Die Vergessenen

Ein Roman von Ellen Sandberg der zu denken gibt.

Es endet mit einem kurzen Telefonat und einer Verabredung zu einem Treffen der beiden Hauptfiguren. Einer Frau und einem Mann. Es ist einer der gelungensten Dialoge die ich in letzter Zeit von einer deutschsprachigen Autorin oder einem Autor gelesen habe. Das Buch ist aus. Als Leser bleibe ich nach dieser Lektüre mit ausgesprochen gemischten Gefühlen im Lesesessel zurück.

Zurückgelassen mit der Frage, ob man Spannung und unterhaltsame Kurzweil dieses Romans genießen darf angesichts der Thematik die hier behandelt wird. Die Abläufe der erzählten Gegenwart haben ihre Auslöser, ihre Ursachen, in zwei unfassbaren Verbrechenskomplexen: Den Kriegsverbrechen deutscher Soldaten im besetzten Griechenland gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und den Euthanasiemorden im Dritten Reich. Schatten aus brauner Vergangenheit fallen auf die Protagonisten im München der Gegenwart.

1944 arbeitete die junge Krankenschwester Kathrin in einem Heim für geistig und körperlich behinderte Menschen. Für die Nazis sind das lebensunwerte Randexistenzen. Ärzte missbrauchen sie für Experimente, lassen sie verhungern, töten sie. Die Vorgänge werden als Erlösung für die Patienten beschönigt. Politisch deklariert als Befreiung von unnötigem Ballast für den Volkskörper. Euthanasie ist das Stichwort. Unmenschlicher Zynismus die Folge. Kathrin, dem charismatischen Chefarzt der Einrichtung mehr wie zugeneigt, ist zwiegespalten; schließlich erstellt sie mit Hilfe eines Arztes in Ausbildung Dokumentationen einiger besonders krasser Fälle.

Ihre Nichte Vera erfährt über siebzig Jahre später durch mehrere Zufälle von der Existenz dieser Unterlagen. Die Journalistin hat Probleme mit ihrer beruflichen Orientierung. Sie droht als Redakteurin eines Zeitgeist-Journals für Frauen zu versauern, während ihre wahren Ambitionen doch in eine ganz andere Richtung gehen. Deshalb sieht sie es als willkommene Chance den Verbrechen aus der Zeit des Dritten Reichs nachzugehen und darüber zu schreiben. Vom Ergebnis dieser Arbeit erhofft sie sich einen Karrieresprung.

Sie ahnt nicht, dass gleichzeitig sehr viel entschlossenere Kreise und gefährlichere Kräfte dabei sind, die belastenden Unterlagen aus der Welt zu schaffen. Diesen Auftrag soll Manolis Leftis ausführen. Ein gut bezahlter Spezialist für zweifelhafte Machenschaften, Handlanger für Menschen, die sich selbst die Hände nicht schmutzig machen. Er hatte griechische Vorfahren und ist in zweiter Generation traumatisiert durch Massaker die deutsche Soldaten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im Heimatdorf seiner Eltern und Großeltern verübten.

Aus dieser Konstellation macht Ellen Sandberg eine ungemein spannende, großartig konstruierte Geschichte mit allerhand Nebenhandlungen und geschickt eingeflochtenen historischen Reflexionen. Dass sie dieses mitreisende Erzählen bestens beherrscht hat sie unter ihrem Namen Inge Löhnig mit Kriminalromanen rund um den Münchner Kommissar Dühnfohrt bereits mehrfach sehr erfolgreich nachgewiesen. Waren die Dühnfort-Bücher beste Gesellenstücke, so gelingt ihr mit Die Vergessenen die Meisterarbeit als Autorin von Spannungsliteratur.

Gründlich recherchiert und nach langer Vorarbeit nunmehr veröffentlicht, entwickelte sich der Titel rasch zu einem unerwarteten Bestseller. Neben den spannenden Passagen sind es vor allem die schicksalhaften Momente, die schockierenden Szenen, die Ellen Sandberg so eindrucksvoll und anhaltend berührend gelingen. Und eben die Frage aufwerfen, ob man sich dieser belletristischen Unterhaltung uneingeschränkt hingeben darf.

Natürlich ist es nicht das einzige Buch dessen fikive Erzählung auf grausigen historischen Fakten beruht. Die Literaturgeschichte ist voll davon, gerade die der unterhaltenden Literatur. Man muss so lesen dürfen. Das ist nicht verwerflich, da man sicher sein kann, dass bei fast allen Leserinnen und Lesern etwas zurückbleiben wird. Eindrücke die über die Genugtuung an guter Lektüre hinausgehen, die kleine Widerhaken einpflanzen, Erkennnisfetzen ins Bewusstsein drücken, dass es Teile der deutschen Geschichte gibt, die nicht vergessen werden dürfen, die selbst gegenwärtigen und zukünftigen Generationen deutlich machen können, was nicht und nie mehr sein dürfte. Dass aber unsere Welt noch längst nicht frei davon ist.

Ellen Sandbergs Die Vergessenen ist ein Buch dass von Vielen gelesen werden kann und sollte. Wenn es in letzter Zeit ein Buch gab über das man mit Freunden, Bekannten, Mitlesern sprechen und diskutieren muss, dann ist es dieses.

Sandberg, Ellen: Die Vergessenen. – Penguin Verlag, 2017. Euro 13

Die Vergnügungen des Bertolt Brecht

Tema con variazioni

Zu finden ist es in Werk- und Einzelausgaben, in Sammelbänden und Anthologien. Es ist bekannt, beliebt und vielfach verbreitet. Das Gedicht Vergnügungen von Bertolt Brecht (1898 – 1956). Vor mir liegt das Suhrkamp Taschenbuch Bertolt Brecht: Hundert Gedichte. Ausgewählt von Siegfried Unseld. Aufgeschlagen ist Seite 164. Er hat es wohl 1954 geschrieben und seiner letzten Geliebten, der Schauspielerin Käthe Reichel gewidmet. Thematik und Struktur reizen ganz besonders zu persönlicher Interpretation. Deshalb gibt es heute auf con=libri zwei Variationen, zwei individuelle Versuche, die keinesfalls den Anspruch erheben, sich mit dem Original messen zu können.

I

Berner Weltmeisterjahrgang, beheimatet in der Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm, die Herzallerliebste eine Götterbotin, als Wörter- und Bildersammler unterwegs, erkundet lesend den Weltinnenraum, schreibt um sich zu durchqueren, bibliophilen Eskapaden nicht abgeneigt, lebensbegleitend: der Eremit aus Montagnola, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Die Variation von Diplom-Bibliothekar a. D. Bernd Michael Köhler:

Vergnügungen (Bertolt Brecht gewidmet)

Der erste Blick in ein neues Buch
Die wiedergefundene alte Schrift
Freundliche Gesichter
Stille, der Schatten an einem Sommertag
Die Zeitung
Der Schreibtisch
Der Buddha
Lesen, weiterlesen
Klangwelten
Radfahren
Begreifen
Bibliotheken, Briefe
Schreiben, Zuhören
Fotografieren
Philosophieren
Anders sein.

II

Wurzeln in der Goethestadt Ilmenau, längst in Ulm, dem umliegenden Oberschwaben und Westallgäu zuhause, mit steter Lust auf Abstecher nach Leipzig und Wien, Spaziergänger, Buchmensch, Leser und Schreiber. Die Variation von Jan Haag:

Freuden  (für Charlotte und Marie Luise)

Der erste Blick in die Zeitung am Morgen
Die nächsten Bücher
Der Wechsel der Jahreszeiten
Das frische Hemd

Nachdenken
Skepsis
Lesen dürfen
Schreiben können
Begreifen

Alte Musik
Andere Musik

Schlendern durch Gassen
An Fluss oder See sitzen
Kleine Fluchten
Ankommen

Lange Gespräche
Verstanden werden

 

 

AusLese 2017. Der zweite Teil

Literatur ist Wissen, wie beschränkt auch immer – wie alles Wissen. Doch sie ist nach wie vor einer der wichtigsten Wege, die Welt zu verstehen. Gute Schriftsteller verstehen viel von Komplexität, von der Komplexität der Gesellschaft, des privaten Lebens, der familiären Abhängigkeiten und Gefühle, von der Macht des Eros, von den unterschiedlichen Ebenen des Empfindens und Kämpfens. (Susan Sontag)

Mit Marc-Uwe Kling ins QualityLand.

Klings Känguru-Chroniken haben landesweit Leser und Hörer begeistert. Insbesondere die Hörbuch-Versionen verkaufen sich wie warme Schrippen. Offensichtlich treffen die beiden Hauptfiguren, der Erzähler und sein Haustier mit Migrationshintergrund (Australien ist eigentlich ein sicheres Herkunftsland!), einen empfindsamen Nerv des Lesepublikums. So verrückt, so anarchisch, ja so frei, wäre man gern und ist gleichzeitig erleichtert, dass man es nicht ist.

Mit seinem neuen Buch stößt der vielseitige Autor, Kabarettist und Sänger in epische Dimensionen vor. Ein satirischer Zukunftsentwurf, bei der uns gelegentlich das Lächeln in den Mundwinkeln gefriert, denn Kling siedelt seine Visionen nicht in einem fernen Jahrhundert an, sondern lässt ahnen, dass diese schöne neue Welt bereit ist zur neuen Wirklichkeit zu werden. Hauptperson des Romans ist der Maschinenverschrotter (sic!) Peter Arbeitsloser (sic! sic!) der sich wundert, kaum noch zwischen Mensch und Maschine unterscheiden zu können. Algorithmen steuern beide. Die sich einstellende Beklemmung wird gemildert durch den locker humorvollen Erzählstil.

Ich hab die Geschichte nur angelesen. Science Fiction liegt mir schon länger nicht mehr, schon gar nicht wenn sie so zeitnah daherkommt. Marc-Uwe Kling ist auf mich nicht angewiesen. Sein QualityLand begeistert bereits eine ständig zunehmende Leserschar. Und Marc-Uwe Kling ist zweifellos ein Schriftsteller mit Zukunftspotential.

Kling, Marc-Uwe: QualityLand. Roman. – Ullstein, 2017

(Es gibt eine graue und eine schwarze Edition, die sich so weit ich das verstanden habe, inhaltlich nicht unterscheiden. Und es gibt bereits die ungekürzte Hörbuch-Einlesung des Autors.)

Liebwies von Irene Diwiak.

Dies ist der beachtliche Erstling einer jungen österreichischen Debütantin. Mit ihrer prallen Fabulierlust erinnert ihr erster Roman ein klein wenig an Vea Kaiser, wenngleich Diwiaks Erzählweise noch etwas die allerletzte Dichte fehlt.

Wir schreiben das Jahr 1924. Ganz Österreich leidet unter den wirtschaftlichen Folgen des Ersten Weltkriegs. Der kriegsversehrte Lehrer Köck schlägt in einem abgelegenen Provinznest auf, dort erleben die Einheimischen Automobile noch als Sensation und hat die Schulpflicht der Feldarbeit zu weichen. Er lernt zwei junge Frauen kennen. Die eine kann gut singen, die andere sieht gut aus. Zweiter verfällt der Musikexperte Christoph Wagenrad. Obwohl nahezu unbegabt, bringt er sie ans Konservatorium und will sie zum Star aufbauen. Unterstützen soll ihn dabei die Oper eines Komponisten, der gar nicht komponiert.

Es geht um Gier nach Ruhm und falschen Glanz in diesem in historischer Zeit angesiedelten Roman. Der ist recht eigentlich kniezer Seitenhieb und hübsche kleine Parabel auf den Kulturbetrieb früherer und heutiger Tage. Nominiert für den Österreichischen Buchpreis.

Diwiak, Irene: Liebwies. Roman. – Deuticke, 2017

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Justizpalast von Petra Morsbach.

Vielleicht ist das Schicksal eine Summe falscher Motive.

Die Geschichte der begabten Thirza Zorniger. Sowohl künstlerisch wie juristisch familiär vorbelastet, entscheidet sie sich für die Juristerei und bringt es bis zur Richterin am und im legendären Münchener Justizpalast. Ein Roman über die Zwiespältigkeit von Gerechtigkeit, der interessante Einblicke in Denkweise und Befindlichkeiten von Menschen die in unserem Rechtssystem tätig sind gewährt. Das ermöglichen die jahrelangen Recherchen der Autorin, sie verleihen der Hauptfigur und ihrer Berufs- und Lebensbahn eine hohe Authentizität. Alles andere als ein Freund von Justizromanen, habe ich das Buch verschlungen.

So ganz nebenbei habe ich auch noch Einiges gelernt. Zum Beispiel welch hohes Gut unsere verfassungsrechtliche Gewaltenteilung darstellt, wie wichtig es ist diese zu verteidigen. Ich habe erfahren wie schwerwiegend verfassungswidrig die Ära des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß verlief, mit welcher Selbstbereicherung der Familie Strauß dies verbunden war und dass so vieles darüber nicht aufgeklärt werden konnte, bzw. durfte. Die zahlreichen kurzen Fallschilderungen in diesem umfangreichen Roman können als Anekdoten, die etwas ausführlicheren als eingestreute Kurzgeschichten gelesen werden. Sie ergeben ein farbiges Bild menschlicher Abgründe und Vergeblichkeiten.

Morsbach, Petra: Justizpalast. Roman. Albrecht Knaus Verlag, 2017

Elif Batuman ist Die Idiotin.

Wie schon im ersten Teil der diesjährigen AusLese, gibt es im zweiten wieder ein Buchmensch-Buch.

Das erste Studienjahr einer jungen Amerikanerin türkischer Abstammung. Allein an der großen Universität. Es ist 1995. Was man wohl mit dieser neuartigen E-Mail anfangen kann? fragt sich die Protagonistin, die der Autorin ähnelt. Dann die zweite Liebe. Die erste ist die zur Literatur. Mühsames Gewöhnen an eine akademische Betrachtung der Welt. Die ersten Auslandserfahrungen. Es ist ein Mädchenbuch, immerhin kommen gegen Schluss sogar Pferde vor. Ungarische. Männer dürfen und sollten es dennoch unbedingt lesen.

Dieser staunende Rückblick in Romanform der inzwischen vierzigjährigen Batuman ist ironisch distanziert, ehrlich und leichtfüßig. Die junge weibliche Hauptfigur kommt auf sympathische Weise wissensdurstig, unbeholfen und bookish rüber. Muss man angesichts des verschmitzten Titels noch erwähnen, dass sie ganz besonders für russische Literatur schwärmt? Kenner wissen das bereits, denn sie haben ihren vor einigen Jahren erschienenen Essayband Die Besessenen gelesen, in dem es schwerpunktmäßig um russische Autoren geht.

Ich liebe diese Idiotin. Habe ihre beiden auf Deutsch erhältlichen Bücher mit Staunen und großem Genuss gelesen.

Batuman, Elif: Die Idiotin. Roman. – S. Fischer, 2017

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Das Buch der Spiegel von Herrn E. O. Chirovici, der uns über seine vollständigen Vornamen glaubt im Unklaren lassen zu können.

Es geht um das falsche Spiel mit einem überraschend aufgefundenen Manuskript, das der Literaturagent Peter Katz bekommt. Darin schreibt ein gewisser Richard Flynn über die Ermordung eines Princton-Professors. Ein bis dato unaufgeklärter mysteriöser Fall. An entscheidender Stelle endet das Manuskript. Katz versucht den Rest des Textes ausfindig zu machen. Dass dies nicht ohne Verwicklungen und allerhand Charaden vonstatten geht, darf man von einer spannenden Geschichte erwarten.

Mir gefiel an dem Buch, dass seine Handlung mit dem Literaturbetrieb zu tun hat. Zudem liebe ich – vorzugsweise angloamerikanische – Campusromane. Mit beiden Vorlieben kam ich voll auf meine Kosten. Kategorie: Niveauvolle Unterhaltunsliteratur.

Der Verfasser übrigens bekam von seinen Eltern den klangvollen Doppelvornamen Eugen-Ovidiu, was herauszubekommen kein großes Problem ist. Er stammt aus einer rumänisch-ungarisch-deutschen Familie die einst in Transsilvanien zuhause war, residiert nunmehr in Brüssel und schreibt Englisch.

Chirovici, E. O.: Das Buch der Spiegel. Roman. – Goldmann, 2017

Schünemann und Volic: Kornblumenblau / Pfingstrosenrot / Maiglöckchenweiß.

Pfingstrosenrot? Auf dem Amselfeld wurden im Laufe der Jahrhunderte so viele Schlachten geschlagen und so viel Blut vergossen, dass hier die Pfingstrosen besonders üppig blühen. Im Alltag der heutigen Staaten des ehemaligen Jugoslawien sind die ethnischen und religiösen Konflikte noch lange nicht befriedet, die jungen Staatsgebilde alles andere als stabil. Hier spielen die Kriminalromane des Autorenduos Schünemann und Volic rund um die Belgrader wissenschaftliche Kriminologin (nicht Polizistin!) Milena Lukin. Als Taschenbuch-Neuerscheinung habe ich Pfingstrosenrot in Hartliebs Buchhandlung erstanden, bei meinem letzten Wien-Besuch vor einigen Wochen und während eines Bummels durch die Währinger Straße. (*)

In diesem mittleren von inzwischen drei Lukin-Bänden geht es um die falschen Versprechen  mit denen Menschen im Rahmen eines Rückkehrprogramms in ihre alte – für immer verloren geglaubte – Heimat, das Kosovo gelockt werden. Dort warten Enttäuschung und in einem besonderen Fall der Tod. Korrupte Machenschaften, undurchschaubare Seilschaften und rücksichtslose Bereicherung bilden den Sumpf einer vor allem für die junge Generation trostlosen Gegenwart. Mehr als in den meisten Fernsehberichten und Zeitungsartikeln erfährt man in diesen Krimis über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in den Balkanstaaten, hier mit Schwerpunkt Serbien. Dabei kommen Spannung und Unterhaltung keinen Moment zu kurz. Jelena Volic ist eine intime Kennerin der Verhältnisse, sie stammt aus Belgrad, hat deutsche Literatur studiert und ist Expertin für die deutsch-serbischen Beziehungen.

Kornblumenblau, den ersten Band der Reihe, habe ich bereits vor einiger Zeit gelesen und war danach sehr gespannt auf die weiteren Bücher. Mit Milena Lukin, der von einem Deutschen geschiedenen Mutter eines Sohnes, ist den beiden Autoren eine äußerst glaubwürde Hauptfigur gelungen. Maiglöckchenweiß ist dieser Tage als Hardcover bei Diogenes erschienen, ich warte wieder die TB-Ausgabe ab.

Schünemann, Christian; Volic, Jelena: Pfingstrosenrot. – TB-Ausgabe. Diogenes, 2017

Dito: Kornblumenblau. – TB-Ausgabe. Diogenes, 2015

Dito: Maiglöckchenweiß. – Geb. Ausg. Diogenes, 2017

(*) Die Währinger Straße in Wien liegt etwas außerhalb der touristischen Zentren und ist eine interessante Bummelmeile mit zahlreichen kleinen bis mittelgroßen Geschäften und teils sehr traditionellen Sortimenten, darunter eben Hartliebs heimelige Buchhandlung, betrieben seit gut zehn Jahren von Petra Hartlieb und ihrem Mann. Hartlieb ist ja inzwischen selbst eine bekannte Autorin, letztes Jahr erschien ihr Ein Winter in Wien. Für das Frühjahr ist die Fortsetzung angekündigt. Sie trägt den folgerichtigen Titel Wenn es Frühling wird in Wien. Freunde dieser Geschichte, die im Jugendstil-Wien spielt, dürfen sich vorfreuen.
Nur wenige Schritte abseits der Währinger Straße findet man die Strudlhofstiege, bekannt aus Heimito von Doderers gleichnamigen Wienepos. Eine der Seitenstraße ist die Berggasse, in der einst Sigmund Freud wohnte und wirkte, und in der man heute das Freud-Museum besuchen kann. In Robert Seethalers Roman Der Trafikant ist Freud Zigarren- und Zeitungskäufer in dem kleinen Laden des Otto Trsnjek auf der Währinger. Petra Hartlieb macht in ihrer Erzählung den jungen Otto zu einem ihrer buchhändlerischen Vorgänger, der den Dichter Arthur Schnitzler beliefert, der mit Familie um die Ecke wohnt. Viel Literatur rund um diese Wiener Straße.

AusLese 2017. Der erste Teil

 

Erzählt und erschrieben. Gedruckt und gebunden. Lese- und Bücherfreuden sind im postanalogen Zeitalter keineswegs ausgestorben. Hier sind wieder meine Favoriten der letzten Monate. Bücher, die mich angeregt, gepackt und bewegt haben. Bücher über die ich mich freue. Einfach weil es sie gibt.

= = =

Acht Berge und Fontane Numero 1 von Paolo Cognetti.

Ich war überrascht und erstaunt welchen Sog Acht Berge auf mich ausgeübt hat. Auf mich als jemanden, der durchaus den erholsamen Charakter alpiner Regionen zu schätzen weiß, der jedoch nie als Extremwanderer oder Bergsteiger zu den höchsten Gipfeln unserer Alpen unterwegs war. Genau das sind die Protagonisten Paolo Cognettis.

Der norditalienische Schriftsteller schreibt über den Kontrast zwischen Zivilisationswirklichkeit, den scheinbar unvermeidlichen Zwängen in modernen Großstadtgesellschaften und der Suche nach dem einfachen Leben in abgelegenen naturnahen Gegenden. (Wer hier an Thoreau denkt liegt nicht falsch, doch Cognetti lebt und schreibt im 21. Jahrhundert.) Er findet seine alternativen Fluchtorte in fast verlassenen Dörfern der piemontesischen Berge. Diesen, den meisten von uns fremden Lebensraum schildert er detailliert realistisch, das Leben dort bei aller Kargheit suggestiv erstrebenswert. Man möchte aufbrechen und ihm folgen. Sein umfangreicher Roman Acht Berge ist auch die berührende Geschichte einer Kinderfreundschaft, zweier Jungs die als erwachsene Männer sehr unterschiedliche Wege einschlagen und sich dabei nie ganz aus den Augen verlieren.

Fontane Nr. 1. Ein Sommer im Gebirge ist kein Roman, vielmehr so etwas wie ein autobiographischer Essay. Der schmale Band handelt von den Zweifeln des Autors an der hyperventilierenden Existenz moderner westlicher Großstädter, ihren standardisierten globalen Lebens-, Arbeits- und Konsumwelten und all den damit verbundenen Notwendigkeiten der Selbstverleugnung. Dem wird die Unwirtlichkeit und Ursprünglichkeit eines Lebens auf 2.000 Meter Höhe im Monte-Rosa-Massiv gegenübergestellt. Welche Schwierigkeiten und Veränderungen des Individuums dies mit sich bringt hat Cognetti in sehr genauen äußeren Beobachtungen und inneren Reflexionen erkundet und notiert.

Cognetti, Paolo: Acht Berge. Roman. – München : Deutsche Verlags-Anstalt, 2017

Cognetti, Paolo: Fontane Numero 1. Ein Sommer im Gebirge. – Rotpunktverlag, 2017

So tun, als ob es regnet

Iris Wolff und ihre Bücher gehören für mich zu den eindrucksvollsten Entdeckungen und Leseerfahrungen des Jahres 2017. Auf con=libri habe ich sie ausführlich vorgestellt. Hier möchte ich einmal mehr ihr neuestes Werk allen Literaturenthusiasten ans Herz legen.

Bei der Lektüre von So tun, als ob es regnet, dem Roman in vier Erzählungen, habe ich mich nicht gewundert ein Zitat von Hermann Lenz vorangestellt zu finden: Du musst dich umschauen, sieh um dich; was du bemerkst, das gehört dir. Mag sein die Schriftstellerin zählt diesen zeitlebens bescheidenen Außenseiter der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zu ihren Vorbildern. Eine legitime Nachfolgerin ist Iris Wolff allemal.

So tun, als ob es regnet (der Titel ist die deutsche Übersetzung einer rumänischen Redewendung), beginnt mit einer sanft erotisch durchwirkten Episode, die vom Schicksal eines sehr jungen Soldaten im Ersten Weltkrieg handelt. Ein Brief von zuhause gefährdet Jacobs Durchhaltevermögen – mit dramatischen Folgen. In der zweiten Geschichte beschäftigt den Leser vorrangig die Frage ob die Hauptperson Henriette die Tochter Jacobs ist. In der dritten schließlich verpasst der draufgängerische Vicco den frühen Tod nur knapp und kommt so gerade noch rechtzeitig um die erste Mondbegehung eines Menschen im Fernsehen mitzubekommen. In jeder neuen Episode ist irgend jemand mit einer Person aus der vorherigen verwandt. Im letzten Teil sind wir in der Gegenwart angekommen und eine Enkelin der Henriette ist nach La Gomera ausgewandert. Es geschieht Merkwürdiges, Realität und subjektive Wahrnehmung verschwimmen. Hier verlässt Iris Wolf schließlich den Erzähl- und Kulturraum des alten Siebenbürgen, den Mittelpunkt, die Hauptbühne ihrer bisher drei Romane.

Die malerische Sprache und die sparsame, sehr gezielt eingesetzte Handlung sind kennzeichnend für den Stil Iris Wolffs. Die vier lose verbundenen Erzählungen des neuesten Romans könnte man als kleine Novellen bezeichnen. Jede berichtet von einer überraschenden Neuigkeit und hält unerwartete Wendungen bereit. In Iris Wolffs Büchern spielt die Natur eine zentrale Rolle, besonders gefallen mir ihre Spätsommer-Schilderungen: Mit dem September veränderte sich etwas. Die Kastanien wussten es immer als erstes. In den Schatten verschanzte sich kühlere Luft, die Blätter fingen an zu welken. … Die Birnen leuchteten in der Dämmerung wie kleine Lampions. … Melonen lagen wie verstreute Bälle herum.

Wolff, Iris: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. Salzburg : Otto Müller Verlag, 2017

Die Erzählerin Iris Wolf und ihre Welt auf con=libri

= = =

Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky.

Diesen Titel vorzustellen heißt wahrscheinlich die berüchtigten glotzäugigen Eulen nach Athen tragen. Sicher kennen Viele schon diesen literarischen Leckerbissen oder kennen jemanden der davon geschwärmt hat. Hier finden Niveau und Unterhaltsamkeit auf feinste Weise zusammen. Allen die sich noch nicht von dieser Geschichte in den Westerwald locken ließen, kann nur dringend empfohlen werden, dies schleunigst nachzuholen.

Sehr schnell nämlich entwickeln Leser heftige Sympathien für das Hauptpersonal dieses wunderbaren Romans. Im Mittelpunkt steht eine junge Erzählerin auf dem Weg ins wahre Leben und zu ihrer großen Liebe. Vor allem Letztere erfordert sehr viel Geduld von ihr. Dann sind da noch – neben allerhand originellen Dorfbewohnern und einigen buddhistischen Mönchen – die Großmutter Selma, deren seherischen Fähigkeiten ebenso gefürchtet wie umstritten sind und ein empathischer Mensch namens Optiker, der Selma ein Leben lang vergeblich nachliebt ohne ihr seine Zuneigung jemals eindeutig ausdrücken zu können.

Wir wundern uns ohne Ende: Der Schauplatz ist nicht das sonst in der jungen deutschen Literatur so unvermeidliche Berlin, sondern ein Dorf hinter den sieben Bergen. Das ist sprachlich eigenwillig und dennoch so unfassbar fesselnd. Es ist humorvoll und dabei nicht ohne Tragik. Und es ist reich an kleinen Klugheiten. Lesenlesenlesen!

Leky, Mariana: Was man von hier aus sehen kann. Roman. – Köln : DuMont Buchverlag, 2017

= = =

Die Statusmeldungen der Wienerin Stefanie Sargnagel.

Jetzt ein ganz anderer Ton, ein ganz anderes Genre. Das neue Buch der Kabarettistin, Slammerin, bachmannpreisgekrönten und zunehmend angesagten Autorin, die sich seit einiger Zeit auf ausgedehnter Lesetour befindet und neulich sogar in Ulm Station machte. (Fast 50 Menschen ist das aufgefallen). Statusmeldungen besteht aus kurzen bis sehr kurzen Skizzen, Pseudo-Tagebucheinträgen, Dialogen, Erlebnissen und skurrilen Aphorismen. Die meisten dieser wortkünstlerisch gestalteten Aufzeichnungen hat Stefanie Sargnagel im Alltäglichen um sich herum entdeckt und aufgelesen. Beispiele? Bitte.

Selbsterkenntnis: Ich bin überraschungseisüchtig. Es ist zu einem richtigen Problem geworden. Den ganzen Tag Spiel, Spaß, Spannung, Schokolade, Spiel, Spaß, Spannung, Schokolade.

Zum Zeitgeist: Wann checkt Sarah Wiener endlich, dass wir Proleten niemals Eier um 5 Euro kaufen werden, egal wie oft sie’s noch auf Arte sagt.

Einsichten: Was spricht eigentlich gegen eine Islamisierung Europas? Die Österreicher sollten eh weniger saufen und Schweinefleisch essen, und die Teppiche sind urchillig.

Oder: Am Berg ist auch noch nie irgendwas entstanden außer Nazi-Lyrik.

Mal profäkal, mal politisch unkorrekt, stetem Rausch verpflichtet, immer satirisch und offen, schlagfertig und luschig. 30 ist das neue 90. Das richtige Buch für ewig Halberwachsene und alle die sich wieder einmal so fühlen wollen. Junge Literatur, die ihren Weg aus dem digitalen Weltnetz auf bedrucktes Papier zwischen sorgfältig gebundene Buchdeckel gefunden hat. Sätze und Absätze einer angehenden Schriftstellerin von der wir eines Tages ganz anderes lesen werden – und wir können dann sagen die kannten wir schon als sie noch so und so… Blauer Leineneinband, werthaltige Anmutung!

Sargnagel, Stefanie: Statusmeldungen. – Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 2017

Buch eines Buchmenschen nicht nur für Buchmenschen ist Das deutsche Krokodil von Ijoma Mangold.

Meine Geschichte heißt der Untertitel dieses intimen Bildungs- und Entwicklungsromans. Es ist die verdichtete Nacherzählung eines nicht ganz typischen deutschen Schicksals.

Dass die Literaturkritiker Denis Scheck und Ijoma Mangold sehr viel gemeinsam haben ist unstrittig. Ihr Aussehen gehört nicht dazu. Haare und Hautfarbe sind ein wichtiges Thema im Leben des ganz jungen Ijoma Alexander Mangold, aber keineswegs das beherrschende in seinen Erinnerungen, dessen Titel nicht nur auf seine afrikanische Teilabstammung, sondern ausdrücklich auf die Faszination des Kindes für eine schweizerische und deutsche Lokomotive mit dem Spitznamen Krokodil anspielt.

Seine Hautfarbe, seine Haare sind es nicht, die ihn als Kind und Heranwachsenden zum (akzeptierten) Außenseiter machen. Es ist seine Vorliebe für Hochliteratur und klassische Musik, die sich in Begeisterung für Thomas Mann und Richard Wagner, für Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauß exemplarisch ausdrückt. Wir sind überrascht wie lange das schon wieder her ist, wenn uns der Autor, der in Heidelberg aufwuchs, in die Zeit der 1970er- und 1980er-Jahre mitnimmt. Die Generation seiner Eltern und Großeltern hat Krieg und Vertreibung erlebt und der Heranwachsende erlebt die Schicksale nach in den Erzählungen seiner Vorfahren.

Das begabte Kind einer unabhängigen alleinerziehenden Mutter kam 1971 zur Welt. Mit Spannung und Interesse liest man wie der Autor in der Rückschau als inzwischen renommierter Journalist seine zeitgeschichtliche und persönliche Sozialisation wahrnimmt. Die Beziehung zur Mutter ist symbiotisch, ihre Schilderung und Analyse nimmt breiten Raum ein in diesem mitreißend zu lesenden autobiographischen Zwischenbericht. Es sind gleichzeitig die anrührendsten Passagen des Buchs.

Mangold, Ijoma: Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte. – Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 2017

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Nächste Woche wird nachgeschenkt von der süffigen AusLese 2017.

Nicht nur Walser

Bei Gmeiner ist ein umfangreicher Text- und Bildband zur Literatur in Oberschwaben seit 1945 erschienen.

Die vordere Umschlagseite zeigt auf einer Schwarzweiß-Fotografie Maria Menz im Gespräch mit Martin Walser. Die beiden verdeutlichen in beispielhafter Weise das weite Spektrum der oberschwäbischen Literaturszene im 20. Jahrhundert. Hier einer der bekanntesten deutschsprachigen Autoren, vielgelesen, vielgefragt, von dem ein umfangreiches Werk unterschiedlicher Gattungen vorliegt, das verfilmt wurde, übersetzt, das Kontroversen auslöste und seinen Verfasser zum omnipräsenten Zeitgenossen werden ließ. Im März dieses Jahres wurde er 90 Jahre alt, tourt und schreibt derweil unverdrossen.

Dort die katholische Frau, aus einem dörflichen Umfeld, die ihre Begabung vorwiegend in Form mystisch durchwebter religiöser Lyrik und Dialektdichtung umsetzte, der man die Ausübung ihrer Neigung und Begabung nicht durchgehen lassen wollte, die sich dennoch berufen fühlte und vielfältige Widerstände in Kauf nahm. In jungen Jahren entkam sie für kurze Zeit der heimatlichen Enge. Als Krankenschwester konnte sie sich im großstädtischen Leipzig nicht behaupten, verbrachte schließlich als Außenseiterin ein langes Leben in ländlicher Abgeschiedenheit. Durch Walsers Zuspruch und Unterstützung erfuhr sie bescheidene und späte Anerkennung und ruht seit 1996, bereits fast wieder vergessen, auf dem Friedhof von Oberessendorf bei Biberach.

Literatur in Oberschwaben seit 1945 ist ein über 300 Seiten starker Sammelband mit Aufsätzen ausgewiesener Kenner der Region und ihres literarischen Lebens. So sind unter anderem Peter Blickle, Oswald Burger, Ulrike Längle und Peter Renz mit Beiträgen vertreten. Jeder Aufsatz ist in sich abgeschlossen und kann separat gelesen werden. Kleinere Redundanzen ließen sich so nicht ganz vermeiden. Der Gmeiner Verlag hat das Werk in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft Oberschwaben editiert, zur Finanzierung des ambitionierten Vorhabens leisteten die Oberschwäbischen Energiewerke einen erheblichen Beitrag.

Manfred Bosch leitet den Band mit seinem Überblick ein. Nicht zufällig trägt der Aufsatz den Titel Oberschwaben als literarische Landschaft nach 1945. Eng verbunden sind die Schriftstellerinnen und Schriftsteller zwischen Donau und Bodensee mit ihrer natürlichen und zivilisatorischen Umwelt, den Hügeln und Tälern, Seen und Flüssen, den kleinen und etwas größeren Städten. Nicht selten findet sich diese Verbundenheit im Werk wieder. Sei es das Leben am großen See bei Walser oder das bäuerlich Existenzielle bei Maria Beig, bis hin zur literarischen Umformung architektonischer und religiöser Besonderheiten bei Arnold Stadler.

Natürlich sind die bekanntesten Namen prominent vertreten. Ernst Jünger, Maria Beig oder Arnold Stadler. Und natürlich Martin Walser, der sich als Patron bis heute immer wieder für die Literatur seiner Gegend und die Persönlichkeiten, die sie schaffen, einsetzt. Denn die Schreibenden Oberschwabens stehen nicht in gleicher Weise im Blickpunkt wie jene der bundesdeutschen Metropolen. So darf man bei der Lektüre des Buches auch an jene denken, die hier nicht vorkommen. Die es trotz einschlägiger Begabung und vorhandenen dichterischen Fleißes nicht geschafft haben verlegt und damit öffentlich überhaupt erst wahrgenommen zu werden. Ganz sicher gehören dazu zahlreiche Frauen des 20. Jahrhunderts. Die Probleme und Hindernisse die Maria Menz, Maria Beig und Maria Müller-Gögler in ihren Laufbahnen und Lebenswegen zu bewältigen hatten, lassen dies zumindest erahnen. Ich weiß, da ist eine Geschichte, und ich weiß, ich werde sie nicht erfahren, beschreibt Cees Nooteboom in seinem Roman Paradies verloren dieses Dilemma.

Ulrike Längle erweitert die Region um das angrenzende Vorarlberg. Das ist geschickt, so sind interessante und bekannte Namen, wie Michael Köhlmeier und Monika Helfer in das Buch geraten. Mit Grenzziehungen ist es ja so eine Sache. Ein geographischer Raum Oberschwaben ist nicht eindeutig definiert und kulturell gibt es traditionell zahlreiche verwandschaftliche Beziehungen, Verflechtungen, Parallelen mit der angrenzenden Nachbarschaft in Österreich, der Schweiz, den bayerischen und badischen Ländereien.

Auf dem vorderen Umschlag sehen wir ein zweites Bild, das uns die malerische Pracht im Inneren des Rathauses der Stadt Wangen erahnen lässt. Und wir sehen die Teilnehmer am sogenannten Literarischen Forum Oberschwaben, die sich hier zu einer ihrer jährlichen Zusammenkünfte getroffen haben. Zu den Förderern, Inspiratoren oberschwäbischen Kunstschaffens im weitesten Sinne gehörte der feinsinnige Kommunikator Walter Münch, einst Landrat des Kreises Wangen, als es diesen noch gab. Er und weitere engagierte Mitstreiter waren es, die die Tradition des Forums ins Leben riefen. Es handelt sich dabei um offene Treffen von Autoren und Autorinnen, die aus dem Gebiet stammen oder sich ihm zugehörig fühlen, zu zwanglosem Kennenlernen und Erfahrungsaustausch. Das Buch berichtet darüber ebenso wie über das Wirken einer literarischen Gruppe, die als Ravensburger Kreis bis 2005 existierte.

Literatur in Oberschwaben seit 1945 gewinnt zusätzlichen Wert und Reiz durch die zahlreichen Abbildungen, darunter viele Personenporträts. Ein großer Teil der Fotografien stammt von dem in diesem Jahr verstorbenen Rupert Leser. Über viele Jahrzehnte ein in vielen Medien und Ausstellungen vertretener Bildchronist der oberschwäbischen Landschaft und ihrer Menschen.

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Weber, Edwin Ernst (Hrsg.): Literatur in Oberschwaben seit 1945. – Gmeiner-Verlag, 2017

(Der größte Teil der Beiträge in diesem Buch basiert auf Vorträgen während einer Tagung der Gesellschaft Oberschwaben, die 2011 im Volkshochschulheim Inzigkofen stattfand.)

Pfiat di Tölz

Über die Freude der Marktgemeinde Bad Tölz, dass ihr im Jahr 1917 ein angehender Literatur-Nobelpreisträger mit seiner Familie den Rücken kehrte.

Apropos Jubiläum. Mein Heimatstädtchen kann ich gut verstehen. Der Jahrestag des Wegzugs meiner Wenigkeit anno 19XX, der in Wirklichkeit eine Flucht war, ist ihm natürlich keinerlei Feierlichkeiten wert. Wer bin ich denn? Schließlich hat der Ort am Rande des Thüringer Waldes seinen Goethe. Von Weimar aus war er oft in Ilmenau, zum letzten Mal 1831 mit 82 Jahren. (Im Kalender also vormerken: 2031 Goethe-Jubeljahr am Fuße von Lindenberg und Kickelhahn. Johann Wolfgang vor 200 Jahren letztmals hier.)

Mein langjähriger und aktueller Lebensmittelpunkt lässt es sich nicht nehmen aus den Windeljahren eines später weltberühmten Physikers eigenen Imagegewinn zu ziehen. Einsteinstraße, Einsteinallee, Einsteinhaus, ja selbst einen schweißtreibenden Langstreckenlauf hat die Donaustadt nach dem Weltbürger benannt. Kaum hatte er 1879 das physikalische Phänomen Licht der Welt erblickt, hielten es seine Erzeuger im Jahr darauf für angezeigt nach München weiterzuziehen. Es war für ihn kein Nachteil, dass der inzwischen Hochgeehrte in den 1930er-Jahren längst im amerikanischen Exil forschte und lehrte, denn Ulm hatte zu der Zeit nicht mehr viel übrig für ihn und die rund ums Münster lebenden jüdischen Mitbürger. (Ulmer merken im Kalender vor: 2030 Jubel in der ganzen Stadt. Vor 150 Jahren überquerte Einstein die Donau bei Ulm.)

Und damit zum oberbayerischen Marktflecken Tölz, heute Bad Tölz. Hier gönnt man sich heuer ein ganzes Jahr zum Feiern. Willkommener Anlass ist nichts weniger als der Wegzug einer ganzen Familie aus der Gemeinde im Jahre 1917. Woanders feiert man 500 Jahre Reformation, 50 Jahre Farbfernsehen oder 300 Millionen Besucher auf dem Eiffelturm. Tölz derweil ergötzt sich daran, dass ein großbürgerlicher Schriftsteller im vorletzten Weltkriegsjahr seine Sommerfrische an der Isar aufgab. 100 Jahre ist es her, dass Thomas Mann mit seiner Frau Katia und den Kindern Erika, Klaus, Golo und Monika Tölz den Rücken kehrte. Es waren harte Kriegszeiten damals und die Aufgabe des geräumigen Feriendomizils hatte nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe. (Im Kalender des Jahres 2017: Jubiläumsjahr Manns verlassen Tölz demnächst abhaken.)

Blick auf Bad Tölz und die Isar

Die Familie Mann hatte bereits mehrfach Sommerwochen in Oberbayern verbracht bis man 1908 das Landhaus in Tölz bauen ließ. Vom Eigentümer als Herrensitzchen bezeichnet, handelte es sich in Wirklichkeit um eine geräumige Villa mit drei bewohnbaren Geschoßen auf einem großzügigem Grundstück in aussichtsreicher Höhenlage über der Stadt. Thomas Mann der notorische Villenbesitzer, wie es der Mann-Basher Brecht ausdrückte. Baubeginn war im September und schon im November stand der Rohbau. Den Sommer 1908 verbrachte man zunächst noch in einer gemieteten Immobilie. Thomas Mann legte letzte Hand an den Roman Königliche Hohheit.

Ein großbürgerlicher Protestant und Schopenhauer-Anhänger im Land des lebensprallen, volkstümlichen Katholizismus mit seinen bilderstrotzenden Ausdrucksformen. Ein homosexuell veranlagter Familienvater, der sein wahres Sehnen aus Rücksicht auf Familie und Gesetzeslage in Zucht halten musste und das pralle Leben mit seinen leichten, durch Beichte leicht vergebbaren Sünden um ihn herum. Die Villa in der Nähe des Klammerweiher, an dem heute der Thomas-Mann-Weg entlang führt, gehört inzwischen dem Orden der Armen Schulschwestern und dient als Erholungsheim.

Tölz hat Spuren im Werk eines Dichters hinterlassen, der viel lieber fand, als dass er erfand. Der Dichter Gustav von Aschenbach im Tod in Venedig besitzt einen rauhen Landsitz … den er im Gebirge errichtet und wo er die regnerischen Sommer verbrachte. Ein schneereicher oberbayerische Winter inspirierte die Schneesturmszenen im Zauberberg. … ein Schneeabenteuer war es, ich hatte so viel Schnee in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen …  schrieb Mann an Ernst Bertram.

Blick von der Isar auf den Kalvarienberg

Kuhmulde heißt ein Teich, der im Doktor Faustus in der Nähe des elterlichen Hofes Adrian Leverkühns liegt. Die Beschreibung lässt erkennen, dass der Tölzer Klammerweihe nach Thüringen verlegt wurde. Ein Teich weidenumstanden, der nur zehn Minuten Weges … entfernt lag … hatte, ich weiß nicht warum, auffallend kaltes Wasser. Und den Kalvarienberg, hoch über der Isar gelegen, finden wir hier als Zionsberg wieder.

In der biographischen Skizze Herr und Hund erfährt man vom Kauf des Hundes Bauschan, neben dem Dichter Hauptfigur der Erzählung, die vom Autor als Idyll charakterisiert wurde: Ein ansprechend gedrungenes, schwarzäugiges Fräulein, das … in der Nähe von Tölz eine Bergwirtschaft betreibt, vermittelte uns die Bekanntschaft mit Bauschan und seine Erwerbung. Für Thomas Mann war ein Leben ohne Hundebegleitung nur schwer vorstellbar.

Für die Mann’schen Großstadt-Kinder waren die sommerlichen Wochen, die sie in Tölz verbringen durften, einerseits willkommene naturnahe Abwechslung, mit zunehmender Verweildauer kam allerdings regelmäßig Langeweile auf. Klaus, damals zwei bis elf Jahre alt, hat diesen Zwiespalt in seinem Lebensbericht Der Wendepunkt rückblickend exemplarisch beschrieben:

Wir haben ein Haus in Tölz, das Tölzhaus, und einen großen Garten, wo man Spiele spielen kann, für die es anderswo nicht genug Platz gäbe. Die Ferienwochen sind lang, zunächst nehmen sie sich beinahe endlos aus, aber schließlich gehen sie doch zu Ende. Der Sommer liegt erschöpft und seiner selbst ein wenig überdrüssig auf den Wiesen, deren Grün die erste Frische längst verloren hat. Die Spiele im großen Garten werden fade wenn die Chrysanthemen ihre reife Pracht in den Blumenbeeten entfalten. Man ist froh, daß der Winter vor der Tür steht, mit Schneeballschlachten und Rodeln und den regelmäßigen Sonntagsessen im Hause der Großeltern.

Tölz begeht das Mann-Jahr 2017. Mit Ausstellung, Vorträgen, Lesungen, Filmvorführungen, Führungen durch den Ort und an die Mann-Stätten. Dass man bei dieser Gelegenheit regelmäßig am Bulle-von-Tölz-Brunnen mit der lebensgroßen Metallsilhouette Ottfried Fischers vorbeikommt, erhöht die Attraktion solcher Rundgänge. Zu den Höhepunkten des Veranstaltungsreigens zählte Mitte September die Jahrestagung der Thomas-Mann-Gesellschaft, die, in Lübeck beheimatet, alle paar Jahre mit dem Kongress in anderen Mann-Städten zu Gast ist. Etwa in Bonn, München und Weimar. Nun also Tölz. Der passende Rahmen war mit dem 1914 eröffneten Kurhaus gefunden. Warmes Licht aus Kristalllüstern, eine etwas zu abgehobene Bühne, sanfte Parklandschaft drumherum.

Die Vorträge waren meist streng wissenschaftlich fundiert, die ganze Atmosphäre vielleicht zu stark von akademischem Ernst geprägt. Wenig zu spüren von Ironie und spielerischer Phantasie des Tagungsgegenstandes. Das Angebot richtete sich an alle Interessierten, besonders eingeladen sollten sich die Einheimischen fühlen. Doch augenscheinlich wurde es von der Tölzer Bevölkerung kaum in Anspruch genommen. Die nutzte lieber das Wochenende für einen Ausflug zum gerade eröffneten Münchner Oktoberfest, der Wiesn. So dominierten in der Stadt und auf dem Bahnsteig von dem die Züge in die Landeshauptstadt fahren, fesche Dirndln in massenproduzierter Trachtenanmutung und Mannsbilder in Krachledernen, ausgerüstet mit Wadenwärmern und Filzhut. Zuhause Gebliebene begnügten sich mit der einen oder anderen frischen Maß (sprich: Masss) zum Frühschoppen.

Ansonsten gibt es immer noch ein lebendiges Interesse an den Manns und ihrem Umfeld. Warum ist das so? Dazu der Mann-Experte und Vorsitzende der Deutschen Thomas-Mann-Gesellschaft Professor Hans Wißkirchen in einem Interview: Das ist eine Kombination aus dem Werk an sich und der Familiengeschichte der Manns mit all ihren Brüchen, Fehlern und interessanten Charakteren sowie Thomas Manns Biografie, in der sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. In Bad Tölz kann man einige dieser Spuren verfolgen, Wege gehen, die Mitglieder der Familie Mann gegangen sind und die sich im Werk des Nobelpreisträgers literarisch gestaltet wiederfinden.

Die Tölzer Marktstraße um 1910

Tölz, – das sind tempi passati, schrieb der Meister epischer Dichtkunst im Sommer 1918 an Paul Amann. Die Familie sommerte nun am Tegernsee. Was der inzwischen fünffache Familienvater da noch nicht wusste: Einige harte Nachkriegs- und Mangeljahre standen Deutschland bevor, die auch an der Familie Mann nicht spurlos vorüber gingen.

In Sachen Mann-Häuser (München, Nidden, Kalifornien, Zürich) tut sich ja derzeit einiges. In das von der Bundesrepublik erworbene Haus in Pacific Palisades ziehen bald die ersten Stipendiaten ein. In Litauen an der Kurischen Nehrung ist bereits vor einigen Jahren ein bewunderswertes Kulturzentrum entstanden. In Zürich residiert das Archiv. Anlässlich der Herbsttagung der Thomas-Mann-Gesellschaft in Tölz kündigte Hans Wißkirchen eine Initiative für ein Netzwerk der Thomas-Mann-Häuser an und schlug vor, Tölz möge sich an diesem Netzwerk beteiligen. Spontanen Überschwang löste die Idee vor Ort jedoch nicht aus.

Von Siebenbürgen bis heute

Die Erzählerin Iris Wolff und ihre Welt

Es war quasi eine Fußnote, die mich auf das neueste Buch von Iris Wolff aufmerksam machte. Ich kannte die Schriftstellerin bisher nicht. So tun, als ob es regnet war die persönliche Empfehlung Denis Schecks in der Bestenliste des SWR vom Juni diesen Jahres. Iris Wolff lässt ihre Leser erfahren, was passiert, wenn nichts passiert – und findet starke Bilder für ihren die historische Erfahrung eines ganzen Jahrhunderts umspannenden Roman. Dass nichts passiert stimmt so allerdings nicht. Dazu gleich mehr.

Wenn ein Schriftsteller, eine Schriftstellerin für eine Neuerscheinung gerühmt wird, schaue ich gerne nach was bereits vorliegt. Deshalb las ich zunächst Wolffs ersten Roman Halber Stein. Zu oft hat man Debütanten erlebt, die das Niveau von gelungenen Erstlingen nicht halten konnten. Bei Iris Wolff ist das anders. Sie ist der erfreuliche Fall, dass die literarische Qualität ebenso hoch, wie gut lesbar bleibt, während der Zuspruch der Leser und Kritiker von Werk zu Werk steigt.

Zur Beerdigung der Großmutter reist eine Frau von Mitte zwanzig mit ihrem Vater in den kleinen Ort Michelsberg nahe Hermannstadt (Sibiu) in Rumänien. Es ist das ehemalige Siedlungsgebiet der Siebenbürger Sachsen. Nach russischer Besatzung, damit verbundener Verschleppung in die Zwangsarbeit, und der für alle Menschen im Lande fürchterlichen Ceaușescu-Zeit, sind in den letzten Jahrzehnten die meisten von ihnen nach Deutschland ausgewandert. Wenige blieben – meist ältere Menschen. Iris Wolffs Geschichte setzt viele Jahre nach Herta Müllers Atemschaukel ein. Die historischen Erfahrungen haben jedoch tiefe Spuren in Region und Menschen hinterlassen.

Bild: Wiebke Haag

Friedesine, von allen nur Sine genannt, hat hier Kinderjahre verbracht und die Reise ist mit Erinnerungen und Wiederbegegnungen verbunden. Begegnungen mit Julian dem fast vergessenen Freund früherer Tage, ehemaligen Bekannten, Nachbarn der Verstorbenen. Der Wiederentdeckung von Orten, Wegen, Räumen. Zur Beerdigung und der anschließenden Gedenkfeier, verbunden mit üppigem Mahl und hochprozentigen Getränken, kommen zudem Verwandte zusammen, die sich nur selten begegnen und deren Verhältnis nicht ohne Spannungen ist.

Der halbe Stein ist ein Naturdenkmal an einem Fluss bei Michelsberg im Landstrich vor den Karpaten. Fruchtbar ist diese Gegend, mit warmen Sommern und strengen Wintern, mit einer reichen, sehr eigenen kulturellen Vergangenheit, geprägt von den deutschsprachigen Siedlern ebenso, wie von der rumänischen Bevölkerung und ungarischen Einflüssen. Iris Wolff gelingen großartige, vielfarbige Landschaftsbilder und einprägsame Personenportraits während sie ihre Hauptfigur auf die Suche nach der verlorenen Kindheit, der unwiederbringlichen Heimat und einen Weg in die für sie zu diesem Zeitpunkt offene Zukunft schildert.

Ruhiger Erzählstrom in poetischer Sprache, eine Handlung, die immer wieder kleine Überraschungen bereithält, Sätze, die jeden, der Sinn für Prosa abseits des reiserisch Zeitgeistigen hat, fesseln werden. Es ist ein wunderbares Spätsommerbuch, das man ungern aus der Hand legt um sich zwischen den Leseperioden notgedrungen profanen Alltagsdingen zuwenden zu müssen. Ein Buch der Farben und Gerüche. Ein Buch das duftet. Nach dem Aroma von feuchter Erde und reifen Limonen. Von Moden befreites, zeitloses Schreiben einer Dichterin, die im gerade wieder ausbrechenden Literaturpreisrummel, leicht zu übersehen ist.

Kann man in Zeiten von heute hier, morgen dort, der abverlangten globalen Beweglichkeit, über Sehnsucht nach Heimat und damit verbundene Gefühle schreiben? Iris Wolff kann. Genau statt pauschal. Berührend statt rührselig. Ihre Begegnung mit Vergangenem ist mit keinerlei Besitzansprüchen verbunden.

(c) Stine Wiemann

Die Kindheit eines Autors, einer Autorin war bereits Stoff und Anlass für viele große Romane der Weltliteratur. Auch Iris Wolf schöpft kraftvoll aus diesem tiefen Brunnen. 1977 in Hermannstadt geboren, verbrachte sie frühe Kinderjahre im elterlichen Pfarrhaushalt in Semlak nahe Arad. Eine Region die lange zu Ungarn gehörte und heute am westlichen Rand Rumäniens liegt. 1985 kam die Familie nach Deutschland. Die Umsiedlung erlebte Iris Wolff als Kulturschock, die Kindheit in Rumänien schien mir unbeschwerter, sagt sie im Rückblick. In Marbach studierte sie Germanistik, Religionswissenschaft und Malerei, war später am Deutschen Literaturarchiv als Museumspädagogik tätig. Iris Wolff lebt inzwischen in Freiburg. Sie schreibt, malt, fotografiert und arbeitet seit einigen Jahren als Kulturkoordinatorin.

Ihre Figuren entwickeln sich während des Schreibprozesses, erläuterte sie in einem Interview. In einem Jahr sollte ihr erster Roman Halber Stein fertig werden – es dauerte schließlich sechs Jahre bis das Buch 2012 herauskam. Es ist über die Jahre gereift, hat mehr und mehr Geschichten, Gedanken, Farben und Gerüche aufgenommen. Die Erinnerung an die Kinderjahre hat sie nie losgelassen. Und die Erinnerung an das Lebensgefühl und die Kultur der Deutschen, Rumänen und Ungarn im südöstlichen Europa. Hier konnte man die Liebe immer in drei Sprachen erklären.

Sie recherchierte vor Ort, fotografierte, interviewte Eltern und Großeltern. Orte und Menschen sind – auch wenn sie authentischen Orten und lebenden Menschen ähneln – als Fiktion, im Sinne einer eigenen, erdichteten Welt, zu betrachten. Ein in der Literaturgeschichte nicht seltenes Bekenntnis wenn auf eine strikte Trennung von Dichtung, Erinnerung und Wirklichkeit verzichtet wird. Das Ende der Erzählung ist offen, doch eine Zukunft absehbar.

Als ich schließlich mit der Lektüre von So tun, als ob es regnet, den in diesem Jahr erschienen Roman in vier Erzählungen, begann, habe ich mich nicht gewundert ein Zitat von Hermann Lenz vorangestellt zu finden: Du musst dich umschauen, sieh um dich; was du bemerkst, das gehört dir. Mag sein, sie zählt den unscheinbaren Außenseiter der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zu ihren Vorbildern. Eine legitime Schülerin ist sie allemal.

Bild: Wiebke Haag

Die erste, sanft erotisch durchwirkte Episode, handelt vom Schicksal eines Soldaten im Ersten Weltkrieg. Ein Brief von zuhause gefährdet das Durchhaltevermögen des jungen Jacob. In der zweiten Geschichte beschäftigt den Leser zunächst einmal die Frage ob die Hauptperson Henriette die Tochter Jacobs ist. In der dritten verpasst der draufgängerische Vicco den frühen Tod nur knapp und kommt gerade noch rechtzeitig um die erste Mondbegehung eines Menschen im Fernsehen mitzubekommen. In jeder neuen Erzählung ist irgend jemand mit einem Protagonisten der vorherigen verwandt.

So geht es in großen Sprüngen durch etwa hundert Jahre. Im letzten Teil sind wir in der Gegenwart angekommen und eine Enkelin der Henriette ist nach La Gomera ausgewandert. Hier verlässt Iris Wolf schließlich den Erzähl- und Kulturraum des alten Siebenbürgen, den Mittelpunkt, die Hauptbühne ihrer bisher drei Romane. Auch im neuesten Werk entwickeln die malerische Sprache und die sparsame, sehr gezielt eingesetzte Handlung, einen starken Sog. Eine Anziehung ähnlich Licht, Luft und Landschaft in denen diese Geschichten daheim sind. Iris Wolff schafft schreibend ihren Leserinnen und Lesern ein erlesbares Zuhause.

So tun, als ob es regnet ist die deutsche Übersetzung eines rumänischen Sprichworts. Se face ca ploua, heißt es im Original, was gesprochen sicher melodischer klingt als in deutscher Sprache. Die vier lose verbundenen Erzählungen des Romans könnte man als kleine Novellen bezeichnen. Jede berichtet von einer überraschenden Neuigkeit und hält unerwartete Wendungen bereit. In Iris Wolffs Büchern spielt die Natur eine zentrale Rolle, besonders gefallen mir ihre Spätsommer-Schilderungen: Mit dem September veränderte sich etwas. Die Kastanien wussten es immer als erstes. In den Schatten verschanzte sich kühlere Luft, die Blätter fingen an zu welken. … Die Birnen leuchteten in der Dämmerung wie kleine Lampions. … Melonen lagen wie verstreute Bälle herum.

Besser als Denis Scheck kann ich es nicht formulieren: Viel vom poetischen Charme dieses Romans erklärt sich aus dem traumsicheren Sprachgefühl und guten Auge der Autorin für sprechende Momente und Details. Ich bin kein Kritiker, ich bin nur Leser. Ein beglückter Leser, der sich über eine beeindruckende Neuentdeckung freut und Iris Wolffs Werke in seinen ganz persönlichen Kanon deutschsprachiger Literatur aufnimmt.

Wolff, Iris: Halber Stein. Roman. – Otto Müller, 2012

Wolff, Iris: Leuchtende Schatten. Roman. – Otto Müller, 2015

Wolff, Iris: So tun, als ob es regnet. Roman in vier Erzählungen. – Otto Müller, 2017