AusLese 2018. Der erste Teil

Höchste Zeit wieder einmal hinzuschreiben was das zurückliegende Jahr an neuen Büchern und guten Geschichten auf die Auslagetische der Buchhandlungen gelegt hatte. Dafür heißt es Anlauf zu nehmen, warten bis Worte und Sätze zu sprudeln beginnen.

Wo hatte ich denn eigentlich den neuen Haas hingelegt? Und das Buch von dieser Melandri? An Maxi verliehen? Das kann nicht sein. Hier liegt es doch. Auf den CDs.

Ja. Erst einmal etwas Musik auflegen zur Einstimmung bevor es an die Tastatur geht. Vielleicht was Weihnachtliches? Last Christmas? (Siehe dazu später unten: Thomas Bauer zum Thema Verlust der Vielfalt!) Felix Meyer könnte passen. Mal eben kurz reinhören …

Wie soll’n wir kleinen Menschen nur / mit kleinen Schritten, kleinen Schuh’n / sehen dass das nicht das Paradies / sondern nur Weihnachten ist.

Weihnachtszeit auf den Straßen / wo es schneit oder zieht, / oder regnet, so dass man die Tränen nicht sieht. / Wir kleinen Menschen haben Spaß, / sehen uns die Schönheit gut an, / doch nur von Weitem hinter Glas, / weil man nicht alles haben kann.

Weihnachtszeit in den Straßen / ist der Winter so kalt. / In weit aufgeriss’nen Augen / spiegeln sich Dreck und Gewalt …

Foto: Wiebke Haag

Die AusLese 2018. Wie immer bedenkenlos subjektiv und unvollständig.

Was dann nachher so schön fliegt. Junger Dichter. Mitte der 1980er Jahre. Die Zeit als Zivi im Altersheim ist für Volker keine leichte. Er ist dort Außenseiter, möchte Dichter werden, Lyriker. Erträumt Begegnungen mit Persönlichkeiten der Literaturszene. Als ihm auf einem Kurztrip nach Paris sein bis dahin bestes Gedicht gelingt, bewirbt er sich um Teilnahme an einem Treffen für Nachwuchsschriftsteller in Berlin. Dichterwettstreit, Alltag im Altersheim, die Atmosphäre im Berlin der Vorwendezeit, reale Begegnung mit Heiner Müller und Co., erste große Liebe. Kein leichtes Alter, wenn man so um die 20 ist.

Hilmar Klute hat eine Ringelnatz-Biografie und zahlreiche Streiflichter für die Süddeutsche Zeitung verfasst. Nun ist sein erster Roman erschienen. Temporeich und dicht geschrieben. Gelungener Einblick in die Gedankenwelt eines jungen Mannes mit all seinen Ambivalenzen und ein Stück Kulturgeschichte der alten BRD. Wirkung des Buches auf mich: Fesselnd, in einem Rutsch durchgelesen.

Klute, Hilmar: Was dann nachher so schön fliegt. Roman. – Galiani, 2018. Euro 22.

Ans Meer. Die heitere Lektüre für zwischendurch und ideales kleines Geschenk für nahezu jeden Lesertyp. Die krebskranke Carla möchte noch einmal ans Meer. Sie steigt in den Linienbus von Anton. Der ist gerade nicht so gut drauf, aber zu einer mutigen Wende in Leben und Fahrtrichtung bereit. Seine Durchsage an die Fahrgäste deshalb: Wir fahren jetzt ans Meer. Warmherzige, federleichte Geschichte über das Schwere im Leben. Von dem österreichischen Autor René Freund hatte ich bereits seinen Roman Liebe unter Fischen als Sommerlektüre vorgestellt. Er schreibt unterhaltsam ohne in Kitsch und Klischees abzugleiten. Aus meiner Sicht: In jeder Lebenslage zu empfehlen. Mir persönlich sind seine Bücher zu kurz. Die Geschichte mit Carla hat lediglich 140 Seiten. (Naja, vielleicht ist sie gerade deshalb so gut.)

Freund, René: Ans Meer. Roman. – Deuticke, 2018. Euro 16.

Freund, René: Liebe unter Fischen. Roman. – Goldmann TB, 2015. Euro 8,99

Junger Mann. Bücher zu lesen ist zwar vorteilhaft für Hirn und Gemüt, verbraucht allerdings nur rund 100 Kalorien pro Lesestunde. Nicht klären konnte ich, ob das für Arno Schmidt und James Joyces gleichermaßen gilt wie für Dora Heldt oder Dan Brown. Der 13-jährige Held in Wolf Haas neuem Roman jedenfalls muss körperlich deutlich mehr tun um seinen adipösen Neigungen entgegenzuwirken. Er ist schwer verliebt und möchte entsprechend fesch daher kommen. Leider ist die Angebetete fast zehn Jahre älter und verheiratet. Mit dem Tscho. Und der hat ganz besondere Pläne mit dem jungen Mann. Coming-of-Age-Geschichte, Roadmovie, ein sehr spezielles Dreiecksverhältnis, Kalorienzählerei, überraschende Wendungen. Ein wunderbarer Roman, voller (auf den zweiten Blick!) ausgesprochen liebevoller Protagonisten. Kein Brenner-Haas, aber einmal mehr ein Buch in ganz eigener Haas-Sprache, die zu den Figuren passt wie dafür ausgedacht. Mein Eindruck: Hin und weg.

Haas, Wolf: Junger Mann. Roman. – Hoffmann und Campe, 2018. Euro 22.

Alle, außer mir. Ein Titel mit Komma, der etwas mehr Leseerfahrung und Durchhaltebereitschaft erfordert, als die bisher vorgestellten. Für mich eines der Bücher des Jahres. Als die Lehrerin Ilaria mit dem jungen Afrikaner Attilio Profeti konfrontiert wird, der behauptet ihr Bruder zu sein, entfaltet sich eine über drei Generationen erzählte Familiengeschichte und ein tiefgreifender Ausflug in die italienische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen neben den familiären Verwicklungen und Geheimnissen des Profeti-Clans die verdrängten Kapitel der unseligen Kolonialgeschichte des bis heute innerlich zerrissenen Italien. Fast 600 Seiten, die es Leser und Leserin nicht immer leicht machen, die dafür jeden der sich darauf einlässt in ihren Bann schlagen.

Große Literatur der in Rom geborenen Autorin Francesca Melandri und wie Kritiker fast übereinstimmend konstatieren bereits ihr drittes Meisterwerk. Ihren zweiten Roman Über Meershöhe hatte ich ebenfalls in meinen Sommerlektüren kurz vorgestellt. Er eignet sich, ebenso wie das jetzt wieder neu aufgelegte erste Buch Eva schläft, bestens für ein erstes Kennenlernen der Schriftstellerin Francesca Melandri. Wer danach zu Alle, außer mir greift, wird mit einem außergewöhnlichen Leseerlebnis belohnt. Mein Eindruck: Nachhaltig. Überrascht, was die italienische Literatur der Gegenwart zu bieten hat.

Melandri, Francesca: Alle, außer mir. Roman. Aus dem Italienischen von Esther Hansen. – Wagenbach (wo sonst?), 2018. Euro 26.

Melandri, Francesca: Über Meereshöhe. Roman. Derzeit vergriffen, erscheint 2019 bei Wagenbach neu.

Melandri, Francesca:  Eva schläft. Roman. Neuauflage 2018 bei Wagenbach. Euro 15,90.

Keyserlings Geheimnis. Nach Konzert ohne Dichter ein weiterer Künstlerroman des fleißigen Klaus Modick. Bücher von Klaus Modick kann man eigentlich immer bedenkenlos kaufen, und natürlich lesen. Ich kenne keinen richtigen Missgriff von ihm. Der gute Eduard Keyserling (1855 – 1918) ist schon längst aus der ersten Reihe der Literaturgeschichte verschwunden. Einige seiner kurzen Romane und Erzählungen sind noch greifbar (Wellen, Fürstinnen). Dass er eine schillernde Figur war, ein bewegtes Leben führte und in einer Zeit lebte, in der nicht jeder Fehltritt und jedes Missgeschick der Boulevardpresse anheim fiel, bietet Modick soliden Stoff für seinen Roman. Und die Fantasie anregende Gelegenheit um auf der Basis gesicherter Fakten sein Netz aus hinzu erdachten Möglichkeiten zu knüpfen. Für mich: Literaturgeschichte in unterhaltsamer Form aufbereitet – immer willkommen.

Modick, Klaus: Keyserlings Geheimnis. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2018. Euro 20.

Über Verluste. Im September durfte ich ein neues Fremdwort lernen. Ambiguität bezeichnet alle Phänomene der Mehrdeutigkeit, der Unentscheidbarkeit und Vagheit, mit denen Menschen fortwährend konfrontiert werden. So definiert Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaft und Arabistik, Sprachwissenschaftler und Germanist, einen Schlüsselbegriff seines Büchleins Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Klingt vielleicht im ersten Moment etwas akademisch und hochtrabend, ist aber in der Tat gut lesbar und verständlich. Und eine überfällige und notwendige Lektüre.

Bauer führt uns die schleichende Reduzierung von Vielfalt und das Verschwinden des Unangepassten, Unzeitgemäßen vor Augen. An die Stelle von Artenvielfalt, konkurrierender Denkschulen, origineller Sichtweisen und Lebensentwürfen sind Schubladendenken und simpler Fundamentalismus getreten. Häufig verschleiert durch den inflationär verwendeten Begriff Authentizität. Konformismus und Gleichschaltung erzeugen, so die Überzeugung Bauers, letztlich Rassismus und Fanatismus. Bedrohliche Gleichmacherei macht er aus bis in die Kreativbezirke von Kunst, Musik, Mode.

Ganz konkrete Verluste hat Judith Schalansky in einem hinreißenden Erzählband verzeichnet. In meinem Beitrag über die Buch Wien 18 habe ich das Werk bereits vorgestellt. Es kann vielleicht als erzählerische Konkretisierung zu Thomas Bauers allgemeiner Abhandlung herangezogen werden. Lesefreude und haptischen Buchgenuss bietet es allemal.

Bauer, Thomas: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. – Reclam, 2018. Euro 6.

Schalansky, Judith: Verzeichnis einiger Verluste. – Suhrkamp, 2018. Euro 24.

Das Ende des Jahres ist nah. Und ich bin spät dran mit meinem literarischen Rückblick. Deshalb gibt es einen zweiten Teil schon in einigen Tagen. Dann mit Krimis.

Das Lied Weihnachtszeit in den Straßen von Felix Meyer (auf dem gleichnamigen Album von 2016) ist übrigens die deutsche Version eines französisches Chansons, das im Original einst keine geringere als Edith Piaf sang: Le noel de la Rue.

Mich Thomas Bauers Bedenken anschließend, wünsche ich mir und uns Vielfalt. Dass zum Beispiel wieder mehr populäre Musik in nichtenglischer Sprache gesungen, abgespielt und gesendet würde. Mehr Französisch, Spanisch, Italienisch, Schwedisch, Polnisch, Serbisch, Deutsch und und und. Ein frommer Wunsch – ich weiß.

Wien hat Buch

Kleiner Rückblick auf eine österreichische Buchmesse.

November in Wien. Griesgrämiges Grau und Dämmernebel. Witwen und Waisen auf dem Weg zum Zentralfriedhof. In Kaffeehäusern setzen fahle Gestalten Testamente auf. Nur noch Tristesse und Herbstblues?

Weit gefehlt. In Halle D der Messe Wien geht es bunt und heiter zu. Licht und Spots. Lachen und Scherzen. Büchermenschen und Bücherberge. Hier wird gelesen und vorgelesen. Gestritten und gescherzt. Gefragt und bereitwillig Auskunft gegeben.

Fünf Tage ist BUCH WIEN 18. Und das mitten im November. Die Wiener haben Eigensinn. BUCH WIEN, die kleinwüchsige Nichte der gigantomanischen Verwandten in Frankfurt und Leipzig. Wachstumsgeil sind alle drei. Auch Wien registriert das jährliche Steigen der Besucherzahlen und der Ausstellungsstände mit offensivem Stolz. Hier hat vor einigen Jahren etwas begonnen dessen Potential bisher nur ansatzweise ausgeschöpft scheint.

Noch ziehen nicht alle an einem Strang. Die Medienresonanz ist eher mau, die Wiener Bevölkerung wartet wohl bereits auf die Eröffnung der Weihnachtsmärkte, derweil kommt der Wiener Schülerschaft die Aufgabe zu für Frequenz und Bewegung in den Hallengängen zu sorgen. Eine gewisse Zurückhaltung der Fachwelt erschwert vorerst das Durchstarten. Dabei muss die an mancher Stelle geringe Quantität kein Unglück sein. Es bleiben genügend dichte und vielfältige Eindrücke. Reichlich Neuerscheinungen sind zu entdecken. Und es bieten sich allerorten Gelegenheiten für ebenso interessante wie hautnahe Begegnungen mit Schriftstellern und Schriftstellerinnen, mit Darstellern und Medienleuten. Hier sind all jene Zeitgenossen richtig in deren Leben das Buch einen zentralen Platz einnimmt.

Als bloggender Bibliothekar komme ich an Marjana Gaponenko nicht vorbei. In ihrem neuen Roman Der Dorfgescheite hat sie einen skurrilen Berufsgenossen zur Hauptfigur gemacht. Der, dem Don Juan Da Pontes und Mozarts ähnlich, katalogisiert mal eben seine zahlreichen erotischen Erlebnisse bevor er sich in ein abgelegenes Kloster zurückzieht. Dort soll sich der einst heiß begehrte Einäugige einer zeitgemäßen Revision der Klosterbibliothek widmen. Seinen Ambitionen stehen jedoch allerhand nicht nur klerikale Widrigkeiten und Geheimnisse entgegen.

Eine Geschichte voller Witz und Fantasie. Im Messegespräch mit einem ORF-Journalisten besticht Gaponenko mit schlagfertiger Ironie und einem Selbstbewußtsein das ihren Gesprächspartner zeitweise zu überfordern scheint. Mir geht es gut. Ich stehe gerne im Mittelpunkt. Leselust weckende Buchvorstellung und beste Unterhaltung fürs Publikum.

Eine Buchmesse mit überschaubarer Ausstellerzahl, kompakt in einer Halle platziert. Die eigene Republik ist natürlich am besten vertreten. Doch keineswegs vollständig. Weiße Flecken hat die Verlagslandschaft durchaus. Etliche kleinere Verlage fehlen, einen Messeauftritt muss man sich personell und finanziell leisten können. Deutschland ist nur punktuell mit einigen Schwergewichten und sparsamer Präsentation angetreten. Die Skandinavier Dänemark, Schweden und Norwegen haben sich zu einem sehr schönen Gemeinschaftsstand zusammengetan. Desgleichen einige Schweizer Häuser, mit eindeutiger Dominanz des Leser-Lieblings Diogenes.

Länger, ausführlicher als in Frankfurt und Leipzig, stehen Autoren, Schauspieler, Medienstars und Kochkünstler auf den Podien und Bühnen Rede und Antwort. Es entwickeln sich gute Gespräche und notwendige Kontroversen auf den Messeforen von ORF, 3SAT, Standard und Co. Man erfährt mehr als nur den Titel des neuesten Buches. Je nach Temperament und Bereitschaft lässt sich der eine oder die andere – sei es versehentlich oder gar mit Vergnügen – verleiten kleine Einblicke in das Leben jenseits der Öffentlichkeit, in die Arbeitsweise, in persönliche Einstellungen und Ziele zu gewähren.

Skandinavien auf der BUCH WIEN. Foto: Wiebke Haag

Gleich zweimal hatte ich Gelegenheit Judith Schalansky zuhören zu dürfen. Die Ausführungen der aus Greifswald stammenden Autorin und Buchgestalterin sind klug und differenziert. Ihre Buchpräsentation, die Fragerunden und Gespräche mit ihr auf der großen ORF-Bühne und im intimen Rahmen des Literaturhauses, gehören für mich zu den interessantesten und anregendsten Momenten in diesen BUCH WIEN-Tagen.

Verzeichnis einiger Verluste heißt Schalanskys neues Buch. Was haben wir und die Welt nicht alles verloren oder aufgegeben? Die Autorin beschränkt sich auf zwölf prägnante Beispiele. Eine ausgestorbene Tigerart und untergegangene Inseln, die Lieder der Sappho und der Palast der Republik, Dinge und Gerüche der eigenen Kindheit, Erinnerungen mit autobiographischen Anklängen gehören dazu.

Jedem Verlust wird seine eigene Erzählung gewidmet. Der Schreibstil passt sich dabei einer alternden Greta Garbo ebenso an wie der Trostlosigkeit des DDR-Alltags. Schalanskys Erzählungskunst ragt deutlich aus der omnipräsenten Massenware heraus. Das wird lange bleiben, sehr zurecht wurde ihr der hochdotierte Wilhelm-Raabe-Preis zuerkannt.

Spannend für mich die Reaktion des Wiener Publikums auf Persönlichkeiten, die vor Ort bekannter und beliebter sind als jenseits der Landesgrenzen. Da gab es die eine oder andere Überraschung. Dass eine Veranstaltung mit dem Titel Faszination antiquarisches Buch die Massen anzieht und in ihren Bann schlägt, kam für mich unerwartet. Natürlich hatte ich keine Ahnung, dass Michael Niavarani einer der beliebtesten Kabarettisten und Schauspieler im Lande ist. Jetzt weiß ich, dass er in der Lage ist im launisch-pointierten Plauderton über seine seltenen in Leder gebundenen Reisebeschreibungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert (Alleinbesitz! Nicht einmal in der Nationalbibliothek vorhanden!) zu sprechen und damit eine großes Auditorium bestens zu unterhalten. Der erfahrene Antiquar Michael Steinbach konnte da nur noch fachlich-sachliche Stichworte liefern.

Einen ähnlichen Auflauf verursachte das Gesamtkunstwerk Arik Brauer. Inzwischen 89 Jahre alt, stets im schwarzen Anzug und mit Hut. Klein, schmächtig und immer noch voller Schwung und Energie. Mit nie versiegender künstlerischer Beweglichkeit ist er sein Leben lang unterwegs zwischen Malerei, Bühne, Dichtung und Gesang. Er hat das Alte Testament nacherzählt. Korrigierend, hinterfragend, aus der Sicht eines jüdischen Agnostikers. Für ihn jenseits aller religiösen Bedeutung ein absoluter Höhepunkt menschlicher Dichtkunst – übrigens auch und ausdrücklich in der Lutherübertragung in die damit bis heute geprägte deutsche Sprache.

Brauer erinnert an die Bedeutung für die darstellende Kunst. Die ganze Kunstgeschichte, wie wir sie heute kennen, ist ja ohne das AT nicht denkbar. Und wie ist er auf dieses Thema gekommen? Gewissermaßen durch die Hintertür. Eine seiner acht Enkelinnen hat ihn in ein Gespräch über Sinn und Herkunft verwickelt. Du Arik, was war vor dem Urknall? Wie ist die Welt entstanden? Da hat Opa Brauer ein Buch geschrieben.

Hinter meiner, vorder meiner, links, rechts güts nix / Ober meiner, unter meiner siach i nix / Spür nix, hear nix und i riach nix. / Denk i nix und red i nix und tu i nix / Waun da Wind wahd in de Gossn / Waun da Wind wahd am Land / Waun da wind wahd, do steckt da / Sein Köpferl in Sand.

Jahrzehnte alt, klingen die Zeilen als wären sie für hier und jetzt gedacht. Es ist der Refrain des Brauer-Liedes Köpferl im Sand, das der Sänger einst mit diesen Worten ankündigte: Das ist ein beinhartes Protestlied. Allerdings richtet sich die Kritik nicht gegen eine bestimmte Gruppe, sondern gegen Jederman der sich betroffen fühlt – auch gegen mich selbst. In neuem Gewand gibt es die originellen Chansons des Wiener Originals im Januar im Rabenhof-Theater zu erleben. Neu arrangiert und interpretiert von Brauers Tochter Ruth mit Band.

Apropos Theater. In Wien ist immer Theater. In den großen, wie Burg- oder Volkstheater, und in den vielen kleineren wie dem Rabenhof. Und ab und an als persönliches Drama oder private Komödie in irgend einem Beisl oder Kaffeehaus. Theater durfte folglich auf der BUCH WIEN 18 nicht fehlen. Zum Beispiel in Form einer illustren Talkrunde – allemal bunter und vielfältiger als die verwandten Fernsehformate – in der neben anderen die bekannte Darstellerin Ursula Strauß, der ehemalige Volkstheater-Intendant Michael Schottenberg und eine vorlaute Emmy Werner, einst Leiterin einer Schauspielschule, saßen. Hoch ging’s her. Ums Theaterspielen, Beziehungen und Affären, um den Mist im Fernsehen, um früher und heute, um MeToo. Mit gelegentlichem Zoff und viel Schmäh.

Die BUCH WIEN 18. Mit dem gemütlichen Reinhardt Badegruber, der liefert was noch gefehlt hat: Wiener Intrigen, Skandale und Geheimnisse. Wie diesem, eher harmlosen Beispiel: Noch im Jahre 2016 stand in der Kredenz (des Café Griensteidl, J. H.) eine Gesamtausgabe von Meyers Konversations-Lexikon aus dem 19. Jahrhundert. An den Tisch serviert werden zu diesem Zeitpunkt die schweren Kompendien allerdings nicht mehr. Der Grund: Ein paar Jahre zuvor hatte ein Gast beim Würstelessen Senf auf die Seiten gekleckert.

Im November 2018 ist inzwischen aus dem traditions- und skandalreichen Griensteidl, einst Stammlokal von Schnitzler, Altenberg und Karl Kraus, das Café Klimt geworden. Eine konsequente Neustrukturierung. Gibt es doch gleich nebenan den Klimt-Shop in dem Klimt-Malerei auf Tassen, Tüchern und vielfältigem Klimbim von den Wienbesuchern aus aller Welt erworben werden kann.

Die BUCH WIEN 18. Mit dem Geschmack Europas auf der DM-Kochbühne, der Krimi-Autorin Eva Rossmann, die auch gern vom Essen schreibt und vom Wein, dem Verlag Badewannen-Buch und seinen Büchern für die Wanne, Titeln wie Buddhas baden besser, mit Hokuspokus am Zeichentisch, mit einer Kinderbühne und reichlich Malaktionen für die erhofften Leser von morgen. Mit Frédéric Beigbeder und Richard Powers, der welken Schönheit und späten Grazie einer Erika Pluhar und einer Waltraut Haas, mit Albanien und Kroatien, aber seltsamerweise ganz ohne Georgien (oder habe ich was übersehen?).

Das alles war die BUCH WIEN 18. Vom 7. bis zum 11. November in der Messehalle D der Messe Wien und da und dort in der Stadt. Nicht ganz schlecht und als BUCH WIEN 19 im nächsten Jahr gerne wieder.

 

Intermezzo. Ein Gedicht von Hugo Ball

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Intermezzo

Ich bin der große Gaukler Vauvert.
In hundert Flammen lauf ich einher.
Ich knie vor den Altären aus Sand,
Violette Sterne trägt mein Gewand.
Aus meinem Mund geht die Zeit hervor,
Die Menschen umfaß ich mit Auge und Ohr.

Ich bin aus dem Abgrund der falsche Prophet,
der hinter den Rädern der Sonne steht.
Aus dem Meere, beschworen von dunkler Trompete,
Flieg ich im Dunste der Lügengebete.
Das Tympanum schlag ich mit großem Schall.
Ich hüte die Leichen im Wasserfall.

Ich bin der Geheimnisse lächelnder Ketzer,
Ein Buchstabenkönig und Alleszerschwätzer.
Hysteria clemens hab ich besungen
In jeder Gestalt ihrer Ausschweifungen.
Ein Spötter, ein Dichter, ein Literat
Streu ich der Worte verfängliche Saat.

O O O

Der Dichter und Publizist Hugo Ball wurde am 22. Februar 1886 in Pirmasens geboren. Nach Abitur und Studium wandte er sich zunächst der Theaterarbeit zu. Er gehörte zu den zentralen Figuren der Dadaismus-Bewegung und den Erfindern des Lautgedichts. Bereits 1915 verließ er Deutschland und lebte in Italien und der Schweiz, seit seiner Heirat mit Emmy Hennings im Jahr 1920 im Tessin. Das Paar gehörte zu den engeren Freunden Hermann Hesses. Hugo Ball schrieb die erste Hesse-Biografie, die er kurz vor seinem frühen Tod im September 1927 vollenden und dem Freund zum 50. Geburtstag widmen konnte.

 

Signor Hesse, il poeta

Hermann Hesse in Montagnola und Lugano. Ein Reisebericht von Gastautor Bernd Michael Köhler

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Montagnola, September 2018. Keine 15 Minuten Busfahrt sind es von Lugano bis in die hoch über dem Luganer See gelegene, heute weltbekannte Ortschaft. Von Unterm Rad bis Zen – Hermann Hesse und Japan heißt die noch bis zum 13.01.2019 laufende Ausstellung im Hermann-Hesse-Museum.

Freundlich und zuvorkommend ist der Empfang durch die Dame an der Rezeption, die uns einen Quereinstieg in die Ausstellung ermöglicht, um in den schmalen Räumlichkeiten der großen Reisegesellschaft zu entgehen, die schon auf dem Weg zum Museum ist.

In einer kleinen Privatführung zeigt sie uns zum Abschluss des Ausstellungsbesuches von außen die Räume in der Casa Camuzzi in der Nähe des Museumseingangs, in denen Hesse von 1919 bis 1931 wohnte. Die weitläufige Terrasse zwischen zwei Türmchen ist von unten gut zu erahnen. Es fällt mir nicht schwer, mir den Dichter vorzustellen, wie er von seiner Terrasse aus weit in die Tessiner Landschaft hineinschaut, sinnierend über Gott und die Welt und den Klingsor. In Hesses Erzählung über dessen letzten Sommer ist der Casa Camuzzi ein literarisches Denkmal gesetzt worden.  

Ist auch alles Trug und Wahn / Und die Wahrheit stets unnennbar,/ Dennoch blickt der Berg mich an / Zackig und genau erkennbar. Dichtet Hermann Hesse im Februar 1961. Die aquarellierte Handschrift des Dichters und Malers unter dem Titel ZEN, einer leicht abgewandelten Version des Gedichtes Junger Novize im Zen-Kloster II, gehört für mich zu den besonders wertvollen Einzelstücken der von Dr. Eva Zimmermann kenntnisreich kuratierten Ausstellung.

Beim zweiten Durchgang allein und mit viel Zeit – die Reisegruppe hat inzwischen das in Sichtweite liegende Literaturcafé Boccadoro (= Goldmund) gestürmt – nehme ich weitere Exponate als leuchtende Kleinode wahr, die ich als den Alltag überdauernde Bilder mitnehme: Den Original-Fotoband mit Buddha-Abbildungen, den Kei Wagasuki Hermann Hesse schenkte, und der diesen im Dezember 1958 zu dem Gedicht Uralte Buddha-Figur in einer japanischen Waldschlucht verwitternd (Kei Wagasuki gewidmet), inspirierte. Eine Gesichtsmaske Hesses, die Goro Shituda, der in seinem Wohnort Hiroshima einen Teil seines Hauses als Hermann-Hesse-Literaturhaus eingerichtet hatte, dem Dichter schenkte. Ein Foto von Hermann Hesse und Wilhelm Gundert, dem japanischen Vetter, aus dem Jahre 1956. Ein Buch des Schriftstellers Ozaki Kihachi von 1933, in dem er ein Kapitel Hermann Hesse von ganzem Herzen widmete. Eine Kalligraphie von Hesses Sohn Heiner mit dem Titel Worte des Meng Hsiä. Ein Exemplar des Privatdruckes Zen, der 1961 in St. Gallen vom Tschudy-Verlag gedruckt wurde.

Beeindruckend auch die Übersetzung eines Kapitels von Knulp ins Japanische bereits im Jahre 1909 und die 18-bändige japanische Gesamtausgabe vom Ende der 1930er Jahre. Interessanterweise ist es gerade die 222-seitige und um Fotografien von Martin Hesse erweiterte 1995 erschienene japanische Übersetzung des Sammelbandes Mit der Reife wird man immer jünger – Betrachtungen und Gedichte über das Alter, die zu einem der meistgelesenen Bücher in Japan wurde. Einen Zusammenhang mit der Überalterung Japans herzustellen ist naheliegend.

Heute hat Japan neben den USA die höchsten Verkaufszahlen fremdsprachiger Hesse-Werke vorzuweisen. Neu für mich war in der Ausstellung, dass Motive Hermann Hesses sogar in die Literaturgattung der Mangas eingegangen sind. So hat die in Deutschland beim Carlsen Verlag erscheinende Manga-Reihe Das Demian-Syndrom der japanischen Comic-Zeichnerin Mamiya Oki sogar einen Eintrag in der Wikipedia erhalten.

Montagnola, Sommer 1919. In einem Brief an seine Schwester Adele schildert Hermann Hesse seinen Umzug von Bern nach Montagnola und berichtet u.a., dass seine 23 Bücherkisten in drei Wägen mit acht Gäulen in das Bergdorf transportiert wurden.

Mitte April 1919 hatte sich der Dichter aufgemacht, auf der Alpensüdseite ein neues Leben zu beginnen. Die Tragödie des Ersten Weltkriegs, sein kräftezehrender Einsatz für die Kriegsgefangenen-Fürsorge, die Diffamierung Hesses als vaterlandsloser Gesell und Drückeberger, das dramatische Scheitern seiner Ehe und das Auseinanderfallen der Familie hatten ihn in eine existentielle Krise gestürzt.

Seine erste Station im Tessin war das Hotel Continental in Lugano, das noch heute unter dem Namen Continental Parkhotel zahlreiche Gäste aus aller Welt beherbergt. Zwei Wochen verbrachte er dort. Uns bescherte ein überraschendes Upgrade ein Zimmer in der dritten Etage des Haupthauses – drei Türen weiter auf der anderen Gangseite in Sichtweite die Nr. 51, das Zimmer, in dem Hermann Hesse ganz am Beginn seines Tessiner Lebens untergekommen war.

Nach seinem Aufenthalt im Luganer Hotel wohnte Hesse noch kurze Zeit in Sorengo, bevor er Mitte Mai in Montagnola vier kleine Räume in der Casa Camuzzi, einem Palazzo im Barockstil, bezog. Unmittelbar nach dem Einzug beginnt er mit der Arbeit an der Novelle Klein und Wagner, in der er den Zusammenbruch seiner bürgerlichen Existenz mit der Trennung von der Familie literarisch radikal gestaltet.

Spielerisch und zugleich todernst schafft der Dichter eine Versuchsanordnung von Bewusstem und Unbewusstem. Lässt im eigenen, wahrsten, innersten Ich, befreit von allen Lügen, Entschuldigungen und Komödien, Liebe und Hass, Schuld und Sühne, Schöpferkraft und Zerstörung, Lebenstrieb und Todessehnsucht freien Lauf. Schön und holdselig ist diese Dichtung nicht, mehr wie Cyankali (O-Ton Hesse). Im Juli ist das Werk getan, die Hauptfigur Friedrich Klein samt seinem Doppel-Schatten Wagner im Luganer See zu Tode gekommen, das Familiendrama vorerst Vergangenheit, Platz geschaffen für eine neue literarische Figur, den Maler Klingsor.

Er kam vor ein Hotel, dessen Garten ihm gefiel… und las: Hotel Kontinental. So beginnt Hesse das zweite Kapitel in Klein und Wagner. Auch den Hotelgästen im September 2018 gefällt der Garten, der eigentlich ein ausgewachsener Park ist. Palmen, Olivenbäume, Zedern, Rhododendren, Magnolien – man findet sie alle wieder in Hesses Texten aus jenem rauschhaften Sommer 1919, der Klingsors letzter und des Dichters erster Tessiner Sommer werden sollte.

Im ausklingenden Sommer 2018 sitze ich im Park an einem steinernen Tisch und lese Klingsors letzter Sommer, Hesse schrieb die Erzählung im Juli und August. Wenngleich es nicht Klingsors Garten ist, in dem ich mich in Glück und Unglück des Malers vertiefe, so ist es doch des Dichters Hermann Garten, der mit Klingsor und weiteren illustren Begleitern in der sonnendurchglühten Tessiner Landschaft unterwegs ist und der einst im Frühjahr des Jahres 1919 im Hotel Kontinental abstieg. Einmal mehr ist die Lektüre des Klingsor ein intensives Leseerlebnis. Ein Buch wie ein Gemälde ohne Maß und Ziel, wie eine rasende Fahrt durch alles Gegenwärtige, durch lodernde Seelenlandschaften. Ein endloser Strom der Gestaltungen, ein Mensch am Limit und darüber hinaus.

Lugano, 1920erJahre. Zweimal hat Hermann Hesse in Lugano aus seinen Werken gelesen. Im August 1922 war die noch heute tätige Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit mit ihrem zweiwöchigen Internationalen Sommerkurs am Luganer See zu Gast.

Hesse wurde gebeten, einen Vortrag zu halten, was er ablehnte. Stattdessen las er – ein erlesener Genuß – am Montag, dem 21. August nachmittags im damaligen Hotel Meister die zwei letzten Kapitel aus der zu diesem Zeitpunkt noch unveröffentlichten indischen Dichtung Siddhartha und den Prosatext Bäume aus dem bebilderten Skizzenbuch Wanderung, laut Hesse nichts als ein Lobgesang auf die Tessiner Landschaft.

Vorträge wurden auf dem Sommerkurs unter anderem von Bertrand Russell, Harry Graf Kessler, Vilma Glücklich und dem indischen Professor Kalidas Nag gehalten, der hingerissen der Übersetzung des Siddhartha lauschte und Hesse am Tag nach der Lesung in Montagnola besuchte. Eine besondere Freude war für die Teilnehmerinnen die Anwesenheit des Schriftstellers, Pazifisten und Hesse-Freundes Romain Rolland, der in der zweiten Woche einige Tage an der Sommerschule teilnahm.

Am 25. Januar 1923 veranstaltete die Literarische Gesellschaft Lugano im heute nicht mehr existierenden Grand & Palace Hotel eine Lesung mit Hermann Hesse, der für die Örtlichkeit seines literarischen Vortrags die Bezeichnung Palace-Schieberhotel vorzog. Wieder las er Passagen aus Siddhartha, dazu aus dem damals noch unveröffentlichten Märchen Piktors Verwandlungen und zur Freude der Tessiner Besucher aus dem Klingsor.

Im Frühjahr 1927 – Hesse lebt nun seit acht Jahren in seiner Tessiner Wahlheimat – verkündet der Dichter in Rückkehr aufs Land: Die Ankunft in Lugano war allerdings nicht entzückend. In dem kleinen Lugano sind ein Viertel der Einwohner von Berlin, ein Drittel von Zürich, ein Fünftel von Frankfurt und Stuttgart anzutreffen, auf den Quadratmeter kommen etwa zehn Menschen, täglich werden viele erdrückt … Jahr um Jahr vermehren sich die Autos, werden die Hotels voller …

Hellsichtig, wie Hermann Hesse war, hat er den Massentourismus auch unserer Tage bereits vor mehr als 90 Jahren nicht nur vorausgesehen, sondern mit analytischer Schärfe satirisch und bitterböse auf den Punkt gebracht.

Das Geld, die Industrie, die Technik, der moderne Geist haben sich längst auch dieser vor kurzem noch zauberhaften Landschaft bemächtigt, und wir alten Freunde, Kenner und Entdecker dieser Landschaft gehören mit zu den unbequemen altmodischen Dingen, welche an die Wand gedrückt und ausgerottet werden. Der Letzte von uns wird sich am letzten alten Kastanienbaum des Tessins, am Tag eh der Baum im Auftrag eines Bauspekulanten gefällt wird, aufhängen.

Am 9. August 1962 stirbt Hermann Hesse 85-jährig in Montagnola. In der Casa Rossa, die er 1931 mit seiner zukünftigen Frau Ninon bezogen hatte. Im Klingsor ist zu lesen: … morgen begann schon der August, der brennende Fiebermonat, der so viel Todesfurcht und Bangnis in seine glühenden Becher mischt. Die Sense war geschärft, die Tage neigten sich, der Tod lachte versteckt im bräunenden Laub.

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Hesse, Hermann: Klein und Wagner. Erzählung (Suhrkamp Taschenbuch, 116)

Hesse, Hermann: Klingsors letzter Sommer. Erzählung (Suhrkamp Taschenbuch, 1195)

 

Hermann Hesse und Ulm

Was führte Hermann Hesse an einem Abend im April 1904 in das Gasthaus Schwarze Henne hinter dem Gänsturm? Was faszinierte den Dichter am Ulmer Münster? Und wer war eigentlich Eugen Link?

Zweimal war der Schriftsteller Hermann Hesse zu Lesungen aus seinen Werken in Ulm. Den Aufenthalt im November 1925 hat er in seiner autobiographischen Erzählung “Die Nürnberger Reise” in Literatur verwandelt.

Dass sich Hesse darüber hinaus sehr oft in Ulm aufgehalten hat und ein Leben lang gute Beziehungen zu Freunden und Bekannten in der Stadt pflegte, schildert jetzt ein Buch mit dem Titel “Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt.” Es erscheint Anfang Oktober im Verlag Klemm + Oelschläger. Anhand bekannter und bisher unbekannter Quellen zeigen Jan Haag und Bernd Michael Köhler Aspekte aus dem Leben des Schwaben Hermann Hesse, die in den bisherigen Lebensbeschreibungen nicht berücksichtigt wurden.

Am Dienstag, 2. Oktober, stellen die Autoren ihr Buch in der Museumsgesellschaft Ulm (Neue Straße 85, Eingang Kramgasse) vor. Die Veranstaltung beginnt um 19:30 Uhr, der Eintritt ist frei.

„Aber das Leben ist anderswo“

Über Silke Knäppers neuen Roman Das Lieben der Anderen

Er dachte an die Nacht mit Claire, an den Streit, an den Schrei. Wieder und wieder sah er Claire vor sich auf dem Pflaster liegen, ihren leblosen Körper, ihren starren Blick. 

Claire ist tot. Vom Balkon des Kölner Gründerzeithauses gestürzt. Helen vor die Füße gefallen. Selbstmord? Zweifel bleiben. Kurz gerät Claires Mann Simon, der Psychodoc, in Verdacht, dann legt die Kriminalpolizei den Fall als Suizid zu den Akten. 

Das Leben von Helen ändert sich drastisch. Die alleinstehende Graue Maus hat den Schlüsselbund der Toten an sich genommen und beginnt sich die unerwarteten Chancen und Möglichkeiten auszumalen. Dieser simple Hausschlüssel soll für sie der Schlüssel zu Simon werden, dem sie sich nun auf zunächst verdeckte, schon bald jedoch offensive und nachdrückliche Weise nähert.

Die besitzergreifende Helen ist gewillt aus ihrer farblosen Existenz auszubrechen und mit dem attraktiven und erfolgreichen Facharzt ein neues, besseres Leben zu beginnen. Eine Zukunft die für sie Anerkennung, Wertschätzung und Liebe bereithalten soll. Denn dass das Leben immer dort ist, wo sie nicht ist dieses Gefühl zieht sich durch ihr ganzes bisheriges Leben. 

Seit der Kindheit ist sie Erniedrigungen ausgesetzt. Der Vater hat sie einst im Winter auf brüchigem Eis hilflos zurückgelassen. Der chronisch Untreue bevorzugt den Bruder. Ehefrau und Tochter verlässt er eines Tages. Selbst als Vater und Sohn beim gemeinsamen Bergsteigen ums Leben kommen deutet Helen dies als Beweis ihrer Minderwertigkeit. 

Sie wird Simons Patientin und konfrontiert ihn mit ihren Zweifeln an Claires Selbstmord. Geschickt erhöht sie den Druck, spielt Simons Geliebte Anna gegen ihn aus, gefährdet seine berufliche Reputation und seine bürgerliche Existenz. Aus Annäherung wird Aufdringlichkeit, aus Nachstellungen Verfolgung, aus Sehnsucht nach Anerkennung und Zuneigung schließlich Hassliebe und subtile Wut. Die Zurückweisungen setzen neue destruktive Kräfte frei. Der Wille zur Verletzung richtet sich gegen das Objekt der Begierde und immer stärker gegen sie selbst.

Simon ist Psychoanalytiker mit eigener Praxis in Köln. Ein Leben in gediegenem Wohlstand mit Ehefrau und Geliebter. Er stammt aus Wien, ist dort aufgewachsen, hat dort studiert. Besondere Umstände führen zum Umzug ins Rheinland, wo sich Milieu und Lebensweisen deutlich von der geruhsam-morbiden Donaumonopole. unterscheiden. Die Lebensmitte hat der immer noch ansehnliche Mann überschritten. Da schmückt eine junge Geliebte und hebt das Ego.

Anna war jung und überschwänglich, und wenn sie lachte, veränderte sich die Landschaft ihrer unzähligen Sommersprossen. Anna war im sofort vorgekommen wie die fröhlichere Variante der mit den Jahren immer ernster gewordenen Claire.

Nach ihren beiden autobiographisch angehauchten Romanen Im November blüht kein Raps und Hofkind, schlägt die Neu-Ulmer Autorin und Gymnasiallehrerin Silke Knäpper nun andere Töne an. Das drastische Geschehen wird mit gekonnt treffender Sprache, präzisen Beschreibungen und zügig fließendem Rhythmus voran getrieben. Dabei vermeidet sie, dass aus Das Lieben der Anderen ein simpler Psycho-Thriller wird. Ihr ist vielmehr eine dichte vielschichtige Studie menschlicher Grenzfälle und Konfrontationen gelungen. Spannung ist dennoch garantiert. 

Mit jeder Seite zunehmend. Konsequent treibt Knäpper ihre von innen und außen scharf konturierten Personen einer möglichen Katastrophe entgegen. Ob es tatsächlich dazu kommt erfährt der von Anfang an gefesselte Leser auf 235 mitreißenden Seiten. Keine einzige zuviel  

Knäpper, Silke: Das Lieben der Anderen. Roman. Klöpfer & Meyer, 2018

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Am Freitag den 5. Oktober stellt Silke Knäpper ihren neuen Roman erstmals öffentlich vor. Um 19:30 Uhr im Ulmer Künstlerhaus (Grüner Hof 5, 89073 Ulm).  

Vorfreude 2018

Schluss. Aus. Einmal muss er ein Ende haben. Dieser Sommer aller Sommer. Schluss mit Dürre und Bauernelend. Mit Fischsterben und Freikörperkultur. Kopfsprüngen und Sonnenmilchdüften. Der Jahrhundertsommer des Jahres 2018 ist Vergangenheit. Hugo und Sprizz im Freien perdu. Erste Eisdielen lassen die Jalousien herunter. 

Noch bevor Wehmut aufkeimt macht sich Vorfreude breit. Vorfreude auf feucht-kalten Nebel. Auf frühe Dunkelheit und schlüpfrige Blätterteppiche. Nieselregen. Radfahrende Kohorten verschwinden endlich von den mehrspurigen Stadtdurchfahrten. Freie Fahrt für Stickoxid speiende Kolossalvehikel. Stoßstange an Stoßstange im gewohnten Dauerstau. Halogenstrahler ersetzen himmlische Sternenbotschaften und illuminieren erste Schneeflocken.

Da marschiert es ein in die Supermärkte: Das Heer der Schokomänner mit Zipfelmützen und roten Mänteln. Korinten und Krokant. Spekulatius und Haselnuss. Christbaumständer und Lichterketten als Stapelware. Endlich blinkt und schimmert es wieder bunt und penetrant allüberall an Hütten und Palästen, an Bäumen und Zäunen, an Buden und Palisaden.

Zugegeben, bis zum ersten Weihnachtsmarkt ist es noch ein paar Tage hin. Irgendwo müssen schließlich zwischen sich wandelnden Jahreszeiten die zahlreichen Weinfeste untergebracht werden. Je schlechter der Wein, je weiter weg vom Rebenhang, desto fester die Feier. Freiwillige Feuerwehr, Schützengilde oder Gewerbeverein tischen auf, schenken ein. 

Riesling und Burgunder machen jedes Mannsbild lull und lall. Mädels kippen Secco. Die blonde Weinkönigin hat einen in der Krone. Unterm Tisch kotzt Müllers Toni. Drugs, Sex und Heimatklänge. Wir sind alle Amigos und latschen a la playa. Einige kommen direkt aus dem Bett im längst gemähten Kornfeld. Hossa!

Endlich wieder jeden Tag Fußball in Ultra-HD. Schämpjenslig, Bunsliga, Pokal. Elfmeterschießen, Play off und öffer. Vorbei die harten Wochen für Abhängige. Synchron-Speerwurf und Tauziehen haben als Ersatzdroge ausgedient. Und wenn die ballspielende Werbemeute doch einmal Pause macht, betören uns singende und tanzende, ewig junge Maiden und Charmeure mit österreichischem, griechischem oder russischem Migrationshintergrund.

Also alles eitel Vorfreude? Ungetrübt und unverstellt? 

Wäre da nicht dieser zähe Wermutstropfen im ständig vollen Spaßglas. Erleben wir jetzt, 2018, 100 Jahre nach dem Ende der Monarchie, eine republikanische Dämmerung? Im Zwielicht nahender Nacht geifernder Mob in mancher Straße, mancher Stadt. Gewaltbereit. Rassistisch. Über Juden Witze machend. Über Menschenrechte lachend. In lauten Tönen saufend ihrer Dummheit frönend. Denn am Deutschen hinterm Tresen muss nun mal die Welt genesen. (*) In der Masse: dumpfe Volkskörper die ihren rechten Arm nur schwer an der Hosennaht halten können. 

Erleben wir das? Oder träumen wir nur schwer?

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(*) Das Originalzitat stammt aus dem Lied „Sage Nein!“ und lautet: 

Wenn sie jetzt ganz unverhohlen / Wieder Nazi-Lieder johlen, / Über Juden Witze machen, / Über Menschenrechte lachen, / Wenn sie dann in lauten Tönen / Saufend ihrer Dummheit frönen, / Denn am Deutschen hinterm Tresen / Muss nun mal die Welt genesen, / Dann steh auf und misch dich ein: / Sage nein! 

Es ist bekanntlich ein Text von Konstantin Wecker, der mir die Verkürzung und leichte grammatikalische Aneignung nachsehen möge. Seine Aussage hat nie seine Gültigkeit verloren und ist aktueller denn je.