Seelenbrüder. Eine Studie zu Karl May und Hermann Hesse. Hansa Verlag 2015 (nicht mehr lieferbar).

Auf einen kleinen Braunen ins Kafka

Sommertage in Wien

ein faulsein / ist nicht lesen kein buch / ist nicht lesen keine zeitung / ist überhaupt nicht kein lesen (Ernst Jandl, 1925 – 2000)

Wasser gab es in der Gegend immer reichlich. Die Wasserläufe aus den Quellen in Oberreinprechtsdorf wurden schon vor Jahrhunderten erschlossen und in den kaiserlichen Hof geleitet. Daran erinnert der Brunnen mit seinen sieben Wasserspendern auf dem Siebenbrunnenplatz. Logisch, dass die Eisdiele schräg gegenüber “Sette Fontane” heißt.

Der heutige 5. Bezirk, das einstige Besitztum Margareten, kam 1850 zu Wien. Im 20. Jahrhundert entstand ein Wohnquartier der Arbeiterschaft, der kleinen Angestellten, der niederen Beamten. Fast 55.000 Menschen sind inzwischen hier zuhause. Es dominieren die Gemeindebauten, kleine Ladengeschäfte für fast Alles, Handwerker, Imbisse und Kneipen. Düfte und Gerüche des Orients, aus Asien und vom Balkan kämpfen gegen die Diesel- und Benzindämpfe des stets dichten Verkehrs in engen Straßen.

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Fast ein Drittel der Margaretner sind nicht in Österreich geboren, haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Vielleicht wirkt der Siebenbrunnenplatz auf den ersten Blick nicht eben einladend. Doch an milden Abenden ist er ideal zum lässigen Draußensein und wird zum quirligen urbanen Treffpunkt. Neben breitem Wiener Stadtteil-Dialekt hört man Unterhaltungen, Diskussionen, kleine Streitereien auf Serbisch, Türkisch, Ungarisch, Arabisch.

August 2016. Gleich um die Ecke dieses beliebten Unterzentrums eines ganz normalen großstädtischen Wohnviertels haben wir uns zum wiederholten Male während eines Wien-Aufenthalts einquartiert. Bis vor Kurzem wussten wir allerdings nicht, wo wir da gelandet sind:

“In diesem nicht besonders ansehnlichen Quartier im fünften Wiener Gemeindebezirk, in dieser Abgrundgegend also, weitgehend bevölkert von Unterschichts- und Randexistenzen, unter Menschen, von denen die wenigsten jemals ein Buch auch nur in der Hand gehalten dürften … ”.

So sieht und beschreibt der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller und selbsternannte Wien-Kenner Marcel Beyer den Kern Margaretens. (Nachzulesen in der FAZ vom 1. Juli.)

Uns gefällt die Gegend. Bei ausgiebigen Streifzügen gedenken wir seliger Geister, die vor uns durch diese Straßen, über diese Plätze wandelten, wie der nuschelnde Mime und Barde Hans Moser, der berühmte Sozialdemokrat und langjährige Bürgermeister Bruno Kreisky. Und natürlich der von hier als internationaler Popstar durchstartende Falco. Im Garten von dessen Stamm-Beisl, dem “Alten Fassl”, verbringen wir in geselliger Runde einen angeregten Sommerabend.

Sogar Menschen mit Buch sieht man gelegentlich zwischen Wienfluss und Südbahntrasse, selbst Alphabetismus macht sich breit zwischen Wieden und Meidling, schließlich gibt es im Viertel weiterführende Schulen und höhere Lehranstalten. Eine aktuelle Bachmann-Preisträgerin mit Rotkäppchen-Anmutung wohnt in einem typischen Gemeindebau und kehrt, wie auch wir, ab und an in einer der unkomplizierten Gaststätten auf dem Siebenbrunnenplatz ein. Zum sommerlich frischen Weißwein-Spritzer, zum Bier, auf einen Eisbecher, zu Falafel oder Pizza, Schnitzel oder Backhendl.

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Ich muss noch verraten, was den zukünftigen Georg-Büchner-Preisträger letztlich herführte und seinen Mut loben. Kam er doch auf dem Weg zu Gespräch und Recherche vorbei am “Vereinslokal der Wiener Hells Angels.” Das hat er gewagt, um “eine der größten Dichterinnen, die das zwanzigste Jahrhundert hervorgebracht hat”, zu treffen und darüber zu berichten. Friederike Mayröcker, die “seit ihrer Geburt am 20. Dezember 1924, vier Uhr nachmittags”, in dieser “Abgrundgegend”, diesem Margareten, lebt und schreibt. Viele Jahre davon eng befreundet mit Ernst Jandl.

“es war ein glück, daß ich 1954 mit der dichterin friederike mayröcker zusammentraf, die schon damals einen guten namen besaß, und ich schrieb an ihrer seite viele gedichte. wir sind bis heute eng verbunden, aber wir leben nicht zusammen, denn ich verstand es nicht, etwas an glück dauerhaft zu machen.” (Ernst Jandl: biographische notiz)

Hin und wieder lässt Frau Mayröcker die Arbeit an ihrem hermetischen Werk ruhen und verlässt die mit Manuskripten verstopfte Klause und begibt sich zu ihrer Lieblingsbuchhändlerin. Die Buchhandlung von Anna Jeller liegt ein paar Schritte außerhalb von Margareten, in Wieden, dem 4. Bezirk. Bei einer gemeinsamen Zigarette vor dem Laden plaudern die beiden lebenskundigen Damen sicher nicht nur über Bücher, nicht nur über Lesen und Schreiben. Für die Dichterin allerdings ist Schreiben zentraler Lebenssinn, der sie bis ins hohe Alter erhält.

“ … ach die Wörter in ihrer Windigkeit, ich meine ich ahnte das ganze ohne dasz ich wuszte wohin es mich führen sollte, also ich wuszte nicht genau was ich eigentlich schreiben wollte, ABER ÜBERHAUPT SCHREIBEN!, nicht wahr, das war die Hauptsache.” (Mayröcker, Liebling)

Zu meinen liebsten Bücher-Orten in Wien gehört das “Phil”. Buchhandlung, Denkplatz, Kaffeehaus und Heldenplatz von Menschen, die mit ihren Apple-Laptops auf Kaffehaus-Literat Version 21. Jahrhundert machen. In den Regalen und Auslagen gibt es für mich immer wieder Bücher und SchriftstellerInnen zu entdecken, die auf den bundesdeutschen Büchertischen selten zu finden sind. Während Eva Menasses Romane in Deutschland durchaus gelesen werden, sind ihre Kolumnen und Essays eher unbekannt. Ich entdecke eine Sammlung davon in einem frisch erschienenen btb-Taschenbuch mit dem Titel “Lieber aufgeregt als abgeklärt”.

Die Wahl-Berlinerin berichtet von einer für sie überraschenden Einsicht: “Die Deutschen nämlich lieben uns. Das ist für den frisch eingewanderten Österreicher die erschütterndste Erkenntnis… Diese Begeisterungsstürme, sobald man den Mund öffnet. Sie überschütten uns mit Komplimenten zu unserem weichen, gemütlichen Akzent … “

Halten wir “Piefkes” uns hingegen in Austria auf, wird diese Liebe leider keineswegs gleichermaßen herzlich erwidert. In Wien geht’s. Denn “Wien ist nicht Österreich” hört man hier eben so oft, wie bestimmt. Womit sich die Hauptstädter recht geschickt von manch politischem Trend der Provinz distanzieren.

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Im “Phil” blättere ich in dem bunt-witzigen Buch zur Ausstellung “Literarische Cartoons”, die bis Ende August im Museums-Quartier zu sehen war. Mit Karikaturen von Till Mette, Greser & Lenz und vielen mehr. Für Literaturfreunde und -hasser gleichermaßen geeignet, vielleicht schon einen ersten Eintrag auf dem Weihnachts-Wunschzettel wert. Einen weiteren interessanten Titel habe ich entdeckt. Dazu gleich mehr.

“in Wien ist ein schloß und vor dem schloß steh jetzt ich.” (wieder Ernst Jandl)

Beim Bummel zwischen den bunten Beeten und akuraten Hecken der Gartenanlage des Belvedere (leicht ansteigendes Gelände, Schloss oben, Schloss unten) kann man für einige Zeit stickiger Hitze und Verkehrslärm entkommen. Schattige Bänke laden zum Verweilen und Nachsinnen über Pracht und Prunk der ehemaligen Habsburger k. und k. Monarchie. Ihre Hinterlassenschaften sind unverzichtbare Anziehungspunkte für uns Zeitgenossen und Touristen, die aus aller Welt und zu jeder Jahreszeit in die österreichische Hauptstadt strömen. Die Geschichte dieses ehemals so mächtigen Großreichs und faszinierend vielstimmigen Kultraums, wirkt bis in unsere Gegenwart. Ihr Erbe sind nicht zuletzt die unvergleichlichen Kunstwerke aus Malerei, Musik und Literatur.

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Der rumäniendeutsche Schriftsteller Richard Wagner hat ein ebenso lehrreiches wie unterhaltsames Buch über die Donaumonarchie mit dem Titel “Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt” geschrieben. In kleinen literarischen Essays und Anekdoten umreißt er Bedeutung und Wirkung des österreichisch-ungarischen Kaiserkönigtums. Beginnend mit der “Schönen Blauen Donau”, über die “Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs” bis “Neunzehnhundertneunundachtzig” reicht das Spektrum, in dem auch Kafka und Musil, das Rezept der Doboschtorte, Stalin und Tito Platz gefunden haben.

“Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.” (Diese Erkenntnis wird Franz Kafka zugeschrieben – ich habe es nicht verifiziert.)

So ganz klar komme ich mit der Aussage nicht. Was mich nicht davon abhalten kann den Nachmittagskaffee einmal im leicht morbiden “Kafka” einzunehmen, wo dieses und andere Zitate, sowie allerhand Künstlerportraits an den Wänden hängen. Den kleinen Braunen gibt es mit etwas warmer Milch im separaten Mini-Kännchen und einem Glas frischen Wasser auf dem kleinen Tablett, das hier nicht aus Silber, sondern hygienischen Chromnickelstahl besteht. Das “Kafka” heißt “Kafka” nach Franz Kafka, auf der übersichtlichen Karte findet man Vegetarisches.

Das “Jelinek” ist hingegen nicht nach der Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek benannt. Das Lokal mit seinem vor langer Zeit entstandenen und seitdem stilvoll gealterten Ambiente, seinen knarrenden Türen und dem schiefen Kachelofen, hat eine der größten Zeitungsauslagen aller mir bekannten Wiener Kaffeehäuser. Österreichische Blätter wie “Standard”, “Salzburger Nachrichten” oder “Tiroler Tageszeitung” und internationale Organe von “Süddeutscher Zeitung”, über “Le Monde” bis “The Times”.

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Leider hat das Interesse an diesen Druckerzeugnissen sichtlich nachgelassen. In den Stunden unserer Besuche blieben sie unberührt. Keiner der Gäste verbarg sich hinter einem der Großformate, bevorzugt wurden Tablet, Laptop und Smartphone. Eine mich irritierende und, wie zu befürchten, unumkehrbare Tendenz.

Ein Buch, wie jenes mit den kurzen Arbeiten von Eva Menasse, das ich von diesem Wien-Aufenthalt mit nach Hause nehme, würde es ohne Tageszeitungen gar nicht geben. Die hier versammelten kleinen Perlen knapper, prägnanter Form höherer Schreibkunst erschienen zuerst und erscheinen vorerst weiterhin in gedruckten Zeitungen.

Dass sich diese, bis vor wenigen Jahren viel genutzte, ebenso geliebte wie viel gescholtene Medienform, dass sich Neuigkeiten und Hintergründe mit abfärbender Druckerschwärze aufs holzige Papier gebracht, eindeutig auf dem Rückzug befinden, beschäftigt mich sehr. Der nächste Beitrag auf con=libri wird deshalb, und aus Anlass einer aktuellen Neuerscheinung, diesem Thema gewidmet sein.

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Jandl, Ernst: Aus dem wirklichen Leben. Gedichte & Prosa. Mit 66 Grafiken von Hans Ticha. – Büchergilde Gutenberg, 2000

Mayröcker, Friederike: Und ich schüttelte einen Liebling. – Suhrkamp, 2005

Menasse, Eva: Lieber Aufgeregt als abgeklärt. Essays. – btb, 2016

Ettenauer, Clemens (Hrsg.): Literarische Cartoons. – Holzbaum Verlag, 2016

Wagner, Richard: Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt. – Hoffmann und Campe, 2014

Auf einen Einspänner ins Jelinek – Herbsttage in Wien

“Otto Trsnjeks kleine Tabaktrafik lag im neunten Wiener Gemeindebezirk an der Währingerstraße… Durch die von Plakaten, Zetteln und Reklamebildern fast lückenlos zugeklebte Auslagenscheibe drang nur wenig Licht ins Innere… Der Verkaufsraum war winzig und bis unter die Decke vollgestopft mit Zeitungen, Zeitschriften, Heftchen, Büchern, Schreibzeug, Zigarettenschachteln, Zigarrenkisten und verschiedenen anderen Rauch-, Schreib- und Kleinwaren.”

Die Handlung von Robert Seethalers wunderbaren Wien-Roman “Der Trafikant” spielt im Jahre 1937. Der junge Franz Huchel kommt aus der Provinz in die Metropole um bei Otto Trsnjek eine Lehre anzutreten. Wiener Trafiken haben sich seit damals nicht sehr verändert. Doch die, vor der ich an einem frischen Oktobermorgen in der Währinger Straße stehe, hat wohl aufgegeben. Die schmale, wie bei Seethaler mit allerhand Papieren verkleisterte Eingangstür, ist mit einem verdreckten Rollgitter verschlossen. Davor wurde schon lange nicht mehr gekehrt. Angemoderte Blätter, zerknüllte Teile der Speisenliste eines asiatischen Imbiss, Reste einer roten Wollmütze, eine fettfleckige Pommestüte, die abgerissene Kino-Eintrittskarte schaukeln im leichten Ostwind.

Für heutige Wienbesucher gibt es wenig gute Gründe die Währinger Straße aufzusuchen. Wer allerdings den Kontrast zu den schillernden Konsumwelten von Graben, Kärntner oder Mariahilfer Straße sucht ist richtig. Hier gibt es graue, bröckelnde Fassaden, holprige Gehwege, Leerstand und an mancher Ecke sichtbar trostlosen, schlechtbewältigten Alltag. Heimito von Doderer hat in dieser Straße gewohnt. Von 1956 bis zu seinem Tode am 23. Dezember 1966. Die “Österreichische Gesellschaft für Literatur” hat an seinem ehemaligen Wohnhaus eine Gedenktafel angebracht. Doderer ist neben Musil der vielleicht wichtigste Wiener Romancier der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Freunde seiner umfangreichen, etwas verschlungenen Romane kommen in die Währinger Straße um von dort in die Strudelhofgasse abzubiegen, durch die man zur Strudelhofstiege kommt. Die eindrucksvolle, mehrstöckige Treppenanlage wurde im Jugenstil erbaut und gab dem bekanntesten seiner Bücher den Titel.

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Es wird berichtet, dass die Geschichte der Wiener Literaten-Cafés 1844 begann, als ein Apotheker namens Heinrich Griensteidl zum Kaffeesieder umschulte und 1847 in der Biberstraße sein erstes Café eröffnete. Später zog das Lokal in die Michaelerstraße, direkt gegenüber dem 1888 eröffneten neuen Burgtheater. Schon bald zählten Literaten und Philosophen, Journalisten und Lebenskünstler zu den Stammgästen. Bis heute bewahrt das Haus seinen traditionellen Kaffeehaus-Charme, pflegt die Griensteidl-Legende und lädt mit reichlich angebotenem Lesestoff zum längeren Verbleib.

Auf Tradition legt auch das Café Jelinek im 6. Wiener Bezirk ganz selbstverständlichen Wert. Mit der österreichischen Schriftstellerin gleichen Namens hat es übrigens nichts zu tun. Allerdings stammen Einrichtung und Ambiente mindestens aus einer Zeit als die Literatur-Nobelpreisträgerin noch gar nicht geboren war. Die vom Zigarettenrauch eingebräunten Tapeten, die abgenutzte, doch immer noch erstaunlich kommode Möblierung, der schmiedeeiserne Holzofen, ergeben eine leicht morbide Athmosphäre, die angeblich ganz dem Widerwillen der meisten Wiener gegen Veränderungen und Modernisierung entspricht. Man sitzt durchaus gut, und gerne die Zeit vergessend, auf Stühlen und Polsterbänken, die nicht nur für ein Menschleben geschaffen wurden.

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Das kleine Tellergulasch mit Semmel schmeckt ausgezeichnet, die Zeitungsauswahl ist ebenso reichhaltig wie die typischen Wiener Kaffee-Varianten und mancher Gast lässt vermuten, er sei schon hier gesessen als die Tapeten noch frisch waren und habe nicht vor seinen Platz so bald wieder zu verlassen. Ich will nicht ganz so lange bleiben und versuche den Besuch im Jelinek mit einem muntermachenden, mit einigen sahnigen Kalorien angereicherten Einspänner abzuschließen. Doch das Weggehen fällt danach nicht leicht. Eine kleine Versuchung bleibt, hier ebenfalls zum Inventar zu werden.

Bis vor Kurzem war ich der festen Überzeugung der Charakter des Kaffehaus-Literaten sei spätestens mit Beginn des 21. Jahrhunderts endgültig ausgestorben. Der Schweizer Schriftsteller Thomas Meyer hat mich davon überzeugt, dass dies so pauschal keineswegs der Fall ist. “Den zauberhaften Damen der Confiserie Sprüngli, die mich während der Erstellung dieses Romans so liebevoll umsorgt haben”, lautet die Widmung an ein Zürcher Kaffeehaus und sein Personal in seinem humorvollen Milieu-Roman “Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse”.

In Wien hat das Schreiben im Kaffeehaus eine lange Geschichte. Dass dabei den Federn nicht nur Sinnvolles oder Umfangreiches entfloss, wusste in den 1920er-Jahren bereits der hintersinnig vielseitige Alfred Polgar: “Es gibt Schreiber, die nirgendwo anders wie im Café Central ihr Schreibpensum zu erledigen imstande sind, nur dort, an den Tischen des Müßiggangs, ist ihnen die Tafel der Arbeit gedeckt, nur dort, von Faulenzdüften umweht, wird ihrer Tätigkeit Befruchtung. Es gibt Schaffende, denen nur im Central nichts einfällt, überall anders weit weniger.”

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Bei diesem Wien-Besuch kam ich nicht ins Café Central. Dafür konnte der Aufenthalt im ebenfalls längst anekdotenumwobenen Sperl mehr als entschädigen. Seit 1880 liegt sein Eingang Ecke Gumpendorfer Straße/Lehargasse. In der Nähe sind das Theater an der Wien und das Raimund Theater. Künstler, Literaten und Schauspieler geben sich im Sperl die Klinke in die Hand. “Schanigarten” heißt auf Wienerisch die Draußen-Bewirtung, die dem Sperl im Sommer zusätzliches Flair verleiht. Hat man einen Platz gefunden, was zu manchen Zeiten etwas schwierig sein kann, sind die gebratenen Knödel als Stärkung für weitere Stadt-Exkursionen zu empfehlen, bevor man den Besuch vielleicht mit einer gepflegten Melange abrundet.

Nicht gerade eine Exkursion, aber immerhin einen längeren Spaziergang unternahm ich im Stadtteil Margareten, amtlich ist dies der 5. Bezirk. Vom Siebenbrunnenplatz zur Reinprechtsdorfer Straße, von der man nach etwa 200 Metern rechts in die Margaretenstraße einbiegt. Es ist der Weg stadteinwärts, der, vorbei an allerhand originellen Gemischtwarenläden, ausländischen Imbissen, Wettbüros und Beißln schließlich in die Operngasse und zum Verkehrsknoten Karlsplatz führt. Im Schaufenster des Antiquariats “bücherwurm” wird anregende Lektüre für weitere Streifzüge und literarische Spurensuche in Wien präsentiert. Etwa Dietmar Griesers “Liebe in Wien”, in dem der Autor 20 Paare der Wiener Kulturgeschichte porträtiert. Oder das längst vergriffene, für mich ab sofort unverzichtbare, “Die Wiener Kaffeehausliteraten” von Bartel F. Sinhuber.

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“Der gusseiserne Ofen hinten an der Wand war eingeheizt. Es roch gemütlich nach Kaffee und Bücherstaub. Die Regale reichten bis zur Decke. Eine hohe Leiter lehnte an der Wand neben dem Ofen, die Tritte waren mit Samt überzogen oder mit Wildleder. In den Ecken standen Sessel, ein roter und ein gelber Ledersessel, daneben ovale Tischchen, Kaffeetassen, Zuckerdose, eine Schale mit Keksen, Weingläser.” Der vorarlberger Schriftsteller Michael Köhlmeier, der inzwischen hauptsächlich in Wien lebt, schildert in seinem Roman “Madalyn” wie ein 14-jähriges, eher bildungsfernes Mädchen, zum ersten Mal die Buchhandlung Jeller in der Margartenstraße 35 betritt. Madalyn hat eigentlich nichts am Hut mit Büchern und Geld ausgeben möchte sie dafür schon gleich gar nicht. Trotzdem verlässt sie nach Frau Jellers Beratung die Buchhandlung mit einer Liebesgedichte-Anthologie. “Ohne hineinzuschauen, bezahlte Madalyn und ging. Sie schämte sich ein wenig. Und wusste nicht, warum. Als hätte sie sich das Buch irgendwie erschlichen.”

Nachdem sich der Bummel durch Reinprechtsdorfer und Margaretenstraße schon reichlich hingezogen hatte, reichte es nur zur Bewunderung der aufwendigen, originellen Schaufensterdekoration der Buchhandlung Jeller. Aktuelle belletristische Neuerscheinung liegen unter echten Birkenstämmen. Der nächste Wien-Aufenthalt wird garantiert mit einem längeren Besuch und ausgiebigen Stöbern in den prallvollen dunklen Holzregalen verbunden sein. Frau Jeller, erfuhr ich später, besteht auf der Feststellung dass ihre Buchhandlung, obwohl in der Margaretenstraße gelegen, nicht zu Margareten, sondern zu Wieden, dem innenstadtnäheren 4. Bezirk gehört. Da sind die Wienerinnen und Wiener eigen.

Jede Menge Bücher gibt es auch im “Phil”. Es liegt in der Gumpendorfer Straße schräg gegenüber vom Sperl und vereint Handlung und Kaffeehaus. Es feierte dieser Tage 10-jähriges Jubiläum, was im Vergleich mit anderen Wiener Häusern gleichbedeutend ist mit neulich eröffnet. Phil kommt von bibliophil und Philosophie, zwei Begriffe die ebenso gut harmonieren, wie die verschiedenen Elemente aus denen dieses Mehralseinkaffeehaus besteht. Das “Phil” ist auf jeden Fall der ideale Ort für Zeitgenossen die bookish sind. Im Buchhandelsteil des Lokals sind allerhand noch nicht so rundum bekannte österreichische Autoren und Autorinnen zu entdecken. So gehören zum Beispiel die Bücher von Karin Peschka, Reinhard Kaiser-Mühlecker oder Theodora Bauer zu jenen, die uns der bundesdeutsche Buchhandel weitestgehend vorenthält. Zum Reinlesen in die Neuentdeckung lässt man sich am besten zu ein oder zwei Verlängerten auf den Retro-Möbeln nieder, die wirken als wären sie aus den 1950er-Jahren gebeamt. Die schmucken Teile sind wie die Bücher käuflich zu erwerben. Und vielleicht sitzt ja am Nebentisch der eine oder die andere Nachwuchs-Kaffeehausliterat/in von dem oder der man demnächst noch hören wird.

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Der Dauer-Aufenthalt in einem Kaffeehaus war manchem Schriftsteller, Intellektuellen oder müßiggehenden Privatier die naturgegebene Existenzform. Arthur Schnitzler, der dem väterlichen Vorbild folgend, zunächst Arzt wurde, war für seine zahlreichen, wechselnden Affären mit meist jüngeren Wienerinnen bekannt. 1882 folgt auf die Anni alsbald eine Therese, “die vielumworbene Kassiererin meines Stammcafés, in dem ich vormittags Billard, nachmittags Karten, abends Billard und Karten, nachts Karten und Billard zu spielen pflegte.” Irgendwo dazwischen hat Schnitzler neben etwas Prosa, seine vielgespielten Theaterstücke, wie “Liebelei” oder “Reigen” geschrieben. Mit Hugo von Hoffmannsthal, Hermann Bahr, Felix Salten und einigen anderen, traf er sich im Café Griensteidl. Ab circa 1890 sprach man von der “Wiener Moderne” und rechnete die Herrschaften (Frauen kommen anscheinend nur in oben erwähntem Zusammenhang vor) zur Gruppe des “Jungen Wien.”

Und jetzt ein Bier. Vielleicht ein Ottakringer aus der letzten in Wien noch betriebenen Brauerei. Oder das kühle Helle aus Schwechat. Natürlich darf es auch das eine oder andere Glaserl vom Blauen Zweigelt oder Grünen Veltliner sein. Abends im Haas-Beisl zur gebackenen Fledermaus oder einem echten Wiener Schnitzel mit Erdäpfel-Vogerlsalat, gefolgt von Topfennockerln oder einem Schmarrn mit Zwetschgenröster. Gleich um die Ecke, in der Ziegelofengasse, liegt das „Zum alten Fassl“ (derzeit Gansl-Wochen!). Über dessen Gaststuben wohnte einst der legendäre Falco. Mozart und Falco sind bekanntlich nicht mehr unter den Lebenden, Marianne Mendt und Arik Brauer längst nicht mehr die Jüngsten. Da freut man sich an der jugendlichen Frische der Wiener Kult-Combo “Kommando Elefant”, die just in diesem Herbst mit ihrem aktuellen Song und Video “Ich find dich seltsam” kräftig reüssiert. Zu finden auf  „Lass uns Realität“; Scheibe und Download kommen am 14. November zu den Wienern und dem Rest der Welt. Weitere Infos gibt es auf der Web-Site

Kommando Elefant

Und das „Ich find dich seltsam“ Video hier:

Frische Musik

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Erwähnte und verwendete Bücher

Das Wichtigste: Kaffee in Wien. – Wien : Verlag Holzbaum, 2014

(Kleines handliches Büchlein in dem alle Bezeichnungen für die vielen verschiedenen Kaffee-Zubereitungen und -Gedecke erklärt werden, dazu Kurzinfos zu nahezu allen Kaffeehäusern Wiens.)

Bauer, Theodora: Das Fell der Tante Meri. – Wien : Picus, 2014

Grieser, Dietmar: Liebe in Wien. E. amouröse Porträtgalerie. – München : Dt. Taschenbuchverlag, 1991

Heger, Hedwig: Wien. Eine literarische Entdeckungsreise. – Darmstadt : Wissenschaftl. Buchgesellschaft, 2004

Kaiser-Mühlecker, Reinhard: Roter Flieder. Roman. – Hamburg : Hoffmann und Campe, 2012

Köhlmeier, Michael: Madalyn. Roman. – München : Hanser, 2010

Meyer, Thomas: Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse. Roman. – Zürich : Salis, 2012

Peschka, Karin: Watschenmann. – Salzburg : Müller, 2014

Seethaler, Rober: Der Trafikant. Roman. – Zürich : Kein & Aber, 2012

Sinhuber, Bartel F.: Die Wiener Kaffeehaus-Literaten. Anekdotisches zur LIteraturgeschichte. – Wien : Ed. Wien, 1993

Der Trafikant. Ein Roman von Robert Seethaler

„Der Riss ging mitten durch das letzte Wort.“

Die Trafik ist nicht nur ein Laden, sondern eine regelrechte Institution, die es so, und unter dieser Bezeichnung, nur in Österreich gibt. Dort werden Tabakwaren aller Art verkauft, dazu ein sehr breites Spektrum gedruckter Presse, aber auch Glückshoffnungen in Form von Lotterielosen, Ansichts- und Beileidspostkarten, sowie ein Sortiment Schreibwaren. Die Räumlichkeiten sind oft recht klein und durch die Fülle des Angebots auch beengt; was dazu beiträgt dass so ein Geschäft meist ein sehr intimer Minikosmos ist.

Die Trafik ist auch heute noch eine Art Nachbarschaftstreffpunkt, eine wichtige Klatsch- und Traschbörse. Sie ist fester Bestandteil nostalgischer Urbanität und bürgerlicher Lebensqualität. Nicht selten geht es vom Zeitungskauf in der Trafik direkt weiter ins Kaffee-Haus, der anderen österreichischen Traditions-Einrichtung. Trafikanten oder Trafikantinnen waren und sind häufig echte, in langjähriger Ausübung ihrer Tätigkeit verwitterte Originale, fest verwachsen mit Inventar und Angebot. Zur Stammkundschaft entwickeln sie im Lauf der Jahre ein besonderes Vertrauensverhältnis.

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Foto: Manfred Werner

Im Spätsommer 1937 beginnt Franz Huchel als Anlernling in der Wiener Trafik des Otto Trsnjek. Franz ist Halbwaise. Sein Vater wurde kurz vor seiner Geburt “von einer morschen Stileiche” erschlagen. Die Mutter schlägt sich seitdem bescheiden durch im kleinen Dorf am Attersee im Salzkammergut. Auch die Lebensverhältnisse in Wien sind für die meisten Menschen wenig rosig. Es sind schwierige Jahre. Politisch und wirtschaftlich. Immerhin behandelt sein Lehrherr den Jungen aus der Provinz väterlich und herzlich; er war einst Jugendfreund der Mutter. Trsnjek hat seine eigenen Vorstellungen von zeitgemäßer Bildung: “Der Otto Trnsjek war ein Zeitungsleser. Zeitungsleser und Trafikant.” Die Begeisterung für das Zeitunglesen gibt er an seinen Lehrling weiter, der dieser Pflicht zunächst schwerfällig, dann immer mehr mit Überzeugung und Ausdauer nachkommt.

Dieser Trafikant Trsnjak ist auch ein wackerer Antifaschist und nach den eigenen Erfahrungen im ersten Weltkrieg – er hat eines seiner Beine auf dem Schlachtfeld gelassen – ein entschiedener Kriegsgegner. Leute wie er sind jedoch nicht in der Lage dem immer stärker werdenden Vernichtungswillen der Nazi-Herrschaft etwas Wirkungsvolles entgegenzusetzen. Bald geht es auch für Otto Trsnjak nur noch um die letzte Selbstbehauptung und das nackte Überleben.

Das Handlung des Buches ist in der Zeit zwischen Spätsommer 1937 und Frühsommer 1938 angesiedelt. Der geschichtliche Hintergrund spielt eine wichtige Rolle im Roman. Am 11. März 1938 trat der österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg zurück, der sich bis dahin geweigert hatte den von Hitler geforderten Anschluss Österreichs an das deutsche Reich zu vollziehen. Am Tag danach schaffte der Diktator Fakten indem er seine Truppen in das Alpenland schickte. Nach dem gewaltsamen Anschluss galten auch in Österreich alle diskriminierenden Verordnungen, die in Deutschland bereits in Kraft waren. Zum Beispiel, dass Juden das Betreiben von Einzelhandelsgeschäften und Handwerksbetrieben, das Anbieten von Waren und Dienstleistungen untersagt ist.

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Der siebzehnjährige Franz verliebt sich kurz nach seiner Ankunft in Wien in ein rundliches böhmisches Mädchen, das er im Prater kennengelernt hat. Anezka gewährt dem Unerfahrenen erste körperliche Liebe, doch sie ist nicht, was Franz in ihr sehen will und bald kommt mit der ersten Liebe das erste Liebesleid. Wie gut, dass zu den Stammkunden der Trafik ein gewisser Professor Sigmund Freud gehört. Der Psychoanalytiker ist da bereits 81 Jahre alt und von seiner unheilbaren Krankheit gezeichnet. Zwischen dem Jungen und dem Wissenschaftler und Arzt entsteht ein Vertrauensverhältnis. Man tauscht sich aus. Über das Leben, die Liebe, die Nazi-Bedrohung.

Die Begegnungen und Dialoge zwischen Freud und Franz gehören zu den schönsten Passagen des Buches. Zwei sehr gegensätzliche Menschen haben sich hin und wieder Kleinigkeiten zu geben, die für beide unter den gegebenen Umständen viel wert sind. Freud bekommt von Franz edle kubanische Zigarren aus der Trafik und einen Schuss jugendliche Energie; der Junge von Freud viele Anregungen zum selbständigen Denken, die letztlich auch zu einem eigenwilligen selbstbestimmten Handeln führen.

Als Jude steht der Professor längst auf der Liste der Aussortierten. Ihm gelingt im allerletzten möglichen Moment, auf Druck einflussreicher Freunde und nach Entrichtung der immensen “Reichsfluchtsteuer”, die Emigration nach England. Franz verabschiedet den Fast-Freund unter Tränen auf dem Wiener Westbahnhof. Dem “kleinen, dummen, machtlosen Buben aus dem Salzkammergut” bleibt die ungewisse Zukunft in der durchnazifizierten Heimat und seine Traurigkeit. “Wieviele Abschiede kann ein Mensch eigentlich aushalten, dachte er. Vielleicht mehr, als man denkt. Vielleicht keinen einzigen. Nichts als Abschiede, wo man auch bleibt, wohin man auch geht, das hätte einem jemand sagen sollen.”

trafiDas Buch von Robert Seethaler ist voll anrührender poetischer Passagen, wie das Schildern des langsamen Verglühen eines Nachfalters an leuchtender Laterne im ersten Frühlingshauch, das Franz als Gleichnis für die Trauer um seine Liebe empfindet. Die Sprache ist dabei genau, unangestrengt und farbig. Der Autor läßt Franz die Stadt Wien gerne mit seiner naturnahen Heimat am Attersee vergeichen und verwendet immer wieder Naturbilder und -schilderungen. Eingestreute See-Erinnerungen machen das Heimweh des jungen Mannes deutlich, der gleichwohl weiß, dass es für ihn kein Zurück geben wird.

Dieses Pubertätsdrama ist auch Zeitpanorama und kulturgeschichtlicher Ausflug in ein Wien das es so heute nicht mehr gibt. Das morbide Pratervergnügen mit seinen Halbwelt-Abseiten, der weltkluge Psychoanalytiker Freud und seine wohlhabenden Patientinnen, die Vorkriegstrafik und ihr Kundenkreis – mit dem großen Krieg verschwand eine Welt, die Robert Seethaler für uns noch einmal mit seiner liebevoll-melancholischen Erzählung zurückholt.

Es ist eine wehmütige Geschichtsstunde. Ein traurige Erzählung mit heiteren Untertönen. Seethaler schreibt Bücher, die verfilmt werden wollen. Dramaturgie, Kulissen, Dialoge, alles drängt bei diesem Schriftsteller auf die Leinwand. Markante Figuren wie der Trafikant, das Mädchen Anezka oder der Metzger aus der Nachbarschaft der mit blutverschmierter Schlachterschürze den Nachbarn terrorisiert und es mit den Nazis hält, sind ideale Filmvorlagen.

Seethaler, Robert: Der Trafikant. Roman. – Kein & Aber, 2012. Euro 19,90

„Es gilt, noch viel zu wagen…“

Theodor Kramer und Wenzel


In der aktuellen Auflage von Rothmanns „Kleiner Geschichte der deutschen Literatur“ ist er nicht zu finden. Dort wird ein zeitgenössischer Heiterling namens Otto Waalkes gewürdigt; den Namen Theodor Kramer sucht man jedoch vergebens im Register. Im großen und neuesten „Kindler“ werden wir fündig. Das Literaturlexikon kennt den Schöpfer „dieser eigenwilligen Lyrik, die sich allen Etikettierungen widersetzt.“

Theodor Kramer schrieb ausschließlich Lyrik. Es wird geschätzt, dass er im Laufe seines Lebens über 10.000 Gedichte geschrieben hat. Jene, die Schubladen brauchen, verliehen das Etikett „soziale Lyrik“; er selbst sah sich als Mittler zwischen denen, die im Strom problemlos mitschwimmen können und „denen, die ohne Stimme sind.“

Theodor Kramer wurde am Neujahrstag des Jahres 1897 im niederösterreichischen Niederhollabrunn geboren. Er arbeitete zunächst als Buchhändler und Vertreter; ab Anfang der 1930er Jahre war er ein sehr erfolgreicher, im ganzen deutschen Sprachraum bekannter Schriftsteller. Er stammte aus einer jüdischen Familie; politisch stand er auf der Seite der sozialdemokratischen Bewegungen.

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In einem Antiquariat des Ceausescu- und Securitate-Bukarest der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, erwarb Herta Müller für einen rumänischen Leu das Buch „Die Gaunerzinke“ von Theodor Kramer. Ein Leu entsprach damals dem Gegenwert einer, in sozialistischen Staaten äußerst preiswerten, Straßenbahnfahrt. Den Autor kannte die junge Frau und angehende Schriftstellerin bis dahin noch nicht. Herta Müller war als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien bereits in den Focus des berüchtigten Geheimdienstes des totalitären Regimes geraten und fand sich und ihre Welt in den Gedichten über Verfolgung, Tod, Gefängnis und Flucht sofort wieder. „Kein anderer Autor fand für das Schwerste so leicht einen Klang, keiner war so mündlich im Ton und so einprägsam wie die schönsten rumänischen Volkslieder.“

Etwa 25 Jahre später gab Herta Müller, die inzwischen längst in Berlin lebte, einen Sammelband des Dichters Kramer heraus und verfasste dazu das Nachwort. Das Buch trägt den Titel „Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan.“ Mit diesen Versen beginnt das erste Gedicht des Buches:

„Mein Bruder Aron Lumpenspitz, / was hast du dich erhängt / und mich allein gelassen / in Stuben und auf Gassen, / wo nachts das Grauen hängt?!“

Kramer versuchte hier die Stimmung zur Zeit des Nationalsozialismus und der Judenvernichtung wiederzugeben. Nach dem Einmarsch von Hitlers Truppen in Österreich und dem – nicht nur erzwungenen – Anschluss des Landes an Deutschland, hatte der Schriftsteller die Gefährdung für sich und seine Frau lange unterschätzt. Erst im Februar 1939 floh zunächst Inge Kramer-Halberstam mit der Unterstützung Thomas Manns, Franz Werfels und Arnold Zweigs nach London. Auf Intervention des englischen PEN konnte im Juli auch Theodor Kramer sein Heimatland verlassen und nach England ausreisen. In dem Gedicht „Verbannt aus Österreich“ versuchte er sein Gefühlsleben im Exil in Worte zu fassen:

„Schon dreimal fiel und schmolz der Schnee; / wie lang noch, daß ich nicht vergeh, / verbannt aus Österreich.“

Im Dezember 1946 kehrte er nach Hause zurück. Im Wiener Globus-Verlag erschienen bald zwei Bücher. Eine zaghafte Anerkennung durch die Nachkriegsgesellschaft für einen Autor setzte ein, der während der Kriegsjahre in Vergessenheit geraten war. Doch sein Leben war in den folgenden Jahren von Krankheit geprägt. Theodor Kramer starb am 3. April 1958. Seine poetische Kraft, sein wacher Sinn für soziale Realitäten, sein sanfter aber eindringlicher Ton bleibt in seinen Gedichten erhalten. Wie zum Beispiel in „Wann sich im Herd die Asche wellt“ (das „wann“ ist hier eine wienerische Variante von „wenn“):

„Wann sich im Herd die Asche wellt / Und durch das kalte Gitter fällt / Und sich im Winkel find’t kein Scheit / Ist es die allerbeste Zeit / Um von der Glut zu schreiben.

Wann still es wird im fremden Land / Und der Kumpan, wozu er stand / Verriet und gut dabei gedeiht / Ist es die allerbeste Zeit / Um von der Glut zu schreiben.“

Auf dem Buchmarkt ist derzeit leider nur eine einzige Gedichtsammlung Kramers zu bekommen. Sie trägt den Titel „Laß still bei dir mich liegen“ und enthält ausschließlich Liebesgedichte. Der Dichter hat viel über dieses facettenreiche Thema geschrieben; inhaltlich reicht dabei das Spektrum von zarter Anbetung bis zu drastischer Erotik. Wie ein Lebensmotto, das durchaus auch auf dem Grabstein einer Janis Joplin oder Ingeborg Bachmann stehen könnte, liest sich die letzte Strophe seines „Nachtlieds“:

„Allen, die’s zu üppig treiben, / allen, die sich früh zerreiben, / allen die dies glücklich macht, / wünsch ich eine gute Nacht.“

***

Kurz, prägnant und doch vieldeutig: „Wenzel“ nennt sich der aus dem Wittenberger Ortsteil Kropstädt stammende Künstler Hans-Eckardt Wenzel. Ein Liedermacher, Sänger, Komponist, Dichter und Clown. Dass er nicht ganz den populären Bekanntheitsgrad wie ein Konstantin Wecker oder Hannes Wader erlangte, hat zum einen damit zu tun, dass er aus dem Osten Deutschlands stammt, dort auch hauptsächlich sein Publikum findet, sich zum anderen den heute gängigen Medienkonventionen weitestgehend entzieht.

Wenzel hat sich längere Zeit intensiv mit dem Werk Theodor Kramers beschäftigt und in den letzten Jahren zahlreiche Texte vertont und interpretiert. Das Ergebnis ist eine harmonische Zusammenführung von Text und Musik, als hätten Kramers Verse seit Jahrzehnten darauf gewartet, so in Noten gesetzt und vorgetragen zu werden. Für die expressive, teils sozialromantische, teils sozialkritische Lyrik des Österreichers hat Wenzel passende, schlichte Melodien gefunden, die allerdings raffiniert arrangiert und von Musikern gespielt wurden, die ihre Instrumente (oft mehrere) beherrschen.

Aus dieser Arbeit sind zwei CDs hervorgegegangen: “Lied am Rand” und “Vier Uhr früh”. Wenzel ist ein Volkssänger und -dichter im ganz urspringlichen Sinn, ein Komödiant und Musikant, wie er auch von Kramer erdacht und bedichtet sein könnte:

“Darf nicht ruhn, muß Straßen weiter; / Denn bald bin ich nicht mehr da, / und es spielt die Stadt kein zweiter / so die Ziehharmonika.”

Zur Leipziger Buchmesse im März erscheint nach etlichen Jahren endlich auch wieder ein Gedichtband von Hans-Eckardt Wenzel. “Seit ich am Meer bin”, kommt im Berliner Verlag Matrosenblau heraus. Die Premiere wird mit einer musikalischen Lesung am 16.3. in der Leipziger Schaubühne Lindenfels gefeiert. 2010 erschien Wenzels 30. CD “Kamille und Mohn”. Mit dem Lied “Krise” steht er derzeit auf Platz 1 der Liederbestenliste.

Das Zitat im Titel dieses Blog-Beitrags stammt aus Theodor Kramers Gedicht “Oh, käms auf mich nicht an.” Es wurde von Wenzel ebenfalls vertont und gesungen und gehört zu den schönsten Liedern der CD “Vier Uhr früh”. Drum sei zum guten Schluß, die letzte Strophe hier zitiert:

“Wann unser immer einer / Sich fallen läßt und fällt, / so wird um ihn gleich kleiner / und ärmer diese Welt / Es gilt, noch viel zu wagen, / wieviel mir auch verrann / oh, könnt ich doch noch sagen: / Es kommt auf mich nicht an.”

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Kramer, Theodor: Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan. Gedichte. – Hrsg. und mit einem Nachwort von Herta Müller. – Wien, 1999. (Vergriffen, nur noch antiquarisch zu bekommen.)

Kramer, Theodor: Laß still bei dir mich liegen. Liebesgedichte. – Erweiterte Neuausgabe. – Wien, 2005

Weitere Informationen zu Theodor Kramer findet man bei der Theodor-Kramer-Gesellschaft, Wien.

Und hier geht es zu Wenzel.

(Bei der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien, bedanke ich mich für die Genehmigung das Foto Theodor Kramers verwenden zu dürfen.)