„Aber das Leben ist anderswo“

Über Silke Knäppers neuen Roman Das Lieben der Anderen

Er dachte an die Nacht mit Claire, an den Streit, an den Schrei. Wieder und wieder sah er Claire vor sich auf dem Pflaster liegen, ihren leblosen Körper, ihren starren Blick. 

Claire ist tot. Vom Balkon des Kölner Gründerzeithauses gestürzt. Helen vor die Füße gefallen. Selbstmord? Zweifel bleiben. Kurz gerät Claires Mann Simon, der Psychodoc, in Verdacht, dann legt die Kriminalpolizei den Fall als Suizid zu den Akten. 

Das Leben von Helen ändert sich drastisch. Die alleinstehende Graue Maus hat den Schlüsselbund der Toten an sich genommen und beginnt sich die unerwarteten Chancen und Möglichkeiten auszumalen. Dieser simple Hausschlüssel soll für sie der Schlüssel zu Simon werden, dem sie sich nun auf zunächst verdeckte, schon bald jedoch offensive und nachdrückliche Weise nähert.

Die besitzergreifende Helen ist gewillt aus ihrer farblosen Existenz auszubrechen und mit dem attraktiven und erfolgreichen Facharzt ein neues, besseres Leben zu beginnen. Eine Zukunft die für sie Anerkennung, Wertschätzung und Liebe bereithalten soll. Denn dass das Leben immer dort ist, wo sie nicht ist dieses Gefühl zieht sich durch ihr ganzes bisheriges Leben. 

Seit der Kindheit ist sie Erniedrigungen ausgesetzt. Der Vater hat sie einst im Winter auf brüchigem Eis hilflos zurückgelassen. Der chronisch Untreue bevorzugt den Bruder. Ehefrau und Tochter verlässt er eines Tages. Selbst als Vater und Sohn beim gemeinsamen Bergsteigen ums Leben kommen deutet Helen dies als Beweis ihrer Minderwertigkeit. 

Sie wird Simons Patientin und konfrontiert ihn mit ihren Zweifeln an Claires Selbstmord. Geschickt erhöht sie den Druck, spielt Simons Geliebte Anna gegen ihn aus, gefährdet seine berufliche Reputation und seine bürgerliche Existenz. Aus Annäherung wird Aufdringlichkeit, aus Nachstellungen Verfolgung, aus Sehnsucht nach Anerkennung und Zuneigung schließlich Hassliebe und subtile Wut. Die Zurückweisungen setzen neue destruktive Kräfte frei. Der Wille zur Verletzung richtet sich gegen das Objekt der Begierde und immer stärker gegen sie selbst.

Simon ist Psychoanalytiker mit eigener Praxis in Köln. Ein Leben in gediegenem Wohlstand mit Ehefrau und Geliebter. Er stammt aus Wien, ist dort aufgewachsen, hat dort studiert. Besondere Umstände führen zum Umzug ins Rheinland, wo sich Milieu und Lebensweisen deutlich von der geruhsam-morbiden Donaumonopole. unterscheiden. Die Lebensmitte hat der immer noch ansehnliche Mann überschritten. Da schmückt eine junge Geliebte und hebt das Ego.

Anna war jung und überschwänglich, und wenn sie lachte, veränderte sich die Landschaft ihrer unzähligen Sommersprossen. Anna war im sofort vorgekommen wie die fröhlichere Variante der mit den Jahren immer ernster gewordenen Claire.

Nach ihren beiden autobiographisch angehauchten Romanen Im November blüht kein Raps und Hofkind, schlägt die Neu-Ulmer Autorin und Gymnasiallehrerin Silke Knäpper nun andere Töne an. Das drastische Geschehen wird mit gekonnt treffender Sprache, präzisen Beschreibungen und zügig fließendem Rhythmus voran getrieben. Dabei vermeidet sie, dass aus Das Lieben der Anderen ein simpler Psycho-Thriller wird. Ihr ist vielmehr eine dichte vielschichtige Studie menschlicher Grenzfälle und Konfrontationen gelungen. Spannung ist dennoch garantiert. 

Mit jeder Seite zunehmend. Konsequent treibt Knäpper ihre von innen und außen scharf konturierten Personen einer möglichen Katastrophe entgegen. Ob es tatsächlich dazu kommt erfährt der von Anfang an gefesselte Leser auf 235 mitreißenden Seiten. Keine einzige zuviel  

Knäpper, Silke: Das Lieben der Anderen. Roman. Klöpfer & Meyer, 2018

* * *

Am Freitag den 5. Oktober stellt Silke Knäpper ihren neuen Roman erstmals öffentlich vor. Um 19:30 Uhr im Ulmer Künstlerhaus (Grüner Hof 5, 89073 Ulm).  

Vorfreude 2018

Schluss. Aus. Einmal muss er ein Ende haben. Dieser Sommer aller Sommer. Schluss mit Dürre und Bauernelend. Mit Fischsterben und Freikörperkultur. Kopfsprüngen und Sonnenmilchdüften. Der Jahrhundertsommer des Jahres 2018 ist Vergangenheit. Hugo und Sprizz im Freien perdu. Erste Eisdielen lassen die Jalousien herunter. 

Noch bevor Wehmut aufkeimt macht sich Vorfreude breit. Vorfreude auf feucht-kalten Nebel. Auf frühe Dunkelheit und schlüpfrige Blätterteppiche. Nieselregen. Radfahrende Kohorten verschwinden endlich von den mehrspurigen Stadtdurchfahrten. Freie Fahrt für Stickoxid speiende Kolossalvehikel. Stoßstange an Stoßstange im gewohnten Dauerstau. Halogenstrahler ersetzen himmlische Sternenbotschaften und illuminieren erste Schneeflocken.

Da marschiert es ein in die Supermärkte: Das Heer der Schokomänner mit Zipfelmützen und roten Mänteln. Korinten und Krokant. Spekulatius und Haselnuss. Christbaumständer und Lichterketten als Stapelware. Endlich blinkt und schimmert es wieder bunt und penetrant allüberall an Hütten und Palästen, an Bäumen und Zäunen, an Buden und Palisaden.

Zugegeben, bis zum ersten Weihnachtsmarkt ist es noch ein paar Tage hin. Irgendwo müssen schließlich zwischen sich wandelnden Jahreszeiten die zahlreichen Weinfeste untergebracht werden. Je schlechter der Wein, je weiter weg vom Rebenhang, desto fester die Feier. Freiwillige Feuerwehr, Schützengilde oder Gewerbeverein tischen auf, schenken ein. 

Riesling und Burgunder machen jedes Mannsbild lull und lall. Mädels kippen Secco. Die blonde Weinkönigin hat einen in der Krone. Unterm Tisch kotzt Müllers Toni. Drugs, Sex und Heimatklänge. Wir sind alle Amigos und latschen a la playa. Einige kommen direkt aus dem Bett im längst gemähten Kornfeld. Hossa!

Endlich wieder jeden Tag Fußball in Ultra-HD. Schämpjenslig, Bunsliga, Pokal. Elfmeterschießen, Play off und öffer. Vorbei die harten Wochen für Abhängige. Synchron-Speerwurf und Tauziehen haben als Ersatzdroge ausgedient. Und wenn die ballspielende Werbemeute doch einmal Pause macht, betören uns singende und tanzende, ewig junge Maiden und Charmeure mit österreichischem, griechischem oder russischem Migrationshintergrund.

Also alles eitel Vorfreude? Ungetrübt und unverstellt? 

Wäre da nicht dieser zähe Wermutstropfen im ständig vollen Spaßglas. Erleben wir jetzt, 2018, 100 Jahre nach dem Ende der Monarchie, eine republikanische Dämmerung? Im Zwielicht nahender Nacht geifernder Mob in mancher Straße, mancher Stadt. Gewaltbereit. Rassistisch. Über Juden Witze machend. Über Menschenrechte lachend. In lauten Tönen saufend ihrer Dummheit frönend. Denn am Deutschen hinterm Tresen muss nun mal die Welt genesen. (*) In der Masse: dumpfe Volkskörper die ihren rechten Arm nur schwer an der Hosennaht halten können. 

Erleben wir das? Oder träumen wir nur schwer?

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(*) Das Originalzitat stammt aus dem Lied „Sage Nein!“ und lautet: 

Wenn sie jetzt ganz unverhohlen / Wieder Nazi-Lieder johlen, / Über Juden Witze machen, / Über Menschenrechte lachen, / Wenn sie dann in lauten Tönen / Saufend ihrer Dummheit frönen, / Denn am Deutschen hinterm Tresen / Muss nun mal die Welt genesen, / Dann steh auf und misch dich ein: / Sage nein! 

Es ist bekanntlich ein Text von Konstantin Wecker, der mir die Verkürzung und leichte grammatikalische Aneignung nachsehen möge. Seine Aussage hat nie seine Gültigkeit verloren und ist aktueller denn je.

Sommerfrische 2018

Zu Beginn des August setzt sich der diesjährige Bilderbuch-Sommer fort. con=libri befindet sich derweil im Ferienmodus.

Deshalb gibt es heute nicht den gewohnten ausführlichen Beitrag über Bücher und Literatur, sondern – fotografiert und ausgewählt von Bernd Michael Köhler – ein Sommerbild und die trefflichen Verse des Joachim Ringelnatz.

 

Sommerfrische

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil’s wohltut, weil’s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und laß deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiß dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen, als ein Grashüpferhupf.

(Joachim Ringelnatz, 103 Gedichte, Berlin: Ernst Rowohlt 1933, S. 42)

 

Sommer mit leichter Lektüre

Auf geht’s. Mit leichtem Gepäck an den Strand. Mit leichten Genüssen an den Gartengrill. Leicht und locker durch einen wunderbaren Sommer. Entsprechend fällt unsere Lektüre aus. Leicht und bekömmlich. Dabei nicht ohne Anspruch und Qualität. Doch stets unterhaltsam, humorvoll, spannend.

Meine Vorschläge in diesem Jahr sind fast ausschließlich Taschenbuch-Ausgaben. Leicht und biegsam, bequem zu transportieren. Die Mehrzahl der von mir ausgewählten Autoren oder Autorinnen stammt aus Österreich. Sagt das etwas aus über Fähigkeiten und Bereitschaft bundesdeutscher Schriftsteller mit Niveau kurzweilig zu schreiben?

Der Wiener Peter Henisch ist ein alter Hase. 1943 geboren liegen von ihm eine ganze Reihe lesenswerter Titel vor, die zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen erhielten. In Deutschland ist er nicht ganz so bekannt wie im Heimatland. Die schwangere Madonna heißt sein umfangreicher Roman um einen schwung- und wechselvollen Giro d’Italia (vulgo:  road movie) der beiden Hauptpersonen nebst einiger markanter Nebendarsteller.

Er, Josef, in der Krise seiner Lebensmitte und heftig auf dem absteigenden Ast, nutzt die Gelegenheit ein Auto auszuleihen mit dem er sich auf und davon machen will, möglichst weit weg von allen Problemen und dem bisherigen Leben. Dummerweise schläft auf dem Rücksitz des Wagens, zunächst unbemerkt, die junge Maria, die ganz andere Sorgen hat. Die Flucht schweißt die so unterschiedlichen Menschen zusammen, sorgt aber gleichzeitig für reichlich Reibungsfläche. Es geht den ganzen Stiefel rauf und runter, mit etwas Kunstgeschichte und Italienischunterricht garniert, Liebeswirren inklusive. Ein Buch das zu jedem Reiseziel gut begleitet.

Auch René Freund hat schon eine beachtliche Titelliste vorgelegt. 1967 geboren, lebt er als Autor und Übersetzer in Grünau im Almtal. (Ich musste nachschauen: Das liegt im Salzkammergut und im Gemeinderat dominiert erstaunlicherweise die SPÖ.) Er war einst Dramaturg in Wien und schreibt nunmehr Stück auf Stück, Buch auf Buch. Von ihm schlage ich gleich zwei richtig süffige Schmöker fürs Urlaubsgepäck vor.

Niemand weiß, wie spät es ist. Und Nora weiß nicht wie ihr geschieht. Seit sie denken kann lebt sie in Paris. Nun ist der Vater gestorben und verdonnert die Alleinerbin die Urne mit seiner Asche in die österreichische Heimat zu bringen und dort zu beerdigen. Damit alles dem letzten Willen entsprechend abläuft hat sie ein junger Notariatsgehilfe zu begleiten. Der erweist sich als spröder, asketischer Pedant. Da die Reise nicht ohne überraschende Komplikationen verläuft, ist Nora alsbald irritiert und genervt und der Leser sehr amüsiert. Zahlreiche Wendungen und Windungen der Erzählung führen zum überraschenden Ende.

Bitte hinterlassen Sie keine Nachricht. Ich rufe nicht zurück. So die Ansage auf dem Anrufbeantworter von Fred Firneis. Und so beginnt die turbulente Geschichte Liebe unter Fischen von René Freund. Einst erfolgreicher Lyriker mit mega Auflagen. Nun Dichter mit Schreibblockade der zunehmend verbittert und in den sozialen Abgrund blickt. Doch nach wie vor ist er die große kommerzielle Hoffnung seiner energischen Verlegerin. Sie setzt alles daran ihn aus dem Abseits zu locken und zu neuen dichterischen Höchstleistungen zu animieren. Der Aufenthalt in einer abgelegenen Berghütte ohne Strom und Handyempfang soll Firneis von Hemmnis und Paranoia befreien. Da taucht eine junge tschechische Fischforscherin in der Gegend auf… Wer zappelt da an wessen Angel? Einfalls- und fintenreich ist dieser Roman. Voller Ironie und mit einem Schuss Kritik an den Erfolgskriterien unser Zeit.

Der nächste Autor ist zur Abwechslung ein Bayer, der jedoch, wie es sich für deutsche Schriftsteller gehört, in Berlin lebt. Natürlich spielt auch in Berni Mayers Rosalie die Liebe eine wichtige Rolle, zumal wir die zentralen Protagonisten in ihrer spätpubertären Phase kennenlernen. Im niederbayerischen Praam an der Schwarzen Laaber erlebt Konstantin nicht nur erste Turbulenzen der Hormone, sondern stößt auf der Suche nach ungestörter Zweisamkeit mit der Angebeteten auf ein verdrängtes Geheimnis des Ortes, das sich schließlich als Verbrechen während der Nazizeit erweist und dessen skandalöse Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen.

Was sich, so berichtet, etwas schwerwiegend und geschichtsträchtig anhört, ist spannend und mitreißend geschrieben. Mayer erzählt aufschlussreich von späten Emanzipationstendenzen in deutscher Provinz, von überfälligen Auseinandersetzungen mit alten und neuen Autoritäten. Zudem handelt es sich um einen weiteren sehr gelungenen Coming-of-Age-Roman, eine Gattung, die spätestens seit Herrndorfs Tschick eine breite Anhängerschaft hat. Der Autor, Jahrgang 1974, arbeitet sich mit diesem Buch, so darf man vermuten, auch ein wenig an der eigenen Jugend ab.

Nach so viel männlicher Verfasserschaft wird es weiblich. Ende Juni hatte ich Gelegenheit einige anregende Stunden auf dem weitläufigen Gelände des Wiener MuseumsQuartiers verbringen zu dürfen. Dort herrscht vor und nach dem Besuch in einem der an Kunstwerken so überreichen Museen eine ausgesprochen entspannte Stimmung, die man mit guten Gesprächen, einer Melange, einem Mohnkuchen mit Schlag genussvoll anreichern kann. Die glitzernden Wienerinnen des Gustav Klimt sind dabei allgegenwärtig. Sei es als großformatig werbendes Poster an Außenwänden, sei es als handliche Postkarte oder als schwergewichtiger Kunstband.

Klimt als Romanfigur ist mir in Caroline Bernards Die Muse von Wien begegnet. Darin sorgt der charismatische Künstler gleich zu Beginn für die erotische Verwirrung der jungen Alma Schindler, die er zum Modell auserkoren hat. Auch Alma selbst ist dem originellen Mann sehr gewogen. Damit beginnt ihre Laufbahn als Begleiterin großer kreativer Menschen. Aus bester Gesellschaft stammend, musikalisch hochbegabt, gibt sie eine mögliche Laufbahn als Komponistin auf als sie sich in Gustav Mahler verliebt und dessen Gattin wird. Als weitere Ehemänner folgen der Architekt Gropius und der Dichter Franz Werfel.

Caroline Bernard ist das Pseudonym einer Autorin, deren Spezialität historische Romane im Künstlermilieu sind. In Die Muse von Wien gelingt ihr nicht nur ein faires Portrait der oft falsch eingeschätzten, von Männern umschwärmten Alma Schindler-Mahler-Werfel, sondern darüber hinaus eine gut lesbare Schilderung der Zeit der Wiener Boheme um die Wende zum 20. Jahrhundert, dem Entstehen des Künstlerbundes Secession, sowie einer schillernden, von vielen herausragenden Künstlern geprägten Metropole. Fast 500 Seiten Unterhaltung – mit allgemeinbildendem Mehrwert.

Kein Sommer ohne gute Kriminalromane. Wir bleiben gleich in Wien. Auch in der Zeit kommen wir nur wenig voran. Die Romane von Alex Beer spielen in Wien ab 1919. Die goldene Zeit ist vorbei, der Erste Weltkrieg liegt wenige Jahre zurück, das große Habsburger-Reich ist zerfallen, Krone und Adel haben abgedankt. Doch die junge, politisch instabile Republik hat es schwer. Hunger und Elend, Arbeitslosigkeit, Armut und Zukunftsängste prägen den Alltag.

Klar dass es da für Inspektor August Emmerich nicht eben leicht ist seine schwierigen Aufgaben zu erfüllen und inmitten von Chaos und allgegenwärtigen Verbrechen, Recht und Ordnung wenigstens ansatzweise Geltung zu verschaffen. Der unorthodoxe Methoden bevorzugende Emmerich ist kriegsversehrt. Doch nicht nur sein Knie macht ihm Probleme, natürlich gab es auch schon im frühen 20. Jahrhundert ungerechte Vorgesetzte und missliebige Kollegen. Dem Inspektor geht ein überkorrekter Watson zur Hand. Auf die Loyalität des wohlerzogenen, mit Wiener Etikette vertrauten Ferdinand Winter kann er sich verlassen, der Assistent geht für ihn durch dick und dünn.

Mir war zuerst der zweite Band der Reihe in die Hände gefallen. Die Handlung in Die Rote Frau ist exakt auf 18. bis 29. März 1920 datiert. Die eigentliche Kriminalgeschichte wird chronologisch erzählt. Parallel erfährt man einiges über die persönlichen Schicksale der genau geschilderten Charaktere. Von großer Dichte und gut recherchierter Authentizität sind die Milieuschilderungen. Natürlich ist ein Mord aufzuklären, dass es am Ende sogar drei werden, ist jedoch nur scheinbar so. Die Geschichte fesselt von Anfang an, mit den Hauptfiguren, die in immer neue Kalamitäten geraten, fiebert der Leser mit. Schließlich kommt es zum aktionsreichen, spannenden Finale, bei dem die Autorin manchmal etwas dick aufträgt, was dem Lesevergnügen allerdings keinen Abbruch tut.

Das erste Buch um Emmerich und Winter trägt den Titel Der zweite Reiter. Es spielt Ende 1919. Auf die Lektüre, die noch vor mir liegt, bin ich gespannt nachdem ich die Rote Frau gelesen habe. Im Verlagstext heißt es: Als Polizeiagent August Emmerich über die Leiche eines ehemaligen Soldaten stolpert, glaubt er zunächst an einen Selbstmord. Doch schon bald stößt er auf eine schreckliche Wahrheit, die ihn vom Jäger zum Gejagten macht.

Alex Beer, die Erfinderin dieser neuen Folge historischer Kriminalromane aus dem beginnenden 20. Jahrhundert, ein Genre das schon länger sehr in Mode ist und in Volker Kutscher ein hehres Vorbild hat, stammt aus Bregenz und lebt in Wien. Das Presse-Echo auf ihre Romane ist sehr positiv und sie wurden bereits mit dem renommierten Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur ausgezeichnet.

Eine junge deutsche Autorin hat ebenfalls bereits zwei Krimis vorgelegt deren zeitgeschichtliche Kulisse die 1920er-Jahre sind. Joan Weng stammt aus Stuttgart und lebt mit ihrer Familie in Tübingen. Ihre Romane spielen in Berlin. Im Mittelpunkt steht der aus einfachen Verhältnissen stammende Kriminalkommissar Paul Genzer, der kurioserweise von Schauspielstar Carl von Bäumer unterstützt wird. Der erste trägt den Titel Feine Leute und ist im Milieu der Scheinwelt der zu dieser Zeit boomenden deutschen Filmindustrie angesiedelt. Davon dass Bernice ihren reichen Gatten ins Jenseits befördert haben soll, ist Paul Genzer nicht überzeugt. Kurz darauf ist auch die Verdächtige tot und weitere Bluttaten folgen.

Aus den Kehrseiten der Goldenen Zwanziger in der Reichshauptstadt hat die Autorin phantasievolle und locker erzählte Bücher gemacht. Als neuester Band der Reihe um Paul Genzer liegt Noble Gesellschaft vor. Ich zitiere aus den Verlagsangaben: … ein Dienstmädchen (ist) verschwunden. Ein alter Bekannter erzählt Carl von Bäumer, Starschauspieler der UFA, bei einem Galadinner davon – und schon am nächsten Tag ist er tot. Handelt es sich wirklich um Selbstmord? Carl glaubt nicht daran und forscht nach den Hintergründen. Gemeinsam mit Kommissar Paul Genzer taucht er tief ein in Berlins Gesellschaft der Zwanziger Jahre. Und plötzlich befinden sie sich in einem Verwirrspiel aus Rache, Diamantenschmuggel und jahrzehnte altem Hass.

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Diese Ausgaben der erwähnten Bücher lagen mir vor:

Henisch, Peter: Die schwangere Madonna. Roman. – DTV, 4. Aufl. 2014

Freund, René: Niemand weiß, wie spät es ist. Roman. – Goldmann Verlag, 2018

Freund, René: Liebe unter Fischen. Roman. – Goldmann Verlag, 2015

Mayer, Berni: Rosalie. Roman. – DuMont Buchverlag, 2018

Bernard, Caroline: Die Muse von Wien. Roman. – Aufbau Taschenbuch, 2018

Beer, Alex: Die Rote Frau. Ein Fall für August Emmerich. Roman. – Limes, 2018 (hier: gebundene Originalausgabe z. Preis v. Euro 20)

Beer, Alex: Der zweite Reiter. Ein Fall für August Emmerich. Kriminalroman. – Blanvalet, 2017

Weng, Joan: Feine Leute. Kriminalroman. – Aufbau Taschenbuch, 2016

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Zu den Bildern in diesem Beitrag: Die Motive fand ich während einer Fahrt auf Goethes Spuren von Weimar nach Ilmenau. Eindrücke von der kleinen Reise habe ich im con=libri-Artikel vom 24. Juni geschildert. Die Gegend ist kulturgeschichtlich wie landschaftlich jederzeit einen Besuch wert.

Von Weimar nach Ilmenau

Eine Erkundung. 200 Jahre nach Goethe.

Für mich wird es ein kleiner Ausflug von den deutschen Klassikern, seligen Geistern wie Goethe, Schiller, Herder und Wieland, zur Kleinstadt am Nordhang des Thüringer Waldes. Von einer Keimzelle deutscher Republik, der Musik- und Bauhausstadt zum Ort einiger prägender Kinderjahre. 

Reichlich 50 Kilometer durch junigrünes Thüringen. Über Land eine Fahrt von einer guten Stunde. Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine mühsame, staubige Tagesreise. Früh halb Sieben aus Weimar. Goethes Route ging über Bad Berka, Tannroda, Kranichfeld, Dienstedt, Groß-Hettstett, Stadtilm. Schmale harte Wege, bei Regen schlammig. Gepäck, Kutsche, Pferde, Dienerschaft. 

Bei meiner Fahrt bin ich in einen ungewöhnlichen frühen Sommer geraten. Dreißig Grad am frühen Nachmittag. Die Spargel- und Erdbeerzeit ist auf dem Höhepunkt. Verkaufsstände am Wegesrand. Eine Gemüse-, Blumen- und Beerengegend. Zu DDR-Zeiten konnten nicht einmal die Parteifunktionäre das Reifen von Früchten gänzlich verhindern. Wer einen kleinen privaten Garten besaß war fein raus und gut versorgt. Konnte genießen, was staatlich gelenkte Erzeugergenossenschaften und Konsum- und HO-Läden verplant hatten.

Die Zweiburgenstadt Kranichfeld. Niederburg und Oberschloss. Das mittlere Ilmtal. Hier darf sich eine Ansiedlung von wenigen Tausend Menschen in Ballungsgebieten allenfalls Dorf oder Vorort bereits Stadt nennen. Der Weg zum Oberschloss ist streckenweise eng und steil. Sträßchen mit erneuertem Katzenkopfpflaster. Erste Vorgänger der Anlage entstanden bereits im 12. Jahrhundert. Seine heutige Form bekam es um 1530. Eine Ausstellung zu Geschichte von Schloss und Stadt sind hier untergebracht. Weiter Blick über Wiesen, Felder und bewaldete Hügel. Die Höhen des Thüringer Waldes vor Augen.

Rudolf Baumbach wurde 1840 in Kranichfeld geboren. Er wäre längst vergessen, hätte er nicht Texte geschrieben aus denen so häufig und gern gesungene Lieder wie Hoch auf dem Gelben Wagen wurden. Deshalb gibt es im Ort das Baumbachhaus. Mit der Dauerausstellung zum Leben von Rudolf Baumbach und wechselnden Ausstellungen mit regionalem Bezug. Jetzt im Juni findet wieder das Rosenfest statt. Zum 140. Mal, es hat alle Staatsformen und politischen Systeme scheinbar unbeschadet überstanden.

Immer wieder Alleen. Alte Linden und schlanke Pappeln. Sie sind den Straßenerneuerungen nach der Wende nicht zum Opfer gefallen. Schnelles Fahren verbietet sich, ist wohl auch nicht erwünscht. Meist geht es kurvig voran und immer wieder durch kleine Ortschaften. Verschlafen wirken sie, verlassen, müde in der Junisonne des Jahres 2018. Es gibt Bäume, die müssen schon hier gestanden haben als der Weimarer Minister und Dichter mit seiner Entourage durchreiste. Auf dem Weg zu staatstragenden Geschäften oder naturkundlichen Exkursionen. Oder einfach zu einigen Stunden Waldeinsamkeit. 

Nach 12 Uhr in Stadtilm. Nach über fünf Stunden Holpern und Rütteln ist Stadtilm Rast- und Zwischenstation für Johann Wolfgang von Goethe und sein Gefolge. Einkehr im Gasthaus Zum Hirschen. Es liegt am größten Marktplatz Thüringens, einem weiten länglichen Rechteck dessen Fläche über 10.000 Quadratmeter misst. Der 202 Meter lange steinerne Eisenbahnviadukt am Ortsausgang ist unbedingt sehenswert. Heute verkehren auf ihm nur die Regionalbahnen von Saalfeld nach Erfurt. Der Fernverkehr rauscht mit 250 Stundenkilometern über noch längere hohe Betonbrücken und durch nicht enden wollende Tunnel von München über Nürnberg in die Hauptstadt des Freistaats.

Von den ersten Lokomotiven und der ersten regelmäßig befahrenen Strecke mit Personenverkehr zwischen Manchester und Liverpool 1830 eröffnet hat Goethe noch erfahren. Hat er eine der rollenden Dampfmaschinen in Deutschland gesehen? Vielseitig interessiert, hat er technische Neuerungen stets begrüßt, wenngleich er, wie die meisten Älterwerdenden, die ständige Beschleunigung von Entwicklungen und Ereignissen beklagte. Vielen Ostdeutschen ging es nach 1990 ähnlich. Was auf jahrelange Agonie und Gleichgültigkeit nach dem Beitritt in die Marktwirtschaft folgte, überforderte. Man fühlte sich überfahren, abgestellt, ratlos zurückgelassen. Darunter litt nicht zuletzt da und dort die Begeisterung für demokratische Freiheiten.

Vor dem Viadukt das Rathaus der Gemeinde Stadtilm. Ein ehemaliges Kloster. Stadtbibliothek, Polizeiposten und Touristen-Info sind mit untergekommen in dem vielräumigen langgestreckten Komplex, der leicht vernachlässigt wirkt. Stadtilm ist ein ehemaliges Straßendorf. Mehre Kilometer erstreckt sich die Hauptstraße zwischen den niedrigen, geduckt wirkenden Häusern mit ihren tiefen Erdgeschoßwohnungen, deren Fenster sich oft kaum einen Meter über dem Gehweg befinden.

Am 26. August 1813 wieder einmal unterwegs von Weimar nach Ilmenau schrieb Goethe in Stadtilm (wohl während der Mittagsrast) sein Gedicht Unterwegs. Es gehört bis heute zu seinen populärsten: Ich ging im Walde / So vor mich hin, / Und nichts zu suchen, / Das war mein Sinn. Er findet ein Blümchen am Wegesrand, möchte es spontan pflücken, überlegt es sich schließlich anders. Ein allegorisches Liebesgedicht, das er seiner Christiane zum 25. Jahrestag widmet und sogleich nach Weimar sendet.

Um drei Uhr am Nachmittag Aufbruch in Stadtilm. Über Gräfenau zum Ziel der Reise. Und schließlich Nach Sechs in Ilmenau. Die Herberge heißt Zum Goldenen Löwen. Vor wenigen Jahren wurde unmittelbar neben diesem, in der ehemaligen Form nicht mehr existenten Gebäude, ein Hotel unter dem geschichtsträchtigen Namen eröffnet. Es ist bereits wieder geschlossen. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der thüringischen Provinz sind auch im Jahr 28 der Einheit schwierig.

1776 war Goethe zum ersten Mal in Ilmenau. Verschiedene Verwaltungsaufgaben im Auftrag des Herzogs in den folgenden Jahren führten zu häufigen Besuchen. Darunter der Versuch den brachliegenden Bergbau wiederzubeleben. Was zunächst aussichtsreich erscheint und dem Städtchen bescheidenen Aufschwung verspricht, scheitert letztlich. 1796 muss der Stollen nach massivem Wassereinbruch für immer stillgelegt werden. 17 Jahre lang meidet Goethe danach Ilmenau.

Zu Beginn des Jahres 1779 war ihm die Direktion der Kriegskommission übertragen worden. Sie hatte die Aufgabe Rekruten für den Kleinstaat zu verpflichten. Soldaten die dann vom Landesherrn gegen gutes Geld an andere Heere „verliehen“ wurden. Goethe ist nicht immer begeistert von den Aufgaben die ihm sein Dienstherr überträgt. Bevorstehende Ekelverhältnisse durch die Kriegskommission, schreibt er ins Tagebuch.

Das andere Ilmenau. Schöne Stunden in der Umgebung. Im Wald. Beim Wandern und Erforschen der artenreichen Natur. Die Geologie. Goethe der Zeichner. Dampfende Täler bei Ilmenau. Seine letzte Reise nach Ilmenau findet im August 1831 um den 82. Geburtstag statt, zwei Enkelsöhne begleiten ihn, sieben Monate vor seinem Tod. Am 22. Juli hatte er endlich sein dichterisches Lebenswerk beendet. Das umfangreiche Manuskript des Faust gebündelt, verschnürt und fürs Erste in die Schublade gelegt. Das Hauptgeschäft zustande gebracht. Letztes Mundum. – Alles rein Geschriebene eingeheftet …, steht im Tagebuch. Er ist erleichtert: Mein ferneres Leben kann ich nunmehr als ein reines Geschenk ansehen …

Ende August noch einmal eine kleine Rundreise von Ilmenau aus nach Martinroda, Langewiesen und Stützerbach. Neu angelegte Chauseen bewundert er. Sieht eine Lindenallee wieder bei deren Pflanzung er vor 50 Jahren dabei war. Lebensbilanz. An Zelter schreibt er: … Nach so vielen Jahren war denn doch zu übersehen: das Dauernde, das Verschwundene. – Das Gelungene trat vor und erheiterte, das Mißlungene aber war vergessen und verschmerzt.

Der heiße Spätnachmittag im Juni. Das Auto habe ich auf dem Parkplatz an der Festhalle abgestellt. Einmal quer durch die Stadt führt mein Weg. Naumannstraße, Lindenstraße, Mühlgraben, Oehrenstöcker Straße. Im Tageskaffee der Bäckerei die alten Männer vor dem Kaffee, der längst kalt ist. Ihr Schweigen nur selten unterbrochen von dem nasalen südthüringischen Nuu, das alles bedeutet und nichts. 

Das Hinterhaus in dem die Großeltern lebten wurde vor einigen Jahren abgerissen. Im Erdgeschoß schwitzten Glasbläser vor ihren Gasfeuern. Der Onkel in der Neubausiedlung. Die Lieblingstante. Die Schischanzen und die Schlittenbahn. In der Erinnerung weiße, kalte Winter, aus den Schornsteinen Rauch von verfeuerter Braunkohle. Es stinkt und beißt im Rachen. Längst sanfte Kindheitserinnerung. Wie der Duft der Bratwürste auf glühenden Holzkohlen.

Schon ist es nach sechs. Die Läden geschlossen. Die Straßen nahezu menschenleer. Von Ilmenau nach Weimar in einer Stunde. Hin und wieder durch eine Allee. 200 Jahre nach Goethe.

* * *

Oberhauser, Fred; Kahrs, Axel: Literarischer Führer Deutschland. – Frankfurt : Insel Verlag, 2008

Damm, Sigrid: Goethes letzte Reise. – Frankfurt : Insel Verlag, 2007

Schrader, Walter: Goethe und Ilmenau. – Kassel : Verlag Jenior und Preßler, 1994

Neuendorf, Siegfried: Die Goethestadt Ilmenau. – Ilmenau : Carl Heiner Druck (Hrsg.: Deutscher Kulturbund), 1959

Das Buch verschwindet!

Es unken die Unken, es pfeifen die Spatzen vom Flachdach und selbst die Verbandsfunktionäre glauben zu wissen: Das Buch verschwindet. Zumindest das gedruckte. Zuerst werden Gebrauchsanweisungen und Lehrbücher obsolet, bis schließlich auch die erzählende, sogenannte Schöne Literatur, der digitalen Übermacht erliegt.

Jene, die glauben es wissen zu müssen, versichern, dass nur die Digitalisierung helfen kann wenigstens die Inhalte zu sichern. Auf Speichermedien, in Clouds. Für alle Ewigkeit. Sicher und fest wie die strahlende Hinterlassenschaft des Atomstroms im Salzbergwerk. Verfügbar über alle Hard- und Softwaregenerationen hinweg. In sicherer Obhut von Microsoft, Google und Companie.

Die Märkte wissen wie immer Bescheid, die Wahrsagerin hat es längst gewusst, im Kaffeesatz steht es, selbst in Familien deren Mitglieder seit Jahrhunderten Buchhandel betreiben macht sich die Gewissheit breit: Das Buch verschwindet! Schließlich sagen uns aktuelle Statistiken, dass immer mehr Menschen immer weniger lesen. Dass der Absatz von Druckwerken von Jahr zu Jahr rückläufig ist.

Noch ist es nicht so weit. Derzeit zeugen sogar einige Trends scheinbar vom Gegenteil. Noch nie gab es so viele Lesefestivals, große und kleine Buchmessen, Tauschbörsen, offene Bibliotheken, Bibliotheksneubauten, junge Verlage, Autoren und Autorinnen. Doch dies sei ein letztes Aufflammen, Strohfeuer und ohnehin nur von Minderheiten wahrgenommen und frequentiert.

Es sei, so wieder die Statistiker, in dieser Hinsicht wie mit der Vermögensverteilung, immer weniger Menschen besitzen immer mehr. In unserem Fall vom Wirtschaftsgut Buch. Gut, wer kann sich bei der seit Jahren zu beobachtenden Preisentwicklung auf dem Wohnungsmarkt noch ein Heim leisten in dem Raum für meterlange Bücherregale ist? (Eine fundierte Untersuchung über die Wechselwirkungen von Wohnungs- und Buchmarkt ist überfällig.) So wird der Buchbesitz in Zukunft vielleicht zur Sache von Snobs und Begüterten. Zum Sammelgut, zur Wertanlage. Was weniger wird, wird wertvoll. Was wertvoll ist weckt Begierde.

Pädagogen, Bibliothekare, Traditionalisten der Branche und viele engagierte Leser stemmen sich dem Trend entgegen. Setzen auf Lesekompetenz, auf gut ausgestattete Bibliotheken und Archive. Betonen die Bedeutung des Vorlesens im frühen Kindesalter. Eltern, Großeltern, Paten und Freunde sind als Lesevorbilder gefragt. Von Kulturpolitikern, Schulen und Vorschulen wird Unterstützung finanzieller und struktureller Art gefordert.

Das sind Übergangsstadien, wird prognostiziert, die das endgültige Verschwinden allenfalls hinauszögern. Die Endzeit hat längst begonnen.

Foto: Wiebke Haag

Es wird anders kommen.

… als die Literatur beginnt, sich vom Atem des Menschen zu lösen und auf ein Trägermedium auszuwandern, beginnt sie sich gewissermaßen reisefertig zu machen. (Jürgen Wertheimer in Weltsprache Literatur)

Nach ersten Versuchen auf Steintafeln und Papyrusrollen erwies sich spätestens seit Gutenberg das gedruckte Buch als idealer Träger für alles was sich Menschen nicht nur mitteilen, sondern darüber hinaus für folgende Generationen bewahren wollten. Das Erzählen wird nicht aufhören solange es Bewohner auf diesem Planeten gibt. Wenn eines fernen oder auch näheren Tages dieses menschliche Erzählen längst an seinem Ende angekommen sein wird, wird es die niedergeschriebenen und in Satz und Druck wiedergegebenen Erzählungen immer noch geben.

Der große Widerspenstige unter den deutschen Schriftstellern des zwanzigsten Jahrhunderts, Arno Schmidt, hat dies zutiefst bedauert. Er setzte auf ein rasches Vergessenwerden nach seinem Tod, das schien ihm Erlösung. In seiner Erzählung TINA oder über die Unsterblichkeit schildert er in einer fiktiven Konstellation wie schrecklich es sein kann, wenn dies nicht eintritt.

Dichter und Dichterinnen landen nach ihrem Ableben in einem quälenden Hades. Sie möchten die unwirtliche Stätte so rasch wie möglich verlassen. Allerdings dürfen sie nicht, solange sie nicht komplett vergessen sind. Endgültig tot ist nur der, an den sich niemand mehr erinnert. Die Aussichten sind nicht allzu rosig. Solange noch 1 Exemplar eines ihrer Bücher vorhanden ist, besteht schon gar keine Aussicht. Während also heute immer mehr Zeitgenossen gegen das Vergessenwerden anschreiben (Wer schreibt der bleibt!), sind unseren Unterweltbewohnern ihre gedruckten Werke zum Verhängnis geworden.

Mit den Hinterbliebenen und den Büchern, die sich als unausrottbar erweisen, bleibt die Erinnerung. Es wird jedoch unumkehrbar eine Zeit kommen, da selbst diese entschwindet. Mit den Letzten der Menschheit. Auf dem entmenschlichten Planeten zurück bleiben Echsen und Ameisen, strahlenmutierte Riesenspinnen und zweiköpfige Ratten. Und unzählige verstreute Bücher. Seit Myriaden von Jahren ungelesen, unbeachtet, sich selbst und der Macht der Natur überlassen.

Martin Luther war sich bekanntlich sicher, stünde nächstentags der Weltuntergang bevor, würde er heute noch ein neues Apfelbäumchen pflanzen. Eine Mischung aus Verzweiflung, Hoffnung und Lebenskraft. In den letzten Jahrzehnten entdecken politisch junge Staaten ihr kulturelles Erbe und setzen auf Pflege und Bewahrung. Das Bild in diesem Artikel zeigt den 2015 fertig gestellten Neubau der lettischen Nationalbibliothek in Riga. Das von Gunnar Birkerts entworfene Gebäude beherbergt etwa fünf Millionen Medieneinheiten (ca. 2,5 pro Einwohner), überwiegend in gedruckter Form. Ein kühnes, mutiges Vorhaben, das Tradition bewahrt und Zukunft signalisiert.

Literaturwoche Donau 2018

Der kleine Rückblick. Knapp und persönlich.

Es kann gut tun, wenn man intellektuell gefordert, ja überfordert wird. Es wird viel zu oft viel zu wenig verlangt. Der deutsch-schweizer Philosoph und Schriftsteller Jonas Lüscher wies darauf hin. Und sein Roman Kraft, den er in der Ulmer Stadtbibliothek vorstellte, ist genau so ein Werk, dessen voller Genuss sich entfaltet wenn man ihn mit einem kleinen Rucksack an Voraussetzungen angeht. Die Geschichte vom Tübinger Rhetorikprofessor (sic!), der nach Kalifornien reist um dort in mehrfacher Hinsicht zunächst heftig ins Schlingern zu geraten um schließlich zu kentern.

Was für ein wunderbarer Ort diese Stadtbibliothek. Als Büchersammlung, als Treffpunkt, als Veranstaltungsort, als markanter Mittelpunkt inmitten historischer Umgebung, eine Glaspyramide, transparent und einladend. Drinnen Bücher, Bücher, Bücher, Leseplätze und W-LAN, draußen Passanten, Cafés, Restaurants, reges Stadtleben.

Die Literaturwoche Donau 2018 ist punktgenau im Hochfrühling gelandet. Es wärmt, grünt und blütenstaubt. Im Bus sitzt schräg gegenüber einer der keinen Bart hat. Dafür hält er in der einen Hand eine Doppel-LP aus Vinyl und in der anderen einen Viererpack Drumsticks.

Angesichts der explodierenden Natur kommen mir die Pflaumen- und Kirschbäume in den Büchern von Iris Wolff in den Sinn. Nicht nur sie lobte das besondere Ambiente und die einmalige Atmosphäre des Ulmer Veranstaltungsreigens. Sie habe sich sehr wohl gefühlt, ließ sie wissen, im nostalgisch trendigen Casino, das bis auf den letzten Vintage-Sessel besetzt war. Ihr gefiel, dass sie ihren Verleger Arno Kleibel vom Salzburger Otto Müller Verlag an ihrer Seite hatte.

Nicht zuletzt weil er ihr erlaubt hatte ihren aktuellen Roman in vier Erzählungen nach einer rumänischen Redensart So tun, als ob es regnet betiteln zu dürfen. Man muss wissen, dass Verleger und Lektoren (angeblich verkaufshemmende) Kommata in Buchtiteln überhaupt nicht schätzen. Ein Abend, der wie so manch anderer, vom gut vorbereiteten Florian L. Arnold moderiert wurde, der als Mitorganisator genügend Ausdauer für diese lange Woche hatte und für jede unvorhersehbare Gesprächswendung ein rhetorisches Werkzeug.

Als der ohne Bart aussteigt kann ich das Plattencover erkennen: Bryan Adams. Dabei hatte ich auf Jazz getippt. Es sind diese ganz eigenen, charaktervollen Lokalitäten die ein Gutteil des Reizes der Literaturwoche ausmachen: Die Räume der Ulmer Museumsgesellschaft, das ehemalige Sparkassen-Casino, das Museum Villa Rot in Burgrieden (Abstecher nach abseits der Donau), das Edwin-Scharff-Museum in Neu-Ulm, die Putte ebendort.

Die Putte ist eine ehemalige Schreibwarenhandlung. Hier habe ich als bayerischer Volksschüler Hefte, Stifte und Bucheinbände erstanden. Jetzt haben sich Künstler in die freigeräumten und weiß gestrichenen Räume eingemietet, zeigen ihre Werke und laden zu kleinen, intimen Runden. Wie jene mit den schreibenden Vonhiers Sybille Schleicher, Florian L. Arnold und Silke Knäpper. Sie stellten jeweils eines ihrer Lieblingsbücher den anderen beiden, sowie den versammelten Neugierigen vor. Sie ließen wissen, wie schwer die Auswahl gefallen war. Arnold hatte Sebalds Austerlitz dabei, Schleicher Transit von Anna Seghers, aktuell weil gerade eine Petzold-Verfilmung des Stoffes angelaufen ist. Beide Bücher kannte ich bereits.

Neu war für mich Meine Freunde des Franzosen Emmanuel Bove. Silke Knäpper hatte es mitgebracht. In den 1920er-Jahren mäandert Bâton durch Paris. Er ist Kriegsinvalide. Die Rente reicht zum Nötigsten. Anders als Knut Hamsuns alter ego einige Jahrzehnte früher leidet er keinen Hunger. Ihn quält die Einsamkeit. Von einer Suche nach Anschluss, Freundschaft, Liebe handelt dieses Buch. In klarer präziser Sprache, ein Stil frisch wie von neulich, ebenso gut wie unverkennbar übersetzt von Peter Handke. Wahrhaftig, ich habe kein Glück. Kein Mensch interessiert sich für mich… Ich war traurig und wütend. Die Vorstellung, mein ganzes Leben würde in Einsamkeit und Armut ablaufen, verstärkte meine Hoffnungslosigkeit.

An zehn Tagen Literaturwoche gab es eigentlich nur Höhepunkte. Doch wenn es nur Höhepunkte gibt, entstehen keine Gipfel, sondern lediglich eine ausgedehnte Hochfläche. Braucht eine Veranstaltung wie die Literaturwoche deshalb mehr Auf und Ab, Gut und Besser, Mehr und Weniger? Am Ende ist es so, dass das dichte Angebot es jeder und jedem ermöglicht persönliche Favoriten zu finden. Was kann es Schöneres geben als Vielfalt mit Qualität und Niveau? Dass nicht alle Ulmer, Neu-Ulmer das bemerkt haben … Geschenkt.

Wie man seine Stadt mit anderen Augen sieht, wenn man eine Veranstaltung der Literaturwoche Donau verlässt! Warum waren denn alle die jetzt dort draußen sind nicht ebenfalls dabei, sondern haben sich mit Zimteis, Cappuccino, Weizenbier und Donauufer zufrieden gegeben?

Begeistert vom Flair des Donauufers und der Altstadt waren, soweit sie Zeit dafür fanden, die Aussteller der erstmals veranstalteten kleinen Buchmesse, die unter dem Label Konturen stattfand und zu der fast 20 Verlage gekommen waren. Viele davon arbeiten nach einem Motto das dem großen Verleger der Weimarer Republik, Kurt Wolff, zugeschrieben wird, nachdem man zwar von der Verlegerei nicht leben, gleichwohl gut damit leben könne. Das angebotene Spektrum dieser unabhängigen Buchmacher reichte von der Beatlyrik über wiederentdeckte Romane, literarische Texte auf CDs gepresst, die wie Singlescheiben längst vergangener Populärmusik-Zeiten aussehen, bis zu Buchrollen und Kinderbüchern.

Am Samstag war die Verkaufsausstellung etwas außerhalb zu Gast, in der Villa Rot im idyllisch gelegenen Burgrieden. Am Sonntag dann in den Räumen der Museumsgesellschaft in Ulms stark frequentierter Mitte. Weit Gereiste waren dabei, wie Jürgen Schütz und sein Wiener Septime Verlag, spannende Spezialisten wie Moloko Print oder Ralf Zühlkes Stadtlichter Presse, Verlage aus der Region wie Thomas Zehenders danube books, Etablierte wie der Peter Hammer Verlag. Einfache Tische, reichlich Büchervorräte, gedruckte Verlagsprogramme und -vorschauen, interessiertes Publikum und auskunftsfreudige Verleger garantierten den Erfolg dieses Formats, das auf jeden Fall wiederholt werden soll.

Lesen ist Entspannung, Bereicherung, Vergnügen und gelegentlich Mühsal. Wer Erholung von mitunter vielleicht etwas zu voraussetzungssatter Lektüre sucht, der greife zu den Büchern von Martin Ebbertz. Humor mit Geist, Witz mit Geschmack bieten Werke wie Feuer in der Eiswürfelfabrik, 66 Kürzestgeschichten über kleine Katastrophen und alltägliche Beobachtungen von Dingen wie sie überall und jederzeit passieren können oder eben auch nicht, weil sie der Phantasie des Schriftstellers entspringen. Erschienen im Axel Dielmann-Verlag.

In einer Eiswürfelfabrik brach ein furchtbares Feuer aus. Die Feuerwehr kam mit vielen Wagen. Die Feuerwehrmänner schoben die Leitern vor und rollten die Schläuche aus. Mit starken Wasserstrahlen spritzten sie in die Fabrik… Die Arbeiter trugen Eiswürfel aus der brennenden Fabrik, soviel sie konnten. Sie schwitzten viel und bekamen schwarze Gesichter. Am Abend war der Brand gelöscht… Zur Belohnung durften die Arbeiter sich jede Menge Eiswürfel mit nach Hause nehmen. Daraus kochten sie sich dann Tee oder Kaffee.

Ebbertz hat neben zahlreichen Büchern für sogenannte Erwachsene auch für Kinder geschrieben. Als Beispiel sei hier nur noch Der kleine Herr Jaromir genannt, der, so schrieb DIE ZEIT, aus einem anderen Land stammt, einem wo Kinder und Dichter gemeinsame Sachen machen.

Die Literaturwoche Donau bot zehn Tage Gelegenheit sich gemein zu machen. Mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern, mit Verlegern und Verlegerinnen, mit Literatur in seiner schillernden Vielfalt. Vor allem aber mit all den tollen Menschen, die teilen, was man selbst liebt.