Sommerpause, Tucholsky, Ausblick

 

Mit einem Gedicht von Kurt Tucholsky, das er unter einem seiner zahlreichen Pseudonyme veröffentlichte, geht con=libri in die Sommerpause.

Bernd Michael Köhler hat es entdeckt und wir finden es passt nicht nur in den Sommer, sondern haarscharf und genau in unsere Zeit – wie übrigens so vieles das Kurt Tucholsky vor nunmehr etwa hundert Jahren erdachte und schrieb.

Im September geht es hier auf dem Blog weiter. Mit zwei Beiträgen über große Fabulierer in der deutschen Literatur; nach längerer Pause auch wieder einmal mit einer kleinen Satire; und – wenn alles klappt wie geplant – mit stimmungsvollen Impressionen von Exkursionen zu poetischen Orten, zu Städten und Dichtern und von Reisen durch schöne Landschaften.

 

Feldfrüchte 

Sinnend geh ich durch den Garten,
still gedeiht er hinterm Haus;
Suppenkräuter, hundert Arten,
Bauernblumen, bunter Strauß.
Petersilie und Tomaten,
eine Bohnengalerie,
ganz besonders ist geraten
der beliebte Sellerie.
Ja, und hier –? Ein kleines Wieschen?
Da wächst in der Erde leis
das bescheidene Radieschen:
außen rot und innen weiß.

Sinnend geh ich durch den Garten
unsrer deutschen Politik;
Suppenkohl in allen Arten
im Kompost der Republik.
Bonzen, Brillen, Gehberockte,
Parlamentsroutinendreh …
Ja, und hier –? Die ganz verbockte
liebe gute S.P.D.
Hermann Müller, Hilferlieschen
blühn so harmlos, doof und leis
wie bescheidene Radieschen:
außen rot und innen weiß.

(Theobald Tiger)

Erstdruck in: Die Weltbühne, 21.09.1926, Nr. 38, S. 470 / dann wieder in: Tucholsky, Kurt: Mit 5 PS, Berlin: E. Rowohlt, 1928, S. 362

Hermann Müller: bis 1928 einer der SPD-Vorsitzenden und Fraktionsvorsitzender der SPD im Reichstag, dann ab 28.06.1928 letzter Reichskanzler mit parlamentarischer Mehrheit, der am 27.03.1930 zurücktreten musste. (Vom 27. März bis zum 6. Juni 1920 war ererstmals Reichskanzler).

1930 von Hanns Eisler als Lied vertont. Gemeinsame Auftritte mit dem Schauspieler und Sänger Ernst Busch. Gesang: Ernst Busch; Klavier: Hanns Eisler. Auf der LP Ernst Busch singt Hanns Eisler / Kurt Tucholsky (1967) enthalten. 2010 erschien die CD: Ernst Busch Live in Berlin 1960 Konzert in der Akademie der Künste der DDR. Auch darauf ist das vertonte Gedicht zu hören.

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Beim einem späten Frühstück entstand Wulf Rehders sehr würzige zeitgemäße Variation des Tucholsky-Gedichts. Wir veröffentlichen sie mit seiner freundlichen Zustimmung.

Giftige Feldfrüchte von der anderen Seite des Atlantik

Sinnend geh ich durch den Garten
rund herum um’s Weiße Haus:
Korruption in allen Sparten,
Lügen, oh es ist ein Graus,
im Kabinett, bei Subalternen,
in Trumps Familiengalerie.

Herzlich schmettert aus den Fernen
Der Ku-Klux-Klan sein Kikeriki.
Donald Trump, Rassist und Hehler,
gehabt sich wohl in dem Geschmeiß,
dankt Gott für seinen treuen Wähler:
innen dumm und außen weiß.

Wulf Rehder gehört seit vielen Jahren zu den aufmerksamen Lesern von con=libri. Er hat zwei Wohnsitze, einen nördlich von San Francisco und einen (bevorzugten) in Potsdam bei Berlin, sowie zwei Pässe, einen amerikanischen und einen deutschen. Als junger Mann trieb er sich in akademischen Hainen herum, später in start-ups als umtriebener Manager. Inzwischen schreibt Wulf Rehder Essays und Bücher. Unter anderem:

Rehder, Wulf: Hallo Herr Goethe. Phantastische E-Mails seit Adam und Eva. – MV-Verlag, 2015 (vergriffen!)

Rehder, Wulf: Der deutsche Professor. Handbuch für Studierende, Lehrer, Professoren und solche, die es werden wollen. – tredition, 2017

Rehder, Wulf: Quisquilien zu Thomas Mann. Glossen und Gedankenkrümel. – tredition, 2017

 

Blumen flattern Sommer

Ein Juni-Gedicht von Wilhelm Runge (1894 1918)

 

Blumen flattern Sommer 
Duften nimmt beide roten Backen voll 
Falter wiegen Wald 
Goldkäfer schreien 
Mücken strampeln himmelauf und ab 
Heiß im Arm der Fische hängt das Bächlein 
Unken patscht Libellenflügel wach 

Zweige lachen 
tuscheln 
sonnen 
strömen 
Vögel wogen Wiesen 
liegen flach 
ziehn die Ahorndolden an den Händen 
böse schelten Bienen in den Bart 
Zwitschern streckt die sommerschweren Glieder 
Taumelnd tollt des Atems Flügelschlag 
und der Augen wilde Rosen springen. 

 

 

Im Frühjahr 1918 trat der Erste Weltkrieg endgültig in seine entscheidende Phase. An der sogenannten Westfront tief auf französischem Territorium starteten die deutschen Truppen ihre letzten verzweifelten Offensiven. Die Franzosen und ihre Alliierten stoppten die Angriffe der bereits stark geschwächten Verbände und gingen zur Gegenoffensive über. Die Verluste der Deutschen waren hoch. Am 22. März 1918 fiel bei Arras ein junger Schlesier, der als einer der begabtesten Lyriker seiner Generation galt.

Wilhelm Runge wurde am 13. Juni 1894 in Rützen (Schlesien) in einem lutherischen Pfarrhaus geboren. Vom 18-jährigen Schüler erschienen bereits erste Veröffentlichungen in der Zeitschrift Der Sturm. Runge begeisterte sich für den Expressionismus, für die Lyrik August Stramms und anderer Zeitgenossen. Wie bei seinen Vorbildern zeichnet sich seine Lyrik durch eine reduzierte Syntax und offene Assoziationen aus, neuromantische Anklänge sind unverkennbar.

Seinen einzigen Gedichtband hatte er noch kurz vor seinem Tod „im Feld“ korrekturgelesen. Es gab Gerüchte, die vor allem durch die Dichterin Sophie van Leer, mit der er in intensivem Briefkontakt stand verbreitet wurden, die das Soldatenschicksal als Protest gegen den Kriegsdienst interpretierten. Andere Quellen verweisen die Freitod-Legende in den Bereich der Spekulation.

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Das Gedicht Blumen flattern Sommer erschien erstmals in: Der Sturm. Monatsschrift für Kultur und die Künste. Herausgegeben von Herwarth Walden, 8 (5), 1917, S. 66

Runge, Wilhelm: Das Denken träumt. Gedichte. Mit einem Holzschnitt von Jacoba van Heemskerck. Berlin: Verlag Der Sturm, 1918

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(Gedichtauswahl, Daten zu Wilhelm Runge, die wunderbaren Fotos von Juni-Blumen: Bernd Michael Köhler)

 

Der lange Weg eines großen Romans

Die Berliner Schriftstellerin Gabriele Tergit und ihre Effingers

Ich war überrascht: Im Brockhaus Literatur taucht der Name der Schriftstellerin Gabriele Tergit nicht auf. Das gleiche Ergebnis im aktuellsten Kindler. Drei Stigmata sind dafür wohl verantwortlich: Weiblich, jüdisch, Exil.

Mit Käsebier erobert den Kurfürstendamm gelang Gabriele Tergit eine ebenso bissige wie unterhaltsame Satire über den Starrummel und die schrille Unterhaltungsindustrie der ersten Berliner Republik heutige Geschichtsbücher nennen sie die Weimarer. Die Verfasserin wurde zu einer bekannten und erfolgreichen Romanautorin. Das Buch erschien 1931 und nichts deutete darauf hin dass bis zur Veröffentlichung des nächsten Romans 20 Jahre vergehen sollten und sich dann in ihrer ehemaligen Heimatstadt kaum jemand an die einst so populäre Frau erinnern würde oder erinnern wollte.

Nur knapp entkam Gabriele Tergit im März 1933 einem SA-Überfall. Fluchtartig verließ sie die Hauptstadt eines deutschen Reichs, das sich binnen weniger Jahre radikal verändert hatte. Sie hatte inzwischen mit der Arbeit an einem umfangreichen Generationenroman begonnen. Im Exil nahm das Werk Gestalt an. In Hotelzimmern in Prag, Jerusalem und Tel Aviv, während der Zeit in Palästina und schließlich in London, das zum neuen Lebensmittelpunkt wurde. Ihre letzte Berliner Adresse war Siegmunds Hof 22. Eine Gedenktafel an dem Gebäude, das heute an dieser Stelle steht, würdigt die einstige Bewohnerin.

Als Elise Hirschmann wurde sie 1894 geboren. Sie durfte (musste) eine sogenannte Frauenschule besuchen, die von der Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer geleitet wurde. In diesem Umfeld kam sie früh mit weiteren Persönlichkeiten der Frauenbewegung, wie Lily Dröscher und Alice Salomon, in Kontakt. Ihr Studium der Geschichte und Soziologie (u. a. bei Max Weber) in Heidelberg und München schloss sie mit der Promotion ab. Nach der Hochzeit mit dem Architekten Heinrich Julius Reifenberg hieß sie mit bürgerlichem Namen Elise Reifenberg. In ihren 1983 erstmals erschienen Erinnerungen Etwas Seltenes überhaupt wird der Gatte zum lebensbegleitenden Heinz, sie konnte das besitzanzeigende Fürwort in Verbindung mit Mann nicht leiden.

Journalistische und erzählerische Arbeiten verfasste sie, neben einigen anderen Pseudonymen, hauptsächlich als Gabriele Tergit. In der Vossischen Zeitung und im Berliner Tageblatt erschienen ab 1920 ihre Gerichtsreportagen. Gabriele Tergit legte Wert auf die menschlichen Seiten der geschilderten Rechtsfälle, ihr Schreibstil war durchsetzt mit Witz und Ironie. Aus dem Londoner Exil kehrte sie, bis auf kurze Besuche, nicht mehr nach Deutschland zurück. Zum englischsprachigen Literaturmarkt fand sie, die nur in deutscher Sprache schreiben konnte und wollte, keinen Zugang. An eine Veröffentlichung ihres epischen Panoramas Effingers war erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu denken. 

Die deutsche Literatur- und Verlagsszene reagierte in der Nachkriegszeit auf Exilautoren und -autorinnen jedoch mit Skepsis bis Abneigung. Nach einigen Ablehnungen und Umwegen erschien schließlich im Jahre 1951 eine erste Ausgabe des Romans im Hamburger Verlag Hammerich & Lesser. Sie umfasste 735 Seiten und kostete für damalige Verhältnisse stolze DM 21,50. Marktdurchdringung und Wahrnehmung bei Kritik und Publikum hielten sich in Grenzen. 1964 gab der Lichtenberg Verlag in München eine auf 555 Seiten gekürzte Ausgabe heraus, die für DM 9,80 zu haben war.

Erst 1978 konnte bei Krüger in Frankfurt eine vollständige Neuausgabe erscheinen, die immerhin noch im selben Jahr eine zweite Auflage erlebte und in Lizenzausgaben 1979 bei der Büchergilde Gutenberg und 1981 beim Deutschen Bücherbund erschien. Der Fischer Taschenbuch-Verlag besorgte schließlich 1982 eine ungekürzte Taschenbuch-Ausgabe, die DM 16,80 kostete. Danach dauerte es über drei Jahrzehnte bis die Werke Gabriele Effingers eine neue verlegerische Heimat fanden und wieder verbreitet im Buchhandel angeboten wurden. 

Effingers ist eine Chronik über vier Generationen mit einer Vielzahl unterschiedlicher Charaktere, die Tergit meist aus ihrem persönlichen Umfeld synthetisierte. Die Handlung umfasst den Zeitraum von 1878 bis 1948. Ein Panorama des jüdischen Bürgertums im Berlin der Vorkriegszeit, nannte es Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung. Im Mittelpunkt stehen zwei Familien. Die Goldschmidts, Inhaber einer kleinen Privatbank in Berlin, gehören zum gehobenen Bürgertum rund um Friedrichstraße und Kurfürstendamm. 

Die Effingers sind seit Jahrzehnten als Uhrmacher im fiktiven süddeutschen Provinzstädtchen Kragsheim verwurzelt. Die Söhne Karl und Paul des Ehepaars Minna und Mathias Effinger zieht es in die ferne Reichshauptstadt um dort als selbständige Unternehmer einen Produktionsbetrieb aufzubauen. Aus der bescheidenen Schraubenfabrik wird eine erfolgreiche Maschinenfabrik, und schließlich gehören die Brüder zu den Pionieren des Automobilbaus. Beide heiraten Töchter der geborenen Selma Goldschmidt, die aus den damals üblichen pragmatischen Gründen mit dem Bankier Emmanuel Oppner verheiratet wurde.

Zwei Briefe bilden den Rahmen der weit ausholenden Handlung. Am Anfang steht ein Schreiben des 17-jährigen Paul Effinger, der zunächst in einer rheinländischen Eisengießerei erste berufliche Erfahrungen sammelt, an seine Eltern. Wir fangen um 5 Uhr früh an und hören um 6 Uhr am Nachmittag auf, das sind elf Stunden Arbeit. Vielfach wird aber auch erst um 7 Uhr aufgehört. Für die Arbeiter ist das schrecklich. … Ich denke über diese Dinge viel nach. Abends versuche ich, mich technisch fortzubilden. Auch höre ich zweimal in der Woche Handelslehre. Französisch treibe ich auch.

Im 146. der meist kurzen Kapitel endet die Geschichte mit dem Brief des alten Mannes aus dem Jahr 1942. Paul ist jetzt 81 Jahre alt, er wurde interniert und ihm steht der Weg in ein Vernichtungslager bevor. Meine lieben Kinder und Enkel und Nichte Marianne, ich schreibe Euch in furchtbarer Stunde, ich weiß nicht, ob dieser Brief Euch je erreichen wird. Wir müssen den bitteren Kelch bis auf den Grund leeren. Es ist keine Hilfe noch Rettung. Der Brief wird erst nach dem Krieg Adressaten finden. In einem kurzen Epilog über das Leben in der zerstörten Hauptstadt des Jahres 1948 trauert Gabriele Tergit in bitterem Ton der verlorenen Heimat nach.

*

Haben alle diese Männer und Frauen (Albert Einstein, der Reeder Albert Ballin, der Naturforscher Ehrlich, Emil Rathenau, Gründer der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft) ihre Taten als Juden vollbracht oder als Deutsche? Haben ihre Schriftsteller und Dichter eine jüdische Geistesgeschichte geschrieben oder eine deutsche, ihre Schauspieler eine deutsche Sprache gepflegt oder eine fremde? (*)

Außer dass sie von ihrer Herkunft Juden sind unterscheidet die beiden Familien des Romans nichts von anderen gut situierten Bürgern ihrer Zeit. Die Männer waren für das Vaterland im Krieg und sehen sich als Rückgrat der deutschen Gesellschaft. Sie sind Bankkaufleute, Erfinder, Unternehmer, der eine oder die andere schlägt aus der Art und entwickelt künstlerische oder schöngeistige Ambitionen, hin und wieder wird ein Mitglied den in ihn gestellten Erwartungen nicht gerecht. Es gibt Erfolge und Scheitern, Glück und Enttäuschung. Das Schicksal wendet sich zur Katastrophe mit dem aufziehenden Naziterror. Der schon längst schlummernde latente Antisemitismus wird zum aggressiven Judenhass. Aus den Stützen der Gesellschaft werden abgestempelte Nichtarier, ausgegrenzte und gedemütigte Juden, der Erniedrigung und Vernichtung ausgeliefert. Wer rechtzeitig wachsam und skeptisch war, wanderte aus. An das Gute im Menschen zu glauben ist für Paul Effinger der tiefste Irrtum meines Lebens.

Mit flottem Strich, in dramaturgisch geschickt inszenierten Szenen, schildert Gabriele Tergit Lebensart und Lebenswelten, die mit dem Lauf der Zeit wechselnden Moden und gesellschaftlichen Normen. Sie entwirft realitätsnahe Protagonisten, schöpft aus persönlicher Kenntnis und Erkenntnis. Effingers will die Details einer verschwundenen Welt aufleuchten lassen, was in den Schilderungen der Moden und Interieurs, der Architektur und Essgewohnheiten präzise und poetisch zugleich gelingt. (Nicole Henneberg im Nachwort der von ihr besorgten Neuausgabe.) In Effingers wird Zeitgeschichte an exemplarischen Schicksalen anschaulich. Die Handlung schreitet oft in Form fesselnder Dialoge voran, eine Darstellungsform, die Gabriele Tergit meisterlich beherrscht.

Effingers ist ein Buch in dem Wirtschaft und Wirtschaften, Unternehmertum und Arbeitswelt eine zentrale Rolle spielen. Aber auch die Konflikte zwischen der Macht des Kapitals und der ausgebeuteten Arbeitnehmerschaft sind ein wichtiges Thema, schließlich wurde die politische Entwicklung davon maßgeblich mitgeprägt. Es ist ein Berlinroman, mit Abstechern nach London, München und Heidelberg, nach Hamburg und Russland, und in die Kleinstadt Kragsheim. Thomas Manns Buddenbrooks hat Gebriele Tergit sicher gründlich gelesen, gleichzeitig erinnert die collageartige Erzähltechnik an Alfred Döblin.

Seit einigen Jahre hat sich der Frankfurter Schöffling-Verlag des Werks der Gabriele Tergit angenommen, ein Haus dem in der Vergangenheit immer wieder die eine oder andere verlegerische Überraschung gelang. Käsebier erobert den Kurfürstendamm wurde 2016 neu aufgelegt. Die Erinnerungen Gabriele Tergits Etwas Seltenes überhaupt folgten 2018. Und heuer erschien nun endlich ihr Hauptwerk in einer schön ausgestatteten Neuausgabe. Von 1933 bis 1950 hatte sie daran gearbeitet. An der Chronik einer untergegangen Welt, die Tergit über alles geliebt hatte. Ihr Schmerz darüber ist dem Roman eingeschrieben, ebenso wie der entscheidende Bruch ihres Lebens, die Vertreibung aus Berlin, seinen Hintergrund und Hallraum bildet. (Nicole Henneberg

Und wie vieles, was die rührigen Schöfflinge in die Hand nehmen und nahmen, scheint auch aus diesem so lange vernachlässigten Roman einer der wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Erfolgsgeschichte zu werden. Einschließlich Nachwort 898 Seiten stark, ist bereits die fünfte Auflage auf dem Markt. Ein breites, durchweg positives Medienecho begleitet das Buch seit Monaten. Es hat sich zum heimlichen Bestseller entwickelt, die Buchhandlungen des Landes halten gut absetzbare Vorräte. Übersetzungen in andere Sprachen gibt es bisher leider nicht. Das wird sich hoffentlich bald ändern, denn Inhalt und Thema des Werks dürften in einigen Ländern auf Interesse stoßen.

In England war und blieb Gabriele Tergit eine deutschsprachige Autorin, die mit der britischen Lebensart nie so richtig warm wurde. Wenn man sie zur Engländerin erklären wollte, war ihre Antwort: No I’m a Berliner. Ich bin Berlinisch in der Wolle gefärbt. Man kann doch nicht solche Bücher schreiben wie ich und all dies dann wie eine Jacke ausziehen. Von 1957 bis 1981 diente die Berlinerin in der englischen Hauptstadt dem Exil-Pen als „Sekretär“. Hochbetagt starb sie dort im Jahre 1982. 

(*) Aus einem Brief des Schriftstellers und Pazifisten Armin T. Wegener an Adolf Hitler vom April 1933 (zitiert nach Henneberg

Verwendete Ausgaben:

Tergit, Gabriele: Effingers. Roman. Büchergilde Gutenberg, 1979

Tergit, Gabriele: Effingers. Roman. Schöffling & Co., 2019

Tergit, Gabriele: Käsebier erobert den Kurfürstendamm. Roman. Schöffling & Co., 2016

Tergit, Gabriele: Etwas Seltenes überhaupt. Erinnerungen. Schöffling & Co., 2018

(Alle Schöfflling-Editionen herausgegeben und mit Nachworten von Nicole Henneberg)

Die Eisheiligen

Ein Gedicht zum wunderschönen Monat Mai (Heinrich Heine). Allerdings eines ganz ohne triebhafte Bäume, ohne Blütenkraft und Sonnenschein, ohne Vogelgezwitscher und warmen Abendschimmer. Die Genossen Mamertus, Pankratius, Servatius und Bonifatius, ihnen auf schnellem Fuße folgend die kalte Sophie, vertreten die andere Seite des Wonnemonats. Max Herrmann-Neiße hat dieses Geschehen vortrefflich in frostige Verse gefasst.

(Bernd Michael Köhler hat das Gedicht für con=libri ausgegraben und Infos zu Leben und Werk Max Herrmann-Neißes geliefert. Das Foto stammt ebenfalls von ihm.)

Die Eisheiligen

Die Eisheiligen stehen mit steif gefrorenen Bärten,
aus denen der kalte Wind Schneekörner kämmt,
früh plötzlich in den blühenden Frühlingsgärten,
Nachzügler, Troß vom Winter, einsam, fremd.

Eine kurze Weile nur sind sie hilflos, betroffen,
dann stürzt die Meute auf den Blumenpfad.
Sie können nicht, sich lang zu halten, hoffen;
so wüsten sie in sinnlos böser Tat.

Von den Kastanien reißen sie die Kerzen
und trampeln tot der Beete bunten Kranz,
dem zarten, unschuldsvollen Knospenglück bereiten sie hohnlachend Schmerzen,
zerstampfen junges Grün in geisterhaft verbissenem Kriegestanz.

Plötzlich mitten in all dem Toben und Rasen
ist ihre Kraft vertan,
und die ersten warmen Winde blasen
aus der Welt den kurzen Wahn.

Der Lyriker, Dramatiker und Erzähler wurde am 23. Mai 1886 als Sohn eines Gastwirts im schlesischen Neiße als Max Herrmann geboren. Vielleicht aus Stolz auf diese Herkunft nannte er sich später Herrmann-Neiße. Dass seine Heimatregion nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr Teil Deutschlands war, hat er nicht mehr erlebt. Bereits 1933 ging der politisch links stehende Pazifist mit seiner Frau in die Schweiz ins Exil, später nach Holland und Paris und übersiedelte schließlich nach Großbritannien. Er starb am 8. April 1941 in London. Die Heimatlosigkeit hatte ihn krank gemacht, er starb an gebrochenem Herzen.

Max Herrmann-Neiße war eine geschätzte und anerkannte künstlerische Größe seiner Zeit, bekannt mit den wichtigsten kreativen Köpfen der Weimarer Republik. Stefan Zweig, der bekanntlich ebenfalls an seinem Schicksal im Exil litt, schrieb über ihn: … die schönsten (Verse) vielleicht, die seit Heinrich Heine im Exil geschrieben wurden. … Etwas Einmaliges, etwas Großartig-Unwahrscheinliches ist mit dieser Treue zur Dichtung und zur humanen Gesinnung mit ihm dahingegangen. Denn selten habe ich bei einem Menschen so viel seelische Tapferkeit der Gesinnung gesehen wie bei diesem kleinen schwachen Mann, der zerbrechlich schien vor einem Hauch des Winds …

Von kleiner Statur, wirkte der Dichter als erwachsener Mensch auf den ersten Blick eher unansehnlich. Sein Rücken war buckelig, früh wurde der Schädel kahl. Man nannte ihn den deutschen Toulouse-Lautrec. Es ist ein kleiner Treppenwitz der deutschen Kulturgeschichte, dass dem bissigen Zeichner und Gesellschaftskritiker George Grosz mit einem Porträt des Freundes eines seiner bekanntesten und schönsten Gemälde gelang. Der Neuen Sachlichkeit zugerechnet, wirkt es ehrlich und präzise, drückt gleichzeitig Zuneigung aus und weckt beim Betrachter eine Art ehrfürchtiges Mitleid.

Max Herrmann-Neiße war nach 1945 in Deutschland nahezu vergessen. Erst 1986 – 88 erschien eine Ausgabe seiner gesammelten Werke, 2012 wurden eine zweibändige Briefausgabe, ein Reisealbum, sowie ein Erinnerungsbuch mit Aufzeichnungen seiner Frau Leni und einer Auswahl seiner Gedichte herausgegeben. Das eine oder andere davon mag noch lieferbar sein, für gute Bibliotheken sollte es eine Selbstverständlichkeit sein dieses Erbe zu bewahren und bereit zu halten.

Zum 7. Mal: Literaturwoche in Ulm und Neu-Ulm

Vom 25. April bis zum 5. Mai dauert die Literaturwoche Donau 2019. 

Der Verein Literatursalon Donau e. V. und seine Partner Museumsgesellschaft Ulm, vh ulm, Buchhandlung Aegis und Stadtbibliothek Ulm, sowie zahlreiche Unterstützer, laden ein zu 16 Veranstaltungen mit Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit gedruckten und fein gestalteten Büchern, die fast alle in kleineren, unabhängigen Verlagen erschienen sind. Den Initiatoren und Programmverantwortlichen Florian L. Arnold und Rasmus Schöll ist es einmal mehr gelungen ein farbiges, abwechslungsreiches und anregendes Programm auf die Beine zu stellen. Es gibt Literatur in allen Spielarten: Romane, Erzählungen, Lyrisches und Essays. Unterhaltsames, Überraschendes und Gewagtes, das den Geist frisch hält, mit Formaten spielt und die Grenzen der Sprachkunst auslotet.

Ein gedrucktes Programm gibt es u. a. in der Buchhandlung Aegis und der Stadtbibliothek Ulm.

Im Netz sind umfassende Infos hier zu finden:

Literaturwoche Donau 2019

Leipzig und die Tschechen

Zweiter Teil des Rückblicks auf Buchmesse und Festival Leipzig liest 2019

Martin Beckers Warten auf Kafka kann man auch lesen wenn Tschechien nicht gerade Gastland der Leipziger Buchmesse ist. Andererseits hat es der Autor natürlich genau zu diesem Anlass geschrieben, mit kühlem Kalkül angesichts des angekurbelten Interesses an Literatur und Kultur der östlichen Nachbarn. Das Buch las ich zu großen Teilen während der Zugfahrt nach Leipzig ich hatte die etwas längere Strecke über Mannheim, Frankfurt und Fulda gewählt die lästiges Umsteigen erspart, stattdessen Zeit und Muse für einstimmende Lektüre lässt.

Martin Becker ist ein 37-jähriger Journalist, Literaturkritiker, Romancier, Hundefreund und Starkraucher, der seit einem Studienaufenthalt vor etlichen Jahren regelrecht vernarrt in Tschechien ist, seine Metropole Prag, deren Ka-und-Ka-Vergangenheit, die literarischen und filmischen Traditionen, den böhmisch-mährischen Humor und nicht zuletzt die seltsame Ernährung der Einwohner, die, so wird immer wieder kolportiert, bevorzugt aus Fleisch und Bier besteht.

Martin Becker und die Moderatorin des Nachwuchsradios Mephisto 97.6 stoßen vor ihrem Gespräch auf dem orangenen Sofa mit tschechischer Braukunst an.

Warten auf Kafka ist eine lockere Reise durch die tschechische Literatur des vorigen Jahrhunderts und der Gegenwart ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit. Dafür verpackt mit einer leicht kafkaesken, sehr unterhaltsamen Rahmenhandlung, mehreren detailliert geschilderten Kneipenbesuchen und befeuchtet mit dem einen oder anderen großen Glas Gerstensaft. In den Kneipen trifft sich Becker, teils real, teils in Gedanken und Gedenken mit schriftstellerischen Größen des Heute und des Gestern. Kafka selbst taucht als verkitschter Kult auf, zu dem er vor Ort aus pekuniär-touristischen Gründen gemacht wird.

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… ich bin ein erschrockener menschlicher Aufschrei, den eine Schneeflocke zusammenbrechen läßt …

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Warten auf Kafka. Im Wirtshaus. Und auf die seligen Geister Jaroslav Hasek und Bohumil Hrabal, den zu besten Zeiten sogar präsidialen Vaclav Havel, die derzeit angesagten Jaroslav Rudiš und Jaromir99, die Märchentante Božena Němcová und den Spezialfall Milan Kundera (zu ihm später). Die greise Lenka Reinerová, letzte deutschsprachige Schriftstellerin Prags, lernte Becker 2008 kurz vor ihrem Tod am Krankenbett kennen. Sein Buch enthält ausführliche Passagen der Verehrung für diese außergewöhnliche Persönlichkeit. Reinerová ist in ihren Werken nicht nur eine aufrichtige Chronistin dieses schrecklichen 20. Jahrhunderts, sondern versammelt zudem in ihren farbigen Ahnengalerien alle maßgeblichen künstlerischen Figuren ihrer Heimat aus dieser Epoche.

Martin Becker hat seinem Buch den Untertitel Eine literarische Seelenkunde Tschechiens gegeben. Ihm ist eine unterhaltsame, leicht lesbare und dennoch bis hin zum Literaturverzeichnis äußerst informative Einführung gelungen, wie man sie in dieser Form nicht noch einmal findet und manch anderer Sprache und Dichterlandschaft wünschen würde. 

Das Buchmesse-Gastland des Jahres 2018 war Rumänien. Bevor das bereits wieder völlig in Vergessenheit gerät, wurde 2019 in Leipzig noch einmal daran erinnert und versucht das Interesse an diesem Land und seiner Literatur wach zu halten. Eine Expertenrunde lotete aus, welche Chancen aus dem Rumänischen übersetzte Bücher auf dem Markt wohl haben mögen. Die Zahl der Gesprächsteilnehmer auf dem Podium übertraf dabei die Zahl der besetzten Stühle vor ihnen. Mäßiges Interesse und bescheidene Aussichten für die Vermittlung rumänischer Autoren und Autorinnen in den deutschen Sprachraum. Was nicht ganz überraschend ist, da bekanntlich im Ursprungsland selbst das Interesse an Gedrucktem und die Zahl der Leser sehr gering sind. 

In Tschechien ist das anders. Es ist eines der ganz großen Leseländer mit einem wachen Interesse an Traditionellem ebenso wie an der Vielzahl der Neuerscheinungen. In Deutschland bekommt man davon wenig mit. Es gab eine Zeit, da war das anders. Ein beliebiges Beispiel: Neben dem Franzosen Ionesco gehörte Sławomir Mrożek einst zu den Stars des absurden Theaters. Seine Stücke wurden Land auf, Land ab gespielt. Dann nicht mehr. Immerhin hat vor vor einigen Wochen das Zittauer Gerhard-Hauptmann-Theater seine Farce Auf hoher See wieder einmal aufgeführt. 

Mrożek war eine meiner wenigen intensiveren Begegnungen mit der tschechischen Literatur. Ich habe ihn gelesen, Hörspielfassungen gehört, Bühnenaufführungen habe ich bis heute leider nicht sehen können. In viel zu jungen Jahren hatte man mir Jaroslav Hašeks Abenteuer des braven Soldaten Schweijk zum Lesen gegeben. Dieser sehr spezielle Humor kam für mich viel zu früh ich habe ihn nicht verstanden. Und das ganze militärische Ambiente war mir damals ebenso suspekt, wie es heute bei vergleichbaren Schilderungen ist.

Brandneu ist Jáchym Topols Roman Ein empfindsamer Mensch. Eine wilde Auseinandersetzung mit europäischer Aktualität. Seine tschechische Künstlerfamilie gastiert beim Shakespeare Festival in Großbritannien und wird von Brexit-Anhängern aus dem Land gejagt: Leave means leave!. Im Campingwagen reisen sie quer durch Europa, gegen den Strom der Flüchtlinge, Richtung Osten. Sie geraten ins russisch-ukrainische Kriegsgebiet, treffen Gerard Depardieu, klauen ihm seinen BMW und machen sich auf den Heimweg nach Böhmen. Radikal ungebändigt ist Topols Erzählweise.

Stilistisch strenger und von ganz anderem Charakter ist Radka Denemarkovás Ein Beitrag zur Geschichte der Freude. Drei ältere Frauen betreiben in Prag ein Archiv, in dem Gewalt an Frauen dokumentiert wird. Sie dokumentieren nicht nur, sie handeln auch. Ein Ermittler untersucht den scheinbaren Selbstmord eines reichen, einflussreichen Mannes und stößt dabei auf die drei Frauen und ihr Tun. Radka Denemarková, die wie ich mir sagen ließ vielleicht wichtigste tschechische Autorin der Gegenwart, verwebt in ihrem sprachmächtigen Roman Elemente des Kriminalromans, Fakten und Fiktion zu einem erschütternden Panorama der Gewalt gegen Frauen.

Eine echte Überraschung ist Gerta. Das deutsche Mädchen von Kateřina Tučková, nicht nur wegen 548 Seiten ein wahres Schwergewicht unter den frisch übersetzten Neuerscheinungen. Gerta wächst in der zweisprachigen Familie Schnirch im mährischen Brünn auf. Die Mutter ist Tschechin, der Vater Deutscher und Anhänger Hitlers. Mit der Errichtung des deutschen Protektorats 1938 zerfällt die Familie wie die Gesellschaft in einen tschechischen und einen deutschen Teil. Die Mutter stirbt und Gerta wird vom eigenen Vater schwanger. Wie tausende Deutsche wird die junge Frau nach dem Krieg zum Staatsfeind erklärt, ausgebürgert und vertrieben. Gerta und ihre Tochter überleben mit anderen deutschen Frauen bei der Zwangsarbeit auf dem Land. Als sie Jahre später in die Heimatstadt zurückkehren werden sie als Deutsche stigmatisiert. Die Sichtweise des Romans auf den ehemals deutsch sprechenden Bevölkerungsteil ist neu und war lange Zeit so nicht vorstellbar. 

Topol und Denemarková, Mitglieder einer mittleren Generation tschechischer Autoren und Autorinnen, gehörten zu den tschechischen Gästen bei deren Veranstaltungen es in Leipzig richtig eng wurde. So etwas wie Starrummel entstand ebenfalls um Jaroslav Rudiš, einer von zahlreichen Künstlern die durch ihre Mehrfachbegabung auffallen und die gerne Genre übergreifend arbeiten. Da wird musiziert, wird gezeichnet und natürlich immer wieder auf unverwechselbare tschechische Art erzählt. Diese teils schrägen Geschichten, entstanden aus den Hefekulturen reicher Phantasie, diese Ansammlungen liebenswerter Außenseiter, lächelnder Verlierer, großer Liebender. Humor und Satire, Melancholie und schwarze Galle. Erzählungen die in der Kneipe bei Knödel und Pilsner ihren Anfang nehmen und immer reicher und farbenfroher werden, je mehr ihr Wahrheitsgehalt abnimmt.

Zu den am meisten besprochenen Büchern dieses Frühjahrs zählt Jaroslav Rudiš Roman Winterbergs letzte Reise. Der greise, mit einem Bein im Grab stehende Winterberg bricht mit seinem genervten Pfleger Jan Kraus auf zu einer Schienenreise durch die eigene Vergangenheit. Zu geschichtsträchtigen Orten der ehemaligen Donaumonarchie über die der alte Mann ebenso seitenlang zu räsonieren versteht, wie über das zurückliegende lange Leben. Ein Roadmovie der besonderen Art, mit stilistischen Eigenheiten, etwa zahlreichen rhetorischen Wiederholungen, das mit einer Streckenlänge von 540 Seiten ein wenig zu viel des Guten will.

Zusammen mit dem Künstler Jaromir99 bildet Rudiš den Kern der Kafka Band. Bei ihren aktuellen Auftritten improvisiert das Ensemble musikalisch-szenisch über Kafkas Roman Amerika.

Die Kafka Band mit Front-Mann Jaroslav Rudiš

Leider sind die projizierten Animationen nicht so gelungen wie in vorangegangenen Programmen. Mit ihrer Farbigkeit und schlichten Geometrie stören sie eher den Gesamteindruck als zur gelungenen Abrundung beizutragen. Enttäuschung macht sich deshalb breit, weil wir ja Jaromir99 als zeichnerischen Schöpfer des wunderbaren Alois Nebel kennen.

Milan Kundera wollte ich erwähnen. Quasi der moderne tschechische Klassiker. Mit seinem viel gelesenen, viel diskutierten und interpretierten Werk Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins habe ich mich etwas geplagt. Mir ist das zu viel Obsession und Abhängigkeit, auch wenn es Kundera meisterlich versteht vom Kern der Geschichte immer wieder in existenzielle Exkurse aufzubrechen. Er ist zweifellos einer der herausragenden tschechischen Autoren, obwohl ihn die Landsleute bereits 1975, da war er 46, (dieser Tage wurde sein 90. Geburtstag gefeiert) ins Exil vertrieben. Seitdem lebt er in Frankreich. Und sein wichtigster Roman weist deutlich mehr französische Einflüsse denn böhmisch-mährische auf. 

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… daß diese ganze Pracht mit einem Samentropfen begann und im Knacken eines Feuers enden wird …

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(Die beiden Zitate sind aus Bohumil Hrabal: Leben ohne Smoking. – Frankfurt am Main, 1995)

Leipzig wie es liest und lebt

Erster Teil des Rückblicks auf Buchmesse und Festival Leipzig liest 2019

Eine sehr spezielle Form von Prosa enthält die Sächsische Waffenverbotszonenverordnung. In ihr wird seit letztem November festgehalten, dass das Leipziger Gebiet östlich des Zentrums Waffenverbotszone ist. Personen dürfen keine Waffen nach der Definition des Waffengesetzes mit sich führen. Wer es dennoch tut, begeht eine Ordnungswidrigkeit und muss mit einer Geldbuße rechnen. Es gibt nicht wenige Gestalten vor Ort, die der Meinung sind, dass sächsische Verordnungen für sie keine Gültigkeit haben oder die von diesen schlicht nie gehört haben. Die Leipziger Eisenbahnstraße gilt als eine der gefährlichsten Straßen Deutschlands. Einschlägige Statistiken verzeichnen für Straße und Quartier knapp 73.000 Delikte pro 100.000 Einwohner. Das ist auf den ersten Blick kein Spitzenwert, erfasst allerdings nur die aktenkundigen Fälle und der Anteil an Gewaltdelikten ist deutlich höher als andernorts.

Zwischen all den Gemüseläden, Kebap-Buden, Asia-Imbissen, Spätverkäufen, Shisha-Höhlen, den Barbieren für die bärtigen Bewohner mit meist gut definierter Muskulatur, zwischen seit dreißig Jahren abrissreifen Häusern, dem gerade noch bewohnbaren Bestand und sanierten Altbauten, zwischen all dem Sprachengewirr und den Abgaswolken der Geländewagen, sind auch junge Paare mit kleinen Kindern, sind Studenten, Auszubildende und sehr alte Menschen unterwegs, weil sie sich das Wohnen hier leisten können und die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen vor der Haustür möglich ist. 

In diesem bunten und quicklebendigen Gemisch gibt es für das abendliche Ausgehen so manchen Geheimtipp, Lokalitäten wie man sie sonst nur von der KarLi (Karl-Liebknecht-Straße) und aus Plagwitz kennt. Wie jene lauschige Kneipe mit integriertem kleinen Buchhandel und einer sehr improvisierten Kleinkunstbühne, auf der Reinhard Kaiser-Mühlecker seinen neuen Roman vorstellte. Die Kulturapotheke, kurz KuApo, findet man in der Eisenbahnstraße 99. Es gibt dort wenig Platz, eine kurze Speisenkarte und wohlfeile Getränke für jeden Geschmack.

Der 37-jährige österreichische Autor kam bereits 2008 auf Empfehlung von Arnold Stadler zu S. Fischer, wo er ein festes verlegerisches Zuhause gefunden hat. Enteignung ist schon sein achter Roman. Er spielt einmal mehr in abgelegener ländlicher Provinz. Für das kriselnde Lokalblatt schreibt ein Journalist, der nach langer Abwesenheit an den Ort seiner Kindheit zurückkehrte. Von der Wucht der eingetretenen Veränderungen während seiner Abwesenheit und dem sich andeutenden weiteren gravierenden Einschnitten in gepflegte Traditionen ist er überrascht. Die Geschichte handelt vordergründig von menschlichen Beziehungen und Affären, viel grundsätzlicher jedoch vom Wandel der althergebrachten Strukturen und Lebensformen. Die damit verbundenen existenziellen Konflikte stellt Kaiser-Mühlecker in seinem Buch exemplarisch dar. 

Er schreibt in einer Sprache, die etwas aus der Zeit gefallen scheint, in ruhigem Ton, detailgenau, mit langem Atem. Man kann an Stifter denken, an Hermann Lenz. Wer sich auf diesen Rhythmus einlässt, erlebt einen der ausdrucksstärksten Schriftsteller dieser so kurzatmigen Zeit. Bei Abschluss seines ersten Vertrags mit dem Verlag wollte er es zur Bedingung machen, dass er nie aus seinen gedruckten Büchern öffentlich lesen müsse. Die Vertragspartner ließen sich darauf zum Glück seiner Leser und Bewunderer nicht ein. Offensichtlich unterschrieb Reinhard Kaiser-Mühlecker dennoch.

In Sachen ländliche Schauplätze kommt uns natürlich Dörte Hansen in den Sinn. Auch sie beschäftigt sich in ihrem aktuellen Roman Mittagsstunde mit Themen rund um die strukturellen Veränderungen im ländlichen Raum. Bilden bei Kaiser-Mühlecker Hügel und Berge Oberösterreichs die Kulisse, ist es bei Hansen die weite platte Fläche Nordfrieslands. Gerade einmal 43 Meter über Meereshöhe erreicht die höchste Erhebung der Umgebung.

Der erste Sommer ohne Störche war ein Zeichen, und als im Herbst die Stichlinge mit weißen Bäuchen in der Mergelkuhle trieben, war auch das ein Zeichen … Die alten Ulmen starben einen Sommer später, am Westerende, wo sie seit hundert Jahren Ast in Ast gestanden hatten.

Auch Dörte Hansen macht einen Heimkehrer zu einem ihrer Hauptprotagonisten. Die Schilderungen der Veränderungen in Mittagsstunde sind langfristiger und weitreichender als bei Kaiser-Mühlecker, sie reichen von der Flurbereinigung in den 1970er-Jahren, über den Einfluss des Klimawandels, bis zur Landflucht von Bewohnern auf der Suche nach auskömmlicher Arbeit. Was das mit den Menschen macht schildert Hansen einfühlsam, gelegentlich deutlich bis drastisch. Bei aller Zuspitzung gibt es immer wieder kleine humorvolle und skurrile Passagen.

Die Autorin, der 2015 mit ihrem Debüt Altes Land ein Lieblingsbuch der Buchhändler und Leser gelang, wurde von Denis Scheck in seiner Sendung Druckfrisch und bei seinen effektvollen, die Massen anziehenden Leipziger Messeshows mehrfach geadelt: Ein Buch voller Wehmut, schmucklos schön, das überraschend und klug in die Zukunft weist. Ein literarisches Ereignis!

Leipzig 2019. Das waren Messefahnen im Frühlingswind. Sonnentage. Hitze unter dem Glasdach. Zartes Grün an Büschen und Bäumen, das die Bilder des Vorjahres, Bilder von Schnee und Eis, liegengebliebenen Zügen, gesperrten Straßen, verblassen ließ. Und so strömten sie aus allen Himmelsrichtungen in ihr Leipzig. Das Leipzig der Bücher, Autoren, Buchhändler, ihr Leipzig der Leser, zum Treffen unter Gleichgesinnten. Fast 286.000 Menschen sollen es am Sonntagabend, als die letzte Lederjacke an der Garderobe abgeholt war, gewesen sein. 

Nahezu 286.000 Besucher. Leser, buchaffine Menschen, die sich zuhause schleunigst ins stille Kämmerlein verziehen, um ihre Neuerwerbungen, die eingesammelten Geheimtipps, die Bestseller der Saison zu verschlingen? Man wird sich eingestehen müssen, dass diese Charakterisierung aus den verschiedensten Gründen nur auf einen kleinen Teil der Messebesucher zutrifft. Das ist nicht neu. Doch zunehmend wildern Smartphones, digitale Medienvielfalt, flexible omnipräsente Anbieter wie Netflix, Amazon mit ihrer ganzen bildgewaltigen Streamingwelt in den Hoffnungen der Buchbranche auf reichlich Leser- und Käufernachwuchs.

Zu allem Überfluss ist es dann auch noch mit der Zukunft der Lesefertigkeit und der Lesekompetenz so eine Sache. Lesenlernen und Leseförderung Leipzig bietet Jahr für Jahr reichlich Podien und Begegnungen die sich mit diesen komplexen und wichtigen Themen beschäftigen. Alle einschlägigen Organisationen und zahlreiche Experten sind vor Ort, stehen für Diskussionen und Gespräche bereit, geben Wissen und Erfahrungen weiter. 

Foto: Tom Schulze

In Halle zwei befinden sich das Forum Kind-Jugend-Bildung und das Fachzentrum Bildung. Dort sind Leseinseln und Lesebuden zu finden, der Leipziger Lesekompass präsentiert gute Bücher für die Jungen und die Jüngsten. Es gibt ein Familiencafé, eine Chillout-Aerea und einen Still- und Wickelraum für Messeteilnehmer die vom Lesen noch nicht einmal träumen können. Und das alles schon seit Jahren. So werden Ideen, Anregungen, Anstöße, Anleitungen ins ganze Land, in Kindergärten, Schulen, Lehrerstudiengänge getragen.

Die nüchterne Bilanz lautet: 20 Prozent der Schüler und Schülerinnen der vierten deutschen Grundschulklassen können nicht flüssig lesen, haben Probleme den Inhalt gelesener Texte wiederzugeben. Sie drohen den Anschluss zu verlieren, an den Schulstoff und schließlich an eigene Lebenschancen. Trotz aller Bemühungen und Förderungen ist keine Besserung in Sicht, letztlich fehlt es in den Schulen an Ressourcen und in den Elternhäusern an Einsicht und Verständnis. 

Bildungsferne Einstellung wird oft von Generation zu Generation weitergegeben. Viele Familien haben ganz andere materielle, existenzielle Sorgen. Lesenlernen, das mit Vorlesen durch Eltern oder Großeltern beginnen kann, wird nicht überall als Wert gesehen. Förderung muss also die Familien der betroffenen Kinder mitnehmen. Sonst gehen immer mehr junge Menschen auf ihrem Weg in die Mitte der Gesellschaft verloren. Die Kompromissfähigkeit, die Fähigkeit Konflikte verbal auszutragen, sich die für eine demokratische Partizipation notwendigen Informationen anzueignen, sinken.

Die Lese- und Literaturnation Tschechien präsentierte sich als Gastland der diesjährigen Leipziger Buchmesse 2019. Notizen dazu stehen im Mittelpunkt des zweiten Teils meines Rückblicks. Den gibt es nächste Woche auf con=libri.