2017. Das Jahr von DLS

4. Januar 2017

Treibstoff aus Nüssen und Wohnen im All sind sicher zwei wichtige Trends der nahen oder ferneren Zukunft. Doch jetzt sind wir im Jahr 2017. Und jetzt kommt DLS.

Für zahlreiche aktuelle Statussymbole läuft die Uhr ab. PS-starke Geländewagen, hypergigantische Kreuzfahrt-Dampfer, löchrige Designer-Jeans, chromblitzende Kaffee-Automaten der 2000-EuroplusX-Klasse, Dauerkarten für Freizeitparks, opulente Grill-Orgien, selbstgestrickte Bimmel und Bommel, Reisen in exotische Inselstaaten. Out. Das Zeitalter von DLS hat begonnen. Oder wie das Zukunftsorgan BALD schrieb: „DLS – alle sind dabei!“

Erste Zeitschriften-Titel tauchen an den Kiosken auf: „Mein DLS“, „DLS-Lust“, „DLS-Idee“, „Mega-DLS“, „DLS für Landfrauen“, selbst die altbewährte Apotheken-Rundschau macht mit: „Mit DLS und ihrer Apotheke zu einem erfüllten und gesunden Leben.“

Die Buch-Verlage ziehen hektisch nach. Schon liegen die ersten Titel auf Sondertischen bei Dubenhugel und Co.: „DLS für Dummies“, „Mein Weg zum perfekten DLS“, „DLS in 10 einfachen Schritten“. Angekündigt sind Bücher von Til Schweiger („Mehr Wumm mit DLS“) und Barbara Becker („Jungbrunnen DLS.“) Die Kuppelspezialisten von Parshit werben: „Bei uns findest Du den idealen DLS-Partner“.

D, wie Denken, wie selber denken, kritisch denken, Skepsis pflegen. Folgenabschätzung erlebt einen ungeahnten Boom. „Zweifel sind das Beste, was einer Gesellschaft passieren kann“, schrieb Angelika Slavik in ihrem zu skeptischen Denken anregenden Essay auf „SZ Online“ an Neujahr 2017. Ein fulminanter Auftakt zum DSL-Jahr. Vor sich selbst macht dieses neue Denken nicht halt, wie Slavik betont: „Die Fähigkeit, die eigene Leistung zu hinterfragen, ist die erste und unabdingbare Voraussetzung für Exzellenz in jeder Disziplin.“

Die Volkshochschulen sind dabei. Kurs-Beispiele der vh Erkenschwick: „Ich bin Selbstdenker“, „Skepsis in allen Lebenslagen, I und II“. Voraussetzung für die Teilnehmer: Bereitschaft und Fähigkeit zu konzentriertem, ausdauernden Lesen selbst sperriger Texte.

L, wie Lesen. Lesen immer und überall. Wissen erwerben durch Lesen. Lesen mit Ausdauer, Bücher mit Gehalt und von Umfang. Aus Belesenheit und Wissen wird Bildung, grundlegende Voraussetzungen für eigenständiges Denken. Es werden wieder Bücher gekauft um sie zu besitzen. Planer von Neubauwohnungen haben erkannt: Jetzt sind Stellwände für Xtra-breite Regale gefragt.

Die neuen Leser sind bookish. Gedruckte Haptik erobert die Wohn- und Arbeitsräume, ja selbst die Kinderzimmer. In Bussen und Bahnen, auf Bänken und Wiesen, an Kaffeehaustischen – kaum noch jemand hält ein Smartphone vor die Nase. Die Container an den Sammelstellen füllen sich mit entsorgtem Elektroschrott. Die Renaissance des Buches ist allerorten spürbar. Fast vergessene Handwerke und Berufe kehren zurück: Papierschöpfer, Buchbinder, Antiquare. Qualifizierte Bibliothekare und Buchhändler werden händeringend gesucht.

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„Geben wir dem Buch seine Verantwortung zurück“, forderte Nina George auf den Leipziger Buchtagen im Juni 2016. „Ein Buch ist der Kontrollentwurf zur virtuellen Welt und seiner behaupteten ‚Schwarmintelligenz‘, die im Web kollektiv einen Konsensbrei aus Wissen und Vermutung anrührt, in kurzen, verdaulichen Texthäppchen – der schon am nächsten Tag aus der Timeline und aus dem Gedächtnis verschwunden ist.“ (Im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels war das nachzulesen.)

S, wie Schreiben. Händisches, bewusstes Schreiben. Wohlüberlegtes, ausformuliertes Aufschreiben. Beschreiben als Selbstvergewisserung. Gedanken und Gedächtnis in Schriftform ohne Speicherprobleme und zur nachhaltigen Verfügbarkeit.

Geschäfte für alle Arten von Schreibwaren eröffnen neu. Kleine überladene Räume in denen zu finden ist, was das Herz der neuen Schreiber höher schlagen lässt. Feine Papiere, edle Füllfederhalter, Blei- und Buntstifte. Kladden und Tagebücher sind seit Tagen ausverkauft, neue Lieferungen werden erwartet, die Liste der Vorbestellungen ist lang.

Schreiner fertigen Steh- und Schreibpulte, Sekretäre, Schreibtische aus schwerer Eiche nach individuellen Wünschen. Die Menschen schreiben Tages- und Familienchroniken, Gedichte, Skizzen und Geschichten über Erlebtes und Erdachtes. Die gelbe Post war auf die einsetzende Flut handgeschriebener Briefe nicht vorbereitet.

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Lotte ist immer noch Bedienung in meiner Stammkneipe am Max-Brod-Platz. Dabei studiert sie längst BWL mit „Schwerpunkt Mergers and Acquisitions“, wie sie mir neulich stolz berichtete. Ob sie abkassieren könne, sie habe jetzt Feierabend. Meine rechte Wange lag noch auf der Druckerschwärze des Lokalblatts. Als meine Augen offen sind, sehe ich, dass ich genau auf einem Artikel geruht habe, der über die Schließung von Bücher-Hansi informiert, der letzten unabhängigen Buchhandlung in unserer kleinen Großstadt.

Hinaus ins Zwielicht abendlichen Schneetreibens. Mir kommt in den Sinn, dass ich meinem ausgeträumten Traum noch ein weiteres L anhängen könnte.

L, wie Laufen. Das neue Laufen heißt Spazierengehen, Schlendern, Promenieren. Sanftes Wandern auf den Spuren unserer Dichter. Mit Friedrich Schiller durch das Tal der Saale, mit Theodor Fontane durch Berlin und Brandenburg, mit Maria Müller-Gögler von Weingarten nach Schlier durchs Lauratal, bergauf, bergab mit Hermann Lenz in Stuttgart, mit Hölderlin von Hauptwil an den Bodensee und zurück in die schwäbische Heimat, mit Andreas Maier die Wetterau erkunden.

Denken und Gehen. Was für eine Symbiose. Damit beginnt eines der merkwürdigsten Bücher, das mir in letzter Zeit untergekommen ist.

„Ich kann auf meinen Spaziergängen die schwierigsten und verzwicktesten Gedanken denken, ohne von äußeren Einflüssen unterbrochen und gestört zu werden. Ich spaziere vor mich hin, meine körperliche Person mit ihren Beinen und Füßen auf ihrem Weg, mein Geist mit seinem Denken in seinen Gedanken.“ Bald schon trifft der Protagonist eine Gleichgesinnte, eine Beziehung bahnt sich an: „… ich habe gesehen, daß du ein Denker bist, du denkst beim Gehen, die ganze Zeit denkst du beim Gehen, das habe ich gesehen, und ich brauche einen Denker, ich sehne mich nach einem Denker …“ (Christoph Bauer, Jetzt stillen wir unseren Hunger. S. Fischer, 2001)


AusLese 2016. Der zweite Teil

15. Dezember 2016

Mein Top-Titel 2016 und die Krimis

14.165 belletristische Titel sind 2015 erstmals auf dem deutschen Buchmarkt erschienen. Für 2016 ist mit einer in etwa gleich hohen Zahl zu rechnen. Über 14.100 davon habe ich nicht gelesen, die meisten nicht einmal wahrgenommen. Dass ich mir dennoch anmaße einen persönlichen Spitzenreiter zu nominieren geschieht deshalb in aller Bescheidenheit und weit davon entfernt den anderen möglicherweise 14.164 Büchern schlechtere literarische oder mangelnde Unterhaltungs-Qualitäten unterstellen zu wollen.

Meine Wahl fiel auf Benedict Wells.

Inzwischen leicht über 30, zählt er längst zu den größten Hoffnungen unter Deutschlands Schreibkräften. Mit seinem neuen Roman “Vom Ende der Einsamkeit” tritt er den Beweis an, dass dies nicht unberechtigt ist.

Nach dem Unfalltod ihrer Eltern sind die Geschwister Jules, Marty und Liz aus der Bahn geworfen und wachsen im Heim auf. Der Roman erzählt von den weiteren Lebenswegen der drei. Was so einfach klingt, ist ein umfangreiches, vielschichtiges Erzählwerk, das gekonnt die Abgründe menschlicher Beziehungen ausleuchtet. Wie manifest können Abhängigkeiten sein und wie quälend die Fron individueller Einsamkeit. Dazwischen die seltenen, hellen Glücksmomente.

Ein großer Wurf des jungen Autors, ein Buch das einen großen Sog entwickelt, aus Tragik Leseglück werden lässt, das man, einmal angelesen, kaum noch aus der Hand legen kann, und das nach der Lektüre lange nachhallt.

Wells, Benedict: Vom Ende der Einsamkeit. Roman. – Diogenes, 2016. Euro 22

Der AusLese krimineller Teil

Schauplatz Westdeutschland

Zeit der Handlung: 1950er Jahre, die später sogenannte Adenauer-Ära (der staatstragende Alte kommt höchstpersönlich vor im Buch). Erste Annäherung und Versöhnungsversuche mit Israel sind Teil und Streitpunkt der westdeutschen Politik. Im Hintergrund fördern die einen, torpedieren die anderen. Geheimdienstler mittendrin. Hautpschauplatz: Das ehemalige Offiziersgenesungsheim, spätere Luxushotel Bühlerhöhe auf dem Kohlbergfelsen im Nordschwarzwald. Geld- und Nenn-Adel gehen hier ein und aus; Staatsgäste werden hofiert.

Rosa, die israelische Agentin soll Adenauer vor einem Anschlag schützen, um den Annäherungskurs nicht zu gefährden. Die Haudsdame des Hotels, Sophie, verfolgt ganz andere Ziele. Dazu zwei rivalisierende männliche Hauptfiguren. Dieser Roman ist ein bisschen Krimi, etwas mehr Agententhriller, vor allem aber ein breit angelegtes Zeitpanorma der jungen bundesdeutschen Republik Ausgabe West. Und eine weniger romantische, als verbissene Vierecksgeschichte, die für zusätzliche Spannungselemente sorgt. Nicht gerade John LeCarre, doch für deutsche Verhältnisse niveauvoller Lesestoff. Leicht zu lesen, bei gleichzeitig einigem Erkenntnisgewinn, da die Autorin sehr gründlich recherchiert hat.

Brigitte Glaser ist eine routinierte Unterhaltungs-Schriftstellerin. Sie hat bereits zahlreiche Krimis geschrieben, die meisten sind als paperbacks bei Emons erschienen. Dass ihr neuestes Buch nun festgebunden bei List erscheint, erhöht Rang und Ansehen ein gutes Stück.

Glaser, Brigitte: Bühlerhöhe. Roman. – List, 2016. Euro 20

baum-138x150Schauplatz Norwegen

Ah, schon wieder Skandinavien! Eine weitere dieser zahllosen Crime-Ladys, deren Cover-Fotos ihnen ewige Jugend und Blondheit andichten. Falsch. Ein Mann, ein neuer norwegischer Autor beansprucht Platz auf den Sondertischen der Buchhandlungen. Mit Recht. Denn Gard Sveen ist ein talentierter Schreiber.

Sein erster Kriminalroman ist ein Buch geworden mit Bezügen in die deutsche Vergangenheit. Als der ehemalige Widerstandskämpfer (gegen die deutschen Besetzer Norwegens während des Zweiten Weltkriegs) Carl Oscar Krogh ermordet wird, stellt sich die Frage, welche Feinde ein so beliebter Mensch wohl hatte.

Besteht irgendein Zusammenhang mit den drei Leichen, die man in der Region Nordmarka findet? Sveens Kommissar Tommy Bergmann ist ein ähnlicher Typ wie wir ihn schon von anderen Autorinnen und Autoren aus dem Norden kennen. Ein scharfsinniger Einzelgänger, Melancholiker, Zweifler, mit vielschichtigem Innenleben.

Packende mehrbödige Lektüre, zeitweise prickelnde Spannung. Wie bei vielen Skandinaviern mit Passagen die mir etwas zu direkt, etwas zu brutal sind. Ragt sprachlich und erzählerisch aus der Masse des skandinavischen Krimi-Angebots heraus. (Manchmal hat man den Eindruck, dass nur noch Knausgaard und Krimis aus nordischen Sprachen übersetzt werden.) Von Kommissar Bergmann können wir auf jeden Fall mehr vertragen.

Sveen, Gard: Der letzte Pilger. Kriminalroman. – List, 2016. Euro 14,99

baum-138x150Schauplatz München

Andreas Föhr ist ein auflagenstarker und sehr geschätzter Krimi-Autor, der sich längst im Genre fest etabliert hat. Bisher ermittelteten seine kantigen Kriminaler-Konsorten vor und auf oberbayerischen Bergen. Die Geschichten wurden mit viel Lokal-Kolorit und Folklore aufgestattet. (“Schafkopf”, “Karwoche” usw.)

Nun sorgt er für Abwechslung in seinem Figurenreigen und hat nicht nur einen neuen Plot mit einer weiblichen Hauptdarstellerin entwickelt, sondern gleichzeitig die Landeshauptstadt München als neuen Schauplatz gewählt. Damit geht es urbaner, geistig großräumiger und auch deutlich zeitgeistiger zu.

Dr. Rachel Eisenberg, Juristin und Mitinhaberin einer Nobel-Kanzlei, gibt der Autor das Fachwissen seines eigenen Jurastudiums mit auf den Weg. Für Kontrast sorgt im ersten Fall der neuen Reihe das Schicksal eines Obdachlosen, der eines Mordes verdächtigt wird und in dem die Anwältin einen früheren Bekannten wiedererkennt. Bei ihren Ermittlungen kommt sie nicht umhin dem einen oder anderen, der sich für wichtig hält, auf die Füße zu treten. Ganz so zielstrebig wie im Beruf ist sie im Privatleben nicht.

Hervorragend konstruiert, eine Geschichte mit vielen Wendungen und starken, glaubwürdigen Figuren. Beste Unterhaltung mit Niveau, mit der man sich sehen lassen, über die man reden kann.

Föhr, Andreas: Eisenberg. Kriminalroman. – Knaur, 2016. Euro 14,99

baum-138x150Schauplatz Schweiz

Auf dieses Buch habe ich persönlich mich ganz besonders gefreut und geraume Zeit auf sein Erscheinen warten müssen: Der neue Theurillat! Das fünfte Buch mit dem Züricher Kapitalismus-Kritiker und Kriminalkommissar Eschenbach und seine kernige, mit viel italienischen Temperament ausgestattete Sekretärin Rosa Mazzoleni. An Verbrechen rund ums große Geld und die Auswüchse globalen Wirtschaften ist in der an der Oberfläche so idyllischen Schweiz wahrlich kein Mangel.

Ausgangspunkt der dichten Handlung sind diesmal die “Wetterschmöcker”, die dem Buch auch den Titel geben. Kantige Naturmenschen, die sich mit Wettervorhersagen beschäftigen und den Errungenschaften der modernen Welt skeptisch gegenüber stehen. Einer von ihnen ist Alois Thüring. Seine Nichte arbeitet für ein Unternehmen das international in großem Stil mit Rohstoffen handelt. Nun ist sie verschwunden. Für Vermissten-Fälle ist Eschbach eigentlich nicht zuständig, dafür umso mehr interessiert an Unstimmigkeiten in den schwer zugänglichen Zirkeln Schweizer Manager, Unternehmer und die ganze, nicht nur seriöse Sippschaft in deren Umfeld.

Authentische, glänzend geschriebene Einblicke in die Tiefen und Untiefen der Schweizer Gesellschaft, in Vorgänge und Machenschaften, wie sie so allerdings nicht nur für die Eidgenossenschaft exemplarisch sind.

Theurillat, Michael: Wetterschmöcker. Kriminalroman. – Ullstein, 2016. Euro 26 (Die günstige Taschenbuch-Ausgabe ist für September 2017 avisiert.)

baum-138x150Schauplatz Hamburg

Wenn der ICE wieder einmal betriebsbedingt für die eine oder andere Stunde auf freier Strecke halten muss, ist es gut, leicht lesbare Ablenkung zur Hand zu haben. Auch wenn der Zug nicht die Hansestadt Hamburg zum Ziel hat, ist Simone Buchholz eine geeignete Autorin, die unfreiwillige gewonnene Lesezeit locker zu gestalten.

“Ich war Kellnerin, Kolumnistin und Redakteurin. Ich erzähle von der Liebe, vom Tod und vom Fußball, ich mag Neapel, Tahiti, St. Petersburg und im Grunde auch Brooklyn, aber ich wohne in Hamburg, vor allem wegen des Wetters.”

Ihre Krimis spielen mittendrin im Milieau des bunten, munteren Stadtteils Sankt Pauli, in dem die Hauptfigur Chas Riley , ihres Zeichens Staatsanwältin mit amerikanischen Elternteil, hervorragend vernetzt ist. Nur zu gerne stürzt sie sich an der Seite ermittelnder Kripobeamter in die Aufklärung von Verbrechen meist kapitaler Art. Kleine Gängster und typische Kiez-Ganoven stehen ihr dabei teils im Weg und teils zur Seite. Zwischendurch wird mal in einer der zahlreichen Kneipen in die sich nur Insider trauen der Boden unter den Füßen verloren, oder man steht sich selbige auf den Rängen des Millerntor-Stadions platt, wenn der örtliche FC einmal mehr um den Anschluss an die oberen Ränge im deutschen Fußball kämpft. Von ihren veritablen Bindungsängsten möchte Chas nicht wirklich befreit werden, was sie nicht hindert eine eigenwillige Dauerbeziehung zu pflegen.

Ich habe vor kurzem “Bullenpeitsche” gelesen, fand es originell, schnoddrig im Ton und amüsant hard-boiled. Was sich so leicht und flott liest, ist allerdings durchaus sprachliche Könnerschaft. Starke Charaktere, treffend skizziert, Slang und Begriffe aus Halb- und Unterwelt rund um die Große Freiheit werden gezielt, doch dosiert verwendet, mit reichlich Schwung und Tempo kommt die Story voran. Vielleicht ist man am Ende gar nicht froh, wenn der Zug wieder Fahrt aufnimmt und sich dem Ziel nähert.

Bullenpeitsche war noch bei Droemer erschienen. Mit dem neuesten Titel “Blaue Nacht” wurde Simone Buchholz geadelt und in die Suhrkamp-Riege aufgenommen. (“Revolverherz”, 2009 erstmals erschienen, hat Heike Makatsch 2014 als Hörbuch eingelesen – für den Fall, dass man mal mit dem Auto unterwegs ist.)

Buchholz, Simone: Bullenpeitsche. Kriminalroman. – Droemer TB, 2013. Euro 9,99

Buchholz, Simone: Blaue Nacht. Kriminalroman. – Suhrkamp TB, 2016. Euro 14,99


AusLese 2016. Der erste Teil

29. November 2016

Liebe Freunde von con=libri!

Wer eine moderne Waschmaschine (steuerbar über die smart home app), ein neues Fernsehgerät (natürlich Ultra-HD und mega konkav) oder einen nützlichen Staubsauger (z. B. den Saugroboter “Dirt Devil” von Techtronic, mit Steuerung über das praktische OnBoard-Bedienpanel) kaufen möchte, hat die Auswahl zwischen zahlreichen Modellen. Die Entscheidung fällt schwer, wird in der Regel doch nur ein Exemplar benötigt.

Bei Büchern ist das anders. Die Auswahl ist entschieden größer als bei den genannten Gebrauchsgegenständen, und man kann davon so viele haben wie man möchte. Grenzen setzen allenfalls das persönliche Budget oder die häusliche Regalfläche (doppelreihige Aufstellung schafft hier zusätzliche Kapazitäten). Man muss auch nicht nur jene kaufen, die man zu brauchen glaubt, in dem Sinne, dass man sie sofort lesen will. Nein, Bücher kann man sehr schön auf Vorrat erwerben und besitzen. Damit eröffnen sich jederzeit verfügbare, verheißungsvolle Lese-Alternativen. Ganz im Sinne von Durs Grünbein:

“Ich kaufe ja Bücher nicht, weil ich sie alle benötige, sondern weil ich mir ausmale, wie herrlich es sein wird, sie demnächst – sagen wir: eines Tages, zu lesen.”

Mit meiner Auslese 2016 möchte ich wieder einige Kauf-, vor allem aber Lese-Anregungen geben. Bücher, die mir auffielen im üppigen Angebot des zu Ende gehenden Jahres, die mir gefielen, mit denen ich mich näher beschäftigt habe. Wie immer ist es eine sehr subjektive Wahl. Immerhin sind die Empfehlungen analog, völlig plan und geschlechtsneutral.

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Aus Polen

Nach “Sandberg” und “Wolkenfern” ist jetzt ein dritter Roman einer der bedeutendsten polnischen Autorinnen der Gegenwart auf Deutsch erschienen. Warum es vier Jahre dauern musste bis das Original in deutscher Übersetzung vorliegt, weiß vielleicht der Suhrkamp-Verlag. Es ist schade, dass Bücher aus dem Osten Europas meist mit einiger Verzögerung bei uns erscheinen. “Dunkel, fast Nacht” ist ein origineller Roman, in dem die Autorin zu starker, eigenwilliger Ausdruckskraft findet.

Alicja Tabor hat ihre Heimatstadt vor 15 Jahren verlassen, die Eltern sind inzwischen verstorben, das Haus steht seit Jahren leer. Nun kehrt sie als Journalistin zurück um über das Verschwinden von Kindern aus der Stadt zu recherchieren und zu schreiben. Vor Ort kochen längst die Emotionen hoch. Allerhand Verdächtige (wie die “Zigeuner”) werden ausgemacht. Im Netz blüht der Hass. Ängste, Traumata, wechselnde Stimmungen bestimmen das gesellschaftliche Klima und die Persönlichkeit Alicjas. Der Roman ist ein dichtes Gewebe über die aktuellen Bruchstellen moderner Wohlstandgesellschaften. Verstörend, stellenweise schaurig, für eher fortgeschrittene Leser geeignet.

Bator, Joanna: Dunkel, fast Nacht. Roman, aus dem Polnischen von Lisa Palmes. – Suhrkamp, 2016. Euro 24,95

Aus Norwegen

Als bekennender Freund ausladender Romanhandlungen in dicken Büchern greife ich selten zu schmalen Bändchen mit kürzeren Arbeiten. Doch gibt es hin und wieder Empfehlungen für Literatur unterhalb epischer Längen, die zum Leseglück werden. Die “Winternovellen” der 1978 in Oslo geborenen Ingvild H. Rishøi haben mich vom ersten Satz der ersten Geschichte an begeistert. Nüchtern, lakonisch klingt das: “Als wir nach Linderud kommen, macht Alexa sich in die Hose. Wir wollten ja den ganzen Weg bis nach Hause gehen, und sie war einverstanden, es habe doch keinen Sinn, wegen fünf Stationen Geld für den Bus auszugeben.” Von dem schmalen Monatsbudget sind nur noch ganz wenige Kronen übrig, die eigentlich für Lebensmittel vorgesehen waren. Als plötzlich ein bedürftiger Mitmensch vor Mutter und Tochter steht und um eine milde Gabe bittet, ist die ohnehin nicht sehr belastbare Alleinerziehende völlig überfordert. Tochter Alexa hingegen hat Mitleid und verträgt weder Lügen noch Ungerechtigkeiten.

“Wir können nicht allen helfen”, ist der Titel dieser ersten von drei Erzählungen, jede wenige dutzend Seiten umfassend, in denen es um Menschen am Rande des glänzenden norwegischen Reichtums geht. In glasklarer nordischer Sprache und mit lebensnahen Dialogen versteht es Rishøi deren schwierige Lage einerseits, ihren verzweifelten Mut andererseits, fesselnd zu beschreiben. Ohne Bloßstellung zeigt sie uns dabei eine Welt die wir, die auf der Habenseite des materiellen Überflusses gelandet sind, nur zu gerne ausblenden. In jeder Geschichte gelingt der Autorin ein überraschender Schluss, den man während des Lesens nicht für möglich hält. Alle drei “Winternovellen” enden “gut”. Nicht im Sinne einer generellen Lösung aller Probleme, doch zumindest mit einer freundlichen Wendung. Drei Geschichten auf weniger als 200 Seiten, die ich für dunkle, kalte Winterwochen wärmsten empfehlen kann.

Ingvild H. Rishøi: Winternovellen. Aus dem Norwegischen von Daniela Syczek. – Open House, 2016. Euro 19,50

Zwei Bücher über Entwurzelung

Flucht, Vertreibung, Migration gehörten und gehören in Europa zum Schicksal von Millionen. Ein kleiner Ausschnitt daraus ist die abenteurliche Emigration von Karoly, Terez und ihren Kindern aus Ungarn in Akog Domas neuem Roman “Der Weg der Wünsche”. Sie findet zu Beginn der 1970er-Jahre statt, doch in Rückblicken erfahren wir von Ereignissen rund um die Familie bis zurück zu den großen Flüchtlingsbewegungen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.

Was als breit angelegte Familiengeschichte beginnt, entwickelt sich im Laufe der Erzählung zu packender, gegen Ende dramatischer Handlung. Beginnend mit einer gewagten Flucht über Österreich, dann ein nicht enden wollender Zwangsaufenthalt in einem süditalienischen Lager, schließlich der Aufbruch mit dem Ziel Deutschland. Ein Kapitel europäischer Geschichtsunterricht, unterhaltsam und bewegend erzählt.

Akog Doma wurde 1963 in Budapest geboren. Er lebt – für einen Schriftsteller eher ungewöhnlich – im beschaulichen Eichstätt, übersetzt aus dem Ungarischen und schreibt eigene Werke in deutscher Sprache. “Der Weg der Wünsche” ist bereits sein dritter Roman.

Doma, Akog: Der Weg der Wünsche. Roman. – Rowohlt Berlin, 2016. Euro 19,95

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Das nächste Buch ist kein Roman. Der Autor verzichtet allerdings auf eine klare Abgrenzung zwischen Fiktion und authentischer Nacherzählung echten Lebens. Dichtung und Wahrheit eben.

Die Kapitelmans hatten sich in der russisch besetzten Ukraine leidlich eingerichtet. Doch als sie mit ihrer jüdischen Abstammung immer mehr unter Druck geraten, entschließt sich die dreiköpfige Familie zur Ausreise. Eigentlich ist Israel das gemeinsame Ziel, durch besondere Verwicklungen landet sie jedoch in Deutschland. Zunächst in einem Aufnahmelager, später in einer Plattenwohnung in Leipzig-Grünau. Von diesem Exodus und den damit verbundenen Schwierigkeiten erzählt der erste Teil des Buches. Sehr interessant ist ihre Art von Innenansicht auf die problematischen Momente des Alltags in einem ostdeutschen Großstadt-Revier, neonazistische Nachbarschaft inklusive.

Das Hauptthema des Buches ist die liebevolle, nie ohne Reibung verlaufende Beziehung von Vater und Sohn. Gemeinsam brechen sie zur lang ersehnten und mit viel Umständlichkeiten geplanten Reise nach Israel auf. Ihr Blick auf das Land, ihre innere Zerrissenheit zwischen Europa und Israel, die überraschende Anziehungskraft praktizierten Judentums, und vor allem die Probleme des Landes, werden differenziert dargestellt und durch konkrete Alltagserfahrungen verdeutlicht. Der dreißigjährige Dmitrij Kapitelman beschreibt die über weite Strecken autobiographischen Erlebnisse auf sehr frische Weise und in stets leicht distanziertem ironischen Ton. Sicher auch ein Buch für Leser, die schon einmal in Israel waren, oder eine Reise planen.

Kapitelman, Dmitrij: Mein unsichtbarer Vater. Hanser Berlin, 2016

Zwei Bücher die von Familien-Katastrophen handeln, dabei gar nicht so traurig sind.

Ein weiteres Erstlingswerk einer jungen Autorin die in Berlin lebt? Brauchts das? Gibts davon nicht schon genug? Ich kann versichern, der erste Roman der 1987 in Potsdam geborenen Paula Fürstenberg ist nicht nur gelungen, sondern ausgesprochen originell und einnehmend. Die Hauptfigur Johanna ist weder Künstlerin, noch angehende Schriftstellerin mit Schreibblockade. Sie hat sich für eine Ausbildung zur Straßenbahnfahrerin entschieden. In der Freizeit betrachtet sie fasziniert alte Landkarten; dort entdeckt sie das titelgebende Tier. Jung genug um die DDR nicht mehr bewußt erlebt zu haben – sie wurde kurz vor der Wende in der Uckermark geboren – spielt doch die deutschdeutsche Geschichte in ihrem Leben eine wichtige Rolle.

So beginnt sie nach den täglichen Linienfahrten auf den Schienenfahrzeugen der BVG ihrem Vater nachzuspüren, der die Familie kurz nach dem Mauerfall verlassen hat, um in den Westen zu gehen. Oder doch nicht? Mit ihrer Beharrlichkeit kommt sie Stück für Stück nicht nur ihrem verschollenen Erzeuger näher, sondern entdeckt gleichzeitig neue Facetten im Leben ihr nahestehender Menschen. Sasa Stanisic, der die Lektüre von Paula Fürstenbergs Buch sehr empfiehlt, nennt dies “die Neukartierung einer zerklüfteten Familienlandschaft.”

Fürstenberg, Paula: Familie der geflügelten Tiger. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2016. Euro 18,99

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“Mama ist die Beste.” Und pleite. Und tot. Patchwork hoch drei. Bei ihrem Debüt als Romanautorin überzeugt Nele Pollatschek mit einem ungewöhnlich reifen, hintersinnigen Familienmosaik. Jedes Mitglied dieser verqueren Kommunität ist ein spezieller Charakter. Aus den verschiedenen Beziehungskonstellationen entstehen reihenweise kuriose Situationen. Manchmal wäre die Geschichte ja richtig traurig, aber gerade dann muss man herzlich schmunzeln.

Besondes köstlich, das liebevolle Briten-Bashing im ersten Teil. “Zum Studieren ist England super, aber wer will, dass ein Fenster schließt, eine Heinzung heizt oder man beim Duschen nass wird, sollte in Deutschland bleiben…” Das Buch hat englische und deutsche Schauplätze, eine reizvolle Konstellation. Nele Pollatschek ist noch keine dreißig kennt sich allerdings bereits in beiden Kulturen bestens aus. Sie lebt in Oxford und im Odenwald (wahrscheinlich bewusst, wegen der Alliteration), hat Englische Literatur und Philosophie studiert und promoviert über das Böse in der Literatur. Ihrem Roman merkt man diese Vorbildung an, er ist mal zartbitter, mal kurios heiter.

Für unterwegs: Die großartige Hörbuch-Version, eingelesen und interpretiert von Jasna Fritzi Bauer für knapp 20 Euro.

Pollatschek, Nele: Das Unglück anderer Leute. Roman. – Galiani, 2016. Euro 18,99

Der kleine Geschenktipp

Das gibt es also auch noch. Die schlichte einfache, dennoch gut geschriebene Liebesgeschichte. Wie von Petra Hartlieb nicht anders zu erwarten, spielt bei der im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts angesiedelten Handlung, eine Buchhandlung die wichtigste Nebenrolle. In der Hauptsache geht es um zwei junge Menschen aus einfachen Verhältnissen, um deren Schwierigkeiten sich in der harten Klassengesellschaft der Jugendstil-Zeit zu behaupten.

So ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit für dienstbare Geister aus besitzlosen Schichten als Paar zueinander zu finden. Dass es aber auch nicht ganz hoffnungslos sein muss, davon handelt diese athmosphärisch dichte Erzählung. Ganz nebenbei können wir Leser noch Einblick nehmen in das Familienleben des erfolgreichen Theaterautors Arthur Schnitzler (nach dessen unsolider Kaffeehaus-Zeit!). Fundiert recherchiert, liebevoll geschrieben, sehr lohnend, als kleines Geschenk für Wienfreunde, Theatergänger und andere lesende Mitmenschen hervorragend geeignet. Eine geschmackvolle Buchgestaltung mit Jugendstil-Anmutung gibts dazu.

Petra Hartlieb ist übrigens jene umtriebige Frau, die vor Jahren in Wien eine Buchhandllung kaufte und gleich noch ein Buch darüber schrieb (“Meine wundervolle Buchhandlung”), das überraschend viele Menschen gerne lesen, und das erstaunlicher Weise inzwischen u. a. ins Türkische und Koreanische übersetzt wurde. Außerdem schreibt sie zusammen mit Klaus-Ulrich Bielefeld die Krimireihe “Ein Fall für Berlin und Wien”, die bei Diogenes erscheint.

Hartlieb, Petra: Ein Winter in Wien. – Kindler, 2016. Euro 16,95

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Die Fortsetzung der “AusLese 2016” auf con=libri gibt es in etwa 14 Tagen. Dann wird es spannend.


Kurz-Vorstellung: „Hofkind“ von Silke Knäpper

19. November 2016

Bernd Michael Köhler hat das Buch gelesen. Hier sind seine Eindrücke.

Nach ihrem Debut “Im November blüht kein Raps “ (2012) liegt nun – wiederum bei Klöpfer & Meyer – ein neuer Roman der in Neu-Ulm lebenden Autorin Silke Knäpper vor.

In Rückblicken erzählt das „Hofkind“ Carla Gehrke, eine junge Frau in Freiburg, die Geschichte ihrer Herkunft und ihrer Befreiung aus einem inneres Wachstum und Eigensinn verhindernden Familiensystem.

Die einzelnen Charaktere mit ihren psychischen Abgründen, die Beziehungen der Familienmitglieder zueinander, die gegenseitigen Abhängigkeiten, das destruktive Verhalten der Protagonisten, die dramatischen Höhepunkte, all das schildert die Autorin in ihrer Ich-Erzählerin Carla psychologisch plausibel, in einer klaren, rhythmisch stringenten Sprache, formal gebändigt in 32 meist kurzen Kapiteln.

Unterstützt wird sie in dem Roman von den positiven Figuren der Freundin Jule und eines jungen Mannes namens Frieder. Beide haben ihre jeweiligen Familienschädigungen weitgehend überwunden. Carla erlebt an ihnen und mit ihnen, dass Individuation tatsächlich möglich ist.

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Foto: B. M. Köhler

Die von der Motivik her schon vielfach variierte Geschichte der Emanzipation einer jungen Frau von lebensfeindlichen Familienverstrickungen hat bei Silke Knäpper einen sehr eigenen Ton. Mit ihren überraschenden Wendungen und vielschichtigen Persönlichkeiten ist sie ausgesprochen spannend zu lesen. Leserinnen und Leser (ja, auch die immer seltener werdende Erscheinung „Roman-Leser“!) können Carla und ihren Weg zu einem eigenen Leben mit viel Anteilnahme und Sympathie begleiten.

Der in con=libri bei der Vorstellung ihres Debuts geäußerte Wunsch, dass die Autorin den Mut habe, beim nächsten Versuch noch etwas eigensinniger zu werden, ist bei diesem Roman in attraktiver und origineller Weise in Erfüllung gegangen. Mit einem starken, in eine gute Zukunft weisenden Schlusssatz lässt die Schriftstellerin ihre hoffentlich große Leserschaft satt und zufrieden zurück.

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Silke Knäpper: Hofkind. Roman. – Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2016. Euro 19,00

Vor ziemlich genau vier Jahren erschien Silke Knäppers erster Roman und wurde auf con=libri vorgestellt.

Bernd Michael Köhler lebt in Neu-Ulm und arbeitete viele Jahre als Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Ulm. Natürlich ist er ein passionierter Leser. Darüber hinaus fotografiert er und schreibt gelegentlich.


November

10. November 2016

Es ist November. Und es ist Krieg. In Afrika. Im Jemen. Im Nahen Osten. In der Ukraine. Es sind Bürgerkriege. Religionskriege. Kriege um Einfluss, Macht, Machterhalt, Rohstoffe, gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Despotismus. In Deutschland sind Kriegsgräber. Kreuze auf Rasenflächen die an unsere Kriege erinnern.

Nach jedem Krieg ein überzeugtes “Nie wieder!” Zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg lagen gerade einmal 21 Jahre. Deutschland lebt nun seit über 70 Jahren in einem friedensähnlichen Zustand. Doch dieser Zustand ist labil, das Gleichgewicht allzeit gefährdet, die Ruhe trügerisch. Wenn Geschichte mit Erfahrung zu tun hat, dann muss uns der Verstand sagen, dass der letzte Krieg in Deutschland, den meine Generation nur aus Erzählungen von Eltern und Großeltern kennt, nicht der wirklich letzte gewesen sein wird.

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„Toter Soldat / Deine Feldpost im Regen der wie Feuer fällt / Toter Soldat / Und daneben der Segen der kein Wort mehr hält.“ (1)

Irgendeine Wiese, umzäunt, irgendwo in Deutschland. Holz- oder Granitkreuze mit Aufschrift: “Unbekannter Soldat”.

Ein Paul, ein Peter, ein Wilhelm oder ein Walter. Es gibt niemanden mehr, der das noch weiß. Vielleicht hat er geschrieben, wollte Schriftsteller oder Journalist werden. Ich stelle mir vor, irgendwo existieren noch Tagebücher, Kladden mit Gedichtversuchen, geheftete Blätter mit Romanentwürfen. Sicher hat er mit Tinte geschrieben, eventuell mit Bleistiften. Ob er schon eine Schreibmaschine besessen hat?

Gefallen 1918. Kurz vor Kriegsende? Waren seine Haare blond, braun oder dunkel. War er groß oder eher klein, untersetzt oder schlank. Verliebt? Der einzige Sohn oder Bruder seiner Geschwister? Wie ist er gestorben, verreckt? Nach langem Leiden oder plötzlich, bewußt oder im Delirium, mit Schmerzen oder leicht. Hat er gebetet, auf ein Leben nach dem Tod gehofft oder den Gott an den er glaubte verflucht?

„Ich hoffe, es traf dich ein sauberer Schuß? / Oder hat ein Geschoß Dir die Glieder zerfetzt / Hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt / Bist Du auf Deinen Beinstümpfen weitergerannt / Und dein Grab, birgt es mehr als ein Bein, eine Hand?“ (Hannes Wader, Es ist an der Zeit) (2)

Wie war er? War er ein Angeber und Haudrauf, der keinem Gelage, keiner Keilerei aus dem Weg ging? Oder ein stiller Stubenhocker und Leisetreter? Ein Fechter, ein Reiter, Mitglied im Schützen- oder Gesangverein?

Vielleicht war er Leser. Ein Freund der Bücher des noch jungen Thomas Mann, der Romane Theodor Fontanes, der Dramen Gerhard Hauptmanns. Als Freund der zeitgenössischen Lyrik kannte er bereits den Generations-Genossen Georg Trakl.

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Gedichte, Lieder, Erzählungen über gefallene Soldaten, den Schrecken der Kriege, all das Grauen, das bewaffnete Konflikte erzeugen, können so ergreifend schön sein. Und es gibt Songs die protestieren, aufrühren, auffordern zum Wiederstand, Hintergründe benennen und Schuldige. Die warnen, rufen, flüstern und trauern. Wie die des aktuellen Literatur-Nobelpreisträgers, der häufig abstreitet dass er irgendetwas mit Politik am so gern getragenen Hut hat. Doch viele seiner Texte haben klare unmissverständliche Aussagen:

„Come you masters of war / You that build all the guns / You that build the death planes / You that build all the bombs / You that hide behind walls / You that hide behind desks / I just want you to know / can see through your masks.“ (3)

Sein Klassiker “Blowing in the wind” erklingt zusammen mit Pete Seegers “Sag mir wo die Blumen sind” (“Where have all the Flowers gone”) seit über 50 Jahren auf nahezu jeder Friedensdemo und Lichterkette. Angeregt zu seinem Song wurde Seeger durch das aus Litauen stammende “Zogen einst fünf wilde Schwäne”, das 1918 vor dem Hintergrund des großflächigen Vernichtungskrieges, den sie später den Ersten Weltkrieg nennen würden, von dem Volkskundler Kurt Plenzat aufgezeichnet wurde und in dem eine Strophe so geht:

“Zogen einst fünf junge Burschen / stolz und kühn zum Kampf hinaus. / Sing, sing, was geschah? / Keiner kehrt nach Haus.”

220px-georg_trakl_-_gedichte_erstausgabe_1913_im_kurt_wolff_verlagGeorg Trakl, den ich meinem unbekannten Soldaten gerne als Lektüre unterstellen würde, kam 1887 in Salzburg zur Welt. Seinen Kampf hatte er von Anfang an verloren. Dazu bedurfte es keines Krieges. Schulprobleme, frühe Drogenabhängigkeit, vergebliche Versuche sich beruflich und bürgerlich zu etablieren, 1914 fandt er im Sanitätsdienst Verwendung. Es war das schwere Leben eines Lebensuntauglichen, der an seiner Zeit und seinen Mitmenschen litt. Anfang Oktober 1914 wurde er in ein Militärhospital in Krakau eingewiesen, wo er am 3. November an einer Überdosis Kokain starb. Ob Versehen oder Suizid bleibt unklar.

Hinterlassen hat Trakl wenig. Vieles blieb Fragment. Seine Gedichte haben einen einzigartigen Klang. Stark von düsteren Farben und Bildern sind sie durchdrungen, voll Sprachkraft und Gestaltungswillen, doch meist ohne Hoffnung und Zuversicht.

„Am Abend tönen die herbstlichen Wälder / Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen / Und blauen Seen, darüber die Sonne / Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht / Sterbende Krieger, die wilde Klage / Ihrer zerbrochenen Münder.“ (Der Anfang von Georg Trakls Gedicht  “Grodek”) (4)

Zum Kontrast noch einmal der tapfere, inzwischen alt, jedoch nie mutlos gewordene Liedermacher. Mit einer Zuversicht, der anzuschließen, mir nicht recht gelingen will:

„Doch finden sich mehr und mehr Menschen bereit / Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit.“ (2)

***

(1) “Ihre Kinder”, 1971. “Ihre Kinder” war eine Rockband der späten 1960er und frühen 1970er Jahre; sie zählte zu den Pionieren deutschsprachiger Rockmusik und war Vorbild für Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen u. a.

(2) Das von Hannes Wader gesungene “Es ist an der Zeit“ ist die deutschsprachige Version von Eric Bogles „No man’s Land“.

(3) Bob Dylan: „Masters Of War“. – Übertragung ins Deutsche: Kommt, ihr Herren des Krieges / Ihr, die ihr die Kanonen baut / Ihr, die ihr die Kampfflugzeuge baut / Ihr, die ihr all die Bomben baut /Ihr, die ihr euch hinter Mauern versteckt / Ihr, die ihr euch hinter Schreibtischen versteckt / Ich möchte nur, dass ihr wisst / Ich kann durch eure Masken sehen.

(4) Trakl, Georg: Das dichterische Werk, 14. Aufl. – DTV, 1995 (dtv klassik)


Bin ich das?

17. Oktober 2016

Zu Michael Angeles „Der letzte Zeitungsleser“

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“Zeitungen lesen.” So lautet die Anweisung des Otto Trsnjek an seinen Lehrling Franz Huchel in Robert Seethalers Roman “Der Trafikant”. “Die Zeitungslektüre nämlich sei überhaupt das einzig Wichtige, das einzig Bedeutsame und Relevante am Trafikantendasein; keine Zeitung zu lesen hieße ja auch, kein Trafikant zu sein, wenn nicht gar: kein Mensch zu sein.”

Trafiken sind kleine, enge, völlig überfrachtete Läden in österreichischen Städten. Dort kann man Lotterie-Lose erwerben, Rauchwaren, Zeitschriften und eben Zeitungen kaufen. Seit Jahren ist der Verkauf gedruckter Tageszeitungen jedoch rückläufig, ebenso wie die Zahl der Titel, die im Nachbarland oder in unserer Republik erscheinen.

Meine Friseurin, die als zweites berufliches Standbein zusammen mit ihrem Mann einen Kiosk in unserer Stadt betreibt (Kioske spielen ja in Deutschland etwa die Rolle wie die Trafiken in Österreich), will von dieser Entwicklung hingegen noch nichts bemerkt haben. Ihre Stammkunden verhielten sich unverändert, versicherte sie mir. Sie muss dann allerdings auf Nachfrage einräumen, dass ihre Verkaufsstelle vorwiegend von Personen mindestens mittleren Alters frequentiert wird. Eine zudem meist konservative Klientel, Lehrer der nahen Gymnasien, Richter, Anwälte, Justizbedienstete, der Justizeinrichtungen um die Ecke. Junge Kundschaft habe sie so gut wie nicht.

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In einem wehmütigen Großessay gibt der Journalist Michael Angele den Grabstein für die gedruckte Tageszeitung in Auftrag, und verfasst zugleich einen launisch anekdotenreichen und sehr persönlichen Nachruf. Er wird, wenn dem letzten Blatt sein Stündchen geschlagen hat, als Zeitungsautor und notorischer Leser, gleich zweifach Hinterbliebener sein. Auch ich würde dann zu den zurückgelassenen Waisen gehören. Denn Zeitungslektüre gehört für mich seit ich denken kann zu den unverzichtbarsten Alltäglichkeiten.

Lange vor der Zeit als ich die ersten Karl-May-Bände verschlang, von den Wildwest- und Wüsten-Abenteuern nicht mehr genug bekommen konnte, hatte erstes mühsames Entziffern von Schlagzeilen begonnen. Natürlich mit dem örtlichen Lokalblatt, das unser Haushalt abonniert hatte, wie es fast alle Familien in unserer Umgebung abonniert hatten, und dessen tägliche Ausgabe bereits zu früher Stunde durch den Briefschlitz der Haustür fiel. Wohl gab es Menschen in der Umgebung, die kein Zeitungs-Abonnement hatten – doch die hielt man damals für etwas sonderlich, ja fast haftete ihnen ein leichter Hauch des Asozialen an.

Später kaufte ich mir hin und wieder die “Süddeutsche” oder die “Stuttgarter Zeitung”. Einzelausgaben waren damals selbst mit schmalem Taschengeld erschwinglich. In den rebellischen Jugendjahren wurde die zu jener Zeit deutlich linksliberale “Frankfurter Rundschau” ebenso unentbehrlich wie sichtbar getragenes Statussymbol und Glaubenbekenntnis. Als ich nach der Schulzeit in einem Verlag lernte und arbeitete, der Fachliteratur für die Uhren- und Schmuckbranche herausgab, wurde die “Neue Zürcher Zeitung” (NZZ) erst zur beruflichen Pflicht- und bald schon zu einer der Lieblingslektüren. Ich genoss den leicht überfordernden intellektuellen Anspruch und den globalen Geist des Blattes, lernte, was ein gutes Feuilleton ist.

Michael Angele beginnt sein Buch, dessen Satzspiegel der Breite einer Zeitungsspalte entspricht, mit der bekannten Geschichte Thomas Bernhards, in der dieser durch halb Österreich fährt auf der Suche nach der aktuellen Ausgabe der “Neuen Zürcher Zeitung”. Nachzulesen in Bernhards autobiographischer Erzählung “Wittgensteins Neffe”.

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Angele entwickelt in seiner Trauerarbeit eine anschauliche Soziographie der guten alten Tageszeitung, deren Tage aus Sicht der meisten Medien-Propheten gezählt sind, sowie eine kleine Typologie prägnanter Leser-Charaktere. Das Zeitunglesen war und ist für viele Menschen gute Gewohnheit und fester Bestandteil alltäglicher Rituale. Sich über das Gelesene zu wundern, zu ärgern, mit anderen auszutauschen, gehört zur lieb gewonnenen Interaktion zwischen Blatt und Leser. Welche Überraschungen hält doch so eine aufgeschlagene Doppelseite weit über die erwartbaren Informationen, Ereignisberichte, Sportergebnisse und Werbeanzeigen bereit?

Bedauerlich, die Rettungs- und Sanierungsversuche des Traditionsmediums führen dazu, dass wir statt des vielfältigen Spektrums an fundierten Informationen und prägnanten Meinungen, zunehmend mit Kitsch, Tratsch und Trash abgespeist werden. Gleichlautende Agenturmeldungen und großformatige Bebilderung vermießen noch den letzten Standhaften ihre Treue. Aus distanzierter objektivierter Betrachtung wird vielfach seichte Propaganda, Anbiederung an Werbekunden, billige Kopie der für Online-Medien gebräuchlichen Formensprache. Neugier und Wissensdurst werden mit Hollywood-Scheidungen, Promi-Schicksalen und penetrant wiederholten Politiker-Statements abgespeist.

Rettungsversuche bestehen neuerdings in veränderten Wochenend-Ausgaben, die längere hintergründige Artikel, aber auch unterhaltsame Bestandteile bieten, um so zu entspannter Sonntags-Letüre anzuregen. Das ist sicher ein wichtiger neuer Weg. Zu den Stärken der Zeitung alter Prägung zählte allerdings insbesondere die regelmäßige lokale und regionale Berichterstattung. Mit ihrem Verschwinden würde in Zukunft ein fundamentales Element der demokratisch-parzipativen Demokratie vermisst.

Dicke Wochenzeitungen können diese Funktion nicht ersetzen. Leistungsfähige Lokalredaktionen fallen leider seit Jahren immer häufiger den Spardiktaten zum Opfer. Konzentrationsprozesse auf Verlagsebene und fusionierte redaktionelle Mantelteile lassen die Vielfalt, den Kontrastreichtum und die Pluralität immer weiter schrumpfen. Feuilletons müssen weichen, qualifizierte Literaturkritik verschwindet. Schaut man auf die wöchentlichen Filmseiten sieht man nur noch allerseits wiedergekäute Propaganda für ohnehin leichtgängige Blogbuster und billige Massenware.

Neulich wurde die Optik, das Layout meiner Lokal- und Regionalzeitung neu gestaltet – relaunched. Das Ergebnis ist insgesamt erschütternd, die Einsichtsbereitschaft der Verantwortlichen in ihr Misslingen gering, wie Stellungnahmen und Interviews zu entnehmen ist. In einem Gespräch mit der eigenen Zeitung äußerte sich der Chefredakteur überraschend zuversichtlich über die Zukunftsfähigkeit seines und anderer vergleichbarer Blätter: „Es gibt kein anderes Medium, das in dieser Breite und Tiefe Themen aufbereitet. In dem Konzert der sozialen Netzwerke, in dem jeder seine Meinung ungeprüft … herausposaunen darf, müssen Zeitungen und ihre Redakteure als verlässlicher Anker funktionieren, die die Diskussion bündeln und objektivieren. Das ist eine hohe Verantwortung, der wir sicher nicht immer ganz gerecht werden können. Aber ich sehe niemand außer den Zeitungen, der diese Rolle einnehmen könnte.“ (*)

Ob er recht behalten wird? In Stefan Zweigs Erzählung “Buchmendel”, 1929 erschienen, betritt der Protagonist ein Wiener Kaffeehaus, “altwienerisch bürgerlich und vollgefüllt mit kleinen Leuten, die mehr Zeitungen konsumierten als Gebäck.” Als ich bei einem Wienbesuch vor einigen Wochen zum wiederholten Male im gemütlich morbiden “Jelinek” auf eine Melange einkehrte, lagen die vielen deutschsprachigen und internationalen Blätter beiseite geschichtet und unbeachtet auf einem Sideboard. Die Kaffehaus-Besucher des Jahres 2016 starrten auf Smartphones oder tippten in schicke Laptops.

Ich gehöre, wie Michael Angele, zu jenen Übriggebliebenen, die sich wünschen, dass es in Zukunft gedruckte Tageszeitungen und kluge, fähige Redakteure geben wird, die einem Anspruch, wie ihn der oben zitierte Chefredakteur formulierte, gerecht werden und in Form einer ansehnlichen, äußerlich ansprechenden gedruckten Tageszeitung umsetzen können und dürfen. Damit ich und meine Generation nicht zu den letzten gehören. Den letzten Zeitungslesern.

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(*) Es handelt sich um die in Ulm erscheinende SÜDWEST PRESSE

(Das Gespräch mit Chefredakteur Ulrich Becker erschien in der Ausgabe vom 1. Oktober 2016. Das Blatt veröffentlichte zahlreiche Stellungsnahmen von Lesern zum Relaunch, die in der Mehrheit tendenziell eher positiv ausfielen. Wesentlich negativer und ablehnender waren Wortmeldungen die auf einer separaten Social Media Plattform zu finden sind. Um auf dem Forum schreiben zu dürfen ist eine separate Registrierung erforderlich. In das gedruckte Blatt wurden diese kritischen Äußerungen nicht übernommen.)

Angele, Michael: Der letzte Zeitungsleser. – Galiani Berlin, 2016

Seethaler, Robert: Der Trafikant. – Roman. – Kein & Aber, versch. Jahr u. Aufl.

Bernhard, Thomas: Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft. – Suhrkamp, 2006

Zweig, Stefan: Buchmendel. Erzählungen. – S. Fischer, 1990


Seelesen

2. Oktober 2016

Mit Ursula Krechels “Shanghai fern von wo”

Spätsommer? Frühherbst? Es gibt Tage an denen solche Fragen und mögliche Antworten darauf müßig sind, an denen wenig nötig ist zum Gefühl des Gelingens.

Fast wunschlos, und nahezu erwartungsfrei.

Was noch? Ein großer roter Apfel aus neuer Ernte vom Wochenmarkt, eine schlanke knusprige oberschwäbische Seele mit Salz und Kümmel vom Bäcker, das wohlfeile Taschenbuch und ein geeigneter Lese- und Rastplatz.

Der ideale schattige Ort fand sich an einem der letzten Septembertage nur wenige Schritte vom silberspiegelnden Wasser des Bodensees. Ein kleiner Park, leicht erhöht, mit roten Bänken, direkt am Lindauer Hafenbecken, mit Blick auf vertäute Segelboote, die ein- und ausfahrenden Kursschiffe der Weißen Flotte und die sanft ansteigenden Berge des Schweizer Appenzell.

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Der Apfel. Die Seele. Und das Buch? Welche Lektüre ist einem Zustand angemessen, der noch nicht Glück, jedoch weit jenseits von Unglück und Gleichgültigkeit? Die eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Es ist doch oft so, dass Bücher zu uns finden nach denen wir gar nicht suchten. In diesem Fall war es weder eine bewusste Wahl noch reiner Zufall.

Ich hatte angefangen mich mit den aktuellen Neuerscheinungen zu beschäftigen, interessante Titel für meine AusLese 2016 zu sichten. Brigitte Geigers “Bühlerhöhe” machte den Anfang. Ein spannender Unterhaltunsroman vor dem Hintergrund der Adenauer-Zeit in Nachkriegsdeutschland. In der Agenten- und Liebesgeschichte geht es u. a. um das Verhältnis Westdeutschlands zum jungen Staat Israel. Und in diesem Zusammenhang natürlich in Rückblicken um den Holocaust, sowie die verschiedenen Exilorte und -regionen deutscher Juden auf der Flucht vor dem Hitler-Regime.

Geiger nennt im Anhang ihres Buches, neben anderen Quellen für ihre Recherchen, zwei Titel von Ursula Krechel: “Landgericht”, für das sie 2012 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde und “Shanghai fern von wo”. Genau diesen Roman hatte ich mir nach der Preisverleihung gekauft, um mich erstmals mit einem Prosawerk der Autorin zu beschäftigen. Es stand seitdem nur angelesen im Regal und wartete auf seine Stunde.

Shanghai als Exil-Ort war mir bis dahin kein Begriff. Ich hatte bisher nicht davon gehört oder gelesen, dass die chinesische Stadt ab 1938 eine allerletzte Hoffnung für viele Verzweifelte nach oft langer dramatischer Flucht wurde. Sie fanden dort zwar visumfreie Aufnahme, waren jedoch unter schwierigsten Umständen, fast ohne Unterstützung, ganz auf sich allein gestellt.

Der Jurist Tausig mit seiner krisentauglichen Gattin, der Uhrmacher Kronheim, der ererbtes Werkzeug immer mit sich trägt, der Kunsthistoriker Brieger, der letzte Briefe an seinen ehemaligen Freund Walter Benjamin schickt, der Buchhändler und spätere Chronist Ludwig Lazarus. Die Vorgeschichten und Exilschicksale dieser und weiterer Protagonisten verdichtet Ursula Krechel zu einem exemplarischen Reigen höchster literarischer Qualität.

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Die Vielstimmigkeit des Romanpersonals hat mich an Alfred Döblins Trilogie “November 1918” erinnert – sicher nicht die schlechteste Patenschaft für eine Autorin der Gegenwart. (Und schade, dass von Döblin heute kaum mehr gegenwärtig ist als sein Großstadt-Panorama “Berlin Alexanderplatz.”) Döblin erzählt von der Zeit kurz nach dem dem Ende des Ersten Weltkriegs. In “Shanghai fern von wo” steht der Zweite unmittelbar bevor.

Juden, die aus verschiensten Gründen, in Deutschland blieben, werden Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungswillens. Die Zukunft der Exilanten im fernen Südchina ist ungewiss. Für’s erste zählt nur der tägliche Überlebenskampf. Solange der Selbstbehauptungswille dafür ausreicht.

Der Apfel. Die Seele. Das Buch. Und die Musik? An diesem Tag kam sie zu mir, ohne dass ich nach ihr gesucht hatte.

Hanna Włodarczyk spielt klassische Gitarre, Fabiana Raban Doppelbass, Flöte, Kastagnetten und allerlei Schlagwerk. Als Duo nennen sie sich HuRaban und sind mit ihren eigenen Kompositionen, Weltmusik und ausgefeilten Variationen bekannter Popsongs fast ständig unterwegs. Häufig als klassische Straßenmusiker, wie an diesem Nachmittag auf der Uferpromenade von Lindau. Darüber hinaus sind sie regelmäßig Gäste bekannter Ereignisse, wie dem Folk-Roots-Weltmusik-Festival in Rudolstadt.

Es waren die Gypsy-Klänge der beiden Polinnen die mich angelockt hatten. Die folgenden Stücke und ihre ganz speziellen Arrangements ließen mich schließlich über eine Stunde nicht mehr los und unter heller See-Sonne zum faszinierten Zuhörer werden. Mit der Dame neben mir war ich rasch einig, dass es sich hier um Straßenmusik selten gehörter Qualität handelt und dass uns offensichtlich zwei Profi-Musikerinnen ein unverhofftes Vergnügen bereiten.

Während HuRaban bei einem variantenreich ausimprovisierten “hava nagila” angekommen waren, erfuhr ich dass die Musikfreundin 70plus einen Konzertflügel im heimischen Wohnzimmer hat, auf dem sie im Vergleich zu früher (“ja, früher … ”) nur noch selten spielt. Wenige Passanten hörten den intensiven Takten von Bass und Gitarre längere Zeit zu. Kaffee, Eis und Torte lockten. Die Pianistin eilte bald zum nahen Bahnhof um die Abfahrt ihres Zuges nicht zu versäumen. Inzwischen erklang das ruhige, meditativ angehauchte “Palermo”. Ein wehmütiges Stück, mit dem das nahe Ende des Freiluft-Konzerts eingeleitet wurde.

In der rechten Hand hielt ich immer noch das Shanghai-Buch, irgendwann beim Verlassen der Lesebank hatte ich es wohl zugeschlagen. Wo war eigentlich das Lesezeichen geblieben? Ich verstaute das Buch in der ledernen Umhängetasche und ging meines Weges.

Apfel und Seele. Buch und Musik. Was blieb noch?

Der Abschied. Denn Abschied ist immer.

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Geiger, Brigitte: Bühlerhöhe. Roman. – List, 2016

Krechel, Ursula: Shanghai fern von wo. Roman. – Jung und Jung, 2008 (als btb Taschenbuch erhältlich)

HuRaban music band


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