Sudeleien: Anfang Oktober 2011

Island, Frankfurt, Barcelona

Beim Sovormichhinknabbern an (auf?) meinen Cantucci, die mindestens so bissfest waren wie die hochgeprießene DeCecco-Pasta (1) in ungekochtem Zustand, musste ich natürlich ständig an die in wenigen Tagen zu Frankfurt am Main beginnende Buchmesse denken. Und daran, dass auch die größten Erzähler aus dem kleinen Island nichts daran ändern werden, dass Literarisches auf diesem Markt des Allesmöglichen immer mehr in den Hintergrund gerät. Wir kennen es bereits aus den immer noch Buchhandlung genannten Gemischtwaren-Läden, wo emsige Menschen, die ursprünglich den angesehenen Beruf eines Buchhändlers, einer Buchhändlerin erlernt hatten, nun mit Non-Book-Waste überladene Aktionstische fleißig über Präsentations-Flächen schieben.

Also tauchte ich das hartnäckige Mandel-Gebäck in meinen Espresso lungho und freute mich darüber, innert kurzer Zeit zwei herausragenden Würdigungen der allerjüngsten deutschen Literaturgeschichte begegnet zu sein.

Wir machen uns ja gerne etwas klein. Die Kritikergemeinde im Land der längst verblichenen Dichter und Denker lässt gemeinhin nichts unversucht um deutschsprachigen Autorinnen und Autoren überdurchschnittliche Fähigkeiten abzusprechen und ihnen, meist durchaus subtil formuliert, zu unterstellen, sie kämen über eine provinziell kleingeistige Sichtweise nicht hinaus und zeichneten sich dabei in herausragender Weise durch ihre Sprach- und Phantasie-Armut aus.

Im Konstrast dazu begeistert sich Maxim Biller mit einem umfangreichen Essay (2) und in gewohnt fulminanter Form an der Vorstellung, dass er in einer literarischen “Ichzeit” zuhause ist, staunt über die von ihm entdeckte Vielfalt und vertritt – ganz im Gegensatz zu einer Mehrheit der Zunft – die These, dass unser Land über ein reiches Reservoir begabter und fähigster Erzähler und Erzählerinnen verfügt. Er belegt dies mit betont subjektiven Lese-Anregungen, von denen einige bereits wohlbekannt, andere eher weniger und deshalb umso verlockendere Überraschungen sind. Gleichzeitig liegt uns mit Billers Aufsatz “Über die Epoche, in der wir schreiben” – wie es im Untertitel heißt – ein erster Höhepunkt dieses feuilletonisten Herbstes vor. (Sei es aus Trotz oder zur Demonstration publizistischer Vielfalt, DIE ZEIT hält dagegen, und betitelt ihre Literatur-Beilage vom Donnerstag mit „Abschied vom Ich“.)

Richard Kämmerlings Werk über die “Deutschsprachige Literatur seit ‘89” (3) setzt, wie der Untertitel andeutet, mit der Wende ein und markiert damit den Fall der Mauer als Beginn eines neuen Kapitels der deutschen Literaturgeschichte.

“Das kurze Glück der Gegenwart” – so der Hauptitel des Buches – macht zugleich deutlich, dass nach 1989 nicht plötzlich völlig anders, neu oder gar besser geschrieben wurde. Auch die Literatur hat seitdem, wie vorher schon, blühende Landschaften und dürre Wüsten. Zu unser aller Glück führte die Einheit nicht zu Einförmigkeit. Ohnehin ist die “Deutsche Literatur” nach dem Zweiten Weltkrieg immer die Literatur von mindestens drei Staaten und zahlreichen kulturell sehr unterschiedlichen Regionen gewesen.

Ganz uptodate gipfelt Kämmerlings Abhandlung in einem Ranking. Er traut sich seine zehn Bücher der letzten zwanzig Jahre aufzulisten. Ohne zuviel zu verraten: Nummer 7 ist Martin Kluger mit “Abwesende Tiere”, von dem ich bis dato noch nichts gehört hatte. Aber das zeichnet gute Lektüre aus; sie ist lehrreich und kurzweilig und originell.

Eben noch aufgepeppt von mediteranem Backwerk und überdosierter Koffein-Zufuhr, machte ich mich auf zu einem Gang durch die Straßen unserer herbstlichen Stadt. Doch inmitten der spätkapitalistischen Menschen- und Waren-Massen fühlte ich mich alsbald wieder mut- und kraftlos. Zum Glück war gerade “Energietag” in der City. Auf dem sonst einem vitaminreichen Angebot vorbehaltenen Marktplatz, zu Füßen unserer gotischen Kathetrale, wurden jetzt Produkte präsentiert die zwar Spannung erzeugen, aber keineswegs zur Kategorie Kriminal-Literatur gehören.

Wenn man – um ein beliebiges Beispiel anzuführen – Besitzer eines Fließgewässers ist, konnte man hier den Erwerb einer hochmodernen Kraftwerksanlage mit höchstem Effizienzfaktor nebst Turbine und Generator in Betracht ziehen. Alternativ gab es Windräder in verschiedenen Größen, sonnenhungrige Solarmodule für die gleichzeitig ein subventionsgefüttertes Finanzierungsangebot zur Verfügung steht, energiesparende Kraftfahrzeuge an Stromzapfsäulen, die noch genauso aussehen, wie jene aus denen das knapp-teure Benzin fließt, und Werbe-Flyer die von wärmeerhaltend verpackten Gebäuden schwärmen.

Als ich mich erkundigte, ob der „Energietag“ auch die Möglichkeit böte als menschliches Individuum frische Energie zu tanken, wurde dies leicht irritiert verneint. Auf erneute Nachfrage, wurde mir versichert, dass ich hier und heute wirklich nicht einmal das kleinste Bündel bekommen könnte.

So kam es, dass ich wieder einmal nicht zur Buchmesse nach Frankfurt fahren werde.

Was mich aber nicht davon abhalten wird meine eigene Gedanken-Cloud über dieses merkantile Buch-Babel zu erzeugen. Informationen, Anregungen und Hinweise für solch unzusammenhängendes Gesudel entnahm und entnehme ich den bekannten, gewohnt fragwürden Quellen. FAZ, FAS, SZ, NZZ, BILD, BAMS, WAMS, ARD, ZDF, 3sat, SWR, BR, MDR, HR und zahlreichen anderen ergiebigen Gerüchteküchen. Sind wir nicht alle nur ein Medien-Echo? Demnächst also mehr über Frankfurt und die Folgen. Hier.

Und jetzt beachten Sie bitte noch den nachfolgenden Nachsatz.

N.S.: Ich könnte jetzt anfügen, dass das neue Buch von Emma Braslavsky (4) in Frankfurt noch nicht präsentiert wird (es erscheint im Februar 2012), wir uns aber wohl vorfreuen dürfen, sie im März in Leipzig hören und sehen zu können, verzichte jedoch darauf und gestehe stattdessen (mich bei allen entschuldigend, die gerade wegen dieses Stichworts hier reingelesen haben und deren Enttäuschung ich nachvollziehen kann), dass mir zu Barcelona, zumindestens in dem an dieser Stelle abgehandelten Zusammenhang, nichts Vernünftiges eingefallen ist; auf den durch das Werk eines bedeutenden amerikanischen Filmemachers und Europafreundes inspirierten Titel für diese ungaren Zeilen konnte und wollte ich aber auch nicht mehr verzichten.

(1) Ortheil, Hanns-Josef: Lesehunger. Ein Bücher-Menu in 12 Gängen. – Luchterhand, 2009, S. 74

(2) Biller, Maxim: Ichzeit. Über die Epoche, in der wir schreiben. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 2. Oktober 2011, Nr. 39, S. 23

(3) Kämmerlings, Richard: Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit ‘89. – J. G. Cotta’sche Buchhandlung, 2011

(4) Braslavsky, Emma: Alles in Ordnung. Roman. – Ullstein, 2012

Sudeleien: Mitte September 2011

Endlich Herbst!

Beim Sovormichhindenken: “Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. / Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, / und auf den Fluren laß die Winde los.” Rainer Maria Rilke hat die Verse im Stile eines Gebets geschrieben. Das war vor 110 Jahren. Das Gedicht heißt “Herbsttag” und wird auch heute noch gerne gelesen oder vorgetragen.

Der Aufbau-Verlag schrieb mir vor zwei Wochen: “Sehr geehrter Herr Haag, der Sommer neigt sich dem Ende entgegen, die Tag werden kürzer. Doch uns Leser kann das nicht schrecken – denn es bedeutet gemütliche Spätsommerabende im Lieblingssessel mit neuen, spannenden Büchern.” “Naaaja”, würde dazu ein ehemaliger Großkritiker aus Frankfurt am Main mit skeptisch faltiger Grimasse nuscheln, “das wollen wir doch erst einmal sehen.”

Ja, inzwischen ist der Sommer wohl wirklich am Ende. Schade eigentlich. So müssen wir nun wieder für lange Monate auf Liebgewonnenes verzichten. Auf üppige Weiblichkeit in knapper Ha-und-em-Badeware. Auf angegraut schwergewichtige Männlichkeit in Zeh-und-ah-Shorts, braunen Socken und Outdoor-Fussbesohlung. Auf allerhand exotische Eissorten wie “Smarties”, “Prosecco” oder “Kockovääh”.

Dafür kehrt das eine oder andere zurück, das wir viel zu lange entbehren mussten. Der Kaffee im Freien mit von Heizstrahlern erhitzten Gesichtern und vereister Rückenpartie. Dauerbenieselung von oben. Spätes Morgendunkel und frühes Abenddämmer. Frischer Gegenwind (s.oben). Bunte Blätter reichlich fallend. Die vielfach um Hals und Kinn geschlungenen Endlos-Häkel-Schals. Und – fast schon zu hören am Zeithorizont – das süßliche Gebimmel konsumfordernder, nicht endenwollender Weihnachtsmärkte.

Am liebsten sind mir Buchhandlungen mit nem Cafè drin. Dort saß ich neulich und las in dem Büchlein, das ich soeben erworben hatte. Andreas Maiers Kolumnenband “Onkel J.” Bevor sie von Suhrkamp hier zu schmalem Werk versammelt wurden, erschienen die kleinen Perlen in der österreichischen Literatur-Zeitung “Volltext”. Die kann man sehr gut ins Caféhaus mitnehmen. Zum Thema Herbst stand in des Wetterauer Dichters geistvoll sprunghaften Kurz-Essays eigentlich nichts drin. Aber neben dem Begriff “Umgehungsstraße” wird ein Getränk namens “Äppelwoi” häufig erwähnt. Und reife Äpfel riechen ja schon ziemlich kräftig nach Herbst.

Der oder die vor mir da saß, wo ich jetzt saß, hatte Schokolade nicht gegessen, sondern auf der nun von mir genutzten Sitzfläche verteilt. Ich merkte es erst als die Vollmilch-Schmiererei via Hosenbein und rechte Hand auf Andreas Maiers Glanzstückchen “Neulich las ich den Taugenichts” auftauchten.

Kann sich noch jemand an vorletztes Jahr erinnern? Möchte man nicht wirklich, wa? Im Spätsommer, Frühherbst war Wahlzeit. Vierundzwanzig Monate später wissen wir, was wir damals angerichtet haben, als wir die Wahl hatten und würden gerne wieder wählen. Aber bestimmt nicht wiederwählen. Jedenfalls boomen jetzt Wirtschafts-Thriller, die seltsamerweise alle im Sachbuch-Regal stehen. Untergangsszenarien und Weltrettungskonzepte sind besonders begehrt: “Geld oder Leben: Eine Reise durch den Wirtschaftswahnsinn”, “Markt ohne Moral: Das Versagen der internationalen Finanzelite”, “Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft”.

Ich lese am liebsten jahreszeitlich antizyklisch. Also im Herbst “Frühlingserwachen” (Streichen Sie das. Ist nicht wirklich ein Frühlings-Buch.). Im Sommer Fontanes großes Winter-Epos “Vor dem Sturm”. Und in winterwarmer Stube, aus der unser melancholischer Blick durch Eisblumen in wolkig weißen Winterzauber fällt, Sachen wie… Naja, kennt man alles. Aber bitte keinen Hemingway! Obwohls da oft heiß ist oder zumindest hergeht. Aber für mich auf keinen Fall Hemingway. Da kann ihn Gourmet Ortheil noch so doll finden. So lauthalse Kerligkeit die mit Gewehren fuchtelt, auf afrikanisches Großwild schießt und auch so schreibt, mag ich einfach nicht. Auch nicht midnight. In Paris.

Apropos melancholisch. Schwermut, Trauer, Melancholie, aber auch so eine unbestimmte heitere Endzeit-Stimmung sind ja Gefühlsregungen, die gerne mit dem Herbst in Zusammenhang gebracht werden. Und Nachdenklichkeit. Viel verspreche ich mir von Heidemarie Bennent-Vahles “Glück kommt vom Denken. Die Kunst, das eigene Leben in die Hand zu nehmen.” Hoffentlich ist es so philosophisch wie Titel und erste Rezensenten andeuten und nicht so ratgebermäßig wie der Untertitel klingt.

Ob ich diesen Herbst überhaupt dazu komme, Titel aus dem Hause Aufbau (s. oben) zu lesen, ist eher fraglich. Die Kartei-Kärtchen mit interessanten, vielversprechenden Neu-Erscheinungen des Sommers und des Herbstes vermehren sich rasant. Und die eine oder andere steht schon neben dem Schreibtisch im Regal. Von zwei Büchern kann ich dabei Finger und Augen kaum noch lassen. Wenig erstaunlich, da sie bei meinen Tübinger Lieblingen von Klöpfer & Meyer erschienen sind. Viel will ich heute nicht verraten – werde demnächst ausführlicher darüber berichten. Nur so viel: Es geht um Hölderlin und es geht um Hegel. Aber wohl aus ganz anderer Perspektive und in anderer Form als in den gewohnt und meist gemiedenen Ernst-Schwarten.

Aber erst einmal gibt es ein paar Bilder und Sätze zu Goethe. In Kürze. Hier.

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