… auf des toten Manns Kiste

Tag- und Nachtträume in viraler Epoche

Ich ging im Städtchen so für mich hin. Und natürlich stand mir nicht der Sinn danach irgend etwas zu suchen. Ein harmloser Spaziergang zu pandemischen Zeiten im gutbürgerlichen Stadtteil sollte es sein. Die frühlingswarme Straße hinauf und hinab. Auf beiden Seiten mehrstöckige Wohnhäuser der Gründerzeit. Aus der inneren Einkehr kurz aufschauend, strecken sich plötzlich aus jedem Haus unzählige Balkone dem Überraschten entgegen. Und schon erklingen Stimmen. Glockenhelle Stimmen junger Knaben und Mädchen, paarweise stehen sie auf den schmiedeeisern umhegten Plattformen: Freude, schöner Götterfunken, / Tochter aus Elisium, / Wir betreten feuertrunken / Himmlische, dein Heiligthum.

Von einem Augenblick auf den anderen sind die Kinder verschwunden. An ihrer Stelle singen jetzt Männer. Große und kleine, schmale und beleibte, glatt oder bärtig, betagt oder jünger. Satte Bässe und schmetternde Tenöre in Zweier-, Dreier-, Vierergruppen. Kraftvoller Gesang im widerhallenden Straßenraum: La Montanara ohe / Von fern rauscht der Wasserfall / Und durch die grünen Tannen / Bricht silbern das Licht. Doch bald werden die Stimmen rauher, aus melodischem Gesang wird eine Art Grölen. Zu verstehen ist nur der in Dauerschleife wiederholte Refrain: You never walk alone. 

In der folgenden Nacht der beklemmende Besuch im Autokino. Die Türen des Wagens lassen sich nicht mehr öffnen. Ich rüttle an den Seitentüren, klopfe verzweifelt gegen die Windschutzscheibe. Nichts und niemand rührt sich. Auf dem Beifahrersitz die leere Tüte einer Großportion Popcorn und aus dem Literbecher Copa Cola ragt der Trinkhalm. Nur wenige Meter vor mir auf einer extrem überdimensionierten Leinwand laufen sämtliche Bergman-Filme in Endlosschleife. Stundenlang, nächtelang. Kein Entkommen. Als ich schweißgebadet aufwache, wird es bereits hell vor dem Fenster. Vögel jubilieren.

Die Nächte drauf suchen mich beängstigende Gestalten aus den in den letzten Tagen und Wochen verschlungenen Romanen heim. Massive Nebenwirkungen exzessiver Leseorgien, erzwungen durch Quarantäne und die Abstinenz von jeder Form kultureller oder sportlicher Freizeitaktivität. Fußball in echt, Maibockfeste und Volksläufe, Freilichttheater und Kammermusikabende unter Linden – alles passé. Entzugserscheinungen. Massiv. Zittern. Schlafprobleme. Immer öfter kommt der Alp.

Die Hispaniola schwankt in schwerer See. Long John Silver und der Einbeinige mit der Holzkrücke zerren mich an Deck. Drei Seeräuber schwanken auf mich zu und schwingen ihre Säbel über den Kopf. Mein Fluchtversuch mit bleischweren Füßen rückwärts über nasse Planken. Der Rand des Schiffbugs. Das Hindernis. Stolpern. Sturz über die niedere Reling. Unter mir die aufgewühlte Südsee. Den Chor der zerlumpten Mannschaft noch im Ohr: Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste / Ho ho ho und ne Buddel mit Rum / Schnaps stand stets auf der Höllenfahrt Liste / Ho ho ho und ne Buddel mit Rum. Schmerz in der Hüfte. Langsames Erwachen neben dem Bett. Die Schatzinsel ist das hier nicht.

Schlaflos in den Straßen Londons unterwegs. In Wirklichkeit war ich nie hier. Jetzt bin ich in die Romane von Nicci French geraten. Belebte Straßenzüge mit kleinen Läden. Die Gerüche der Gewürze aus aller Welt. Kleine Gassen und Straßenmärkte. Das Ufer der Themse und stinkende Kanäle. Pubs, Kneipen, zwielichtige Hotels, Wolkenkratzer, Brachland und die Krater großer Baustellen. Kleine Parks und Grünanlagen. Vernachlässigte Reihenhäuser und schäbige Wohnsilos, und hinter jeder Ecke kann ER lauern. Dean Reave, der Psychopath, der mehrfache Mörder, der Wandelbare. Allgegenwärtige Bedrohung. Ich habe mich in eine kleine Teestube geflüchtet, nass vom Dauerregen, frierend, einsam und hilflos. Da geht die Tür auf … 

Acht dicke Bände mit Frieda Klein, der Londoner Psychotherapeutin und nächtlichen Stadtwanderin, die der Londoner Polizei immer wieder mehr oder weniger freiwillig zur Hand geht. Von Blauer Montag bis Der achte Tag pralle Spannung und Unbehagen. Auslöser unruhiger Nächte mit beklemmenden Träumen.

Über meine weitere Lektüre muss ich mir ernsthaft Gedanken machen, wenn ich zu ruhigem, das Immunsystem stärkenden Schlaf zurückfinden will. Vielleicht in Zukunft nur noch die autobiographisch grundierten Eugen-Rapp-Romane von Hermann Lenz. Oder ich mache mich endlich einmal zusammen mit Marcel P. auf die Suche nach der verlorenen Zeit

Ein Frühlingsgedicht von Selma Meerbaum-Eisinger

Frühling

Sonne. Und noch ein bißchen aufgetauter Schnee
und Wasser, das von allen Dächern tropft,
und dann ein bloßer Absatz, welcher klopft,
und Straßen, die in nasser Glattheit glänzen,
und Gräser, welche hinter hohen Fenzen
dastehen, wie ein halbverscheuchtes Reh …

Himmel. Und milder, warmer Regen, welcher fällt,
und dann ein Hund, der sinn- und grundlos bellt,
ein Mantel, welcher offen weht,
ein dünnes Kleid, das wie ein Lachen steht,
in einer Kinderhand ein bißchen nasser Schnee
und in den Augen Warten auf den ersten Klee …

Frühling. Die Bäume sind erst jetzt ganz kahl
und jeder Strauch ist wie ein weicher Schall
als erste Nachricht von dem neuen Glück.
Und morgen kehren Schwalben auch zurück.

(Geschrieben am 07.03.1940)

Heute gehört sie zum literarischen Dreigestirn der Stadt Czernowitz, das die Namen Paul Celan, Rose Ausländer und Selma Meerbaum-Eisinger trägt. Czernowitz war jene deutschsprachige Insel aus Zeiten der Habsburgermonarchie, die durch den Vernichtungsfuror Hitler-Deutschlands unterging. Zu den Opfern des Holocaust gehörte auch die 18jährige Selma Meerbaum-Eisinger. (Jürgen Serke in: Ein Buch kommt in Deutschland an. PDF-Dokument via Wikipedia-Eintrag zu Selma Meerbaum-Eisinger.)

In Czernowitz kam Selma Merbaum am 5. Februar 1924 zur Welt. Der Vater war ein Schuhhändler, im Elternhaus wurde Deutsch gesprochen, in der Schule Rumänisch. Ihr Umfeld war geprägt von deutsch-jüdischer Kultur, die Region vom Vielklang der unterschiedlichsten Völkerschaften. Schon früh entdeckte sie für sich die Gedichte Heines und Rilkes, Verlaines und Tagores, Klabunds Nachdichtungen chinesischer Werke. Selma starb am 16. Dezember 1942 im Arbeitslager Michailowka.

Gerade einmal 57 eigene, handschriftlich verfasste Gedichte hat sie hinterlassen. (Darüber hinaus hat sie sich auch an Nachdichtungen französischer, rumänischer und jiddischer Lyrik versucht.) Unter dem Titel Blütenlese hat sie diese selbst zu einem Album gebunden, das sie ihrem Freund Leiser Fichmann widmete, der auf der Flucht nach Palästina starb. Mit dem Satz Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben … endet das schmale Bändchen, das auf glückliche Weise durch Krieg und Wirrnisse erhalten blieb.

Erstmals publiziert wurden ihre Gedichte 1976 als Privatdruck in Israel. Die Dichterin Hilde Domin machte den Exilforscher Jürgen Serke auf die Autorin aufmerksam. Im Mai 1980 erschien ein Artikel Serkes über Selma Merbaum in der Illustrierten Stern, der eine breitere Öffentlichkeit auf sie aufmerksam machte. Im Herbst des gleichen Jahres kam ein von Serke editierter Band bei Hoffmann und Campe heraus: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eine jüdischen Mädchens an seinen Freund. 

Der herausragende literarische Rang dessen was in so knapp bemessener Lebenszeit entstehen konnte ist heute unbestritten. Einzelne Gedichte wurden unter anderem von Reinhard Mey, Inga Humpe und Sarah Connor vertont oder interpretiert. Sie fanden Aufnahme in Anthologien und Schulbüchern. Hörbücher wurden von Iris Berben und Herman van Veen eingelesen. 2007 stand ein bundesweiter Gedichtwettbewerb unter dem Motto Was geht mich Selma an?

Zu Selma Merbaums Leben in Czernowitz und zu ihrer Familie war bisher so gut wie nichts bekannt. Die Vernichtungsfeldzüge der Nazis sowie das Chaos der anschließenden Kriegs- und Nachkriegszeit schienen Informationen zu ihr und ihrem Leben restlos getilgt zu haben. Nicht einmal ihr Name war richtig überliefert worden.

Nach jahrelangen Forschungen hat Marion Tauschwitz 2014 eine Biographie einschließlich aller Gedichte veröffentlicht. Sie hat dazu Daten, Lebenszeugnisse und Fakten des Umfelds in Archiven der Ukraine, Englands, der USA und Deutschlands gesichtet und ausgewertet. Es gelang ihr Zeitzeugen ausfindig zu machen und zu befragen. In einer einfühlsamen, wissenschaftlich fundierten Arbeit hat Tauschwitz Selma Merbaums Leben rekonstruiert und alle Gedichte nach den Originalhandschriften neu übertragen.

Serke, Jürgen (Hrsg.): Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eine jüdischen Mädchens an seinen Freund. – Hamburg, 1980 (danach versch. Auflagen und Ausgaben)

Tauschwitz, Marion: Selma Merbaum : Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biographie und Gedichte. Mit einem Vorwort von Iris Berben. – Springe, 2014

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(Vielen Dank an Bernd Michael Köhler, dass er mich auf die Dichterin aufmerksam gemacht hat, für die Auswahl des zur Jahreszeit passenden Gedichts, sowie für die Zusammenstellung von Datenmaterial zu Leben und Rezeption der Dichterin.)

Mann und Maske

Als ich neulich in pandemiebedingter Abgeschiedenheit einmal mehr an heimischen Regalen auf der Suche nach zeitvertreibendem Lesestoff war, fiel mir die Taschenbuchausgabe des Doktor Schiwago von Boris Pasternak in die Hände. Zum zweiten oder dritten Mal in einem lektürereichen Leben vertiefte ich mich in diesen Roman und war erneut von der epischen Kraft des dicken russischen Erzählwerks hingerissen. 

Dabei musste ich an den kleinen, hoch über Innsbruck gelegenen Wintersportort denken wo ich einst mit Freunden und Freundinnen ein ebenso zünftiges wie sommerliches Wochenende verbringen durfte. Zum beliebten Erzählstoff an weinseligen Abenden in der Gemeinde gehören bis heute die Legenden vom berühmten Schauspieler Omar Sharif der hier gerne zu rasanten Skiabfahrten, ausgedehnten Après-Vergnügungen und galanten Abenteuern mit geneigter einheimischer oder zugereister Weiblichkeit weilte.

Zur Erinnerung. Omar Sharif spielte die männliche Hauptrolle in einer üppigen Verfilmung des Schiwago-Stoffs von 1965. Mit seither unerreichter männlich-chauvinistischer Souveränität bezirzte er Schauspiel-Kollegin Julie Christie, die die ebenso zarte wie schöne Larissa Antipowa, genannt Lara, geben durfte. Kaum der Erwähnung wert, dass das cineastische Großwerk von mehr als drei Stunden Spieldauer, das David Lean publikums- und kassenwirksam inszenierte, nur ein dünner Aufguss des von Pasternak so tief und breit erzählten Dramas darstellt. Die von Maurice Jarre komponierte Musik, und davon insbesondere die Titelmelodie, wurde allerdings so populär, dass sie bis heute in vielen Ohren nachklingt.

Der gute Omar Sharif, weltweit umschwärmter Hauptdarsteller in vielen aufregenden und bis heute gern gesehenen Leinwandhits, ist seit inzwischen fünf Jahren nicht mehr unter uns. Und an den kleinen Skiort in den Tiroler Bergen kann ich neuerdings nur mit den berüchtigten gemischten Gefühlen denken, haben sich doch dieser und ähnliche, die Massen anziehenden alpinen Hochlagen, als bedenkliche epidemiologische Epizentren entpuppt. Eine Omar-Sharif-Maske aus Karton kann übrigens für Euro 4,50 bei Celebrity Cutouts online bestellt werden. Ob sie wesentlich dazu beiträgt ihre Träger vor viralem Sprühregen zu schützen, bzw. dessen Aussendung zu verhindern, ist unklar.

Für immer die Alpen heißt das farbige, ausgesprochen originelle Romandebüt von Benjamin Quaderer. Das Buch, in dem das kleine bergige Fürstentum Liechtenstein eine bedeutende Rolle spielt, beginnt als klassischer Entwicklungsroman mit wendungsreichen, humorvollen Passagen. Aus diesen Anfängen entwickelt sich eine turbulente Geschichte rund um Geldwäsche und Erpressung, um Bankenskandal und Staatskrise. Ein spannendes Zeitpanorama mit aktuellen Bezügen. 

Der Held und Erzähler gerät als böswillig verlassenes Kind auf wundersame Weise und mit Hilfe eines prominenten Gönners in den zweifelhaften Genuss in Barcelona eine Schule besuchen zu können, die eigentlich jenen Eliten vorbehalten ist, die sich durch besondere finanzielle und gesellschaftliche Privilegien für allerhand Sonderbehandlungen erwählt glauben. Johann bleibt mit seinem nicht klassenaffinen Benehmen und der völligen Mittellosigkeit Außenseiter in diesem Milieu, hässliches Entlein unter prächtigen Schwänen. Er wird bald das Weite suchen.

Wie der vernachlässigte Johann mag sich in nächster Zeit mancher Mitbürger und manche Mitbürgerin unseres föderalen, virengeplagten Gemeinwesens vorkommen wenn er Supermärkte und öffentliche Verkehrsmittel frequentiert. Wir haben uns darauf verständigt, den Bürgern das Tragen sogenannter Alltagsmasken in der Öffentlichkeit – beispielsweise im ÖPNV, beim Einkaufen und in den Schulen, dringend zu empfehlen, postulierte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann in all seiner groß- und landesväterlichen Gutmütigkeit. Dabei übersehend dass solch empfehlendes Ansinnen bei Zeitgenossen mit ausgeprägtem Bedürfnis nach vorauseilendem Gehorsam sehr gerne als gutbürgerliche Verpflichtung verstanden werden kann. 

Nichts stigmatisiert die dann verbleibende maskenlose Minderheit mehr als diese perfide Form von Freiwilligkeit. Nicht jeder und nicht einmal jede in unserer Virologen-Republik kann Stricken, Häkeln oder Nähen und ist damit in der Lage zur Selbsterzeugung von Produkten die Nase und Mund Sprühnebel hemmend umschließen. Nicht jeder und jede verfügt über das akquisitorische Geschick sich die erwünschten Erzeugnisse auf einem leergefegten Markt zu beschaffen. Und nicht jeder Allergiker und Asthmatiker ist bereit auf mühsam genug fallende Atemzüge bei definierten Gelegenheiten zu verzichten. Liebe Kanzlerin, lieber Gesundheitsminister, liebe Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen: Schmeißt Alltagsmasken unters Volk bevor ihr das nächste Mal den hüllenlosen Mund zu voll nehmt.

Der Mann mit der eisernen Maske ist der dritte Roman von Alexandre Dumas rund um Die drei Musketiere. Seit 120 Jahren millionenfach aufgelegt und gelesen, bis heute eine schmissige Lektüre. Buch und Verfilmungen gehören in die Mantel-und-Degen-Schublade. Die umkämpften Schauplätze sind im Frankreich des Louis XIV, im 18. Jahrhundert, angesiedelt. Lektüre die über viele phantastische Seiten und Kapitel, zumindest in Gedanken und für Augenblicke, aus verpflichteter oder selbst gewählter Quarantäne befreien kann. Nicht weniger als all die anderen Bücher die man in diesen lesefreundlichen Zeiten neu oder wieder entdeckt.

Die letzte Lesung

Blau karierte Tischdecke, Rotwein und Pizza Frutti di Mare. Der Kellner im perfekt sitzenden Anzug mit nobler Fliege. Den italienischen Akzent wird er sich antrainiert haben, denn er wurde vor zwei Generationen in Deutschland geboren. Er sorgt sich dieser Tage um ältere Verwandtschaft, die noch in der Gegend von Bergamo lebt. Meine vorerst letzte Pizza außer Haus in diesem so geliebten Ambiente.

Der Erika-Mann-Platz im Zentrum. Alte Linden in der Mitte, drumherum fidele Mischung aus historischem Bestand und sachlicher Funktionalität. Ort quirliger Urbanität. Cafès, Kneipen, Restaurants. An der südöstlichen Ecke die kleine Kultbuchhandlung. Wird mein letzter Besuch im Laden auf unabsehbar der letzte bleiben? Wenige hundert Meter weiter, hinter dem Rathaus, die Stadtbibliothek. Seit zwei Wochen sichtbares Symbol einer hermetischen Gesellschaft. Dreivier Romane liegen zuhause, sie waren weniger fesselnd als erwartet. Die Leihfrist verlängert bis Sankt Nimmerlein.

Die letzte Bierbestellung bei Charlotte, genannt Charly, seit vielen Jahren Stammkraft in meiner Altstadt-Stammkneipe. Wenn ich gewusst hätte, dass diese Halbe an diesem Ort die letzte sein würde für lange Zeit, wäre es an diesem Abend bestimmt nicht die letzte geblieben.

Ich verbringe viel Zeit mit Kindern und Frau, was natürlich schön ist, und trauere manchmal den Veranstaltungen nach, die jetzt gerade wären. Der Schriftsteller Ingo Schulze im Hessischen Rundfunk.

Ingo Schulze (l.), Foto: Wiebke Haag

Ingo Schulze war der bislang letzte Schriftsteller, den ich auf einer echten Lesung, leibhaftig und vor Ort mit reichlich Zuhörerschaft erleben durfte. Damals, es war der 12. März, eine durchaus riskante Angelegenheit, obwohl mir die Eintrittskarte von einem Latexhandschuh überreicht wurde und reichlich Desinfektionsmittel strategisch günstig positioniert zur allgemeinen Verfügung standen. Doch dann der überfüllte Saal, die stickige Luft – der Besuch der Veranstaltung wurde zur Herausforderung des Schicksals. Das alles nicht einmal das reinste Vergnügen. Bei stümperhafter Moderation mit hohem Fremdschämfaktor und einem gleichmütig reagierenden Schriftsteller, der viel zu lange Passagen aus dem neuen Roman las und damit den potentiellen zukünftigen Lesern einiges an möglicher Spannung nahm.

Mitte März 2020. Kommt mir vor als wäre es schon ewig her. Die Buchmessestadt Leipzig ohne Buchmesse. Leipzig in trister Stimmung, bei bedecktem Himmel, gelegentlichem Regen und auffrischendem Nordostwind. Die Lesung von Schulze war eines der wenigen Ereignisse die vom geplanten und längst sorgfältig vorbereiteten, die Buchmesse normalerweise begleitenden Mega-Event Leipzig liest übrig blieb. Nicht wenige Buchmenschen waren trotz Messeausfall und viraler Widrigkeiten nach Sachsen gekommen. (Es war kurz vor den Verboten und wohlmeinenden Verhaltensnormen – eine Zeitenwende vor heute.) Aus Solidarität mit den kleinen Verlagen, den unabhängigen Buchhändlern, den verblüfften Autoren und Autorinnen, die langsam erkannten, dass es ab sofort an die Fundamente ihrer materiellen Existenz gehen würde. Aus Sympathie zum Hotel in dem man seit Jahren entgegen der üblichen Messetrends stets wohlfeile und freundliche Aufnahme fand.

So viele Gutscheine können wir gar nicht verkaufen, sagen die Inhaber der kleinen Buchläden, so tolle Webshops nicht ins Netz stampfen, so viele Fahrradkuriere niemals aussenden, so viel auf Kosten der eigenen Gesundheit schuften, dass die jetzt eingetretenen Verluste kompensiert werden könnten. Camus Pest und Manns Tod in Venedig sind die Seuchenbestseller, die sie in günstigen Taschenbuchausgaben den Kunden vor die Quarantäne-Schleuse legen dürfen.

Seltsam im Freien zu Wandeln. Mit Misstrauen bedacht ein Jeglicher der entgegenkommt, schon vorab verdächtig der Bereitschaft die nunmehr geltenden Abstands- und Anstandsregeln zu verletzen. Die Folge ist verdrucktes, huschiges Aneinandervorbei. Wenige Schritte weiter springt ein Plakat ins Auge das Dank aus- und Solidarität verspricht, und im Ohr noch den Fernsehsprecher, der von Wellen der Hilfsbereitschaft weiß und dessen Sender versichert für EUCH, also für dich und mich, da zu sein.

Das letzte Buch gelesen. In der Krise plötzlich nicht mehr lesen können. … Ich spiele Scrabble mit einer App, ich schaue Netflix, ca. dreizehn Minuten. Dann falle ich in einen tiefen Schlaf. Es läuft ganz gut, dachte ich, aber heute ist so ein Tag, an dem der Rücken schmerzt, und alles reizt, jede Kleinigkeit, und ich nicht mehr mag, und ich das auch so gerne einfach so sagen möchte: Ich mag nicht mehr. (Die Schriftstellerin Lena Gorelik über den Alltag in der Isolation, mit Kinderbetreuung, Autorinnentätigkeit und vernachlässigten individuellen Bedürfnissen.)

Seltsam kommt es nun jenen vor die Enkel haben und denen nicht mehr nahe sein dürfen. Vorlesestunden mit kuscheligem Aneinander sind Vergangenheit. Datenfernkommunkation in Ton und Bild stellt keine wirklich genügende Ersatznähe her. Da muss in höchster Not und angesichts akutem Büchermangel der beliebte Logistikdienstleister DHL bemüht werden. Und so gehen Der Räuber Hotzenplotz, die einfallsreichen Geschichten und Bilder von Janosch, Der Maulwurf Grabowski zusammen mit vielen anderen spannenden Erzählungen und bunten Bilderwelten als Fünf-Kilo-Paket auf die Reise zu den Lieben, die geographisch nah, gleichzeitig unerreichbar sind. Seltsam auch das längst erwachsene Kind in einem anderen Land zu wissen, in dem die Menschen zwar die gleiche Sprache sprechen und das ungleich näher liegt als irgend ein sagenumwobenes Timbuktu, das jedoch, gleich dem eigenen Staat, Grenzen definiert, die Begegnungen mit Hüben oder Drüben ausschließen. 

Große Reiche vergehen, ein gutes Buch bleibt. Ich glaube an gut beschriebenes Papier mehr als an Maschinengewehre, lässt Lion Feuchtwanger sein alter ego Jacques Tüverlin im Roman Erfolg feststellen. Corona ist lautlos und hinterhältig, mikroskopisch klein und mit Literatur allein nicht zu besiegen, allenfalls besser zu ertragen. Es gilt die Zeit mit guten Büchern zu überbrücken, bis der Gegner mit den Waffen moderner medizinisch-biologischer Forschung in seine Schranken gewiesen werden kann. Dann wäre neu zu hoffen: Dass die emsige Buchhandlung im Städtchen wieder öffnet, der kleine unabhängige Lieblingsverlag noch existiert, eine nächste Buchmesse angekündigt wird. Und die Generationen wieder auf einem Lesesofa vereint sind.

Märzabend

von Ernst Blass

Meinem Freunde Kurt Hiller gewidmet

Die Luft kommt hart und mauerhaft herein
Durch offne Fenster. Und sie bringt Bazillen
Von Influenza sicherlich herein.
Und in dem unerbittlich Mauerstillen:
Zwei schwarze Schwäne, die
Mit Fadenhälsen Hyazinthen spein.

Vom Tode werden Mädchen oft entrückt
Dem Arzte, der noch Kampfer injiziert.
Dann wieder wird in Stuben kondoliert,
Wo Schränke stehen, weise und gedrückt;
Und Menscheneinsamkeit, die schüttelfröstelnd stiert
In Räume, in luftleere Räume.

Der Begriff, der ab etwa 1910 als Etikett für erneuerte Ausdrucksformen des literarischen Schreibens verwendet wurde, war so neu nicht: Expressionismus. Ein Sammelbegriff für eigentlich durchaus vielfältige Strömungen der von der bildenden Kunst übernommen wurde, dabei mehr Lebensgefühl als Stilrichtung. Auflehnung gegen die autoritären Strukturen des wilhelminischen Zeitalters. Angesichts zunehmender Mechanisierung vieler Bereiche sah man die geistigen Refugien bedroht. Und unterschwellige Vorahnung wies auf die kommende Katastrophe des Ersten Weltkriegs.

Die Dichter betonten das individuelle Menschsein angesichts verbreiteter Tendenzen der Vermassung. Es entstand ein Pathos des Aufbegehrens, die Ausdrucksmittel tendierten zum Mystischen, (Pseudo)-Religiösen. Am stärksten prägte diese expressionistische Phase die Lyrik ihrer Zeit. Es entstanden Kreise unter anderem um Kurt Hiller und Jakob von Hoddis, Zeitschriften wie Der Sturm oder Die Aktion. Franz Werfel, Georg Heym, Else Lasker-Schüler, der frühe Johannes R. Becher und viele andere traten mit Gedichtbänden an die Öffentlichkeit, die auf große Resonanz stießen. Viele der darin enthaltenen Werke sind bis heute in einschlägigen Anthologien gegenwärtig. Ernst Blass gehörte nicht zu den prominentesten Vertretern seiner Generation, nach 1945 weitestgehend vergessen, ist er heute nur noch echten Lyrik-Experten ein Begriff. Als einer der Vertreter des frühen Expressionismus fand er später zu neoklassizistischen Formen, wie wir sie von George kennen, um schließlich Elemente der Neuen Sachlichkeit zu verwenden.

Ernst Blass kam am 17. Oktober 1890 als Sohn eines jüdischen Fabrikanten in Berlin zur Welt. Sein Körper war nicht mit den robustesten Eigenschaften ausgestattet, bereits in jungen Jahren litt er unter epileptischen Anfällen. Er studierte in Berlin, Freiburg und Heidelberg Jura. In Heidelberg lernte er Karl Jaspers und Ernst Bloch kennen und fungierte als Herausgeber der Zeitschrift Die Argonauten. Er kehrte nach Berlin zurück, promovierte 1916. 

Seine latente Behinderung schloss ihn von der Teilnahme am Ersten Weltkrieg aus. Immer wieder hatte er mit gesundheitlichen Krisen zu kämpfen, eine 1926 einsetzende Augenkrankheit schränkte seine Entfaltungs- und Ausdrucksmöglichkeiten stark ein. Ab 1930 war er nahezu erblindet. Am 13. Januar 1939 starb Ernst Blass im Jüdischen Krankenhaus zu Berlin an einer zu spät erkannten Lungentuberkulose.

Gleich sein erster Gedichtband Die Straße komme ich entlang geweht, 1912 erschienen, wurde mit großer Begeisterung aufgenommen und machte den Dichter vorübergehend berühmt. Nachfolgende Bände im neoklassizistischen Stil konnten an diesen ersten großen Erfolg nicht anknüpfen. Blass schrieb neben Lyrik Essays, Aufsätze zu literarischen Themen, sowie Tanz- und Filmkritiken. Gedichte hat er nach 1920 kaum noch publiziert. 1933 erhielt er wie viele andere jüdische Intellektuelle, Künstler, Wissenschaftler, Berufsverbot. 2009 erschien eine dreibändige Werkausgabe, 2019 eine Auswahl von Filmessays und -kritiken, die in der Werkausgabe nicht enthalten waren.

Ernst Blass war einer der prägenden, wegweisenden Autoren des Expressionismus. Mit seiner kritisch-intellektuellen Großstadt-Poesie inspirierte er einen wesentlichen Zweig der Literatur der Weimarer Republik, nämlich in den Zwanziger Jahren die Lyrik vom jungen Brecht und Mehring bis zu Erich Kästner und Mascha Kaléko etwa. So urteilte Thomas B. Schumann im Nachwort zur Werkausgabe.

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Blass, Ernst: Die Straße komme ich entlang geweht. Vor-Worte; Gedichte erster Teil, Gedichte zweiter Teil. – Heidelberg: Verlag von Richard Weissbach, 1912

(Daraus stammt das Gedicht Märzabend. Der Gedichtband ist im Volltext online verfügbar)

Blass, Ernst: Werkausgabe in drei Bänden. – Hürth bei Köln: Ed. Memoria, 2009

Blass, Ernst: “in kino veritas”. Essays und Kritiken zum Film, Berlin 1924-1933. Ausgewählt, mit einem Nachwort versehen und herausgegeben von Angela Reinthal; mit einem Geleitwort von Dieter Kosslik. – Berlin: Elfenbein, 2019

Siehe dazu auch: Müller, Lothar: Vampchen-Glühen. Kalauer und Pointe: Die Filmkritiken des Ernst Blass. In: Süddeutsche Zeitung vom 29.06.2019, S. 20

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(Vielen Dank an Bernd Michael Köhler, für das Auffinden dieses so gut in unsere Zeit passenden Gedichts, für die Fotos und das Datenmaterial zu Leben und Werk von Ernst Blass.)

Von Blitzen aus heiterem Himmel, wahren Freunden und grünen Brüsten

Kurzgeschichten des rumänischen Autors Florin Iaru.

So geht short story. In 53 Erzählungen demonstriert der rumänische Schriftsteller auf meist nur wenigen Druckseiten was echte Kurzprosa kann. Die grünen Brüste (Im Original: Sînii verzi, erschienen 2017) ist sein dritter Band mit Arbeiten dieser Form, der erste in deutscher Übersetzung. Erschienen ist das Buch im Ulmer Verlag danube books. Den farbigen Schutzumschlag mit seinen anspielungsreichen Motiven hat der Ulmer Künstler und Autor Florian L. Arnold entworfen.

Immer wieder geht es in Iarus Geschichten um das Verhältnis der Geschlechter, um Spannungen, Missverständnisse zwischen Mann und Frau, um nicht selten unrealistische, gegenseitige Erwartungen. Dankbaren und umfangreichen Erzählstoff bietet das Feld des Alltäglichen, des allzu Menschlichen. Seine Darstellungen sind humorvoll, hinterhältig, zugespitzt. Er spielt geschickt mit dramatischen Steigerungen, flunkert gerne spitzbübisch und entzaubert doppelbödig die eine oder andere sicher geglaubte Gewissheit. Das ist oft skurril und witzig, manchmal prall und drastisch, gerne auch frivol, verträumt oder tragisch. Immer jedoch pointiert, mit originellen Sichtweisen, scharfen Beobachtungen und überraschenden Wendungen.

Wie in der Story Der Blitz aus heiterem Himmel. In der wir teilhaben am Abnützungskrieg eines kleinbürgerlichen Ehepaars mit zwei Kindern. Die Kinder laufen eher am Rande mit, erwünscht sind sie wohl längst nicht mehr. Die Partner schwanken zwischen kurzen Phasen des Einvernehmens und Eskalationen, die unversehens in Hass und Ablehnung umschlagen. Die Schlusssätze deuten eine Konsequenz an die eigentlich vorhersehbar war und dennoch unerwartet kommt. Mit keinem Wort zuviel ist das vortrefflich auf den Punkt geschrieben.

Dank einer einfühlsamen und sicheren Übersetzung ist davon auszugehen, dass Ton und Intention des Verfassers in der deutschen Übertragung stimmig wiederzufinden sind. Manuela Klenke wurde 1984 in Cluj-Napoca geboren, lebt jetzt in Osnabrück und arbeitet als Übersetzerin aus dem Rumänischen. Ihre erste literarische Übersetzung war der viel beachtete Roman Null Komma Irgendwas (Interior zero) von Lavinia Branişte, der im mikrotext Verlag erschienen ist. Bei Manuela Klenke waltet nicht unter wirtschaftlichem Druck gepfuschte Oberflächlichkeit, wie wir es aus vielen Übersetzungen englischsprachiger Massenware kennen. Sie leistet mit Sorgfalt, wortforschender Geduld, Satz für Satz, Absatz für Absatz, akribische Arbeit.

Bei der titelgebenden Erzählung handelt es sich um Stoff aus der gegenwärtig sehr beliebten Kategorie Coming-of-Age. Sie zeigt deutlich und exemplarisch Iarus prägnante Ausdruckskraft. Lakonisch und präzise gelingt ihm die erzählerische Verdichtung ohne jede Oberflächlichkeit. Es geht um den fast unerträglichen Leidensdruck eines 15-jährigen Mädchens, das, nicht untypisch für die Altersgruppe, mit ihrer körperlichen Erscheinung unzufrieden ist. Sie fühlt sich von der Natur vernachlässigt, sieht sich als hässliches Entlein dem ein Mauerblümchen-Schicksal droht. Vor allem ist es Adelas unterentwickelte Oberweite, wie sie vergleichend feststellt, die sie in Verzweiflung und Depression stürzt. Zu allem Übel muss sie schmerzlich erfahren, dass Dillkompressen das Brustwachstum keineswegs fördern, sondern die jungen Knospen lediglich nachhaltig grün färben. Die Geschichte nimmt schließlich ein sehr versöhnliches Ende. (Natürlich hat mir persönlich besonders gefallen, dass Adela Lesetherapie zur Linderung ihres quälenden Seelenzustandes einsetzt.)

Foto: Mihai Barbu

Florin Iaru, mit bürgerlichem Namen Florin Râpă, wurde 1954 in Bukarest geboren und gehört seit vielen Jahren zu den etablierten Autoren Rumäniens. Er arbeitete unter anderem für das rumänische Fernsehen und ist als Redakteur und Herausgeber von Zeitschriften tätig. Sein literarisches Debüt im Jahre 1981 trägt den Titel Cântece de trecut strada (Lieder zum Überqueren der Straße). Neben Bänden mit Erzählungen und Gedichten hat er Lyrik und Prosa in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Gedichte von Florin Iaru wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

Was fehlt? Vielleicht ein Vor- oder Nachwort das uns deutschen Lesern hilft den Autor innerhalb der rumänischen Literatur einzuordnen. Ergänzend zum Hinweis des Verlags, dass Iarus Geschichten gesellschaftskritische Themen aufgreifen, hätte man sich Angaben zur Entstehungszeit gewünscht. Das vorliegende Buch mit den 53 Kurzgeschichten enthält zusätzlich einen Teil mit dem Titel Erinnerungen. Drei Texte von denen es interessant zu wissen wäre, was es damit auf sich hat und wie autobiographisch sie einzuschätzen sind.

Die Kurzgeschichten von Florin Iaru in der Sammlung Die grünen Brüste sind durchweg fesselnde, lohnende Lektüre, die sich übrigens hervorragend für etwas eignet, das (zumindest unter Erwachsenen) etwas aus der Mode gekommen ist: Zum Vorlesen, gegenseitig, wechselseitig – in lauschiger Atmosphäre ein unterhaltsames Vergnügen.

Common Ground. Literatur aus Südosteuropa heißt einer der Themenschwerpunkte der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Eine gute Idee, ein anderer Blickwinkel und notwendige Alternative zum meist westlich, an der angloamerikanischen Dominanz orientierten Mainstream. Das Verlagsprogramm von danube books spiegelt die kulturelle Vielfalt der Donauländer, Veröffentlichungen aus dem Südosten Europas stehen im Zentrum des Angebots. In Leipzig sind Titel dieses ambitionierten Programms an den Ständen der Slowakischen Literaturagentur SLOLIA und des Rumänischen Kulturinstituts zu finden.

Florin Iaru wird nicht nach Leipzig kommen. Wer ihn zusammen mit seiner Übersetzerin Manuela Klenke erleben möchte, hat im Mai zweimal dazu Gelegenheit: Am 6. Mai in Osnabrück in der Buchhandlung zur Heide und am 8. Mai in Erfurt im Kulturhaus Dacheröden. Das Radioprogramm Ö 1 des Österreichischen Rundfunks (ORF) bringt in seiner Reihe Radiogeschichten einen Beitrag über Die grünen Brüste und den Autor Florin Iaru. Am 23. April 2020, 11:05 Uhr, Titel: Vom Absurden im Normalen.

Iaru, Florin: Die grünen Brüste. Erzählungen. Aus dem Rumänischen übersetzt von Manuela Klenke. – danube books, 2020

 

Drei Kilometer

Über den Debütroman von Nadine Schneider

Aber davon, wie das Ende ist, ahnt man nichts. Man ahnt nicht, dass kein Frühling mehr kommt, und nichts von einem letzten Sommer.

Der Fluss Temesch (Rumänisch: Timiș) entspringt im rumänischen Mittelgebirge Semenic, erreicht nahe Grănicerii die serbische Grenze und mündet nach 359 Kilometern bei Pančevo in die Donau. 1989 ist Serbien ein Landesteil der von Staatschef Tito mit harter Hand zusammengehaltenen sozialistischen Republik Jugoslawien. In Rumänien beherrscht der Ceaușescu-Clan das Land. Die Macht seiner Geheimdienste reicht bis in die hinterste Provinz, die Wirtschaft ist ruiniert und die Bevölkerung leidet unter Mangel, Bespitzelungen, vielfältigen Formen von Unterdrückung und die jüngere Generation unter einer deprimierenden Perspektivlosigkeit.

Nadine Schneiders Erzählung beginnt im Spätsommer 1989. Drei junge Erwachsene – Hans, Anna und Misch – gehören zu einer seit Jahrhunderten in Rumänien beheimateten deutschsprachigen Minderheit (sogenannte Banater Schwaben). Sie leben in einem Dorf an der Temesch, drei Kilometer von der jugoslawischen Grenze entfernt. Die Sommer sind heiß und staubig. Riesige Maisfelder prägen im August und September die Landschaft. 

Die hochgewachsenen Pflanzen bieten für einen begrenzten Zeitraum willkommenen Schutz für eine Flucht ins benachbarte Ausland. Für viele Banater heißt das Sehnsuchtsziel Bundesrepublik Deutschland, wo oft schon Verwandte oder Bekannte leben. Doch die Flucht ist nicht ohne Risiko. Wer auf serbischer Seite gefasst wird, landet zunächst einmal in einem jugoslawischen Gefängnis.

Foto: Wiebke Haag

Die Protagonisten in Nadine Schneiders Roman sind hin- und hergerissen. Frei nach dem Liedermacher Wolf Biermann möchten sie am liebsten weg – und blieben am liebsten hier. Sie hängen an dem gewohnten Zuhause in dem sie aufgewachsen sind, lieben ihre Familien, haben Freunde und sind verwurzelt in Landschaft und Traditionen. Wenig aussichtsreich ist jedoch ihre Zukunft vor Ort, quälend sind Gegenwart und Alltag mit politischer Gleichschaltung, mangelndem Vertrauen in die Mitmenschen, dem verweigerten Studium, der stupiden Arbeit in der Fabrik. 

… ich wollte nicht weg. Ich wollte mir nichts anderes vorstellen außer heißen Augusttagen und Wintern, in denen die Kälte fest gegen die Fenster drückte. Nichts außer dem Frühling, wenn die alten Frauen ihre Bänke vor den Häusern bezogen …

Das Thema Flucht ist für Hans, Anna und Misch allgegenwärtig. Offen darüber gesprochen wird nicht. Immer wieder verschwindet mal jemand aus dem Umfeld. Gräber auf dem Friedhof werden nicht mehr besucht und gepflegt. Häuser bleiben leer, Gärten verwildern. Nicht allen wird der Neuanfang gelingen, die Verheißungen des freien Westen sind groß, Desillusionierungen vorprogrammiert. So oder so: Am Ende ist der Verlustkatalog (György Dragoman) nur schwer erträglich.

Die drei Freunde sind sehr unterschiedlich in Charakter und Temperament. Aus der reinen Freundschaft wird ein brisantes Dreiecksverhältnis. Es entstehen Unsicherheiten und Zweifel an der gegenseitigen Verlässlichkeit, ein Seiltanz zwischen Treue und Verrat. Und unterschwellig gären die Fluchtpläne. Aufgeben oder standhalten? Gehen oder bleiben? Gute Gründe gibt es für beide Alternativen, schlechte ebenso. 

Es ist der Spätsommer dieses besonderen Jahres 1989. Dass in Kürze in Berlin eine Mauer fallen und eine Grenze sich öffnen wird, eine neue Zeit unmittelbar bevorsteht, die fundamentale Veränderungen der politischen Verhältnisse in Deutschland, Rumänien und Europa bringen würde, und dass die Uhr für die Ceaușescus und Konsorten bereits tickt, konnte sich in diesem Sommer, nicht nur in Südosteuropa, niemand vorstellen.

In der Jugend spielt sich das Leben im Feld der Möglichkeiten ab, hat Iris Wolff formuliert. Genau das und die damit verbundenen Ambivalenzen beschreibt Nadine Schneider am Beispiel ihrer Hauptfiguren präzise und intensiv. Ihre klare Sprache findet dabei immer wieder zu wunderschönen Bildern und poetischen Passagen. Ihre Schilderungen der Natur und der Jahreszeiten, des Selbstverständlichen und des Besonderen verdichtet sie zu hoher Intensität.

Seufzend verschränkte mein Vater die Arme und sah zum Himmel. Er war klar und so übersät von Sternen, dass das Schwarz beinahe verschwand unter den weißen Punkten ausgeschütteten Lichts.

Nadine Schneider wurde 1990 in Nürnberg geboren, studierte Musikwissenschaft und Germanistik in Regensburg, Cremona und Berlin, wo sie heute lebt. Sie war mehrfach Stipendiatin der Bayerischen Akademie des Schreibens, Finalistin beim 22. Irseer Pegasus und wurde beim Literaturpreis Prenzlauer Berg ausgezeichnet. Drei Kilometer ist, nach einigen Veröffentlichungen in Anthologien, ihr erster Roman, für den sie den Literaturpreis der Stadt Fulda 2020 und den Bloggerpreis für Literatur Das Debüt 2019 erhielt.

Foto: Laurin Gutwin

Selbst Tochter Banater Schwaben konnte sie Stoff und Fakten für ihre Geschichte dennoch nur begrenzt aus familiären Erinnerungen gewinnen. Sie recherchierte vor Ort und fand in Bibliotheken Material, das ihr die exakte Schilderung von Tages- und Jahresabläufen, sowie regionaler, volksgruppentypischer Gebräuche und Eigenheiten ermöglichte.

Die Tatsache, dass wir als Leser von Anfang an wissen wie die Weltgeschichte nach dem Sommer ‘89 weiterging, lässt uns mit zunehmender Spannung auf Misch, Anna, Hans und ihr Schicksal blicken. Zudem bleibt lange offen wer von den Dreien sich letztlich zur Flucht entschließt oder nicht. Das Buch ist in drei Teilen angelegt, die grob den Jahreszeiten Sommer, Herbst und Winter folgen.

Mit den Stürmen des Herbst und dem winterlichen Frost kommt der Mangel.

Der Herbst verarmte uns. Wir litten nicht Hunger, doch immer schien zu wenig auf dem Teller zu sein, und das Gefühl, nie satt zu werden, war zur Gewohnheit geworden.

Im Spätherbst des Jahres 1998 beginnt es nicht nur in der Natur zu stürmen. Lange aufgestaute Wut und zunehmende Verzweiflung lässt die Menschen auf die Straße gehen. In den Städten kommt es zu Demonstrationen und Streiks. Das Regime schlägt blutig zurück. Doch das Ende der Ceaușescu-Zeit rückt näher, das Land steht vor gewaltigen Umbrüchen. In diesen Passagen des Romans werden Nadine Schneiders Beschreibungen drastisch und eindringlich. Sie spart nichts aus was die Kehrseite der kleinen Hoffnungsfunken an Schrecken und Gefahren mit sich bringt. Das liest sich packend, großartig, bewegend.

Schneider, Nadine: Drei Kilometer. – Jung und Jung, 2019