Allegro con fuoco

Über Katharina Mevissens Roman Ich kann dich hören

Osman spielt Cello. Osman spielt Fußball. Osman hält sich von seinem Vater fern. Dabei verbindet gerade Musik und Musizieren die beiden. Allerdings ist dies auch genau das was der Sohn dem Vater vorwirft.

Bereits mit vier Jahren lernt das Kind eines türkischstämmigen Cellisten und einer Mutter, die längst aus seinem Leben verschwunden ist, das Cellospiel. Mit Mitte zwanzig gehört er zu den aussichtsreich Fortgeschrittenen an der Musikhochschule. Nur er selbst zweifelt immer mehr an seinen Fähigkeiten und Perspektiven. Geradezu kämpferisch setzt er sich mit dem dritten Satz von César Francks Sonate für Violine (hier in einer Fassung für Cello) und Klavier in A-Dur Recitativo Fantasia. Moderato auseinander. Er hält das Scheitern an dieser schwierigen Passage für den schicksalhaften Hinweis auf mangelnde Eignung für eine Laufbahn als Musiker.

Foto: Cello study von Michael Maggs

Mit Tante Elide versteht sich Osman gut, sie ist Mutterersatz, wird ihn jedoch bald Richtung Türkei verlassen. Und er fühlt sich zur WG-Mitbewohnerin Luise hingezogen. Dann lernt er eines Tages auf kuriose Weise ein anderes Mädchen kennen. Zunächst nur ihre Stimme. Die Stimme einer jungen Frau auf einem gefundenen Tonband, die sich mit ihrer Schwester unterhält. Einer Schwester die, wenn überhaupt, mit Geräuschen und merkwürdigen Tönen antwortet. Jo ist gehörlos. Eine Konstellation die Osman anzieht. Er verliebt sich in Ellas Stimme. 

Nicht ganz problemlos gelingt es ihm eine Verabredung zu arrangieren. Während sie redet, sehe ich sie kaum, ich höre sie, diese vertraute Stimme. Ich will sie sofort berühren, umarmen und festhalten, aber sie gehört zu einer komplett fremden Person … Die geträumte Annäherung Osmans an die oft Gehörte scheitert, sich zu hören ist keine ausreichende Basis für eine echte Beziehung. Nicht nur die äußeren Welten der beiden sind zu verschieden. Von der intimen Kommunikation die Ella und Jo verbindet bleibt er ausgeschlossen. 

Jo schließlich möchte gar nicht hören, eine dafür notwendige Operation verweigert sie. Dazu Ella: Und dann Jos Gesicht vor zwei Wochen, als wir aus der Klinik in Eppendorf kamen, nachdem sie die Behandlung abgebrochen hatte: wie ihre Augen geleuchtet haben, ihr ganzes Gesicht.

Katharina Mevissen hat einen Roman über Musik und einen begabten jungen Musiker geschrieben, einen Roman über die Suche nach eigenen Wegen und Ausdrucksformen. Über Herkunft und Identität. Und einen Roman darüber was Menschen verbindet, nicht selten jedoch auf fast tragische Weise trennt: Die verschiedenen Formen von Sprache. 

Neben der Musik spielen in ihrem Buch menschliche Verständigungsmöglichkeit und -unmöglichkeit eine zentrale Rolle, exemplarisch zugespitzt in der Figur des gehörlosen Mädchens. Eine Konstellation die so in der erzählenden Literatur möglicherweise einmalig ist. Sie ist eingebettet in eine originelle, fesselnde Geschichte mit wohltuend ambivalenten Protagonisten. Mevissen gelingt ein sprachliches Klangbild das manchmal wohltönt und gelegentlich schräg bis kakophonisch wirkt

Copyright by Denise Sterr

Erfreulich, dass junge deutschsprachige Literatur entsteht deren Schauplätze und Themen abseits der üblichen Berliner Gentrifizierungs-Brennpunkte liegen. Ich kann dich hören spielt in Hamburg und Essen. Neben der erwähnten Sonate von César Franck und einigen anderen Musikstücken, kommen dem Cello-Konzert von Dvorak (eines meiner absoluten Lieblingsstücke!) und Tracy Chapmans At this Point in My Life im Buch eine wichtige Rolle zu. Sehr gut konnte ich mich mit Osmans Abneigung gegen diese optimistische Kuschelmusik identifizieren, also jenen penetranten Klangteppich, der uns beinahe allerorten durch den Alltag begleitet.

Katharina Mevissen betritt frisch und forsch die Literaturszene. Nach dem Studium der Kulturwissenschaft und transnationalen Literaturwissenschaft in Bremen absolvierte sie eine Drehbuch-Ausbildung in Berlin. Sie war Böll-Stipendiatin und erhielt für das Manuskript des vorliegenden Romans das Bremer Autorenstipendium. Mit seinem ausgezeichneten Gespür für das Besondere hat sich der Wagenbach-Verlag Autorin und Buch angenommen. Sorgfältig gesetzt, und gedruckt bei Pustet findet es hoffentlich engagierte Menschen in Buchhandlungen, Lesekreisen und Bibliotheken, die es möglichst vielen Kunden und Lesern empfehlen. Die Autorin ist Mitinitiatorin des Projekts handverlesen das Literatur im Wortsinne in die Hand nehmen möchte, durch übersetzen, vermitteln und verbreiten von Literatur in deutscher Gebärdensprache.

Natürlich wusste ich nicht, dass es für Gehörlose in Deutschland keine Möglichkeit gibt auf Universitätsniveau zu studieren. Im Roman von Katharina Mevissen erfährt man es, wie manches andere, was man über Gehörlosigkeit und die Betroffenen nicht weiß.

Mevissen, Katharina: Ich kann dich hören. Roman. – Verlag Klaus Wagenbach, 2019

Das Projekt handverlesen

Reise ins Innere. Karl May und Hermann Hesse

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler

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Lieber Leser, weißt du, was das Wort Greenhorn bedeutet? – – eine höchst ärgerliche und despektierliche Bezeichnung für denjenigen, auf welchen sie angewendet wird.
(Karl May: Winnetou I)

Das Landhaus Erlenhof lag nicht weit vom Wald und Gebirge in der hohen Ebene.
Vor dem Hause war ein großer Kiesplatz, in den die Landstraße mündete.
(Hermann Hesse: Heumond)

Dies waren die ersten Zeilen, die ich von Karl May (1842-1912) und Hermann Hesse (1877-1962) gelesen habe. Karl May lernte ich im Alter von 12 Jahren in der Gestalt von Old Shatterhand in seiner Reiseerzählung Winnetou I kennen. Und ich war 17, als mir ein Fischer-Taschenbuch mit grünem Einband in die Hände fiel. Es trug den verlockenden Titel Schön ist die Jugend, enthielt die Erzählungen Heumond, Schön ist die Jugend und Der Zyklon und war von Hermann Hesse.

Der Abenteuerschriftsteller Karl May bescherte mir unzählige selige Lesestunden, in denen ich in eine komplett andere Wirklichkeit abtauchen konnte und wie der Autor selbst in einen Wunscherfüllungsrausch verfiel, der die Rückkehr in die Realität meiner Kinder- und Jugendjahre nicht immer leicht machte. Am Ende dieses Lesemarathons hatte ich alle damals erschienenen Werke Karl Mays einschließlich des Spätwerks regelrecht verschlungen- es dürften so um die 70 Bände gewesen sein.

In der Gemeindebücherei meines Heimatdorfes standen die Gesammelten Werke im Regal- es handelte sich um die berühmten grünen Bände des Karl-May-Verlages. Ich gehörte zu den eifrigsten Nutzern der kleinen Bibliothek. Zu Geburtstagen und an Weihnachten bekam ich einzelne Titel der Sonderausgabe des Wiener Tosa-Verlages geschenkt, die damals u.a. vom Kaufhof vertrieben wurden. Es waren Höhepunkte meines frühen Leselebens, wenn ich in der nahegelegenen Stadt vor den Kaufhof-Regalen stand und mir einen Karl May aussuchen durfte. In seltenen Fällen hatte ich mir vom kargen Taschengeld einen Band abgespart, den ich dann in Verbindung mit einem heftigen Ausstoß von Glückshormonen höchstselbst käuflich erworben habe.

Hermann Hesse schließlich wurde einige Jahre später zu meinem lebensbegleitenden Lieblingsdichter. Die Entdeckung des Hesse-Kosmos glich einer Entdeckungsfahrt ins Innere der Seele. Vieles von dem, was ich dort nach und nach vorfand, betraf mich direkt, schien wie für mich geschrieben. Eine Lesewirkung, die unter jugendlichen Hesse-Lesern weit verbreitet war. Ob sie es auch heute noch ist? Ob es denn im 21. Jahrhundert überhaupt noch eine nennenswerte Anzahl von Hesse-Lesern in der jüngeren Generation gibt?

Kurze Zeit nach der Initialzündung durch die Verheißung Schön ist die Jugend schenkten mir meine Eltern die 12-bändige Werkausgabe der Gesammelten Werke. Es war das kostbarste, folgenschwerste Geschenk, das ich je von meinen Eltern erhalten habe. Ich bin ihnen für immer dankbar dafür, zumal es ihnen schwergefallen sein dürfte, das nötige Geld für über 6000 Seiten Buch aufzubringen. In der Folge habe ich in vergleichsweise kurzer Zeit die 12 blauen Bände vom Auftakt in Band 1 (Einem Freunde mit dem Gedichtbuch) bis zum Schlussakkord in Band 12 (Ende einer Bücherbesprechung) gelesen- in jugendlichem Eifer und entflammt von der Brisanz und Kraft der Texte. Oft gerieten die Lektürestunden zu ausgesprochenen Lesefeiern, die ich zelebrierte wie ein geistiges Ritual.

Im Band 12 der geliebten blauen Bände (Schriften zur Literatur II) ist als letzte von Hesses Buchbesprechungen die Erzählung Abschied von den Eltern von Peter Weiss (1961) abgedruckt. Hier schließt sich für mich der Kreis um meine Geschichte der Hermann-Hesse-Werkausgabe, musste doch auch ich Abschied nehmen von meinen beiden Eltern, den Portalfiguren meines Lebens (Peter Weiss).

Nun, ich kenne ihn [Karl May] jetzt, und empfehle seine Bücher den Onkeln von Herzen, die der Jugend Bücher schenken wollen. Sie sind phantastisch, unentwegt und hanebüchen, von einer gesunden, prächtigen Struktur, etwas völlig Frisches und Naives, trotz aller flotten Technik. Wie muss er auf die Jungen wirken! Hätte er doch den Krieg noch erlebt und wäre Pazifist gewesen! Kein Sechzehnjähriger wäre mehr eingerückt. (Hermann Hesse 1919 nach der Lektüre von Schatz im Silbersee und Von Bagdad nach Stambul in der Neuen Zürcher Zeitung vom 13.07.1919.)

Der Volksschriftsteller Karl May und der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse lebten und arbeiteten ohne Zweifel in vollkommen verschiedenen Welten. Trotzdem gibt es, wenn man die oberen Schichten abträgt, bedeutende Gemeinsamkeiten, die Hartmut Wörner in seiner Studie Seelenbrüder akribisch herausgearbeitet hat. Danach diente die polare Struktur des Menschseins und der Welt, in wir leben, beiden als Grunderkenntnis, von der aus sie ihre Geschichten entwickelten. Hesses großes Thema der Individuation mit dem Ziel der Integration der Gegensätze entspricht bei May die Entwicklung des Einzelnen hin zur Überwindung des negativen Pols, des Bösen.

Beiden gemeinsam ist eine im weitesten Sinne ethisch-spirituelle Grundierung all ihren Denkens und Tuns. Während Mays Helden aus einer rigid christlich-mystischen Gesinnung heraus agieren, durchzieht Hesses Werk vor dem Hintergrund seiner pietistischen Herkunft eine überkonfessionelle, an das indische und vor allem chinesische Denken angelehnte Spiritualität. Es wundert nicht, dass sich daraus bei beiden eine pazifistische Grundhaltung manifestierte- bei Hesse sehr früh am Beginn des Ersten Weltkrieges, bei May spätestens in seinem Alterswerk ab ca. 1899.

Der Sofien-Saal zu Wien um 1900

In einzigartiger Weise hat Hermann Hesse sein Schreiben als Selbsttherapie betrieben. Seelisches und körperliches Leiden am Leben veredelte er zu Literatur. Karl May wiederum hat die Wunscherfüllungsfunktion von Literatur als Autor geradezu perfektioniert- in seinem Werk und in seiner vorgetäuschten Identität als Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi in der realen Welt, die er erst nach seiner Orientreise 1899/1900 aufgab. Beiden gemeinsam ist eine komplizierte psychische Struktur, die Kompensationen geradezu lebensnotwendig machte. Die Reise ins Innere hat dabei zu sehr unterschiedlichen literarischen Resultaten geführt, in der Selbsterforschung und der Verwandlung von Gelebtem und nicht Gelebtem in packende Geschichten sind sich die Schriftsteller aus Radebeul und Montagnola auf einer tiefen Ebene nahe.

Getroffen haben sich die zwei Schriftsteller in den Jahren, in denen eine Begegnung hätte stattfinden können, wohl nie. Hartmut Wörner hat in seiner Studie Kirchheim unter Teck als den Ort genannt, wo sich die Wege beider um die Jahrhundertwende hätten kreuzen können. Darüber hinaus kann nun mitgeteilt werden, dass Karl May und Hermann Hesse sich im März 1912 nachweislich zur gleichen Zeit in derselben Stadt aufgehalten haben: in Wien. May hielt bei seinem letzten öffentlichen Auftritt am 22. März vor einem ca. 2000-köpfigen Publikum (darunter u.a. Bertha von Suttner, Georg Trakl, Karl Kraus und Heinrich Mann) im Sofiensaal seine berühmte Rede Empor ins Reich der Edelmenschen! Von Mittwoch, 20. März bis Sonntag, 24. März logierte er mit seiner Frau Klara im Wiener Hotel Krantz. Zurück in Radebeul starb Karl May wenige Tage später am 30.03.1912.

Hesse war wegen Lesungen in Brünn (22.3.) und Wien (23.3.) in die Kaiserstadt an der Donau gereist. Unterbrochen von dem Abstecher nach Brünn weilte Hermann Hesse vom 19. März (Dienstag) bis 25. März (Montag) in Wien. Vor seiner Abreise hatte der Dichter am Sonntag in der Hofoper noch eine Nachmittagsvorstellung von Mozarts Zauberflöte besucht. Gut möglich, dass Hesse bei einem seiner Stadtrundgänge eines der vielen großformatigen Plakate oder einen Aushang gesehen hat, auf denen für Mays Vortrag geworben wurde. Am Vortragsabend selbst stand auch Hesse am Vortragspult, allerdings im nur wenige Bahnstunden entfernten Brünn. Jedenfalls waren sich die beiden Schriftsteller räumlich wohl nie so nahe wie in diesen Wiener Tagen im Frühjahr 1912. Geistig waren sie es bei den von Wörner nachgewiesenen Gemeinsamkeiten auf jeden Fall – unabhängig von Ort und Zeit.

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Karl May: Die Gesammelten Werke des Karl-May-Verlags (94 „grüne Bände“) sind weiterhin lieferbar. Seit 1987 erscheint zusätzlich die Historisch-kritische Ausgabe (seit 2008 im Karl-May-Verlag). Preisgünstige Ausgaben werden von diversen Verlagen vertrieben. 

Hermann Hesse: Die Sämtlichen Werke (20 Bände + Registerband) sind ebenso wie etliche Einzelausgaben und Sammlungen bei Suhrkamp/Insel erschienen.

Wörner, Hartmut: Seelenbrüder. Eine Studie zu Karl May und Hermann Hesse. Hansa Verlag 2015 (nicht mehr lieferbar).

AusLese 2018. Der zweite Teil

Deutsches Haus. Wir sind in den 1960er Jahren der jungen deutschen Republik. Männer tragen Nylonhemden und Frauen brauchen um berufstätig sein zu dürfen die Zustimmung von Vater oder Ehemann. Eva Bruhns ist Dolmetscherin für Polnisch. Als in Frankfurt Auschwitz-Prozesse stattfinden ist ihre Mitarbeit vor Gericht gefragt. Deutsches Haus heißt die Gaststätte der Eltern, die von den Plänen ihrer Tochter ebenso wenig begeistert sind wie ihr Verlobter. In einem schmerzlichen Prozess geht Eva ihren Weg. Annette Hess hat ein fesselndes Zeitporträt geschrieben in dessen Mittelpunkt eine junge Frau steht, die erstmals mit der Nazivergangenheit ihrer Elterngeneration konfrontiert wird und vor konfliktreichen Weichenstellungen steht. Die routinierte Drehbuchautorin (Weissensee, Kuhdamm 56 und 59) hat einen ebenso mitreißenden wie informativen Roman geschrieben, der auf seine Verfilmung wartet. Mein Fazit: Unterhaltsam, aufklärend, ein tolles Frauenbuch das nicht zuletzt männliche Leser faszinieren wird. Starke Empfehlung.

Hess, Annette: Deutsches Haus. Roman. – Ullstein, 2018. Euro 20.

Fräulein Nette. Wieder ein umfangreiches Stück erzählte Literaturgeschichte. Ein rechter Besen ist sie, diese angehende westfälische Dichterin und Adelige Annette von Droste-Hülshoff. Eine intelligente, eigenwillige Frau, die lieber Mineralien ausbuddelt als den gesellschaftlichen Gepflogenheiten Rechnung zu tragen. Der Göttinger Poet Heinrich Straube, zu Gast auf dem Hof der Eltern, ist von ihr hin und weg und auch sie ist nicht ganz abgeneigt. Doch wahre Liebe und ausgeprägter Eigensinn haben es nicht leicht in diesen Kreisen und Zeiten des 19. Jahrhunderts. Karen Duve erzählt realistisch und mit trockenem Humor von der Liebes- und Lebenskatastrophe der Annette von Droste-Hülshoff. Mein Eindruck: 560 Seiten nicht ohne Längen, dennoch für Freunde der Literaturgeschichte undoder des historischen Romans ein Fastmuss.

Duve, Karen: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Roman. – Galiani, 2018. Euro 25.

Ein irischer Dorfpolizist. Ein Krimi? Mehr als das. Eindringliches Porträt der irischen Provinz und seiner Bewohner. Eine ganz besondere Kriminal- und Seelengeschichte in die der behäbige, dickleibige Sergeant PJ Collins da gerät. In Duneen, das wirklich  am Arsch der Welt liegt, hofft nicht nur er auf etwas Sinn, Erfüllung und Liebe im eintönigen Dasein. Dass auf einer Baustelle ein Skelett gefunden wird, bringt jedoch nicht nur die erwünschte Abwechslung in den Alltag der Einheimischen. Der Fund reißt vielmehr alte Wunden auf und stürzt Collins und die anderen Protagonisten in einen Strudel der Wirrnisse und Lebenswenden. Literarisches Debüt des britischen Talkmasters Graham Norton. Glänzend geschrieben, wandelt das Buch auf schmalem Grat zwischen menschlichen Dramen, Spannung und Provinzposse. Fazit: Bitte mehr von Sergeant Collins und den anderen!

Norton, Graham: Ein irischer Dorfpolizist. Roman. – Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2018 (Dt. Originalausgabe 2017 bei Rowohlt.) Euro  12.

Eifersucht. Zweiter Fall der Münchener Rechtsanwältin Rachel Eisenberg von Meister Andreas Föhr, der mit seinen skurrilen Bergkrimis schon länger einen guten Ruf bei Lesern die das Besondere schätzen genießt. Seine neue Protagonistin ist ganz in der Weltstadt mit Herz und krimineller Energie verwurzelt. Eike Sandner soll ihren Lebensgefährten in die Luft gesprengt haben. Sie beteuert ihre Unschuld. Das ist schwer zu glauben. Die Indizien wiegen schwer. Doch nach und nach kommt Rachel Eisenberg einem weit verzweigten Komplott auf die Spur. Solide deutsche Spannungskost, die die gewünschte Dosis Atemlosigkeit erzeugt. Fazit: Einmal eingetaucht in die Geschichte, sollte man nichts anderes mehr vorhaben.

Föhr, Andreas: Eifersucht. Ein neuer Fall für Rachel Eisenberg. Knaur, 2018. Euro 14,99.

Mexikoring. Achtung starker Tobak. Dass in Hamburg und anderswo immer wieder Autos brennen ist kriminelle Tat und gesellschaftliches Symptom zugleich. Hier Aufklärung zu leisten, Täter zu identifizieren, das allgegenwärtige Zwielicht zu durchleuchten, ist die richtige Herausforderung für die Staatsanwältin mit amerikanischem Vater Chastity Riley und die Crew von Hamburger Polizisten um sie herum. Keine dieser handelnden Personen entspricht bürgerlichen Normen und Idealvorstellungen und ist weit davon entfernt dies anzustreben. Sie arbeiten hart, pflegen und begießen ihre irritierten Egos vorzugsweise in den Kneipen und Kaschemmen St. Paulis. Chas geht voran, folgt der Spur des verbrannten Nouri in die Welt arabischer Clans und Familien, deren Mitglieder in der Mehrzahl aus Intensivtätern bestehen. Der Weg zu ansatzweisen Erfolgen ist mit persönlichen Opfern, mit Verletzungen an Seele und Körper gepflastert. Zwischenmenschliche Beziehungen sind kompliziert und selten von Dauer. Liebe eine fragwürdige Vokabel. 

Simone Buchholz hat für ihre hochaktuellen Gesellschaftsromane mit Krimihandlung eine ganz eigene Sprache gefunden. Zupackend, originell, zielgenau. Ein junger Mann, eine junge Frau, beide am Rande der Gesellschaft aufgewachsen, haben sich in Hamburg wiedergefunden und fühlen sich einander nahe und verbunden: ... sie stand auf und zog sich aus, so war sie eben, so war sie schon immer gewesen, es interessierte sie einen Scheiß, was andere dachten, und als sie ihre Klamotten zu Boden fallen ließ, vibrierte in der ganzen Stadt der Stahlbeton. Sie sah aus wie eine Kriegerin. Man muss die Bücher der Simone Buchholz und ihren Ton nicht mögen, doch wer ihnen einmal verfällt … Meine Reaktion: Begeisterung. Mein Urteil: Literatur pur.

Buchholz, Simone: Mexikoring. Kriminalroman. – Suhrkamp, 2018. Euro 14,95.

AusLese 2018. Der erste Teil

Höchste Zeit wieder einmal hinzuschreiben was das zurückliegende Jahr an neuen Büchern und guten Geschichten auf die Auslagetische der Buchhandlungen gelegt hatte. Dafür heißt es Anlauf zu nehmen, warten bis Worte und Sätze zu sprudeln beginnen.

Wo hatte ich denn eigentlich den neuen Haas hingelegt? Und das Buch von dieser Melandri? An Maxi verliehen? Das kann nicht sein. Hier liegt es doch. Auf den CDs.

Ja. Erst einmal etwas Musik auflegen zur Einstimmung bevor es an die Tastatur geht. Vielleicht was Weihnachtliches? Last Christmas? (Siehe dazu später unten: Thomas Bauer zum Thema Verlust der Vielfalt!) Felix Meyer könnte passen. Mal eben kurz reinhören …

Wie soll’n wir kleinen Menschen nur / mit kleinen Schritten, kleinen Schuh’n / sehen dass das nicht das Paradies / sondern nur Weihnachten ist.

Weihnachtszeit auf den Straßen / wo es schneit oder zieht, / oder regnet, so dass man die Tränen nicht sieht. / Wir kleinen Menschen haben Spaß, / sehen uns die Schönheit gut an, / doch nur von Weitem hinter Glas, / weil man nicht alles haben kann.

Weihnachtszeit in den Straßen / ist der Winter so kalt. / In weit aufgeriss’nen Augen / spiegeln sich Dreck und Gewalt …

Foto: Wiebke Haag

Die AusLese 2018. Wie immer bedenkenlos subjektiv und unvollständig.

Was dann nachher so schön fliegt. Junger Dichter. Mitte der 1980er Jahre. Die Zeit als Zivi im Altersheim ist für Volker keine leichte. Er ist dort Außenseiter, möchte Dichter werden, Lyriker. Erträumt Begegnungen mit Persönlichkeiten der Literaturszene. Als ihm auf einem Kurztrip nach Paris sein bis dahin bestes Gedicht gelingt, bewirbt er sich um Teilnahme an einem Treffen für Nachwuchsschriftsteller in Berlin. Dichterwettstreit, Alltag im Altersheim, die Atmosphäre im Berlin der Vorwendezeit, reale Begegnung mit Heiner Müller und Co., erste große Liebe. Kein leichtes Alter, wenn man so um die 20 ist.

Hilmar Klute hat eine Ringelnatz-Biografie und zahlreiche Streiflichter für die Süddeutsche Zeitung verfasst. Nun ist sein erster Roman erschienen. Temporeich und dicht geschrieben. Gelungener Einblick in die Gedankenwelt eines jungen Mannes mit all seinen Ambivalenzen und ein Stück Kulturgeschichte der alten BRD. Wirkung des Buches auf mich: Fesselnd, in einem Rutsch durchgelesen.

Klute, Hilmar: Was dann nachher so schön fliegt. Roman. – Galiani, 2018. Euro 22.

Ans Meer. Die heitere Lektüre für zwischendurch und ideales kleines Geschenk für nahezu jeden Lesertyp. Die krebskranke Carla möchte noch einmal ans Meer. Sie steigt in den Linienbus von Anton. Der ist gerade nicht so gut drauf, aber zu einer mutigen Wende in Leben und Fahrtrichtung bereit. Seine Durchsage an die Fahrgäste deshalb: Wir fahren jetzt ans Meer. Warmherzige, federleichte Geschichte über das Schwere im Leben. Von dem österreichischen Autor René Freund hatte ich bereits seinen Roman Liebe unter Fischen als Sommerlektüre vorgestellt. Er schreibt unterhaltsam ohne in Kitsch und Klischees abzugleiten. Aus meiner Sicht: In jeder Lebenslage zu empfehlen. Mir persönlich sind seine Bücher zu kurz. Die Geschichte mit Carla hat lediglich 140 Seiten. (Naja, vielleicht ist sie gerade deshalb so gut.)

Freund, René: Ans Meer. Roman. – Deuticke, 2018. Euro 16.

Freund, René: Liebe unter Fischen. Roman. – Goldmann TB, 2015. Euro 8,99

Junger Mann. Bücher zu lesen ist zwar vorteilhaft für Hirn und Gemüt, verbraucht allerdings nur rund 100 Kalorien pro Lesestunde. Nicht klären konnte ich, ob das für Arno Schmidt und James Joyces gleichermaßen gilt wie für Dora Heldt oder Dan Brown. Der 13-jährige Held in Wolf Haas neuem Roman jedenfalls muss körperlich deutlich mehr tun um seinen adipösen Neigungen entgegenzuwirken. Er ist schwer verliebt und möchte entsprechend fesch daher kommen. Leider ist die Angebetete fast zehn Jahre älter und verheiratet. Mit dem Tscho. Und der hat ganz besondere Pläne mit dem jungen Mann. Coming-of-Age-Geschichte, Roadmovie, ein sehr spezielles Dreiecksverhältnis, Kalorienzählerei, überraschende Wendungen. Ein wunderbarer Roman, voller (auf den zweiten Blick!) ausgesprochen liebevoller Protagonisten. Kein Brenner-Haas, aber einmal mehr ein Buch in ganz eigener Haas-Sprache, die zu den Figuren passt wie dafür ausgedacht. Mein Eindruck: Hin und weg.

Haas, Wolf: Junger Mann. Roman. – Hoffmann und Campe, 2018. Euro 22.

Alle, außer mir. Ein Titel mit Komma, der etwas mehr Leseerfahrung und Durchhaltebereitschaft erfordert, als die bisher vorgestellten. Für mich eines der Bücher des Jahres. Als die Lehrerin Ilaria mit dem jungen Afrikaner Attilio Profeti konfrontiert wird, der behauptet ihr Bruder zu sein, entfaltet sich eine über drei Generationen erzählte Familiengeschichte und ein tiefgreifender Ausflug in die italienische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen neben den familiären Verwicklungen und Geheimnissen des Profeti-Clans die verdrängten Kapitel der unseligen Kolonialgeschichte des bis heute innerlich zerrissenen Italien. Fast 600 Seiten, die es Leser und Leserin nicht immer leicht machen, die dafür jeden der sich darauf einlässt in ihren Bann schlagen.

Große Literatur der in Rom geborenen Autorin Francesca Melandri und wie Kritiker fast übereinstimmend konstatieren bereits ihr drittes Meisterwerk. Ihren zweiten Roman Über Meershöhe hatte ich ebenfalls in meinen Sommerlektüren kurz vorgestellt. Er eignet sich, ebenso wie das jetzt wieder neu aufgelegte erste Buch Eva schläft, bestens für ein erstes Kennenlernen der Schriftstellerin Francesca Melandri. Wer danach zu Alle, außer mir greift, wird mit einem außergewöhnlichen Leseerlebnis belohnt. Mein Eindruck: Nachhaltig. Überrascht, was die italienische Literatur der Gegenwart zu bieten hat.

Melandri, Francesca: Alle, außer mir. Roman. Aus dem Italienischen von Esther Hansen. – Wagenbach (wo sonst?), 2018. Euro 26.

Melandri, Francesca: Über Meereshöhe. Roman. Derzeit vergriffen, erscheint 2019 bei Wagenbach neu.

Melandri, Francesca:  Eva schläft. Roman. Neuauflage 2018 bei Wagenbach. Euro 15,90.

Keyserlings Geheimnis. Nach Konzert ohne Dichter ein weiterer Künstlerroman des fleißigen Klaus Modick. Bücher von Klaus Modick kann man eigentlich immer bedenkenlos kaufen, und natürlich lesen. Ich kenne keinen richtigen Missgriff von ihm. Der gute Eduard Keyserling (1855 – 1918) ist schon längst aus der ersten Reihe der Literaturgeschichte verschwunden. Einige seiner kurzen Romane und Erzählungen sind noch greifbar (Wellen, Fürstinnen). Dass er eine schillernde Figur war, ein bewegtes Leben führte und in einer Zeit lebte, in der nicht jeder Fehltritt und jedes Missgeschick der Boulevardpresse anheim fiel, bietet Modick soliden Stoff für seinen Roman. Und die Fantasie anregende Gelegenheit um auf der Basis gesicherter Fakten sein Netz aus hinzu erdachten Möglichkeiten zu knüpfen. Für mich: Literaturgeschichte in unterhaltsamer Form aufbereitet – immer willkommen.

Modick, Klaus: Keyserlings Geheimnis. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2018. Euro 20.

Über Verluste. Im September durfte ich ein neues Fremdwort lernen. Ambiguität bezeichnet alle Phänomene der Mehrdeutigkeit, der Unentscheidbarkeit und Vagheit, mit denen Menschen fortwährend konfrontiert werden. So definiert Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaft und Arabistik, Sprachwissenschaftler und Germanist, einen Schlüsselbegriff seines Büchleins Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Klingt vielleicht im ersten Moment etwas akademisch und hochtrabend, ist aber in der Tat gut lesbar und verständlich. Und eine überfällige und notwendige Lektüre.

Bauer führt uns die schleichende Reduzierung von Vielfalt und das Verschwinden des Unangepassten, Unzeitgemäßen vor Augen. An die Stelle von Artenvielfalt, konkurrierender Denkschulen, origineller Sichtweisen und Lebensentwürfen sind Schubladendenken und simpler Fundamentalismus getreten. Häufig verschleiert durch den inflationär verwendeten Begriff Authentizität. Konformismus und Gleichschaltung erzeugen, so die Überzeugung Bauers, letztlich Rassismus und Fanatismus. Bedrohliche Gleichmacherei macht er aus bis in die Kreativbezirke von Kunst, Musik, Mode.

Ganz konkrete Verluste hat Judith Schalansky in einem hinreißenden Erzählband verzeichnet. In meinem Beitrag über die Buch Wien 18 habe ich das Werk bereits vorgestellt. Es kann vielleicht als erzählerische Konkretisierung zu Thomas Bauers allgemeiner Abhandlung herangezogen werden. Lesefreude und haptischen Buchgenuss bietet es allemal.

Bauer, Thomas: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. – Reclam, 2018. Euro 6.

Schalansky, Judith: Verzeichnis einiger Verluste. – Suhrkamp, 2018. Euro 24.

Das Ende des Jahres ist nah. Und ich bin spät dran mit meinem literarischen Rückblick. Deshalb gibt es einen zweiten Teil schon in einigen Tagen. Dann mit Krimis.

Das Lied Weihnachtszeit in den Straßen von Felix Meyer (auf dem gleichnamigen Album von 2016) ist übrigens die deutsche Version eines französisches Chansons, das im Original einst keine geringere als Edith Piaf sang: Le noel de la Rue.

Mich Thomas Bauers Bedenken anschließend, wünsche ich mir und uns Vielfalt. Dass zum Beispiel wieder mehr populäre Musik in nichtenglischer Sprache gesungen, abgespielt und gesendet würde. Mehr Französisch, Spanisch, Italienisch, Schwedisch, Polnisch, Serbisch, Deutsch und und und. Ein frommer Wunsch – ich weiß.

Wien hat Buch

Kleiner Rückblick auf eine österreichische Buchmesse.

November in Wien. Griesgrämiges Grau und Dämmernebel. Witwen und Waisen auf dem Weg zum Zentralfriedhof. In Kaffeehäusern setzen fahle Gestalten Testamente auf. Nur noch Tristesse und Herbstblues?

Weit gefehlt. In Halle D der Messe Wien geht es bunt und heiter zu. Licht und Spots. Lachen und Scherzen. Büchermenschen und Bücherberge. Hier wird gelesen und vorgelesen. Gestritten und gescherzt. Gefragt und bereitwillig Auskunft gegeben.

Fünf Tage ist BUCH WIEN 18. Und das mitten im November. Die Wiener haben Eigensinn. BUCH WIEN, die kleinwüchsige Nichte der gigantomanischen Verwandten in Frankfurt und Leipzig. Wachstumsgeil sind alle drei. Auch Wien registriert das jährliche Steigen der Besucherzahlen und der Ausstellungsstände mit offensivem Stolz. Hier hat vor einigen Jahren etwas begonnen dessen Potential bisher nur ansatzweise ausgeschöpft scheint.

Noch ziehen nicht alle an einem Strang. Die Medienresonanz ist eher mau, die Wiener Bevölkerung wartet wohl bereits auf die Eröffnung der Weihnachtsmärkte, derweil kommt der Wiener Schülerschaft die Aufgabe zu für Frequenz und Bewegung in den Hallengängen zu sorgen. Eine gewisse Zurückhaltung der Fachwelt erschwert vorerst das Durchstarten. Dabei muss die an mancher Stelle geringe Quantität kein Unglück sein. Es bleiben genügend dichte und vielfältige Eindrücke. Reichlich Neuerscheinungen sind zu entdecken. Und es bieten sich allerorten Gelegenheiten für ebenso interessante wie hautnahe Begegnungen mit Schriftstellern und Schriftstellerinnen, mit Darstellern und Medienleuten. Hier sind all jene Zeitgenossen richtig in deren Leben das Buch einen zentralen Platz einnimmt.

Als bloggender Bibliothekar komme ich an Marjana Gaponenko nicht vorbei. In ihrem neuen Roman Der Dorfgescheite hat sie einen skurrilen Berufsgenossen zur Hauptfigur gemacht. Der, dem Don Juan Da Pontes und Mozarts ähnlich, katalogisiert mal eben seine zahlreichen erotischen Erlebnisse bevor er sich in ein abgelegenes Kloster zurückzieht. Dort soll sich der einst heiß begehrte Einäugige einer zeitgemäßen Revision der Klosterbibliothek widmen. Seinen Ambitionen stehen jedoch allerhand nicht nur klerikale Widrigkeiten und Geheimnisse entgegen.

Eine Geschichte voller Witz und Fantasie. Im Messegespräch mit einem ORF-Journalisten besticht Gaponenko mit schlagfertiger Ironie und einem Selbstbewußtsein das ihren Gesprächspartner zeitweise zu überfordern scheint. Mir geht es gut. Ich stehe gerne im Mittelpunkt. Leselust weckende Buchvorstellung und beste Unterhaltung fürs Publikum.

Eine Buchmesse mit überschaubarer Ausstellerzahl, kompakt in einer Halle platziert. Die eigene Republik ist natürlich am besten vertreten. Doch keineswegs vollständig. Weiße Flecken hat die Verlagslandschaft durchaus. Etliche kleinere Verlage fehlen, einen Messeauftritt muss man sich personell und finanziell leisten können. Deutschland ist nur punktuell mit einigen Schwergewichten und sparsamer Präsentation angetreten. Die Skandinavier Dänemark, Schweden und Norwegen haben sich zu einem sehr schönen Gemeinschaftsstand zusammengetan. Desgleichen einige Schweizer Häuser, mit eindeutiger Dominanz des Leser-Lieblings Diogenes.

Länger, ausführlicher als in Frankfurt und Leipzig, stehen Autoren, Schauspieler, Medienstars und Kochkünstler auf den Podien und Bühnen Rede und Antwort. Es entwickeln sich gute Gespräche und notwendige Kontroversen auf den Messeforen von ORF, 3SAT, Standard und Co. Man erfährt mehr als nur den Titel des neuesten Buches. Je nach Temperament und Bereitschaft lässt sich der eine oder die andere – sei es versehentlich oder gar mit Vergnügen – verleiten kleine Einblicke in das Leben jenseits der Öffentlichkeit, in die Arbeitsweise, in persönliche Einstellungen und Ziele zu gewähren.

Skandinavien auf der BUCH WIEN. Foto: Wiebke Haag

Gleich zweimal hatte ich Gelegenheit Judith Schalansky zuhören zu dürfen. Die Ausführungen der aus Greifswald stammenden Autorin und Buchgestalterin sind klug und differenziert. Ihre Buchpräsentation, die Fragerunden und Gespräche mit ihr auf der großen ORF-Bühne und im intimen Rahmen des Literaturhauses, gehören für mich zu den interessantesten und anregendsten Momenten in diesen BUCH WIEN-Tagen.

Verzeichnis einiger Verluste heißt Schalanskys neues Buch. Was haben wir und die Welt nicht alles verloren oder aufgegeben? Die Autorin beschränkt sich auf zwölf prägnante Beispiele. Eine ausgestorbene Tigerart und untergegangene Inseln, die Lieder der Sappho und der Palast der Republik, Dinge und Gerüche der eigenen Kindheit, Erinnerungen mit autobiographischen Anklängen gehören dazu.

Jedem Verlust wird seine eigene Erzählung gewidmet. Der Schreibstil passt sich dabei einer alternden Greta Garbo ebenso an wie der Trostlosigkeit des DDR-Alltags. Schalanskys Erzählungskunst ragt deutlich aus der omnipräsenten Massenware heraus. Das wird lange bleiben, sehr zurecht wurde ihr der hochdotierte Wilhelm-Raabe-Preis zuerkannt.

Spannend für mich die Reaktion des Wiener Publikums auf Persönlichkeiten, die vor Ort bekannter und beliebter sind als jenseits der Landesgrenzen. Da gab es die eine oder andere Überraschung. Dass eine Veranstaltung mit dem Titel Faszination antiquarisches Buch die Massen anzieht und in ihren Bann schlägt, kam für mich unerwartet. Natürlich hatte ich keine Ahnung, dass Michael Niavarani einer der beliebtesten Kabarettisten und Schauspieler im Lande ist. Jetzt weiß ich, dass er in der Lage ist im launisch-pointierten Plauderton über seine seltenen in Leder gebundenen Reisebeschreibungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert (Alleinbesitz! Nicht einmal in der Nationalbibliothek vorhanden!) zu sprechen und damit eine großes Auditorium bestens zu unterhalten. Der erfahrene Antiquar Michael Steinbach konnte da nur noch fachlich-sachliche Stichworte liefern.

Einen ähnlichen Auflauf verursachte das Gesamtkunstwerk Arik Brauer. Inzwischen 89 Jahre alt, stets im schwarzen Anzug und mit Hut. Klein, schmächtig und immer noch voller Schwung und Energie. Mit nie versiegender künstlerischer Beweglichkeit ist er sein Leben lang unterwegs zwischen Malerei, Bühne, Dichtung und Gesang. Er hat das Alte Testament nacherzählt. Korrigierend, hinterfragend, aus der Sicht eines jüdischen Agnostikers. Für ihn jenseits aller religiösen Bedeutung ein absoluter Höhepunkt menschlicher Dichtkunst – übrigens auch und ausdrücklich in der Lutherübertragung in die damit bis heute geprägte deutsche Sprache.

Brauer erinnert an die Bedeutung für die darstellende Kunst. Die ganze Kunstgeschichte, wie wir sie heute kennen, ist ja ohne das AT nicht denkbar. Und wie ist er auf dieses Thema gekommen? Gewissermaßen durch die Hintertür. Eine seiner acht Enkelinnen hat ihn in ein Gespräch über Sinn und Herkunft verwickelt. Du Arik, was war vor dem Urknall? Wie ist die Welt entstanden? Da hat Opa Brauer ein Buch geschrieben.

Hinter meiner, vorder meiner, links, rechts güts nix / Ober meiner, unter meiner siach i nix / Spür nix, hear nix und i riach nix. / Denk i nix und red i nix und tu i nix / Waun da Wind wahd in de Gossn / Waun da Wind wahd am Land / Waun da wind wahd, do steckt da / Sein Köpferl in Sand.

Jahrzehnte alt, klingen die Zeilen als wären sie für hier und jetzt gedacht. Es ist der Refrain des Brauer-Liedes Köpferl im Sand, das der Sänger einst mit diesen Worten ankündigte: Das ist ein beinhartes Protestlied. Allerdings richtet sich die Kritik nicht gegen eine bestimmte Gruppe, sondern gegen Jederman der sich betroffen fühlt – auch gegen mich selbst. In neuem Gewand gibt es die originellen Chansons des Wiener Originals im Januar im Rabenhof-Theater zu erleben. Neu arrangiert und interpretiert von Brauers Tochter Ruth mit Band.

Apropos Theater. In Wien ist immer Theater. In den großen, wie Burg- oder Volkstheater, und in den vielen kleineren wie dem Rabenhof. Und ab und an als persönliches Drama oder private Komödie in irgend einem Beisl oder Kaffeehaus. Theater durfte folglich auf der BUCH WIEN 18 nicht fehlen. Zum Beispiel in Form einer illustren Talkrunde – allemal bunter und vielfältiger als die verwandten Fernsehformate – in der neben anderen die bekannte Darstellerin Ursula Strauß, der ehemalige Volkstheater-Intendant Michael Schottenberg und eine vorlaute Emmy Werner, einst Leiterin einer Schauspielschule, saßen. Hoch ging’s her. Ums Theaterspielen, Beziehungen und Affären, um den Mist im Fernsehen, um früher und heute, um MeToo. Mit gelegentlichem Zoff und viel Schmäh.

Die BUCH WIEN 18. Mit dem gemütlichen Reinhardt Badegruber, der liefert was noch gefehlt hat: Wiener Intrigen, Skandale und Geheimnisse. Wie diesem, eher harmlosen Beispiel: Noch im Jahre 2016 stand in der Kredenz (des Café Griensteidl, J. H.) eine Gesamtausgabe von Meyers Konversations-Lexikon aus dem 19. Jahrhundert. An den Tisch serviert werden zu diesem Zeitpunkt die schweren Kompendien allerdings nicht mehr. Der Grund: Ein paar Jahre zuvor hatte ein Gast beim Würstelessen Senf auf die Seiten gekleckert.

Im November 2018 ist inzwischen aus dem traditions- und skandalreichen Griensteidl, einst Stammlokal von Schnitzler, Altenberg und Karl Kraus, das Café Klimt geworden. Eine konsequente Neustrukturierung. Gibt es doch gleich nebenan den Klimt-Shop in dem Klimt-Malerei auf Tassen, Tüchern und vielfältigem Klimbim von den Wienbesuchern aus aller Welt erworben werden kann.

Die BUCH WIEN 18. Mit dem Geschmack Europas auf der DM-Kochbühne, der Krimi-Autorin Eva Rossmann, die auch gern vom Essen schreibt und vom Wein, dem Verlag Badewannen-Buch und seinen Büchern für die Wanne, Titeln wie Buddhas baden besser, mit Hokuspokus am Zeichentisch, mit einer Kinderbühne und reichlich Malaktionen für die erhofften Leser von morgen. Mit Frédéric Beigbeder und Richard Powers, der welken Schönheit und späten Grazie einer Erika Pluhar und einer Waltraut Haas, mit Albanien und Kroatien, aber seltsamerweise ganz ohne Georgien (oder habe ich was übersehen?).

Das alles war die BUCH WIEN 18. Vom 7. bis zum 11. November in der Messehalle D der Messe Wien und da und dort in der Stadt. Nicht ganz schlecht und als BUCH WIEN 19 im nächsten Jahr gerne wieder.

 

Signor Hesse, il poeta

Hermann Hesse in Montagnola und Lugano. Ein Reisebericht von Gastautor Bernd Michael Köhler

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Montagnola, September 2018. Keine 15 Minuten Busfahrt sind es von Lugano bis in die hoch über dem Luganer See gelegene, heute weltbekannte Ortschaft. Von Unterm Rad bis Zen – Hermann Hesse und Japan heißt die noch bis zum 13.01.2019 laufende Ausstellung im Hermann-Hesse-Museum.

Freundlich und zuvorkommend ist der Empfang durch die Dame an der Rezeption, die uns einen Quereinstieg in die Ausstellung ermöglicht, um in den schmalen Räumlichkeiten der großen Reisegesellschaft zu entgehen, die schon auf dem Weg zum Museum ist.

In einer kleinen Privatführung zeigt sie uns zum Abschluss des Ausstellungsbesuches von außen die Räume in der Casa Camuzzi in der Nähe des Museumseingangs, in denen Hesse von 1919 bis 1931 wohnte. Die weitläufige Terrasse zwischen zwei Türmchen ist von unten gut zu erahnen. Es fällt mir nicht schwer, mir den Dichter vorzustellen, wie er von seiner Terrasse aus weit in die Tessiner Landschaft hineinschaut, sinnierend über Gott und die Welt und den Klingsor. In Hesses Erzählung über dessen letzten Sommer ist der Casa Camuzzi ein literarisches Denkmal gesetzt worden.  

Ist auch alles Trug und Wahn / Und die Wahrheit stets unnennbar,/ Dennoch blickt der Berg mich an / Zackig und genau erkennbar. Dichtet Hermann Hesse im Februar 1961. Die aquarellierte Handschrift des Dichters und Malers unter dem Titel ZEN, einer leicht abgewandelten Version des Gedichtes Junger Novize im Zen-Kloster II, gehört für mich zu den besonders wertvollen Einzelstücken der von Dr. Eva Zimmermann kenntnisreich kuratierten Ausstellung.

Beim zweiten Durchgang allein und mit viel Zeit – die Reisegruppe hat inzwischen das in Sichtweite liegende Literaturcafé Boccadoro (= Goldmund) gestürmt – nehme ich weitere Exponate als leuchtende Kleinode wahr, die ich als den Alltag überdauernde Bilder mitnehme: Den Original-Fotoband mit Buddha-Abbildungen, den Kei Wagasuki Hermann Hesse schenkte, und der diesen im Dezember 1958 zu dem Gedicht Uralte Buddha-Figur in einer japanischen Waldschlucht verwitternd (Kei Wagasuki gewidmet), inspirierte. Eine Gesichtsmaske Hesses, die Goro Shituda, der in seinem Wohnort Hiroshima einen Teil seines Hauses als Hermann-Hesse-Literaturhaus eingerichtet hatte, dem Dichter schenkte. Ein Foto von Hermann Hesse und Wilhelm Gundert, dem japanischen Vetter, aus dem Jahre 1956. Ein Buch des Schriftstellers Ozaki Kihachi von 1933, in dem er ein Kapitel Hermann Hesse von ganzem Herzen widmete. Eine Kalligraphie von Hesses Sohn Heiner mit dem Titel Worte des Meng Hsiä. Ein Exemplar des Privatdruckes Zen, der 1961 in St. Gallen vom Tschudy-Verlag gedruckt wurde.

Beeindruckend auch die Übersetzung eines Kapitels von Knulp ins Japanische bereits im Jahre 1909 und die 18-bändige japanische Gesamtausgabe vom Ende der 1930er Jahre. Interessanterweise ist es gerade die 222-seitige und um Fotografien von Martin Hesse erweiterte 1995 erschienene japanische Übersetzung des Sammelbandes Mit der Reife wird man immer jünger – Betrachtungen und Gedichte über das Alter, die zu einem der meistgelesenen Bücher in Japan wurde. Einen Zusammenhang mit der Überalterung Japans herzustellen ist naheliegend.

Heute hat Japan neben den USA die höchsten Verkaufszahlen fremdsprachiger Hesse-Werke vorzuweisen. Neu für mich war in der Ausstellung, dass Motive Hermann Hesses sogar in die Literaturgattung der Mangas eingegangen sind. So hat die in Deutschland beim Carlsen Verlag erscheinende Manga-Reihe Das Demian-Syndrom der japanischen Comic-Zeichnerin Mamiya Oki sogar einen Eintrag in der Wikipedia erhalten.

Montagnola, Sommer 1919. In einem Brief an seine Schwester Adele schildert Hermann Hesse seinen Umzug von Bern nach Montagnola und berichtet u.a., dass seine 23 Bücherkisten in drei Wägen mit acht Gäulen in das Bergdorf transportiert wurden.

Mitte April 1919 hatte sich der Dichter aufgemacht, auf der Alpensüdseite ein neues Leben zu beginnen. Die Tragödie des Ersten Weltkriegs, sein kräftezehrender Einsatz für die Kriegsgefangenen-Fürsorge, die Diffamierung Hesses als vaterlandsloser Gesell und Drückeberger, das dramatische Scheitern seiner Ehe und das Auseinanderfallen der Familie hatten ihn in eine existentielle Krise gestürzt.

Seine erste Station im Tessin war das Hotel Continental in Lugano, das noch heute unter dem Namen Continental Parkhotel zahlreiche Gäste aus aller Welt beherbergt. Zwei Wochen verbrachte er dort. Uns bescherte ein überraschendes Upgrade ein Zimmer in der dritten Etage des Haupthauses – drei Türen weiter auf der anderen Gangseite in Sichtweite die Nr. 51, das Zimmer, in dem Hermann Hesse ganz am Beginn seines Tessiner Lebens untergekommen war.

Nach seinem Aufenthalt im Luganer Hotel wohnte Hesse noch kurze Zeit in Sorengo, bevor er Mitte Mai in Montagnola vier kleine Räume in der Casa Camuzzi, einem Palazzo im Barockstil, bezog. Unmittelbar nach dem Einzug beginnt er mit der Arbeit an der Novelle Klein und Wagner, in der er den Zusammenbruch seiner bürgerlichen Existenz mit der Trennung von der Familie literarisch radikal gestaltet.

Spielerisch und zugleich todernst schafft der Dichter eine Versuchsanordnung von Bewusstem und Unbewusstem. Lässt im eigenen, wahrsten, innersten Ich, befreit von allen Lügen, Entschuldigungen und Komödien, Liebe und Hass, Schuld und Sühne, Schöpferkraft und Zerstörung, Lebenstrieb und Todessehnsucht freien Lauf. Schön und holdselig ist diese Dichtung nicht, mehr wie Cyankali (O-Ton Hesse). Im Juli ist das Werk getan, die Hauptfigur Friedrich Klein samt seinem Doppel-Schatten Wagner im Luganer See zu Tode gekommen, das Familiendrama vorerst Vergangenheit, Platz geschaffen für eine neue literarische Figur, den Maler Klingsor.

Er kam vor ein Hotel, dessen Garten ihm gefiel… und las: Hotel Kontinental. So beginnt Hesse das zweite Kapitel in Klein und Wagner. Auch den Hotelgästen im September 2018 gefällt der Garten, der eigentlich ein ausgewachsener Park ist. Palmen, Olivenbäume, Zedern, Rhododendren, Magnolien – man findet sie alle wieder in Hesses Texten aus jenem rauschhaften Sommer 1919, der Klingsors letzter und des Dichters erster Tessiner Sommer werden sollte.

Im ausklingenden Sommer 2018 sitze ich im Park an einem steinernen Tisch und lese Klingsors letzter Sommer, Hesse schrieb die Erzählung im Juli und August. Wenngleich es nicht Klingsors Garten ist, in dem ich mich in Glück und Unglück des Malers vertiefe, so ist es doch des Dichters Hermann Garten, der mit Klingsor und weiteren illustren Begleitern in der sonnendurchglühten Tessiner Landschaft unterwegs ist und der einst im Frühjahr des Jahres 1919 im Hotel Kontinental abstieg. Einmal mehr ist die Lektüre des Klingsor ein intensives Leseerlebnis. Ein Buch wie ein Gemälde ohne Maß und Ziel, wie eine rasende Fahrt durch alles Gegenwärtige, durch lodernde Seelenlandschaften. Ein endloser Strom der Gestaltungen, ein Mensch am Limit und darüber hinaus.

Lugano, 1920erJahre. Zweimal hat Hermann Hesse in Lugano aus seinen Werken gelesen. Im August 1922 war die noch heute tätige Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit mit ihrem zweiwöchigen Internationalen Sommerkurs am Luganer See zu Gast.

Hesse wurde gebeten, einen Vortrag zu halten, was er ablehnte. Stattdessen las er – ein erlesener Genuß – am Montag, dem 21. August nachmittags im damaligen Hotel Meister die zwei letzten Kapitel aus der zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichten indischen Dichtung Siddhartha und den Prosatext Bäume aus dem bebilderten Skizzenbuch Wanderung, laut Hesse nichts als ein Lobgesang auf die Tessiner Landschaft.

Vorträge wurden auf dem Sommerkurs unter anderem von Bertrand Russell, Harry Graf Kessler, Vilma Glücklich und dem indischen Professor Kalidas Nag gehalten, der hingerissen der Übersetzung des Siddhartha lauschte und Hesse am Tag nach der Lesung in Montagnola besuchte. Eine besondere Freude war für die Teilnehmerinnen die Anwesenheit des Schriftstellers, Pazifisten und Hesse-Freundes Romain Rolland, der in der zweiten Woche einige Tage an der Sommerschule teilnahm.

Am 25. Januar 1923 veranstaltete die Literarische Gesellschaft Lugano im heute nicht mehr existierenden Grand & Palace Hotel eine Lesung mit Hermann Hesse, der für die Örtlichkeit seines literarischen Vortrags die Bezeichnung Palace-Schieberhotel vorzog. Wieder las er Passagen aus Siddhartha, dazu aus dem damals noch unveröffentlichten Märchen Piktors Verwandlungen und zur Freude der Tessiner Besucher aus dem Klingsor.

Im Frühjahr 1927 – Hesse lebt nun seit acht Jahren in seiner Tessiner Wahlheimat – verkündet der Dichter in Rückkehr aufs Land: Die Ankunft in Lugano war allerdings nicht entzückend. In dem kleinen Lugano sind ein Viertel der Einwohner von Berlin, ein Drittel von Zürich, ein Fünftel von Frankfurt und Stuttgart anzutreffen, auf den Quadratmeter kommen etwa zehn Menschen, täglich werden viele erdrückt … Jahr um Jahr vermehren sich die Autos, werden die Hotels voller …

Hellsichtig, wie Hermann Hesse war, hat er den Massentourismus auch unserer Tage bereits vor mehr als 90 Jahren nicht nur vorausgesehen, sondern mit analytischer Schärfe satirisch und bitterböse auf den Punkt gebracht.

Das Geld, die Industrie, die Technik, der moderne Geist haben sich längst auch dieser vor kurzem noch zauberhaften Landschaft bemächtigt, und wir alten Freunde, Kenner und Entdecker dieser Landschaft gehören mit zu den unbequemen altmodischen Dingen, welche an die Wand gedrückt und ausgerottet werden. Der Letzte von uns wird sich am letzten alten Kastanienbaum des Tessins, am Tag eh der Baum im Auftrag eines Bauspekulanten gefällt wird, aufhängen.

Am 9. August 1962 stirbt Hermann Hesse 85-jährig in Montagnola. In der Casa Rossa, die er 1931 mit seiner zukünftigen Frau Ninon bezogen hatte. Im Klingsor ist zu lesen: … morgen begann schon der August, der brennende Fiebermonat, der so viel Todesfurcht und Bangnis in seine glühenden Becher mischt. Die Sense war geschärft, die Tage neigten sich, der Tod lachte versteckt im bräunenden Laub.

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Hesse, Hermann: Klein und Wagner. Erzählung (Suhrkamp Taschenbuch, 116)

Hesse, Hermann: Klingsors letzter Sommer. Erzählung (Suhrkamp Taschenbuch, 1195)

 

Hermann Hesse und Ulm

Was führte Hermann Hesse an einem Abend im April 1904 in das Gasthaus Schwarze Henne hinter dem Gänsturm? Was faszinierte den Dichter am Ulmer Münster? Und wer war eigentlich Eugen Link?

Zweimal war der Schriftsteller Hermann Hesse zu Lesungen aus seinen Werken in Ulm. Den Aufenthalt im November 1925 hat er in seiner autobiographischen Erzählung “Die Nürnberger Reise” in Literatur verwandelt.

Dass sich Hesse darüber hinaus sehr oft in Ulm aufgehalten hat und ein Leben lang gute Beziehungen zu Freunden und Bekannten in der Stadt pflegte, schildert jetzt ein Buch mit dem Titel “Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt.” Es erscheint Anfang Oktober im Verlag Klemm + Oelschläger. Anhand bekannter und bisher unbekannter Quellen zeigen Jan Haag und Bernd Michael Köhler Aspekte aus dem Leben des Schwaben Hermann Hesse, die in den bisherigen Lebensbeschreibungen nicht berücksichtigt wurden.

Am Dienstag, 2. Oktober, stellen die Autoren ihr Buch in der Museumsgesellschaft Ulm (Neue Straße 85, Eingang Kramgasse) vor. Die Veranstaltung beginnt um 19:30 Uhr, der Eintritt ist frei.