Ein November-Gedicht von Heinrich Seidel

November

Solchen Monat muß man loben:
Keiner kann wie dieser toben,
keiner so verdrießlich sein
und so ohne Sonnenschein!
Keiner so in Wolken maulen,
keiner so mit Sturmwind graulen!
Und wie naß er alles macht!
Ja, es ist ′ne wahre Pracht.
 
Seht das schöne Schlackerwetter!
Und die armen welken Blätter,
wie sie tanzen in dem Wind
und so ganz verloren sind!
Wie der Sturm sie jagt und zwirbelt
und sie durcheinander wirbelt
und sie hetzt ohn′ Unterlaß:
Ja, das ist Novemberspaß!
 
Und die Scheiben, wie sie rinnen!
Und die Wolken, wie sie spinnen
ihren feuchten Himmelstau
ur und ewig, trüb und grau!
Auf dem Dach die Regentropfen:
Wie sie pochen, wie sie klopfen!
Schimmernd hängt′s an jedem Zweig,
einer dicken Träne gleich.
 
Oh, wie ist der Mann zu loben,
der solch unvernüft′ges Toben
schon im voraus hat bedacht
und die Häuser hohl gemacht;
sodaß wir im Trocknen hausen
und mit stillvergnügtem Grausen
und in wohlgeborgner Ruh
solchem Greuel schauen zu.

Heinrich Seidel
(* 25.06.1842, † 07.11.1906)

Dieses Gedicht gönnt sich eine eigene Sicht auf einen Monat, der sonst meist in Moll besungen wird. Verse eines Dichters, der dem herbstlichen Graugrauen letzte Farben entlocken kann, den Tristesse nicht schreckt, der immer Gutes sieht und im Zweifel auf Besseres hofft. Wohl dem, der so durchs Jahr kommt.

Heinrich Friedrich Wilhelm Karl Philipp Georg Eduard Seidel wurde am 25. Juni 1842 im mecklenburgischen Perlin geboren, einem kleinen Nest knapp 20 Kilometer südwestlich von Schwerin. Schon bald verkürzte sich der Vornamenreichtum des Pastorenkindes auf ein handliches Heinrich. Heinrich Seidel war das älteste von sechs Geschwistern. Als er heranwuchs, mussten sich die Eltern fragen, was wohl aus dem Sohn werden sollte. Das Gymnasium ertrug der Jüngling mit Unlust und schlechten Noten in den alten Sprachen. In den verzweigten Wegen des Schelfwerder war ich besser zu Hause als in den Irrgängen der lateinischen Grammatik, blickte er in seinen Erinnerungen zurück.

So musste er reichlich nacharbeiten, um das Polytechnikum in Hannover zu absolvieren und in die Berliner Gewerbeakademie aufgenommen zu werden. Während dieser Zeit wendete sich das Blatt: Mein Aufenthalt in der Stadt an der Leine hat zwei Jahre gewährt, die ich zu den glücklichsten meines Lebens zählte. Seidel wurde Ingenieur, und das kein ganz schlechter, er erwies sich als kreativ und originell, entwarf und konstruierte für die Bahn, unter anderem in Berlin das Dach des längst zerstörten Anhalter Bahnhofs. 1880 wechselte er die Kreativbranche und widmete sich fortan ganz der Schriftstellerei. Für ihn lag das nah’: “Konstruieren ist Dichten”, hab’ ich gesagt, als ich mich noch für die Werkstatt geplagt. Heute führ’ ich die Feder am Schreibtisch spazieren und sage “Dichten ist Konstruieren!”

Heinrich Seidel war Teil einer bemerkenswerten Familie. Schon der Vater Heinrich Alexander Seidel (1811 – 1861) hatte im geistlichen Amt gedichtet, wortgewaltige, ideenreiche Predigten, wie berichtet wurde, zudem allerhand Weltliches. Der Titel einer Abhandlung hieß Das Saufen, im Lichte des Evangeliums betrachtet. Was heute kurios erscheint, war damals der ernsthafte Versuch einer tiefschürfenden Exegese. Heinrich Junior und seine Frau Agnes (1856 – 1917) durften drei Söhne heranwachsen sehen. Der älteste, einmal mehr als Heinrich (Wolfgang) getauft, wurde ebenfalls Schriftsteller. Und er heiratete eine seiner Cousinen – keine geringere als die später recht bekannte und erfolgreiche Dichterin Ina Seidel.

Viel zu wenig kenne ich die Bäume, / Die vor meinem Fenster stehn und rauschen, / Viel zu selten baun sich meine Träume / Nester, um die Winde zu belauschen, / Und des Himmels Silberwolkenspiel / Gehn vorüber, ohne mich zu trösten – / Ganz vergessen habe ich so viele / Wunder, die mir einst das Herz erlösten.

Das Versäumnis heißt dieses Gedicht von Ina Seidel, das zeigt, dass sie wohl nicht über die heiter-naive Weltsicht des Schwiegervaters verfügte. Sie schrieb Gedichte, Romane und Erzählungen, neigte in ihren Werken zur Melancholie, sah sich in romantischer Nachfolge, verkörperte eine christlich konservative Haltung. Zu ihren bekanntesten Büchern gehört der umfangreiche Roman Das Wunderkind. Ein Sohn Inas und Heinrich III. wurde zur Abwechslung Georg genannt. Dieser Georg Seidel (1919 – 1992) begann unter dem Pseudonym Simon Glas in den 1950er-Jahren eine Autorenlaufbahn und versuchte sich durch den gewählten Namen bewusst von der familiären Tradition abzusetzen. Als Christian Ferber verfasste er allerdings eine Chronik mit dem Titel Die Seidels. Geschichte einer bürgerlichen Familie, die 1979 bei der DVA erschien.

Zurück zum mittleren Heinrich, dessen Novembergedicht der Anlass zu diesem Beitrag ist. Er war viel auf Reisen und liebte es, aus fernen Regionen fremdartige Samen mitzubringen, um sie im Berliner Boden heimisch werden zu lassen. Selbstironisch nannte er sich Florafälscher und Ansalber. Sprachspielereien liebte er – wie diese: Dem Ingenieur ist nichts zu schwer. Wahrscheinlich hätte es ihn gefreut, dass diese Redewendung in leicht abgewandelter Form selbst im 21. Jahrhundert noch in aller Munde sein würde. Dafür gesorgt hat die promovierte Kunsthistorikerin Erika Fuchs, die sich mit der Eindeutschung von Donald Duck und Mickey Mouse Comics einen Namen gemacht hatte. Sie legte der Zeichenfigur Daniel Düsentrieb in die Sprechblase: Dem Ingeniör ist nichts zu schwör.

Heinrich Seidel schrieb Märchen, Gedichte, verfasste Kinderbücher und eine Autobiographie mit dem Titel Von Perlin nach Berlin. Sein bekanntestes Erzählwerk wurde der Episodenroman Leberecht Hühnchen, erschienen in den Jahren 1882 – 1890. Die Hauptfigur dieser Prosaidyllen ist ein Lebenskünstler, der sich und seine Familie dank seines skurrilen Humors, seines sonnigen Gemüts und dank seiner Fähigkeit, jede Lebenslage in rosigem Licht zu sehen, mehr schlecht als recht durch den entbehrungsreichen Alltag bringt.

Der beste Freund Hühnchens, der hin und wieder ins laufende Geschehen tritt, ist unschwer als der Verfasser zu erkennen, schließlich sind die beiden Seelenverwandte. Der Autor ist also gleichzeitig Protagonist seiner Schilderungen. Gar nicht unmodern ist das Bemühen und die Bereitschaft Leberecht Hühnchens, Bescheidenheit zum Maßstab seines Handelns und Konsumierens zu machen, hilfreich und vielleicht sogar zum Vorbild taugend, seine Veranlagung, Anfechtungen der Realexistenz mit einer positiven Grundhaltung zu begegnen. In der Beschränkung zeigt sich der Meister, ist Leberecht überzeugt. Das Buch verkaufte sich gut. In den ersten 50 Jahren erreichte die Auflage über 300.000 Exemplare und bis heute ist es in einer Insel Taschenbuchausgabe lieferbar, sowie in einer ausgesprochen wohlfeilen E-Book-Version.

Der Dichter und Ingenieur Heinrich Friedrich Wilhelm Karl Philipp Georg Eduard Seidel starb am 7. November 1906 in Groß-Lichterfelde, längst ein Teil des Kosmos Groß-Berlin. Er ruht in einem Ehrengrab auf dem Alten Friedhof in der Moltkestraße.

Massimo Capaul ermittelt

Die Engadin-Krimis Gian Maria Calonders

Die kriminelle Kartierung Europas ist bereits weit vorangeschritten. Ganz besonders dicht in Skandinavien und England, Italien und Frankreich folgen mit geringem Abstand, Österreich ist etwas stärker abgedeckt als die Schweiz. Deutschland liebt es ohnehin regional. Dünner wird es, wenn wir nach Osten blicken; wer kennt schon Kriminalromane, die in Polen oder Tschechien spielen? Vielleicht besteht hier einfach ein Übersetzungsdefizit, möglich wäre zudem, dass Verleger und Leser gleichermaßen an einer Blickhemmung leiden, wenn es um Kulturimporte von unseren östlichen Nachbarn geht, jenem Stück Europa, das immerhin bis zum Ural reicht.

Umso erfreulicher die Entdeckung, dass ein weißer Fleck im Herzen des Kontinents sich blutrot zu färben beginnt. Gian Maria Calonder verfasst Spannungsliteratur, die das höchstgelegene besiedelte Gebiet der Alpen zur Kulisse hat. Lange mussten wir warten, nun sind sie da: Krimis, die im Engadin spielen. Zwischen Scoul und St. Moritz, bei Zuoz und in Samedan, dem Standort der fiktiven Polizeidirektion.

Wo die Berge hoch sind, die Gipfel in den Himmel reichen, sind die Täler tief, findet sich manch jäher Abgrund – nicht nur topographisch, sondern ebenso metaphorisch, und davon erzählt Calonder in seinen Kriminalromanen. Von den Tiefpunkten der Moral, der Brüchigkeit gutbürgerlicher Fassaden, von unguten politisch-wirtschaftlichen Abhängigkeiten.

Massimo Capaul, der mehr aus Verlegenheit und mangels Alternativen zum Polizisten wurde, tritt seine erste Stelle im schönen Engadin an. Die ungewohnte Höhe verschafft ihm Kopfschmerzen. Sein ungewohnter Spürsinn für nur schwer erkennbare kriminelle Aktivitäten, seine Bereitschaft dort, wo andere schnell wegschauen, genauer nachzusehen, bereitet seinen Vorgesetzten und Kollegen Kopfzerbrechen. Der neue Kollege macht sich schnell unbeliebt, indem er Dinge vermutet und aufdeckt, die andere nicht sehen und vor allem nicht sehen wollen.

Folgerichtig heißt der erste Band der Krimireihe rund um einen Polizisten, dessen Stärke darin liegt, dass er unterschätzt wird, Engadiner Abgründe. Massimo Capaul kommt an seinen neuen Arbeitsplatz, bezieht ein provisorisches Quartier, und ist schneller als er wahrhaben will, in Intrigen und Machenschaften der etablierten Dorfgemeinschaften verwickelt. Nur schwer ist die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, schwer ist es, gegen gängige Gewohnheiten der Vertuschung zur Wahrheit vorzudringen. Doch Mord ist Mord. Und Stück für Stück setzt sich Capaul mit seinem Drang zur Genauigkeit und zur Wahrheit durch. Beliebter wird er dadurch nicht.

Die Suche nach einer dauerhaften Bleibe ist ein Problem für alle Zugezogenen. Mietangebote sind rar und teuer. Die immer wieder neuen, nur bedingt erfolgreichen, Anläufe des Außenseiters ziehen sich als eine Art Running Gag durch die bisher erschienenen drei Romane. Auf die Abgründe folgte Endstation Engadin. Hier steht die Rhätische Bahn mit ihren spektakulären Strecken im Mittelpunkt des natürlich nur scheinbar verworrenen Geschehens. Capaul sorgt alsbald für Durchblick. War der Unfall eines Tunnelarbeiters möglicherweise Mord? Und welche Rolle spielt das ebenso esoterische wie erotische Fräulein Nietzsche, das sein Sommerquartier in der Nähe der Bahnstrecke aufgeschlagen hat?

Im dritten Band – Engadiner Hochjagd – sorgt ein Wärmeeinbruch im November für nervöse Unruhe unter Mensch und Natur im Schweizer Hochland. Unter den Trümmern eines Bergsturzes wird die Leiche eines Dorfbewohners vermutet. Dann geschieht ein angeblicher Jagdunfall. Auch in diesem Buch steht die Aufklärung einer kriminellen Straftat nicht allein im Mittelpunkt. War es im zweiten Band die weltberühmte Bahnstrecke, ist es nun die grandiose Natur rund um die kleinen Siedlungen entlang des jungen Inn. Stimmungsvoll und detailgenau geschildert von Gian Maria Calonder. Wenn man die Handlungsverläufe und -orte auf Google Maps und Google Earth nachverfolgt, erkennt man, mit welcher Genauigkeit der Autor hier seine Schilderungen platziert.

Gian Maria Calonder ist das Pseudonym des Schriftstellers Tim Krohn, der sich mit seinen Büchern in der Schweiz schon länger einer gewissen Popularität erfreut. Seine Capaul-Reihe konnte dort Spitzenplätze in den Bestsellerlisten erreichen, in Deutschland ist sie bisher noch wenig bekannt. Die Krimis erscheinen im Zürcher Kampa-Verlag, der neuerdings mit einer umfangreichen Serie um den frankokanadischen Ermittler Gamache und dessen Erfinderin Louise Penny für gute Verkaufszahlen auch auf dem deutschen Buchmarkt sorgt. Das breit aufgestellte Verlagshaus gibt übrigens die Werke der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk heraus und tat dies bereits lange bevor diese durch die Auszeichnung einem breiteren Publikum bekannt wurde. (Und derzeit erscheint Band für Band einer Gesamtausgabe der Werke Georges Simenons.)

Calonder, Gian Maria: Engadiner Abgründe. Ein Mord für Massimo Capaul. Zürich: Kampa, 2018

Calonder, Gian Maria: Endstation Engadin. Ein Mord für Massimo Capaul. – Zürich: Kampa, 2019

Calonder, Gian Maria: Engadiner Hochjagd. Ein Mord für Massimo Capaul. – Zürich: Kampa, 2020

„Ulm eine alte, häßliche und schmutzige Stadt …“

Im Oktober 1856 reiste Theodor Fontane von München über Ulm und Stuttgart nach Paris.

In drei Tagen von München über Ulm, Stuttgart und Heidelberg nach Paris. Seit einigen Jahren war das möglich. Deutschland verfügte nun für die wichtigsten Verbindungen über ein nahezu lückenloses Eisenbahnnetz. Schwarzeiserne Lokomotiven dampften durch Landschaften, Städte und Dörfer mit nie gekannter, für manche beängstigender Geschwindigkeit. Neue logistische  Möglichkeiten taten sich auf. Waren- und Personentransport gewann an Tempo und Bedeutung. Die Industrialisierung schritt flott voran im deutschen Staatenbund. 

Die neuen Reisemöglichkeiten kamen dem Journalisten und preußischen Diplomaten Theodor Fontane (1819 – 1898) sehr entgegen. Die Strecke Augsburg – München war bereits 1840 eröffnet worden. Zwischen Ulm und Neu-Ulm wurde die Donau ab 1854 mit einem modernen Brückenbau überquert. Von Ulm nach Augsburg und weiter nach München konnte man nun durchfahren. Eine Verbindung von Ulm nach Stuttgart bestand seit 1850. In der Münsterstadt wechselten die Reisenden von der bayerischen auf die württembergische Eisenbahn.

Vorstellungen des Wirtschaftsreformers Friedrich List. Das von ihm 1833 entworfene Eisenbahnnetz für Deutschland war 1856 zu großen Teilen bereits realisiert.

Ab dem 30. August 1856 verbrachte Theodor Fontane einen längeren Urlaub, heute würde man sagen eine Auszeit, bei Frau und Kindern in Berlin. Seit 1855 war er als Herausgeber der Deutsch-Englischen Korrespondenz in London tätig und berichtete für das Literatur-Blatt des deutschen Kunstblatts über das Londoner Theatergeschehen. Allerdings wurde die Korrespondenz bereits nach einem Jahr wieder eingestellt. Fontane blieb als Presse-Agent der Preußischen Gesandtschaft (Botschaft) an der Themse. Mit seiner beruflichen Situation war er nicht rundum zufrieden; gerne hätte er mehr Zeit für schriftstellerische Tätigkeit gehabt, doch davon konnte die wachsende Familie nicht leben.

1856 war Theodor Fontane also noch längst nicht der Verfasser später berühmter Romane wie Effie Briest oder Der Stechlin. Auch seine legendären, aus mehreren Bänden bestehenden Wanderungen durch die Mark Brandenburg, jene einzigartigen regional- und kulturgeschichtlichen Abhandlungen, waren noch nicht erschienen. Allerdings kam ihm die Idee zum am Ende fünfbändigen Mammutwerk während einer Reise durch Schottland, die er von London aus unternommen hatte. Der erste Band Die Grafschaft Ruppin wurde 1862 fertig. Apropos Wanderungen: Nur einen kleineren Teil der geschilderten Strecken legte der Chronist zu Fuß zurück, meist bevorzugte er Pferde und Kutschen. Öffentlich debütiert hatte der Dichter Fontane 1841, als sein Gedicht Mönch und Ritter in einem Leipziger Wochenblatt mit dem Titel Die Eisenbahn. Ein Unterhaltungsblatt für die gebildete Welt. Neue Folge gedruckt wurde. Sein erster Roman, der den Titel Vor dem Sturm trägt und noch nicht ganz das Niveau der folgenden Werke erreichte, erschien erst 1878.

Seine Auszeit ging zu Ende und es wurde Zeit, sich auf den Rückweg nach London zu machen. Abreise in Berlin am Abend des 4. Oktober. Gegen Mitternacht erreichte er Leipzig, wo er bereits von Ludwig Eduard Metzel (1815 – 1895) erwartet wurde. Metzel war als preußischer Beamter Leiter der Centralstelle für Preßangelegenheiten und in dieser Funktion Fontanes Vorgesetzter. Ein einfühlsamer, kollegialer Mensch, der viel Verständnis für Fontanes künstlerisch-kreative Ader hatte, berichten Zeitgenossen. Die beiden reisten die nächsten Tage gemeinsam.

Theodor Fontane um 1860.

Fünf Uhr am nächsten Morgen ging es weiter. Zunächst bis Bamberg. Es blieb Zeit für einen kleinen Stadtrundgang und, wie an vielen Tagen, einen Brief Fontanes an die Gattin Emilie, die hochschwanger in Berlin geblieben war. Am Vormittag des 6. Oktober kamen die Reisenden bis Nürnberg. Wieder der kurze Rundgang durch die Innenstadt, von dessen Eindrücken in einem Brief an die Ehefrau zu lesen ist. Nürnberg, das vielberühmte, ist interessant aber durchaus nicht schön. Es ist eine Koofmannstadt und zwar eine blos spießbürgerliche. Es ging schnell mit Einschätzungen und Urteilen bei Fontane.

Am Abend desselben Tages kamen sie in München an und logierten im Bayerischen Hof, den es seit 1840 gab, deutlich kleiner als das heutige Luxushaus. Die Residenzstadt München zählte zu dieser Zeit etwa 140.000 Einwohner, Untertanen des Königs Maximilian II. Joseph von Bayern, dem Vater des späteren Wagner-Verehrers und manischen Schlösse-Erbauers Ludwig II.

Man ließ sich kutschieren in München. Metzel hatte sich bei einer Hühneraugen-Behandlung in den Fuß geschnitten, so dass Märsche mit selbigem kontraindiziert waren. Man fuhr zur Theresienwiese und der Bavaria, zur Einkehr ins Hofbräuhaus und abends ins Theater. Am nächsten Vormittag, inzwischen der 8. Oktober, besuchte Fontane den damals sehr populären Dichter Emanuel Geibel. Der Poet stammte aus Lübeck und wird knapp 50 Jahre später von Thomas Mann in seinen Buddenbrooks in Gestalt des Jean-Jacques Hoffstede liebevoll auf die Schippe genommen. An diesem Abend gab man im Nationaltheater Shakespeares Sturm.

Die Mahlzeiten und ihre Speisefolgen waren für Fontane wichtige Themen, im Werk wie im privaten Alltag. Ich habe eine hohe Vorstellung von der Heiligkeit der Mahlzeiten, gleich nach dem schlafenden kommt der essende Mensch. Zu den in der Regel mehrgängigen Mahlzeiten, vorzugsweise in angenehmer Gesellschaft, schätzte er das gepflegte Gespräch, den kultivierten Meinungsaustausch. Die Protagonisten seiner Romane werden es ihm nachtun, und nicht selten schreitet mit Hilfe dieser Unterhaltungen bei Tisch, die Handlung zügig voran.

In München und Umgebung kam er auf seine Kosten. Wie am Donnerstag, dem 9. Oktober 1856, bei einem Ausflug an den Starnberger See. In Seeshaupt wurden Brenken serviert, steht im Tagebuch. Es gibt keine Hinweise auf einen Speisefisch diesen Namens, vermutlich waren die Renken gemeint, ein bis heute sehr beliebter schmackhafter Fisch in oberbayerischen Seen. Vor dem abendlichen Theaterbesuch, diesmal stand eine Posse von Nestroy auf dem Programm, Einkehr im Gasthaus Sternecker-Bräu. 

Im Mittelpunkt des 10. Oktober, die Besichtigung der Pinakotheken. Und auch an diesem Tag kamen Speis‘ und Trank nicht zu kurz. Vormittags im Café Tambosi, bei einer Rast im Hofbräuhaus und schließlich im Gasthaus Ober-Pollinger. Es war Fontanes erster Aufenthalt in München. Noch dreimal wird er im weiteren Leben in die bayerische Hauptstadt reisen. Die diesmal auf München folgende Station besuchte er hingegen zum ersten und letzten Mal. Wieder um fünf Uhr in der Frühe ging der Zug nach Ulm. 

Das Ulmer Münster wie Theodor Fontane es gesehen hat.

Nun war es Samstag. Kaum in der württembergischen Donaustadt angekommen, hatte er schon ein Urteil parat. Im Reisetagebuch liest sich das so: Ulm eine häßliche und schmutzige Stadt, aber sehr belebt und überreich an Buchhandlungen und Kuchenläden. Die Menschen (wie überhaupt die Schwaben, im Gegensatz zu den schönen Pfälzern) auffallend häßlich. Das waren schon sehr meinungsstarke Formulierungen des Weitgereisten. Doch konnte er der alten Reichsstadt durchaus gefälligere Eindrücke abgewinnen. Grandios der Dom, wurde gegönnert.

Es ging sogar genauer. Im inzwischen allgemein als Ulmer Münster bekannten Bauwerk beeindruckten Fontane das Chorgestühl von Jörg Syrlin und in einer der Seitenkapellen das Gemälde von Martin Schaffner aus dem Jahr 1516. Es zeigt den Ulmer Patrizier Eitel Besserer, nach dem diese Kapelle benannt ist und befindet sich heute im Ulmer Stadtmuseum. Als Fontane das Münster besuchte, hatte es noch nicht seine heutige Höhe von 161 Metern erreicht, der Hauptturm wurde erst 1910 vollendet. Zeit nahmen sich die Reisenden für ein ausgedehntes Frühstück im Café Döbele. Nicht fehlen durfte dabei der frische Käsberger, ein Weißwein aus Mundelsheim.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs. August Döbele war um 1850 aus Waldsee nach Ulm gekommen und führte zunächst die Berufsbezeichnung Kellner, aus dem bereits 1853, als er sich um das Ulmer Bürgerrecht bewarb, ein Cafetiér geworden war. Dieser August Döbele begegnet uns dann im Jahr 1869 erneut, als er eine Klageschrift gegen eine Albertine von Schad einreichte. Inzwischen firmierte er als Weinhändler. Die Schads gehörten zu den angesehenen Patrizierfamilien (Stadtadel) Ulms, sie stammte aus Oberschwaben und besaß südlich der Stadt Wälder und Ländereien. 

Erwin Carlé, 1876 in Karlsruhe geboren, war ein Schriftsteller, der unter dem Künstlernamen Erwin Rosen Erzählungen und Erinnerungen veröffentlichte, darunter den autobiographischen Band Allen Gewalten zum trotz, worin er in einer kurzen Passage von seiner Zeit in Ulm erzählt. Die Mutter Rosens war eine gebürtige Döbele. Über deren Vater schrieb der Enkel: Dicht am Münsterplatz lag das Haus, das einmal meinem Großvater gehört hatte; dem Großvater Döbele. Der war ein großer Herr gewesen und hatte im Württembergischen Weinberge gehabt und Jagden.

Ob es dieser Großvater war, bei dem Metzel und Fontane einkehrten? Oder dessen Vater? Ob das schwäbische Frühstück im Café Döbele mit dem Schritt halten konnte, was die Herren in England kennen und genießen gelernt hatten? Nach abgehaltener Morgenandacht versammelt sich alles beim Frühstück: Kaffee und Tee, Hammelbraten und Eier, Speckschnitte und geröstetes Weißbrot machen die Runde am Tisch, und unter Essen und Trinken, Sprechen und Lachen vergeht eine volle Frühstücksstunde

Es ging weiter nach Stuttgart. Die Fahrt durchs Neckartal fand Fontane reizend. Eine Gegend, die in der Gegenwart stark von Industrie- und Handelsansiedlungen geprägt, deren Höhepunkt bei Ober- und Untertürkheim mit den ausgedehnten Daimler-Werken erreicht wird. Doch gerade dort sind nach wie vor im Osten der Stuttgarter Vororte die typisch württembergischen Steillagen zu sehen, deren herbstliches Farbenspiel einen wunderbaren Kontrast zu den Fabriken, Werken und Warenlagern auf der anderen Seite des Zuges bildet. Am Abend im Hotel St. Petersburg kamen sie auf den Tisch der Herren – die süffigen Württemberger, der Türkheimer und der Neuperger – gute Neckarweine. Dazu Rothfisch aus der Donau und Felchen vom Bodensee.

Einen Tag später, inzwischen Sonntag der 12. Oktober, ritten Fontane und Metzel auf Eseln vom Neckartal zum Heidelberger Schloss hinauf und kamen sich dabei vor wie Don Quixote und Sancho Pansa. Für welche Figur er wen hielt, verrät uns Fontane nicht. Besichtigung der viel besuchten Ruine. Entzückt von dem Zauberblick des in der Mitte (der Länge nach) durchgebrochenen Thurms. Nun stand hier ein Schriftsteller, der später als wichtigster deutscher Vertreter des realistischen Romans in die Literaturgeschichte eingehen sollte, vor einem der bedeutendsten Symbole der Romantik. Es folgte die übliche Einkehr. Doch wie es so vorkommt an hoch frequentierten Sehenswürdigkeiten: Schlechte Restauration an Ort und Stelle. Zurück in der Ebene ging es weiter nach Mannheim. Zeit für den Abschied von Direkt. (Direktor, J. H.) Metzel. 

Fontane verbrachte die Nacht im Europäischen Hof, bevor es morgens mit dem Schiff (einer Fähre?) über den Rhein ging und schließlich weiter nach Paris. Von Ludwigshafen aus dauerte die Fahrt knapp 16 Stunden. Für Reisende im Jahr 1856 eine staunenswert kurze Zeit. Heute legt der TGV die Strecke in gut drei Stunden zurück. Fontane genoss die Stadt. Spazierte durch die Tuilerien, über die Champs Éllysées, besuchte den Louvre. Die Tage in der französischen Metropole vergingen viel zu schnell. Bald hieß es wieder zurück an die wenig geliebte Arbeit. Am 22. und 23. Oktober nach Calais und mit dem Schiff nach Dover. Schöne Ueberfahrt, niemand seekrank. Um 8 in London.

1858 wird Fontane seine Stellung in London kündigen und nach Berlin zurückkehren.

Nürnberger, Helmuth; Storch, Dietmar: Fontane-Lexikon. Namen – Stoffe – Zeitgeschichte. – München, 2007

Hädecke, Wolfgang: Theodor Fontane. Biographie. – München, 1998

Fontane, Theodor: Tage- und Reisetagebücher. Bd. 1: 1852, 1855 – 1858 / hrsg. von Charlotte Jolles. – Berlin, 1995 (Große Brandenburger Ausgabe, Abt. 11)

Rosen, Erwin: Allen Gewalten zum Trotz. Lebenskämpfe, Niederlagen, Arbeitssiege eines deutschen Schreibersmannes. – Stuttgart, 1922

Hölscher, Horst: Fontane und München. – Karwe bei Neuruppin, 2016

Berg-Ehlers, Luise; Erler, Gotthard (Hrsg.): Ich bin nicht für halbe Portionen. Essen und Trinken bei Fontane. 2. Aufl. – Berlin, 2019

con=libri macht eine neue Seite auf.

Ihr Titel ist Hermann Hesse und Ulm. Materialien. Sie wendet sich an Leserinnen und Leser mit einem vertiefenden Interesse an Hermann Hesse, sowie an Menschen aus Ulm und Umgebung, die mehr über die regionalen Bezüge des schwäbischen Literatur-Nobelpreisträgers erfahren möchten, als den gängigen Biographien und einschlägigen Aufsätzen zu entnehmen ist.

Diese Materialienseite fasst zudem noch einmal zusammen, was auf con=libri, bzw. von den con=libri Autoren Jan Haag und Bernd Michael Köhler in den letzten Jahren zu diesem Themenkomplex veröffentlicht wurde. Im Vordergrund steht dabei natürlich das im Jahr 2018 erschienene Buch „Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm“. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt.“

In seinem Aufsatz Die Freuden literaturhistorischen Forschens berichtet Bernd Michael Köhler von den Arbeiten und dem Handwerkszeug, die die dargestellten Ergebnisse ermöglichten. Es ist die deutlich erweiterte Langfassung eines Artikels, der in einer kürzeren Form bereits am 18. Januar 2021 auf con=libri erschienen ist.

Schließlich gibt die Seite die komplette, im Buch enthaltene Bibliographie wieder – eine echte Fundgrube für alle, die Freude an bibliographischen Details haben und sich gerne auf die Suche nach ihnen bisher unbekannten Schriften und Quellen begeben.

„Lassen Sie uns bei den Kindern anfangen …“

Die Kinderbuchbrücke von Jella Lepman liegt in einer Neuausgabe vor. Das Buch erzählt, wie die Internationale Jugendbibliothek in München entstand.

Von Hitlers Tausendjährigem Reich blieb nach dem verheerenden Krieg, den seine Vernichtungs- und Großmachtphantasien ausgelöst hatten, ein Europa der Zerstörungen, Verwüstungen und Verunsicherungen zurück. Die Not war groß. Nicht nur in Deutschland lagen Millionen Wohnungen in Trümmern, irrten Vertriebene durch Städte und Landschaften. Heere von Kriegsgefangenen in Ost und West, fast jede Familie hatte Gefallene, Verschollene, Versehrte zu beklagen. Allerorten ruinierte Infrastruktur, fehlende Verkehrswege, Engpässe bei der Versorgung mit dem Nötigsten.

In Deutschland würde man später von der Stunde Null schreiben. Gute Gründe, auf eine bessere Zukunft, die Linderung der Not zu hoffen, gab es wenige. Dass Schulen und Universitäten, Archive und Bibliotheken geplündert, zerstört, häufig unbenutzbar geworden waren, schien auf den ersten Blick zu den geringeren Übeln zu gehören. Doch über alle existenziellen Sorgen hinaus gab es dieses nie völlig erloschene Verlangen nach mehr als sättigenden Mahlzeiten, sicheren Unterkünften, bescheidenem Auskommen. Ein vages Sehnen nach geistiger Nahrung, nach Bildung, ja vielleicht sogar ein klein wenig ablenkender Unterhaltung. Nie hat irgend ein Krieg diesen Rest Humanität abtöten können.

Zu den ersten die das erkannten und mit Empathie und Einfallsreichtum Initiativen starteten, die dazu beitrugen zumindest in einem bescheidenen Umfang, mit einfachen Mitteln, für Wiederaufbau und Neuausrichtung zu sorgen, gehörte Jella Lepman. Sie kam 1891 als Jella Lehmann in Stuttgart zur Welt, wuchs in einem liberalen jüdischen Elternhaus auf, besuchte zunächst in der württembergischen Hauptstadt die Schule, später ein Internat in der Schweiz. 1913 heiratete sie den Fabrikanten Gustav Lepman, der bereits 1922 an seinen Verletzungen aus dem Ersten Weltkrieg verstarb. Jella Lepman begann für das Stuttgarter Neue Tagblatt zu schreiben und wurde die erste weibliche Redakteurin der Zeitung. 1932 wegen ihrer jüdischen Abstammung entlassen, emigrierte sie mit ihren beiden Kindern nach England.

An der Cambridge University Library bearbeitete sie den Nachlass Arthur Schnitzlers, arbeitete in London für die BBC und später für die American Broadcasting Station in Europe (ABSIE). 1945 beauftragte die US-Militärregierung der deutschen Besatzungszone die inzwischen anerkannte Kinder- und Jugendbuchexpertin mit dem Entwurf von Konzepten zur „Reeducation“ von Frauen, Kindern und Jugendlichen im Nachkriegsdeutschland.

Auf einer Rundreise durch Süddeutschland ermittelte Lepman den Status Quo und bilanzierte, dass es an ganz elementaren Dingen im Bereich Bildung und Ausbildung, Aufklärung und demokratischer Grundschulung fehlte. Eine Wanderausstellung mit Kinder- und Jugendbüchern aus vielen Ländern sollte als bescheidener Anfang eine konstituierende Veränderung einleiten. In einem ersten Schritt konnten für das Vorhaben 4.000 Bücher aus 14 Ländern als Spenden eingeworben werden. 

(Mit freundlicher Genehmigung der Internationalen Jugendbibliothek (IJB), München)

Sie bildeten den Grundstock für die spätere Internationale Jugendbibliothek (IJB) in München, die am 14. September 1949 eröffnet wurde. Als Trägerin fungierte zunächst die 1948 von Jella Lepman initiierte Vereinigung der Freunde der Internationalen Jugendbibliothek e. V. Zahlreiche Menschen, prominente und weniger bekannte Zeitgenossen, hatten Lepman auf ihrem Weg unterstützt. Neben Persönlichkeiten der amerikanischen und englischen Besatzungsmächte, zählten von deutscher Seite, neben Erich Kästner und Golo Mann, der spätere Bundespräsident Theodor Heuss und seine Gattin Elly Heuss-Knapp dazu. Kästner, der zu den treibenden Kräften und frühen Unterstützern des Vorhabens gehörte, übergab das Haus mit einer launigen Eröffnungsrede an die eigentlichen Besitzer der großen Bibliothek: Die Kinder und Jugendlichen vor Ort, in München, Bayern und der ganzen Welt.

Die spannende Entstehungsgeschichte der IJB, sowie ihre persönliche Rolle auf dem Weg zu dieser heute international einmaligen Institution, schilderte Jella Lepman in einem Buch, das unter dem Titel Die Kinderbuchbrücke erstmals 1964 veröffentlicht wurde. Darin erzählt sie, wie alles mit der erwähnten Wanderausstellung begann. Erste Station war das Haus der Kunst in München, es folgten weitere unter anderem in Frankfurt am Main und West-Berlin. Pläne, die Exponate auch im sowjetischen Sektor, also der späteren DDR, zu zeigen, zerschlugen sich nach entsprechenden Signalen aus Moskau. Dabei wurde von Anfang an die globale Ausrichtung des Vorhabens betont. Das blieb so, als aus der Wanderausstellung schließlich eine stationäre Einrichtung wurde: die Internationale Jugendbibliothek (IJB) in München. Dass Lepmans Rückblick nicht ganz ohne kleine Selbstgefälligkeiten auskommt, sieht man ihr gerne nach. Das Geleistete bleibt außergewöhnlich. 

Die Erstausgabe der Kinderbuchbrücke wurde bei S. Fischer verlegt, eine englische Ausgabe folgte 1969. Nachdem das Buch lange vergriffen war, erschien im letzten Jahr eine komplett neu gestaltete Ausgabe beim Münchener Verlag Kunstmann. Herausgegeben von der IJB und bearbeitet von Anna Becchi, die Lepmans Schilderungen um einen Lebensabriss der engagierten Frau erweiterte. Umfangreiche kommentierende Anmerkungen im Anhang erleichtern die zeitgeschichtliche Zuordnung. So ganz nebenbei ist dieser Band auch eine Art Kultur- und Sozialgeschichte der bundesdeutschen Nachkriegsjahre aus einem ganz besonderen Blickwinkel. Die vielen schwarzweißen Fotografien verraten den genauen Betrachtern interessante zusätzliche Details und gewähren immer wieder einmal überraschende Einblicke in Lepmans Umfeld, in dem bekannte und weniger bekannte Männer und Frauen der Nachkriegs-Jahrzehnte zu entdecken sind. Die Neuausgabe ist hochwertig ausgestattet, ihre fröhlich-farbige Umschlaggestaltung wurde von der bekannten Kinderbuchautorin und -illustratorin Rotraut Susanne Berner besorgt; das macht aus dem informativen Band ein optisch sehr attraktives Druckwerk.

Der Bestand der Internationalen Jugendbibliothek war bis 2020 auf über 650 000 Medieneinheiten angewachsen, 250 Sprachen sind vertreten. Es ist die weltweit umfangreichste Sammlung auf diesem Gebiet. Dem Haus überließ Michael Ende einen Teil seines Nachlasses, ihm ist innerhalb der IJB ein kleines Museum gewidmet. Von James Krüss, Hans Baumann und Mirjam Pressler, um nur einige stellvertretend zu nennen, kamen ebenfalls Teilsammlungen und Nachlässe nach München. So hat sich die Einrichtung inzwischen zu einer viel gefragten und frequentierten Forschungseinrichtung entwickelt. Seit 2013 wird alle zwei Jahre der James-Krüss-Preis für internationale Kinder- und Jugendliteratur vergeben.

Jella Lepman schrieb selbst mehrere Kinderbücher, gab Sammlungen von Kindergeschichten heraus, darunter eine mehrbändige Ausgabe von Gutenachtgeschichten, die sie über die Jahre zusammengetragen hatte. Ihre eigenen Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Erich Kästner regte sie zu dessen kindgerechtem Friedensaufruf Konferenz der Tiere an. Bis 1957 blieb Lepman die erste Direktorin der IJB. Bei ihrem Abschied wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Im Ruhestand zog sie nach Zürich, weil sie in der Stadt ein Umfeld aus Bekannten und Freunden vorfand. Dort starb Jella Lepman im Oktober 1970 im Alter von 79 Jahren.

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Lepman, Jella: Die Kinderbuchbrücke. – Hrsg. von der Internationalen Jugendbibliothek unter Mitarb. von Anna Becchi. – München : Kunstmann, 2020

Über die Freuden literaturhistorischen Forschens

Am Beispiel von Hermann Hesses Beziehung zur schwäbischen Donaustadt Ulm

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler (*)

Die einzigartigen, i.d.R. männlichen Figuren, die Hermann Hesse (1877 – 1962) in seinen Prosawerken erschuf, vermitteln dem Leser, der Leserin in exemplarischen Entwicklungsgeschichten Wesentliches über die menschliche Existenz und das menschliche Miteinander: der unglückliche Schüler Hans Giebenrath in Unterm Rad, der von Ängsten und Schuldgefühlen geplagte Elfjährige in Kinderseele, der vagabundierende Außenseiter Knulp, der Maler Klingsor in seinem letzten Sommer, der junge Emil Sinclair auf der Suche nach sich selbst im Dialog mit Demian, der den Sinn des Lebens suchende Siddhartha, der Steppenwolf Harry Haller, das polare Menschenpaar Narziß und Goldmund, die geheimnisvollen Morgenlandfahrer, schließlich der Magister Ludi Josef Knecht im Glasperlenspiel. Über diese und weitere vom Dichter modellhaft kreierte Figuren und deren Agieren und Interagieren in der Welt erfährt man nicht nur viel über die Kunst des Geschichtenerzählens. Man bekommt darüber hinaus Einblick in die ewigen Kreisläufe von Gelingen und Scheitern, von Voranschreiten und Zurückweichen, sowie die zahllosen Abstufungen zwischen diesen Gegensätzen.

Illustrierte Liebhaberausgabe der Büchergilde Gutenberg. – Foto: Bernd Michael Köhler

Am Beispiel Hermann Hesses möchte ich zeigen, wie reizvoll es sein kann, sich intensiv mit bisher weniger oder gar unbeachteten Aspekten aus Leben und Werk einer bekannten Schriftstellerpersönlichkeit zu befassen. Es zeigt, wie sich die Einschätzung des Literaten aus Montagnola, der in der akademischen Welt längst nicht die Aufmerksamkeit findet wie z.B. ein Thomas Mann, dadurch verändern und weiterentwickeln kann. Nämlich dann, wenn Fragestellungen untersucht werden, die unter Zuhilfenahme der bekannten Primär- und Sekundärliteratur bisher nicht zu beantworten waren. Aus der rein rezipierenden Haltung entwickelt sich ein neugieriger, fragender Blick, dem schließlich die forschende Tätigkeit folgt. 

Vor dem Hintergrund jahrzehntelanger Auseinandersetzung mit Hermann Hesse rückte bereits vor einiger Zeit Hesses Lesung im Ulm des Jahres 1925 in den Fokus (eine zweite Ulmer Lesung folgte 1929). Sie spielt in der autobiographischen Erzählung Die Nürnberger Reise (1927 erschienen) eine nicht unbedeutende Rolle. Bereits während meiner aktiven Zeit als Bibliothekar in der Ulmer Universitätsbibliothek hatte ich einiges Material zu dieser Lesung und den beteiligten Personen zusammengetragen. In intensiven Gesprächen und Diskussionen mit meinem Berufskollegen und Co-Autor Jan Haag, Betreiber des Literaturblogs con=libri, zeichnete sich schließlich ein Projekt ab, das in die Publikation eines Buches über Hermann Hesse und seine besondere Beziehung zu Ulm mündete.

Unser primäres Interesse galt zunächst der Identifizierung des in der Nürnberger Reise ohne Namensnennung erwähnten wichtigsten Ulmer Freundes von Hermann Hesse. So lernten wir Eugen Zeller (1871 – 1953) kennen, von dem bald ersichtlich wurde, dass es sich bei ihm um eine bedeutende Ulmer Persönlichkeit gehandelt hatte. Das kleine private Projekt weitete sich schließlich zu einer umfassenden Forschungsarbeit aus, bei der wir nicht zuletzt von unserem bibliothekarischen Know-how profitieren konnten. 

Die systematische Recherche nach einschlägigen Quellen zum Thema Hermann Hesse und Ulm brachte erstaunliche Ergebnisse hervor, die in der Gesamtbewertung schließlich Hesses besondere Bindung an das alte Ulm und seine Ulmer Freunde belegten.

Im langwierigen Prozess der Ermittlung und Beschaffung auch bisher in der Hesse-Forschung nicht bekannter Quellen hoben wir Aspekte einer weit zurückliegenden Zeit Schritt für Schritt in die Gegenwart. Eugen Zeller, anfangs nur ein Name mit knappsten biographischen Angaben, nahm mit jedem neu aufgefundenen Dokument immer mehr Gestalt an, weitere Freunde und Bekannte aus Hesses Ulmer Beziehungsgeflecht konnten identifiziert und ihr persönliches Verhältnis zum Dichter beschrieben werden. Sein Ulmer Gastgeber Eugen Link (1883 – 1973), die schwäbische Dichterin Maria Müller-Gögler, die Journalistin und Autorin Johanne von Gemmingen, Prof. Wilhelm Häcker in Blaubeuren nahe Ulm und einige andere mehr. 

Immer wieder gab es spannende Momente, wenn etwa beim Lesen eines neu entdeckten Zeitzeugenberichtes der Dichter und seine Freunde im Ulm der Vorkriegszeit vor dem inneren Auge Gestalt annahmen, wie bei Eugen Zellers Willkommensartikel in der Donauwacht anlässlich der Lesung am 3. November 1925 mit einem ausführlichen Rückblick auf den ersten gemeinsam in Ulm verbrachten Tag im April 1904.

2018 im Verlag Klemm+Oelschläger erschienen. – Foto: Bernd Michael Köhler

Nach Beendigung dieser literaturhistorischen Arbeit, nach Fertigstellung eines Werkes oder Werkteiles, nach intensiver Beschäftigung mit Vergangenem aus der Welt der Literatur, meldet sich gerne ein Bedürfnis nach dem Hier und Jetzt. Im Falle Hermann Hesses nach dessen Erscheinungsformen in der Gegenwart.

Im Februar 2020 kam die Verfilmung von Narziß und Goldmund durch den Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky in die Kinos. Der erste Lockdown der Corona-Pandemie bescherte dem Freundespaar Narziß und Goldmund nur eine kurze Laufzeit auf der Leinwand. Immerhin ist der zweistündige Film inzwischen als DVD und Blue-ray-Disc zu bekommen. 

Im Oktober 2020 ist der Band 6 der auf 10 Bände angelegten und von Volker Michels herausgegebenen großen Werkausgabe Die Briefe unter dem Titel „Große Zeiten hinterlassen große Schutthaufen“ erschienen. Über 500 Briefdokumente aus den Jahren 1940 – 1946, davon die meisten bisher unveröffentlicht, laden ein, den Dichter und sein Denken und Handeln vor allem während der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges und der Diktatur des NS-Regimes noch einmal neu kennenzulernen. Beginnend mit der Durchsicht und Überprüfung der Register des neuen Bandes. Was ist zu finden über Ulm, Neu-Ulm, Eugen Zeller, Eugen Link und Co.?

„Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden“, wie Hermann Hesse es in seinem wohl bekanntesten Gedicht zum Ausdruck bringt und wie es auch für die Freude am Suchen und Forschen gelten kann.        

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In der Folge für alle Interessierten eine Auflistung der verwendeten Schrifttumsarten und Recherchegattungen, sowie weiterer Hinweise.

  • Lokal- und Regionalliteratur 
  • Primär- und Sekundärliteratur zu Hesse (selbstständige und unselbstständige Literatur)
  • Archivalien
  • Bibliothekskataloge
  • Einsichtnahme von zum Thema passenden Systemstellen in Bibliotheken
  • Metakataloge  
  • Bibliotheksportale (KatalogPlus)
  • Landesbibliographien
  • Nationalbibliographien (i.d.R. die Kataloge der Nationalbibliotheken)
  • Fachbibliographien
  • Fachdatenbanken
  • Findbücher
  • Volltextdatenbanken urheberrechtsfreier Medienformen
    Beispiel: In den Digitalen Sammlungen der SLUB Dresden konnten erstmals Nachweise von bisher unbekannten Zeitungsartikeln rund um das Erscheinen von Hesses Erzählung Narziß und Goldmund im Jahre 1930 gefunden werden sowie weitere neue Quellen. Auch die Artikelkopie einer Rezension von Narziß und Goldmund ohne Quellenangabe konnte über die Dresdner Datenbank verifiziert sowie der in der Fachliteratur vermerkte Erscheinungsmonat Juli auf Anfang April korrigiert werden. 
  • Volltextdatenbanken Periodika
    Beispiel: Erstmaliger Nachweis von Lesungen in Prag 1905 und Wien 1912 über ANNO (AustriaN Newspapers Online)

3 Zeitungsartikel zu Hesses vermuteter Lesung am 12.11.1905 in Prag erstmals nachgewiesen. Hier: Prager Tagblatt vom 12.11.1905, S. 33.

  • Zentrale Nachweisportale (Zeitschriftendatenbank, Elektronische Zeitschriftenbibliothek, Datenbank-Infosystem)
  • Internetquellen
  • Suchmaschinen
    Beispiel: über Google erstmaliger Nachweis des Berichtes einer Zeitzeugin über eine Lesung Hermann Hesses während des zweiwöchigen Sommerkurses der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit im Schweizerischen Lugano am 21. August 1922. Der Dichter trug die zwei letzten Kapitel aus der zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichten indischen Dichtung Siddhartha vor sowie den Prosatext Bäume aus dem bebilderten Skizzenbuch Wanderung.                
  • Auswertung bisher unbekannter Quellen
  • Literaturverzeichnisse von Büchern, Aufsätzen u.a. 
  • Fußnoten 
  • Verwendung von Suchtechniken (Boolesche Operatoren u.a.)
  • Verwendung von Expertensuche, Advanced Search u.ä. 
  • Faktencheck
  • Beobachtung von Rezensionen (Perlentaucher u.ä.)
  • Themenzentrierte Aufmerksamkeit für Massenmedien
  • Literaturermittlung in vor-digitaler Zeit

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Haag, Jan; Köhler, Bernd Michael: Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt. Klemm + Oelschläger 2018

Limberg, Michael (Hrsg.): Autorenabende mit Hermann Hesse. Eine Dokumentation. Books on Demand 2016

Limberg, Michael: Hermann-Hesse-Literatur Jg. 1/2.1994/95 ff. Online-Ausgabe: Jahresverzeichnis der Hermann-Hesse-Literatur Jg. 1.1994 ff. http://hesse.projects.gss.ucsb.edu/publications/limberg.html

 

(*) Bernd Michael Köhler ist Bibliothekar, Buch- und Literaturliebhaber. Aufgewachsen am Fuße des Westerwaldes ist er seit einigen Jahrzehnten in der Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm beheimatet. Lebensbegleitend beschäftigt er sich mit Hermann Hesse, schreibt und fotografiert gerne.

Hermann Hesse und Ulm. Das Buch

Bis heute hat der aus dem lauschig-engen Calw stammende Dichter Hermann Hesse (1877 – 1962) ein großes Leserpublikum in Deutschland und der Welt. Er wurde und wird darüber hinaus als unangepasste Persönlichkeit, als Pazifist und Gegner des Naziregimes geschätzt. Nicht zuletzt links und rechts der Donau.

Die Stadt Ulm zählt inzwischen um die 120.000 Einwohner. Mit der bayerischen Nachbarstadt Neu-Ulm sind es nahezu 180.000. Viele Menschen lieben diese Städte, leben gerne hier, kommen als Touristen oder finden einen attraktiven Arbeitsplatz und bleiben auf Dauer.

Dass Hermann Hesse eine ganz besondere Beziehung zu Ulm (und zu Neu-Ulm) hatte, entdeckten die beiden Bibliothekare Jan Haag und Bernd Michael Köhler. Als sie der Sache intensiver nachgingen stießen sie auf bibliographische und archivarische Quellen die belegen, dass dieses Verhältnis Hesses zu Ulm, Neu-Ulm (und Blaubeuren!), zu Freunden und Bekannten in der Region, sehr viel weitreichender und vielfältiger war als es die bisher bekannten biographischen Publikationen wiedergeben. Ihre Recherche-Ergebnisse und die daraus resultierenden Erkenntnisse haben sie in einem kleinen Buch zusammengefasst, das bereits im letzten Herbst erschienen ist. 

“Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt”, stieß auf breites Interesse in Ulm und Umgebung, sowie darüber hinaus bei vielen die sich für diesen Schriftsteller und regionale Bezüge in der deutschen Literaturgeschichte interessieren. Die neuen Quellen, die die beiden Autoren entdeckten und auswerten konnten, fanden große Beachtung in der einschlägigen Hesseforschung. Der ausführliche bibliographische Anhang des Buches dokumentiert die gesamten ausgewerteten Quellen. Ein kleines, feines Weihnachtsgeschenk oder eine originelle Aufmerksamkeit zwischendurch für Literatur- oder Ulmfreunde. 

Kaufen Sie auf jeden Fall vor Ort in ihren lokalen Buchhandlungen. In Zeiten von lock downs können sie das bei den meisten online erledigen. Die entsprechenden Plattformen sind im Netz unschwer zu finden. Viele Buchhandlungen bieten daneben telefonische und E-Mail-Bestellungen an und haben Lieferdienste eingerichtet. 

Schwäbischen Geldbeuteln, die sich nur schwer öffnen, sei an dieser Stelle verraten: Das Buch ist in den Stadtbibliotheken Ulm und Neu-Ulm vorhanden und kann dort unter Beachtung der geltenden Regularien entliehen werden.

Haag, Jan; Köhler, Bernd Michael: “Seien Sie gegrüßt liebe Freunde in Ulm”. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt. Klemm+Oelschläger, 2018. Gebunden, 114 Seiten, Euro 12,80 ISBN 978-3-86281-132-8

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Eine Besprechung des Buches in der Ulmer Südwest Presse ist hier zu finden.

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Kurze Einblicke in den Text:

In seinem selbstironischen Reisebericht Die Nürnberger Reise berichtet Hermann Hesse von einer Lesung in Ulm im Jahr 1925. Haag/Köhler schildern wie es danach weiter ging:

“Nach der Lesung saß man bei der Familie von Lydie und Eugen Link in der Neutorstraße 7 mit dem Museumsleiter und einigen wenigen anderen beim Wein zusammen. Gut vorstellbar, dass noch ein Eugen dabei war. Eugen Zeller, der zudem ganz in der Nähe, in der Bessererstraße 9, wohnte. Eine solche vertraute und überschaubare Runde hatte Hesse frühzeitig in der für ihn typischen Weise eingefordert, wie einem Brief an Eugen Link vom 18. Oktober 1925 zu entnehmen ist: Den auftauchenden Vorschlag zu einem Bankett oder einem Zusammensitzen eines größeren Kreises nach dem Vortrag bitte ich unbedingt abzulehnen. Sonst riskieren Sie, daß Sie mich morgen in Ihrem Gastzimmer erhängt finden.

Vier Jahre später las der eigenwillige Hesse wieder in Ulm:

“Nach der Lesung 1925 im Museum mit seinem verhältnismäßig kleinen Veranstaltungsraum war der Wunsch entstanden, den Dichter erneut in Ulm zu erleben. Diesmal hatte man den deutlich größeren Saal angemietet, um den zu erwartenden Ansturm zu bewältigen. Dennoch musste erneut eine erhebliche Zahl Interessierter wieder nach Hause geschickt werden. Der übervolle Saal wurde als ein sprechender Beweis für das aufsteigende, kulturelle Interesse der Ulmer interpretiert. Auch Jacques Offenbachs Schöne Helena, die zur gleichen Zeit im städtischen Theater ihre Reize spielen ließ, konnte den Ansturm auf die Vorlesung literarischer Werke nicht mindern.”

Über Hesses eigene literarische Vorlieben ist unter anderem zu erfahren:

“Was Hermann Hesse und Eugen Zeller teilten, war ihre Leidenschaft für den Landsmann, unfreiwilligen Landpfarrer und Dichter aus Berufung, Eduard Mörike (1804 – 1875). Der Ulmer Lehrer (Zeller, J. H.) sammelte Bücher und Gegenstände aus dessen Nachlass. Hesse war sehr an diesen Devotionalien interessiert und wandte sich mit einer entsprechenden Bitte an den Freund. Ihrem Wunsche ein Mörike-Original zu besitzen, bin ich gerne zur Verfügung, war die Antwort. … Doch von den eigenen Schätzen gedachte er nichts abzugeben. Zeller vermittelte den Kontakt zu Fanny, der zweiten Tochter Mörikes, die zeitweise mit ihrem Mann in Neu-Ulm … “

 

Die Vergnügungen des Bertolt Brecht

Tema con variazioni

Zu finden ist es in Werk- und Einzelausgaben, in Sammelbänden und Anthologien. Es ist bekannt, beliebt und vielfach verbreitet. Das Gedicht Vergnügungen von Bertolt Brecht (1898 – 1956). Vor mir liegt das Suhrkamp Taschenbuch Bertolt Brecht: Hundert Gedichte. Ausgewählt von Siegfried Unseld. Aufgeschlagen ist Seite 164. Er hat es wohl 1954 geschrieben und seiner letzten Geliebten, der Schauspielerin Käthe Reichel gewidmet. Thematik und Struktur reizen ganz besonders zu persönlicher Interpretation. Deshalb gibt es heute auf con=libri zwei Variationen, zwei individuelle Versuche, die keinesfalls den Anspruch erheben, sich mit dem Original messen zu können.

I

Berner Weltmeisterjahrgang, beheimatet in der Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm, die Herzallerliebste eine Götterbotin, als Wörter- und Bildersammler unterwegs, erkundet lesend den Weltinnenraum, schreibt um sich zu durchqueren, bibliophilen Eskapaden nicht abgeneigt, lebensbegleitend: der Eremit aus Montagnola, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Die Variation von Diplom-Bibliothekar a. D. Bernd Michael Köhler:

Vergnügungen (Bertolt Brecht gewidmet)

Der erste Blick in ein neues Buch
Die wiedergefundene alte Schrift
Freundliche Gesichter
Stille, der Schatten an einem Sommertag
Die Zeitung
Der Schreibtisch
Der Buddha
Lesen, weiterlesen
Klangwelten
Radfahren
Begreifen
Bibliotheken, Briefe
Schreiben, Zuhören
Fotografieren
Philosophieren
Anders sein.

II

Wurzeln in der Goethestadt Ilmenau, längst in Ulm, dem umliegenden Oberschwaben und Westallgäu zuhause, mit steter Lust auf Abstecher nach Leipzig und Wien, Spaziergänger, Buchmensch, Leser und Schreiber. Die Variation von Jan Haag:

Freuden  (für Charlotte und Marie Luise)

Der erste Blick in die Zeitung am Morgen
Die nächsten Bücher
Der Wechsel der Jahreszeiten
Das frische Hemd

Nachdenken
Skepsis
Lesen dürfen
Schreiben können
Begreifen

Alte Musik
Andere Musik

Schlendern durch Gassen
An Fluss oder See sitzen
Kleine Fluchten
Ankommen

Lange Gespräche
Verstanden werden

 

 

Die Unschärfe der Welt

Über den neuen Roman von Iris Wolff

In der Erinnerung ist alles für immer aufgehoben, doch Gegensätze liegen so nah beieinander, dass sie manchmal, selbst wenn man sich mit bestem Gewissen auf die Wahrheit beruft, nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. (Iris Wolff: Leuchtende Schatten, S. 148)

Wie schwer es fällt, den Begriff Heimat zu verdeutlichen. Wie oft versagt Sprache bei der Verständigung. Wie missverständlich kann die Sprache der Liebe sein. Schweigen hingegen kann mitunter sehr aussagekräftig sein. Wie oft besteht zwischen den Generationen Unverständnis. Wie zuverlässig sind sichere Wahrheiten. Und wie verschwommen die Grenze zwischen Verwandtschaft und Wahlverwandtschaft.

Unschärfen der Welt begleiten Protagonisten und Leser durch den neuen Roman von Iris Wolff. Es ist ihr vierter.

Sehr viel Schnee fällt, als das junge Paar sein erstes Kind erwartet. Der Weg in die Klinik, ein Abenteuer. Das ist der spannende Einstieg in einen Roman der durchaus als traditionelle Familiengeschichte gelesen werden kann. Im Zentrum stehen Hannes und Florentine mit ihrem Sohn Samuel, der in einem strengen Winter um das Jahr 1970 im rumänischen Banat geboren wird. Hannes ist auf Umwegen lutherischer Pfarrer geworden. Die Familie gehört zur deutschsprachigen Minderheit. Eine von mehreren Minderheiten im totalitären Staat des Ceaușescu-Clans. Das Dorf liegt an der Marosch (Mureş, Maros, Mieresch), einem Fluss der knapp 800 Kilometer lang durch Rumänien und Ungarn fließt, bevor er in die Theiss mündet. Diesem Fluss kommt in Iris Wolffs Buch eine besondere Bedeutung zu.

Hannes Eltern, Karline und Johann, stammen noch aus der Zeit, als das Land eine Monarchie war. Karline versucht im kargen Kommunismus ihre großbürgerlichen Ideale aufrecht zu erhalten und verehrt in stolzer Treue den abgedankten König Michael. Die Eheleute Konstanty und Malva gehören zur slowakischen Volksgruppe und als reformierte Christen zur Gemeinde von Hannes. Ihre Tochter Stana und Samuel sind Sandkastenfreunde. Als Hannes Besucher aus Ostdeutschland im Pfarrhaus beherbergt, wird er von Konstanty bei der Securitate, der Staatssicherheit, angeschwärzt. Das gesellschaftliche Klima ist geprägt von einem Netz aus Überwachung, von gegenseitigem Misstrauen und Verleumdung.

Wahrheit und Klarheit, Scheitern und Gelingen, Vergangenes und Vergessenes, Erinnertes und Verändertes, die Menschen sind in ihren engen Lebenskäfigen gefangen. Was geschieht und einem selbst widerfährt, wird meist als schicksalhaft und unabänderlich ertragen. Auflehnung hat schwere Konsequenzen. Selten sind Versuche auszubrechen. Samuel wird es auf spektakuläre Weise versuchen und fliehen, Eltern, Freunde, Umfeld ohne Ankündigung und ohne Nachricht von seinem Verbleib verlassen. Damit beginnt für ihn eine Odyssee durch Orte und Regionen der Bundesrepublik Deutschland und die Freiheits- und Konsumverheißungen des Westens. Jahre später führt der Ausbruch an den Ausgangspunkt zurück. Manche Menschen mussten fortgehen, um diesen Ort zu finden, andere wiederum würden ihn nie finden, wenn sie fortgingen.

Iris Wolffs Buch ist ein Panorama über vier Generationen. Die charismatische Karline wird ihre Urenkel noch sehen. Sie durchlebt die Katastrophen und Kriege, die Systemwechsel und die damit verbundenen unterschiedlichen Wahrheiten, die Not und das Elend, Aufschwung und Zweifel – alles was das 20. Jahrhundert in die Geschichtsbücher eintrug.

Es gab verschiedene Einsamkeiten. Die des Berges, der schon immer da war. Die der offenen Landschaft und dem Gefühl des Verlorenseins. Die der Großstadt und ihrer Gleichgültigkeit. Es gab die Einsamkeit des Lehrerzimmers, der überfüllten Straßenbahn, der leeren Wohnung.

Foto: Wiebke Haag

Auch im neuesten Roman der Freiburger Schriftstellerin klingt wieder dieser ganz eigene Iris-Wolff-Ton an. Der besondere Stil, die Beobachtungsgenauigkeit und Beschreibungsfähigkeit. Iris-Wolff-Leser schätzen die Passagen reiner sprachlicher Schönheit, die Gedankenfülle und einfühlsame Melancholie. Im aktuellen Buch überrascht Wolff zudem mit einer pointiert ironischen Passage, in der sie den absolutistischen Conducător (zu deutsch: Führer) porträtiert und entlarvt. Unvergleichlich versteht es Iris Wolff detailgenau Alltägliches zu beschreiben. Essensgewohnheiten, Tagesrituale, Lebensformen, Arbeitsweisen, wie etwa Methoden der Wollreinigung. Schilderungen, die uns heutigen Lesern bereits exotisch vorkommen, andererseits vielleicht an die Erzählungen der eigenen Vorfahren erinnern. Und da ist diese naturnahe Poesie. Die Natur dient immer wieder einmal der Zeitzuordnung, sie ist Vergänglichkeitssymbol oder Ausdruck von Stetigkeit.

Die Wiese war septemberwarm, die Bäume lagen im Dunkeln, nur ein wenig Mondsilber in den Ästen … – … Das Gemüsebeet lag in der Sonne, Paprika reiften neben Tomaten, grüne Bohnen neben Zucchini, Wassermelonen lagen auf der Erde. Sie waren so groß, dass sie ins Haus gerollt werden mussten.

Erzählt wird aus wechselnden Perspektiven, in jedem Kapitel steht eine andere Figur im Mittelpunkt. Wie bereits in So tun, als ob es regnet sind die Kapitel novellenartig gestaltet, entsprechend stehen jeweils markante Ereignisse im Zentrum. Der tragische Tod eines Jugendlichen. Das Erwachen sexueller Gefühle zwischen Samuel und Stana (vielleicht die poetischsten Passagen des Buches). Die Flucht Samuels oder, wie im Schlusskapitel, der Tod der Patriarchin Karline.

Die Unschärfe der Welt ist ganz nebenbei ein Roman literarischer Anspielungen und Verweisungen. So wird Samuels Freund Oswald Oz gerufen, ein Spitzname der sich natürlich auf den legendären Zauberer bezieht. Mit der Zauberei kommt übrigens ein Element ins Spiel, das gegen Ende des Buchs einen speziellen Akzent setzen wird.

Dass der 16-jährige, der beim Schwimmen in der Marosch so unglücklich ums Leben kommt, Echo gerufen wird, lässt Thomas-Mann-Kenner aufhorchen. Echo wurde ein kleiner Junge genannt, der eigentlich Nepomuk Schneidewind hieß, und den Thomas Mann in seinem Doktor Faustus so qualvoll an Meningitis sterben lässt. Dem Leser werden die Einzelheiten des Sterbeprozesses nicht vorenthalten und Iris Wolff, die nicht so weit geht wie der Nobelpreisträger, spart ebenfalls nicht mit den Details eines sinnlosen Todes. Einschließlich einer ausführlichen Darstellung der Beerdigungszeremonie mit ihren tradierten Ritualen.

Und auf einer Insel vor der deutschen Küste treffen wir Bene wieder, einen der Besucher, die vor vielen Jahren im Banater Pfarrhaus zu Gast waren und der inzwischen Inhaber einer kleinen Buchhandlung geworden ist. Mit seinen ausgewählten Empfehlungen verführt er seine Kundschaft zu Leseerlebnissen, die über das vielgefragte, vielgekaufte Belletristische hinausgehen. DDR-Literatur etwa, Wolf natürlich, aber auch Johnson und Fries. Literatur aus Osteuropa, Pastior, Banffy und Marai. Welchen Wert hatten Buchhandlungen sonst, als dass man persönliche Empfehlungen erhielt? Eine als Frage verkleidete Feststellung, die ebenso sicher im Sinne der Verfasserin von Die Unschärfe der Welt ist, wie der eine oder die andere der empfohlenen Autoren und Autorinnen zu ihren Lektüren gehören dürften.

Für Anfänge musste man sich entscheiden. Enden kamen von allein, wenn  man sich nicht entschieden hatte.

Am Ende von Iris Wolffs neuem Roman schließt sich der Kreis. Was uns Wolff-Lesern und -Leserinnen so wichtig und wertvoll geworden ist, dass wir uns über jede neue Variante ihres Urstoffes freuen, trägt andererseits dazu bei, dass sie nicht dieselbe Publikumsbreite erreicht wie andere Schreiber und Schreiberinnen ihrer Generation. Hier geht es eben nicht um hippe Metropolen, um das Lebensgefühl, die Irrungen und Wirrungen westlicher Großstädter, nicht um die Fensterformen in der Bundeshauptstadt. Im Mittelpunkt steht die deutsche Minderheit in Rumänien, stehen Dörfer, kleine Städte, einsame Landschaften des Banat. Lebensläufe, Schicksale von Menschen in Europas Osten, die durch weltgeschichtliche Willkür am Rande gelandet sind. Iris Wolff schreibt Literatur, die sich Strömungen verweigert. Zeitlos und zauberhaft.

Iris Wolff und ihr Werk wurden in den letzten Jahren mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Jetzt steht Die Unschärfe der Welt auf der Longlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis.

Wolff, Iris: Die Unschärfe der Welt. Roman. Klett-Cotta, 2020. Euro 20. – (Auch Hörbuch und E-Book erhältlich.)

Zehn zahme Ziegen zogen zehn Zentner Zucker zum Zoo

Von Zungenbrechern und einer Wunderkammer

Vor den coronabedingten Einschränkungen war ich in einer Kita Lesepate und Vorleser. Eine Aufgabe die mir viel Freude gemacht hat. Bevor ich den Kindern ein weiteres Kapitel aus der Kleinen Hexe, dem Räuber Hotzenplotz oder von Urmel aus dem Eis vorlas, trug ich meist ein lustiges (manchmal auch ein ernstes) Gedicht vor, das wir dann zusammen nachsprachen – mal schell und mal gaaanz laaangsam. Hin und wieder wählte ich an Stelle des Gedichts einen Zungenbrecher.

Etwa den Klassiker: Fischers Fritz fischt frische Fische, frische Fische fischt Fischers Fritze.

Ich sprach es den Vier- bis Sechsjährigen vor und ließ sie dann selbst wiederholen, so lange bis es einigermaßen korrekt klang. Oder eben nicht. Sondern wie Kauderwelsch oder wie mit der heißen Kartoffel im Mund. Ein Riesenspaß!

Auf der Suche nach neuen unsinnigen Lautmalereien machte ich das was heutzutage alle so machen würden. Ich gab in den Googleschlitz zunächst „Zungenbrecher für Kinder“ ein, später, das Ergebnis dieser ersten Suche war mager, beließ ich es beim allgemeinen „Zungenbrecher“. Die Trefferquote blieb spärlich und beschränkte sich fast ausschließlich auf Altbekanntes.

Entfallen war mir, dass, was mir weiterhelfen konnte, längst im heimischen Bücherregal wartete. Als es mir wieder einfiel, fand ich, dank konsequenter grobsystematischer Ordnung, inmitten der kleinen Abteilung „Sprache und Schreiben“ Die Wunderkammer der Deutschen Sprache. Ein wahrer Hausschatz, ein Schatzkästchen, das ultimative Werk für Menschen, die ihre Ausdrucksfähigkeit zu mehr als Imbissbudenbestellungen oder Fangesängen nutzen möchten.

Zungenbrecher gibt es auf den Seiten 140 und 141. Hier einer der kürzeren: Brauchbare Bierbrauerburschen brauen brausendes Braunbier.

Was diese Wunderkammer ausmacht, was sie bietet, womit sie lockt und reizt, erklärt ihr Untertitel: Gefüllt mit Wortschönheiten, Kuriositäten, Alltagspoesie und Episoden der Sprachgeschichte. Die logopädischen Stabreimereien machen nur eines der vielen erstaunlichen Kapitel des Buches aus. Über zwanzig verschiedene Kategorien werden geboten. Von der Alchemie des Deutschen, über Liebesbekundungen bis Zitate und, ja, eben Zungenbrechern. Im Detail finden sich originelle Sammlungen und kuriose Blickwinkel auf ein Deutsch, das aus dem Sprachbewusstsein und der Alltags-Kommunikation nahezu verschwunden ist.

Foto: Bernd Michael Köhler

Vergleichen wir doch einmal den Wortschatz der DDR mit dem des Großdichters Johann Wolfgang Goethe. Ergebnis: Es gibt keine Schnittmenge. Und wer weiß denn auf Anhieb, was Palindrome sind? Wörter, Sätze, die man von vorne und von hinten lesen kann und es bedeutet immer dasselbe: Rentner, Marktkram … Lagertonnennotregal … Lag er im Kajak? Mir egal! (Die Satzzeichen bleiben unberücksichtigt.)

Die Wunderkammer bietet kulinarische Aufklärung. Man erfährt – so man es denn wirklich wissen will – was es mit den Schillerlocken auf sich hat und warum bei Eisbein warme Socken nutzlos sind. Wollte ich schon immer die zehn Lieblingswörter der Schriftstellerin Karen Duve kennenlernen? Eigentlich nicht zwingend. Doch nun weiß ich, dass Badezimmerobst, Rokokokröte und Tollpatsch dazu gehören.

Vermutet hatte ich es längst, in der Wunderkammer finde ich es fundiert belegt. Das erste große Wörterbuch der Deutschen Sprache stammt nicht von den Grimms. Sondern von Johann Christoph Adelung (1732 – 1806). Erschienen in den Jahren 1774 bis 1786, fünf Bände mit 60.000 Artikeln, die Herkunft, Bedeutung und Verwendung der Worte erläutern. Der ehrgeizige Wilhelm (1786 – 1859) und der etwas verträumte Jacob (1785 – 1863) haben das natürlich übertreffen müssen: 33 Bände umfasst das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm.

34.000 Seiten, 350.000 Stichworte und 600.000 Belegzitate. Jahrzehnte waren sie damit beschäftigt. Zur Erholung und zum Ausgleich sammelten sie in Kassels Umgebung Märchen, die nach heutigem Stand der Literaturpädagogik für kleinere Kinder nicht geeignet sind. Verbissen arbeiteten sie Jahrzehnte an ihrem Vorhaben ohne ans Ziel zu kommen: dem Zypressenzweig. Es waren weitere Generationen von germanistischen Wortsammlern am Werk, bevor endlich der letzte Band im Jahr 1961 in den Bibliotheken stand. (Längst gibt es Neuauflagen und Nachbearbeitungen.)

Heutigen Autoren und Autorinnen sei empfohlen gelegentlich bei den Grimms nachzuschlagen und die eigenen mageren Auslassungen mit saftigen Fundstücken aus der Grimm‘schen Wortwelt zu bereichern: Blitzzwiebelblau, busenwarm, Galanteriewarenhändler, Tollhausbibliothekar, lusttaumelnd, Quetschgesicht, wuppsen.

Jetzt ist es ja so, – und das nicht erst seit Corona – dass die Heimatzeitungen inhaltlich starken Abmagerungserscheinungen ausgesetzt sind. Je mehr die hauseigenen journalistischen Beiträge schwinden, umso kurioser die Versuche ohne Aufwand Fülle herzustellen. Seiten voller Grüße der Enkel an die Großeltern und umgekehrt, Geschichten, die die Leser und Leserinnen selbst schreiben müssen, Belanglosigkeiten und überdimensioniertes Bildmaterial statt recherchierter Berichte und wohl wägender Kommentare.

Dass in Zeiten von Home Office und in der eigenen Familie gestrandeten Kindern, die von didaktisch defizitären Eltern im Home Schooling traktiert werden, die Kinderseiten der gedruckten Tageszeitungen eine Renaissance erleben, gehört sicher zu den nicht ganz unerfreulichen Erscheinungen der Pandemie. Und siehe, war da dieser Tage in meinem Leib- und Lokalblättchen tatsächlich eine kwietschbunte Seite im traditionellen Großformat gefüllt mit Zungenbrechern zu entdecken.

Wie diesem typischen Beispiel: Putzige Pinguine packen pausenlos Pralinenpakete.

Noch ein letztes Mal zurück in die Wunderkammer und hinein in den Wortschatz der DDR. Der Einheitspartei war bereits damals die Einsickerung englischsprachiger Ausdrücke in die deutsche Sprache ein Dorn im Auge, insbesondere jenem der Volksbildungsministerin Margot Honecker. So wurde aus „Bodybuilding“ das klangschöne „Körperkulturistik“ und aus „Darts“ ein simples „Wurfspiel“. Die Frau Ministerin ihrerseits wurde angesichts der meist blau-violett schimmernden Haare als „Blaue Eminenz“ verhohnepiepelt.

Die Wunderkammer der Deutschen Sprache wurde von Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer herausgegeben, die auch die kongeniale Auswahl besorgten. Sie wurde von 2xGoldstein (Rheinstetten) aufwändig gestaltet und ausgestattet, zweifarbig gedruckt und in Leinen gebunden bei Ebner & Spiegel in Ulm. Das 300 Seiten umfassende Werk liegt mir in der zweiten Auflage von 2020 vor. Es hat einen angemessenen Preis.

Böhm, Thomas; Pfeiffer Carsten (Hrsg.) Die Wunderkammer der Deutschen Sprache. Gefüllt mit Kuriositäten, Alltagspoesie und Episoden der Sprachgeschichte. – Berlin : Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, 2. Aufl. 2020

 

(Der Verlag ist Preisträger des Deutschen Verlagspreises 2020)

P.S.: Zungenbrecher entfalten ihre volle Wirkung am besten, wenn man sie mehrmals schnell hintereinander spricht.