AusLese 2017. Der zweite Teil

Literatur ist Wissen, wie beschränkt auch immer – wie alles Wissen. Doch sie ist nach wie vor einer der wichtigsten Wege, die Welt zu verstehen. Gute Schriftsteller verstehen viel von Komplexität, von der Komplexität der Gesellschaft, des privaten Lebens, der familiären Abhängigkeiten und Gefühle, von der Macht des Eros, von den unterschiedlichen Ebenen des Empfindens und Kämpfens. (Susan Sontag)

Mit Marc-Uwe Kling ins QualityLand.

Klings Känguru-Chroniken haben landesweit Leser und Hörer begeistert. Insbesondere die Hörbuch-Versionen verkaufen sich wie warme Schrippen. Offensichtlich treffen die beiden Hauptfiguren, der Erzähler und sein Haustier mit Migrationshintergrund (Australien ist eigentlich ein sicheres Herkunftsland!), einen empfindsamen Nerv des Lesepublikums. So verrückt, so anarchisch, ja so frei, wäre man gern und ist gleichzeitig erleichtert, dass man es nicht ist.

Mit seinem neuen Buch stößt der vielseitige Autor, Kabarettist und Sänger in epische Dimensionen vor. Ein satirischer Zukunftsentwurf, bei der uns gelegentlich das Lächeln in den Mundwinkeln gefriert, denn Kling siedelt seine Visionen nicht in einem fernen Jahrhundert an, sondern lässt ahnen, dass diese schöne neue Welt bereit ist zur neuen Wirklichkeit zu werden. Hauptperson des Romans ist der Maschinenverschrotter (sic!) Peter Arbeitsloser (sic! sic!) der sich wundert, kaum noch zwischen Mensch und Maschine unterscheiden zu können. Algorithmen steuern beide. Die sich einstellende Beklemmung wird gemildert durch den locker humorvollen Erzählstil.

Ich hab die Geschichte nur angelesen. Science Fiction liegt mir schon länger nicht mehr, schon gar nicht wenn sie so zeitnah daherkommt. Marc-Uwe Kling ist auf mich nicht angewiesen. Sein QualityLand begeistert bereits eine ständig zunehmende Leserschar. Und Marc-Uwe Kling ist zweifellos ein Schriftsteller mit Zukunftspotential.

Kling, Marc-Uwe: QualityLand. Roman. – Ullstein, 2017

(Es gibt eine graue und eine schwarze Edition, die sich so weit ich das verstanden habe, inhaltlich nicht unterscheiden. Und es gibt bereits die ungekürzte Hörbuch-Einlesung des Autors.)

Liebwies von Irene Diwiak.

Dies ist der beachtliche Erstling einer jungen österreichischen Debütantin. Mit ihrer prallen Fabulierlust erinnert ihr erster Roman ein klein wenig an Vea Kaiser, wenngleich Diwiaks Erzählweise noch etwas die allerletzte Dichte fehlt.

Wir schreiben das Jahr 1924. Ganz Österreich leidet unter den wirtschaftlichen Folgen des Ersten Weltkriegs. Der kriegsversehrte Lehrer Köck schlägt in einem abgelegenen Provinznest auf, dort erleben die Einheimischen Automobile noch als Sensation und hat die Schulpflicht der Feldarbeit zu weichen. Er lernt zwei junge Frauen kennen. Die eine kann gut singen, die andere sieht gut aus. Zweiter verfällt der Musikexperte Christoph Wagenrad. Obwohl nahezu unbegabt, bringt er sie ans Konservatorium und will sie zum Star aufbauen. Unterstützen soll ihn dabei die Oper eines Komponisten, der gar nicht komponiert.

Es geht um Gier nach Ruhm und falschen Glanz in diesem in historischer Zeit angesiedelten Roman. Der ist recht eigentlich kniezer Seitenhieb und hübsche kleine Parabel auf den Kulturbetrieb früherer und heutiger Tage. Nominiert für den Österreichischen Buchpreis.

Diwiak, Irene: Liebwies. Roman. – Deuticke, 2017

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Justizpalast von Petra Morsbach.

Vielleicht ist das Schicksal eine Summe falscher Motive.

Die Geschichte der begabten Thirza Zorniger. Sowohl künstlerisch wie juristisch familiär vorbelastet, entscheidet sie sich für die Juristerei und bringt es bis zur Richterin am und im legendären Münchener Justizpalast. Ein Roman über die Zwiespältigkeit von Gerechtigkeit, der interessante Einblicke in Denkweise und Befindlichkeiten von Menschen die in unserem Rechtssystem tätig sind gewährt. Das ermöglichen die jahrelangen Recherchen der Autorin, sie verleihen der Hauptfigur und ihrer Berufs- und Lebensbahn eine hohe Authentizität. Alles andere als ein Freund von Justizromanen, habe ich das Buch verschlungen.

So ganz nebenbei habe ich auch noch Einiges gelernt. Zum Beispiel welch hohes Gut unsere verfassungsrechtliche Gewaltenteilung darstellt, wie wichtig es ist diese zu verteidigen. Ich habe erfahren wie schwerwiegend verfassungswidrig die Ära des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß verlief, mit welcher Selbstbereicherung der Familie Strauß dies verbunden war und dass so vieles darüber nicht aufgeklärt werden konnte, bzw. durfte. Die zahlreichen kurzen Fallschilderungen in diesem umfangreichen Roman können als Anekdoten, die etwas ausführlicheren als eingestreute Kurzgeschichten gelesen werden. Sie ergeben ein farbiges Bild menschlicher Abgründe und Vergeblichkeiten.

Morsbach, Petra: Justizpalast. Roman. Albrecht Knaus Verlag, 2017

Elif Batuman ist Die Idiotin.

Wie schon im ersten Teil der diesjährigen AusLese, gibt es im zweiten wieder ein Buchmensch-Buch.

Das erste Studienjahr einer jungen Amerikanerin türkischer Abstammung. Allein an der großen Universität. Es ist 1995. Was man wohl mit dieser neuartigen E-Mail anfangen kann? fragt sich die Protagonistin, die der Autorin ähnelt. Dann die zweite Liebe. Die erste ist die zur Literatur. Mühsames Gewöhnen an eine akademische Betrachtung der Welt. Die ersten Auslandserfahrungen. Es ist ein Mädchenbuch, immerhin kommen gegen Schluss sogar Pferde vor. Ungarische. Männer dürfen und sollten es dennoch unbedingt lesen.

Dieser staunende Rückblick in Romanform der inzwischen vierzigjährigen Batuman ist ironisch distanziert, ehrlich und leichtfüßig. Die junge weibliche Hauptfigur kommt auf sympathische Weise wissensdurstig, unbeholfen und bookish rüber. Muss man angesichts des verschmitzten Titels noch erwähnen, dass sie ganz besonders für russische Literatur schwärmt? Kenner wissen das bereits, denn sie haben ihren vor einigen Jahren erschienenen Essayband Die Besessenen gelesen, in dem es schwerpunktmäßig um russische Autoren geht.

Ich liebe diese Idiotin. Habe ihre beiden auf Deutsch erhältlichen Bücher mit Staunen und großem Genuss gelesen.

Batuman, Elif: Die Idiotin. Roman. – S. Fischer, 2017

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Das Buch der Spiegel von Herrn E. O. Chirovici, der uns über seine vollständigen Vornamen glaubt im Unklaren lassen zu können.

Es geht um das falsche Spiel mit einem überraschend aufgefundenen Manuskript, das der Literaturagent Peter Katz bekommt. Darin schreibt ein gewisser Richard Flynn über die Ermordung eines Princton-Professors. Ein bis dato unaufgeklärter mysteriöser Fall. An entscheidender Stelle endet das Manuskript. Katz versucht den Rest des Textes ausfindig zu machen. Dass dies nicht ohne Verwicklungen und allerhand Charaden vonstatten geht, darf man von einer spannenden Geschichte erwarten.

Mir gefiel an dem Buch, dass seine Handlung mit dem Literaturbetrieb zu tun hat. Zudem liebe ich – vorzugsweise angloamerikanische – Campusromane. Mit beiden Vorlieben kam ich voll auf meine Kosten. Kategorie: Niveauvolle Unterhaltunsliteratur.

Der Verfasser übrigens bekam von seinen Eltern den klangvollen Doppelvornamen Eugen-Ovidiu, was herauszubekommen kein großes Problem ist. Er stammt aus einer rumänisch-ungarisch-deutschen Familie die einst in Transsilvanien zuhause war, residiert nunmehr in Brüssel und schreibt Englisch.

Chirovici, E. O.: Das Buch der Spiegel. Roman. – Goldmann, 2017

Schünemann und Volic: Kornblumenblau / Pfingstrosenrot / Maiglöckchenweiß.

Pfingstrosenrot? Auf dem Amselfeld wurden im Laufe der Jahrhunderte so viele Schlachten geschlagen und so viel Blut vergossen, dass hier die Pfingstrosen besonders üppig blühen. Im Alltag der heutigen Staaten des ehemaligen Jugoslawien sind die ethnischen und religiösen Konflikte noch lange nicht befriedet, die jungen Staatsgebilde alles andere als stabil. Hier spielen die Kriminalromane des Autorenduos Schünemann und Volic rund um die Belgrader wissenschaftliche Kriminologin (nicht Polizistin!) Milena Lukin. Als Taschenbuch-Neuerscheinung habe ich Pfingstrosenrot in Hartliebs Buchhandlung erstanden, bei meinem letzten Wien-Besuch vor einigen Wochen und während eines Bummels durch die Währinger Straße. (*)

In diesem mittleren von inzwischen drei Lukin-Bänden geht es um die falschen Versprechen  mit denen Menschen im Rahmen eines Rückkehrprogramms in ihre alte – für immer verloren geglaubte – Heimat, das Kosovo gelockt werden. Dort warten Enttäuschung und in einem besonderen Fall der Tod. Korrupte Machenschaften, undurchschaubare Seilschaften und rücksichtslose Bereicherung bilden den Sumpf einer vor allem für die junge Generation trostlosen Gegenwart. Mehr als in den meisten Fernsehberichten und Zeitungsartikeln erfährt man in diesen Krimis über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in den Balkanstaaten, hier mit Schwerpunkt Serbien. Dabei kommen Spannung und Unterhaltung keinen Moment zu kurz. Jelena Volic ist eine intime Kennerin der Verhältnisse, sie stammt aus Belgrad, hat deutsche Literatur studiert und ist Expertin für die deutsch-serbischen Beziehungen.

Kornblumenblau, den ersten Band der Reihe, habe ich bereits vor einiger Zeit gelesen und war danach sehr gespannt auf die weiteren Bücher. Mit Milena Lukin, der von einem Deutschen geschiedenen Mutter eines Sohnes, ist den beiden Autoren eine äußerst glaubwürde Hauptfigur gelungen. Maiglöckchenweiß ist dieser Tage als Hardcover bei Diogenes erschienen, ich warte wieder die TB-Ausgabe ab.

Schünemann, Christian; Volic, Jelena: Pfingstrosenrot. – TB-Ausgabe. Diogenes, 2017

Dito: Kornblumenblau. – TB-Ausgabe. Diogenes, 2015

Dito: Maiglöckchenweiß. – Geb. Ausg. Diogenes, 2017

(*) Die Währinger Straße in Wien liegt etwas außerhalb der touristischen Zentren und ist eine interessante Bummelmeile mit zahlreichen kleinen bis mittelgroßen Geschäften und teils sehr traditionellen Sortimenten, darunter eben Hartliebs heimelige Buchhandlung, betrieben seit gut zehn Jahren von Petra Hartlieb und ihrem Mann. Hartlieb ist ja inzwischen selbst eine bekannte Autorin, letztes Jahr erschien ihr Ein Winter in Wien. Für das Frühjahr ist die Fortsetzung angekündigt. Sie trägt den folgerichtigen Titel Wenn es Frühling wird in Wien. Freunde dieser Geschichte, die im Jugendstil-Wien spielt, dürfen sich vorfreuen.
Nur wenige Schritte abseits der Währinger Straße findet man die Strudlhofstiege, bekannt aus Heimito von Doderers gleichnamigen Wienepos. Eine der Seitenstraße ist die Berggasse, in der einst Sigmund Freud wohnte und wirkte, und in der man heute das Freud-Museum besuchen kann. In Robert Seethalers Roman Der Trafikant ist Freud Zigarren- und Zeitungskäufer in dem kleinen Laden des Otto Trsnjek auf der Währinger. Petra Hartlieb macht in ihrer Erzählung den jungen Otto zu einem ihrer buchhändlerischen Vorgänger, der den Dichter Arthur Schnitzler beliefert, der mit Familie um die Ecke wohnt. Viel Literatur rund um diese Wiener Straße.

AusLese 2017. Der erste Teil

 

Erzählt und erschrieben. Gedruckt und gebunden. Lese- und Bücherfreuden sind im postanalogen Zeitalter keineswegs ausgestorben. Hier sind wieder meine Favoriten der letzten Monate. Bücher, die mich angeregt, gepackt und bewegt haben. Bücher über die ich mich freue. Einfach weil es sie gibt.

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Acht Berge und Fontane Numero 1 von Paolo Cognetti.

Ich war überrascht und erstaunt welchen Sog Acht Berge auf mich ausgeübt hat. Auf mich als jemanden, der durchaus den erholsamen Charakter alpiner Regionen zu schätzen weiß, der jedoch nie als Extremwanderer oder Bergsteiger zu den höchsten Gipfeln unserer Alpen unterwegs war. Genau das sind die Protagonisten Paolo Cognettis.

Der norditalienische Schriftsteller schreibt über den Kontrast zwischen Zivilisationswirklichkeit, den scheinbar unvermeidlichen Zwängen in modernen Großstadtgesellschaften und der Suche nach dem einfachen Leben in abgelegenen naturnahen Gegenden. (Wer hier an Thoreau denkt liegt nicht falsch, doch Cognetti lebt und schreibt im 21. Jahrhundert.) Er findet seine alternativen Fluchtorte in fast verlassenen Dörfern der piemontesischen Berge. Diesen, den meisten von uns fremden Lebensraum schildert er detailliert realistisch, das Leben dort bei aller Kargheit suggestiv erstrebenswert. Man möchte aufbrechen und ihm folgen. Sein umfangreicher Roman Acht Berge ist auch die berührende Geschichte einer Kinderfreundschaft, zweier Jungs die als erwachsene Männer sehr unterschiedliche Wege einschlagen und sich dabei nie ganz aus den Augen verlieren.

Fontane Nr. 1. Ein Sommer im Gebirge ist kein Roman, vielmehr so etwas wie ein autobiographischer Essay. Der schmale Band handelt von den Zweifeln des Autors an der hyperventilierenden Existenz moderner westlicher Großstädter, ihren standardisierten globalen Lebens-, Arbeits- und Konsumwelten und all den damit verbundenen Notwendigkeiten der Selbstverleugnung. Dem wird die Unwirtlichkeit und Ursprünglichkeit eines Lebens auf 2.000 Meter Höhe im Monte-Rosa-Massiv gegenübergestellt. Welche Schwierigkeiten und Veränderungen des Individuums dies mit sich bringt hat Cognetti in sehr genauen äußeren Beobachtungen und inneren Reflexionen erkundet und notiert.

Cognetti, Paolo: Acht Berge. Roman. – München : Deutsche Verlags-Anstalt, 2017

Cognetti, Paolo: Fontane Numero 1. Ein Sommer im Gebirge. – Rotpunktverlag, 2017

So tun, als ob es regnet

Iris Wolff und ihre Bücher gehören für mich zu den eindrucksvollsten Entdeckungen und Leseerfahrungen des Jahres 2017. Auf con=libri habe ich sie ausführlich vorgestellt. Hier möchte ich einmal mehr ihr neuestes Werk allen Literaturenthusiasten ans Herz legen.

Bei der Lektüre von So tun, als ob es regnet, dem Roman in vier Erzählungen, habe ich mich nicht gewundert ein Zitat von Hermann Lenz vorangestellt zu finden: Du musst dich umschauen, sieh um dich; was du bemerkst, das gehört dir. Mag sein die Schriftstellerin zählt diesen zeitlebens bescheidenen Außenseiter der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zu ihren Vorbildern. Eine legitime Nachfolgerin ist Iris Wolff allemal.

So tun, als ob es regnet (der Titel ist die deutsche Übersetzung einer rumänischen Redewendung), beginnt mit einer sanft erotisch durchwirkten Episode, die vom Schicksal eines sehr jungen Soldaten im Ersten Weltkrieg handelt. Ein Brief von zuhause gefährdet Jacobs Durchhaltevermögen – mit dramatischen Folgen. In der zweiten Geschichte beschäftigt den Leser vorrangig die Frage ob die Hauptperson Henriette die Tochter Jacobs ist. In der dritten schließlich verpasst der draufgängerische Vicco den frühen Tod nur knapp und kommt so gerade noch rechtzeitig um die erste Mondbegehung eines Menschen im Fernsehen mitzubekommen. In jeder neuen Episode ist irgend jemand mit einer Person aus der vorherigen verwandt. Im letzten Teil sind wir in der Gegenwart angekommen und eine Enkelin der Henriette ist nach La Gomera ausgewandert. Es geschieht Merkwürdiges, Realität und subjektive Wahrnehmung verschwimmen. Hier verlässt Iris Wolf schließlich den Erzähl- und Kulturraum des alten Siebenbürgen, den Mittelpunkt, die Hauptbühne ihrer bisher drei Romane.

Die malerische Sprache und die sparsame, sehr gezielt eingesetzte Handlung sind kennzeichnend für den Stil Iris Wolffs. Die vier lose verbundenen Erzählungen des neuesten Romans könnte man als kleine Novellen bezeichnen. Jede berichtet von einer überraschenden Neuigkeit und hält unerwartete Wendungen bereit. In Iris Wolffs Büchern spielt die Natur eine zentrale Rolle, besonders gefallen mir ihre Spätsommer-Schilderungen: Mit dem September veränderte sich etwas. Die Kastanien wussten es immer als erstes. In den Schatten verschanzte sich kühlere Luft, die Blätter fingen an zu welken. … Die Birnen leuchteten in der Dämmerung wie kleine Lampions. … Melonen lagen wie verstreute Bälle herum.

Wolff, Iris: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. Salzburg : Otto Müller Verlag, 2017

Die Erzählerin Iris Wolf und ihre Welt auf con=libri

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Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky.

Diesen Titel vorzustellen heißt wahrscheinlich die berüchtigten glotzäugigen Eulen nach Athen tragen. Sicher kennen Viele schon diesen literarischen Leckerbissen oder kennen jemanden der davon geschwärmt hat. Hier finden Niveau und Unterhaltsamkeit auf feinste Weise zusammen. Allen die sich noch nicht von dieser Geschichte in den Westerwald locken ließen, kann nur dringend empfohlen werden, dies schleunigst nachzuholen.

Sehr schnell nämlich entwickeln Leser heftige Sympathien für das Hauptpersonal dieses wunderbaren Romans. Im Mittelpunkt steht eine junge Erzählerin auf dem Weg ins wahre Leben und zu ihrer großen Liebe. Vor allem Letztere erfordert sehr viel Geduld von ihr. Dann sind da noch – neben allerhand originellen Dorfbewohnern und einigen buddhistischen Mönchen – die Großmutter Selma, deren seherischen Fähigkeiten ebenso gefürchtet wie umstritten sind und ein empathischer Mensch namens Optiker, der Selma ein Leben lang vergeblich nachliebt ohne ihr seine Zuneigung jemals eindeutig ausdrücken zu können.

Wir wundern uns ohne Ende: Der Schauplatz ist nicht das sonst in der jungen deutschen Literatur so unvermeidliche Berlin, sondern ein Dorf hinter den sieben Bergen. Das ist sprachlich eigenwillig und dennoch so unfassbar fesselnd. Es ist humorvoll und dabei nicht ohne Tragik. Und es ist reich an kleinen Klugheiten. Lesenlesenlesen!

Leky, Mariana: Was man von hier aus sehen kann. Roman. – Köln : DuMont Buchverlag, 2017

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Die Statusmeldungen der Wienerin Stefanie Sargnagel.

Jetzt ein ganz anderer Ton, ein ganz anderes Genre. Das neue Buch der Kabarettistin, Slammerin, bachmannpreisgekrönten und zunehmend angesagten Autorin, die sich seit einiger Zeit auf ausgedehnter Lesetour befindet und neulich sogar in Ulm Station machte. (Fast 50 Menschen ist das aufgefallen). Statusmeldungen besteht aus kurzen bis sehr kurzen Skizzen, Pseudo-Tagebucheinträgen, Dialogen, Erlebnissen und skurrilen Aphorismen. Die meisten dieser wortkünstlerisch gestalteten Aufzeichnungen hat Stefanie Sargnagel im Alltäglichen um sich herum entdeckt und aufgelesen. Beispiele? Bitte.

Selbsterkenntnis: Ich bin überraschungseisüchtig. Es ist zu einem richtigen Problem geworden. Den ganzen Tag Spiel, Spaß, Spannung, Schokolade, Spiel, Spaß, Spannung, Schokolade.

Zum Zeitgeist: Wann checkt Sarah Wiener endlich, dass wir Proleten niemals Eier um 5 Euro kaufen werden, egal wie oft sie’s noch auf Arte sagt.

Einsichten: Was spricht eigentlich gegen eine Islamisierung Europas? Die Österreicher sollten eh weniger saufen und Schweinefleisch essen, und die Teppiche sind urchillig.

Oder: Am Berg ist auch noch nie irgendwas entstanden außer Nazi-Lyrik.

Mal profäkal, mal politisch unkorrekt, stetem Rausch verpflichtet, immer satirisch und offen, schlagfertig und luschig. 30 ist das neue 90. Das richtige Buch für ewig Halberwachsene und alle die sich wieder einmal so fühlen wollen. Junge Literatur, die ihren Weg aus dem digitalen Weltnetz auf bedrucktes Papier zwischen sorgfältig gebundene Buchdeckel gefunden hat. Sätze und Absätze einer angehenden Schriftstellerin von der wir eines Tages ganz anderes lesen werden – und wir können dann sagen die kannten wir schon als sie noch so und so… Blauer Leineneinband, werthaltige Anmutung!

Sargnagel, Stefanie: Statusmeldungen. – Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 2017

Buch eines Buchmenschen nicht nur für Buchmenschen ist Das deutsche Krokodil von Ijoma Mangold.

Meine Geschichte heißt der Untertitel dieses intimen Bildungs- und Entwicklungsromans. Es ist die verdichtete Nacherzählung eines nicht ganz typischen deutschen Schicksals.

Dass die Literaturkritiker Denis Scheck und Ijoma Mangold sehr viel gemeinsam haben ist unstrittig. Ihr Aussehen gehört nicht dazu. Haare und Hautfarbe sind ein wichtiges Thema im Leben des ganz jungen Ijoma Alexander Mangold, aber keineswegs das beherrschende in seinen Erinnerungen, dessen Titel nicht nur auf seine afrikanische Teilabstammung, sondern ausdrücklich auf die Faszination des Kindes für eine schweizerische und deutsche Lokomotive mit dem Spitznamen Krokodil anspielt.

Seine Hautfarbe, seine Haare sind es nicht, die ihn als Kind und Heranwachsenden zum (akzeptierten) Außenseiter machen. Es ist seine Vorliebe für Hochliteratur und klassische Musik, die sich in Begeisterung für Thomas Mann und Richard Wagner, für Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauß exemplarisch ausdrückt. Wir sind überrascht wie lange das schon wieder her ist, wenn uns der Autor, der in Heidelberg aufwuchs, in die Zeit der 1970er- und 1980er-Jahre mitnimmt. Die Generation seiner Eltern und Großeltern hat Krieg und Vertreibung erlebt und der Heranwachsende erlebt die Schicksale nach in den Erzählungen seiner Vorfahren.

Das begabte Kind einer unabhängigen alleinerziehenden Mutter kam 1971 zur Welt. Mit Spannung und Interesse liest man wie der Autor in der Rückschau als inzwischen renommierter Journalist seine zeitgeschichtliche und persönliche Sozialisation wahrnimmt. Die Beziehung zur Mutter ist symbiotisch, ihre Schilderung und Analyse nimmt breiten Raum ein in diesem mitreißend zu lesenden autobiographischen Zwischenbericht. Es sind gleichzeitig die anrührendsten Passagen des Buchs.

Mangold, Ijoma: Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte. – Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 2017

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Nächste Woche wird nachgeschenkt von der süffigen AusLese 2017.

Nicht nur Walser

Bei Gmeiner ist ein umfangreicher Text- und Bildband zur Literatur in Oberschwaben seit 1945 erschienen.

Die vordere Umschlagseite zeigt auf einer Schwarzweiß-Fotografie Maria Menz im Gespräch mit Martin Walser. Die beiden verdeutlichen in beispielhafter Weise das weite Spektrum der oberschwäbischen Literaturszene im 20. Jahrhundert. Hier einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren, vielgelesen, vielgefragt, von dem ein umfangreiches Werk unterschiedlicher Gattungen vorliegt, das verfilmt wurde, übersetzt, das Kontroversen auslöste und seinen Verfasser zum omnipräsenten Zeitgenossen werden ließ. Im März dieses Jahres wurde er 90 Jahre alt, tourt und schreibt derweil unverdrossen.

Dort die katholische Frau, aus einem dörflichen Umfeld, die ihre Begabung vorwiegend in Form mystisch durchwebter religiöser Lyrik und Dialektdichtung umsetzte, der man die Ausübung ihrer Neigung und Begabung nicht durchgehen lassen wollte, die sich dennoch berufen fühlte und vielfältige Widerstände in Kauf nahm. In jungen Jahren entkam sie für kurze Zeit der heimatlichen Enge. Als Krankenschwester konnte sie sich im großstädtischen Leipzig nicht behaupten, verbrachte schließlich als Außenseiterin ein langes Leben in ländlicher Abgeschiedenheit. Durch Walsers Zuspruch und Unterstützung erfuhr sie bescheidene und späte Anerkennung und ruht seit 1996, bereits fast wieder vergessen, auf dem Friedhof von Oberessendorf bei Biberach.

Literatur in Oberschwaben seit 1945 ist ein über 300 Seiten starker Sammelband mit Aufsätzen ausgewiesener Kenner der Region und ihres literarischen Lebens. So sind unter anderem Peter Blickle, Oswald Burger, Ulrike Längle und Peter Renz mit Beiträgen vertreten. Jeder Aufsatz ist in sich abgeschlossen und kann separat gelesen werden. Kleinere Redundanzen ließen sich so nicht ganz vermeiden. Der Gmeiner Verlag hat das Werk in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft Oberschwaben editiert, zur Finanzierung des ambitionierten Vorhabens leisteten die Oberschwäbischen Energiewerke einen erheblichen Beitrag.

Manfred Bosch leitet den Band mit seinem Überblick ein. Nicht zufällig trägt der Aufsatz den Titel Oberschwaben als literarische Landschaft nach 1945. Eng verbunden sind die Schriftstellerinnen und Schriftsteller zwischen Donau und Bodensee mit ihrer natürlichen und zivilisatorischen Umwelt, den Hügeln und Tälern, Seen und Flüssen, den kleinen und etwas größeren Städten. Nicht selten findet sich diese Verbundenheit im Werk wieder. Sei es das Leben am großen See bei Walser oder das bäuerlich Existenzielle bei Maria Beig, bis hin zur literarischen Umformung architektonischer und religiöser Besonderheiten bei Arnold Stadler.

Natürlich sind die bekanntesten Namen prominent vertreten. Ernst Jünger, Maria Beig oder Arnold Stadler. Und natürlich Martin Walser, der sich als Patron bis heute immer wieder für die Literatur seiner Gegend und die Persönlichkeiten, die sie schaffen, einsetzt. Denn die Schreibenden Oberschwabens stehen nicht in gleicher Weise im Blickpunkt wie jene der bundesdeutschen Metropolen. So darf man bei der Lektüre des Buches auch an jene denken, die hier nicht vorkommen. Die es trotz einschlägiger Begabung und vorhandenen dichterischen Fleißes nicht geschafft haben verlegt und damit öffentlich überhaupt erst wahrgenommen zu werden. Ganz sicher gehören dazu zahlreiche Frauen des 20. Jahrhunderts. Die Probleme und Hindernisse die Maria Menz, Maria Beig und Maria Müller-Gögler in ihren Laufbahnen und Lebenswegen zu bewältigen hatten, lassen dies zumindest erahnen. Ich weiß, da ist eine Geschichte, und ich weiß, ich werde sie nicht erfahren, beschreibt Cees Nooteboom in seinem Roman Paradies verloren dieses Dilemma.

Ulrike Längle erweitert die Region um das angrenzende Vorarlberg. Das ist geschickt, so sind interessante und bekannte Namen, wie Michael Köhlmeier und Monika Helfer in das Buch geraten. Mit Grenzziehungen ist es ja so eine Sache. Ein geographischer Raum Oberschwaben ist nicht eindeutig definiert und kulturell gibt es traditionell zahlreiche verwandschaftliche Beziehungen, Verflechtungen, Parallelen mit der angrenzenden Nachbarschaft in Österreich, der Schweiz, den bayerischen und badischen Ländereien.

Auf dem vorderen Umschlag sehen wir ein zweites Bild, das uns die malerische Pracht im Inneren des Rathauses der Stadt Wangen erahnen lässt. Und wir sehen die Teilnehmer am sogenannten Literarischen Forum Oberschwaben, die sich hier zu einer ihrer jährlichen Zusammenkünfte getroffen haben. Zu den Förderern, Inspiratoren oberschwäbischen Kunstschaffens im weitesten Sinne gehörte der feinsinnige Kommunikator Walter Münch, einst Landrat des Kreises Wangen, als es diesen noch gab. Er und weitere engagierte Mitstreiter waren es, die die Tradition des Forums ins Leben riefen. Es handelt sich dabei um offene Treffen von Autoren und Autorinnen, die aus dem Gebiet stammen oder sich ihm zugehörig fühlen, zu zwanglosem Kennenlernen und Erfahrungsaustausch. Das Buch berichtet darüber ebenso wie über das Wirken einer literarischen Gruppe, die als Ravensburger Kreis bis 2005 existierte.

Literatur in Oberschwaben seit 1945 gewinnt zusätzlichen Wert und Reiz durch die zahlreichen Abbildungen, darunter viele Personenporträts. Ein großer Teil der Fotografien stammt von dem in diesem Jahr verstorbenen Rupert Leser. Über viele Jahrzehnte ein in vielen Medien und Ausstellungen vertretener Bildchronist der oberschwäbischen Landschaft und ihrer Menschen.

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Weber, Edwin Ernst (Hrsg.): Literatur in Oberschwaben seit 1945. – Gmeiner-Verlag, 2017

(Der größte Teil der Beiträge in diesem Buch basiert auf Vorträgen während einer Tagung der Gesellschaft Oberschwaben, die 2011 im Volkshochschulheim Inzigkofen stattfand.)

Pfiat di Tölz

Über die Freude der Marktgemeinde Bad Tölz, dass ihr im Jahr 1917 ein angehender Literatur-Nobelpreisträger mit seiner Familie den Rücken kehrte.

Apropos Jubiläum. Mein Heimatstädtchen kann ich gut verstehen. Der Jahrestag des Wegzugs meiner Wenigkeit anno 19XX, der in Wirklichkeit eine Flucht war, ist ihm natürlich keinerlei Feierlichkeiten wert. Wer bin ich denn? Schließlich hat der Ort am Rande des Thüringer Waldes seinen Goethe. Von Weimar aus war er oft in Ilmenau, zum letzten Mal 1831 mit 82 Jahren. (Im Kalender also vormerken: 2031 Goethe-Jubeljahr am Fuße von Lindenberg und Kickelhahn. Johann Wolfgang vor 200 Jahren letztmals hier.)

Mein langjähriger und aktueller Lebensmittelpunkt lässt es sich nicht nehmen aus den Windeljahren eines später weltberühmten Physikers eigenen Imagegewinn zu ziehen. Einsteinstraße, Einsteinallee, Einsteinhaus, ja selbst einen schweißtreibenden Langstreckenlauf hat die Donaustadt nach dem Weltbürger benannt. Kaum hatte er 1879 das physikalische Phänomen Licht der Welt erblickt, hielten es seine Erzeuger im Jahr darauf für angezeigt nach München weiterzuziehen. Es war für ihn kein Nachteil, dass der inzwischen Hochgeehrte in den 1930er-Jahren längst im amerikanischen Exil forschte und lehrte, denn Ulm hatte zu der Zeit nicht mehr viel übrig für ihn und die rund ums Münster lebenden jüdischen Mitbürger. (Ulmer merken im Kalender vor: 2030 Jubel in der ganzen Stadt. Vor 150 Jahren überquerte Einstein die Donau bei Ulm.)

Und damit zum oberbayerischen Marktflecken Tölz, heute Bad Tölz. Hier gönnt man sich heuer ein ganzes Jahr zum Feiern. Willkommener Anlass ist nichts weniger als der Wegzug einer ganzen Familie aus der Gemeinde im Jahre 1917. Woanders feiert man 500 Jahre Reformation, 50 Jahre Farbfernsehen oder 300 Millionen Besucher auf dem Eiffelturm. Tölz derweil ergötzt sich daran, dass ein großbürgerlicher Schriftsteller im vorletzten Weltkriegsjahr seine Sommerfrische an der Isar aufgab. 100 Jahre ist es her, dass Thomas Mann mit seiner Frau Katia und den Kindern Erika, Klaus, Golo und Monika Tölz den Rücken kehrte. Es waren harte Kriegszeiten damals und die Aufgabe des geräumigen Feriendomizils hatte nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe. (Im Kalender des Jahres 2017: Jubiläumsjahr Manns verlassen Tölz demnächst abhaken.)

Blick auf Bad Tölz und die Isar

Die Familie Mann hatte bereits mehrfach Sommerwochen in Oberbayern verbracht bis man 1908 das Landhaus in Tölz bauen ließ. Vom Eigentümer als Herrensitzchen bezeichnet, handelte es sich in Wirklichkeit um eine geräumige Villa mit drei bewohnbaren Geschoßen auf einem großzügigem Grundstück in aussichtsreicher Höhenlage über der Stadt. Thomas Mann der notorische Villenbesitzer, wie es der Mann-Basher Brecht ausdrückte. Baubeginn war im September und schon im November stand der Rohbau. Den Sommer 1908 verbrachte man zunächst noch in einer gemieteten Immobilie. Thomas Mann legte letzte Hand an den Roman Königliche Hohheit.

Ein großbürgerlicher Protestant und Schopenhauer-Anhänger im Land des lebensprallen, volkstümlichen Katholizismus mit seinen bilderstrotzenden Ausdrucksformen. Ein homosexuell veranlagter Familienvater, der sein wahres Sehnen aus Rücksicht auf Familie und Gesetzeslage in Zucht halten musste und das pralle Leben mit seinen leichten, durch Beichte leicht vergebbaren Sünden um ihn herum. Die Villa in der Nähe des Klammerweiher, an dem heute der Thomas-Mann-Weg entlang führt, gehört inzwischen dem Orden der Armen Schulschwestern und dient als Erholungsheim.

Tölz hat Spuren im Werk eines Dichters hinterlassen, der viel lieber fand, als dass er erfand. Der Dichter Gustav von Aschenbach im Tod in Venedig besitzt einen rauhen Landsitz … den er im Gebirge errichtet und wo er die regnerischen Sommer verbrachte. Ein schneereicher oberbayerische Winter inspirierte die Schneesturmszenen im Zauberberg. … ein Schneeabenteuer war es, ich hatte so viel Schnee in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen …  schrieb Mann an Ernst Bertram.

Blick von der Isar auf den Kalvarienberg

Kuhmulde heißt ein Teich, der im Doktor Faustus in der Nähe des elterlichen Hofes Adrian Leverkühns liegt. Die Beschreibung lässt erkennen, dass der Tölzer Klammerweihe nach Thüringen verlegt wurde. Ein Teich weidenumstanden, der nur zehn Minuten Weges … entfernt lag … hatte, ich weiß nicht warum, auffallend kaltes Wasser. Und den Kalvarienberg, hoch über der Isar gelegen, finden wir hier als Zionsberg wieder.

In der biographischen Skizze Herr und Hund erfährt man vom Kauf des Hundes Bauschan, neben dem Dichter Hauptfigur der Erzählung, die vom Autor als Idyll charakterisiert wurde: Ein ansprechend gedrungenes, schwarzäugiges Fräulein, das … in der Nähe von Tölz eine Bergwirtschaft betreibt, vermittelte uns die Bekanntschaft mit Bauschan und seine Erwerbung. Für Thomas Mann war ein Leben ohne Hundebegleitung nur schwer vorstellbar.

Für die Mann’schen Großstadt-Kinder waren die sommerlichen Wochen, die sie in Tölz verbringen durften, einerseits willkommene naturnahe Abwechslung, mit zunehmender Verweildauer kam allerdings regelmäßig Langeweile auf. Klaus, damals zwei bis elf Jahre alt, hat diesen Zwiespalt in seinem Lebensbericht Der Wendepunkt rückblickend exemplarisch beschrieben:

Wir haben ein Haus in Tölz, das Tölzhaus, und einen großen Garten, wo man Spiele spielen kann, für die es anderswo nicht genug Platz gäbe. Die Ferienwochen sind lang, zunächst nehmen sie sich beinahe endlos aus, aber schließlich gehen sie doch zu Ende. Der Sommer liegt erschöpft und seiner selbst ein wenig überdrüssig auf den Wiesen, deren Grün die erste Frische längst verloren hat. Die Spiele im großen Garten werden fade wenn die Chrysanthemen ihre reife Pracht in den Blumenbeeten entfalten. Man ist froh, daß der Winter vor der Tür steht, mit Schneeballschlachten und Rodeln und den regelmäßigen Sonntagsessen im Hause der Großeltern.

Tölz begeht das Mann-Jahr 2017. Mit Ausstellung, Vorträgen, Lesungen, Filmvorführungen, Führungen durch den Ort und an die Mann-Stätten. Dass man bei dieser Gelegenheit regelmäßig am Bulle-von-Tölz-Brunnen mit der lebensgroßen Metallsilhouette Ottfried Fischers vorbeikommt, erhöht die Attraktion solcher Rundgänge. Zu den Höhepunkten des Veranstaltungsreigens zählte Mitte September die Jahrestagung der Thomas-Mann-Gesellschaft, die, in Lübeck beheimatet, alle paar Jahre mit dem Kongress in anderen Mann-Städten zu Gast ist. Etwa in Bonn, München und Weimar. Nun also Tölz. Der passende Rahmen war mit dem 1914 eröffneten Kurhaus gefunden. Warmes Licht aus Kristalllüstern, eine etwas zu abgehobene Bühne, sanfte Parklandschaft drumherum.

Die Vorträge waren meist streng wissenschaftlich fundiert, die ganze Atmosphäre vielleicht zu stark von akademischem Ernst geprägt. Wenig zu spüren von Ironie und spielerischer Phantasie des Tagungsgegenstandes. Das Angebot richtete sich an alle Interessierten, besonders eingeladen sollten sich die Einheimischen fühlen. Doch augenscheinlich wurde es von der Tölzer Bevölkerung kaum in Anspruch genommen. Die nutzte lieber das Wochenende für einen Ausflug zum gerade eröffneten Münchner Oktoberfest, der Wiesn. So dominierten in der Stadt und auf dem Bahnsteig von dem die Züge in die Landeshauptstadt fahren, fesche Dirndln in massenproduzierter Trachtenanmutung und Mannsbilder in Krachledernen, ausgerüstet mit Wadenwärmern und Filzhut. Zuhause Gebliebene begnügten sich mit der einen oder anderen frischen Maß (sprich: Masss) zum Frühschoppen.

Ansonsten gibt es immer noch ein lebendiges Interesse an den Manns und ihrem Umfeld. Warum ist das so? Dazu der Mann-Experte und Vorsitzende der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft Professor Hans Wißkirchen in einem Interview: Das ist eine Kombination aus dem Werk an sich und der Familiengeschichte der Manns mit all ihren Brüchen, Fehlern und interessanten Charakteren sowie Thomas Manns Biografie, in der sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. In Bad Tölz kann man einige dieser Spuren verfolgen, Wege gehen, die Mitglieder der Familie Mann gegangen sind und die sich im Werk des Nobelpreisträgers literarisch gestaltet wiederfinden.

Die Tölzer Marktstraße um 1910

Tölz, – das sind tempi passati, schrieb der Meister epischer Dichtkunst im Sommer 1918 an Paul Amann. Die Familie sommerte nun am Tegernsee. Was der inzwischen fünffache Familienvater da noch nicht wusste: Einige harte Nachkriegs- und Mangeljahre standen Deutschland bevor, die auch an der Familie Mann nicht spurlos vorüber gingen.

In Sachen Mann-Häuser (München, Nidden, Kalifornien, Zürich) tut sich ja derzeit einiges. In das von der Bundesrepublik erworbene Haus in Pacific Palisades ziehen bald die ersten Stipendiaten ein. In Litauen an der Kurischen Nehrung ist bereits vor einigen Jahren ein bewunderswertes Kulturzentrum entstanden. In Zürich residiert das Archiv. Anlässlich der Herbsttagung der Thomas-Mann-Gesellschaft in Tölz kündigte Hans Wißkirchen eine Initiative für ein Netzwerk der Thomas-Mann-Häuser an und schlug vor, Tölz möge sich an diesem Netzwerk beteiligen. Spontanen Überschwang löste die Idee vor Ort jedoch nicht aus.

Von Siebenbürgen bis heute

Die Erzählerin Iris Wolff und ihre Welt

Es war quasi eine Fußnote, die mich auf das neueste Buch von Iris Wolff aufmerksam machte. Ich kannte die Schriftstellerin bisher nicht. So tun, als ob es regnet war die persönliche Empfehlung Denis Schecks in der Bestenliste des SWR vom Juni diesen Jahres. Iris Wolff lässt ihre Leser erfahren, was passiert, wenn nichts passiert – und findet starke Bilder für ihren die historische Erfahrung eines ganzen Jahrhunderts umspannenden Roman. Dass nichts passiert stimmt so allerdings nicht. Dazu gleich mehr.

Wenn ein Schriftsteller, eine Schriftstellerin für eine Neuerscheinung gerühmt wird, schaue ich gerne nach was bereits vorliegt. Deshalb las ich zunächst Wolffs ersten Roman Halber Stein. Zu oft hat man Debütanten erlebt, die das Niveau von gelungenen Erstlingen nicht halten konnten. Bei Iris Wolff ist das anders. Sie ist der erfreuliche Fall, dass die literarische Qualität ebenso hoch, wie gut lesbar bleibt, während der Zuspruch der Leser und Kritiker von Werk zu Werk steigt.

Zur Beerdigung der Großmutter reist eine Frau von Mitte zwanzig mit ihrem Vater in den kleinen Ort Michelsberg nahe Hermannstadt (Sibiu) in Rumänien. Es ist das ehemalige Siedlungsgebiet der Siebenbürger Sachsen. Nach russischer Besatzung, damit verbundener Verschleppung in die Zwangsarbeit, und der für alle Menschen im Lande fürchterlichen Ceaușescu-Zeit, sind in den letzten Jahrzehnten die meisten von ihnen nach Deutschland ausgewandert. Wenige blieben – meist ältere Menschen. Iris Wolffs Geschichte setzt viele Jahre nach Herta Müllers Atemschaukel ein. Die historischen Erfahrungen haben jedoch tiefe Spuren in Region und Menschen hinterlassen.

Bild: Wiebke Haag

Friedesine, von allen nur Sine genannt, hat hier Kinderjahre verbracht und die Reise ist mit Erinnerungen und Wiederbegegnungen verbunden. Begegnungen mit Julian dem fast vergessenen Freund früherer Tage, ehemaligen Bekannten, Nachbarn der Verstorbenen. Der Wiederentdeckung von Orten, Wegen, Räumen. Zur Beerdigung und der anschließenden Gedenkfeier, verbunden mit üppigem Mahl und hochprozentigen Getränken, kommen zudem Verwandte zusammen, die sich nur selten begegnen und deren Verhältnis nicht ohne Spannungen ist.

Der halbe Stein ist ein Naturdenkmal an einem Fluss bei Michelsberg im Landstrich vor den Karpaten. Fruchtbar ist diese Gegend, mit warmen Sommern und strengen Wintern, mit einer reichen, sehr eigenen kulturellen Vergangenheit, geprägt von den deutschsprachigen Siedlern ebenso, wie von der rumänischen Bevölkerung und ungarischen Einflüssen. Iris Wolff gelingen großartige, vielfarbige Landschaftsbilder und einprägsame Personenportraits während sie ihre Hauptfigur auf die Suche nach der verlorenen Kindheit, der unwiederbringlichen Heimat und einen Weg in die für sie zu diesem Zeitpunkt offene Zukunft schildert.

Ruhiger Erzählstrom in poetischer Sprache, eine Handlung, die immer wieder kleine Überraschungen bereithält, Sätze, die jeden, der Sinn für Prosa abseits des reiserisch Zeitgeistigen hat, fesseln werden. Es ist ein wunderbares Spätsommerbuch, das man ungern aus der Hand legt um sich zwischen den Leseperioden notgedrungen profanen Alltagsdingen zuwenden zu müssen. Ein Buch der Farben und Gerüche. Ein Buch das duftet. Nach dem Aroma von feuchter Erde und reifen Limonen. Von Moden befreites, zeitloses Schreiben einer Dichterin, die im gerade wieder ausbrechenden Literaturpreisrummel, leicht zu übersehen ist.

Kann man in Zeiten von heute hier, morgen dort, der abverlangten globalen Beweglichkeit, über Sehnsucht nach Heimat und damit verbundene Gefühle schreiben? Iris Wolff kann. Genau statt pauschal. Berührend statt rührselig. Ihre Begegnung mit Vergangenem ist mit keinerlei Besitzansprüchen verbunden.

(c) Stine Wiemann

Die Kindheit eines Autors, einer Autorin war bereits Stoff und Anlass für viele große Romane der Weltliteratur. Auch Iris Wolf schöpft kraftvoll aus diesem tiefen Brunnen. 1977 in Hermannstadt geboren, verbrachte sie frühe Kinderjahre im elterlichen Pfarrhaushalt in Semlak nahe Arad. Eine Region die lange zu Ungarn gehörte und heute am westlichen Rand Rumäniens liegt. 1985 kam die Familie nach Deutschland. Die Umsiedlung erlebte Iris Wolff als Kulturschock, die Kindheit in Rumänien schien mir unbeschwerter, sagt sie im Rückblick. In Marbach studierte sie Germanistik, Religionswissenschaft und Malerei, war später am Deutschen Literaturarchiv als Museumspädagogik tätig. Iris Wolff lebt inzwischen in Freiburg. Sie schreibt, malt, fotografiert und arbeitet seit einigen Jahren als Kulturkoordinatorin.

Ihre Figuren entwickeln sich während des Schreibprozesses, erläuterte sie in einem Interview. In einem Jahr sollte ihr erster Roman Halber Stein fertig werden – es dauerte schließlich sechs Jahre bis das Buch 2012 herauskam. Es ist über die Jahre gereift, hat mehr und mehr Geschichten, Gedanken, Farben und Gerüche aufgenommen. Die Erinnerung an die Kinderjahre hat sie nie losgelassen. Und die Erinnerung an das Lebensgefühl und die Kultur der Deutschen, Rumänen und Ungarn im südöstlichen Europa. Hier konnte man die Liebe immer in drei Sprachen erklären.

Sie recherchierte vor Ort, fotografierte, interviewte Eltern und Großeltern. Orte und Menschen sind – auch wenn sie authentischen Orten und lebenden Menschen ähneln – als Fiktion, im Sinne einer eigenen, erdichteten Welt, zu betrachten. Ein in der Literaturgeschichte nicht seltenes Bekenntnis wenn auf eine strikte Trennung von Dichtung, Erinnerung und Wirklichkeit verzichtet wird. Das Ende der Erzählung ist offen, doch eine Zukunft absehbar.

Als ich schließlich mit der Lektüre von So tun, als ob es regnet, den in diesem Jahr erschienen Roman in vier Erzählungen, begann, habe ich mich nicht gewundert ein Zitat von Hermann Lenz vorangestellt zu finden: Du musst dich umschauen, sieh um dich; was du bemerkst, das gehört dir. Mag sein, sie zählt den unscheinbaren Außenseiter der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zu ihren Vorbildern. Eine legitime Schülerin ist sie allemal.

Bild: Wiebke Haag

Die erste, sanft erotisch durchwirkte Episode, handelt vom Schicksal eines Soldaten im Ersten Weltkrieg. Ein Brief von zuhause gefährdet das Durchhaltevermögen des jungen Jacob. In der zweiten Geschichte beschäftigt den Leser zunächst einmal die Frage ob die Hauptperson Henriette die Tochter Jacobs ist. In der dritten verpasst der draufgängerische Vicco den frühen Tod nur knapp und kommt gerade noch rechtzeitig um die erste Mondbegehung eines Menschen im Fernsehen mitzubekommen. In jeder neuen Erzählung ist irgend jemand mit einem Protagonisten der vorherigen verwandt.

So geht es in großen Sprüngen durch etwa hundert Jahre. Im letzten Teil sind wir in der Gegenwart angekommen und eine Enkelin der Henriette ist nach La Gomera ausgewandert. Hier verlässt Iris Wolf schließlich den Erzähl- und Kulturraum des alten Siebenbürgen, den Mittelpunkt, die Hauptbühne ihrer bisher drei Romane. Auch im neuesten Werk entwickeln die malerische Sprache und die sparsame, sehr gezielt eingesetzte Handlung, einen starken Sog. Eine Anziehung ähnlich Licht, Luft und Landschaft in denen diese Geschichten daheim sind. Iris Wolff schafft schreibend ihren Leserinnen und Lesern ein erlesbares Zuhause.

So tun, als ob es regnet ist die deutsche Übersetzung eines rumänischen Sprichworts. Se face ca ploua, heißt es im Original, was gesprochen sicher melodischer klingt als in deutscher Sprache. Die vier lose verbundenen Erzählungen des Romans könnte man als kleine Novellen bezeichnen. Jede berichtet von einer überraschenden Neuigkeit und hält unerwartete Wendungen bereit. In Iris Wolffs Büchern spielt die Natur eine zentrale Rolle, besonders gefallen mir ihre Spätsommer-Schilderungen: Mit dem September veränderte sich etwas. Die Kastanien wussten es immer als erstes. In den Schatten verschanzte sich kühlere Luft, die Blätter fingen an zu welken. … Die Birnen leuchteten in der Dämmerung wie kleine Lampions. … Melonen lagen wie verstreute Bälle herum.

Besser als Denis Scheck kann ich es nicht formulieren: Viel vom poetischen Charme dieses Romans erklärt sich aus dem traumsicheren Sprachgefühl und guten Auge der Autorin für sprechende Momente und Details. Ich bin kein Kritiker, ich bin nur Leser. Ein beglückter Leser, der sich über eine beeindruckende Neuentdeckung freut und Iris Wolffs Werke in seinen ganz persönlichen Kanon deutschsprachiger Literatur aufnimmt.

Wolff, Iris: Halber Stein. Roman. – Otto Müller, 2012

Wolff, Iris: Leuchtende Schatten. Roman. – Otto Müller, 2015

Wolff, Iris: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. – Otto Müller, 2017

Sommer mit Gedichten

„Mit Reim oder nicht, es nennt sich ein Gedicht.“ (A. T. Wille)

Das ist ein feiner Zug. Die Airline Condor bietet im Juli die Möglichkeit für Bücher ein Kilo zusätzliches Freigepäck an Bord zu nehmen. Flugreisende können so unbeschwert gewichtige Ferienlektüre einpacken. Entschiede man sich zum Beispiel für den 1200-Seiten-Wälzer “Das kalte Blut” von Chris Kraus blieben darüber hinaus nur magere neun Gramm für ein Zweitbuch. Commissario Brunettis sechsundzwanzigster Fall (“Stille Wasser”) schlägt mit lediglich 327 Gramm zu Buche, es könnten also noch zwei weitere Fälle des venezianisches Ermittlers mitreisen.

Noch mehr inhaltliche Kapazität erzielt man mit den handlichen Gelben von Reclam. Obwohl oft von klassischer Wucht, bringen die meisten weniger als 100 Gramm auf die Waage. Einer meiner Lieblingsausgaben allerdings deren 123. Es sind die “Gedichte” Friedrich Hölderlins, Band 18242 der Universalbibliothek. Mein inzwischen reichlich zerfledderdes Exemplar hat mich viele Jahre lang auf fast allen Reisen und Ausflügen begleitet. “Hälfte des Lebens” war dabei mein absoluter Favorit. Das komplexe Meisterwerk habe ich in Leipziger Straßencafés, Schweizer Hochtälern oder auf heimatlichen Spaziergängen immer wieder neu gelesen, oder, wo ich unbeobachtet war, laut rezitiert, und eines Sommertages im Westallgäu auf einem Stapel Baumstämme sitzend auswendig gelernt. Was gar nicht so einfach ist, die raffinierte Struktur der lebensweisen Verse prägt sich erstaunlich schwer ein:

“Mit gelben Birnen hänget / Und voll mit wilden Rosen / Das Land in den See, / Ihr holden Schwäne, / Und trunken von Küssen / Tunkt ihr das Haupt / Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen, und wo / Den Sonnenschein, / Und Schatten der Erde? / Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen.”

Ernst Jandl gehörte zu den großen Sprachspielern und Wortakrobaten des 20. Jahrhunderts. Von ihm gibt es in der Universalbibliothek einen repräsentativen Querschnitt durch sein Werk unter dem Titel “Laut und Luise”. Darin enthalten der unvergleichliche “schtngrmm” (= Schützengraben), einst einer der Höhepunkte jeder Jandl-Lesung, im Netz findet man entsprechende Video-Aufzeichnungen. Danach kann man sich am eigenen Vortrag versuchen. “schtngramm”, ein Antikriegsgedicht? Eine beißende Satire auf jede Form von Waffengebrauch? Wie auch immer: “daddda / daddda / dadddaddadda”.

Deutlich friedlicher ist das herrlich absurde “sanft und klar”, das so beginnt: “das stürmische doch / die bei den / fetter grüne du / hast du besser” und am Ende mit fundamentalen Fragen des Lebens schließt: “weiß ich wer / wohin die”

Wer und wohin? Vielleicht zu Robert Gernhardt, dem großsatirischen Vetter im Geiste Ernst Jandls. “Reim und Zeit” ist die Nummer 8652 der Universal-Bibliothek. Im Nachwort fragt er sich selbst, warum er Gedichte schreibe, und antwortet: “Das ist eine lange Geschichte”. Von dieser gibt es dann eine kurze Zusammenfassung. Darin verweigert er sich seinem Ruf als reiner Belustiger und in der Tat finden wir bei ihm neben Gedichten voller Komik auch tiefen Ernst, neben lustvollem Spaß auch gereimte Melancholie. So heißt es im zweiten Teil von “Kleines Lied”: “Bin ich auch blind / Bin ich doch taub / Bin ich auch Fleisch / Werd’ ich doch Staub”.

Doch vorher lesen wir ganz gerne noch ein wenig vom heiteren Gernhardt: “Hab ein Lied erdacht für mich / hab’s nur so vor mich hingesummt / sind alle ringsum verstummt / haben geschrien: Aufhören!” Daran denken wir keineswegs auf unserer frohen Fahrt durch den Sommer. Wir verhaspeln uns bei Jandl, versuchen Gernhardt zu singen und spüren bei Hölderlin eigener Vergänglichkeit nach.

Nicht jeder Dichter hat es schon zu einem Band in der Universal-Bibliothek gebracht. Dazu gehören zahlreiche ebenso lohnende wie höchst lebendige Zeitgenossen. Wie der noch junge Ulmer Barde Marco Kerler (Jahrgang 1985), aus meiner Sicht sozusagen ein “local hero”. Er reimt, schreibt und spricht meist knapp assoziativ, teilweise auf Anregung seines Publikums, im Ergebnis oft überraschend: “Als ich einen Text schrieb im Kopf / waren Worte ein Schloss / das ich aufbrach / und nun bekomm ich / die Tür nicht mehr zu”. Seine liebevoll ausgestatteten Bände “VolksLyrik” und “Schreibgekritzel” sind im Buchhandel erhältlich.

Ausschweifender und vielstrophig sind die gereimten Geschichten von Christian Maintz, veröffentlicht in dem Band “Liebe in Lokalen”. Sie sind mal grotesk, mal witzig, mal komisch, mal albern. Sie handeln von der Liebe, gerne in seiner körperlichen Form (“ICE-Romanze”), von Dichtern und Denkern, von Tieren (“Tierische Rassisten”) und Pflanzen; sie sind mal sagenhaft, mal parodistisch, stets sinnlich. Lesefreuden für alle Lebenslagen: “Das Quallenvolk ist zweigeschlechtlich, / Ein Vierteljahr heißt auch Quartal, / Die Qualität schwankt oft beträchtlich, / Die Quintessenz ist meist fatal.” (Aus dem Zyklus “Kleines ABC des Allgemeinwissens”)

Der Georg-Büchner-Preis ist eine ungewöhnliche Auszeichnung für Lyriker. Jan Wagner wird in diesem Jahr die Ehre und das Preisgeld zuteil. Auf seine Preisrede darf man sehr gespannt sein. Inzwischen genießen wir seine einfallsreiche, oft schalkhafte Naturdichtung, die gerne äußerlich klassische Formen, wie etwa das Sonett, pflegt. Sein “Giersch” ist auf dem besten Weg Volksgut zu werden: “nicht zu unterschätzen: der giersch / mit dem begehren schon im namen – darum / die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch / wie ein tyrannentraum. / kehrt stets zurück wie eine alte schuld”

Die Musik für die sommerliche Zeit kommt in diesem Jahr von Konstantin Wecker – am 1. Juni muntere 70 Jahre alt geworden. Die Texte seiner Lieder gehören zu den schönsten Gedichten der Gegenwart. Hiermit darf man sich Jahr für Jahr immer wieder vorfreuen:

“Wenn der Sommer nicht mehr weit ist / und der Himmel violett, / weiß ich, daß das meine Zeit ist, / weil die Welt dann wieder breit ist, / satt und ungeheuer fett.”

Wecker vertont gerne Gedichte von Dichtern, die für ihn eine besondere Bedeutung haben. Dazu gehört das träumerisch traurige „Schwindender Sommer“ seines weißblauen Wahlverwandten Oskar Maria Graf. Er singt darin von „leerer Sonne“ und braungelb verfärbtem „Wiesenhaar“. Wie jeder Sommer, so treibt auch der Mensch unweigerlich dem Herbst seines kurzen Lebens entgegen.

„Geschah das nicht in jenen Augenblicken, / die nochmals strotzen in der ganzen Fülle, / dass uns ein Traurigsein und ein Bedrücken / anrührte in der reifen Sonnenstille … ?“

Mit Lyrik durch den Sommer. Am heißen Strand, auf hohen Gipfeln, unter Tannenwipfeln, im Tälergrün – Gedichte begleiten uns. Nur Gedichte? Nun, der eine oder andere Roman wird bei mir mit dabei sein. Er darf ruhig dicker und schwerer ausfallen. Schließlich fliege ich nicht. Schöne Gedichte, gute Romane und die eine oder andere hintergründige Zeitung, so kommt man gut durch den Sommer. Schließlich braucht der Mensch was zum Lesen. In jeder Jahreszeit.

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Hölderlin, Friedrich: Gedichte. – Philipp Reclam jun., 2003 (Reclams Universal-Bibliothek, 18242)

Jandl, Ernst: Laut und Luise. – Philipp Reclam jun., 1976 (Reclams Universal-Bibliothek, 9823)

Gernhardt, Robert: Reim und Zeit. Gedichte. – Philipp Reclam jun., erw. Ausg. 1990 (Reclams Universal-Bibliothek, 8652)

Kerler, Marco: Schreibgekritzel. – Manuela Kinzel Verlag, 2015

Kerler, Marco: VolksLyrik. – Edition Dreiklein, 2016

Maintz, Christian: Liebe in Lokalen. Gedichte. – Kunstmann, 2016

Wagner, Jan: Regentonnenvariationen. Gedichte. Hanser Berlin, 2014

Graf, Oskar Maria: „Manchmal kommt es, dass wir Mörder sein müssen …“. Gesammelte Gedichte. – Matthes & Seitz, 2007

Mai mit Lau

Ein Frühlings-Spaziergang in Blaubeuren

Sind sie nicht alle gleich, diese Kleinstädte abseits der Metropolen und Magistralen? Gleich eintönig, langweilig, früh am Abend müde? Keineswegs. Fast jede hat ihre Besonderheiten. Eine eminente Persönlichkeit, die hier zur Welt kam oder starb, im Idealfall am Ort wirkte; eine Eigenart der Natur, wie steilen Fels, dichten Wald, tiefes Moor; pitoreskes Bauwerk, wie Burgruine oder barockes Schlösschen; ist Schauplatz eines Romans, einer bekannten Geschichte, eines Films; wurde vielleicht bedichtet oder besungen.

So auch dieses Städtchen mit seinen gerade einmal 12.000 Bürgern. 20 Kilometer westlich von Ulm gelegen ist es stolz auf seine Urzeitkinder, die einst Urzeitlöwen schnitzten, die die Ururururenkel nun im Urkundemuseum bestaunen können und die von Künstlern der Gegenwart überlebensgroß nachgebildet werden. Stolz auf seine wagemutigen Taucher, von denen einige im endlosen Labyrinth der Unterwasserhöhlen verschwanden, wo sie auf den Kuss einer Nixe warten müssen, der sie wieder ins Leben und an die Oberfläche zurückholt. Und es hat noch mehr, unser Städtchen.

Von Osten her führt ein niedriger, schmaler Einlass durch die geschlossene Front historischer Häuser in die überschaubare Innenstadt. Der erste Fluss auf den man hier trifft heißt Ach. Er kommt von Allmendingen, Schelklingen und Weiler. Bewegt und eilig rauscht das klare Wasser Richtung Mündung. Kleine Brücken und Stege verbinden die Erdgeschosse der Gebäude mit den Wegen auf der anderen Seite – ein Kleinvenedig. Bis zur Blau und ihrem Ursprung sind es noch wenige hundert Meter.

Der Weg folgt zunächst der alten Verbindungsstraße zu den viele Meter höher gelegenen Vororten auf der Schwäbischen Alb, zu deren Füßen der Hauptort liegt. Er geht vorbei an Gasthöfen, denen man ihre lange Geschichte ansieht, zu deren Eingang ausgetretene Steinstufen führen, neben dem die Tageskarte mit schwäbischen Gerichten hängt. Maultaschen, Zwiebelroschtbraten, Kässpätzle, Wurschtsalat. Es gibt reichlich Cafès im Städtchen, biedere Stübchen und zeitgeistige Interpretationen. Es fehlen nicht die mediteran-asiatischen Imbisse, wohlriechenden Bäckereien und üppigen Metzgereien. Ein wirklich hervorragender Eismacher muss unbedingt erwähnt werden und die wunderbare Tatsache dass sich hartnäckig eine Buchhandlung nebst Schreibwarensortiment hält. Auf dem Weg zur Hauptattraktion des Ortes konkurrieren Automobilisten, Radler und Wanderer um schmalen Straßenraum.

Den Blautopf kann man auf schattigem Waldpfad umrunden oder einfach nur zu den Hammerschlägen einer emsigen alten Schmiede, die mit Wasserkraft betrieben wird, vom Ufer aus bestaunen. Seine unergründliche Tiefe erkennt man nach mehrmaligen Hinsehen. Denn das klare Wasser des seichten Ufers wird erst in der Mitte zum Trichter, der weit hinunter und in das weitverzweigte karstige Höhlensystem des Mittelgebirges führt. Dort ist das Blau eher ein helles Türkis, das in den Abendstunden, wenn früh schon die Schatten der nahen Hügel auf das Wasser fallen, in dunklere Töne wechselt.

Eine der populärsten schwäbischen Dichtungen spielt in und an diesem tiefgründigen Wasser. Die Legende von der schönen Lau ist Teil von Eduard Mörikes Erzählung “Das Stuttgarter Hutzelmännlein”.

“… ihr Angesicht sah weißlich aus, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr groß waren, blau.” Die Lau ist keine Nixe, keine reife, frauliche Variante der kleinen Meerjungfrau: “Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen, natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zärter als ein Blatt vom Mohn.”

Sie ist die Tochter einer Menschenfrau und eines Wassernix aus dem Schwarzen Meer. Von ihrem Gemahl, dem Donaunix, wird sie in den Blautopf verbannt, weil sie nur tote Kinder gebar und nicht lachen konnte. Sie durfte zurückkehren und ein lebendiges Kind gebären nachdem sie fünfmal gelacht hatte. Wie ihr das in Blaubeuren gelang schildert Mörike meisterlich, ist jedoch für heutige Besucher nur noch schwer nachzuvollziehen. Allzu humorfrei werden Blautopf-Tourismus und damit verbundener Kitsch und Kommerz in unseren Tagen vollzogen.

Eine steinerne Lau steht etwas verloren neben dem Quelltopf. Ihre schon stark abgeschliffenen Konturen drohen von Grün überwuchert zu werden und lassen ihre früheren Reize nur noch erahnen. Gedanken an erotische Weiblichkeit, wie sie manchem Besucher früherer Zeiten nach dem Lesen der Mörikezeilen in den Sinn gekommen sein mögen, löst diese armselige Gestalt nicht mehr aus.

Hermann Hesse war ein ebenso großer Verehrer der schönen Verbannten, wie seines Dichter-Kollegen Mörike. Er war oft zu Besuch in Blaubeuren, denn hier lehrte über viele Jahre der Jugendfreund Wilhelm Häcker am evangelischen Seminar. Auf der Stube Hellas im Seminar zu Maulbronn war es, wo im September 1891 die vierzehnjährigen Bürschchen sich kennenlernten. Zeitlebens blieben sie verbunden. Als Hesse nach 1933 nicht mehr nach Deutschland kam, mündeten die persönlichen Begegnungen in einen regen Briefwechsel.

“Häcker, ein aufgeweckter Pfarrersohn ist begabt, lustig, schleckig, schneidet alle Grimassen und bringt viele sehr geistreiche Witze mit höchst stoischem Ernst an den Mann. Er zeichnet oft komische Bilder aus der Geschichte und weiß Homer zum Bänkelsänger zu machen. Er ist gutherzig, nicht sehr fleißig, würdevoll und pathetisch.” So schrieb Hermann Hesse in einem Brief an seine Eltern im Februar 1892.

Mit Besuchen in Blaubeuren stillte Hermann Hesse seine gelegentliche Sehnsucht nach der schwäbischen Kindheit. In der “Nürnberger Reise” schildert er einen Besuch im Jahr 1925. „Alles roch nach Heimat, nach Schwäbisch, nach Roggenbrot und Märchen … Überall war die Lau verborgen, überall duftete es nach Jugend und Kindheit, Träumen und Lebkuchen und nicht minder nach Hölderlin und Mörike.“ Das hat er genossen. Für einige Stunden, einige Tage. Länger hielt es ihn dann doch nicht.

Aus einer 1536 gegründeten Klosterschule wurde 1817 ein evangelisch-theologisches Seminar, die Vorstufe zum Tübinger Stift in der Ausbildung Geistlicher für die württembergische Landeskirche. Mancher ehemalige Schüler brachte es später zu einiger Bekanntheit. Eduard Mörike, Wilhelm Hartlauf, Wilhelm Waiblinger und Wilhelm Hauff waren dabei. Hauff gehörte zu den sogenannten Genie-Promotionen der Jahrgänge 1820 bis 1825, in denen sich die hochbegabten Absolventen häuften.

Von Nürtingen nach Blaubeuren, die Schwäbische Alb überquerend, wanderte einst der Dichter Friedrich Hölderlin, dessen Schwester hier mit dem Professor der – damals noch – Klosterschule, Christian Breunlin, verheiratet war. Auch Christian Friedrich Daniel Schubart, Journalist, Dichter, Organist und Komponist, geboren 1739 in Obersontheim, wird zu Fuß von Ulm her gekommen sein.

Im Januar 1777 wurde er in Blaubeuren verhaftet, nachdem man ihn aus der freien Reichstadt, wo er in Sicherheit gewesen wäre, fortgelockt hatte. In Schrift und Wort hatte er sich zu offen, satirisch und kritisch über die Obrigkeit des absolutistischen Herzogtums Württemberg ausgelassen. Da man ihn im unabhängigen Ulm nicht dingfest machen konnte, musste ihn eine kleine List nach Blaubeuren locken. Vielleicht war dort die schöne Lau das letzte weibliche Wesen das ihm begegnete, bevor er 10 Jahre in Festungshaft auf dem Hohen Asperg verbringen und auf solch angenehme Gesellschaft verzichten musste. Mit einem klitzekleinen Museum, einer Gedenkstädte namens “Schubartstube”, im ehemaligen Amtshaus des Klosters, leistet die demokratische Gemeinde seit 1990 Abbitte.

Hügel, Fels, Wald auf drei Seiten. Hinter dem Blautopf führen Wanderwege auf die Alb. Etwa zwei steile Kilometer sind es bis zum ersten Dorf auf der Hochfläche. Nach Osten öffnet sich das Tal. Hier kann man dem jungen Fluss folgen. Es geht Richtung Gerhausen, Herrlingen, schließlich Ulm, wo die Blau, dreiarmig geteilt, in die Donau mündet. Wer nicht so weit gehen möchte, findet inmitten blühender Auwiesen, nicht weit vom Ort, gastliche Einkehr in einem Naturfreundehaus.

Wenn man gegen Abend das Städtchen wieder verlässt – auch im Sommer verschwindet die Sonne zeitig hinter den Bergen – die Dämmerung und schließlich ruhige Nacht nicht mehr weit sind, mag uns Eduard Mörikes “Um Mitternacht” durch den Kopf gehen:

“Gelassen stieg die Nacht ans Land / Lehnt träumend an der Berge Wand … Doch immer halten die Quellen das Wort / Es singen die Wasser im Schlafe noch fort / Vom Tage / Vom heute gewesenen Tage”