Otto

Dana von Suffrins Roman erzählt das Leben eines Siebenbürger Juden.

Die kleine Fotoausstellung in einer ostdeutschen Kirche zeigt jüdisches Leben in Deutschland vor 1933 und dokumentiert die Erniedrigung, Vertreibung und Vernichtung jüdischer Mitbürger nach diesem Jahr. Die schlichten Schwarzweißbilder – mehrmals unterbrochen von Gedichten Rose Ausländers – wirken stark, nahbarer und bleibender als breitformatige Hollywood-Didaktik. Ich erwische mich bei gewagten und zweifelhaften Gedanken. Wie das denn wäre, wenn sie noch da wären, all die Geflüchteten, Gequälten und Getöteten, die vielen Namen und die Namenlosen, mitsamt ihren Kindern und Enkeln? Wie sähe unsere Republik mit ihnen aus? Mit all den Wissenschaftlern, Künstlern, den Mitmenschen von nebenan.

Von den wenigen, die davonkamen, überlebt hatten, kehrten einige aus dem Exil in das Land zurück, das einst selbstverständliche Heimat vieler Generationen war. Sie waren Deutsche und wurden es wieder. Zurück im Land der Täter und deren Nachkommen. Mit ihrer Romanfigur Otto stellt uns Dana von Suffrin ein solches Schicksal vor. Exemplarisch, fiktiv, bestimmt nicht ganz ohne Einflüsse aus dem eigenen biographischen Umfeld. Otto hat viel erlebt, sein Leben war reich an Wechselfällen. Jetzt ist er ein alter kranker Mann. Ein Geizkragen der Sperrmüll stahl und Steuern hinterzog, ein echtes Ekelpaket, das seine beiden Töchter (aus dritter Ehe, wenn ich richtig aufgepasst habe) sekkiert, beschimpft und beleidigt.

Ottos Name ist ein Verweis auf das 1918 untergegangene Habsburgerreich, das einst Völkerschaften, Kultur- und Sprachräume bis weit in den europäischen Osten umfasste. Seine Familie hatte ihre Wurzeln in den östlichsten Zipfeln der vielsprachigen Monarchie. Joseph Roth hat in seinen großen Romanen diesen jüdischen Lebenswelten Denkmale gesetzt.

Otto selbst wurde in Kronstadt, heute Brasov, geboren, einer Region Rumäniens in denen sich Siebenbürger Sachsen angesiedelt hatten. Er diente in der rumänischen Volksarmee und absolvierte von 1957 bis 1961 ein Maschinenbaustudium. 1962 verlässt die Familie Rumänien. Man musste sich von der kommunistischen Diktatur freikaufen um nach Israel ausreisen zu dürfen. Als Otto Jahre später in München von einem Arzt gefragt wird, ob er ein Siebenbürger Sachse sei, antwortet Otto empört, er sei ein Siebenbürger Jude.

Das Leben der Juden war überall schwer. Und es würde immer so weitergehen. Dies die Erfahrung und Einschätzung Ottos, die er gerne weitergibt. Manche werden geboren, manche werden krank, manche haben Erfolg, manche nicht, manche heiraten, und manchmal bringen einen die Christen um, so lief das Leben. Nach Jahren in Palästina lässt er sich in München nieder, wird gut bestallter Hochschullehrer und schließlich Pensionist. Mehrere Beziehungen, Kinder, Wohnungen, das letzte Zuhause ist ein kleines Reihenhaus in Trudering. Die jüngsten Kinder sind zwei junge Frauen um die dreißig, Timna und Babi. Sie sind für den Greis in dessen letzten Lebensjahren verantwortlich. 

Ottos finale Lebensphase und rückblickend sein wechselvoller Lebenslauf bilden den Inhalt dieses Romans. Er wird aus der Sicht Timnas erzählt. Die in Philosophie promovierte Wissenschaftlerin hat gelegentlich Probleme den Dienst am und für den Vater in zeitlichen Einklang zu bringen mit ihrer akademischen Arbeit am Sonderforschungsbereich für  spätscholastische Mystik. Sie ist mit dem etwas schemenhaften Tann befreundet, den sie im Krankenhaus kennenlernte. Tann fährt nie Auto, weiß sehr viel und liest Texte, die vor ihm noch niemand gelesen hat. Er entziffert kryptische Handschriften für eine Edition des Briefwechsels russischer Kosmisten. Die Beziehung von Timna und Tann wurde quasi durch Otto gestiftet, gleichzeitig leidet sie darunter und bleibt dauerhaft in der Schwebe.

Bei Dana von Suffrin sind Humor und Ironie gezielt eingesetzte Mittel die allgegenwärtige Tragik des Geschehens erträglich zu machen: … wenn Otto im Koma lag und man nichts weiter als das Beatmungsgeräusch hörte, das wie ein ganzer Meditationskurs in einer Turnhalle klang. Der Leser schwankt zwischen Mitgefühl und verschämtem Schmunzeln. Es gehört durchaus zu den Stärken des Romans solche ambivalenten Empfindungen auszulösen.

Otto hat mehrere dramatische Zusammenbrüche, verbringt immer wieder wochenlange Phasen im Krankenhaus und erholt sich jedesmal leidlich, jedenfalls so weit, dass er in sein Haus zurückkehren kann, wo er umso stärker auf die Obhut der beiden Töchter angewiesen ist. Otto, Ingenieur, gebürtig in Rumänien, Herr über ein Reihenhaus und zwei unglückliche Töchter, war schon eine Heimsuchung, bevor er ins Krankenhaus kam. Als er entlassen wurde, geschah, was niemand für möglich gehalten hatte: Es wurde noch viel schlimmer. Die weiblichen Pflegekräfte aus Osteuropa tragen nur unwesentlich zur Entspannung der Situation bei.

Im Laufe der Erzählung blitzen immer wieder köstliche Beispiele für jüdischen Witz auf. Otto: Wie im Kommunism teilen wir alles, … nur dass es im Kommunism keine Kuchen gab für Juden. Timnas früh verstorbene Mutter: Ein Heim ist ein Ort mit lauter alten Nazis ohne Zähne. Der Autofahrer Otto: … diese Ampeln sind Scheißantisemitism, die auf Rot schalten, wenn ein Jude in einem billigen Auto kommt! Oder ganz ordinär: Was macht die Knackwurst erst genießbar? … Das n! Und es gibt Metaphern, die mir einen Kloß im Hals verursachten: Dann kamen die Jahre nach 1941, in denen Gott nahm und die Juden wie Gänseblümchen von der Erdoberfläche pflückte.

Dieser Tage habe ich im Radio ein Gespräch mit dem neuen Dresdner Rabbiner Akiva Weingarten gehört. Ein erstaunlich junger Mann, der in New York orthodox und mit Jiddisch als Muttersprache aufwuchs. Inzwischen ist aus ihm ein liberaler Vertreter seiner Religion geworden. Seit Jahren lebt er in Deutschland und spricht perfekt Deutsch, allerdings mit kleinem Akzent und ganz typischen Eigenarten in Satzbau und Wortwahl. So, stelle ich mir vor, hätte sich Dana von Suffrins Otto angehört.

Auf der Basis breiter Kenntnisse und Voraussetzungen ist ein glänzender Roman entstanden, urteilte Felix Stephan, der das Buch in der Süddeutschen Zeitung vom 24. September ausführlich vorstellte und dabei sehr informativ und differenziert auf dessen kulturgeschichtliche Hintergründe einging. Es ist der Roman einer Wissenschaftlerin, das zu wissen ist nicht unerheblich. Dana von Suffrin wurde 1985 in München geboren, studierte Politikwissenschaften, Geschichte und Komparatistik in München, Neapel und Jerusalem. Ihre Dissertation trägt den Titel Pflanzen für Palästina. Darin geht es um die Geschichte des Botanikers Otto Warburg, der um 1900 nach Palästina reiste um dort Wälder zu pflanzen – ein zionistischer Botaniker und Vorbote des jüdischen Staates. 

Es ist ein fruchtbarer Nährboden – um im Jargon zu bleiben – auf dem der Roman Otto entstand. Erzählt wird eine sehr traurige Geschichte, die oft zum Lächeln reizt. Warum ausgerechnet dieses Buch in braunhemden-braunes Leinen gebunden werden musste, ist entweder eine schwer zu entschlüsselnde Hintersinnigkeit der Buchgestalterin oder einfach geschichtsvergessene Gedankenlosigkeit.

Suffrin, Dana von: Otto. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2019

 

Blumen flattern Sommer

Ein Juni-Gedicht von Wilhelm Runge (1894 1918)

 

Blumen flattern Sommer 
Duften nimmt beide roten Backen voll 
Falter wiegen Wald 
Goldkäfer schreien 
Mücken strampeln himmelauf und ab 
Heiß im Arm der Fische hängt das Bächlein 
Unken patscht Libellenflügel wach 

Zweige lachen 
tuscheln 
sonnen 
strömen 
Vögel wogen Wiesen 
liegen flach 
ziehn die Ahorndolden an den Händen 
böse schelten Bienen in den Bart 
Zwitschern streckt die sommerschweren Glieder 
Taumelnd tollt des Atems Flügelschlag 
und der Augen wilde Rosen springen. 

 

 

Im Frühjahr 1918 trat der Erste Weltkrieg endgültig in seine entscheidende Phase. An der sogenannten Westfront tief auf französischem Territorium starteten die deutschen Truppen ihre letzten verzweifelten Offensiven. Die Franzosen und ihre Alliierten stoppten die Angriffe der bereits stark geschwächten Verbände und gingen zur Gegenoffensive über. Die Verluste der Deutschen waren hoch. Am 22. März 1918 fiel bei Arras ein junger Schlesier, der als einer der begabtesten Lyriker seiner Generation galt.

Wilhelm Runge wurde am 13. Juni 1894 in Rützen (Schlesien) in einem lutherischen Pfarrhaus geboren. Vom 18-jährigen Schüler erschienen bereits erste Veröffentlichungen in der Zeitschrift Der Sturm. Runge begeisterte sich für den Expressionismus, für die Lyrik August Stramms und anderer Zeitgenossen. Wie bei seinen Vorbildern zeichnet sich seine Lyrik durch eine reduzierte Syntax und offene Assoziationen aus, neuromantische Anklänge sind unverkennbar.

Seinen einzigen Gedichtband hatte er noch kurz vor seinem Tod „im Feld“ korrekturgelesen. Es gab Gerüchte, die vor allem durch die Dichterin Sophie van Leer, mit der er in intensivem Briefkontakt stand verbreitet wurden, die das Soldatenschicksal als Protest gegen den Kriegsdienst interpretierten. Andere Quellen verweisen die Freitod-Legende in den Bereich der Spekulation.

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Das Gedicht Blumen flattern Sommer erschien erstmals in: Der Sturm. Monatsschrift für Kultur und die Künste. Herausgegeben von Herwarth Walden, 8 (5), 1917, S. 66

Runge, Wilhelm: Das Denken träumt. Gedichte. Mit einem Holzschnitt von Jacoba van Heemskerck. Berlin: Verlag Der Sturm, 1918

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(Gedichtauswahl, Daten zu Wilhelm Runge, die wunderbaren Fotos von Juni-Blumen: Bernd Michael Köhler)

 

Der lange Weg eines großen Romans

Die Berliner Schriftstellerin Gabriele Tergit und ihre Effingers

Ich war überrascht: Im Brockhaus Literatur taucht der Name der Schriftstellerin Gabriele Tergit nicht auf. Das gleiche Ergebnis im aktuellsten Kindler. Drei Stigmata sind dafür wohl verantwortlich: Weiblich, jüdisch, Exil.

Mit Käsebier erobert den Kurfürstendamm gelang Gabriele Tergit eine ebenso bissige wie unterhaltsame Satire über den Starrummel und die schrille Unterhaltungsindustrie der ersten Berliner Republik heutige Geschichtsbücher nennen sie die Weimarer. Die Verfasserin wurde zu einer bekannten und erfolgreichen Romanautorin. Das Buch erschien 1931 und nichts deutete darauf hin dass bis zur Veröffentlichung des nächsten Romans 20 Jahre vergehen sollten und sich dann in ihrer ehemaligen Heimatstadt kaum jemand an die einst so populäre Frau erinnern würde oder erinnern wollte.

Nur knapp entkam Gabriele Tergit im März 1933 einem SA-Überfall. Fluchtartig verließ sie die Hauptstadt eines deutschen Reichs, das sich binnen weniger Jahre radikal verändert hatte. Sie hatte inzwischen mit der Arbeit an einem umfangreichen Generationenroman begonnen. Im Exil nahm das Werk Gestalt an. In Hotelzimmern in Prag, Jerusalem und Tel Aviv, während der Zeit in Palästina und schließlich in London, das zum neuen Lebensmittelpunkt wurde. Ihre letzte Berliner Adresse war Siegmunds Hof 22. Eine Gedenktafel an dem Gebäude, das heute an dieser Stelle steht, würdigt die einstige Bewohnerin.

Als Elise Hirschmann wurde sie 1894 geboren. Sie durfte (musste) eine sogenannte Frauenschule besuchen, die von der Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer geleitet wurde. In diesem Umfeld kam sie früh mit weiteren Persönlichkeiten der Frauenbewegung, wie Lily Dröscher und Alice Salomon, in Kontakt. Ihr Studium der Geschichte und Soziologie (u. a. bei Max Weber) in Heidelberg und München schloss sie mit der Promotion ab. Nach der Hochzeit mit dem Architekten Heinrich Julius Reifenberg hieß sie mit bürgerlichem Namen Elise Reifenberg. In ihren 1983 erstmals erschienen Erinnerungen Etwas Seltenes überhaupt wird der Gatte zum lebensbegleitenden Heinz, sie konnte das besitzanzeigende Fürwort in Verbindung mit Mann nicht leiden.

Journalistische und erzählerische Arbeiten verfasste sie, neben einigen anderen Pseudonymen, hauptsächlich als Gabriele Tergit. In der Vossischen Zeitung und im Berliner Tageblatt erschienen ab 1920 ihre Gerichtsreportagen. Gabriele Tergit legte Wert auf die menschlichen Seiten der geschilderten Rechtsfälle, ihr Schreibstil war durchsetzt mit Witz und Ironie. Aus dem Londoner Exil kehrte sie, bis auf kurze Besuche, nicht mehr nach Deutschland zurück. Zum englischsprachigen Literaturmarkt fand sie, die nur in deutscher Sprache schreiben konnte und wollte, keinen Zugang. An eine Veröffentlichung ihres epischen Panoramas Effingers war erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu denken. 

Die deutsche Literatur- und Verlagsszene reagierte in der Nachkriegszeit auf Exilautoren und -autorinnen jedoch mit Skepsis bis Abneigung. Nach einigen Ablehnungen und Umwegen erschien schließlich im Jahre 1951 eine erste Ausgabe des Romans im Hamburger Verlag Hammerich & Lesser. Sie umfasste 735 Seiten und kostete für damalige Verhältnisse stolze DM 21,50. Marktdurchdringung und Wahrnehmung bei Kritik und Publikum hielten sich in Grenzen. 1964 gab der Lichtenberg Verlag in München eine auf 555 Seiten gekürzte Ausgabe heraus, die für DM 9,80 zu haben war.

Erst 1978 konnte bei Krüger in Frankfurt eine vollständige Neuausgabe erscheinen, die immerhin noch im selben Jahr eine zweite Auflage erlebte und in Lizenzausgaben 1979 bei der Büchergilde Gutenberg und 1981 beim Deutschen Bücherbund erschien. Der Fischer Taschenbuch-Verlag besorgte schließlich 1982 eine ungekürzte Taschenbuch-Ausgabe, die DM 16,80 kostete. Danach dauerte es über drei Jahrzehnte bis die Werke Gabriele Effingers eine neue verlegerische Heimat fanden und wieder verbreitet im Buchhandel angeboten wurden. 

Effingers ist eine Chronik über vier Generationen mit einer Vielzahl unterschiedlicher Charaktere, die Tergit meist aus ihrem persönlichen Umfeld synthetisierte. Die Handlung umfasst den Zeitraum von 1878 bis 1948. Ein Panorama des jüdischen Bürgertums im Berlin der Vorkriegszeit, nannte es Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung. Im Mittelpunkt stehen zwei Familien. Die Goldschmidts, Inhaber einer kleinen Privatbank in Berlin, gehören zum gehobenen Bürgertum rund um Friedrichstraße und Kurfürstendamm. 

Die Effingers sind seit Jahrzehnten als Uhrmacher im fiktiven süddeutschen Provinzstädtchen Kragsheim verwurzelt. Die Söhne Karl und Paul des Ehepaars Minna und Mathias Effinger zieht es in die ferne Reichshauptstadt um dort als selbständige Unternehmer einen Produktionsbetrieb aufzubauen. Aus der bescheidenen Schraubenfabrik wird eine erfolgreiche Maschinenfabrik, und schließlich gehören die Brüder zu den Pionieren des Automobilbaus. Beide heiraten Töchter der geborenen Selma Goldschmidt, die aus den damals üblichen pragmatischen Gründen mit dem Bankier Emmanuel Oppner verheiratet wurde.

Zwei Briefe bilden den Rahmen der weit ausholenden Handlung. Am Anfang steht ein Schreiben des 17-jährigen Paul Effinger, der zunächst in einer rheinländischen Eisengießerei erste berufliche Erfahrungen sammelt, an seine Eltern. Wir fangen um 5 Uhr früh an und hören um 6 Uhr am Nachmittag auf, das sind elf Stunden Arbeit. Vielfach wird aber auch erst um 7 Uhr aufgehört. Für die Arbeiter ist das schrecklich. … Ich denke über diese Dinge viel nach. Abends versuche ich, mich technisch fortzubilden. Auch höre ich zweimal in der Woche Handelslehre. Französisch treibe ich auch.

Im 146. der meist kurzen Kapitel endet die Geschichte mit dem Brief des alten Mannes aus dem Jahr 1942. Paul ist jetzt 81 Jahre alt, er wurde interniert und ihm steht der Weg in ein Vernichtungslager bevor. Meine lieben Kinder und Enkel und Nichte Marianne, ich schreibe Euch in furchtbarer Stunde, ich weiß nicht, ob dieser Brief Euch je erreichen wird. Wir müssen den bitteren Kelch bis auf den Grund leeren. Es ist keine Hilfe noch Rettung. Der Brief wird erst nach dem Krieg Adressaten finden. In einem kurzen Epilog über das Leben in der zerstörten Hauptstadt des Jahres 1948 trauert Gabriele Tergit in bitterem Ton der verlorenen Heimat nach.

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Haben alle diese Männer und Frauen (Albert Einstein, der Reeder Albert Ballin, der Naturforscher Ehrlich, Emil Rathenau, Gründer der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft) ihre Taten als Juden vollbracht oder als Deutsche? Haben ihre Schriftsteller und Dichter eine jüdische Geistesgeschichte geschrieben oder eine deutsche, ihre Schauspieler eine deutsche Sprache gepflegt oder eine fremde? (*)

Außer dass sie von ihrer Herkunft Juden sind unterscheidet die beiden Familien des Romans nichts von anderen gut situierten Bürgern ihrer Zeit. Die Männer waren für das Vaterland im Krieg und sehen sich als Rückgrat der deutschen Gesellschaft. Sie sind Bankkaufleute, Erfinder, Unternehmer, der eine oder die andere schlägt aus der Art und entwickelt künstlerische oder schöngeistige Ambitionen, hin und wieder wird ein Mitglied den in ihn gestellten Erwartungen nicht gerecht. Es gibt Erfolge und Scheitern, Glück und Enttäuschung. Das Schicksal wendet sich zur Katastrophe mit dem aufziehenden Naziterror. Der schon längst schlummernde latente Antisemitismus wird zum aggressiven Judenhass. Aus den Stützen der Gesellschaft werden abgestempelte Nichtarier, ausgegrenzte und gedemütigte Juden, der Erniedrigung und Vernichtung ausgeliefert. Wer rechtzeitig wachsam und skeptisch war, wanderte aus. An das Gute im Menschen zu glauben ist für Paul Effinger der tiefste Irrtum meines Lebens.

Mit flottem Strich, in dramaturgisch geschickt inszenierten Szenen, schildert Gabriele Tergit Lebensart und Lebenswelten, die mit dem Lauf der Zeit wechselnden Moden und gesellschaftlichen Normen. Sie entwirft realitätsnahe Protagonisten, schöpft aus persönlicher Kenntnis und Erkenntnis. Effingers will die Details einer verschwundenen Welt aufleuchten lassen, was in den Schilderungen der Moden und Interieurs, der Architektur und Essgewohnheiten präzise und poetisch zugleich gelingt. (Nicole Henneberg im Nachwort der von ihr besorgten Neuausgabe.) In Effingers wird Zeitgeschichte an exemplarischen Schicksalen anschaulich. Die Handlung schreitet oft in Form fesselnder Dialoge voran, eine Darstellungsform, die Gabriele Tergit meisterlich beherrscht.

Effingers ist ein Buch in dem Wirtschaft und Wirtschaften, Unternehmertum und Arbeitswelt eine zentrale Rolle spielen. Aber auch die Konflikte zwischen der Macht des Kapitals und der ausgebeuteten Arbeitnehmerschaft sind ein wichtiges Thema, schließlich wurde die politische Entwicklung davon maßgeblich mitgeprägt. Es ist ein Berlinroman, mit Abstechern nach London, München und Heidelberg, nach Hamburg und Russland, und in die Kleinstadt Kragsheim. Thomas Manns Buddenbrooks hat Gebriele Tergit sicher gründlich gelesen, gleichzeitig erinnert die collageartige Erzähltechnik an Alfred Döblin.

Seit einigen Jahre hat sich der Frankfurter Schöffling-Verlag des Werks der Gabriele Tergit angenommen, ein Haus dem in der Vergangenheit immer wieder die eine oder andere verlegerische Überraschung gelang. Käsebier erobert den Kurfürstendamm wurde 2016 neu aufgelegt. Die Erinnerungen Gabriele Tergits Etwas Seltenes überhaupt folgten 2018. Und heuer erschien nun endlich ihr Hauptwerk in einer schön ausgestatteten Neuausgabe. Von 1933 bis 1950 hatte sie daran gearbeitet. An der Chronik einer untergegangen Welt, die Tergit über alles geliebt hatte. Ihr Schmerz darüber ist dem Roman eingeschrieben, ebenso wie der entscheidende Bruch ihres Lebens, die Vertreibung aus Berlin, seinen Hintergrund und Hallraum bildet. (Nicole Henneberg

Und wie vieles, was die rührigen Schöfflinge in die Hand nehmen und nahmen, scheint auch aus diesem so lange vernachlässigten Roman einer der wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Erfolgsgeschichte zu werden. Einschließlich Nachwort 898 Seiten stark, ist bereits die fünfte Auflage auf dem Markt. Ein breites, durchweg positives Medienecho begleitet das Buch seit Monaten. Es hat sich zum heimlichen Bestseller entwickelt, die Buchhandlungen des Landes halten gut absetzbare Vorräte. Übersetzungen in andere Sprachen gibt es bisher leider nicht. Das wird sich hoffentlich bald ändern, denn Inhalt und Thema des Werks dürften in einigen Ländern auf Interesse stoßen.

In England war und blieb Gabriele Tergit eine deutschsprachige Autorin, die mit der britischen Lebensart nie so richtig warm wurde. Wenn man sie zur Engländerin erklären wollte, war ihre Antwort: No I’m a Berliner. Ich bin Berlinisch in der Wolle gefärbt. Man kann doch nicht solche Bücher schreiben wie ich und all dies dann wie eine Jacke ausziehen. Von 1957 bis 1981 diente die Berlinerin in der englischen Hauptstadt dem Exil-Pen als „Sekretär“. Hochbetagt starb sie dort im Jahre 1982. 

(*) Aus einem Brief des Schriftstellers und Pazifisten Armin T. Wegener an Adolf Hitler vom April 1933 (zitiert nach Henneberg

Verwendete Ausgaben:

Tergit, Gabriele: Effingers. Roman. Büchergilde Gutenberg, 1979

Tergit, Gabriele: Effingers. Roman. Schöffling & Co., 2019

Tergit, Gabriele: Käsebier erobert den Kurfürstendamm. Roman. Schöffling & Co., 2016

Tergit, Gabriele: Etwas Seltenes überhaupt. Erinnerungen. Schöffling & Co., 2018

(Alle Schöfflling-Editionen herausgegeben und mit Nachworten von Nicole Henneberg)

Zum 7. Mal: Literaturwoche in Ulm und Neu-Ulm

Vom 25. April bis zum 5. Mai dauert die Literaturwoche Donau 2019. 

Der Verein Literatursalon Donau e. V. und seine Partner Museumsgesellschaft Ulm, vh ulm, Buchhandlung Aegis und Stadtbibliothek Ulm, sowie zahlreiche Unterstützer, laden ein zu 16 Veranstaltungen mit Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit gedruckten und fein gestalteten Büchern, die fast alle in kleineren, unabhängigen Verlagen erschienen sind. Den Initiatoren und Programmverantwortlichen Florian L. Arnold und Rasmus Schöll ist es einmal mehr gelungen ein farbiges, abwechslungsreiches und anregendes Programm auf die Beine zu stellen. Es gibt Literatur in allen Spielarten: Romane, Erzählungen, Lyrisches und Essays. Unterhaltsames, Überraschendes und Gewagtes, das den Geist frisch hält, mit Formaten spielt und die Grenzen der Sprachkunst auslotet.

Ein gedrucktes Programm gibt es u. a. in der Buchhandlung Aegis und der Stadtbibliothek Ulm.

Im Netz sind umfassende Infos hier zu finden:

Literaturwoche Donau 2019

Leipzig und die Tschechen

Zweiter Teil des Rückblicks auf Buchmesse und Festival Leipzig liest 2019

Martin Beckers Warten auf Kafka kann man auch lesen wenn Tschechien nicht gerade Gastland der Leipziger Buchmesse ist. Andererseits hat es der Autor natürlich genau zu diesem Anlass geschrieben, mit kühlem Kalkül angesichts des angekurbelten Interesses an Literatur und Kultur der östlichen Nachbarn. Das Buch las ich zu großen Teilen während der Zugfahrt nach Leipzig ich hatte die etwas längere Strecke über Mannheim, Frankfurt und Fulda gewählt die lästiges Umsteigen erspart, stattdessen Zeit und Muse für einstimmende Lektüre lässt.

Martin Becker ist ein 37-jähriger Journalist, Literaturkritiker, Romancier, Hundefreund und Starkraucher, der seit einem Studienaufenthalt vor etlichen Jahren regelrecht vernarrt in Tschechien ist, seine Metropole Prag, deren Ka-und-Ka-Vergangenheit, die literarischen und filmischen Traditionen, den böhmisch-mährischen Humor und nicht zuletzt die seltsame Ernährung der Einwohner, die, so wird immer wieder kolportiert, bevorzugt aus Fleisch und Bier besteht.

Martin Becker und die Moderatorin des Nachwuchsradios Mephisto 97.6 stoßen vor ihrem Gespräch auf dem orangenen Sofa mit tschechischer Braukunst an.

Warten auf Kafka ist eine lockere Reise durch die tschechische Literatur des vorigen Jahrhunderts und der Gegenwart ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit. Dafür verpackt mit einer leicht kafkaesken, sehr unterhaltsamen Rahmenhandlung, mehreren detailliert geschilderten Kneipenbesuchen und befeuchtet mit dem einen oder anderen großen Glas Gerstensaft. In den Kneipen trifft sich Becker, teils real, teils in Gedanken und Gedenken mit schriftstellerischen Größen des Heute und des Gestern. Kafka selbst taucht als verkitschter Kult auf, zu dem er vor Ort aus pekuniär-touristischen Gründen gemacht wird.

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… ich bin ein erschrockener menschlicher Aufschrei, den eine Schneeflocke zusammenbrechen läßt …

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Warten auf Kafka. Im Wirtshaus. Und auf die seligen Geister Jaroslav Hasek und Bohumil Hrabal, den zu besten Zeiten sogar präsidialen Vaclav Havel, die derzeit angesagten Jaroslav Rudiš und Jaromir99, die Märchentante Božena Němcová und den Spezialfall Milan Kundera (zu ihm später). Die greise Lenka Reinerová, letzte deutschsprachige Schriftstellerin Prags, lernte Becker 2008 kurz vor ihrem Tod am Krankenbett kennen. Sein Buch enthält ausführliche Passagen der Verehrung für diese außergewöhnliche Persönlichkeit. Reinerová ist in ihren Werken nicht nur eine aufrichtige Chronistin dieses schrecklichen 20. Jahrhunderts, sondern versammelt zudem in ihren farbigen Ahnengalerien alle maßgeblichen künstlerischen Figuren ihrer Heimat aus dieser Epoche.

Martin Becker hat seinem Buch den Untertitel Eine literarische Seelenkunde Tschechiens gegeben. Ihm ist eine unterhaltsame, leicht lesbare und dennoch bis hin zum Literaturverzeichnis äußerst informative Einführung gelungen, wie man sie in dieser Form nicht noch einmal findet und manch anderer Sprache und Dichterlandschaft wünschen würde. 

Das Buchmesse-Gastland des Jahres 2018 war Rumänien. Bevor das bereits wieder völlig in Vergessenheit gerät, wurde 2019 in Leipzig noch einmal daran erinnert und versucht das Interesse an diesem Land und seiner Literatur wach zu halten. Eine Expertenrunde lotete aus, welche Chancen aus dem Rumänischen übersetzte Bücher auf dem Markt wohl haben mögen. Die Zahl der Gesprächsteilnehmer auf dem Podium übertraf dabei die Zahl der besetzten Stühle vor ihnen. Mäßiges Interesse und bescheidene Aussichten für die Vermittlung rumänischer Autoren und Autorinnen in den deutschen Sprachraum. Was nicht ganz überraschend ist, da bekanntlich im Ursprungsland selbst das Interesse an Gedrucktem und die Zahl der Leser sehr gering sind. 

In Tschechien ist das anders. Es ist eines der ganz großen Leseländer mit einem wachen Interesse an Traditionellem ebenso wie an der Vielzahl der Neuerscheinungen. In Deutschland bekommt man davon wenig mit. Es gab eine Zeit, da war das anders. Ein beliebiges Beispiel: Neben dem Franzosen Ionesco gehörte Sławomir Mrożek einst zu den Stars des absurden Theaters. Seine Stücke wurden Land auf, Land ab gespielt. Dann nicht mehr. Immerhin hat vor vor einigen Wochen das Zittauer Gerhard-Hauptmann-Theater seine Farce Auf hoher See wieder einmal aufgeführt. 

Mrożek war eine meiner wenigen intensiveren Begegnungen mit der tschechischen Literatur. Ich habe ihn gelesen, Hörspielfassungen gehört, Bühnenaufführungen habe ich bis heute leider nicht sehen können. In viel zu jungen Jahren hatte man mir Jaroslav Hašeks Abenteuer des braven Soldaten Schweijk zum Lesen gegeben. Dieser sehr spezielle Humor kam für mich viel zu früh ich habe ihn nicht verstanden. Und das ganze militärische Ambiente war mir damals ebenso suspekt, wie es heute bei vergleichbaren Schilderungen ist.

Brandneu ist Jáchym Topols Roman Ein empfindsamer Mensch. Eine wilde Auseinandersetzung mit europäischer Aktualität. Seine tschechische Künstlerfamilie gastiert beim Shakespeare Festival in Großbritannien und wird von Brexit-Anhängern aus dem Land gejagt: Leave means leave!. Im Campingwagen reisen sie quer durch Europa, gegen den Strom der Flüchtlinge, Richtung Osten. Sie geraten ins russisch-ukrainische Kriegsgebiet, treffen Gerard Depardieu, klauen ihm seinen BMW und machen sich auf den Heimweg nach Böhmen. Radikal ungebändigt ist Topols Erzählweise.

Stilistisch strenger und von ganz anderem Charakter ist Radka Denemarkovás Ein Beitrag zur Geschichte der Freude. Drei ältere Frauen betreiben in Prag ein Archiv, in dem Gewalt an Frauen dokumentiert wird. Sie dokumentieren nicht nur, sie handeln auch. Ein Ermittler untersucht den scheinbaren Selbstmord eines reichen, einflussreichen Mannes und stößt dabei auf die drei Frauen und ihr Tun. Radka Denemarková, die wie ich mir sagen ließ vielleicht wichtigste tschechische Autorin der Gegenwart, verwebt in ihrem sprachmächtigen Roman Elemente des Kriminalromans, Fakten und Fiktion zu einem erschütternden Panorama der Gewalt gegen Frauen.

Eine echte Überraschung ist Gerta. Das deutsche Mädchen von Kateřina Tučková, nicht nur wegen 548 Seiten ein wahres Schwergewicht unter den frisch übersetzten Neuerscheinungen. Gerta wächst in der zweisprachigen Familie Schnirch im mährischen Brünn auf. Die Mutter ist Tschechin, der Vater Deutscher und Anhänger Hitlers. Mit der Errichtung des deutschen Protektorats 1938 zerfällt die Familie wie die Gesellschaft in einen tschechischen und einen deutschen Teil. Die Mutter stirbt und Gerta wird vom eigenen Vater schwanger. Wie tausende Deutsche wird die junge Frau nach dem Krieg zum Staatsfeind erklärt, ausgebürgert und vertrieben. Gerta und ihre Tochter überleben mit anderen deutschen Frauen bei der Zwangsarbeit auf dem Land. Als sie Jahre später in die Heimatstadt zurückkehren werden sie als Deutsche stigmatisiert. Die Sichtweise des Romans auf den ehemals deutsch sprechenden Bevölkerungsteil ist neu und war lange Zeit so nicht vorstellbar. 

Topol und Denemarková, Mitglieder einer mittleren Generation tschechischer Autoren und Autorinnen, gehörten zu den tschechischen Gästen bei deren Veranstaltungen es in Leipzig richtig eng wurde. So etwas wie Starrummel entstand ebenfalls um Jaroslav Rudiš, einer von zahlreichen Künstlern die durch ihre Mehrfachbegabung auffallen und die gerne Genre übergreifend arbeiten. Da wird musiziert, wird gezeichnet und natürlich immer wieder auf unverwechselbare tschechische Art erzählt. Diese teils schrägen Geschichten, entstanden aus den Hefekulturen reicher Phantasie, diese Ansammlungen liebenswerter Außenseiter, lächelnder Verlierer, großer Liebender. Humor und Satire, Melancholie und schwarze Galle. Erzählungen die in der Kneipe bei Knödel und Pilsner ihren Anfang nehmen und immer reicher und farbenfroher werden, je mehr ihr Wahrheitsgehalt abnimmt.

Zu den am meisten besprochenen Büchern dieses Frühjahrs zählt Jaroslav Rudiš Roman Winterbergs letzte Reise. Der greise, mit einem Bein im Grab stehende Winterberg bricht mit seinem genervten Pfleger Jan Kraus auf zu einer Schienenreise durch die eigene Vergangenheit. Zu geschichtsträchtigen Orten der ehemaligen Donaumonarchie über die der alte Mann ebenso seitenlang zu räsonieren versteht, wie über das zurückliegende lange Leben. Ein Roadmovie der besonderen Art, mit stilistischen Eigenheiten, etwa zahlreichen rhetorischen Wiederholungen, das mit einer Streckenlänge von 540 Seiten ein wenig zu viel des Guten will.

Zusammen mit dem Künstler Jaromir99 bildet Rudiš den Kern der Kafka Band. Bei ihren aktuellen Auftritten improvisiert das Ensemble musikalisch-szenisch über Kafkas Roman Amerika.

Die Kafka Band mit Front-Mann Jaroslav Rudiš

Leider sind die projizierten Animationen nicht so gelungen wie in vorangegangenen Programmen. Mit ihrer Farbigkeit und schlichten Geometrie stören sie eher den Gesamteindruck als zur gelungenen Abrundung beizutragen. Enttäuschung macht sich deshalb breit, weil wir ja Jaromir99 als zeichnerischen Schöpfer des wunderbaren Alois Nebel kennen.

Milan Kundera wollte ich erwähnen. Quasi der moderne tschechische Klassiker. Mit seinem viel gelesenen, viel diskutierten und interpretierten Werk Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins habe ich mich etwas geplagt. Mir ist das zu viel Obsession und Abhängigkeit, auch wenn es Kundera meisterlich versteht vom Kern der Geschichte immer wieder in existenzielle Exkurse aufzubrechen. Er ist zweifellos einer der herausragenden tschechischen Autoren, obwohl ihn die Landsleute bereits 1975, da war er 46, (dieser Tage wurde sein 90. Geburtstag gefeiert) ins Exil vertrieben. Seitdem lebt er in Frankreich. Und sein wichtigster Roman weist deutlich mehr französische Einflüsse denn böhmisch-mährische auf. 

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… daß diese ganze Pracht mit einem Samentropfen begann und im Knacken eines Feuers enden wird …

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(Die beiden Zitate sind aus Bohumil Hrabal: Leben ohne Smoking. – Frankfurt am Main, 1995)

Leipzig wie es liest und lebt

Erster Teil des Rückblicks auf Buchmesse und Festival Leipzig liest 2019

Eine sehr spezielle Form von Prosa enthält die Sächsische Waffenverbotszonenverordnung. In ihr wird seit letztem November festgehalten, dass das Leipziger Gebiet östlich des Zentrums Waffenverbotszone ist. Personen dürfen keine Waffen nach der Definition des Waffengesetzes mit sich führen. Wer es dennoch tut, begeht eine Ordnungswidrigkeit und muss mit einer Geldbuße rechnen. Es gibt nicht wenige Gestalten vor Ort, die der Meinung sind, dass sächsische Verordnungen für sie keine Gültigkeit haben oder die von diesen schlicht nie gehört haben. Die Leipziger Eisenbahnstraße gilt als eine der gefährlichsten Straßen Deutschlands. Einschlägige Statistiken verzeichnen für Straße und Quartier knapp 73.000 Delikte pro 100.000 Einwohner. Das ist auf den ersten Blick kein Spitzenwert, erfasst allerdings nur die aktenkundigen Fälle und der Anteil an Gewaltdelikten ist deutlich höher als andernorts.

Zwischen all den Gemüseläden, Kebap-Buden, Asia-Imbissen, Spätverkäufen, Shisha-Höhlen, den Barbieren für die bärtigen Bewohner mit meist gut definierter Muskulatur, zwischen seit dreißig Jahren abrissreifen Häusern, dem gerade noch bewohnbaren Bestand und sanierten Altbauten, zwischen all dem Sprachengewirr und den Abgaswolken der Geländewagen, sind auch junge Paare mit kleinen Kindern, sind Studenten, Auszubildende und sehr alte Menschen unterwegs, weil sie sich das Wohnen hier leisten können und die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen vor der Haustür möglich ist. 

In diesem bunten und quicklebendigen Gemisch gibt es für das abendliche Ausgehen so manchen Geheimtipp, Lokalitäten wie man sie sonst nur von der KarLi (Karl-Liebknecht-Straße) und aus Plagwitz kennt. Wie jene lauschige Kneipe mit integriertem kleinen Buchhandel und einer sehr improvisierten Kleinkunstbühne, auf der Reinhard Kaiser-Mühlecker seinen neuen Roman vorstellte. Die Kulturapotheke, kurz KuApo, findet man in der Eisenbahnstraße 99. Es gibt dort wenig Platz, eine kurze Speisenkarte und wohlfeile Getränke für jeden Geschmack.

Der 37-jährige österreichische Autor kam bereits 2008 auf Empfehlung von Arnold Stadler zu S. Fischer, wo er ein festes verlegerisches Zuhause gefunden hat. Enteignung ist schon sein achter Roman. Er spielt einmal mehr in abgelegener ländlicher Provinz. Für das kriselnde Lokalblatt schreibt ein Journalist, der nach langer Abwesenheit an den Ort seiner Kindheit zurückkehrte. Von der Wucht der eingetretenen Veränderungen während seiner Abwesenheit und dem sich andeutenden weiteren gravierenden Einschnitten in gepflegte Traditionen ist er überrascht. Die Geschichte handelt vordergründig von menschlichen Beziehungen und Affären, viel grundsätzlicher jedoch vom Wandel der althergebrachten Strukturen und Lebensformen. Die damit verbundenen existenziellen Konflikte stellt Kaiser-Mühlecker in seinem Buch exemplarisch dar. 

Er schreibt in einer Sprache, die etwas aus der Zeit gefallen scheint, in ruhigem Ton, detailgenau, mit langem Atem. Man kann an Stifter denken, an Hermann Lenz. Wer sich auf diesen Rhythmus einlässt, erlebt einen der ausdrucksstärksten Schriftsteller dieser so kurzatmigen Zeit. Bei Abschluss seines ersten Vertrags mit dem Verlag wollte er es zur Bedingung machen, dass er nie aus seinen gedruckten Büchern öffentlich lesen müsse. Die Vertragspartner ließen sich darauf zum Glück seiner Leser und Bewunderer nicht ein. Offensichtlich unterschrieb Reinhard Kaiser-Mühlecker dennoch.

In Sachen ländliche Schauplätze kommt uns natürlich Dörte Hansen in den Sinn. Auch sie beschäftigt sich in ihrem aktuellen Roman Mittagsstunde mit Themen rund um die strukturellen Veränderungen im ländlichen Raum. Bilden bei Kaiser-Mühlecker Hügel und Berge Oberösterreichs die Kulisse, ist es bei Hansen die weite platte Fläche Nordfrieslands. Gerade einmal 43 Meter über Meereshöhe erreicht die höchste Erhebung der Umgebung.

Der erste Sommer ohne Störche war ein Zeichen, und als im Herbst die Stichlinge mit weißen Bäuchen in der Mergelkuhle trieben, war auch das ein Zeichen … Die alten Ulmen starben einen Sommer später, am Westerende, wo sie seit hundert Jahren Ast in Ast gestanden hatten.

Auch Dörte Hansen macht einen Heimkehrer zu einem ihrer Hauptprotagonisten. Die Schilderungen der Veränderungen in Mittagsstunde sind langfristiger und weitreichender als bei Kaiser-Mühlecker, sie reichen von der Flurbereinigung in den 1970er-Jahren, über den Einfluss des Klimawandels, bis zur Landflucht von Bewohnern auf der Suche nach auskömmlicher Arbeit. Was das mit den Menschen macht schildert Hansen einfühlsam, gelegentlich deutlich bis drastisch. Bei aller Zuspitzung gibt es immer wieder kleine humorvolle und skurrile Passagen.

Die Autorin, der 2015 mit ihrem Debüt Altes Land ein Lieblingsbuch der Buchhändler und Leser gelang, wurde von Denis Scheck in seiner Sendung Druckfrisch und bei seinen effektvollen, die Massen anziehenden Leipziger Messeshows mehrfach geadelt: Ein Buch voller Wehmut, schmucklos schön, das überraschend und klug in die Zukunft weist. Ein literarisches Ereignis!

Leipzig 2019. Das waren Messefahnen im Frühlingswind. Sonnentage. Hitze unter dem Glasdach. Zartes Grün an Büschen und Bäumen, das die Bilder des Vorjahres, Bilder von Schnee und Eis, liegengebliebenen Zügen, gesperrten Straßen, verblassen ließ. Und so strömten sie aus allen Himmelsrichtungen in ihr Leipzig. Das Leipzig der Bücher, Autoren, Buchhändler, ihr Leipzig der Leser, zum Treffen unter Gleichgesinnten. Fast 286.000 Menschen sollen es am Sonntagabend, als die letzte Lederjacke an der Garderobe abgeholt war, gewesen sein. 

Nahezu 286.000 Besucher. Leser, buchaffine Menschen, die sich zuhause schleunigst ins stille Kämmerlein verziehen, um ihre Neuerwerbungen, die eingesammelten Geheimtipps, die Bestseller der Saison zu verschlingen? Man wird sich eingestehen müssen, dass diese Charakterisierung aus den verschiedensten Gründen nur auf einen kleinen Teil der Messebesucher zutrifft. Das ist nicht neu. Doch zunehmend wildern Smartphones, digitale Medienvielfalt, flexible omnipräsente Anbieter wie Netflix, Amazon mit ihrer ganzen bildgewaltigen Streamingwelt in den Hoffnungen der Buchbranche auf reichlich Leser- und Käufernachwuchs.

Zu allem Überfluss ist es dann auch noch mit der Zukunft der Lesefertigkeit und der Lesekompetenz so eine Sache. Lesenlernen und Leseförderung Leipzig bietet Jahr für Jahr reichlich Podien und Begegnungen die sich mit diesen komplexen und wichtigen Themen beschäftigen. Alle einschlägigen Organisationen und zahlreiche Experten sind vor Ort, stehen für Diskussionen und Gespräche bereit, geben Wissen und Erfahrungen weiter. 

Foto: Tom Schulze

In Halle zwei befinden sich das Forum Kind-Jugend-Bildung und das Fachzentrum Bildung. Dort sind Leseinseln und Lesebuden zu finden, der Leipziger Lesekompass präsentiert gute Bücher für die Jungen und die Jüngsten. Es gibt ein Familiencafé, eine Chillout-Aerea und einen Still- und Wickelraum für Messeteilnehmer die vom Lesen noch nicht einmal träumen können. Und das alles schon seit Jahren. So werden Ideen, Anregungen, Anstöße, Anleitungen ins ganze Land, in Kindergärten, Schulen, Lehrerstudiengänge getragen.

Die nüchterne Bilanz lautet: 20 Prozent der Schüler und Schülerinnen der vierten deutschen Grundschulklassen können nicht flüssig lesen, haben Probleme den Inhalt gelesener Texte wiederzugeben. Sie drohen den Anschluss zu verlieren, an den Schulstoff und schließlich an eigene Lebenschancen. Trotz aller Bemühungen und Förderungen ist keine Besserung in Sicht, letztlich fehlt es in den Schulen an Ressourcen und in den Elternhäusern an Einsicht und Verständnis. 

Bildungsferne Einstellung wird oft von Generation zu Generation weitergegeben. Viele Familien haben ganz andere materielle, existenzielle Sorgen. Lesenlernen, das mit Vorlesen durch Eltern oder Großeltern beginnen kann, wird nicht überall als Wert gesehen. Förderung muss also die Familien der betroffenen Kinder mitnehmen. Sonst gehen immer mehr junge Menschen auf ihrem Weg in die Mitte der Gesellschaft verloren. Die Kompromissfähigkeit, die Fähigkeit Konflikte verbal auszutragen, sich die für eine demokratische Partizipation notwendigen Informationen anzueignen, sinken.

Die Lese- und Literaturnation Tschechien präsentierte sich als Gastland der diesjährigen Leipziger Buchmesse 2019. Notizen dazu stehen im Mittelpunkt des zweiten Teils meines Rückblicks. Den gibt es nächste Woche auf con=libri.

Allegro con fuoco

Über Katharina Mevissens Roman Ich kann dich hören

Osman spielt Cello. Osman spielt Fußball. Osman hält sich von seinem Vater fern. Dabei verbindet gerade Musik und Musizieren die beiden. Allerdings ist dies auch genau das was der Sohn dem Vater vorwirft.

Bereits mit vier Jahren lernt das Kind eines türkischstämmigen Cellisten und einer Mutter, die längst aus seinem Leben verschwunden ist, das Cellospiel. Mit Mitte zwanzig gehört er zu den aussichtsreich Fortgeschrittenen an der Musikhochschule. Nur er selbst zweifelt immer mehr an seinen Fähigkeiten und Perspektiven. Geradezu kämpferisch setzt er sich mit dem dritten Satz von César Francks Sonate für Violine (hier in einer Fassung für Cello) und Klavier in A-Dur Recitativo Fantasia. Moderato auseinander. Er hält das Scheitern an dieser schwierigen Passage für den schicksalhaften Hinweis auf mangelnde Eignung für eine Laufbahn als Musiker.

Foto: Cello study von Michael Maggs

Mit Tante Elide versteht sich Osman gut, sie ist Mutterersatz, wird ihn jedoch bald Richtung Türkei verlassen. Und er fühlt sich zur WG-Mitbewohnerin Luise hingezogen. Dann lernt er eines Tages auf kuriose Weise ein anderes Mädchen kennen. Zunächst nur ihre Stimme. Die Stimme einer jungen Frau auf einem gefundenen Tonband, die sich mit ihrer Schwester unterhält. Einer Schwester die, wenn überhaupt, mit Geräuschen und merkwürdigen Tönen antwortet. Jo ist gehörlos. Eine Konstellation die Osman anzieht. Er verliebt sich in Ellas Stimme. 

Nicht ganz problemlos gelingt es ihm eine Verabredung zu arrangieren. Während sie redet, sehe ich sie kaum, ich höre sie, diese vertraute Stimme. Ich will sie sofort berühren, umarmen und festhalten, aber sie gehört zu einer komplett fremden Person … Die geträumte Annäherung Osmans an die oft Gehörte scheitert, sich zu hören ist keine ausreichende Basis für eine echte Beziehung. Nicht nur die äußeren Welten der beiden sind zu verschieden. Von der intimen Kommunikation die Ella und Jo verbindet bleibt er ausgeschlossen. 

Jo schließlich möchte gar nicht hören, eine dafür notwendige Operation verweigert sie. Dazu Ella: Und dann Jos Gesicht vor zwei Wochen, als wir aus der Klinik in Eppendorf kamen, nachdem sie die Behandlung abgebrochen hatte: wie ihre Augen geleuchtet haben, ihr ganzes Gesicht.

Katharina Mevissen hat einen Roman über Musik und einen begabten jungen Musiker geschrieben, einen Roman über die Suche nach eigenen Wegen und Ausdrucksformen. Über Herkunft und Identität. Und einen Roman darüber was Menschen verbindet, nicht selten jedoch auf fast tragische Weise trennt: Die verschiedenen Formen von Sprache. 

Neben der Musik spielen in ihrem Buch menschliche Verständigungsmöglichkeit und -unmöglichkeit eine zentrale Rolle, exemplarisch zugespitzt in der Figur des gehörlosen Mädchens. Eine Konstellation die so in der erzählenden Literatur möglicherweise einmalig ist. Sie ist eingebettet in eine originelle, fesselnde Geschichte mit wohltuend ambivalenten Protagonisten. Mevissen gelingt ein sprachliches Klangbild das manchmal wohltönt und gelegentlich schräg bis kakophonisch wirkt

Copyright by Denise Sterr

Erfreulich, dass junge deutschsprachige Literatur entsteht deren Schauplätze und Themen abseits der üblichen Berliner Gentrifizierungs-Brennpunkte liegen. Ich kann dich hören spielt in Hamburg und Essen. Neben der erwähnten Sonate von César Franck und einigen anderen Musikstücken, kommen dem Cello-Konzert von Dvorak (eines meiner absoluten Lieblingsstücke!) und Tracy Chapmans At this Point in My Life im Buch eine wichtige Rolle zu. Sehr gut konnte ich mich mit Osmans Abneigung gegen diese optimistische Kuschelmusik identifizieren, also jenen penetranten Klangteppich, der uns beinahe allerorten durch den Alltag begleitet.

Katharina Mevissen betritt frisch und forsch die Literaturszene. Nach dem Studium der Kulturwissenschaft und transnationalen Literaturwissenschaft in Bremen absolvierte sie eine Drehbuch-Ausbildung in Berlin. Sie war Böll-Stipendiatin und erhielt für das Manuskript des vorliegenden Romans das Bremer Autorenstipendium. Mit seinem ausgezeichneten Gespür für das Besondere hat sich der Wagenbach-Verlag Autorin und Buch angenommen. Sorgfältig gesetzt, und gedruckt bei Pustet findet es hoffentlich engagierte Menschen in Buchhandlungen, Lesekreisen und Bibliotheken, die es möglichst vielen Kunden und Lesern empfehlen. Die Autorin ist Mitinitiatorin des Projekts handverlesen das Literatur im Wortsinne in die Hand nehmen möchte, durch übersetzen, vermitteln und verbreiten von Literatur in deutscher Gebärdensprache.

Natürlich wusste ich nicht, dass es für Gehörlose in Deutschland keine Möglichkeit gibt auf Universitätsniveau zu studieren. Im Roman von Katharina Mevissen erfährt man es, wie manches andere, was man über Gehörlosigkeit und die Betroffenen nicht weiß.

Mevissen, Katharina: Ich kann dich hören. Roman. – Verlag Klaus Wagenbach, 2019

Das Projekt handverlesen