Das Buch verschwindet!

Es unken die Unken, es pfeifen die Spatzen vom Flachdach und selbst die Verbandsfunktionäre glauben zu wissen: Das Buch verschwindet. Zumindest das gedruckte. Zuerst werden Gebrauchsanweisungen und Lehrbücher obsolet, bis schließlich auch die erzählende, sogenannte Schöne Literatur, der digitalen Übermacht erliegt.

Jene, die glauben es wissen zu müssen, versichern, dass nur die Digitalisierung helfen kann wenigstens die Inhalte zu sichern. Auf Speichermedien, in Clouds. Für alle Ewigkeit. Sicher und fest wie die strahlende Hinterlassenschaft des Atomstroms im Salzbergwerk. Verfügbar über alle Hard- und Softwaregenerationen hinweg. In sicherer Obhut von Microsoft, Google und Companie.

Die Märkte wissen wie immer Bescheid, die Wahrsagerin hat es längst gewusst, im Kaffeesatz steht es, selbst in Familien deren Mitglieder seit Jahrhunderten Buchhandel betreiben macht sich die Gewissheit breit: Das Buch verschwindet! Schließlich sagen uns aktuelle Statistiken, dass immer mehr Menschen immer weniger lesen. Dass der Absatz von Druckwerken von Jahr zu Jahr rückläufig ist.

Noch ist es nicht so weit. Derzeit zeugen sogar einige Trends scheinbar vom Gegenteil. Noch nie gab es so viele Lesefestivals, große und kleine Buchmessen, Tauschbörsen, offene Bibliotheken, Bibliotheksneubauten, junge Verlage, Autoren und Autorinnen. Doch dies sei ein letztes Aufflammen, Strohfeuer und ohnehin nur von Minderheiten wahrgenommen und frequentiert.

Es sei, so wieder die Statistiker, in dieser Hinsicht wie mit der Vermögensverteilung, immer weniger Menschen besitzen immer mehr. In unserem Fall vom Wirtschaftsgut Buch. Gut, wer kann sich bei der seit Jahren zu beobachtenden Preisentwicklung auf dem Wohnungsmarkt noch ein Heim leisten in dem Raum für meterlange Bücherregale ist? (Eine fundierte Untersuchung über die Wechselwirkungen von Wohnungs- und Buchmarkt ist überfällig.) So wird der Buchbesitz in Zukunft vielleicht zur Sache von Snobs und Begüterten. Zum Sammelgut, zur Wertanlage. Was weniger wird, wird wertvoll. Was wertvoll ist weckt Begierde.

Pädagogen, Bibliothekare, Traditionalisten der Branche und viele engagierte Leser stemmen sich dem Trend entgegen. Setzen auf Lesekompetenz, auf gut ausgestattete Bibliotheken und Archive. Betonen die Bedeutung des Vorlesens im frühen Kindesalter. Eltern, Großeltern, Paten und Freunde sind als Lesevorbilder gefragt. Von Kulturpolitikern, Schulen und Vorschulen wird Unterstützung finanzieller und struktureller Art gefordert.

Das sind Übergangsstadien, wird prognostiziert, die das endgültige Verschwinden allenfalls hinauszögern. Die Endzeit hat längst begonnen.

Foto: Wiebke Haag

Es wird anders kommen.

… als die Literatur beginnt, sich vom Atem des Menschen zu lösen und auf ein Trägermedium auszuwandern, beginnt sie sich gewissermaßen reisefertig zu machen. (Jürgen Wertheimer in Weltsprache Literatur)

Nach ersten Versuchen auf Steintafeln und Papyrusrollen erwies sich spätestens seit Gutenberg das gedruckte Buch als idealer Träger für alles was sich Menschen nicht nur mitteilen, sondern darüber hinaus für folgende Generationen bewahren wollten. Das Erzählen wird nicht aufhören solange es Bewohner auf diesem Planeten gibt. Wenn eines fernen oder auch näheren Tages dieses menschliche Erzählen längst an seinem Ende angekommen sein wird, wird es die niedergeschriebenen und in Satz und Druck wiedergegebenen Erzählungen immer noch geben.

Der große Widerspenstige unter den deutschen Schriftstellern des zwanzigsten Jahrhunderts, Arno Schmidt, hat dies zutiefst bedauert. Er setzte auf ein rasches Vergessenwerden nach seinem Tod, das schien ihm Erlösung. In seiner Erzählung TINA oder über die Unsterblichkeit schildert er in einer fiktiven Konstellation wie schrecklich es sein kann, wenn dies nicht eintritt.

Dichter und Dichterinnen landen nach ihrem Ableben in einem quälenden Hades. Sie möchten die unwirtliche Stätte so rasch wie möglich verlassen. Allerdings dürfen sie nicht, solange sie nicht komplett vergessen sind. Endgültig tot ist nur der, an den sich niemand mehr erinnert. Die Aussichten sind nicht allzu rosig. Solange noch 1 Exemplar eines ihrer Bücher vorhanden ist, besteht schon gar keine Aussicht. Während also heute immer mehr Zeitgenossen gegen das Vergessenwerden anschreiben (Wer schreibt der bleibt!), sind unseren Unterweltbewohnern ihre gedruckten Werke zum Verhängnis geworden.

Mit den Hinterbliebenen und den Büchern, die sich als unausrottbar erweisen, bleibt die Erinnerung. Es wird jedoch unumkehrbar eine Zeit kommen, da selbst diese entschwindet. Mit den Letzten der Menschheit. Auf dem entmenschlichten Planeten zurück bleiben Echsen und Ameisen, strahlenmutierte Riesenspinnen und zweiköpfige Ratten. Und unzählige verstreute Bücher. Seit Myriaden von Jahren ungelesen, unbeachtet, sich selbst und der Macht der Natur überlassen.

Martin Luther war sich bekanntlich sicher, stünde nächstentags der Weltuntergang bevor, würde er heute noch ein neues Apfelbäumchen pflanzen. Eine Mischung aus Verzweiflung, Hoffnung und Lebenskraft. In den letzten Jahrzehnten entdecken politisch junge Staaten ihr kulturelles Erbe und setzen auf Pflege und Bewahrung. Das Bild in diesem Artikel zeigt den 2015 fertig gestellten Neubau der lettischen Nationalbibliothek in Riga. Das von Gunnar Birkerts entworfene Gebäude beherbergt etwa fünf Millionen Medieneinheiten (ca. 2,5 pro Einwohner), überwiegend in gedruckter Form. Ein kühnes, mutiges Vorhaben, das Tradition bewahrt und Zukunft signalisiert.

Literaturwoche Donau 2018

Der kleine Rückblick. Knapp und persönlich.

Es kann gut tun, wenn man intellektuell gefordert, ja überfordert wird. Es wird viel zu oft viel zu wenig verlangt. Der deutsch-schweizer Philosoph und Schriftsteller Jonas Lüscher wies darauf hin. Und sein Roman Kraft, den er in der Ulmer Stadtbibliothek vorstellte, ist genau so ein Werk, dessen voller Genuss sich entfaltet wenn man ihn mit einem kleinen Rucksack an Voraussetzungen angeht. Die Geschichte vom Tübinger Rhetorikprofessor (sic!), der nach Kalifornien reist um dort in mehrfacher Hinsicht zunächst heftig ins Schlingern zu geraten um schließlich zu kentern.

Was für ein wunderbarer Ort diese Stadtbibliothek. Als Büchersammlung, als Treffpunkt, als Veranstaltungsort, als markanter Mittelpunkt inmitten historischer Umgebung, eine Glaspyramide, transparent und einladend. Drinnen Bücher, Bücher, Bücher, Leseplätze und W-LAN, draußen Passanten, Cafés, Restaurants, reges Stadtleben.

Die Literaturwoche Donau 2018 ist punktgenau im Hochfrühling gelandet. Es wärmt, grünt und blütenstaubt. Im Bus sitzt schräg gegenüber einer der keinen Bart hat. Dafür hält er in der einen Hand eine Doppel-LP aus Vinyl und in der anderen einen Viererpack Drumsticks.

Angesichts der explodierenden Natur kommen mir die Pflaumen- und Kirschbäume in den Büchern von Iris Wolff in den Sinn. Nicht nur sie lobte das besondere Ambiente und die einmalige Atmosphäre des Ulmer Veranstaltungsreigens. Sie habe sich sehr wohl gefühlt, ließ sie wissen, im nostalgisch trendigen Casino, das bis auf den letzten Vintage-Sessel besetzt war. Ihr gefiel, dass sie ihren Verleger Arno Kleibel vom Salzburger Otto Müller Verlag an ihrer Seite hatte.

Nicht zuletzt weil er ihr erlaubt hatte ihren aktuellen Roman in vier Erzählungen nach einer rumänischen Redensart So tun, als ob es regnet betiteln zu dürfen. Man muss wissen, dass Verleger und Lektoren (angeblich verkaufshemmende) Kommata in Buchtiteln überhaupt nicht schätzen. Ein Abend, der wie so manch anderer, vom gut vorbereiteten Florian L. Arnold moderiert wurde, der als Mitorganisator genügend Ausdauer für diese lange Woche hatte und für jede unvorhersehbare Gesprächswendung ein rhetorisches Werkzeug.

Als der ohne Bart aussteigt kann ich das Plattencover erkennen: Bryan Adams. Dabei hatte ich auf Jazz getippt. Es sind diese ganz eigenen, charaktervollen Lokalitäten die ein Gutteil des Reizes der Literaturwoche ausmachen: Die Räume der Ulmer Museumsgesellschaft, das ehemalige Sparkassen-Casino, das Museum Villa Rot in Burgrieden (Abstecher nach abseits der Donau), das Edwin-Scharff-Museum in Neu-Ulm, die Putte ebendort.

Die Putte ist eine ehemalige Schreibwarenhandlung. Hier habe ich als bayerischer Volksschüler Hefte, Stifte und Bucheinbände erstanden. Jetzt haben sich Künstler in die freigeräumten und weiß gestrichenen Räume eingemietet, zeigen ihre Werke und laden zu kleinen, intimen Runden. Wie jene mit den schreibenden Vonhiers Sybille Schleicher, Florian L. Arnold und Silke Knäpper. Sie stellten jeweils eines ihrer Lieblingsbücher den anderen beiden, sowie den versammelten Neugierigen vor. Sie ließen wissen, wie schwer die Auswahl gefallen war. Arnold hatte Sebalds Austerlitz dabei, Schleicher Transit von Anna Seghers, aktuell weil gerade eine Petzold-Verfilmung des Stoffes angelaufen ist. Beide Bücher kannte ich bereits.

Neu war für mich Meine Freunde des Franzosen Emmanuel Bove. Silke Knäpper hatte es mitgebracht. In den 1920er-Jahren mäandert Bâton durch Paris. Er ist Kriegsinvalide. Die Rente reicht zum Nötigsten. Anders als Knut Hamsuns alter ego einige Jahrzehnte früher leidet er keinen Hunger. Ihn quält die Einsamkeit. Von einer Suche nach Anschluss, Freundschaft, Liebe handelt dieses Buch. In klarer präziser Sprache, ein Stil frisch wie von neulich, ebenso gut wie unverkennbar übersetzt von Peter Handke. Wahrhaftig, ich habe kein Glück. Kein Mensch interessiert sich für mich… Ich war traurig und wütend. Die Vorstellung, mein ganzes Leben würde in Einsamkeit und Armut ablaufen, verstärkte meine Hoffnungslosigkeit.

An zehn Tagen Literaturwoche gab es eigentlich nur Höhepunkte. Doch wenn es nur Höhepunkte gibt, entstehen keine Gipfel, sondern lediglich eine ausgedehnte Hochfläche. Braucht eine Veranstaltung wie die Literaturwoche deshalb mehr Auf und Ab, Gut und Besser, Mehr und Weniger? Am Ende ist es so, dass das dichte Angebot es jeder und jedem ermöglicht persönliche Favoriten zu finden. Was kann es Schöneres geben als Vielfalt mit Qualität und Niveau? Dass nicht alle Ulmer, Neu-Ulmer das bemerkt haben … Geschenkt.

Wie man seine Stadt mit anderen Augen sieht, wenn man eine Veranstaltung der Literaturwoche Donau verlässt! Warum waren denn alle die jetzt dort draußen sind nicht ebenfalls dabei, sondern haben sich mit Zimteis, Cappuccino, Weizenbier und Donauufer zufrieden gegeben?

Begeistert vom Flair des Donauufers und der Altstadt waren, soweit sie Zeit dafür fanden, die Aussteller der erstmals veranstalteten kleinen Buchmesse, die unter dem Label Konturen stattfand und zu der fast 20 Verlage gekommen waren. Viele davon arbeiten nach einem Motto das dem großen Verleger der Weimarer Republik, Kurt Wolff, zugeschrieben wird, nachdem man zwar von der Verlegerei nicht leben, gleichwohl gut damit leben könne. Das angebotene Spektrum dieser unabhängigen Buchmacher reichte von der Beatlyrik über wiederentdeckte Romane, literarische Texte auf CDs gepresst, die wie Singlescheiben längst vergangener Populärmusik-Zeiten aussehen, bis zu Buchrollen und Kinderbüchern.

Am Samstag war die Verkaufsausstellung etwas außerhalb zu Gast, in der Villa Rot im idyllisch gelegenen Burgrieden. Am Sonntag dann in den Räumen der Museumsgesellschaft in Ulms stark frequentierter Mitte. Weit Gereiste waren dabei, wie Jürgen Schütz und sein Wiener Septime Verlag, spannende Spezialisten wie Moloko Print oder Ralf Zühlkes Stadtlichter Presse, Verlage aus der Region wie Thomas Zehenders danube books, Etablierte wie der Peter Hammer Verlag. Einfache Tische, reichlich Büchervorräte, gedruckte Verlagsprogramme und -vorschauen, interessiertes Publikum und auskunftsfreudige Verleger garantierten den Erfolg dieses Formats, das auf jeden Fall wiederholt werden soll.

Lesen ist Entspannung, Bereicherung, Vergnügen und gelegentlich Mühsal. Wer Erholung von mitunter vielleicht etwas zu voraussetzungssatter Lektüre sucht, der greife zu den Büchern von Martin Ebbertz. Humor mit Geist, Witz mit Geschmack bieten Werke wie Feuer in der Eiswürfelfabrik, 66 Kürzestgeschichten über kleine Katastrophen und alltägliche Beobachtungen von Dingen wie sie überall und jederzeit passieren können oder eben auch nicht, weil sie der Phantasie des Schriftstellers entspringen. Erschienen im Axel Dielmann-Verlag.

In einer Eiswürfelfabrik brach ein furchtbares Feuer aus. Die Feuerwehr kam mit vielen Wagen. Die Feuerwehrmänner schoben die Leitern vor und rollten die Schläuche aus. Mit starken Wasserstrahlen spritzten sie in die Fabrik… Die Arbeiter trugen Eiswürfel aus der brennenden Fabrik, soviel sie konnten. Sie schwitzten viel und bekamen schwarze Gesichter. Am Abend war der Brand gelöscht… Zur Belohnung durften die Arbeiter sich jede Menge Eiswürfel mit nach Hause nehmen. Daraus kochten sie sich dann Tee oder Kaffee.

Ebbertz hat neben zahlreichen Büchern für sogenannte Erwachsene auch für Kinder geschrieben. Als Beispiel sei hier nur noch Der kleine Herr Jaromir genannt, der, so schrieb DIE ZEIT, aus einem anderen Land stammt, einem wo Kinder und Dichter gemeinsame Sachen machen.

Die Literaturwoche Donau bot zehn Tage Gelegenheit sich gemein zu machen. Mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern, mit Verlegern und Verlegerinnen, mit Literatur in seiner schillernden Vielfalt. Vor allem aber mit all den tollen Menschen, die teilen, was man selbst liebt.

Georgische Momente

Über Begegnungen mit Nino Haratischwili und Zurab Karumidze.

Georgischer Wein ist hierzulande schwer zu bekommen. Haben wir nicht im Angebot, teilt der lokale Handel auf Nachfrage mit. Natürlich wird man schließlich im Internet fündig. Ein Saperavi, Kindzmarauli und ein Tsinandali werden angeboten. Der Weißwein „Goruli Mtsvane“ vom georgischen Spitzenweingut Château Mukhrani wird aus der autochthonen georgischen Rebsorte Goruli erzeugt, die Trauben werden ausschließlich per Hand gelesen. Das erfahre ich auf der Seite des Bremer Weinkolleg. Hanseaten hatten schon immer ein Händchen für Weinimporte.

Wein fließt reichlich in die Kehlen der Protagonisten von Nino Haratischwilis großem georgischen Generationenroman Das achte Leben (für Brilka). Fast genauso häufig erfahren wir darin vom Genuss feiner Trinkschokolade deren Zubereitung und Verzehr zelebriert wird. Rezepturen der Vorfahren werden in den Familien vererbt und gehütet wie Goldschmuck.

Die Schokolade war zäh und dickflüssig, schwarz wie die Nacht vor einem schweren Gewitter, und wurde in kleinen Portionen, heiß, aber nicht zu heiß, in kleinen Tassen und – im Idealfall – mit Silberlöffeln verzehrt. Für dieses Jahrhundert-Buch und ihre Theaterstücke wurde die Schriftstellerin in Augsburg mit dem Bertolt-Brecht-Preis ausgezeichnet.

Der Frühsommer hatte sich in den April verirrt. Ein warmer weicher Nachmittag und Abend am Tag der Preisverleihung im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses. Hier die vergangene Pracht der einst reichen Fuggerstadt, draußen junges Leben und Treiben, Sonne und aufkeimende Frühlingssäfte riefen auf die Plätze und in die Gassen. Cafès und Biertische waren dicht besetzt, luftige Kleider, kurze Hosen, bare Füße allerorten. Gesprächsfetzen, Lachen und Rufen in der Luft. Brecht-Erbe Wecker im Sinn. Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und die Luft nach Erde schmeckt, ist´s egal, ob man gescheit ist, wichtig ist, daß man bereit ist und sein Fleisch nicht mehr versteckt … Wenn der Sommer nicht mehr weit ist und der Himmel ein Opal, weiß ich, dass das meine Zeit ist …

Nino Haratischwili ist jetzt Mitte dreißig. Natürlich die jüngste Preisträgerin. Drei Romane und zahlreiche Theaterstücke sind von ihr bereits erschienen und aufgeführt worden. Aus Neigung zu dieser Sprache hat sie in der Schule früh Deutsch gelernt und bereits sehr jung begonnen in deutscher Sprache zu schreiben. Brechts Kaukasischer Kreidekreis war eines der ersten Theaterstücke die sie in Tiflis sah, sie beeindruckt und geprägt hat. 1998 gründete sie eine deutsch-georgische Theatergruppe, schrieb, inszenierte und spielte vier erste Stücke auf Deutsch. In Tiflis studierte sie Filmregie, in Hamburg Theaterregie, hier lebt sie inzwischen mit ihrer Familie. Schon 2008 erhielt ihr Drama Liv Stein einen Autorenpreis auf dem Heidelberger Stückemarkt.

Foto: Birgit Böllinger

In seiner Begrüßung der Preisträgerin wies Kultur-Bürgermeister Kiefer auf Brechts durch eine alte Legende angeregte Kalendergeschichte vom Augsburger Kreidekreis hin, eine Vorarbeit zum späteren Theaterstück Der Kaukasische Kreidekreis. In der Begründung für die Preisverleihung heißt es: Nino Haratischwilis Romane und Theaterstücke lassen sich mit den großen Exildramen Bertolt Brechts in Verbindung bringen. Und FAZ-Ressortchef Andreas Platthaus fand für seine Laudatio die Formel: Wenn Bertolt Brecht das epische Theater erfunden hat, dann Nino Haratischwili die theatralische Epik.

Im Herbst ist Georgien Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018. Es besteht kein Zweifel, dass bei dieser Gelegenheit georgischer Wein an einschlägigen Messeständen zum Ausschank kommen wird. Viel wichtiger jedoch ist mir, dass zu diesem Zeitpunkt der neue Roman einer großen europäischen, aus Georgien stammenden Schriftstellerin erscheint. Wenn ich in Augsburg richtig hingehört habe, wird er den Titel Die Katze und der General tragen.

Der sommerliche Frühling in Ulm steht jenem in Augsburg in nichts nach. Hier wie dort atmet die Stadt auf und findet sich allerorten leichtlebiges Treiben und Sehnen. Zudem ist Literaturwoche an der Donau. Im Künstlerhaus bestand Gelegenheit zur Begegnung mit dem georgischen Autor Zurab Karumidze und seinem Übersetzer und Verleger Stefan Weidle. Die beiden hatten den Roman Dagny oder ein Fest der Liebe mitgebracht.

Kurz kam die Frage auf, ob Weidle wohl der georgischen Sprache mächtig sei. Dem ist nicht so. Karumidze hat das Buch in englischer Sprache verfasst. Neben der Muttersprache und Russisch seine dritte Sprache, wie er es formulierte. Karumidze lebt in Tiflis, doch sein Roman ist kein ausgesprochen georgisches Buch, Thema und Personal sind europäisch, die Abläufe universell.

Zarub Karumidze und Stefan Weidle (rechts)

Die Norwegerin Dagny Juel war ein Modell Edvard Munchs, etwa für seine bekannte Madonna. Strindberg verliebte sich in sie und reagierte bösartig als er auf Ablehnung stieß. Sie heiratete den polnischen Schriftsteller Stanislaw Przybyszewski und war mit ihm in Berliner Künstlerkreisen unterwegs. Przybyszewski verkaufte die Muse an seinen Bewunderer Wladyslaw Emeryk. So kam sie nach Tiflis.

Dagny Juel hat selbst Gedichte und kurze Dramen (in norwegischer Sprache) geschrieben, die Karumidze in seinem Buch immer wieder in englischer Version zitiert. Verleger Weidle möchte diese Werke demnächst als eigenen Band herausgeben. Am 4. Juni 1901 wurde Dagny von einem nicht erhörten Liebhaber in Tiflis erschossen und dort an ihrem 34. Geburtstag beerdigt. Als Aristokratin von Geburt und Charakter war Dagny Juel wie ein frischer Wind für die Männer, die atemlos nach ihrer Position in Kunst und Leben suchten.

Die in Ulm gelesenen Ausschnitte stellten ein herausforderndes Buch vor, eine tiefgründige Geschichte, frivol, erotisch, ebenso offen in der Sprache wie verschlüsselt in seinen Anspielungen. Die Hauptfigur ein Spielball männlicher Launen, Lüste, voll pornophonischem Lebensekel. Ein postmoderner Roman sei das, wurde als Kategorie bemüht. Der Begriff metamodern wurde erprobt. Doch wozu Klischees? Jedes literarische Werk steht letztlich für sich.

Weidle verwies auf die breite und tiefe literarische Vorbildung des Verfassers und dessen zahlreiche Reminiszenzen an die Weltliteratur, die sich nur mit entsprechender Leseerfahrung erschließen. In diesem Zusammenhang forderte er dazu auf nicht nur aktuelle Bücher zu lesen, sondern immer wieder zu den Klassikern, den alten und den modernen zu greifen. Ein berechtigtes Ansinnen. Sein persönlicher Hausgott, ließ er noch wissen, ist Heimito von Doderer.

Zwischendurch sangen Autor und Verleger Norwegian Wood im Männerduett. Warum wurde nicht so recht klar, kam aber gut an. Der volle Bass Karumidzes ist so beeindruckend, dass der Wunsch geäußert wurde, er möge mit seiner Stimme noch etwas auf Georgisch vortragen. Er wählte eine Passage aus dem über 850 Jahre alten georgischen Nationalepos Vepkhis t’q’aosani (zu deutsch: Der Recke im Tigerfell) des Dichters Rustaveli. Ein wohltönender Vortrag.

Georgien ist die ursprüngliche Heimat des Weines und des kultivierten Weinbaus, behaupten Fachleute. Archäologen haben im Land Weinrebsamen entdeckt, die 5.000 Jahre alt sind. Sie können in Tbilissi im Museum des Weininstitutes bewundert werden.

Nino Haratischwilis Achtes Leben (für Brilka) habe ich kurz nach Erscheinen gelesen. Verschlungen, genossen und bewundert. Ob ich über kurz oder länger zu Dagny oder ein Fest der Liebe greifen werde, ist nicht absehbar. Allerdings kann kaum etwas anderes einen selbst so überraschen wie Wendungen und Launen der Leselust. Und irgendwann wird vielleicht ein Glas das beim Lesen vor mir steht mit georgischem Wein gefüllt sein.

An der Donau ist Literaturwoche!

Zehn Tage Leidenschaft für Literatur, besondere Bücher aus unabhängigen Verlagen, ergänzt um feine musikalische Anreicherungen. Vom 20. bis zum 29. April dauert die diesjährige Literaturwoche Donau. Der Verein Literatursalon Donau e. V. und zahlreiche Partner und Unterstützer laden ein.

Freunde schöner Poesie und Poetik, großer Erzählungen und überraschender Texte sollten vorschlafen und sich die Abende und Wochenenden freihalten für das ambitionierte und breit gefächerte Programm. 

Am Freitag 20. April findet bei freiem Eintritt die Eröffnungsveranstaltung im Haus der Museumsgesellschaft Ulm in der Neuen Straße statt. Mit Hernan Ronsino ist gleich eine der wichtigsten Stimmen der argentinischen Literatur zu Gast. Er hat den Übersetzer Luis Ruby und seinen deutschen Verleger Ricco Bilger mitgebracht. Für die musikalischen Akzente des Abends sorgt das Silber Quartett.

Zwei markante Veranstaltungsorte im Rahmen der Literaturwoche Donau 2018: Ulmer Münster und das Haus der Museumsgesellschaft

Was bieten die folgenden Tage?

Um nur einige Höhepunkte zu nennen: Jonas Lüscher stellt seinen Roman über das Streben und Scheitern des Rhetorikprofessors Kraft vor. Iris Wolff liest aus dem vielbesprochenen und hochgelobten, aus vier zusammenhängenden Erzählungen bestehenden Roman So tun als ob es regnet (bei dem Titel handelt es sich um eine rumänische Redensart). Bei Anna Baars Als ob sie träumend gingen begegnen wir einer kroatisch-österreichischen Autorin, die ebenso sprachmächtig wie anrührend von Liebe in Zeiten des Krieges erzählt. Der Schweizer Thomas Meyer besticht mit feinem Humor und Hintersinn. Sein aktuelles Buch Trennt euch! ist konsequenterweise eine überraschende Liebeserklärung an die Beziehung zwischen zwei Menschen.

Ein Tag ohne Bier ist wie ein Tag ohne Wein behauptet Thomas Kapielski. Um das zu überprüfen wird am Schlusssontag zu einer Frühschoppenlesung ins Ulmer Künstlerhaus geladen. Es empfiehlt sich jedoch Zurückhaltung beim Genuss geistiger Getränke, denn am Abend kann man zusammen mit Sudabeh Mohafez den Münsterturm besteigen. In schwindelnder Höhe wird sie ihren Stadtschreibertext vorstellen, der für diese Literaturwoche entstanden ist.

Künstlerhaus und Münsterturm sind nur zwei der wunderbaren Lokalitäten die Florian Arnold und Rasmus Schöll, die beiden Hauptmacher der Veranstaltungsreihe, dem Publikum erschließen konnten. Gespannt sein darf man nicht zuletzt auf die Botschaft internationale Stadt im Herzen Ulms auf dem Hans-und-Sophie-Scholl-Platz. Im bayerischen Nachbarn Neu-Ulm geht es zum Wiley-Kiosk, ins frisch renovierte Edwin-Scharff-Museum und das beliebte Café d’Art.

Im Rahmen der diesjährigen Literaturwoche Donau findet schließlich und zum guten Schluss noch die Erste Ulmer Buchmesse der unabhängigen Verlage statt. Am Sonntag, 29. April im renommierten Museum Villa Rot in Burgrieden (der Ort liegt etwa 20 Kilometer südlich der Donau-Doppelstadt) und bereits einen Tag zuvor, dem Samstag, in den Räumen der Museumsgesellschaft Ulm. 19 Verlage aus ganz Deutschland – aus Ulm sind danubebooks und Topalian & Milani vertreten – präsentieren ein breites Spektrum schöner Bücher, exquisiter Gestaltung und hochwertiger Literatur. Der Eintritt ist frei.

In den Städten Ulm und Neu-Ulm hängen bereits flächendeckend die von Joachim Brandenburg großartig gestalteten Einladungs-Plakate aus. Hinsehen lohnt sich. Das vollständige Programm (das natürlich viel mehr bietet als die hier aufgeführten Appetithappen) mit genauen Angaben zu Orten, Zeiten und Preisen findet man überall dort wo Kultur stattfindet, ganz sicher aber in den beiden Stadtbibliotheken und der Buchhandlung Aegis.

Infos im Netz gibt es hier:

http://literatursalon.net/literaturwoche-donau-2018/

 

Rumänien von mir aus gesehen

Notizen zum diesjährigen Gastland der Leipziger Buchmesse

Den con=libri-Beitrag über die Leipziger Buchmesse 2018 hatte ich mit dem ansteckenden Optimismus des rumänischen Schriftstellers und Politikers Varujan Vosganian was die Zukunft des gedruckten Buches betrifft beendet. Dabei ist es um Buch und Lesen in seinem Land alles andere als gut bestellt, wie Kenner der Situation berichten. Es wird wenig Belletristik gelesen. Die Zahl der Buchkäufer ist gering und rückläufig. Gute Buchhandlungen gibt es nur in großen Städten, die logistischen Strukturen im Buchvertrieb sind unzureichend. Umso erstaunlicher mit welcher Vielfalt schreibender Persönlichkeiten Rumänien als Schwerpunktland auf der diesjährigen Messe vertreten war.

Als Aufbau-Taschenbuch ist jetzt Varujan Vosganians großer Roman Buch des Flüsterns neu erschienen, der generationenübergreifend vom Schicksal des armenischen Bevölkerungsteils in Rumänien erzählt. Die rumänische Originalausgabe stammt von 2009, eine erste deutsche Ausgabe aus dem Jahr 2013. Vordergründig eine Geschichte von Verfolgung, Ermordung und Vertreibung, entfaltet es seinen Reiz für den Leser über die Protagonisten. Vosganian erzählt vielstimmig und weit ausholend von Menschen die mit viel Glück den Säuberungen in der Türkei entkommen sind und in der Provinzstadt Focsani eine neue Heimat gefunden haben. Das Buch steht in der Tradition großer europäischer Familienromane, die von Einzelschicksalen aus mehreren Generationen erzählen und gleichzeitig ein ganzes Geschichtspanorama aufblättern. Die farbig-realistische Sprache machen die über 500 Seiten zu einem prägenden Leseerlebnis, was zu einem nicht geringen Teil der einfühlsamen Übertragung ins Deutsche durch Ernest Wichner zu verdanken ist.

Foto: Wiebke Haag

Meine Kenntnisse über Rumänien waren und sind eher mangelhaft. Die Vorstellungen von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen im Land wurden von Klischees westlicher Berichterstattung geprägt. Von seinen Schriftstellern und Schriftstellerinnen und ihren Werken hatte ich bisher allenfalls am Rande erfahren.

Obwohl wie der Nachbarstaat Bulgarien inzwischen seit vielen Jahren Mitglied der Europäischen Union, kommt die ganze Region in unseren Medien nur selten vor und dann meist in negativen Zusammenhängen. Korruption, Misswirtschaft und Armut werden thematisiert, die Menschen mit ihrer Kultur, ihren Traditionen, ihren Sorgen und Freuden bleiben uns fremd. Zu sehr sind wir mit uns selbst, mit Brexit, Wachstumsraten und Autoabgasen beschäftigt. Eingelullt von Hollywood, Netflix und Co. hat es Neues, Fremdes, Unbekanntes aus diesen Teilen Europas immer schwer im westfixierten Deutschland anzukommen. In jener Kulturnation die schon den eigenen Osten nur verschwommen wahrnimmt.

Die Leipziger Buchmesse 2018 sollte eine der politischen Themen werden, hatte Messe-Chef Oliver Zille gefordert. Vorrangig ging es dabei um die zunehmende Stärke rechter Strömungen im Osten Deutschlands, um den angemessenen Umgang mit radikalen Verlagen, darum wie es um die Meinungsfreiheit bestellt ist und um die Diskussionskultur bei verhärteten Fronten. Aber es ging auch um Europa und die Rolle des Gastlandes im europäischen Kontext, ein aktuelles Thema, über das vielschichtig und kontrovers diskutiert wurde. Ich persönlich habe dabei einen Lernprozess durchgemacht. Dazu gleich. Zunächst weitere literarische Eindrücke.

Mich fasziniert literarisches Erzählen von Mitgliedern kultureller Minderheiten. Besonders Autoren und Autorinnen die in zwei und mehr Ländern leben oder lebten, die in mehr als einer Sprache zu Hause sind oder aus einer neuen Heimat über ihre Herkunft schreiben. Da wird man im Zusammenhang mit Rumänien reichlich fündig. In einem Artikel der Siebenbürgischen Zeitung vom 8. April finden sich markante Beispiele: Norman Manea aus New York, Dana Grigorcea und Cătălin Dorian Florescu aus der Schweiz, Matei Vişniec aus Frankreich, Carmen Francesca Banciu aus Berlin und die vielen Autoren und Übersetzer von Bukarest über Budapest und Wien bis Berlin.

Dana Grigorcea (links) und Cătălin Dorian Florescu (rechts)

Cătălin Dorian Florescu erzählt in Jacob beschließt zu lieben ein ebenso abenteuerliches wie exemplarisches Schicksal. Das Leben des Jacob Obertin aus dem schwäbischen Dorf Triebswetter im rumänischen Banat und seiner Angehörigen, Freunde und Zugehörigen ist überschattet von Flucht und Verrat, von Liebe und Freundschaft unter zeitweise unmenschlichen Bedingungen. Im Rumänien der 1920er- bis 1950er-Jahre spielt sich, auf engsten Raum konzentriert, die ganze Zufälligkeit und Wechselhaftigkeit europäischer Geschichte ab. Opfer sind stets die einfachen Menschen, die eigentlich nur ihre alltägliche Existenz bestreiten möchten, in einer Gegend, die ja bis heute nicht zur Ruhe gekommen ist.

Von den Büchern die mir im Umfeld des Rumänien-Schwerpunkts der diesjährigen Leipziger Buchmesse begegnet sind hat mich am intensivsten Die sieben Leben des Felix Kannmacher von Jan Konneffke beeindruckt. Ein Buch das ich, wie man sagt, mit heißen Ohren gelesen habe. Und ich war erstaunt, dass dieses bereits 2011 erschienene Werk eine insgesamt doch eher bescheidene Resonanz und Rezeption gefunden hat. Für mich einer der besten deutschsprachigen Romane des jungen Jahrhunderts. Wenn ich es auf einen Begriff bringen sollte: Blechtrommel-Format! Der aus Darmstadt stammende Autor ist mit einer Rumänin verheiratet und lebt nach längerem Aufenthalt in Rom seit etlichen Jahren in Wien und Bukarest.

Felix Kannmacher war einst auf dem Weg ein angesehener Pianist zu werden als ihm in Berlin SA-Männer seine Finger zertrümmern. Ab 1934 lebt er unter dem Namen Johann Gottwald in Bukarest unter der Obhut des gefeierten Klaviervirtuosen Victor Marcu. Er ist so etwas wie die Kinderfrau für dessen Tochter Victoria, für die er unter anderem als wild fabulierender Geschichtenerzähler unverzichtbar wird. Während die Regime wechseln, Krieg und Chaos kommen und gehen, wächst Victoria heran und zwischen ihr und dem ehemaligen Erzieher (man hatte sich zwischenzeitlich aus den Augen verloren) entwickelt sich eine zarte Zuneigung, aus der fast so etwas geworden wäre wie Liebe, wenn es die Zeitläufte und Umstände denn zugelassen hätten.

Felix Kannmacher ist ein mitreißender Roman über Deutschland und Rumänien, über Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, Liebe und Haß, Not und Verrat. Eine pralle Erzählung, sinnlich, komisch und tieftraurig, realistisch in seinen Detailschilderungen, voll eigenwilliger Charaktere, die leiden und lieben, sehnen und scheitern. Unbedingt lesen!

Und damit zurück zu meiner veränderten Einstellung zu den südöstlichen EU-Staaten. War ich bisher skeptisch, wenn es um die EU-Mitgliedschaft von Rumänien oder Bulgarien ging – wirtschaftliche Probleme und innere Verfasstheit der Länder sprachen m. E. dagegen – hörte ich auf den Foren der Buchmesse glaubwürdige und überzeugende Stimmen, die klar machten warum diese Staaten dazu gehören müssen. Neben geostrategischen Überlegungen, die nahelegen sie in die bestehenden Bündnisse einzubinden um zu verhindern dass sie anderen Einflüssen oder gar Okkupatoren zum leichten Ziel werden, ist vor allem das Selbstverständnis großer Bevölkerungsteile von Bedeutung, die sich als Europäer verstehen und fühlen. In die EU setzen diese Menschen große Hoffnungen. Wir dürfen sie nicht im Stich lassen.

Sowohl in Rumänien als auch in Bulgarien leben starke ethnische und religiöse Minderheiten. Das desaströse Beispiel des ehemaligen Jugoslawien dient als Warnung was passieren kann, wenn man für deren Einbindung und Partizipation keine befriedigende Lösung findet. Wir wollen im Fall von Rumänien nicht gleich von Pulverfass reden, doch Stimmen wie Iris Wolff haben mehrfach darauf hingewiesen, dass Rumänien alles andere als eine multiethnische Idylle ist.

Navid Kermani und Mircea Cărtărescu forderten die zahlreichen Zuhörer, die zu ihrer gemeinsamen Veranstaltung in Leipzig gekommen waren, auf, sich nicht nur als Bürger des eigenen Staates zu verstehen, sondern gleichzeitig als Bürger Europas. Den beiden geht es weniger um die EU an sich, als vielmehr um einen gemeinsamen Begriff von Europa auf der Basis der Gedanken der Aufklärung. Der in Köln lebende Navid Kermani warnte gleichzeitig: Ich möchte mir nicht vorstellen müssen, was aus Rumänien geworden wäre, wenn es nicht in die EU aufgenommen worden wäre.

Mircea Cărtărescu (2. von links), Navid Kermani (rechts)

Das rumänische Kulturministerium hat eine Broschüre herausgegeben die Neuerscheinungen rumänischer Literatur in deutscher Übersetzung vorstellt. Wenn man Glück hat findet man die eine oder andere Buchhandlung die das informative weiterführende Heft bereit hält. Ansonsten kann man hier um Zusendung bitten:

https://zoom-in-romania.ro/kontakt/

Das Goethe-Institut bietet einen deutsch-rumänischen Literaturblog an, dort findet man z. B. einen Rückblick auf die diesjährige Leipziger Buchmesse und die Aktivitäten des Gastlandes:

http://blog.goethe.de/dlite/

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Und das sind die Daten der von mir erwähnten Bücher:

Vosganian, Varujan: Buch des Flüsterns. – btb, 2018 (Original 2009 u. d. Titel: Cartea soaptelor)

Florescu, Cătălin Dorian: Jacob beschließt zu lieben. – dtv, 2012

Koneffke, Jan: Die sieben Leben des Felix Kannmacher. – DuMont Taschenbuch, 2012

Leipziger Buchmesse 2018

Momente, Meinungen, Bücher

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Mit dem Wetter anfangen? Geht gar nicht?

Diesmal doch. Leipzig liegt geoklimatisch bereits weit im Osten. Selten wurde das metereologisch so spürbar wie in diesem Jahr zur Buchmesse-Zeit. Strenger Winter in der zweiten Märzhälfte. Schnee und Glätte. Beißend kalter Wind. Womit haben wir Büchermenschen das verdient und wer ist schuld? Die Russen? Trump? Naht, wie vor zehntausend Jahren, eine kleine Eiszeit?

Samstag und Sonntag gestörter Zugverkehr. Weichen sind eingefroren. In den imposanten Leipziger Hauptbahnhof konnten zeitweise keine Fernzüge einfahren. Der S-Bahn Verkehr in Mittelsachsen kam zum Erliegen. Konsequenz: Die Messe-Verantwortlichen verfehlten die selbstgesetzten Wachstumsziele. Am Sonntagabend bilanzierte man viele tausend Besucher weniger als erwartet.

Es sollte eine politische Messe werden, hatte deren Chef Oliver Zille zum Beginn verkündet. Es wurde eine politische Messe. Alle waren gegen rechts, wobei nie ganz klar schien in welcher Schublade gerade gekramt wurde. Der fundamental-konservativen, einer stramm rechten, einer rechtsradikalen. Die Grenzen fließen. Wer redet mit wem und wer mit wem nicht? Es wurde eifrig und heftig diskutiert und gestritten, immer einigermaßen friedlich, meist gesittet. Doch blieb unscharf was als freie Meinungsäußerung durchgehen darf und was nicht. Dabei haben wir doch ein Strafrecht und ein Grundgesetz.

Unsere Grundrechte heißt das aktuelle Buch von Georg M. Oswald. Welche wir haben, was sie bedeuten, und wie wir sie schützen. Eigentlich kommt das Buch des Juristen und Schriftstellers zur richtigen Zeit. Bei all den kruden Forderungen nach gesetzlichen Verschärfungen die inzwischen von Politikern aller Lager in die Debatte eingebracht werden, gerät in Vergessenheit welch verlässlichen Rahmen wir bereits haben. Wer den bewährten und tradierten Spielraum verlässt wird ein Fall für Polizei, Staatsanwaltschaft und gegebenenfalls das reich kommentierte Strafrecht. Alles da. Es wird Zeit sich dessen zu vergewissern und es anzuwenden.

Gomringer macht Grass. Grimms Wörter, die Huldigung des 2015 verstorbenen Dichters an die deutsche Sprache, wurde von dem Trommler und Grass-Freund Günter “Baby” Sommer vertont. Nora Gomringer verfügt über die Fähigkeit Töne und Sprache zu einem kongenialen Ereignis zu vereinen. Wie immer wenn diese Frau etwas macht wurde es originell, eigen und sehr gut. Siebzig ganz besondere Minuten als Scheibe oder MP3-File, bei Günter Grass Hausverlag Steidl erschienen. Ansonsten erscheinen die gedruckten Schöpfungen Nora Gomringers treu und regelmäßig bei Volland und Quist. Einer dieser jungen unabhängigen Verlage die sich seit etlichen Jahren rund um die Leseinsel Junge Verlage gruppieren.

Dort waren auch die Ulmer Florian Arnold und Rasmus Schöll mit ihrem bereits recht erfolgreichen verlegerischen Startup Topalian und Milani zu finden, in produktiver Symbiose mit der Edition Azur. Die strategisch äußerst günstige Standlage an zwei Laufwegen sorgte für rege Publikumsfrequenz und für die erwünschte Wahrnehmung des ambitionierten Programms, das großen Wert auf hochwertige Gestaltung und Herstellung der Bücher legt. Rechtzeitig zur Messe wurde eine kleine Edition mit Kunstkarten nach Motiven von Anatol Knotek fertig. Im Zentrum der Arbeiten des Künstlers stehen das Wort und seine visuellen Ausdrucksmöglichkeiten.

Julius Fischer hier, Julius Fischer dort. Das Urgestein der ostdeutschen Lesebühnen, der Slam- und Kabarett-Szene war quasi überall. Mal beißender Realsatiriker, mal urkomische Erscheinung war ihm stets großer Publikumszuspruch sicher. Im Herzen ist er ein echter Menschenfreund. Deshalb heißt sein aktueller Buchtitel, mit dem er über die Messe zog und die Säle nicht nur in Leipzig füllt, Ich hasse Menschen. Durch seinen Kakao wird alles gezogen was zwei Beine und Schuhe hat.

Guter Rat muss ja bekanntlich nicht unbedingt teuer sein. Das trifft dann besonders zu, wenn die Lebenshilfe zwischen zwei Buchdeckel gepresst wohlfeil angeboten wird. Das Angebot dieser Gattung ist auf beiden großen deutschen Buchmessen reichlich vertreten. Nachfolgend ein besonders prägnantes Beispiel, das den Besuchern in Leipzig entgegenleuchtete. Es spricht für sich.

Die Löwen-Apotheke ist die älteste der Stadt. Als Apotheke Zum güldenen Löwen wurde sie 1409 gegründet. Nach mehrmaligem Umzug ist sie heute Ecke Brühl/Nikolaistraße zu finden. Hier stellte Ellen Sandberg vor kleinem Publikum und inmitten hochpreisiger Schönheitsversprechen (in die Kosmetikabteilung im Obergeschoß passten nur 35 Personen) ihren Roman über Die Vergessenen vor, in dem es, verpackt in eine sehr spannende, vielschichtige Handlung, um das Thema Euthanasie im Dritten Reich geht. Ellen Sandberg erläuterte ausführlich ihre Recherchen und den folgenden Schreibprozess. Ein interessiertes Publikum trug nach der Lesung mit dem Thema angemessenen Wortmeldungen dazu bei, dass diese Veranstaltung inhaltlich tiefer ging und mehr wurde als nur eine von vielen Lesungen im Rahmen von Leipzig liest.

Es gibt einfach nichts in meinem Leben, was sich zu erzählen lohnt. Gar nichts. Behauptet der Protagonist in Christoph Heins großem Deutschlandroman Glückskind mit Vater, der 2016 erschien. Auf einer Buchmesse gibt es viel zu erzählen, schließlich treffen sich dort Leute, die etwas zu sagen haben. Und man erfährt von den vielen neuen Erzählungen aus den Federn und Tastaturen auflagenstarker Autoren, talentierter Nischenbesetzer, von Dichtern ferner Länder, von lustigen und traurigen Geschichten, Neuigkeiten und alten Legenden.

Drei ganz persönliche Favoriten die mir in der Masse des Überangebots aufgefallen sind, die es gewiss zu lesen lohnt, seien hier ultrakurz vorgestellt:

Angelika Klüssendorf hat mit Jahre später einen dritten Roman über ihre den Lesern längst vertraute Hauptfigur April geschrieben. Aus dem Mädchen ist eine Ehefrau geworden. Es sei die Anatomie einer toxischen Partnerschaft versprechen Verlag und Autorin. Wie die Vorgänger besticht auch dieser Roman durch eine klare, knappe Sprache und nüchtern realistische Darstellungskraft.

Dana Grigorcea stammt aus Rumänien, lebt in Zürich und schreibt auf Deutsch. Ihr neuestes Werk ist die Novelle Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen. In dieser Anspielung an den ähnlichen Titel einer Tschechow-Erzählung geht es um die verheiratete Tänzerin Anna deren Leben vor dem Hintergrund des gesitteten Wohlstands der Schweiz durch eine Begegnung eine überraschende Wendung erfährt. Elegante, schöne Sprache.

Klaus Modick: Nach Brecht, Feuchtwanger und Rilke ist nun der inzwischen literarisch wiederentdeckte Eduard Keyserling an der Reihe. Modick versteht es in unnachahmlicher Weise aus Lebensabschnitten interessanter Figuren der Literaturgeschichte spannende Romane zu machen. Keyserlings Geheimnis ist selbst dann lesenswert wenn man den aus dem damals deutschen Lettland stammenden adeligen Autor bisher nicht kannte.

Literatur und Musik sind Geschwister. Gerne machen Sie einmal etwas zusammen. Und so gibt es jedes Jahr auf der Leipziger Buchmesse eine Abteilung mit Musikalien aller Art und Ständen namhafter Musikverlage. Im Mittelpunkt das Musik-Café, ein Ort des Innehaltens, wie auch der musikalischen Präsentationen, der Vor- und Aufführungen schöner und manchmal schräger Töne. Ein Ort für Zuhörer. Für Messemenschen, die dem literarischen Dauertrubel für einige Augenblicke entkommen möchten und gerne zu- und hinhören. Der Abstecher zur Musik lohnt sich in Leipzig Jahr für Jahr.

Heiteres und stimmungsvolles Erlebnis war in diesem März eine musikalische Kurzbiographie Wolfgang Amadeus Mozarts. In erster Linie an Kinder adressiert hatten auch alle Nichtmehrkinder, Erziehungsberechtigte und zufällig Anwesende ihren großen Spaß an den Darbietungen die eine handvoll Mitglieder des MDR-Symphonieorchesters und des MDR-Chores arrangiert hatten. Mit sichtlichem eigenen Vergnügen erfreuten sie eine begeisterte Zuschauerschar aus Jung und ein wenig Älter.

Buch voraus lautete das diesjährige Motto in Leipzig. Ein Slogan der eher ratlos macht, weil man sich sofort fragt, was kommt dahinter? Wenn das Buch voraus geht und – wie Schwarzseher unken – demnächst hinweg, was folgt?

Das Buch bleibt, behauptete mit Nachdruck und Überzeugungskraft der rumänische Politiker und Schriftsteller Varujan Vosganian. Er nannte zahlreiche Beispiele aus der Literaturgeschichte von einst verbotenen, geächteten, verbrannten Büchern, die höchst lebendig in den Regalen der Gegenwart stehen. Er sprach über Diktaturen und ihre erbärmlichen Versuche Bücher und Literatur zu verhindern oder zu verbieten. Er erwähnte den Medienwandel. Sein Fazit war immer: Das Buch widersteht und übersteht. Es ist da und es bleibt. Wenn etwas eine Zukunft hat, dann das gedruckte Buch. Beim alljährlichen Besuch der Leipziger Buchmesse ist man geneigt ihm Recht zu geben.

Vosganian gehört zu einer armenischen Minderheit in Rumänien, davon handelt sein Buch des Flüsterns. Rumänien ist ein Land mit starken Minderheiten und deshalb ein komplexes Gebilde, politisch und literarisch. Mehr dazu demnächst auf con=libri.

Die Kerners

Felix Huby und Hartwin Gromes erzählen eine wenig bekannte Familiengeschichte.

Die frisch erworbene Flasche Kerner-Wein kommt erst einmal in des Kellers kühlen Grund, damit der Inhalt die empfohlene Trinktemperatur von 8 bis 10 Grad Celsius annehmen kann. Dann die Lektüre vor der Lektüre. Es ist mehr ein Schmökern, im fetten gelben Band 3857 von Reclams Universal-Bibliothek, der Ausgewählte Werke des schwäbischen Dichters Justinus Kerner (1786 – 1862) enthält: Prosa, Biographisches, viele Gedichte. Glaubt einem Gram ihr zu entfliehen / Wenn ihr entflieht dem alten Raum? / Der Glaube ist ein irrer Traum: / Der Gram wird allwärts mit euch ziehen.

Zur Bibliotherapie taugen solche Reime weniger, immerhin erfährt man in Bausingers Schwäbischer Literaturgeschichte von des Dichters Spaß an der Klecksographie. Dort liest man von seinem Hang zum Okkultismus und vom Arzt Kerner der vom Meßmerschen Magnetismus überzeugt war. Als ein Freund des Weines, nach dem viele Jahrzehnte nach seinem Tod in Weinsberg die Sorte Kerner benannt wurde, brachte er es zeitweise auf einen Verzehr von zwei bis drei Litern am Tag, was seine Frau Friederike schließlich zu begrenzender Kontrolle veranlasste. So ist es nicht verwunderlich dass seiner Feder mancher Vers entsprang, der immer wieder gerne in feucht-fröhlicher Runde gesungen wird: Wohlauf, noch getrunken den funkelnden Wein …

Justinus Kerner ist die bekannteste Persönlichkeit der weitverzweigten Kerner-Sippe, zu seiner Zeit war er ebenso eine Berühmtheit wie die schreibenden Kollegen Ludwig Uhland und Gustav Schwab. In Hubys und Gromes Buch steht er nicht allein im Mittelpunkt. Zentrale Figuren sind neben ihm seine beiden Brüder Georg und Karl. Um sie herum wird von weiteren Familienmitgliedern erzählt. Den Eltern Christoph Ludwig Kerner (1744 – 1799) und seiner Gattin Friederike Luise geborene Stockmayer (1750 – 1817), dem Paar wurden im Lauf der Jahre 12 Kinder geboren, sechs Töchter erreichten das Erwachsenenalter nicht. Und den zahlreichen Nachkommen, deren Schicksal nur angedeutet werden kann um den verträglichen Rahmen des Erzählwerks nicht zu sprengen.

Justinus Kerner ist heute gerade noch eingefleischten Literaturfreunden ein Begriff. Seine nahezu vergessenen Brüder Georg und Karl waren hingegen wichtige, einflussreiche Figuren der schwäbischen und europäischen Geschichte. Georg war ein sanfter Revolutionär. Zunächst Feuer und Flamme für die Ideen der französischen Revolution, wandte er sich später von Frankreichs Politik ab, als er erleben musste, wie ein neoabsolutistischer Napoleon seine Rolle als Führer der Grand Nation interpretierte und schließlich Europa mit Schrecken und Tod überzog. Georg lebte als Diplomat, Arzt, Journalist und gescheiterter Geschäftsmann in Paris, Florenz und Hamburg. In der Hansestadt wirkte er hoch angesehen unter anderem als Armenarzt. 1812 starb er dort 42-jährig an einer Infektion, die er sich bei seiner ärztlichen Tätigkeit zugezogen hatte. Geboren wurde er im gleichen Jahr wie Friedrich Hölderlin: 1770.

Den kranken und alten Hölderlin in seinem Turmzimmer mit Neckarblick erlebte der Bruder Justinus als angehender Arzt, zu dem er an der württembergischen Kaderschmiede Karlsschule ausgebildet wurde. Die Anstalt war direkt dem Herzog unterstellt und hatte den Auftrag begabte Landeskinder zu frommen und untertänigen Dienern der württembergischen Dynastie heranzuzüchten. Dass es einigen dieser jungen Männern gelang der Unterdrückung zu entkommen und ihre Talente anderweitig und andernorts zu entfalten wissen wir nicht nur von Friedrich Schiller.

Ein treuer Diener von Herzog und Staat war lebenslang Karl Kerner (1775 – 1840), nach der Erhebung in den Adelsstand Karl von Kerner. Als Offizier führte er ein württembergisches Heer im Gefolge Napoleons in den Russland-Feldzug. Seine Mannschaften wurden vom russischen Winter und von des Gegners raffinierter Kriegsführung aufgerieben. Nur wenige kehrten in die Heimat zurück. Karl war anschließend nicht bereit die Seiten zu wechseln und erneut und diesmal gegen die Franzosen ins Feld zu ziehen. Er wurde Minister, Direktor der landeseigenen Eisen- und Hüttenwerke und schließlich Gutsbesitzer im hohenlohischen Niederhofen.

Die Familie Kerner, die Geschichte des 19. Jahrhunderts, das württembergische Herzogtum und Ausschnitte der schwäbischen Literaturgeschichte boten den Autoren überreichen Stoff für einen dichten, fesselnden Roman rund um die Brüder Georg, Karl und Justinus. Felix Huby, den wir seit Jahrzehnten als versierten Krimi- und Drehbuchschreiber kennen, gelingen einmal mehr realistisch wirkende Dialoge, die uns die menschlichen Facetten der Protagonisten näher bringen.

Der promovierte Theaterwissenschaftler, Dramaturg und langjährige Professor für Kulturwissenschaften Hartwin Gromes hat schon öfters mit Huby zusammengearbeitet. Er dürfte wohl in erster Linie für das Recherchieren der historischen Fakten und Zusammenhänge zuständig gewesen sein. Wo sachliches Wissen eingeflochten und wo das fiktive Erzählen zur raffiniert konstruierten Melange beiträgt, ist für einigermaßen erfahrene Leser unschwer zu erkennen. Entstanden ist ein biographisch fundierter Roman der sich süffig wie ein guter Kerner liest, bestens unterhält und ganz nebenbei eine leicht verdauliche Portion schwäbische Heimatkunde im europäischen Kontext vermittelt.

Längst hatte die Flasche Kerner vom Besigheimer Felsengarten ideale Trinktemperatur erreicht, konnte aufgeschraubt und der hellgelbe Wein eingeschenkt werden. … zarter Duft von Birne und grünem Apfel, leichte Muskataromen, fruchtbetonte, feingliedrige, würzige Fruchtsäure, saftige Süße im Abgang. Wird empfohlen zu Kalbs- und Nierenbraten, Geflügel, würzigem Käse. Passt jederzeit auch zu einem guten Buch.

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Huby, Felix; Gromes, Hartwin: Die Kerners. Eine Familiengeschichte. Roman. – Klöpfer & Meyer, 2018

Kerner, Justinus: Ausgewählte Werke. – Philipp Reclam jun., 1981 (Universal-Bibliothek; 3857)

Bausinger, Hermann: Eine Schwäbische Literaturgeschichte. – Klöpfer & Meyer, 2016