Sudeleien über das Briefeschreiben

“Briefe gehören unter die wichtigsten Denkmäler, die der einzelne Mensch hinterlassen kann.” (Johann Wolfgang Goethe)

Mehrmals im Jahr kamen Briefe aus der damaligen DDR. Von meinem Großvater. Zu Weihnachten und zum Geburtstag waren Geschenke dabei. Einmal war es der Fontane-Roman “Schach von Wuthenow”. Gedruckt im Offizin Andersen Nexö auf stark holzhaltigem Papier, das mit der Zeit brüchig wurde, erschienen bei Aufbau, Ostberlin und Weimar. Bedankt habe ich mich, wenn überhaupt, mit nichtssagender Postkarte, für die ich mir ein, zwei müde Floskeln abringen musste. Fontane und seine Werke blieben viele Jahre unbeachtet. Ich verschlang Karl May und suchte mit Perry Rhodan eine bessere Welt im All. Als ich anfing gerne und ausführlich Briefe zu schreiben, lebten meine Großeltern schon nicht mehr. Und bis zur eigenen Fontane-Lektüre vergingen weitere Jahre.

Theodor Fontane ist einer der großen Epistolographen (so nennt die Wissenschaft eifrige Briefschreiber) der deutschen Literatur – stilistisch und quantitativ. “Der Ehebriefwechsel” mit seiner Emilie umfasst in einer wissenschaftlich kommentierten Ausgabe drei Bände mit 2.400 Seiten. 570 Briefe wurden aufgenommen und ausgewertet. Besonders schön und bewegend ist der Schriftverkehr mit seiner Tochter Martha. Die ausgebildete Lehrerin blieb lange unverheiratet, ein Makel für Frauen im 19. Jahrhundert. Deshalb hoffte der Vater, das “ein angenehmer deutscher Jüngling, ein Amtsrichter, ein Doktor, ein Oberlehrer, selbst ein Pastor“ um sie freien möge und tröstete: “Meine liebe Marthe, Warte, warte, warte, Du kriegst noch einen Mann.” Erst nach dem Tod des Vaters, 1899, heiratete sie, inzwischen 48-jährig, einen Witwer.

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Von Goethe sind mehr als 15.000 Briefe bekannt, die sich an über 200 verschiedenen Aufbewahrungsorten befinden. Besonders gefühlvoll und persönlich sind jene, die er von seinen zahlreichen Reisen an seine Geliebte und spätere Ehefrau Christiane Vulpius verschickte: “Behalte mich ja lieb! Denn ich bin manchmal in Gedanken eifersüchtig und stelle mir vor: daß Dir ein andrer besser gefallen könnte, weil ich viele Männer hübscher und angenehmer finde als mich selbst. Das mußt Du aber nicht sehen, sondern Du mußt mich für den besten halten, weil ich Dich ganz entsetzlich lieb habe und mir außer Dir nichts gefällt.”

Von Thomas Mann kennt man 35.000 und von Hermann Hesse etwa 18.000 Schreiben. Es werden sehr viel mehr gewesen sein, nicht alle blieben erhalten, sie gingen im Krieg verloren oder wurden aus verschiedensten Gründen von den Empfängern vernichtet. Ernst Jünger hat es im 20. Jahrhundert während 80 Jahren auf rund 60.000 Briefe gebracht. Und so etwas dürfte inzwischen nicht mehr allzu oft vorkommen, schon gar nicht in Papierform: Peter Härtling erhielt zum Kinderbuch “Das war der Hirbel”, das 1973 erschien, an die 17.000 Zuschriften von Lesern.

Goethe und seine Sekretäre schrieben mit einer angespitzten Gänsefeder, die in Tinte getaucht wurde. Im 18. Jahrhundert noch ein aus Holzkohle gewonnener “Blister.” Das für gewöhnlich sehr unsaubere Schriftbild wurde mit Löschsand getrocknet. Im Museumsladen der “Weimarer Klassik” gibt es für Besucher eine nachtschwarze “Tinte Goethe” zu kaufen, die allerdings mit den Zubereitungen und Mischungen, die der Dichter verwenden musste, nur gemein hat, dass man damit schreiben kann. Wer heutzutage von Hand schreibt, benutzt vielleicht noch bei besonderen Gelegenheiten den Füll-Federhalter, der am ehesten dem tierischen Werkzeug früherer Zeiten ähnelt.

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Ich war überrascht, dass Briefe im 19. Jahrhundert gar nicht so lange unterwegs waren, wie erwartet. 1830 brauchte ein Brief von Weimar nach Berlin günstigstenfalls zwei Tage, von Deutschland nach Schottland etwa zwei Wochen. Regelmäßige Postrouten gab es jedoch nur zwischen den großen Städten; regional und lokal war man auf Boten angewiesen. Wenige Jahrzehnte später erschlossen ein immer dichter werdendes Schienennetz und die für Zeitgenossen erschreckend schnellen Dampfzüge ganz neue Dimensionen der Post- und Stückgut-Beförderung.

Der Briefversand kam den Absender dereinst teuer. Um 1820 kostete z. B. ein Brief von Weimar nach Kassel zweieinhalb Groschen, nach Hamburg fünf Groschen. Zum Vergleich: Ein Brathuhn bekam man für dreieinhalb Groschen; heute bezahlt man dafür etwa vier bis fünf Euro, während der Standardbrief sich zu Beginn dieses Jahres auf 70 Cent verteuerte. Doch zu glauben, der Austausch von Geschäftlichem oder Intimitäten wie längst üblich per E-Mail, SMS, Twitter, Facebook und anderer gerade angesagte Messenger, sei gratis, ignoriert, dass die benötigte Hard- und Software, sowie eine leistungsfähige Internet-Anbindung, sehr wohl mit erheblichen Kosten verbunden sind.

Briefe konnten schon immer ganz einfach “die gemeinsten Klatschereyen” sein, wie Goethe am 24. Dezember 1806 an seinen Verleger Cotta schrieb oder viel mehr. “Kunterbunte Nachrichten” kamen von Joachim Ringelnatz aus Berlin. Der Dichter und Kabarettist schrieb sie an Leonharda Pieper, die er 1920 heiratete und der er den Spitznamen “Muschelkalk” gab. Eine Auswahl dieser äußerst originellen, witzigen, zärtlichen Briefe sind jüngst in einer schmalen, liebevoll gestalteten Broschüre der bibliophilen Friedenauer Presse erschienen. Eine der schönsten, gleichzeitig kürzesten Brief-Editionen, die mir untergekommen sind. “Und nun gehe ich allein ins Bettchen und träume von Dir, meinem geliebten Muschelkalk. Ach, manchmal wär’s doch schöner, fern von anderen Menschen zu zweit zu leben, aber nur manchmal. Gute Nacht! Gute schöne Nacht!”

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Von ganz anderem Charakter sind Bettelbriefe, mit denen die Kinder der Manns von ihren Unternehmungen und Ausflügen die wohlhabenden Erzeuger zur finanziellen Förderung ihrer Eskapaden und des aufwändigen Lebensstils anhielten. Allen voran Michael Mann, 1919 geborenes jüngstes von sechs Kindern, der zwar in Briefen an die Mutter behauptete, er lebe eigentlich “garnicht unsparsam”. Nur entstünden halt “so vieeele, viele schoiiissliche Uunkooosten.” Ein anderes Mal sind es 100 Schweizer Franken, die dringend und extra benötigt werden, weil “ … da bin ich halt wieder etwas in Schulden geraten.” Mal gerät er wegen seines kranken Hundes, dann wieder wegen eines überteuerten Autokaufs in finanzielle Kalamitäten. Der Bittbrief an die oft zerknirschte, meist nachgiebige Mutter, verschaffte Luft.

Noch einmal zurück zu Johann Wolfgang Goethe. Er ist 25 Jahre alt, als 1774 sein “Werther” erscheint. Nicht nur für mich sind “Die Leiden des jungen Werthers” eines der eindrucksvollsten Werke der Klassik überhaupt und gleichzeitig einer der absoluten Höhepunkte der Gattung Briefroman. Bereits 1771 hatte Sophie von La Roche für ihre “Geschichte des Fräuleins von Sternheim” diese Form gewählt, nebenbei einer der wenigen von einer Frau verfassten Romane jener Zeit, der unter dem Namen der Dichterin erschien. Einen sehr unterhaltsamen Versuch das Genre auf Kommunikationsformen unserer Zeit anzuwenden, unternahm vor 10 Jahren Daniel Glattauer. Seine originelle Liebesgeschichte “Gut gegen Nordwind” besteht ausschließlich aus E-Mail-Dialogen und erzielte als Überraschungserfolg des Buchmarktes hohe Auflagen.

“Hier hast Du wieder einen kleinen Vorrat Briefpapier, nütz es fleißig für mich, Deine Liebe und der Himmel mache, daß in einigen Monaten nur Gutes und Erfreuliches darauf zu lesen stehe! … Adieu, mein süßes Herz!” (So ermunterte Eduard Mörike im März 1830 seine Verlobte Luise Rau.)

Der Brief kann ein langes, ausführliches Gespräch sein oder dieses ersetzen. Nicht selten dient er der Selbstvergewisserung des Schreibenden. Er kommt als schlichte Mitteilung daher, berichtet von Erfolgen und Niederlagen, Ankunft und Abschied, Geburt und Tod. Briefe können eine zarte Annäherung einleiten und barsch die Trennung verkünden. Jeden handgeschriebenen Brief begleitet die besondere Aura des Eigenhändigen. Das Papier, von der Geliebten berührt, die Erotik der Übermittlung sinnlicher Gedanken, die Handschrift des fernen Freundes oder Verwandten, ein Hauch von Duft, über weite Strecken mitgereist, gerade noch wahrnehmbar.

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Für Forscher verschiedener Disziplinen sind Briefe und Tagebücher wertvolle historische Quellen. Durch sie erfahren sie vom Alltag der Menschen früherer Zeiten, über die Lebensweisen, Sorgen, Probleme, familiären und beruflichen Verhältnisse. Um die Quellen künftiger Generationen und Zeitalter wird es weniger gut bestellt sein. Sie werden große Lücken aufweisen. Denn mit deren Sicherung oder digitalen Langzeitarchivierung ist es nicht weit her. Es gibt einige Projekte von Bibliothekaren, die sich um Lösungen bemühen, konkrete konsistente, breit einsetzbare Konventionen sind bisher nicht entstanden. So darf man besorgt fragen, wie wohl der Nachlass unserer jungen Schriftsteller und Schriftstellerinnen aussehen mag, den sie in Jahrzehnten dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach oder ähnlichen Einrichtungen hinterlassen können?

“Im Allgemeinen verfiel die Briefkultur im 20. Jahrhundert merklich, verstärkt seit der Massenverbreitung der Telekommunikation. Eine Tendenz zu kürzerem Ausdruck und Versachlichung, wie auch in der E-Mail spürbar, lassen ein ausführliches Erzählen und Beschreiben in Briefform zurücktreten.” (Der Brockhaus Literatur)

Von einer Tendenz zur Versachlichung kann meiner Ansicht nach keineswegs die Rede sein. Die kurze, vor allem aber völlig unverbindliche Form dieses “Austausches” in Netzwerken und Foren hat in den letzten Jahren u. a. eine penetrante Flut von Polemik, Hetze und Auswurf erzeugt. Dafür mussten wir Begriffe wie “shitstorm” in unser Vokabular aufnehmen. Dass es möglich ist, dergleichen unter dem Deckmantel der Anonymität abzusondern, ohne mit eigenem Namen und Ruf dafür gerade stehen zu müssen, ist eine besonders traurige Entwicklung.

Wenn ich heute Briefe schreibe, dann selten handschriftlich. Ich stelle fest, dass es schon nicht mehr ganz leicht und locker gelingt. Das Schriftbild ist nicht immer das schönste, Verschreiber schleichen sich ein, die, verwendet man die Tastatur des Computers, ja so leicht zu korrigieren sind. Längeres händisches Schreiben mit Stift auf Papier beginnen wir zu verlernen. Auf der PC- oder Laptop-Tastatur tippe ich meine Briefe in Form von E-Mails, manchmal als Word-Dokumente, die kann man ansprechend formatieren und ausdrucken. Gerne nehme ich dafür ein gutes Papier und Umschläge von besserer Qualität. Manchmal schreibe ich Freunden und Bekannten mit einiger Begeisterung von meinen Fontane-Lektüren, wohl wissend, dass dieser Enthusiasmus nicht oft geteilt wird.

3 Kommentare zu “Sudeleien über das Briefeschreiben

  1. Ein wunderbarer Beitrag, der mir gerade recht kommt – derzeit bin ich wieder eine fleißige Briefeschreiberin und werde morgen zwei Denkmäler in den Briefkasten werfen. Danke für diese umfangreiche Arbeit, die Recherchen und die tollen Zitate – erstklassig!

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  2. Ein sehr schöner und gleichzeitig ein wenig traurig stimmender Beitrag, denn der Verlust der Briefkultur ist schon ein ganz besonderer. Briefe und auch Tagebücher als Form des Festhaltens von privaten Gedanken werden unseren Nachkommen in weit geringerem Ausmaß zur Verfügung stehen als uns.

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