Zehn zahme Ziegen zogen zehn Zentner Zucker zum Zoo

Von Zungenbrechern und einer Wunderkammer

Vor den coronabedingten Einschränkungen war ich in einer Kita Lesepate und Vorleser. Eine Aufgabe die mir viel Freude gemacht hat. Bevor ich den Kindern ein weiteres Kapitel aus der Kleinen Hexe, dem Räuber Hotzenplotz oder von Urmel aus dem Eis vorlas, trug ich meist ein lustiges (manchmal auch ein ernstes) Gedicht vor, das wir dann zusammen nachsprachen – mal schell und mal gaaanz laaangsam. Hin und wieder wählte ich an Stelle des Gedichts einen Zungenbrecher.

Etwa den Klassiker: Fischers Fritz fischt frische Fische, frische Fische fischt Fischers Fritze.

Ich sprach es den Vier- bis Sechsjährigen vor und ließ sie dann selbst wiederholen, so lange bis es einigermaßen korrekt klang. Oder eben nicht. Sondern wie Kauderwelsch oder wie mit der heißen Kartoffel im Mund. Ein Riesenspaß!

Auf der Suche nach neuen unsinnigen Lautmalereien machte ich das was heutzutage alle so machen würden. Ich gab in den Googleschlitz zunächst „Zungenbrecher für Kinder“ ein, später, das Ergebnis dieser ersten Suche war mager, beließ ich es beim allgemeinen „Zungenbrecher“. Die Trefferquote blieb spärlich und beschränkte sich fast ausschließlich auf Altbekanntes.

Entfallen war mir, dass, was mir weiterhelfen konnte, längst im heimischen Bücherregal wartete. Als es mir wieder einfiel, fand ich, dank konsequenter grobsystematischer Ordnung, inmitten der kleinen Abteilung „Sprache und Schreiben“ Die Wunderkammer der Deutschen Sprache. Ein wahrer Hausschatz, ein Schatzkästchen, das ultimative Werk für Menschen, die ihre Ausdrucksfähigkeit zu mehr als Imbissbudenbestellungen oder Fangesängen nutzen möchten.

Zungenbrecher gibt es auf den Seiten 140 und 141. Hier einer der kürzeren: Brauchbare Bierbrauerburschen brauen brausendes Braunbier.

Was diese Wunderkammer ausmacht, was sie bietet, womit sie lockt und reizt, erklärt ihr Untertitel: Gefüllt mit Wortschönheiten, Kuriositäten, Alltagspoesie und Episoden der Sprachgeschichte. Die logopädischen Stabreimereien machen nur eines der vielen erstaunlichen Kapitel des Buches aus. Über zwanzig verschiedene Kategorien werden geboten. Von der Alchemie des Deutschen, über Liebesbekundungen bis Zitate und, ja, eben Zungenbrechern. Im Detail finden sich originelle Sammlungen und kuriose Blickwinkel auf ein Deutsch, das aus dem Sprachbewusstsein und der Alltags-Kommunikation nahezu verschwunden ist.

Foto: Bernd Michael Köhler

Vergleichen wir doch einmal den Wortschatz der DDR mit dem des Großdichters Johann Wolfgang Goethe. Ergebnis: Es gibt keine Schnittmenge. Und wer weiß denn auf Anhieb, was Palindrome sind? Wörter, Sätze, die man von vorne und von hinten lesen kann und es bedeutet immer dasselbe: Rentner, Marktkram … Lagertonnennotregal … Lag er im Kajak? Mir egal! (Die Satzzeichen bleiben unberücksichtigt.)

Die Wunderkammer bietet kulinarische Aufklärung. Man erfährt – so man es denn wirklich wissen will – was es mit den Schillerlocken auf sich hat und warum bei Eisbein warme Socken nutzlos sind. Wollte ich schon immer die zehn Lieblingswörter der Schriftstellerin Karen Duve kennenlernen? Eigentlich nicht zwingend. Doch nun weiß ich, dass Badezimmerobst, Rokokokröte und Tollpatsch dazu gehören.

Vermutet hatte ich es längst, in der Wunderkammer finde ich es fundiert belegt. Das erste große Wörterbuch der Deutschen Sprache stammt nicht von den Grimms. Sondern von Johann Christoph Adelung (1732 – 1806). Erschienen in den Jahren 1774 bis 1786, fünf Bände mit 60.000 Artikeln, die Herkunft, Bedeutung und Verwendung der Worte erläutern. Der ehrgeizige Wilhelm (1786 – 1859) und der etwas verträumte Jacob (1785 – 1863) haben das natürlich übertreffen müssen: 33 Bände umfasst das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm.

34.000 Seiten, 350.000 Stichworte und 600.000 Belegzitate. Jahrzehnte waren sie damit beschäftigt. Zur Erholung und zum Ausgleich sammelten sie in Kassels Umgebung Märchen, die nach heutigem Stand der Literaturpädagogik für kleinere Kinder nicht geeignet sind. Verbissen arbeiteten sie Jahrzehnte an ihrem Vorhaben ohne ans Ziel zu kommen: dem Zypressenzweig. Es waren weitere Generationen von germanistischen Wortsammlern am Werk, bevor endlich der letzte Band im Jahr 1961 in den Bibliotheken stand. (Längst gibt es Neuauflagen und Nachbearbeitungen.)

Heutigen Autoren und Autorinnen sei empfohlen gelegentlich bei den Grimms nachzuschlagen und die eigenen mageren Auslassungen mit saftigen Fundstücken aus der Grimm‘schen Wortwelt zu bereichern: Blitzzwiebelblau, busenwarm, Galanteriewarenhändler, Tollhausbibliothekar, lusttaumelnd, Quetschgesicht, wuppsen.

Jetzt ist es ja so, – und das nicht erst seit Corona – dass die Heimatzeitungen inhaltlich starken Abmagerungserscheinungen ausgesetzt sind. Je mehr die hauseigenen journalistischen Beiträge schwinden, umso kurioser die Versuche ohne Aufwand Fülle herzustellen. Seiten voller Grüße der Enkel an die Großeltern und umgekehrt, Geschichten, die die Leser und Leserinnen selbst schreiben müssen, Belanglosigkeiten und überdimensioniertes Bildmaterial statt recherchierter Berichte und wohl wägender Kommentare.

Dass in Zeiten von Home Office und in der eigenen Familie gestrandeten Kindern, die von didaktisch defizitären Eltern im Home Schooling traktiert werden, die Kinderseiten der gedruckten Tageszeitungen eine Renaissance erleben, gehört sicher zu den nicht ganz unerfreulichen Erscheinungen der Pandemie. Und siehe, war da dieser Tage in meinem Leib- und Lokalblättchen tatsächlich eine kwietschbunte Seite im traditionellen Großformat gefüllt mit Zungenbrechern zu entdecken.

Wie diesem typischen Beispiel: Putzige Pinguine packen pausenlos Pralinenpakete.

Noch ein letztes Mal zurück in die Wunderkammer und hinein in den Wortschatz der DDR. Der Einheitspartei war bereits damals die Einsickerung englischsprachiger Ausdrücke in die deutsche Sprache ein Dorn im Auge, insbesondere jenem der Volksbildungsministerin Margot Honecker. So wurde aus „Bodybuilding“ das klangschöne „Körperkulturistik“ und aus „Darts“ ein simples „Wurfspiel“. Die Frau Ministerin ihrerseits wurde angesichts der meist blau-violett schimmernden Haare als „Blaue Eminenz“ verhohnepiepelt.

Die Wunderkammer der Deutschen Sprache wurde von Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer herausgegeben, die auch die kongeniale Auswahl besorgten. Sie wurde von 2xGoldstein (Rheinstetten) aufwändig gestaltet und ausgestattet, zweifarbig gedruckt und in Leinen gebunden bei Ebner & Spiegel in Ulm. Das 300 Seiten umfassende Werk liegt mir in der zweiten Auflage von 2020 vor. Es hat einen angemessenen Preis.

Böhm, Thomas; Pfeiffer Carsten (Hrsg.) Die Wunderkammer der Deutschen Sprache. Gefüllt mit Kuriositäten, Alltagspoesie und Episoden der Sprachgeschichte. – Berlin : Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, 2. Aufl. 2020

 

(Der Verlag ist Preisträger des Deutschen Verlagspreises 2020)

P.S.: Zungenbrecher entfalten ihre volle Wirkung am besten, wenn man sie mehrmals schnell hintereinander spricht.

… auf des toten Manns Kiste

Tag- und Nachtträume in viraler Epoche

Ich ging im Städtchen so für mich hin. Und natürlich stand mir nicht der Sinn danach irgend etwas zu suchen. Ein harmloser Spaziergang zu pandemischen Zeiten im gutbürgerlichen Stadtteil sollte es sein. Die frühlingswarme Straße hinauf und hinab. Auf beiden Seiten mehrstöckige Wohnhäuser der Gründerzeit. Aus der inneren Einkehr kurz aufschauend, strecken sich plötzlich aus jedem Haus unzählige Balkone dem Überraschten entgegen. Und schon erklingen Stimmen. Glockenhelle Stimmen junger Knaben und Mädchen, paarweise stehen sie auf den schmiedeeisern umhegten Plattformen: Freude, schöner Götterfunken, / Tochter aus Elisium, / Wir betreten feuertrunken / Himmlische, dein Heiligthum.

Von einem Augenblick auf den anderen sind die Kinder verschwunden. An ihrer Stelle singen jetzt Männer. Große und kleine, schmale und beleibte, glatt oder bärtig, betagt oder jünger. Satte Bässe und schmetternde Tenöre in Zweier-, Dreier-, Vierergruppen. Kraftvoller Gesang im widerhallenden Straßenraum: La Montanara ohe / Von fern rauscht der Wasserfall / Und durch die grünen Tannen / Bricht silbern das Licht. Doch bald werden die Stimmen rauher, aus melodischem Gesang wird eine Art Grölen. Zu verstehen ist nur der in Dauerschleife wiederholte Refrain: You never walk alone. 

In der folgenden Nacht der beklemmende Besuch im Autokino. Die Türen des Wagens lassen sich nicht mehr öffnen. Ich rüttle an den Seitentüren, klopfe verzweifelt gegen die Windschutzscheibe. Nichts und niemand rührt sich. Auf dem Beifahrersitz die leere Tüte einer Großportion Popcorn und aus dem Literbecher Copa Cola ragt der Trinkhalm. Nur wenige Meter vor mir auf einer extrem überdimensionierten Leinwand laufen sämtliche Bergman-Filme in Endlosschleife. Stundenlang, nächtelang. Kein Entkommen. Als ich schweißgebadet aufwache, wird es bereits hell vor dem Fenster. Vögel jubilieren.

Die Nächte drauf suchen mich beängstigende Gestalten aus den in den letzten Tagen und Wochen verschlungenen Romanen heim. Massive Nebenwirkungen exzessiver Leseorgien, erzwungen durch Quarantäne und die Abstinenz von jeder Form kultureller oder sportlicher Freizeitaktivität. Fußball in echt, Maibockfeste und Volksläufe, Freilichttheater und Kammermusikabende unter Linden – alles passé. Entzugserscheinungen. Massiv. Zittern. Schlafprobleme. Immer öfter kommt der Alp.

Die Hispaniola schwankt in schwerer See. Long John Silver und der Einbeinige mit der Holzkrücke zerren mich an Deck. Drei Seeräuber schwanken auf mich zu und schwingen ihre Säbel über den Kopf. Mein Fluchtversuch mit bleischweren Füßen rückwärts über nasse Planken. Der Rand des Schiffbugs. Das Hindernis. Stolpern. Sturz über die niedere Reling. Unter mir die aufgewühlte Südsee. Den Chor der zerlumpten Mannschaft noch im Ohr: Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste / Ho ho ho und ne Buddel mit Rum / Schnaps stand stets auf der Höllenfahrt Liste / Ho ho ho und ne Buddel mit Rum. Schmerz in der Hüfte. Langsames Erwachen neben dem Bett. Die Schatzinsel ist das hier nicht.

Schlaflos in den Straßen Londons unterwegs. In Wirklichkeit war ich nie hier. Jetzt bin ich in die Romane von Nicci French geraten. Belebte Straßenzüge mit kleinen Läden. Die Gerüche der Gewürze aus aller Welt. Kleine Gassen und Straßenmärkte. Das Ufer der Themse und stinkende Kanäle. Pubs, Kneipen, zwielichtige Hotels, Wolkenkratzer, Brachland und die Krater großer Baustellen. Kleine Parks und Grünanlagen. Vernachlässigte Reihenhäuser und schäbige Wohnsilos, und hinter jeder Ecke kann ER lauern. Dean Reave, der Psychopath, der mehrfache Mörder, der Wandelbare. Allgegenwärtige Bedrohung. Ich habe mich in eine kleine Teestube geflüchtet, nass vom Dauerregen, frierend, einsam und hilflos. Da geht die Tür auf … 

Acht dicke Bände mit Frieda Klein, der Londoner Psychotherapeutin und nächtlichen Stadtwanderin, die der Londoner Polizei immer wieder mehr oder weniger freiwillig zur Hand geht. Von Blauer Montag bis Der achte Tag pralle Spannung und Unbehagen. Auslöser unruhiger Nächte mit beklemmenden Träumen.

Über meine weitere Lektüre muss ich mir ernsthaft Gedanken machen, wenn ich zu ruhigem, das Immunsystem stärkenden Schlaf zurückfinden will. Vielleicht in Zukunft nur noch die autobiographisch grundierten Eugen-Rapp-Romane von Hermann Lenz. Oder ich mache mich endlich einmal zusammen mit Marcel P. auf die Suche nach der verlorenen Zeit

Die letzte Lesung

Blau karierte Tischdecke, Rotwein und Pizza Frutti di Mare. Der Kellner im perfekt sitzenden Anzug mit nobler Fliege. Den italienischen Akzent wird er sich antrainiert haben, denn er wurde vor zwei Generationen in Deutschland geboren. Er sorgt sich dieser Tage um ältere Verwandtschaft, die noch in der Gegend von Bergamo lebt. Meine vorerst letzte Pizza außer Haus in diesem so geliebten Ambiente.

Der Erika-Mann-Platz im Zentrum. Alte Linden in der Mitte, drumherum fidele Mischung aus historischem Bestand und sachlicher Funktionalität. Ort quirliger Urbanität. Cafès, Kneipen, Restaurants. An der südöstlichen Ecke die kleine Kultbuchhandlung. Wird mein letzter Besuch im Laden auf unabsehbar der letzte bleiben? Wenige hundert Meter weiter, hinter dem Rathaus, die Stadtbibliothek. Seit zwei Wochen sichtbares Symbol einer hermetischen Gesellschaft. Dreivier Romane liegen zuhause, sie waren weniger fesselnd als erwartet. Die Leihfrist verlängert bis Sankt Nimmerlein.

Die letzte Bierbestellung bei Charlotte, genannt Charly, seit vielen Jahren Stammkraft in meiner Altstadt-Stammkneipe. Wenn ich gewusst hätte, dass diese Halbe an diesem Ort die letzte sein würde für lange Zeit, wäre es an diesem Abend bestimmt nicht die letzte geblieben.

Ich verbringe viel Zeit mit Kindern und Frau, was natürlich schön ist, und trauere manchmal den Veranstaltungen nach, die jetzt gerade wären. Der Schriftsteller Ingo Schulze im Hessischen Rundfunk.

Ingo Schulze (l.), Foto: Wiebke Haag

Ingo Schulze war der bislang letzte Schriftsteller, den ich auf einer echten Lesung, leibhaftig und vor Ort mit reichlich Zuhörerschaft erleben durfte. Damals, es war der 12. März, eine durchaus riskante Angelegenheit, obwohl mir die Eintrittskarte von einem Latexhandschuh überreicht wurde und reichlich Desinfektionsmittel strategisch günstig positioniert zur allgemeinen Verfügung standen. Doch dann der überfüllte Saal, die stickige Luft – der Besuch der Veranstaltung wurde zur Herausforderung des Schicksals. Das alles nicht einmal das reinste Vergnügen. Bei stümperhafter Moderation mit hohem Fremdschämfaktor und einem gleichmütig reagierenden Schriftsteller, der viel zu lange Passagen aus dem neuen Roman las und damit den potentiellen zukünftigen Lesern einiges an möglicher Spannung nahm.

Mitte März 2020. Kommt mir vor als wäre es schon ewig her. Die Buchmessestadt Leipzig ohne Buchmesse. Leipzig in trister Stimmung, bei bedecktem Himmel, gelegentlichem Regen und auffrischendem Nordostwind. Die Lesung von Schulze war eines der wenigen Ereignisse die vom geplanten und längst sorgfältig vorbereiteten, die Buchmesse normalerweise begleitenden Mega-Event Leipzig liest übrig blieb. Nicht wenige Buchmenschen waren trotz Messeausfall und viraler Widrigkeiten nach Sachsen gekommen. (Es war kurz vor den Verboten und wohlmeinenden Verhaltensnormen – eine Zeitenwende vor heute.) Aus Solidarität mit den kleinen Verlagen, den unabhängigen Buchhändlern, den verblüfften Autoren und Autorinnen, die langsam erkannten, dass es ab sofort an die Fundamente ihrer materiellen Existenz gehen würde. Aus Sympathie zum Hotel in dem man seit Jahren entgegen der üblichen Messetrends stets wohlfeile und freundliche Aufnahme fand.

So viele Gutscheine können wir gar nicht verkaufen, sagen die Inhaber der kleinen Buchläden, so tolle Webshops nicht ins Netz stampfen, so viele Fahrradkuriere niemals aussenden, so viel auf Kosten der eigenen Gesundheit schuften, dass die jetzt eingetretenen Verluste kompensiert werden könnten. Camus Pest und Manns Tod in Venedig sind die Seuchenbestseller, die sie in günstigen Taschenbuchausgaben den Kunden vor die Quarantäne-Schleuse legen dürfen.

Seltsam im Freien zu Wandeln. Mit Misstrauen bedacht ein Jeglicher der entgegenkommt, schon vorab verdächtig der Bereitschaft die nunmehr geltenden Abstands- und Anstandsregeln zu verletzen. Die Folge ist verdrucktes, huschiges Aneinandervorbei. Wenige Schritte weiter springt ein Plakat ins Auge das Dank aus- und Solidarität verspricht, und im Ohr noch den Fernsehsprecher, der von Wellen der Hilfsbereitschaft weiß und dessen Sender versichert für EUCH, also für dich und mich, da zu sein.

Das letzte Buch gelesen. In der Krise plötzlich nicht mehr lesen können. … Ich spiele Scrabble mit einer App, ich schaue Netflix, ca. dreizehn Minuten. Dann falle ich in einen tiefen Schlaf. Es läuft ganz gut, dachte ich, aber heute ist so ein Tag, an dem der Rücken schmerzt, und alles reizt, jede Kleinigkeit, und ich nicht mehr mag, und ich das auch so gerne einfach so sagen möchte: Ich mag nicht mehr. (Die Schriftstellerin Lena Gorelik über den Alltag in der Isolation, mit Kinderbetreuung, Autorinnentätigkeit und vernachlässigten individuellen Bedürfnissen.)

Seltsam kommt es nun jenen vor die Enkel haben und denen nicht mehr nahe sein dürfen. Vorlesestunden mit kuscheligem Aneinander sind Vergangenheit. Datenfernkommunkation in Ton und Bild stellt keine wirklich genügende Ersatznähe her. Da muss in höchster Not und angesichts akutem Büchermangel der beliebte Logistikdienstleister DHL bemüht werden. Und so gehen Der Räuber Hotzenplotz, die einfallsreichen Geschichten und Bilder von Janosch, Der Maulwurf Grabowski zusammen mit vielen anderen spannenden Erzählungen und bunten Bilderwelten als Fünf-Kilo-Paket auf die Reise zu den Lieben, die geographisch nah, gleichzeitig unerreichbar sind. Seltsam auch das längst erwachsene Kind in einem anderen Land zu wissen, in dem die Menschen zwar die gleiche Sprache sprechen und das ungleich näher liegt als irgend ein sagenumwobenes Timbuktu, das jedoch, gleich dem eigenen Staat, Grenzen definiert, die Begegnungen mit Hüben oder Drüben ausschließen. 

Große Reiche vergehen, ein gutes Buch bleibt. Ich glaube an gut beschriebenes Papier mehr als an Maschinengewehre, lässt Lion Feuchtwanger sein alter ego Jacques Tüverlin im Roman Erfolg feststellen. Corona ist lautlos und hinterhältig, mikroskopisch klein und mit Literatur allein nicht zu besiegen, allenfalls besser zu ertragen. Es gilt die Zeit mit guten Büchern zu überbrücken, bis der Gegner mit den Waffen moderner medizinisch-biologischer Forschung in seine Schranken gewiesen werden kann. Dann wäre neu zu hoffen: Dass die emsige Buchhandlung im Städtchen wieder öffnet, der kleine unabhängige Lieblingsverlag noch existiert, eine nächste Buchmesse angekündigt wird. Und die Generationen wieder auf einem Lesesofa vereint sind.

Märzabend

von Ernst Blass

Meinem Freunde Kurt Hiller gewidmet

Die Luft kommt hart und mauerhaft herein
Durch offne Fenster. Und sie bringt Bazillen
Von Influenza sicherlich herein.
Und in dem unerbittlich Mauerstillen:
Zwei schwarze Schwäne, die
Mit Fadenhälsen Hyazinthen spein.

Vom Tode werden Mädchen oft entrückt
Dem Arzte, der noch Kampfer injiziert.
Dann wieder wird in Stuben kondoliert,
Wo Schränke stehen, weise und gedrückt;
Und Menscheneinsamkeit, die schüttelfröstelnd stiert
In Räume, in luftleere Räume.

Der Begriff, der ab etwa 1910 als Etikett für erneuerte Ausdrucksformen des literarischen Schreibens verwendet wurde, war so neu nicht: Expressionismus. Ein Sammelbegriff für eigentlich durchaus vielfältige Strömungen der von der bildenden Kunst übernommen wurde, dabei mehr Lebensgefühl als Stilrichtung. Auflehnung gegen die autoritären Strukturen des wilhelminischen Zeitalters. Angesichts zunehmender Mechanisierung vieler Bereiche sah man die geistigen Refugien bedroht. Und unterschwellige Vorahnung wies auf die kommende Katastrophe des Ersten Weltkriegs.

Die Dichter betonten das individuelle Menschsein angesichts verbreiteter Tendenzen der Vermassung. Es entstand ein Pathos des Aufbegehrens, die Ausdrucksmittel tendierten zum Mystischen, (Pseudo)-Religiösen. Am stärksten prägte diese expressionistische Phase die Lyrik ihrer Zeit. Es entstanden Kreise unter anderem um Kurt Hiller und Jakob von Hoddis, Zeitschriften wie Der Sturm oder Die Aktion. Franz Werfel, Georg Heym, Else Lasker-Schüler, der frühe Johannes R. Becher und viele andere traten mit Gedichtbänden an die Öffentlichkeit, die auf große Resonanz stießen. Viele der darin enthaltenen Werke sind bis heute in einschlägigen Anthologien gegenwärtig. Ernst Blass gehörte nicht zu den prominentesten Vertretern seiner Generation, nach 1945 weitestgehend vergessen, ist er heute nur noch echten Lyrik-Experten ein Begriff. Als einer der Vertreter des frühen Expressionismus fand er später zu neoklassizistischen Formen, wie wir sie von George kennen, um schließlich Elemente der Neuen Sachlichkeit zu verwenden.

Ernst Blass kam am 17. Oktober 1890 als Sohn eines jüdischen Fabrikanten in Berlin zur Welt. Sein Körper war nicht mit den robustesten Eigenschaften ausgestattet, bereits in jungen Jahren litt er unter epileptischen Anfällen. Er studierte in Berlin, Freiburg und Heidelberg Jura. In Heidelberg lernte er Karl Jaspers und Ernst Bloch kennen und fungierte als Herausgeber der Zeitschrift Die Argonauten. Er kehrte nach Berlin zurück, promovierte 1916. 

Seine latente Behinderung schloss ihn von der Teilnahme am Ersten Weltkrieg aus. Immer wieder hatte er mit gesundheitlichen Krisen zu kämpfen, eine 1926 einsetzende Augenkrankheit schränkte seine Entfaltungs- und Ausdrucksmöglichkeiten stark ein. Ab 1930 war er nahezu erblindet. Am 13. Januar 1939 starb Ernst Blass im Jüdischen Krankenhaus zu Berlin an einer zu spät erkannten Lungentuberkulose.

Gleich sein erster Gedichtband Die Straße komme ich entlang geweht, 1912 erschienen, wurde mit großer Begeisterung aufgenommen und machte den Dichter vorübergehend berühmt. Nachfolgende Bände im neoklassizistischen Stil konnten an diesen ersten großen Erfolg nicht anknüpfen. Blass schrieb neben Lyrik Essays, Aufsätze zu literarischen Themen, sowie Tanz- und Filmkritiken. Gedichte hat er nach 1920 kaum noch publiziert. 1933 erhielt er wie viele andere jüdische Intellektuelle, Künstler, Wissenschaftler, Berufsverbot. 2009 erschien eine dreibändige Werkausgabe, 2019 eine Auswahl von Filmessays und -kritiken, die in der Werkausgabe nicht enthalten waren.

Ernst Blass war einer der prägenden, wegweisenden Autoren des Expressionismus. Mit seiner kritisch-intellektuellen Großstadt-Poesie inspirierte er einen wesentlichen Zweig der Literatur der Weimarer Republik, nämlich in den Zwanziger Jahren die Lyrik vom jungen Brecht und Mehring bis zu Erich Kästner und Mascha Kaléko etwa. So urteilte Thomas B. Schumann im Nachwort zur Werkausgabe.

***

Blass, Ernst: Die Straße komme ich entlang geweht. Vor-Worte; Gedichte erster Teil, Gedichte zweiter Teil. – Heidelberg: Verlag von Richard Weissbach, 1912

(Daraus stammt das Gedicht Märzabend. Der Gedichtband ist im Volltext online verfügbar)

Blass, Ernst: Werkausgabe in drei Bänden. – Hürth bei Köln: Ed. Memoria, 2009

Blass, Ernst: “in kino veritas”. Essays und Kritiken zum Film, Berlin 1924-1933. Ausgewählt, mit einem Nachwort versehen und herausgegeben von Angela Reinthal; mit einem Geleitwort von Dieter Kosslik. – Berlin: Elfenbein, 2019

Siehe dazu auch: Müller, Lothar: Vampchen-Glühen. Kalauer und Pointe: Die Filmkritiken des Ernst Blass. In: Süddeutsche Zeitung vom 29.06.2019, S. 20

***

(Vielen Dank an Bernd Michael Köhler, für das Auffinden dieses so gut in unsere Zeit passenden Gedichts, für die Fotos und das Datenmaterial zu Leben und Werk von Ernst Blass.)

Von Blitzen aus heiterem Himmel, wahren Freunden und grünen Brüsten

Kurzgeschichten des rumänischen Autors Florin Iaru.

So geht short story. In 53 Erzählungen demonstriert der rumänische Schriftsteller auf meist nur wenigen Druckseiten was echte Kurzprosa kann. Die grünen Brüste (Im Original: Sînii verzi, erschienen 2017) ist sein dritter Band mit Arbeiten dieser Form, der erste in deutscher Übersetzung. Erschienen ist das Buch im Ulmer Verlag danube books. Den farbigen Schutzumschlag mit seinen anspielungsreichen Motiven hat der Ulmer Künstler und Autor Florian L. Arnold entworfen.

Immer wieder geht es in Iarus Geschichten um das Verhältnis der Geschlechter, um Spannungen, Missverständnisse zwischen Mann und Frau, um nicht selten unrealistische, gegenseitige Erwartungen. Dankbaren und umfangreichen Erzählstoff bietet das Feld des Alltäglichen, des allzu Menschlichen. Seine Darstellungen sind humorvoll, hinterhältig, zugespitzt. Er spielt geschickt mit dramatischen Steigerungen, flunkert gerne spitzbübisch und entzaubert doppelbödig die eine oder andere sicher geglaubte Gewissheit. Das ist oft skurril und witzig, manchmal prall und drastisch, gerne auch frivol, verträumt oder tragisch. Immer jedoch pointiert, mit originellen Sichtweisen, scharfen Beobachtungen und überraschenden Wendungen.

Wie in der Story Der Blitz aus heiterem Himmel. In der wir teilhaben am Abnützungskrieg eines kleinbürgerlichen Ehepaars mit zwei Kindern. Die Kinder laufen eher am Rande mit, erwünscht sind sie wohl längst nicht mehr. Die Partner schwanken zwischen kurzen Phasen des Einvernehmens und Eskalationen, die unversehens in Hass und Ablehnung umschlagen. Die Schlusssätze deuten eine Konsequenz an die eigentlich vorhersehbar war und dennoch unerwartet kommt. Mit keinem Wort zuviel ist das vortrefflich auf den Punkt geschrieben.

Dank einer einfühlsamen und sicheren Übersetzung ist davon auszugehen, dass Ton und Intention des Verfassers in der deutschen Übertragung stimmig wiederzufinden sind. Manuela Klenke wurde 1984 in Cluj-Napoca geboren, lebt jetzt in Osnabrück und arbeitet als Übersetzerin aus dem Rumänischen. Ihre erste literarische Übersetzung war der viel beachtete Roman Null Komma Irgendwas (Interior zero) von Lavinia Branişte, der im mikrotext Verlag erschienen ist. Bei Manuela Klenke waltet nicht unter wirtschaftlichem Druck gepfuschte Oberflächlichkeit, wie wir es aus vielen Übersetzungen englischsprachiger Massenware kennen. Sie leistet mit Sorgfalt, wortforschender Geduld, Satz für Satz, Absatz für Absatz, akribische Arbeit.

Bei der titelgebenden Erzählung handelt es sich um Stoff aus der gegenwärtig sehr beliebten Kategorie Coming-of-Age. Sie zeigt deutlich und exemplarisch Iarus prägnante Ausdruckskraft. Lakonisch und präzise gelingt ihm die erzählerische Verdichtung ohne jede Oberflächlichkeit. Es geht um den fast unerträglichen Leidensdruck eines 15-jährigen Mädchens, das, nicht untypisch für die Altersgruppe, mit ihrer körperlichen Erscheinung unzufrieden ist. Sie fühlt sich von der Natur vernachlässigt, sieht sich als hässliches Entlein dem ein Mauerblümchen-Schicksal droht. Vor allem ist es Adelas unterentwickelte Oberweite, wie sie vergleichend feststellt, die sie in Verzweiflung und Depression stürzt. Zu allem Übel muss sie schmerzlich erfahren, dass Dillkompressen das Brustwachstum keineswegs fördern, sondern die jungen Knospen lediglich nachhaltig grün färben. Die Geschichte nimmt schließlich ein sehr versöhnliches Ende. (Natürlich hat mir persönlich besonders gefallen, dass Adela Lesetherapie zur Linderung ihres quälenden Seelenzustandes einsetzt.)

Foto: Mihai Barbu

Florin Iaru, mit bürgerlichem Namen Florin Râpă, wurde 1954 in Bukarest geboren und gehört seit vielen Jahren zu den etablierten Autoren Rumäniens. Er arbeitete unter anderem für das rumänische Fernsehen und ist als Redakteur und Herausgeber von Zeitschriften tätig. Sein literarisches Debüt im Jahre 1981 trägt den Titel Cântece de trecut strada (Lieder zum Überqueren der Straße). Neben Bänden mit Erzählungen und Gedichten hat er Lyrik und Prosa in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Gedichte von Florin Iaru wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Was fehlt? Vielleicht ein Vor- oder Nachwort das uns deutschen Lesern hilft den Autor innerhalb der rumänischen Literatur einzuordnen. Ergänzend zum Hinweis des Verlags, dass Iarus Geschichten gesellschaftskritische Themen aufgreifen, hätte man sich Angaben zur Entstehungszeit gewünscht. Das vorliegende Buch mit den 53 Kurzgeschichten enthält zusätzlich einen Teil mit dem Titel Erinnerungen. Drei Texte von denen es interessant zu wissen wäre, was es damit auf sich hat und wie autobiographisch sie einzuschätzen sind.

Die Kurzgeschichten von Florin Iaru in der Sammlung Die grünen Brüste sind durchweg fesselnde, lohnende Lektüre, die sich übrigens hervorragend für etwas eignet, das (zumindest unter Erwachsenen) etwas aus der Mode gekommen ist: Zum Vorlesen, gegenseitig, wechselseitig – in lauschiger Atmosphäre ein unterhaltsames Vergnügen.

Common Ground. Literatur aus Südosteuropa heißt einer der Themenschwerpunkte der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Eine gute Idee, ein anderer Blickwinkel und notwendige Alternative zum meist westlich, an der angloamerikanischen Dominanz orientierten Mainstream. Das Verlagsprogramm von danube books spiegelt die kulturelle Vielfalt der Donauländer, Veröffentlichungen aus dem Südosten Europas stehen im Zentrum des Angebots. In Leipzig sind Titel dieses ambitionierten Programms an den Ständen der Slowakischen Literaturagentur SLOLIA und des Rumänischen Kulturinstituts zu finden.

Florin Iaru wird nicht nach Leipzig kommen. Wer ihn zusammen mit seiner Übersetzerin Manuela Klenke erleben möchte, hat im Mai zweimal dazu Gelegenheit: Am 6. Mai in Osnabrück in der Buchhandlung zur Heide und am 8. Mai in Erfurt im Kulturhaus Dacheröden. Das Radioprogramm Ö 1 des Österreichischen Rundfunks (ORF) bringt in seiner Reihe Radiogeschichten einen Beitrag über Die grünen Brüste und den Autor Florin Iaru. Am 23. April 2020, 11:05 Uhr, Titel: Vom Absurden im Normalen.

Iaru, Florin: Die grünen Brüste. Erzählungen. Aus dem Rumänischen übersetzt von Manuela Klenke. – danube books, 2020

 

Drei Kilometer

Über den Debütroman von Nadine Schneider

Aber davon, wie das Ende ist, ahnt man nichts. Man ahnt nicht, dass kein Frühling mehr kommt, und nichts von einem letzten Sommer.

Der Fluss Temesch (Rumänisch: Timiș) entspringt im rumänischen Mittelgebirge Semenic, erreicht nahe Grănicerii die serbische Grenze und mündet nach 359 Kilometern bei Pančevo in die Donau. 1989 ist Serbien ein Landesteil der von Staatschef Tito mit harter Hand zusammengehaltenen sozialistischen Republik Jugoslawien. In Rumänien beherrscht der Ceaușescu-Clan das Land. Die Macht seiner Geheimdienste reicht bis in die hinterste Provinz, die Wirtschaft ist ruiniert und die Bevölkerung leidet unter Mangel, Bespitzelungen, vielfältigen Formen von Unterdrückung und die jüngere Generation unter einer deprimierenden Perspektivlosigkeit.

Nadine Schneiders Erzählung beginnt im Spätsommer 1989. Drei junge Erwachsene – Hans, Anna und Misch – gehören zu einer seit Jahrhunderten in Rumänien beheimateten deutschsprachigen Minderheit (sogenannte Banater Schwaben). Sie leben in einem Dorf an der Temesch, drei Kilometer von der jugoslawischen Grenze entfernt. Die Sommer sind heiß und staubig. Riesige Maisfelder prägen im August und September die Landschaft. 

Die hochgewachsenen Pflanzen bieten für einen begrenzten Zeitraum willkommenen Schutz für eine Flucht ins benachbarte Ausland. Für viele Banater heißt das Sehnsuchtsziel Bundesrepublik Deutschland, wo oft schon Verwandte oder Bekannte leben. Doch die Flucht ist nicht ohne Risiko. Wer auf serbischer Seite gefasst wird, landet zunächst einmal in einem jugoslawischen Gefängnis.

Foto: Wiebke Haag

Die Protagonisten in Nadine Schneiders Roman sind hin- und hergerissen. Frei nach dem Liedermacher Wolf Biermann möchten sie am liebsten weg – und blieben am liebsten hier. Sie hängen an dem gewohnten Zuhause in dem sie aufgewachsen sind, lieben ihre Familien, haben Freunde und sind verwurzelt in Landschaft und Traditionen. Wenig aussichtsreich ist jedoch ihre Zukunft vor Ort, quälend sind Gegenwart und Alltag mit politischer Gleichschaltung, mangelndem Vertrauen in die Mitmenschen, dem verweigerten Studium, der stupiden Arbeit in der Fabrik. 

… ich wollte nicht weg. Ich wollte mir nichts anderes vorstellen außer heißen Augusttagen und Wintern, in denen die Kälte fest gegen die Fenster drückte. Nichts außer dem Frühling, wenn die alten Frauen ihre Bänke vor den Häusern bezogen …

Das Thema Flucht ist für Hans, Anna und Misch allgegenwärtig. Offen darüber gesprochen wird nicht. Immer wieder verschwindet mal jemand aus dem Umfeld. Gräber auf dem Friedhof werden nicht mehr besucht und gepflegt. Häuser bleiben leer, Gärten verwildern. Nicht allen wird der Neuanfang gelingen, die Verheißungen des freien Westen sind groß, Desillusionierungen vorprogrammiert. So oder so: Am Ende ist der Verlustkatalog (György Dragoman) nur schwer erträglich.

Die drei Freunde sind sehr unterschiedlich in Charakter und Temperament. Aus der reinen Freundschaft wird ein brisantes Dreiecksverhältnis. Es entstehen Unsicherheiten und Zweifel an der gegenseitigen Verlässlichkeit, ein Seiltanz zwischen Treue und Verrat. Und unterschwellig gären die Fluchtpläne. Aufgeben oder standhalten? Gehen oder bleiben? Gute Gründe gibt es für beide Alternativen, schlechte ebenso. 

Es ist der Spätsommer dieses besonderen Jahres 1989. Dass in Kürze in Berlin eine Mauer fallen und eine Grenze sich öffnen wird, eine neue Zeit unmittelbar bevorsteht, die fundamentale Veränderungen der politischen Verhältnisse in Deutschland, Rumänien und Europa bringen würde, und dass die Uhr für die Ceaușescus und Konsorten bereits tickt, konnte sich in diesem Sommer, nicht nur in Südosteuropa, niemand vorstellen.

In der Jugend spielt sich das Leben im Feld der Möglichkeiten ab, hat Iris Wolff formuliert. Genau das und die damit verbundenen Ambivalenzen beschreibt Nadine Schneider am Beispiel ihrer Hauptfiguren präzise und intensiv. Ihre klare Sprache findet dabei immer wieder zu wunderschönen Bildern und poetischen Passagen. Ihre Schilderungen der Natur und der Jahreszeiten, des Selbstverständlichen und des Besonderen verdichtet sie zu hoher Intensität.

Seufzend verschränkte mein Vater die Arme und sah zum Himmel. Er war klar und so übersät von Sternen, dass das Schwarz beinahe verschwand unter den weißen Punkten ausgeschütteten Lichts.

Nadine Schneider wurde 1990 in Nürnberg geboren, studierte Musikwissenschaft und Germanistik in Regensburg, Cremona und Berlin, wo sie heute lebt. Sie war mehrfach Stipendiatin der Bayerischen Akademie des Schreibens, Finalistin beim 22. Irseer Pegasus und wurde beim Literaturpreis Prenzlauer Berg ausgezeichnet. Drei Kilometer ist, nach einigen Veröffentlichungen in Anthologien, ihr erster Roman, für den sie den Literaturpreis der Stadt Fulda 2020 und den Bloggerpreis für Literatur Das Debüt 2019 erhielt.

Foto: Laurin Gutwin

Selbst Tochter Banater Schwaben konnte sie Stoff und Fakten für ihre Geschichte dennoch nur begrenzt aus familiären Erinnerungen gewinnen. Sie recherchierte vor Ort und fand in Bibliotheken Material, das ihr die exakte Schilderung von Tages- und Jahresabläufen, sowie regionaler, volksgruppentypischer Gebräuche und Eigenheiten ermöglichte.

Die Tatsache, dass wir als Leser von Anfang an wissen wie die Weltgeschichte nach dem Sommer ‘89 weiterging, lässt uns mit zunehmender Spannung auf Misch, Anna, Hans und ihr Schicksal blicken. Zudem bleibt lange offen wer von den Dreien sich letztlich zur Flucht entschließt oder nicht. Das Buch ist in drei Teilen angelegt, die grob den Jahreszeiten Sommer, Herbst und Winter folgen.

Mit den Stürmen des Herbst und dem winterlichen Frost kommt der Mangel.

Der Herbst verarmte uns. Wir litten nicht Hunger, doch immer schien zu wenig auf dem Teller zu sein, und das Gefühl, nie satt zu werden, war zur Gewohnheit geworden.

Im Spätherbst des Jahres 1998 beginnt es nicht nur in der Natur zu stürmen. Lange aufgestaute Wut und zunehmende Verzweiflung lässt die Menschen auf die Straße gehen. In den Städten kommt es zu Demonstrationen und Streiks. Das Regime schlägt blutig zurück. Doch das Ende der Ceaușescu-Zeit rückt näher, das Land steht vor gewaltigen Umbrüchen. In diesen Passagen des Romans werden Nadine Schneiders Beschreibungen drastisch und eindringlich. Sie spart nichts aus was die Kehrseite der kleinen Hoffnungsfunken an Schrecken und Gefahren mit sich bringt. Das liest sich packend, großartig, bewegend.

Schneider, Nadine: Drei Kilometer. – Jung und Jung, 2019

 

Hermann Hesse und Ulm. Das Buch

Bis heute hat der aus dem lauschig-engen Calw stammende Dichter Hermann Hesse (1877 – 1962) ein großes Leserpublikum in Deutschland und der Welt. Er wurde und wird darüber hinaus als unangepasste Persönlichkeit, als Pazifist und Gegner des Naziregimes geschätzt. Nicht zuletzt links und rechts der Donau.

Die Stadt Ulm zählt inzwischen um die 120.000 Einwohner. Mit der bayerischen Nachbarstadt Neu-Ulm sind es nahezu 180.000. Viele Menschen lieben diese Städte, leben gerne hier, kommen als Touristen oder finden einen attraktiven Arbeitsplatz und bleiben auf Dauer.

Dass Hermann Hesse eine ganz besondere Beziehung zu Ulm (und zu Neu-Ulm) hatte, entdeckten die beiden Bibliothekare Jan Haag und Bernd Michael Köhler. Als sie der Sache intensiver nachgingen stießen sie auf bibliographische und archivarische Quellen die belegen, dass dieses Verhältnis Hesses zu Ulm, Neu-Ulm (und Blaubeuren!), zu Freunden und Bekannten in der Region, sehr viel weitreichender und vielfältiger war als es die bisher bekannten biographischen Publikationen wiedergeben. Ihre Recherche-Ergebnisse und die daraus resultierenden Erkenntnisse haben sie in einem kleinen Buch zusammengefasst, das bereits im letzten Herbst erschienen ist. 

“Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt”, stieß auf breites Interesse in Ulm und Umgebung, sowie darüber hinaus bei vielen die sich für diesen Schriftsteller und regionale Bezüge in der deutschen Literaturgeschichte interessieren. Die neuen Quellen, die die beiden Autoren entdeckten und auswerten konnten, fanden große Beachtung in der einschlägigen Hesseforschung. Der ausführliche bibliographische Anhang des Buches dokumentiert die gesamten ausgewerteten Quellen. Ein kleines, feines Weihnachtsgeschenk oder eine originelle Aufmerksamkeit zwischendurch für Literatur- oder Ulmfreunde. 

Kaufen Sie auf jeden Fall vor Ort in der Buchhandlung Ihres Vertrauens und unterstützen sie damit die bunte Vielfalt unserer Innenstädte und Stadtteile. Wer’s unbedingt online machen möchte – auch darauf sind die meisten lokalen Buchhändler eingerichtet , die entsprechenden Plattformen sind im Netz unschwer zu finden. Ein Kauf direkt im Laden ist allerdings schöner und erlebnisreicher. Oft verlässt man diesen dann mit überraschenden Entdeckungen oder gut beraten mit einigen unvorhergesehenen Neuerwerbungen.

Schwäbischen Geldbeuteln, die sich nur schwer öffnen, sei an dieser Stelle verraten: Das Buch ist in den Stadtbibliotheken Ulm und Neu-Ulm vorhanden und kann dort unter Beachtung der geltenden Regularien entliehen werden.

Haag, Jan; Köhler, Bernd Michael: “Seien Sie gegrüßt liebe Freunde in Ulm”. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt. Klemm+Oelschläger, 2018. Gebunden, 114 Seiten, Euro 12,80 ISBN 978-3-86281-132-8

***

Eine Besprechung des Buches in der Ulmer Südwest Presse ist hier zu finden.

***

Kurze Einblicke in den Text:

In seinem selbstironischen Reisebericht Die Nürnberger Reise berichtet Hermann Hesse von einer Lesung in Ulm im Jahr 1925. Haag/Köhler schildern wie es danach weiter ging:

“Nach der Lesung saß man bei der Familie von Lydie und Eugen Link in der Neutorstraße 7 mit dem Museumsleiter und einigen wenigen anderen beim Wein zusammen. Gut vorstellbar, dass noch ein Eugen dabei war. Eugen Zeller, der zudem ganz in der Nähe, in der Bessererstraße 9, wohnte. Eine solche vertraute und überschaubare Runde hatte Hesse frühzeitig in der für ihn typischen Weise eingefordert, wie einem Brief an Eugen Link vom 18. Oktober 1925 zu entnehmen ist: Den auftauchenden Vorschlag zu einem Bankett oder einem Zusammensitzen eines größeren Kreises nach dem Vortrag bitte ich unbedingt abzulehnen. Sonst riskieren Sie, daß Sie mich morgen in Ihrem Gastzimmer erhängt finden.

Vier Jahre später las der eigenwillige Hesse wieder in Ulm:

“Nach der Lesung 1925 im Museum mit seinem verhältnismäßig kleinen Veranstaltungsraum war der Wunsch entstanden, den Dichter erneut in Ulm zu erleben. Diesmal hatte man den deutlich größeren Saal angemietet, um den zu erwartenden Ansturm zu bewältigen. Dennoch musste erneut eine erhebliche Zahl Interessierter wieder nach Hause geschickt werden. Der übervolle Saal wurde als ein sprechender Beweis für das aufsteigende, kulturelle Interesse der Ulmer interpretiert. Auch Jacques Offenbachs Schöne Helena, die zur gleichen Zeit im städtischen Theater ihre Reize spielen ließ, konnte den Ansturm auf die Vorlesung literarischer Werke nicht mindern.”

Über Hesses eigene literarische Vorlieben ist unter anderem zu erfahren:

“Was Hermann Hesse und Eugen Zeller teilten, war ihre Leidenschaft für den Landsmann, unfreiwilligen Landpfarrer und Dichter aus Berufung, Eduard Mörike (1804 – 1875). Der Ulmer Lehrer (Zeller, J. H.) sammelte Bücher und Gegenstände aus dessen Nachlass. Hesse war sehr an diesen Devotionalien interessiert und wandte sich mit einer entsprechenden Bitte an den Freund. Ihrem Wunsche ein Mörike-Original zu besitzen, bin ich gerne zur Verfügung, war die Antwort. … Doch von den eigenen Schätzen gedachte er nichts abzugeben. Zeller vermittelte den Kontakt zu Fanny, der zweiten Tochter Mörikes, die zeitweise mit ihrem Mann in Neu-Ulm … “

 

Buch Wien 2019

Was war und was nicht.

Zuverlässig. Pünktlich. Preisgünstig und fast rund um die Uhr bringen Busse, U-Bahn und Straßenbahnen (Wiener Straßenbahn: 306 Millionen Fahrgäste / 2016, Gleislänge 432 km) der Wiener Linien Tag für Tag tausende Menschen von hier nach dort in dieser faszinierenden Stadt. Von Theater zu Theater. Von Kaffeehaus zu Kaffeehaus. Ins Belvedere, nach Schönbrunn, spät des Abends vom Beisl sicher nach Hause. Oder an die Messehalle D. Zur Buch Wien.

Buch Wien? So nennt sich seit nunmehr 11 Jahren eine Messe, die mit ihrem Namen regionale Begrenzung andeutet und sich gleichzeitig zunehmend zur österreichischen Buchmesse mit Alleinstellungsmerkmal entwickelt. Vielleicht gelingt es dem Format, den bundesdeutschen Vorbildern Leipzig und Frankfurt in den kommenden Jahren in Sachen Größe, Zuspruch und Debattentauglichkeit ein Stück näher zu rücken.

Was fehlte (1). Auf der abendlichen Eröffnungsveranstaltung wurden die angekündigten Michael Köhlmeier und Tobias Moretti vermisst. Sie fehlten krankheitsbedingt. G’rad schad’ war’s. Die entstandenen Lücken boten der sehr animierten und redseligen Vea Kaiser umso mehr Raum und Zeit sich den Gästen als unterhaltsame Plaudertasche und Vollbluterzählerin zu präsentieren. Gerüchte, die Kaiser gäbe nächstens in Salzburg die neue Buhlschaft an der Seite Morettis, erwiesen sich als aus der Luft gegriffen. Es wird die wunderbare Caroline Peters, längst eine der beliebtesten Darstellerinnen am Burgtheater.

Verlage (1). Große und kleine. Erfolgreiche und aufstrebende. Seltsame und weitgereiste aus dem Morgenland. Für so wenige ist Platz in einem kleinen Literaturblog. Es bleibt bei exemplarischen Erwähnungen. Als da wären die Macher von Text/Rahmen. Dominik Uhl und Michael Marlovics haben beide sehr sinnerfüllende Hauptberufe, dennoch sind sie alles andere als Amateure (Roman von Kinga Litkey, erschienen bei Text/Rahmen) im Verlagsmetier. 

Engagement, Herzblut und ein Stück Selbstausbeutung sorgen für das spannende, beachtlich umfangreiche Programm. Autoren und Autorinnen bekommen bei ihnen die meist erste Möglichkeit, mit einem Roman, einer Erzählung die literarische Bühne zu betreten. Ich mag, wie du denkst (Erzählung von Thorsten Pütz bei Text/Rahmen), Ja, und ich mag was sie machen und wie sie es machen. Es gibt natürlich auch Krimis. Und einen erstaunlichen, originellen Bildband von Alex Dietrich mit dem Titel Da letzte Schmäh. Eine visuelle Konfrontation mit den Nicht-Orten Wiens und gleichzeitig heimliche Liebeserklärung an diese Stadt.

Preiswürdig (1). Norbert Gstrein bekam für seinen neuesten Roman Als ich jung war, den österreichischen Buchpreis. (Auch er fehlte auf der Messe krankheitsbedingt.) Der Debütpreis ging – und zu dieser Wahl kann man nur herzhaft applaudieren – an Angela Lehner für Vater unser. Mit dem Titel stand sie bereits auf der Longlist für den deutschen Buchpreis. Die in Berlin lebende Autorin stellte das Buch mit sichtlichem Vergnügen und unverkennbar osttiroler Akzent vor und erzählte anekdotenreich vom mühsamen Werden desselben. Dazu gehörten unter anderem umfangreiche Recherchen im Otto-Wagner-Spital, einer psychiatrischen und sozialmedizinischen Klinik, die durch Thomas Bernhard als Baumgartner Höhe (s. Wittgensteins Neffe) literarisch verwertet wurde. Hier wird die Protagonistin von Lehners Roman eingeliefert, deren Geschichte wir alsdann erfahren. Humorvoll, manchmal tragisch, immer gekonnt erzählt.

Aufgeschnappt (1). Romane sind eine Zeitverschwendung der Leser. Davor verschont uns die bulgarische Dichterin und Bibliothekarin Yordanka Beleva. Sie selbst belässt es bei kurzen Formen, Lyrik und kleinen Erzählungen. Würden alle so schreiben und publizieren, kämen Buchmessen mit deutlich weniger Platz aus. Mir würde allerdings sehr viel fehlen.

Verlage (2). Kaum hatte man die Messehalle betreten, stand man schon vor einem gigantischen Stapel Handke-Bücher. Er hat viel geschrieben, von ihm wurde und wird viel verlegt, über ihn wird reichlich diskutiert, er ist der Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 2019, vor Ort war er nicht. Olga Tokarczuk ist die Literatur-Nobelpreisträgerin des Jahres 2018. (Die Ehrung widerfuhr ihr erst in diesem Jahr, gleichzeitig mit Handke, da die Nobelkommission vorübergehend außer Diensten gewesen war.) Ihre Bücher führten am Schweizer Gemeinschaftsstand ein Nischendasein. Die deutschen Übersetzungen werden inzwischen komplett von Kampa verlegt. Bis Ende November soll ihr Werk nahezu vollständig in Neuauflagen vorliegen. Angeboten wurde bereits Die Jakobsbücher, jenes umfangreiche, vielschichtige Werk, für das sie von den Stockholmern ausgezeichnet wurde. (Kampa hat übrigens den derzeit wieder sehr angesagten Simenon im Portfolio.)

Was fehlte (2). Fehlen wird, und das wohl für immer, eine deutsche Übersetzung von Olga Tokarczuk allererstem Roman Podróż ludzi księgi (auf deutsch etwa: Reise der Buchmenschen). Wie bei Kampa zu erfahren war, hat sich die Autorin inzwischen von dem Werk distanziert und lässt eine Übersetzung und das Erscheinen in deutscher Sprache nicht zu. Schade, natürlich wäre nicht nur ich jetzt erst recht gespannt auf diesen Erstling. Es gab ein wenig Hinundher, ob denn bereits einmal eine deutsche Ausgabe dieser Buchmenschen erschienen sei. Alle Recherchen ergaben, dass dem wohl nicht so ist. Auf con=libri gibt es einen Beitrag über Tokarczuks Ur und andere Zeiten

Aufgeschnappt (2). Kinder wollen nichts Postmodernes – sie wollen einfach eine Geschichte. Da kann man Iva Procházková nur zustimmen. Die Tschechin lebt in Wien und ist eine renommierte Kinderbuchautorin. (Die tschechische Kinderliteratur ist ja bekanntlich sehr vielfältig und hochwertig, nicht umsonst werden die Bücher häufig übersetzt.) Letztes Jahr erschien ein erster Kriminalroman von ihr: Der Mann am Grund: Der erste Fall von Kommissar Holina.

Verlage (3). Danube books aus Ulm kümmert sich schwerpunktmäßig um den Donauraum und Südosteuropa. Verleger Thomas Zehender ist ausgezeichnet vernetzt. Dank langjährig gepflegter Beziehungen zu kulturellen Institutionen und Persönlichkeiten aus den entsprechenden Ländern ist ein Programm entstanden, das aus Titeln zu aktuellen politischen Themen, anspruchsvoller Lyrik und erzählender Literatur besteht. Der Verlag möchte nationale Grenzen überwinden und die kulturelle Vielfalt der Donauregion fördern.

Mich hat der bescheidene Auftritt der 81-jährigen Kristiane Kondrat beeindruckt. Danube books hat ihren Roman Abstufung dreier Nuancen von Grau neu aufgelegt. Sie entstammt einer deutschen Familie in Rumänien und wurde als Aloisia Bohn in Reschitz (Banat) geboren. Sie studierte Germanistik und Rumänistik und schrieb zunächst für die Schublade, da eine Veröffentlichung ihrer Arbeiten unter den herrschenden Regimen nicht möglich war. Das Schreiben war für sie Flucht vor der Indoktrination, der Gehirnwäsche durch die offizielle Propaganda. Seit 1973 lebt die Autorin in Deutschland. Vor der Ausreise aus Rumänien wurde sie genötigt zu erklären, dass sie weder mündlich noch schriftlich etwas sagen oder veröffentlichen würde, das der Sozialistischen Republik Rumänien Schaden könnte. Deshalb veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Kristiane Kondrat.

In ihrem Roman erzählt sie von einer jungen Frau auf der Flucht, die sich verfolgt und in die Enge getrieben fühlt. Überall stößt sie auf Menschen, die sie scheinbar bedrohen und ihr Angst machen. Doch allmählich kann sie dieser Angst Grenzen setzen und sich letztlich sogar davon befreien. Diese Geschichte einer Traumatisierung und ihrer Überwindung erzählt die Autorin vor dem Hintergrund eigener Lebenserfahrung. Kondrat gelingen kraftvolle Bilder, ihre genauen Beobachtungen gibt sie in poetischer Form wieder. Es ist die Sprache einer reifen Schriftstellerin, der man wünscht, dass sie noch etwas breiter wahrgenommen wird.

Exkurs. Vor undoder nach den Messebesuchen ins Kaffeehaus. Das Café Weimar ist in der Währinger Straße, vom Schottentor kommend, am Sigmund-Freud-Park vorbei, kurz vor der Volksoper in einem Eckhaus. Hier wurde die Urkunde der UNESCO überreicht, die die Wiener Kaffeehauskultur zum immateriellen Weltkulturerbe erklärte. Unverzichtbar – zumindest für mich – bei einem Wienbesuch die Einkehr im beliebten Sperl, und sei es nur wegen der gerösteten Knödel mit leckerem Salätchen. Und natürlich nicht zu vergessen das einmalige Phil. Zum zweiten Frühstück inmitten von Büchern. Hier ist immer wieder eine Entdeckung zu machen, die man anderswo nicht findet. Und dann ist da ja noch das unverwechselbare Publikum. Lehrende und Lernende, Lesende und Schreibende und allerhand anderes kreatives Volk.

Preiswürdig (2). Der Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur wird von der Stadt Wien und dem Hauptverband des Österreichischen Buchhandels vergeben. Bereits zum zweiten Mal wurde Alex Beer damit ausgezeichnet. Die studierte Archäologin schreibt akribisch recherchierte historische Romane in Form von Krimis. Im Frühjahr erschien der dritte Band rund um den Ermittler August Emmerich. Wie die Vorgänger Der zweite Reiter und Die rote Frau hat Der dunkle Bote das notleidende Wien der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg zur Kulisse. Breite Bevölkerungsschichten sind von Armut, Arbeitslosigkeit und fehlenden Perspektiven betroffen. Das ist oft düster, sehr authentisch und ausgesprochen spannend.

Alex Beer auf der Buch Wien 2019

Aufgeschnappt (3). Wir erinnern uns immer so, wie wir es gerade noch ertragen können. Sagte Nora Bossong, die mit ihrem aktuellen Roman Schutzzone auf der Buch Wien 2019 vertreten war. In Schutzzone stehen private Schicksale für eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Vereinten Nationen in Krisen- und Kriegsregionen.

Was nicht fehlte. Was wäre eine Buchmesse ohne all den unverzichtbaren Tand und Trödel den man handelstechnisch unter dem Begriff Nonbook zusammenfasst. Also all jene Produkte, für die man nicht notwendigerweise lesen können muss. Sternenstanzer und Stiftespitzer, Pesto und Kürbiskerne, Malbücher, Puzzles und Mottoshirts, Schmink- und Bastelsets, Paprikapulver und Malkreide. Und vieles mehr!

Was fehlte (3). Petra Hartlieb. Tausendsassa und Allgegenwärtigkeit der Branchenszene. Sie hatte sich eine Auszeit genommen und eine Kur gegönnt.

***

Lehner, Angela: Vater unser. Roman. – Hanser, 2019

Tokarczuk, Olga: Die Jakobsbücher oder eine große Reise über sieben Grenzen, durch fünf Sprachen und drei große Religionen, die kleinen nicht mitgerechnet. – Kampa, 2019

Tokarczuk, Olga: Ur und andere Zeiten. Roman. – Neuaufl. Kampa, 2019. s. con=libri

Procházková, Iva: Der Mann am Grund. Der erste Fall von Kommissar Holina. – Braumüller, 2018

Kondrat, Kristiane: Abstufung dreier Nuancen von Grau. Roman mit einem Vorwort von Christina Rossi. – Neuaufl. danube books, 2019

Beer, Alex: Der dunkle Bote. Ein Fall für August Emmerich. Kriminalroman. – Limes, 2019

Bossong, Nora: Schutzzone. Roman. – Suhrkamp, 2019

Links zu den Verlagen:

Text/Rahmen

Kampa

danube books

 

Urkraft des Erzählens

Die neue Nobelpreisträgerin und ihr Roman Ur und andere Zeiten.

Manche Literaten bekommen ihre Preise posthum. Olga Tokarczuk bekam den ihren für ein Jahr das bereits vergangen ist. Nachholend hereingeholt in diesen Herbst 2019, weil im Herbst 2018 das Nobelkomitee sich selbst so peinlich war, dass es lieber zurücktrat als vor die Öffentlichkeit. 

Der Nobelpreis eines vergangenen Jahres. Wie passend für ein Werk, das die Vergangenheit im Titel trägt. (Im polnischen Original noch treffender, wie mir der Übersetzer von Google verrät: Prawiek i inne czasy. Prawiek wird als Vorgeschichte übersetzt.) Soweit man das über die nicht unerhebliche Sprachbarriere hinweg beurteilen kann, wurde Ur und andere Zeiten glänzend übersetzt von Esther Kinsky, der man die meisten Arbeiten Tokarczuks anvertraut hat.

Und welch’ ein Glück, dass ich genau dieses Buch bereits vor einiger Zeit, auf der Suche nach interessanten Entdeckungen bei den östlichen Nachbarn, in die Hand bekam und jetzt aus erfreulichem Anlass lesen konnte. Dabei will es gar nicht so gut in mein literarisches Beuteschema passen, mit seinen phantastischen und mystischen Elementen, die im stringenten Hauptstrang der Handlung allerdings so selbstverständlich platziert sind dass sie dem skeptischen Leser keine Widerhaken setzen. 

Die polnische Erstausgabe datiert von 1996, die Verfasserin war da 34 Jahre alt. Und wenn ihr im Dezember die Urkunde überreicht wird, gehört sie immer noch zu den jüngeren Empfängern. Der Preisträger des laufenden Jahres – ein gewisser Peter Handke – ist mit seinen 76 Lenzen im gewöhnlichen Maß.

Olga Tokarczuks Ur ist ebenso vage Zeit-, wie exakte Ortbezeichnung: Ur ist ein Ort mitten im Weltall. Im Norden verläuft die Grenze von Ur an der Straße von Taszow nach Kielce entlang … Die südliche Grenze bildet das Städtchen Jeszkotle … Die ersten Ur-Bewohner lernt man zu Kriegsbeginn 1914 kennen. Den Müller der in die Uniform gezwungen und eingezogen wird. Seine Frau, die während der jahrelangen Abwesenheit des Gatten den Mühlenbetrieb führt. Ihr Mann, der die ungeborene Tochter und sein vertrautes Leben zurücklassen muss, wird lange nach Kriegsende erst heimkehren. Tochter Misias erste Erinnerung verband sich mit dem Anblick eines abgerissenen Mannes auf dem Weg zur Mühle. Ihr Vater war unsicher auf den Beinen, und später weinte er oft nächtelang an Mamas Brust. Deshalb behandelte Misia ihn wie ihresgleiches. 

Da ist der Freiherr Popielski, der angesichts der grausamen Zeiten und den damit verbundenen Veränderungen, seinen Glauben in Zweifel zieht. Und da ist – wir sind in Polen – die Muttergottes von Jeszkotle. Sie war der reine Wille, denen zu helfen, die krank und gebrechlich waren. Sie war die Kraft, die durch ein Wunder Gottes dem Bild zugekommen war. Dem Freiherrn konnte sie nicht helfen, denn ihn hatte der Glaube an die Wunder Gottes verlassen. 

Da sind Verwandte und Nachbarn, allerhand Ur-Einwohner mit denen wir exemplarisch den Ur-Kosmos kennenlernen. Wie überall auf der Welt werden in Ur die Kinder rasch groß, bekommen selbst Kinder. Es wird geliebt, betrogen und gestorben. Es gibt Streber, Außenseiter und Originale. Verbindungen in himmlische Sphären sind häufig, manchmal nehmen sie skurrile, manchmal verzweifelte Formen an, hin und wieder sind sie unterbrochen. Die Gepflogenheiten ändern sich nur langsam, die Jahrzehnte ziehen dennoch unaufhaltsam vorbei. 

Die Kapitel über die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg, die Deportation und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, die Auswirkungen und Folgen des kriegerischen Wahnsinns, sind ausgesprochen ergreifend geschildert. Selten habe ich eine so bewegende und treffende Darstellung dieses Elends, dieser Leidensjahre gelesen. In der deutschen Literatur gibt es wenig das in ähnlicher Weise dem Schicksal Polens und seiner Menschen gerecht würde.

(Bild: Fryta 73 from Strzegom (Wikimedia Commons account: Fryta73), Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Handke bekam die Auszeichnung trotz seiner vielfach verurteilten Haltung zum Jugoslawienkrieg. Die Berechtigung wird bei ihm in Zweifel gezogen, ein Entrüstungssturm tobt durch analoge und digitale Medien. Tokarczuks Lebensform und politische Haltung findet hingegen viel Zustimmung, um so mehr, als sie sich konträr zu den restaurativen Tendenzen in Polen verhält. In der Süddeutschen Zeitung schrieb Thomas Urban … dass das Regierungslager in Warschau nicht erfreut sein kann. Schon allein mit ihren Rasta-Strähnen und bunten Perlen im Haar ist sie den Konservativen in Polen verdächtig. … Vor allem aber engagierte sich Olga Tokarczuk bei den polnischen Grünen und gehörte der Redaktion der Zeitschrift Krytyka Polityczna an, für die linke und linksliberale Vordenker schreiben. Sie warnt vor einem schleichenden Prozess der Ent-Demokratisierung in Polen.

Olga Tokarczuk ist im ländlichen Niederschlesien, in der Kleinstadt Sulechow, aufgewachsen, sie hat in Warschau Psychologie studiert und mit verhaltensauffälligen Jugendlichen gearbeitet. Die Mutter war Polonistin, ihr Vater Bibliothekar, früh hatte sie die Möglichkeit Klassiker der polnischen und der Weltliteratur zu lesen. Wie viele Polen und Polinnen ging sie ins Ausland um Geld zu verdienen – nach London. 1989 wurden erste Gedichte von ihr veröffentlicht. Sie organisierte Literaturfestivals in der polnischen Provinz und gründete einen Kleinverlag. Sie hat sich mit dem kulturellen Erbe in den ehemals deutschen Gebieten beschäftigt. Heute lebt sie in Breslau und auf einem Dorf. 1993 erschien ihr erster Roman. Reise der Buchmenschen wurde in Polen als bestes Prosadebüt der Jahre 1992/93 ausgezeichnet. Für den Roman Flights (deutsch: Unrast) erhielt sie 2018 den hochdotierten Man Booker Prize.

Ja, mich hat, wie es positive Kritiken schildern, der Erzählstrom mitgerissen. Diese subtile Schlichtheit und Klarheit der Sprache lässt nur schwer wieder los. Da liest sich Tragik federleicht und sanfter Humor nimmt der Jahrhundertschwere ihr Gewicht. Und die am Rande Urs stets gegenwärtigen Erzengel werden zu selbstverständlichen, vertrauten Protagonisten. Das ist zeitlose Epik von dauerhaftem Rang, die wir in Deutschland ohne die Nobelpreis-Verleihung vermutlich übersehen hätten.

Die deutschsprachigen Ausgaben von Olga Tokarczuks Werken erscheinen im Kampa Verlag, Zürich. Die Ausgabe von Ur und andere Zeiten die mir vorliegt, ist seinerzeit im Berlin Verlag erschienen, eine Neuausgabe wird von Kampa mit Hochdruck vorbereitet. Geplant ist nicht weniger, als in Kürze deutsche Übersetzungen des vielfältigen und bereits recht umfangreichen Gesamtwerks in einem Verlag zu beheimaten.

Am 1. Oktober erschien das aktuelle Buch der Schriftstellerin: Die Jakobsbücher. Ein historischer Stoff, ein Opus Magnum von gut 1100 Seiten, das bereits große Resonanz und Anerkennung findet. Das ist eines der Bücher, die man in hundert Jahren noch lesen wird, sagt der Verleger Daniel Kampa. Auf mich sehe ich eine große und spannende Leseherausforderung zukommen. Vielleicht wird auf con=libri beizeiten davon zu berichten sein.

2014 hat der SPIEGEL polnische Literaten besucht und porträtiert. Wir erfahren, wie es bei Olga Tokarczuks aussah: Ein Altar steht in Tokarczuks Schreibzimmer. Darauf lässt ein koreanischer Buddha Schultern und Mundwinkel hängen, die Hindugöttin Durga steht aufrecht, sie steht für das Wissen und das Handeln.

 

Schillers Garten und Wallensteins Lager

Vielleicht betritt man den Schillergarten von der Elbseite her. Man hat auf dem breiten Uferweg promeniert, versonnen auf den Fluss geschaut, an den fernen Ursprung des Flusses in den Höhen des tschechischen Riesengebirges gedacht, an den kräftigen Zufluss der legendären Moldau und den grenzfreien Eintritt auf bundesdeutsches Gebiet. Nachdem er die Hänge bei Schloss Pillnitz passiert hat, erreicht er das breite Ufer von Blasewitz, an dem wir stehen, mit Blick auf den gegenüberliegenden Stadtteil Loschwitz mit seinem Prominentenviertel Weißer Hirsch. Der ganze Dresdner Barock liegt noch vor ihm, dann Magdeburg, das Lauenburgische, das hyperaktive Hamburg, bevor nach über 1000 Kilometern ein breiter Strom die Nordsee erreicht.

Über einige wenige Stufen geht es in den Gastgarten. Er hat sich längst angekündigt, mit dem unwiderstehlichen Aroma von Bratwürsten die auf Holzkohle grillen. Obwohl dieser so populäre Fettgenuss längst zum profanen Massenerzeugnis degenerierte und mit der Idee einer Thüringer Bratwurst (zumal in Sachsen!) fast nichts mehr gemein hat, findet er reichlich hungrige Abnehmer. Genauso wie all die anderen kulinarischen Üppigkeiten, die unter den sommergrünen Kastanien und Ahornen bei leichtem warmen Wind besonders gut munden. Dazu der Wein aus dem Saale-Unstrut-Gebiet oder das kühle süffige Bier das pausenlos aus dem Zapfhahn in sich rasch beschlagende Gläser fließt.

Hier ist gut sein. Und beim Blick auf das wuchtige, Elbe überspannende Brückenwerk kann man einer kleinen Geschichte rund um Friedrich Schiller begegnen, die den bekannten Biographen zu unbedeutend war um sie in ihren Standardwerken zu erzählen.

Das Blaue Wunder gab es damals noch nicht. Jene gewaltige Brückenkonstruktion über die Elbe, die heute die Dresdner Stadtteile Blasewitz und Loschwitz verbindet und mit ihren kühnen Konstruktionsteilen aus Schmiedeeisen beeindruckt, wurde erst im Juli 1893 eingeweiht. Mit der neuen Verbindung war ein durchgängiger Straßenbahnverkehr zwischen Schiller- und Körnerplatz möglich geworden.

Bis dahin musste mit der Fähre übergesetzt werden. Wie zwischen 1785 und 1787 als Friedrich Schiller bei seinem Freund Christian Gottfried Körner Unterschlupf und Ruhepol gefunden hatte. Der aus Schwaben stammende Dichter war zu Beginn dieses Aufenthalts 36 Jahre alt und feilte seit einiger Zeit am Freiheits- und Unabhängigkeitsdrama Don Karlos, Infant von Spanien. (Mit der berühmten Forderung des Marquis von Posa an den spanischen König Philipp II.: Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!) Er kam nicht gut voran, hatte Schulden und wusste nicht so recht, wo er hingehörte. Die Heimat hatte er vor Jahren verlassen müssen, da er beim württembergischen Landesherrn mit seinen freiheitlichen Dichtungen und politisch progressiven Äußerungen in Ungnade gefallen war. Über Mannheim, Rudolstadt und Leipzig war er schließlich hier, am Rande Dresdens, gelandet.

Das Übersetzen mit einer Fähre vom einen Elbufer an das andere war nicht ganz ungefährlich, bei Hochwasser, Sturm oder Eisgang mitunter längere Zeit gar unmöglich. Am schönsten war es im Sommer den Fluss zu überqueren. Wenn der Fährmann am linken Ufer anlegte und man das schwankende Gefährt verließ stand man direkt vor der Fleischer’schen Schenke, damals eine bekannte Einkehr, heute der urige, mit zahlreichen Bäumen beschattete Schillergarten, damals wie heute ein beliebtes Ausflugs- und Einkehrziel.

Hier begegneten sich der Dichter Friedrich Schiller, den seine Freunde Fritz nannten, und Johanne Justine Segedin, die alle Gustl riefen. Schiller, der von seiner Arbeit am Drama zu gern in die Freiluft-Idylle am anderen Ufer floh und die junge Frau die in der Wirtschaft ihrer Eltern bediente. Der Fritz war ja eine attraktive Erscheinung. Groß gewachsen, blondlockig, redegewandt, den schwäbischen Dialekt hatte er nie richtig ablegen können. Das verlieh ihm, damals als ostdeutsche Großstädte noch nicht von größeren Schwabenkohorten bevölkert waren, eine charmante Exotik.

Justine war 22 Jahre alt als sie Schiller begegnete, der angeblich am liebsten Milch bestellt und getrunken hat. Vielleicht gehört dies angesichts der bekannten Trinkgewohnheiten des Dichters, der eindeutig den großzügigen Schoppen Wein bevorzugte, ebenso ins Bereich der Legenden, wie das was im Lauf kommender Jahre und Jahrzehnte über die Beziehung zwischen der hübschen Jungfer und dem attraktiven Gast an Gerüchten und Legenden in Umlauf kam.

Begegnung Schillers mit Gustel. Idealisierte Darstellung auf einer historischen Postkarte.

Schiller war auf die Maid aufmerksam geworden weil sie eine sehr schöne Stimme besaß. Sich selbst am Spinett begleitend, trug sie gerne einmal das eine oder andere Lied vor. Man mag sich durchaus hin und wieder außerhalb der Wirtschaft begegnet sein. Dabei kam es vielleicht zu kurzen Gesprächen, möglicherweise kleinen Flirts. Mehr ließen, jedenfalls nicht ohne dass dies fatale Konsequenzen gehabt hätte, die Sitten der Zeit nicht zu. Und die Justine Segedin war nicht nur sittsam, sondern bereits mit dem Advokaten und späteren Senator Christian Friedrich Renner  verlobt. Noch während Schillers Dresdner Jahre heiratete das Paar. Es gab immer wieder Stimmen, die behaupteten, die Neigungen zwischen Schiller und Justine Segedin seien doch ernsthafterer Natur gewesen. Von einem Briefwechsel war die Rede, doch wurden nie Dokumente gefunden oder nachgewiesen, die diese Vermutungen belegten. 

Etwa zehn Jahre später. Friedrich Schiller ist längst in Weimar etabliert. An der Seite Goethens wird fleißig am Klassikerstatus gearbeitet. Ehestand und Kinder sind eher Last als Segen, immerhin, die materielle Situation hat sich entspannt. Der Lehrstuhl in Jena, den ihm der einflussreiche Kollege verschafft hat, bringt zwar kein Geld, jedoch akademisches Ansehen. Verschiedene Projekte, die Einnahmen generieren sollen, gedeien leidlich. Ehrungen, die mit finanziellen Vorteilen verbunden sind, häufen sich. Und der Wallenstein ist fertig. Eine dramatische Trilogie, deren erster Teil Wallensteins Lager betitelt ist. Schiller, der Schelm, hat seiner alten Dresdner Bekanntschaft einen kleinen, fast unscheinbaren Auftritt im Werk gewidmet.

Wir sind im fünften Auftritt, als eine Marketenderin zwei neu eintreffenden Jägern mit dem Begrüßungstrunk entgegentritt. – Marketenderin: Glück zur Ankunft, ihr Herrn! / Erster Jäger: Was? der Blitz! Das ist ja die Gustel aus Blasewitz. / Marketenderin: I freilich! Und Er ist wohl gar, Mußjö / Der lange Peter aus Itzehoe? / Der seines Vaters goldene Füchse / Mit unserm Regiment hat durchgebracht / Zu Glückstadt in einer lustigen Nacht. / Erster Jäger: Und die Feder vertauscht mit der Kugelbüchse. / Marketenderin: Ei! da sind wir alte Bekannte! / Erster Jäger: Und treffen uns hier im böhmischen Lande. – usw.

Die Marketenderin wird in der Folge in Wallensteins Lager noch mehrmals marginal in Erscheinung treten. Frau Senatorin Renner im fernen Dresden soll, so wird berichtet, not amused gewesen sein. 

Vor mir liegt die gedruckte Version eines Volksstücks mit dem Titel Die Gustel von Blasewitz von einer gewissen Anda von Smelding über die ich literaturhistorisch und biographisch aus gängigen Quellen nichts in Erfahrung bringen konnte. Es ist 1935 erschienen, in einer Zeit als man in Deutschland sehr an arischen Nationalhelden interessiert war. Schiller wurde dafür ja bekanntlich vereinnahmt. In dem schwankhaften Theaterstück, das ich nur überflogen habe, ist die Gustel schon sehr angetan vom feschen Fritz, es bleibt aber alles in der Schwebe und einem ehrenhaften Rahmen. Am Ende tritt Friedrich Schiller sogar als eine Art Ehestifter in Erscheinung. Dem künftigen Bräutigam der Johanne Justine Segedin gibt er auf den Weg: Junger Freund – ich habe das Meinige getan – tun Sie das Ihre! Und gnad Ihne Gott, wenn Sie’s wo fehle lasse! Ich komm mit Siebemeilestiefel nach Dresde gelaufe!

Die Autorin lässt Schiller in einem abgemilderten Schwäbisch, die Gustl mit sächsischem Akzent sprechen. Anda von Smelding (eine Spekulation, die aufgrund des seltenen Familiennamens erlaubt sein mag) stand möglicherweise in verwandtschaftlicher Beziehung zu Horst Bogislaw von Smelding, einem populären Schauspieler im Dritten Reich, der unter anderem an geistesgeschichtlichen Schulungen für KZ-Personal teilnahm. In der Third Reich Collection der Washingtoner Library of Congress befindet sich ein Exemplar von Smeldings Volksstück das aus dem Besitz Adolf Hitlers stammt. Es enthält eine Widmung der Autorin für den „Führer“.

Johanne Justine Renner bekam zwei Söhne die früh starben, ihren Gatten überlebte sie um viele Jahre. Sie starb am 24. Juli 1856, 93-jährig, in Blasewitz. Nahe dem Dresdner Schillerplatz gibt es heute die Justinenstraße. Die Büste im Schillergarten, eine Skulptur am Blasewitzer Rathaus, sowie ein Kirchenfenster in der Blasewitzer Kirche erinnern an eine Persönlichkeit, die ebenso unversehens wie ungewollt in die Literaturgeschichte geriet.

Satt und leicht ermüdet verlassen wir den Schillergarten durch das Haupttor und kommen an der Gustel-Büste vorbei. Auf der unter der Figur angebrachten Tafel wird die erwähnte Passage aus dem Wallenstein zitiert und wir erfahren, dass diese Steinbildhauerei erst 2015 aufgestellt wurde und an das schwere Hochwasser von 2013 erinnern soll. Von hier sind es nur wenige Schritte zum verkehrsreichen Schillerplatz. Die Straßenbahn bringt uns zurück ins Zentrum der schönen Stadt an der Elbe.

* * *

Schiller, Friedrich: Werke und Briefe in zwölf Bänden. Band 4. – Frankfurt am Main, 2000

Schiller und die Gustl von Blasewitz. Legenden und Wirklichkeit um Johanne Justine Renner. Auf www.dresden-blasewitz.de, abgerufen am 26. 9. 2019.

Safranski, Rüdiger: Schiller. – München, 2004

Damm, Sigrid: Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung. – Frankfurt am Main und Leipzig, 2004

Smelding, Anda von: Die Gustel von Blasewitz. Volksstück in einem Vorspiel und vier Akten. – Berlin, 1935 (Neue deutsche Volksspiele, Zweites Stück)

Darstellungen und Quellen zur Geschichte von Auschwitz. – Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.). München, 2000