Dichtergräber

Fotografien von Markus Fenkl

Seit seiner Kindheit fotografiert Markus Fenkl leidenschaftlich. In der Schulzeit verbrachte er reichlich Zeit in der Dunkelkammer. Sein Interesse am Bild hat seinen Ursprung in Malerei und Grafik. Er bezeichnet es als großes Glück, dass er schon in den ersten beiden Schuljahren einen engagierten Künstler zum Lehrer hatte.

Fenkl befüllt ein gegebenes Format mit Formen, die er mit der Kamera versucht aus der Welt herauszustanzen. Ziel und Bestreben ist es, bei den Betrachtern eine Wirkung hervorzurufen. Diese kann nur entstehen, wenn deren Alltagsfilter überwunden werden, was in der Bilderflut unserer Tage schwer zu erreichen ist. Medien und Werbung haben unsere wahrnehmbare Umwelt mit spektakulären Reizen in einem Umfang besetzt, wie es das in der Vergangenheit noch nie gab.

Markus Fenkl versucht derzeit durch Reduktion des Sichtbaren auf einen scheinbar unverständlichen Bildausschnitt beim Betrachter ein Zögern und Wundern auszulösen, in ihm eine Frage aufzuwerfen, die nur durch aktive Auseinandersetzung mit dem Bild beantwortet werden kann. So kann Fotografie weitergehende Inhalte transportieren, Themen beleuchten, die dem Fotografen wichtig erscheinen.

Neben dem künstlerischen Anspruch hat Markus Fenkl ein Faible für die Dokumentation von Menschen und Ereignissen. Es geht ihm dabei um wahrnehmbare Veränderungen, die erst im Rückblick sichtbar werden.

Der gelernte Schreiner und ehemalige Berufsschullehrer lebt in Neu-Ulm. Seit 15 Jahren beteiligt er sich an Ausstellungen in seiner Region. Eine Ausstellung mit eigenen Werken war 2012 in der Ulmer Galerie Semmler zu sehen.

Zum Totensonntag 2020 gibt es auf con=libri eine kleine Auswahl aus Fenkls Dichtergräber-Sammlung.

(Bitte beachten Sie, dass die Bilder urheberrechtlich geschützt sind. Eine Verwendung und/oder Weiterverarbeitung ist nur mit Zustimmung des Fotografen zulässig.)

Und wenn ihr einst in Frieden ruht / Beseligt ganz vom Himmelslohn / Dann stolpert durch die Höllenglut / Bert Brecht mit seinem Lampion.
 
Vielleicht hat es am Ende doch nicht geklappt mit der Vision, die Bertolt Brecht (1898 – 1956) in seinem Gedicht Serenade formulierte, und er muss sich jetzt in irgendeiner Art von Paradies fürchterlich langweilen. Der Augsburger war viel unterwegs in seinen Exiljahren. Über Dänemark, Schweden, Finnland und Russland landete er wie viele andere deutsche Intellektuelle und Künstler in den Vereinigten Staaten, um dort alsbald ins Visier der Kommunistenjäger zu geraten. Nach dem Krieg machte ihn die DDR zum gefeierten Staatsdichter. Eine Karriere, die mit dem plötzlichen Tod am 14. August 1956 etwas abrupt endete. Der Auflauf an Volk und staatstragenden Kadern war groß bei seiner Beerdigung auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.
 

Rund um den Geburtstag der Anna Seghers, der sich dieser Tage zum 120. Male jährt, geschieht Erstaunliches. Bis heute ist die Schriftstellerin hauptsächlich für ihren fulminanten Roman über die Schrecken des Dritten Reichs (Das siebte Kreuz) und die eindringliche Darstellung der Schicksale jener, die wie sie vor den Nachstellungen der Hitler-Schergen aus dem Land fliehen mussten (Exil), bekannt. Nun rückt, spät und recht überraschend, ihre eigene Exilzeit in den Mittelpunkt des Interesses. Verschlungene Pfade führten sie nicht wie die Manns, wie Brecht, Feuchtwanger und Co. in die Vereinigten Staaten von Amerika, sondern ins mittelamerikanische Mexiko. Gleich zwei Neuerscheinungen schildern und würdigen diesen Lebensabschnitt Seghers und die Werke,  die in dieser Zeit entstanden.

Volker Weidermanns Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko ist bei Aufbau erschienen. Wie von Weidermann gewohnt, ist das Buch ebenso populär wie fundiert geschrieben. Es bringt uns eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts in all ihren Widersprüchen nahe, ohne sich ein Urteil anzumaßen. Der reich bebilderte Band von Monika Melchert trägt den Titel Im Schutz von Adler und Schlange. Anna Seghers im mexikanischen Exil. Erschienen ist er im Quintus Verlag. Melchert, Leiterin des Segher-Museums in Berlin, ist eine intime Kennerin von Biografie und Arbeit der in Mainz geborenen Dichterin. Sowohl Weidermann wie Melchert sind sich einig, dass es lohnt die im Exil entstandenen Erzählungen neu zu entdecken.

Als junge Frau trat Anna Seghers aus der jüdischen Gemeinde aus und der Kommunistischen Partei bei. Ihr blieb sie ein Leben lang treu, vertrat einen radikalen Antifaschismus und hielt zur Sowjetunion selbst noch, als dort Das siebte Kreuz verboten wurde und Stalin sich mit Hitler verbündete. 1947 kehrte sie aus Mexiko nach Deutschland zurück und ließ sich in Ost-Berlin, dem damaligen sowjetischen Sektor und der späteren DDR, nieder. Von 1952 bis 1978 war sie Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbandes, verkehrte mit Ulbricht und Honecker und rechtfertigte den Mauerbau. Seit 1983 ruht sie auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.

Diese Unehre habe ich nicht verdient! Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, daß meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbanden gelangen. … Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selbst wird unauslöschlich sein wie eure Schmach! (O. M. Graf anlässlich der Bücherverbrennungen im Deutschen Reich 1933.)
 
Die Bekanntheit des Schriftstellers Oskar Maria Graf beginnt ganz langsam zu verblassen, ähnlich der Inschrift auf seinem Grabstein. Er war einer der eigenwilligsten und unabhängigsten Vertreter der Exilgeneration. Seine oberbayerische Identität nahm er überall mit hin. Unter unseren Geburtstagswünschen aber soll der voranstehen, daß die Heimat, sein oberbayerisches Land, seiner recht gewahr werden und sich dankbarer, als gegenwärtig, erweisen möge für das Gute, das er zu ihrer Ehre hervorbringt. Sie hat keinen echteren, in der vom Schicksal erzwungenen Ferne keinen treueren Sohn. (Thomas Mann zum sechzigsten Geburtstag Grafs.) Der Wunsch des Nobelpreisträgers ging bedingt in Erfüllung, spät ohnehin, doch immerhin besser als all die Zumutungen und Kränkungen, die ihm selbst durch seine ehemalige Münchener Wahlheimat widerfuhren. Seine letzte Ruhe fand Oskar Maria Graf zu guter Letzt tatsächlich in bayerischer Erde. Sein Grab befindet sich in München-Bogenhausen; auf dem St. Georg-Kirchhof gehören Rainer Werner Fassbinder, Erich Kästner und Joachim Fernau zu seinen Nachbarn.
 

Heinrich Mann verdanken wir einen der markantesten Prototypen der deutschen Literatur. Sein Roman Der Untertan erschien 1918, entstanden ist er bereits vor 1914, also zu einer Zeit, als das alte Kaiserreich noch existierte. Charaktere vom Schlage des Protagonisten Diederich Heßling, diesem selbstsicheren Opportunisten und strammpreußischen Bürger, sind ja bis heute nicht gänzlich ausgestorben. Unvergesslich auch Manns Professor Unrat (1904 erschienen), jene Geschichte der erotischen Irrungen und Wirrungen eines biederen Gymnasiallehrers. Die Verfilmung von 1930 unter dem Titel Der blaue Engel verhalf einst der jungen Marlene Dietrich in der Gestalt der feschen Lola zum Durchbruch. 

Heinrich Mann war stark von der französischen Erzähltradition geprägt. Seinen Werken blieb der internationale Durchbruch versagt. Das führte dazu, dass der Autor im amerikanischen Exil ein kümmerliches Dasein fristen musste und auf die Unterstützung seines Bruders Thomas angewiesen war, dessen Romane und Erzählungen sich in englischen Übersetzungen weltweit bestens verkauften. 1949 wurde er in Abwesenheit zum Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin gewählt. Noch bevor er nach Europa reisen konnte um das Amt anzutreten, verstarb er am 11. März 1950 im kalifornischen Santa Monica, wo er zunächst bestattet wurde. 1961 wurde seine Urne nach Deutschland überführt und in Ost-Berlin beigesetzt. Heute ist sein Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof eines der Ehrengräber des Landes Berlin.

Einer von ihnen hat mir erklärt, wie das sei / und was ihn am meisten freute: / > Im schlimmsten Moment, der Geburt, sind die Leute / (hat er gesagt) schon dabei. / Doch gerade das schönste Erlebnis / erleben sie nie: ihr Begräbnis! <
 
Verse aus einem Gedicht Erich Kästners, in dem er einen Pessimisten sprechen lässt. Er selbst war keiner, eher ein melancholischer Optimist. Nach Studium und Promotion begann er zunächst als Journalist zu arbeiten. Populär wurde er mit seinen Satiren und Couplets für die bunte Kabarettszene im Berlin der 1920er Jahre. Bekannt ist er bis heute vor allem für seine Kinderbücher. Das fliegende Klassenzimmer wird derzeit zum vierten Mal verfilmt. Kindheit und Jugend verbrachte er in Dresden (s. auch con=libri vom 26.10.2020), die Erinnerung daran prägte sein weiteres Leben, wie er selbst immer wieder betonte. 1933 wurde er Zeuge, wie seine Bücher als „undeutsch“ verbrannt wurden.

Als Einziger der hier vertretenen Dichter und Dichterinnen blieb Erich Kästner während des Dritten Reichs in Deutschland. Trotz verschiedener Repressionen konnte er in dieser Zeit unter Pseudonym Drehbücher verfassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er in München. Als Pazifist wandte er sich gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands und protestierte gegen die Verbreitung von Atomwaffen. 1974 verstarb er nach längerer Krebserkrankung und wurde in München-Bogenhausen beerdigt. 1991 fand Luiselotte Enderle ihre letzte Ruhe an selber Stelle. Die Journalistin und Dramaturgin stammte aus Leipzig. Fast vier Jahrzehnte war sie Kästners Lebensgefährtin und später seine erste Biografin.

 

Erich Kästner und Dresden

Wenn es zutreffen sollte, daß ich nicht nur weiß, was schlimm und häßlich, sondern auch, was schön ist, so verdanke ich diese Gabe dem Glück in Dresden aufgewachsen zu sein.

Das historische Zentrum der Stadt Dresden mit seinen kultur- und baugeschichtlichen Sensationen ist Anziehungspunkt und Reiseziel für Touristen aus der ganzen Welt. Sie besuchen zu Tausenden die Schlösser und Museen, drängen sich in Frauen- und Kreuzkirche, promenieren auf den Brühlschen Terrassen, spazieren am Elbufer entlang, kehren ein in die zahlreichen Cafés und Restaurants, genießen sächsischen Blechkuchen oder deftige Fleischspeisen mit Klößen und Rotkohl. Abends locken Theater und Kabaretts, Jazzkeller, Konzerte der Staatskapelle oder musikalische Spitzendarbietungen in heller Kirchenakustik. Dresden gehört im Ausland zu den bekanntesten und beliebtesten Städten Deutschlands.

Mit einer der gelben Straßenbahnen verlasse ich die Innenstadt. Die langen Gelenkwagen schunkeln und quietschen über die Carolabrücke. Darunter fließt träge die Elbe. Sie führt Niedrigwasser. In den warmen und trockenen Sommern der letzten Jahre muss immer häufiger der Verkehr der Ausflugsdampfer reduziert oder eingestellt werden. 

Ich bin unterwegs in die Dresdner Neustadt auf der linken Elbseite. Wohn- und Lebensraum der einfachen Bürger, Arbeitnehmer, Handwerker, kleinen Selbständigen, Studenten-WGs. Lange Straßen. Gründerzeithäuser. Schmale Läden. Die global gewohnten Sättigungsangebote: Döner, Pizza, Asia Food, Burger. Mal frisch und einladend, mal schmuddelig fragwürdig. Als Erich Kästner hier aufwuchs gab es das noch nicht. Stattdessen zahlreiche Bäckereien und Fleischereien, Uhrmacher, Papier- und Gemüseläden, Schuhgeschäfte, Schneidereien und kleine Kneipen. In Hinterhöfen werkelten Schreiner und Spengler, Wagner und Kürschner.

Am 23. Februar 1899 wurde Erich Kästner hier geboren. In der Königsbrücker Straße 66, vierte Etage. Dresden ist zu dieser Zeit königlich sächsische Haupt- und Residenzstadt, die viertgrößte Stadt des Deutschen Reichs mit etwa einer halben Million Einwohner. Berühmt für seine Zigarettenfabrik, die Schokoladenherstellung und die Brauereien. Hier wurden der Kaffeefilter, der Teebeutel und der Bierdeckel erfunden.

Erichs Eltern sind in der arrangierten Ehe unglücklich. Die erste Wohnung in der Königsbrücker Straße liegt ganz in der Nähe des damals berühmten Schokoladenproduzenten Jordan & Timaens. In der Mansardenwohnung ist der Alltag mühselig, die Kästners kommen gerade so über die Runden. Im Lauf der Jahre ändert sich das nur wenig. Die Familie zieht mehrmals um, jeweils nur einige Häuser weiter, in die Nummer 48, in die 38. Dabei Etage für Etage tiefer. In seinen Erinnerungen Als ich ein kleiner Junge war kommentiert der Schriftsteller Kästner Jahrzehnte später, ironisch-optimistisch, wie es seiner Lebenshaltung entsprach: Wir zogen immer tiefer, weil es mit uns bergauf ging. Wir näherten uns den Häusern mit den Vorgärten ohne sie zu erreichen.

Das Kind Erich sitzt in den wechselnden Wohnungen still an Mutters Seite und lernt früh lesen. Lesen wird zur Haupt- und Lieblingsbeschäftigung des Heranwachsenden. Ich las und las und las. Kein Buchstabe war vor mir sicher. Ich las Bücher und Hefte, Plakate, Firmenschilder, Namensschilder, Prospekte, Gebrauchsanweisungen und Grabinschriften, Tierschutzkalender, Speisekarten, Mamas Kochbuch, Ansichtskartengrüße … , die ‚Bunten Bilder aus dem Sachsenlande‘ und die klitschnassen Zeitungsfetzen, worin ich drei Stauden Kopfsalat nach Hause trug. Zwischen Mutter und Sohn entwickelt sich ein enges und inniges Verhältnis, das über alle Jahre, geschichtlichen Umbrüche und Entfernungen hinweg, bestehen bleiben wird.

Die langen Spaziergänge am Elbufer. Die Mutter empfindet die weite Uferlandschaft als Befreiung aus ihrer persönlichen Eheenge. Erich liebt die Elbbrücken. Im Gasthaus Linckesches Bad kehren die beiden nach ihren Wanderungen gerne ein. Gelegentliche Besuche von Aufführungen des Alberttheaters und anderer Bühnen der Stadt mit der Mutter, gehören zu den prägenden Eindrücken der Kinder- und Jugendjahre. Bald wurden die Dresdner Theater mein zweites Zuhause. Und oft mußte mein Vater allein zu Abend essen, weil Mama und ich, meist auf Stehplätzen, der Muse Thalia huldigten.

Junge Lehrer wohnen bei Kästners zur Untermiete und leisten notwendige finanzielle Beiträge zum Lebensunterhalt. Von den aufgeschlossenen Pädagogen erfährt das Kind früh vom Wert des Lernens und der Bildung. Erich wird ein ausgezeichneter Schüler in der IV. Dresdner Bürgerschule. Später wird er selbst ein Lehrerseminar besuchen, das einen frühzeitigen Berufsabschluss und regelmäßiges Einkommen ermöglichen soll. Doch seinen Vorstellungen und Ansprüchen wird das nicht gerecht. Er bricht diese Laufbahn ab. Nach dem abgeleisteten Wehrdienst holt er fehlende Gymnasialjahre nach und macht Abitur.

Die Pionierkaserne, in der Kästner eine Infanterieausbildung absolvierte, befindet sich am weiteren Verlauf der Königsbrücker Straße. Am Eingang hat er oft Wache zu stehen. Von dort ist es nicht weit bis zum St.-Pauli-Friedhof, wo die Eltern ihre letzte Ruhe finden werden. 1919 geht Erich Kästner zum Studium nach Leipzig, nach Rostock und Berlin. Ab 1922 ist er wieder in Leipzig, wo er 1925 promoviert. Ab 1927 arbeitet Kästner in Berlin als Theaterkritiker und Journalist, schreibt Texte, Gedichte, Couplets für die fiebrige Kabarettszene der Hauptstadt. Während der Nazizeit hat er offziell Schreibverbot, lebt unauffällig, schreibt unter Pseudonym Drehbücher, wie den populären Münchhausen-Film mit Hans Albers in der Titelrolle. Nach dem Krieg lässt er sich in München nieder.

1967 kommt er ein letztes Mal in seine Geburtsstadt Dresden, zu einer Lesung in der Gemäldegalerie des Zwinger. Am 29. Juli 1974 stirbt der inzwischen vor allem durch seine Kinderbücher beliebte Schriftsteller in der bayerischen Landeshauptstadt. Und ich selber bin, was sonst ich auch wurde, eines immer geblieben: ein Kind der Königsbrücker Straße.

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Das Erich-Kästner-Museum in Dresden wurde nach umfassender Sanierung und konzeptioneller Neuausrichtung im vergangenen Jahr neu eröffnet, derzeit ist es im Rahmen der pandemiebedingten Einschränkungen geschlossen. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich die Einrichtung auf con=libri vorstellen.

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Kästner, Erich: Als ich ein kleiner Junge war. – 11. Aufl., München, 2009

Stresow, Matthias: Auf den Spuren Erich Kästners in Dresden. – Dresden, 2014

Hölderlin in Hauptwil

Jetzt aber, drin im Gebirg

Die Schweizer Gemeinde Hauptwil liegt im Kanton Thurgau zwischen Bodensee und Säntis-Massiv, westlich von Sankt Gallen. Den Mittelpunkt bildet ein kleiner Weiher, an dessen Ufer sich eine Badeanstalt befindet, die an heißen Sommertagen von den wenigen Kindern und Jugendlichen im Ort genutzt wird. Es ist eine ruhige, eher unscheinbare Siedlung. Für heutige Reisende gibt es eigentlich wenig Grund hier länger zu verweilen. Doch für Literaturfreunde lohnt sich ein Besuch, vielleicht als kleiner Abstecher während eines Urlaubs oder Wandertags im Appenzell oder dem nahen Toggenburg.

Im Januar 1801 erreichte der Dichter und Gelehrte Friedrich Hölderlin von Stuttgart kommend, nach langer Reise durch das tief verschneite Oberschwaben, über den westlichen Bodensee und schließlich von Konstanz her, die Ortschaft Hauptwil. Den größten Teil des Weges hatte er zu Fuß zurückgelegt. Er trat eine Stelle als Hofmeister bei der Familie Gonzenbach an; seine Aufgabe bestand darin, die dreizehn- und vierzehnjährigen Töchter Augusta Dorothea und Barbara Julia zu unterrichten.

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In Hauptwil wurde er freundlich aufgenommen, wohnte in einem Zimmer zum Garten. Er fand sich rasch zurecht und war nicht unglücklich, wie er der Mutter im Brief mitteilte: Ich kann in der Tat nicht anders sagen, nach der Überzeugung, die ich mir seit 10 Tagen geben konnte, als dass die zahlreiche Familie, in der ich lebe, aus solchen Menschen besteht, unter denen man mit zufriedener Seele leben muß, so viel unschuldiger Frohsinn ist unter den jüngeren, und so ein gesunder Verstand, und edle Gutheit unter den Älteren.

Das Gehalt betrug 300 Gulden im Jahr, bei freier Kost und Logis. Die Familie Gonzenbach beherrschte den kleinen Ort. Das obere Schloss bewohnte eine ältere Linie; das untere Schloss, das sogenannte Kaufhaus, heute als Wohnhaus genutzt, die Familie des Kaufherrn Anton Gonzenbach. Bei diesem Aufenthalt in der Schweiz lernte Hölderlin die Landschaft des Alpenraums kennen und war von ihr so fasziniert, dass sich das später in hymnischer Dichtung niederschlug. Allerdings dauerte der Thurgauer Aufenthalt nicht lange. Bereits Mitte April trennte man sich wieder. In bestem Einvernehmen und voller Respekt – wie das Haus Gonzenbach versicherte.

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Über den raschen Abschied aus Hauptwil gibt es verschiedene Spekulationen und Interpretationen. Es wurden amouröse Verwicklungen unterstellt oder politische Differenzen mit dem Dienstherrn vermutet. Doch am wahrscheinlichsten ist, dass sich Anzeichen geistiger Erkrankung bei Hölderlin bemerkbar machten.

Bei einem Spaziergang durch das gegenwärtige Hauptwil kann man feststellen, dass die Gemeinde pfleglich mit der Erinnerung an den Hölderlin-Aufenthalt umgeht. Am ehemaligen Wohnhaus der Familie Gonzenbach ist eine Erinnerungstafel angebracht. Es gibt einen Hölderlin-Weg. Und im Oberen Schloss, dessen Seitenflügel heute ein Altersheim beherbergt, wurde ein Erdgeschoss-Raum zu einem kleinen Hölderlin-Museum umgestaltet. Es ist eine schlichte, sachlich und gleichzeitig liebevoll gestaltete Einrichtung. An den Wänden erzählen einheitliche Tafeln von dem Ereignis und ein wenig über das Drumherum. Die Tür steht meist offen. Der Raum ist den ganzen Tag über frei zugänglich.

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Von Hauptwil gelangt man in einer halben Stunde Autofahrt nach Sankt Gallen und damit in das quirlige, umtriebige City-Leben einer großen Kleinstadt. In der Mitte der Stadt liegt der Klosterkomplex. In der Stiftbibliothek werden 900 wertvolle Handschriften verwahrt. Im Kloster lebte bis im Jahre 912 der Mönch Notker, auch genannt der Stammler, einer der ersten großen Dichter und Gelehrten des deutschen Sprachraums.

Die Vergnügungen des Bertolt Brecht

Tema con variazioni

Zu finden ist es in Werk- und Einzelausgaben, in Sammelbänden und Anthologien. Es ist bekannt, beliebt und vielfach verbreitet. Das Gedicht Vergnügungen von Bertolt Brecht (1898 – 1956). Vor mir liegt das Suhrkamp Taschenbuch Bertolt Brecht: Hundert Gedichte. Ausgewählt von Siegfried Unseld. Aufgeschlagen ist Seite 164. Er hat es wohl 1954 geschrieben und seiner letzten Geliebten, der Schauspielerin Käthe Reichel gewidmet. Thematik und Struktur reizen ganz besonders zu persönlicher Interpretation. Deshalb gibt es heute auf con=libri zwei Variationen, zwei individuelle Versuche, die keinesfalls den Anspruch erheben, sich mit dem Original messen zu können.

I

Berner Weltmeisterjahrgang, beheimatet in der Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm, die Herzallerliebste eine Götterbotin, als Wörter- und Bildersammler unterwegs, erkundet lesend den Weltinnenraum, schreibt um sich zu durchqueren, bibliophilen Eskapaden nicht abgeneigt, lebensbegleitend: der Eremit aus Montagnola, das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Die Variation von Diplom-Bibliothekar a. D. Bernd Michael Köhler:

Vergnügungen (Bertolt Brecht gewidmet)

Der erste Blick in ein neues Buch
Die wiedergefundene alte Schrift
Freundliche Gesichter
Stille, der Schatten an einem Sommertag
Die Zeitung
Der Schreibtisch
Der Buddha
Lesen, weiterlesen
Klangwelten
Radfahren
Begreifen
Bibliotheken, Briefe
Schreiben, Zuhören
Fotografieren
Philosophieren
Anders sein.

II

Wurzeln in der Goethestadt Ilmenau, längst in Ulm, dem umliegenden Oberschwaben und Westallgäu zuhause, mit steter Lust auf Abstecher nach Leipzig und Wien, Spaziergänger, Buchmensch, Leser und Schreiber. Die Variation von Jan Haag:

Freuden  (für Charlotte und Marie Luise)

Der erste Blick in die Zeitung am Morgen
Die nächsten Bücher
Der Wechsel der Jahreszeiten
Das frische Hemd

Nachdenken
Skepsis
Lesen dürfen
Schreiben können
Begreifen

Alte Musik
Andere Musik

Schlendern durch Gassen
An Fluss oder See sitzen
Kleine Fluchten
Ankommen

Lange Gespräche
Verstanden werden

 

 

Die Unschärfe der Welt

Über den neuen Roman von Iris Wolff

In der Erinnerung ist alles für immer aufgehoben, doch Gegensätze liegen so nah beieinander, dass sie manchmal, selbst wenn man sich mit bestem Gewissen auf die Wahrheit beruft, nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. (Iris Wolff: Leuchtende Schatten, S. 148)

Wie schwer es fällt, den Begriff Heimat zu verdeutlichen. Wie oft versagt Sprache bei der Verständigung. Wie missverständlich kann die Sprache der Liebe sein. Schweigen hingegen kann mitunter sehr aussagekräftig sein. Wie oft besteht zwischen den Generationen Unverständnis. Wie zuverlässig sind sichere Wahrheiten. Und wie verschwommen die Grenze zwischen Verwandtschaft und Wahlverwandtschaft.

Unschärfen der Welt begleiten Protagonisten und Leser durch den neuen Roman von Iris Wolff. Es ist ihr vierter.

Sehr viel Schnee fällt, als das junge Paar sein erstes Kind erwartet. Der Weg in die Klinik, ein Abenteuer. Das ist der spannende Einstieg in einen Roman der durchaus als traditionelle Familiengeschichte gelesen werden kann. Im Zentrum stehen Hannes und Florentine mit ihrem Sohn Samuel, der in einem strengen Winter um das Jahr 1970 im rumänischen Banat geboren wird. Hannes ist auf Umwegen lutherischer Pfarrer geworden. Die Familie gehört zur deutschsprachigen Minderheit. Eine von mehreren Minderheiten im totalitären Staat des Ceaușescu-Clans. Das Dorf liegt an der Marosch (Mureş, Maros, Mieresch), einem Fluss der knapp 800 Kilometer lang durch Rumänien und Ungarn fließt, bevor er in die Theiss mündet. Diesem Fluss kommt in Iris Wolffs Buch eine besondere Bedeutung zu.

Hannes Eltern, Karline und Johann, stammen noch aus der Zeit, als das Land eine Monarchie war. Karline versucht im kargen Kommunismus ihre großbürgerlichen Ideale aufrecht zu erhalten und verehrt in stolzer Treue den abgedankten König Michael. Die Eheleute Konstanty und Malva gehören zur slowakischen Volksgruppe und als reformierte Christen zur Gemeinde von Hannes. Ihre Tochter Stana und Samuel sind Sandkastenfreunde. Als Hannes Besucher aus Ostdeutschland im Pfarrhaus beherbergt, wird er von Konstanty bei der Securitate, der Staatssicherheit, angeschwärzt. Das gesellschaftliche Klima ist geprägt von einem Netz aus Überwachung, von gegenseitigem Misstrauen und Verleumdung.

Wahrheit und Klarheit, Scheitern und Gelingen, Vergangenes und Vergessenes, Erinnertes und Verändertes, die Menschen sind in ihren engen Lebenskäfigen gefangen. Was geschieht und einem selbst widerfährt, wird meist als schicksalhaft und unabänderlich ertragen. Auflehnung hat schwere Konsequenzen. Selten sind Versuche auszubrechen. Samuel wird es auf spektakuläre Weise versuchen und fliehen, Eltern, Freunde, Umfeld ohne Ankündigung und ohne Nachricht von seinem Verbleib verlassen. Damit beginnt für ihn eine Odyssee durch Orte und Regionen der Bundesrepublik Deutschland und die Freiheits- und Konsumverheißungen des Westens. Jahre später führt der Ausbruch an den Ausgangspunkt zurück. Manche Menschen mussten fortgehen, um diesen Ort zu finden, andere wiederum würden ihn nie finden, wenn sie fortgingen.

Iris Wolffs Buch ist ein Panorama über vier Generationen. Die charismatische Karline wird ihre Urenkel noch sehen. Sie durchlebt die Katastrophen und Kriege, die Systemwechsel und die damit verbundenen unterschiedlichen Wahrheiten, die Not und das Elend, Aufschwung und Zweifel – alles was das 20. Jahrhundert in die Geschichtsbücher eintrug.

Es gab verschiedene Einsamkeiten. Die des Berges, der schon immer da war. Die der offenen Landschaft und dem Gefühl des Verlorenseins. Die der Großstadt und ihrer Gleichgültigkeit. Es gab die Einsamkeit des Lehrerzimmers, der überfüllten Straßenbahn, der leeren Wohnung.

Foto: Wiebke Haag

Auch im neuesten Roman der Freiburger Schriftstellerin klingt wieder dieser ganz eigene Iris-Wolff-Ton an. Der besondere Stil, die Beobachtungsgenauigkeit und Beschreibungsfähigkeit. Iris-Wolff-Leser schätzen die Passagen reiner sprachlicher Schönheit, die Gedankenfülle und einfühlsame Melancholie. Im aktuellen Buch überrascht Wolff zudem mit einer pointiert ironischen Passage, in der sie den absolutistischen Conducător (zu deutsch: Führer) porträtiert und entlarvt. Unvergleichlich versteht es Iris Wolff detailgenau Alltägliches zu beschreiben. Essensgewohnheiten, Tagesrituale, Lebensformen, Arbeitsweisen, wie etwa Methoden der Wollreinigung. Schilderungen, die uns heutigen Lesern bereits exotisch vorkommen, andererseits vielleicht an die Erzählungen der eigenen Vorfahren erinnern. Und da ist diese naturnahe Poesie. Die Natur dient immer wieder einmal der Zeitzuordnung, sie ist Vergänglichkeitssymbol oder Ausdruck von Stetigkeit.

Die Wiese war septemberwarm, die Bäume lagen im Dunkeln, nur ein wenig Mondsilber in den Ästen … – … Das Gemüsebeet lag in der Sonne, Paprika reiften neben Tomaten, grüne Bohnen neben Zucchini, Wassermelonen lagen auf der Erde. Sie waren so groß, dass sie ins Haus gerollt werden mussten.

Erzählt wird aus wechselnden Perspektiven, in jedem Kapitel steht eine andere Figur im Mittelpunkt. Wie bereits in So tun, als ob es regnet sind die Kapitel novellenartig gestaltet, entsprechend stehen jeweils markante Ereignisse im Zentrum. Der tragische Tod eines Jugendlichen. Das Erwachen sexueller Gefühle zwischen Samuel und Stana (vielleicht die poetischsten Passagen des Buches). Die Flucht Samuels oder, wie im Schlusskapitel, der Tod der Patriarchin Karline.

Die Unschärfe der Welt ist ganz nebenbei ein Roman literarischer Anspielungen und Verweisungen. So wird Samuels Freund Oswald Oz gerufen, ein Spitzname der sich natürlich auf den legendären Zauberer bezieht. Mit der Zauberei kommt übrigens ein Element ins Spiel, das gegen Ende des Buchs einen speziellen Akzent setzen wird.

Dass der 16-jährige, der beim Schwimmen in der Marosch so unglücklich ums Leben kommt, Echo gerufen wird, lässt Thomas-Mann-Kenner aufhorchen. Echo wurde ein kleiner Junge genannt, der eigentlich Nepomuk Schneidewind hieß, und den Thomas Mann in seinem Doktor Faustus so qualvoll an Meningitis sterben lässt. Dem Leser werden die Einzelheiten des Sterbeprozesses nicht vorenthalten und Iris Wolff, die nicht so weit geht wie der Nobelpreisträger, spart ebenfalls nicht mit den Details eines sinnlosen Todes. Einschließlich einer ausführlichen Darstellung der Beerdigungszeremonie mit ihren tradierten Ritualen.

Und auf einer Insel vor der deutschen Küste treffen wir Bene wieder, einen der Besucher, die vor vielen Jahren im Banater Pfarrhaus zu Gast waren und der inzwischen Inhaber einer kleinen Buchhandlung geworden ist. Mit seinen ausgewählten Empfehlungen verführt er seine Kundschaft zu Leseerlebnissen, die über das vielgefragte, vielgekaufte Belletristische hinausgehen. DDR-Literatur etwa, Wolf natürlich, aber auch Johnson und Fries. Literatur aus Osteuropa, Pastior, Banffy und Marai. Welchen Wert hatten Buchhandlungen sonst, als dass man persönliche Empfehlungen erhielt? Eine als Frage verkleidete Feststellung, die ebenso sicher im Sinne der Verfasserin von Die Unschärfe der Welt ist, wie der eine oder die andere der empfohlenen Autoren und Autorinnen zu ihren Lektüren gehören dürften.

Für Anfänge musste man sich entscheiden. Enden kamen von allein, wenn  man sich nicht entschieden hatte.

Am Ende von Iris Wolffs neuem Roman schließt sich der Kreis. Was uns Wolff-Lesern und -Leserinnen so wichtig und wertvoll geworden ist, dass wir uns über jede neue Variante ihres Urstoffes freuen, trägt andererseits dazu bei, dass sie nicht dieselbe Publikumsbreite erreicht wie andere Schreiber und Schreiberinnen ihrer Generation. Hier geht es eben nicht um hippe Metropolen, um das Lebensgefühl, die Irrungen und Wirrungen westlicher Großstädter, nicht um die Fensterformen in der Bundeshauptstadt. Im Mittelpunkt steht die deutsche Minderheit in Rumänien, stehen Dörfer, kleine Städte, einsame Landschaften des Banat. Lebensläufe, Schicksale von Menschen in Europas Osten, die durch weltgeschichtliche Willkür am Rande gelandet sind. Iris Wolff schreibt Literatur, die sich Strömungen verweigert. Zeitlos und zauberhaft.

Iris Wolff und ihr Werk wurden in den letzten Jahren mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Jetzt steht Die Unschärfe der Welt auf der Longlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis.

Wolff, Iris: Die Unschärfe der Welt. Roman. Klett-Cotta, 2020. Euro 20. – (Auch Hörbuch und E-Book erhältlich.)

Das Nußbaumblatt

Ein Juligedicht von Louis Fürnberg. Mit Notizen zum Dichter.

Das Nußbaumblatt

Heut hat der Wind ein welkes Nußbaumblatt
in unsern schmalen, kalten Hof getragen,
der nichts als eine hohe Mauer hat.

Da haben wir die Hände ausgestreckt
danach, die schweigend wir den Hof durchschritten;
was so ein Blatt für Sommerwünsche weckt.

Und einer fing´s in seiner hohlen Hand
und hielt es zart und zärtlich an die Wange,
ein Nußbaumblatt, von Juliglut verbrannt;

und reicht es dem, der hinter ihm ging stumm …
der küßte es, und so im Weitergange
ging es, ein welkes Blatt, geküßt reihum.

In einem der bekanntesten Lieder der im Osten und Westen unserer Republik gleichermaßen beliebten Deutschrock-Formation Puhdys kommt zu rhythmischem Gitarrenklang ein Lebenswunsch zum Ausdruck: Alt wie ein Baum möchte ich werden, so wie der Dichter es beschreibt. 

Welcher Dichter ist da eigentlich gemeint? Nach ihm fragt kaum jemand. Er hieß Louis Fürnberg und die Puhdys beziehen sich auf sein Gedicht Alt möcht’ ich werden, das so beginnt:

Alt möcht’ ich werden wie ein alter Baum, / mit Jahresringen längst nicht mehr zu zählen …

Als Louis Fürnberg 1909 in Iglau geboren wurde, wäre die Vorstellung dass sich sein Lebenskreis eines Tages in Weimar schließen würde wohl völlig abwegig erschienen. Iglau, die Bergstadt an der Grenze von Böhmen und Mähren zählte um diese Zeit beachtliche 28.000 Einwohner. Etwa 22.000 davon hatten Deutsch als Muttersprache. Die jüdische Fabrikantenfamilie Fürnberg zog nach Karlsbad um, wo Louis Kindheit und Jugend verbrachte und das Gymnasium besuchte. Anschließend ging er in Prag auf die deutsche Handelsakademie und wurde 1928 Mitglied der (deutschen!) kommunistischen Partei. Erste Gedichte erschienen in deutschsprachigen Zeitungen. 1937 heiratete er die aus Wien stammende Lotte Wertheimer.

Die Machtergreifung Hitlers in Deutschland und der Einmarsch seiner Armee in Prag im März 1939 warf das junge Paar aus vorhersehbarer Lebensbahn. Die Flucht nach Polen scheiterte. Lotte wurde bereits nach zwei Monaten aus der Haft entlassen und floh nach London. Louis blieb inhaftiert und wurde mehrfach gefoltert. Der Familie gelang es schließlich ihn freizukaufen. Über Italien und Jugoslawien flohen Lotte und Louis nach Palästina. Die meisten Mitglieder ihrer Familien fielen dem Holocaust zum Opfer.

Zurück in Prag arbeitete Louis Fürnberg ab 1946 zunächst als Journalist und war von 1949 bis 1952 Kulturattaché der tschechoslowakischen Botschaft in Ost-Berlin. Das politische Klima in seiner Heimat wurde zunehmend von antisemitischen und nationalistischen Tendenzen geprägt. Aus Louis Fürnberg musste Lubomir Fyrnberg werden. Im Rahmen seiner Tätigkeit für die Botschaft kam er 1949 zum ersten Mal nach Weimar und nahm an den Feierlichkeiten zu Goethes 100. Geburtstag teil. Thomas Mann hielt seine berühmte Ansprache im Goethejahr 1949 und widerstand den Versuchen beider deutscher Staaten den damals noch im amerikanischen Exil lebenden Nobelpreisträger für sich zu vereinnahmen. 

Der Feingeist, Dichter und Goetheverehrer Louis Fürnberg hingegen war in seinem heimlichen geistigen Zentrum angekommen. Dass diese geistig-literarische Heimat in einem Staatswesen lag das den Weimarer Idealen, seiner Tradition und seinen ehedem hier wirkenden Repräsentanten, von Wieland bis Goethe, Hohn sprach, ist aus heutiger Sicht leicht zu erkennen. Fürnberg und viele andere jedoch fühlten sich damals im richtigen Deutschland, hofften auf eine gerechte Zukunft in sozialistischer Gesellschaft. Mit seinem literarischen Wirken setzte sich ja nicht nur Fürnberg für diese Utopie ein. Auch Kollegen wie Brecht, Huchel, Hermlin, und vor allem der zum Funktionär avancierte Johannes R. Becher, waren mit Teilen ihres Schaffens auf Linie.

1954 übersiedelte das Ehepaar Fürnberg mit ihren beiden Kindern nach Weimar. Wohnadresse wurde die Rainer-Maria-Rilke-Straße 17. Eine berufliche und damit materielle Basis für die Familie fand Louis als stellvertretender Leiter der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur. 1955 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie der Künste. Noch im selben Jahr erlitt er einen schweren Herzinfarkt von dem er sich nie wieder richtig erholte. Der Dichter, der schon als junger Mann schwer an Lungentuberkulose erkrankt war, starb schließlich am 24. Juni 1957. Er wurde 48 Jahre alt. Ein großer Trauerzug begleitete den Sarg durch ein dichtes Spalier Weimarer Bürger zum Ehrengräberfeld des Historischen Friedhofs.

Was ich singe, sing ich den Genossen. / Ihre Träume gehen durch mein Lied. 

Louis Fürnberg 1949. Quelle: Bundesarchiv Bild 183-S81891

Louis Fürnberg verstand sich als politischer Dichter. Er zählte zu den von den Führungskadern geschätzten, weil nützlichen, benutzbaren Staatsdichtern. Bis in breite Schichten der Bevölkerung war er bekannt und beliebt. Insbesondere Teile seiner Lyrik, die manchmal fast hymnische Züge hatte, zeugen von fester kommunistischer Gesinnung, der er ein Leben lang treu blieb. Seine Gedichte wurden immer wieder vertont. Es entstanden eingängige, leicht singbare Lieder die besonders in Schulen und Jugendorganisationen sehr populär wurden.

Neben unzähligen Gedichten schrieb Fürnberg Erzählungen und Romane. Zu seinen bekannteren Prosaarbeiten zählt die Novelle Begegnung in Weimar, in der er seiner Verehrung für das klassische Weimar und seine Goethe-Bewunderung zum Ausdruck bringt. Sie erzählt von einem Treffen des polnischen Dichters Adam Mickiewiczs mit Johann Wolfgang von Goethe. Die über weite Strecken in Dialogform gestaltete Geschichte deutet das erzählerisch-gestalterische Potenzial des Autors an, ist inhaltlich letztlich zu speziell und elitär.

Nach dem Tod des systemtreuen Dichters betreute die Witwe Lotte Fürnberg das Werk ihres Mannes. Sie gab seine Gesammelten Werke heraus, die in sechs Bänden in den Jahren 1964 bis 1973 erschienen. Die langjährige Freundschaft mit Arnold Zweig dokumentiert der 1978 publizierte Briefwechsel. Louis Fürnberg wurde von seinem Umfeld als freundlicher, bescheidener Mensch charakterisiert. Sein großer Gerechtigkeitssinn und seine Sympathie für die Vernachlässigten und zu kurz Gekommenen führten dazu dass er sich für einen Weg entschied der zwar viel Hoffnung, doch letztlich keine Lösung für die Probleme der Welt bot.

In Weimar entstand ein Louis-Fürnberg-Archiv, das Lotte Fürnberg bis zu ihrem Tod, im Alter von 92 Jahren im Januar 2004, betreute. Ruhm und Bekanntheit des Schriftstellers wurden auch nach dem Ende des DDR-Staats hauptsächlich in Weimar und Thüringen eifrig gepflegt. Als 2009 der 100. Geburtstag anstand, gab es eine Gedenkveranstaltung im Weimarer Stadtschloss. Alena, Tochter der Fürnbergs, trug Gedichte des Vaters vor und Wulf Kirsten hielt die Laudatio. In einem Gebäude der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, wenige Kilometer außerhalb der Klassikerstadt gelegen, wurde Louis Fürnbergs Arbeitszimmer originalgetreu rekonstruiert. Es kann nach Anmeldung besichtigt werden.

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Fürnberg, Louis: Gesammelte Werke in sechs Bänden. – Berlin und Weimar, 1964 – 1973

Fürnberg, Louis; Zweig, Arnold: Der Briefwechsel zwischen Louis Fürnberg und Arnold Zweig : Dokumente e. Freundschaft. – Berlin und Weimar, 1978

Fürnberg, Louis: Die Begegnung in Weimar. 2. Aufl. – Berlin und Weimar, 1969

Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR. – erw. Aufl., Berlin, 2009

Das Blättchen. Zweiwochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft. – Berlin : Verl. d. Blättchens (Online-Ausgabe) (22) 2019. https://das-blaettchen.de/schlagwort/louis-fuernberg

 

 

 

Zehn zahme Ziegen zogen zehn Zentner Zucker zum Zoo

Von Zungenbrechern und einer Wunderkammer

Vor den coronabedingten Einschränkungen war ich in einer Kita Lesepate und Vorleser. Eine Aufgabe die mir viel Freude gemacht hat. Bevor ich den Kindern ein weiteres Kapitel aus der Kleinen Hexe, dem Räuber Hotzenplotz oder von Urmel aus dem Eis vorlas, trug ich meist ein lustiges (manchmal auch ein ernstes) Gedicht vor, das wir dann zusammen nachsprachen – mal schell und mal gaaanz laaangsam. Hin und wieder wählte ich an Stelle des Gedichts einen Zungenbrecher.

Etwa den Klassiker: Fischers Fritz fischt frische Fische, frische Fische fischt Fischers Fritze.

Ich sprach es den Vier- bis Sechsjährigen vor und ließ sie dann selbst wiederholen, so lange bis es einigermaßen korrekt klang. Oder eben nicht. Sondern wie Kauderwelsch oder wie mit der heißen Kartoffel im Mund. Ein Riesenspaß!

Auf der Suche nach neuen unsinnigen Lautmalereien machte ich das was heutzutage alle so machen würden. Ich gab in den Googleschlitz zunächst „Zungenbrecher für Kinder“ ein, später, das Ergebnis dieser ersten Suche war mager, beließ ich es beim allgemeinen „Zungenbrecher“. Die Trefferquote blieb spärlich und beschränkte sich fast ausschließlich auf Altbekanntes.

Entfallen war mir, dass, was mir weiterhelfen konnte, längst im heimischen Bücherregal wartete. Als es mir wieder einfiel, fand ich, dank konsequenter grobsystematischer Ordnung, inmitten der kleinen Abteilung „Sprache und Schreiben“ Die Wunderkammer der Deutschen Sprache. Ein wahrer Hausschatz, ein Schatzkästchen, das ultimative Werk für Menschen, die ihre Ausdrucksfähigkeit zu mehr als Imbissbudenbestellungen oder Fangesängen nutzen möchten.

Zungenbrecher gibt es auf den Seiten 140 und 141. Hier einer der kürzeren: Brauchbare Bierbrauerburschen brauen brausendes Braunbier.

Was diese Wunderkammer ausmacht, was sie bietet, womit sie lockt und reizt, erklärt ihr Untertitel: Gefüllt mit Wortschönheiten, Kuriositäten, Alltagspoesie und Episoden der Sprachgeschichte. Die logopädischen Stabreimereien machen nur eines der vielen erstaunlichen Kapitel des Buches aus. Über zwanzig verschiedene Kategorien werden geboten. Von der Alchemie des Deutschen, über Liebesbekundungen bis Zitate und, ja, eben Zungenbrechern. Im Detail finden sich originelle Sammlungen und kuriose Blickwinkel auf ein Deutsch, das aus dem Sprachbewusstsein und der Alltags-Kommunikation nahezu verschwunden ist.

Foto: Bernd Michael Köhler

Vergleichen wir doch einmal den Wortschatz der DDR mit dem des Großdichters Johann Wolfgang Goethe. Ergebnis: Es gibt keine Schnittmenge. Und wer weiß denn auf Anhieb, was Palindrome sind? Wörter, Sätze, die man von vorne und von hinten lesen kann und es bedeutet immer dasselbe: Rentner, Marktkram … Lagertonnennotregal … Lag er im Kajak? Mir egal! (Die Satzzeichen bleiben unberücksichtigt.)

Die Wunderkammer bietet kulinarische Aufklärung. Man erfährt – so man es denn wirklich wissen will – was es mit den Schillerlocken auf sich hat und warum bei Eisbein warme Socken nutzlos sind. Wollte ich schon immer die zehn Lieblingswörter der Schriftstellerin Karen Duve kennenlernen? Eigentlich nicht zwingend. Doch nun weiß ich, dass Badezimmerobst, Rokokokröte und Tollpatsch dazu gehören.

Vermutet hatte ich es längst, in der Wunderkammer finde ich es fundiert belegt. Das erste große Wörterbuch der Deutschen Sprache stammt nicht von den Grimms. Sondern von Johann Christoph Adelung (1732 – 1806). Erschienen in den Jahren 1774 bis 1786, fünf Bände mit 60.000 Artikeln, die Herkunft, Bedeutung und Verwendung der Worte erläutern. Der ehrgeizige Wilhelm (1786 – 1859) und der etwas verträumte Jacob (1785 – 1863) haben das natürlich übertreffen müssen: 33 Bände umfasst das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm.

34.000 Seiten, 350.000 Stichworte und 600.000 Belegzitate. Jahrzehnte waren sie damit beschäftigt. Zur Erholung und zum Ausgleich sammelten sie in Kassels Umgebung Märchen, die nach heutigem Stand der Literaturpädagogik für kleinere Kinder nicht geeignet sind. Verbissen arbeiteten sie Jahrzehnte an ihrem Vorhaben ohne ans Ziel zu kommen: dem Zypressenzweig. Es waren weitere Generationen von germanistischen Wortsammlern am Werk, bevor endlich der letzte Band im Jahr 1961 in den Bibliotheken stand. (Längst gibt es Neuauflagen und Nachbearbeitungen.)

Heutigen Autoren und Autorinnen sei empfohlen gelegentlich bei den Grimms nachzuschlagen und die eigenen mageren Auslassungen mit saftigen Fundstücken aus der Grimm‘schen Wortwelt zu bereichern: Blitzzwiebelblau, busenwarm, Galanteriewarenhändler, Tollhausbibliothekar, lusttaumelnd, Quetschgesicht, wuppsen.

Jetzt ist es ja so, – und das nicht erst seit Corona – dass die Heimatzeitungen inhaltlich starken Abmagerungserscheinungen ausgesetzt sind. Je mehr die hauseigenen journalistischen Beiträge schwinden, umso kurioser die Versuche ohne Aufwand Fülle herzustellen. Seiten voller Grüße der Enkel an die Großeltern und umgekehrt, Geschichten, die die Leser und Leserinnen selbst schreiben müssen, Belanglosigkeiten und überdimensioniertes Bildmaterial statt recherchierter Berichte und wohl wägender Kommentare.

Dass in Zeiten von Home Office und in der eigenen Familie gestrandeten Kindern, die von didaktisch defizitären Eltern im Home Schooling traktiert werden, die Kinderseiten der gedruckten Tageszeitungen eine Renaissance erleben, gehört sicher zu den nicht ganz unerfreulichen Erscheinungen der Pandemie. Und siehe, war da dieser Tage in meinem Leib- und Lokalblättchen tatsächlich eine kwietschbunte Seite im traditionellen Großformat gefüllt mit Zungenbrechern zu entdecken.

Wie diesem typischen Beispiel: Putzige Pinguine packen pausenlos Pralinenpakete.

Noch ein letztes Mal zurück in die Wunderkammer und hinein in den Wortschatz der DDR. Der Einheitspartei war bereits damals die Einsickerung englischsprachiger Ausdrücke in die deutsche Sprache ein Dorn im Auge, insbesondere jenem der Volksbildungsministerin Margot Honecker. So wurde aus „Bodybuilding“ das klangschöne „Körperkulturistik“ und aus „Darts“ ein simples „Wurfspiel“. Die Frau Ministerin ihrerseits wurde angesichts der meist blau-violett schimmernden Haare als „Blaue Eminenz“ verhohnepiepelt.

Die Wunderkammer der Deutschen Sprache wurde von Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer herausgegeben, die auch die kongeniale Auswahl besorgten. Sie wurde von 2xGoldstein (Rheinstetten) aufwändig gestaltet und ausgestattet, zweifarbig gedruckt und in Leinen gebunden bei Ebner & Spiegel in Ulm. Das 300 Seiten umfassende Werk liegt mir in der zweiten Auflage von 2020 vor. Es hat einen angemessenen Preis.

Böhm, Thomas; Pfeiffer Carsten (Hrsg.) Die Wunderkammer der Deutschen Sprache. Gefüllt mit Kuriositäten, Alltagspoesie und Episoden der Sprachgeschichte. – Berlin : Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, 2. Aufl. 2020

 

(Der Verlag ist Preisträger des Deutschen Verlagspreises 2020)

P.S.: Zungenbrecher entfalten ihre volle Wirkung am besten, wenn man sie mehrmals schnell hintereinander spricht.

… auf des toten Manns Kiste

Tag- und Nachtträume in viraler Epoche

Ich ging im Städtchen so für mich hin. Und natürlich stand mir nicht der Sinn danach irgend etwas zu suchen. Ein harmloser Spaziergang zu pandemischen Zeiten im gutbürgerlichen Stadtteil sollte es sein. Die frühlingswarme Straße hinauf und hinab. Auf beiden Seiten mehrstöckige Wohnhäuser der Gründerzeit. Aus der inneren Einkehr kurz aufschauend, strecken sich plötzlich aus jedem Haus unzählige Balkone dem Überraschten entgegen. Und schon erklingen Stimmen. Glockenhelle Stimmen junger Knaben und Mädchen, paarweise stehen sie auf den schmiedeeisern umhegten Plattformen: Freude, schöner Götterfunken, / Tochter aus Elisium, / Wir betreten feuertrunken / Himmlische, dein Heiligthum.

Von einem Augenblick auf den anderen sind die Kinder verschwunden. An ihrer Stelle singen jetzt Männer. Große und kleine, schmale und beleibte, glatt oder bärtig, betagt oder jünger. Satte Bässe und schmetternde Tenöre in Zweier-, Dreier-, Vierergruppen. Kraftvoller Gesang im widerhallenden Straßenraum: La Montanara ohe / Von fern rauscht der Wasserfall / Und durch die grünen Tannen / Bricht silbern das Licht. Doch bald werden die Stimmen rauher, aus melodischem Gesang wird eine Art Grölen. Zu verstehen ist nur der in Dauerschleife wiederholte Refrain: You never walk alone. 

In der folgenden Nacht der beklemmende Besuch im Autokino. Die Türen des Wagens lassen sich nicht mehr öffnen. Ich rüttle an den Seitentüren, klopfe verzweifelt gegen die Windschutzscheibe. Nichts und niemand rührt sich. Auf dem Beifahrersitz die leere Tüte einer Großportion Popcorn und aus dem Literbecher Copa Cola ragt der Trinkhalm. Nur wenige Meter vor mir auf einer extrem überdimensionierten Leinwand laufen sämtliche Bergman-Filme in Endlosschleife. Stundenlang, nächtelang. Kein Entkommen. Als ich schweißgebadet aufwache, wird es bereits hell vor dem Fenster. Vögel jubilieren.

Die Nächte drauf suchen mich beängstigende Gestalten aus den in den letzten Tagen und Wochen verschlungenen Romanen heim. Massive Nebenwirkungen exzessiver Leseorgien, erzwungen durch Quarantäne und die Abstinenz von jeder Form kultureller oder sportlicher Freizeitaktivität. Fußball in echt, Maibockfeste und Volksläufe, Freilichttheater und Kammermusikabende unter Linden – alles passé. Entzugserscheinungen. Massiv. Zittern. Schlafprobleme. Immer öfter kommt der Alp.

Die Hispaniola schwankt in schwerer See. Long John Silver und der Einbeinige mit der Holzkrücke zerren mich an Deck. Drei Seeräuber schwanken auf mich zu und schwingen ihre Säbel über den Kopf. Mein Fluchtversuch mit bleischweren Füßen rückwärts über nasse Planken. Der Rand des Schiffbugs. Das Hindernis. Stolpern. Sturz über die niedere Reling. Unter mir die aufgewühlte Südsee. Den Chor der zerlumpten Mannschaft noch im Ohr: Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste / Ho ho ho und ne Buddel mit Rum / Schnaps stand stets auf der Höllenfahrt Liste / Ho ho ho und ne Buddel mit Rum. Schmerz in der Hüfte. Langsames Erwachen neben dem Bett. Die Schatzinsel ist das hier nicht.

Schlaflos in den Straßen Londons unterwegs. In Wirklichkeit war ich nie hier. Jetzt bin ich in die Romane von Nicci French geraten. Belebte Straßenzüge mit kleinen Läden. Die Gerüche der Gewürze aus aller Welt. Kleine Gassen und Straßenmärkte. Das Ufer der Themse und stinkende Kanäle. Pubs, Kneipen, zwielichtige Hotels, Wolkenkratzer, Brachland und die Krater großer Baustellen. Kleine Parks und Grünanlagen. Vernachlässigte Reihenhäuser und schäbige Wohnsilos, und hinter jeder Ecke kann ER lauern. Dean Reave, der Psychopath, der mehrfache Mörder, der Wandelbare. Allgegenwärtige Bedrohung. Ich habe mich in eine kleine Teestube geflüchtet, nass vom Dauerregen, frierend, einsam und hilflos. Da geht die Tür auf … 

Acht dicke Bände mit Frieda Klein, der Londoner Psychotherapeutin und nächtlichen Stadtwanderin, die der Londoner Polizei immer wieder mehr oder weniger freiwillig zur Hand geht. Von Blauer Montag bis Der achte Tag pralle Spannung und Unbehagen. Auslöser unruhiger Nächte mit beklemmenden Träumen.

Über meine weitere Lektüre muss ich mir ernsthaft Gedanken machen, wenn ich zu ruhigem, das Immunsystem stärkenden Schlaf zurückfinden will. Vielleicht in Zukunft nur noch die autobiographisch grundierten Eugen-Rapp-Romane von Hermann Lenz. Oder ich mache mich endlich einmal zusammen mit Marcel P. auf die Suche nach der verlorenen Zeit

Ein Frühlingsgedicht von Selma Meerbaum-Eisinger

Frühling

Sonne. Und noch ein bißchen aufgetauter Schnee
und Wasser, das von allen Dächern tropft,
und dann ein bloßer Absatz, welcher klopft,
und Straßen, die in nasser Glattheit glänzen,
und Gräser, welche hinter hohen Fenzen
dastehen, wie ein halbverscheuchtes Reh …

Himmel. Und milder, warmer Regen, welcher fällt,
und dann ein Hund, der sinn- und grundlos bellt,
ein Mantel, welcher offen weht,
ein dünnes Kleid, das wie ein Lachen steht,
in einer Kinderhand ein bißchen nasser Schnee
und in den Augen Warten auf den ersten Klee …

Frühling. Die Bäume sind erst jetzt ganz kahl
und jeder Strauch ist wie ein weicher Schall
als erste Nachricht von dem neuen Glück.
Und morgen kehren Schwalben auch zurück.

(Geschrieben am 07.03.1940)

Heute gehört sie zum literarischen Dreigestirn der Stadt Czernowitz, das die Namen Paul Celan, Rose Ausländer und Selma Meerbaum-Eisinger trägt. Czernowitz war jene deutschsprachige Insel aus Zeiten der Habsburgermonarchie, die durch den Vernichtungsfuror Hitler-Deutschlands unterging. Zu den Opfern des Holocaust gehörte auch die 18jährige Selma Meerbaum-Eisinger. (Jürgen Serke in: Ein Buch kommt in Deutschland an. PDF-Dokument via Wikipedia-Eintrag zu Selma Meerbaum-Eisinger.)

In Czernowitz kam Selma Merbaum am 5. Februar 1924 zur Welt. Der Vater war ein Schuhhändler, im Elternhaus wurde Deutsch gesprochen, in der Schule Rumänisch. Ihr Umfeld war geprägt von deutsch-jüdischer Kultur, die Region vom Vielklang der unterschiedlichsten Völkerschaften. Schon früh entdeckte sie für sich die Gedichte Heines und Rilkes, Verlaines und Tagores, Klabunds Nachdichtungen chinesischer Werke. Selma starb am 16. Dezember 1942 im Arbeitslager Michailowka.

Gerade einmal 57 eigene, handschriftlich verfasste Gedichte hat sie hinterlassen. (Darüber hinaus hat sie sich auch an Nachdichtungen französischer, rumänischer und jiddischer Lyrik versucht.) Unter dem Titel Blütenlese hat sie diese selbst zu einem Album gebunden, das sie ihrem Freund Leiser Fichmann widmete, der auf der Flucht nach Palästina starb. Mit dem Satz Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben … endet das schmale Bändchen, das auf glückliche Weise durch Krieg und Wirrnisse erhalten blieb.

Erstmals publiziert wurden ihre Gedichte 1976 als Privatdruck in Israel. Die Dichterin Hilde Domin machte den Exilforscher Jürgen Serke auf die Autorin aufmerksam. Im Mai 1980 erschien ein Artikel Serkes über Selma Merbaum in der Illustrierten Stern, der eine breitere Öffentlichkeit auf sie aufmerksam machte. Im Herbst des gleichen Jahres kam ein von Serke editierter Band bei Hoffmann und Campe heraus: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eine jüdischen Mädchens an seinen Freund. 

Der herausragende literarische Rang dessen was in so knapp bemessener Lebenszeit entstehen konnte ist heute unbestritten. Einzelne Gedichte wurden unter anderem von Reinhard Mey, Inga Humpe und Sarah Connor vertont oder interpretiert. Sie fanden Aufnahme in Anthologien und Schulbüchern. Hörbücher wurden von Iris Berben und Herman van Veen eingelesen. 2007 stand ein bundesweiter Gedichtwettbewerb unter dem Motto Was geht mich Selma an?

Zu Selma Merbaums Leben in Czernowitz und zu ihrer Familie war bisher so gut wie nichts bekannt. Die Vernichtungsfeldzüge der Nazis sowie das Chaos der anschließenden Kriegs- und Nachkriegszeit schienen Informationen zu ihr und ihrem Leben restlos getilgt zu haben. Nicht einmal ihr Name war richtig überliefert worden.

Nach jahrelangen Forschungen hat Marion Tauschwitz 2014 eine Biographie einschließlich aller Gedichte veröffentlicht. Sie hat dazu Daten, Lebenszeugnisse und Fakten des Umfelds in Archiven der Ukraine, Englands, der USA und Deutschlands gesichtet und ausgewertet. Es gelang ihr Zeitzeugen ausfindig zu machen und zu befragen. In einer einfühlsamen, wissenschaftlich fundierten Arbeit hat Tauschwitz Selma Merbaums Leben rekonstruiert und alle Gedichte nach den Originalhandschriften neu übertragen.

Serke, Jürgen (Hrsg.): Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eine jüdischen Mädchens an seinen Freund. – Hamburg, 1980 (danach versch. Auflagen und Ausgaben)

Tauschwitz, Marion: Selma Merbaum : Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biographie und Gedichte. Mit einem Vorwort von Iris Berben. – Springe, 2014

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(Vielen Dank an Bernd Michael Köhler, dass er mich auf die Dichterin aufmerksam gemacht hat, für die Auswahl des zur Jahreszeit passenden Gedichts, sowie für die Zusammenstellung von Datenmaterial zu Leben und Rezeption der Dichterin.)

Mann und Maske

Als ich neulich in pandemiebedingter Abgeschiedenheit einmal mehr an heimischen Regalen auf der Suche nach zeitvertreibendem Lesestoff war, fiel mir die Taschenbuchausgabe des Doktor Schiwago von Boris Pasternak in die Hände. Zum zweiten oder dritten Mal in einem lektürereichen Leben vertiefte ich mich in diesen Roman und war erneut von der epischen Kraft des dicken russischen Erzählwerks hingerissen. 

Dabei musste ich an den kleinen, hoch über Innsbruck gelegenen Wintersportort denken wo ich einst mit Freunden und Freundinnen ein ebenso zünftiges wie sommerliches Wochenende verbringen durfte. Zum beliebten Erzählstoff an weinseligen Abenden in der Gemeinde gehören bis heute die Legenden vom berühmten Schauspieler Omar Sharif der hier gerne zu rasanten Skiabfahrten, ausgedehnten Après-Vergnügungen und galanten Abenteuern mit geneigter einheimischer oder zugereister Weiblichkeit weilte.

Zur Erinnerung. Omar Sharif spielte die männliche Hauptrolle in einer üppigen Verfilmung des Schiwago-Stoffs von 1965. Mit seither unerreichter männlich-chauvinistischer Souveränität bezirzte er Schauspiel-Kollegin Julie Christie, die die ebenso zarte wie schöne Larissa Antipowa, genannt Lara, geben durfte. Kaum der Erwähnung wert, dass das cineastische Großwerk von mehr als drei Stunden Spieldauer, das David Lean publikums- und kassenwirksam inszenierte, nur ein dünner Aufguss des von Pasternak so tief und breit erzählten Dramas darstellt. Die von Maurice Jarre komponierte Musik, und davon insbesondere die Titelmelodie, wurde allerdings so populär, dass sie bis heute in vielen Ohren nachklingt.

Der gute Omar Sharif, weltweit umschwärmter Hauptdarsteller in vielen aufregenden und bis heute gern gesehenen Leinwandhits, ist seit inzwischen fünf Jahren nicht mehr unter uns. Und an den kleinen Skiort in den Tiroler Bergen kann ich neuerdings nur mit den berüchtigten gemischten Gefühlen denken, haben sich doch dieser und ähnliche, die Massen anziehenden alpinen Hochlagen, als bedenkliche epidemiologische Epizentren entpuppt. Eine Omar-Sharif-Maske aus Karton kann übrigens für Euro 4,50 bei Celebrity Cutouts online bestellt werden. Ob sie wesentlich dazu beiträgt ihre Träger vor viralem Sprühregen zu schützen, bzw. dessen Aussendung zu verhindern, ist unklar.

Für immer die Alpen heißt das farbige, ausgesprochen originelle Romandebüt von Benjamin Quaderer. Das Buch, in dem das kleine bergige Fürstentum Liechtenstein eine bedeutende Rolle spielt, beginnt als klassischer Entwicklungsroman mit wendungsreichen, humorvollen Passagen. Aus diesen Anfängen entwickelt sich eine turbulente Geschichte rund um Geldwäsche und Erpressung, um Bankenskandal und Staatskrise. Ein spannendes Zeitpanorama mit aktuellen Bezügen. 

Der Held und Erzähler gerät als böswillig verlassenes Kind auf wundersame Weise und mit Hilfe eines prominenten Gönners in den zweifelhaften Genuss in Barcelona eine Schule besuchen zu können, die eigentlich jenen Eliten vorbehalten ist, die sich durch besondere finanzielle und gesellschaftliche Privilegien für allerhand Sonderbehandlungen erwählt glauben. Johann bleibt mit seinem nicht klassenaffinen Benehmen und der völligen Mittellosigkeit Außenseiter in diesem Milieu, hässliches Entlein unter prächtigen Schwänen. Er wird bald das Weite suchen.

Wie der vernachlässigte Johann mag sich in nächster Zeit mancher Mitbürger und manche Mitbürgerin unseres föderalen, virengeplagten Gemeinwesens vorkommen wenn er Supermärkte und öffentliche Verkehrsmittel frequentiert. Wir haben uns darauf verständigt, den Bürgern das Tragen sogenannter Alltagsmasken in der Öffentlichkeit – beispielsweise im ÖPNV, beim Einkaufen und in den Schulen, dringend zu empfehlen, postulierte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann in all seiner groß- und landesväterlichen Gutmütigkeit. Dabei übersehend dass solch empfehlendes Ansinnen bei Zeitgenossen mit ausgeprägtem Bedürfnis nach vorauseilendem Gehorsam sehr gerne als gutbürgerliche Verpflichtung verstanden werden kann. 

Nichts stigmatisiert die dann verbleibende maskenlose Minderheit mehr als diese perfide Form von Freiwilligkeit. Nicht jeder und nicht einmal jede in unserer Virologen-Republik kann Stricken, Häkeln oder Nähen und ist damit in der Lage zur Selbsterzeugung von Produkten die Nase und Mund Sprühnebel hemmend umschließen. Nicht jeder und jede verfügt über das akquisitorische Geschick sich die erwünschten Erzeugnisse auf einem leergefegten Markt zu beschaffen. Und nicht jeder Allergiker und Asthmatiker ist bereit auf mühsam genug fallende Atemzüge bei definierten Gelegenheiten zu verzichten. Liebe Kanzlerin, lieber Gesundheitsminister, liebe Ministerpräsidenten und Ministerpräsidentinnen: Schmeißt Alltagsmasken unters Volk bevor ihr das nächste Mal den hüllenlosen Mund zu voll nehmt.

Der Mann mit der eisernen Maske ist der dritte Roman von Alexandre Dumas rund um Die drei Musketiere. Seit 120 Jahren millionenfach aufgelegt und gelesen, bis heute eine schmissige Lektüre. Buch und Verfilmungen gehören in die Mantel-und-Degen-Schublade. Die umkämpften Schauplätze sind im Frankreich des Louis XIV, im 18. Jahrhundert, angesiedelt. Lektüre die über viele phantastische Seiten und Kapitel, zumindest in Gedanken und für Augenblicke, aus verpflichteter oder selbst gewählter Quarantäne befreien kann. Nicht weniger als all die anderen Bücher die man in diesen lesefreundlichen Zeiten neu oder wieder entdeckt.