„Kraft“ von Jonas Lüscher

21. Februar 2017

Ein kurzer Blick auf den Klappentext und ich wusste, dass ich an diesem Buch nicht vorbeikomme: „Richard Kraft, Rhetorikprofessor in Tübingen …“ Ein Buch über einen fiktiven Nachfolger des legendären Walter Jens. Ein Buch also, wie für mich gemacht? Nicht ganz, denn schon nach wenigen Seiten war ich genau da, wo ich mit meiner aktuellen Lektüre nicht hinwollte. In den Vereinigten Staaten von Amerika. Die penetrante PR für zwei dickleibige Wälzer von dort hatten mich in den letzten Wochen eher abgeschreckt. Der Trend ist nun einmal nicht mein Freund. Mir war noch gut in Erinnerung, dass vor einem Jahr der neue Franzen längst nicht hielt, was die Werbetrommeln verkündet hatten.

Kraft hat eine beachtliche akademische Karriere absolviert, die ihn bis auf den renommierten Lehrstuhl in Tübingen und zu Kongressen und Vorträgen in der ganzen Welt brachte. Dennoch sieht er sich als gescheitert – sein Maßstab für Erfolg und Glück ist in erster Linie ein materieller. Geld bedeutet ihm Freiheit. Seine Freiheit hat er mit mehreren gescheiterten Ehen, den Kindern und den entstandenen finanziellen Verpflichtungen restlos eingebüßt. Die so entstandene, von ihm als nahezu ausweglos empfundene Situation macht er für seine nachlassende geistige Schaffenskraft und Kreativität verantwortlich. Er wartet auf einen Befreiungsschlag.

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Die Chance darauf tut sich auf in Form eines Wettbewerbs den ein us-amerikanischer IT-Unternehmer und Multi-Milliardär ausgeschrieben hat. Eine Million Dollar winken dem Gewinner eines Essay-Wettbewerbs. Dieser Aufsatz ist im direkten Wettstreit mit anderen Teilnehmern öffentlich zu präsentieren. Thema ist die Gottesfrage, auch als Theodizee-Problem bekannt. Warum lässt Gott das Schlechte auf der Welt zu? Kann Gott existieren, wenn der von ihm geschaffene Mensch so viel Böses anrichtet? Und wenn Gott existiert, warum verhindert er dann Kriege und Elend nicht? Die konkurrierenden Denker haben zudem nachzuweisen, warum die Welt gut ist wie sie ist.

Krafts Noch-Ehefrau strebt ebenfalls nach einer Zukunft ohne den Gatten. Sie bestärkt ihn in seinem Plan an der Ausschreibung teilzunehmen und bereits für die Vorbereitung nach Kalifornien zu reisen. „Geh, gewinne, bring uns das Geld nach Hause, damit wir alle wieder unsere Freiheit haben, hört Kraft Heike sagen, und dabei muss er an ihren Hallux denken.“

Bei der Familie des alten Freundes Ivan (Isztvan), einem Exil-Ungarn, findet er eine Bleibe und in einer der großzügigen Forschungsbibliotheken den adäquaten Arbeitsplatz. Doch die Arbeit will nicht recht gelingen. Immer mehr drängen sich Erinnerungen an den bisherigen Lebensweg und Reflektionen über vergebene Möglichkeiten in den Vordergrund. Kraft war stets glühender Anhänger einer libertären Wirtschaftsordnung. Ronald Reagan, Maggie Thatcher und Graf Lambsdorff hat er bewundert, vorübergehend an das geistig-moralische Wende-Versprechen Helmut Kohls geglaubt und den Kräften der Märkte vertraut. Die Begegnung mit dem real existierenden Unternehmertum, mit forschen Dienern des Kapitalwachstums, narzisstischen Waffenträgern und softwareentwickelnden Dauerpubertären, bringt sein Weltbild ins Wanken.

Diese ideologische Ausrichtung des Protagonisten gehört zu den Besonderheiten des Buches und unterscheidet es deutlich von den linksalternativen Lebensentwürfen hinter bodentiefen Fensterscheiben der Hauptstadt, die so häufig im Mittelpunkt der Werke gegenwärtiger Jungautoren stehen.

Zudem schreibt Jonas Lüscher hochklassisch. Bevorzugt lange, geduldig ausformulierte Sätze, bei realistischer Erzählweise und einer durchgängigen ironischen Distanz. Das Buch hat Witz. Etwa wenn Kraft bei seinem Ruderausflug auf unbekanntem Gewässer gegen guten Rat grandios Schiffbruch erleidet und diese Szenen stark an einen Segelausflug auf dem stürmischen Bodensee in Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ erinnern.

Und wenn die hippe Lifestyle-Kultur solventer Nerds rund um das Silicon Valley auf die Schippe genommen wird. Da stehen sie in langer Reihe geduldig vor einem In-Lokal Schlange, um, endlich eingelassen, mit einem nach normalen Maßstäben eher bescheidenen Mahl abgespeist zu werden. „Die Mühsal der Speisenauswahl kann man sich hier sparen, es gibt nur ein Gericht. Kraft schaut etwas ratlos auf das mit goldbraunem Paniermehl überbackene Nudelgratin … Exakt achtzehn Minuten nachdem sie das Lokal betreten haben, stehen sie wieder auf der Valencia Street.“

In diesen achtzehn Minuten erläutert der einladende Mäzen Erkner seine Zukunftsvisionen. Visionen von einem Projekt, verbunden mit einem Menschen- und Weltbild, das Krafts ideologische Festung endgültig erschüttert. Er hat in seinem Leben einen entscheidenden Wendepunkt erreicht. Das Ende des immer spannender werdenden Ablaufs ist überraschend.

Jonas Lüscher, ein Schweizer der in München lebt, hat 2013 mit der Novelle „Frühling der Barbaren“ debütiert. Er hatte zunächst eine akademische Laufbahn als Philosoph eingeschlagen und bereits drei Jahre in seine Dissertation investiert. „Aus der Dissertation ist leider nichts geworden, dafür ist nun der vorliegende Roman entstanden, in den einiges eingeflossen ist, über das ich im Rahmen meiner wissenschaftlichen Tätigkeit nachgedacht habe.“ So steht es in der „Danksagung“ am Ende des Buches, das nicht durchgängig leicht zu lesen ist. Doch Ausdauer und Mitdenken des Lesers werden mit einem Erlebnis belohnt, das Anspruch und Vergnügen auf fast ideale Weise kombiniert.

media_44388249Die „Süddeutsche Zeitung“ war begeistert von „Kraft“ und widmete dem Buch und seinem Autor in der Ausgabe vom 4. Februar eine ausführliche, farbig illustrierte Rezension. Das Fazit von Christopher Schmidt: „Die kühle Intellektualität dieses Autors ist ein schöner Fremdkörper in einer Zeit, in der Reflexionsprosa nicht allzu hoch im Kurs steht, … wohltuend ist der Laserblick eines Jonas Lüscher, der unsere Gegenwart mit einem eisigen Sengstrahl analysiert.“

Lüscher, Jonas: Kraft. Roman. – C. H. Beck, 2017. Euro 19,95


Shan ermittelt – Die Tibet-Krimis von Eliot Pattison

25. Januar 2017

Ein Gastbeitrag von Bernd Michael Köhler

Am 10. März 2008, 49 Jahre nach dem blutig niedergeschlagenen Aufstand der Tibeter gegen die chinesische Besatzung, begannen im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele in Peking landesweite Demonstrationen für Religionsfreiheit, die Unabhängigkeit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lama. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits fünf Romane in der Tibet-Reihe des amerikanischen Schriftstellers Eliot Pattison erschienen, drei weitere sollten bis heute noch folgen.

„[ ]nichts hat mein persönliches Interesse [ ] fester verankert als der Tag, an dem ich vor vielen Jahren in einem tibetischen Tempel saß und den Mönchen zusah, die hingebungsvoll ihre religiösen Riten ausübten, als plötzlich zwanzig chinesische Polizisten mit Schlagstöcken durch die Reihen rannten.“ Dieses Erlebnis Eliot Pattisons umreißt die in seinen Kriminalromanen verhandelte zentrale Thematik, um die herum er seine Figuren und Motive gruppiert. Den Rahmen für das Erzählte bildet eine Kriminalhandlung, die mit ihrer meisterhaften Dramaturgie Spannung pur garantiert.

Eliot Pattison (geb. 1951), der nach seinem Studium zunächst als Jurist tätig war, arbeitet seit Ende der 1990er Jahre als Schriftsteller und Journalist. Viele Auslandsreisen führten ihn schon in jungen Jahren u.a. nach China und vor allem Tibet, das eine große Anziehungskraft auf ihn ausübte. Während seines Studiums hatte er sich auch mit Tibetologie und Buddhismus befasst, so dass seine fiktiven Geschichten auf einer profunden Kenntnis der Realitäten im Schneeland Tibet beruhen.

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Foto: BM Köhler

Einer der beiden Hauptakteure seiner Romane ist der in Ungnade gefallene ehemalige Chefermittler des Ministerrates in Peking, Shan Tao Chun. Fünf Jahre musste er in einem der schlimmsten chinesischen  Arbeitslager einsitzen, weil er in seiner letzten Ermittlung hohen Parteikadern zu nahe gekommen war. In der Lagerhaft lernt er den alten Mönch Lokesh kennen, der zu seinem Lehrmeister und zum zweiten Hauptakteur der Romane wird. Nach der Freilassung macht sich das ungewöhnliche Freundespaar die Erhaltung der einzigartigen Kultur und Spiritualität Tibets zu eigen. Sie retten alte Artefakte- Schreine, Statuen, Tempel etc.- vor der Zerstörungswut des chinesischen Staates und renovieren sie bei Bedarf.

Shan dringt mit jedem neuen Abenteuer immer tiefer in Theorie und Praxis des tibetischen Buddhismus ein, ohne dabei seine rationale, analytische Kompetenzen zu verlieren. Der Boden seiner Empfänglichkeit für spirituell-philosophische Botschaften wurde schon früh durch seinen Vater bereitet, der ihn in die Werke der großen chinesischen Philosophen eingeführt hatte.

Die Konstruktion des Figurenpaares Shan (Han-Chinese, Schüler) und Lokesh (tibetischer Mönch, Lehrer) schafft dem Autor viele Gelegenheiten, die Grundzüge des tibetischen Buddhismus und dessen Alltagskultur darzulegen. Lokesh, der vor der chinesischen Besetzung als junger Beamter in der Regierung des Dalai Lama gearbeitet hatte, lehrt Shan, wenn es der Handlungsablauf erlaubt bzw. erfordert, etwa die Symbolsprache und Ikonographie des komplexen tibetischen Götterkosmos. Auch bei der Lösung der jeweiligen Kriminalfälle ergänzen sich Shan und Lokesh mit ihren jeweiligen spezifischen Fähigkeiten und Kompetenzen in bester Weise.

Die Tibet-Bücher Pattisons führen die Leserin, den Leser, in ein Land mit einem unermesslichen Reichtum an kulturellen Traditionen, Ritualen und Artefakten und in eine Lebensrealität, die immer mehr in ihrem innersten Kern gefährdet ist. Auf der einen Seite schildert Pattison in einer bilderreichen, magische Anziehung erzeugenden Sprache das innere Leuchten der tibetischen Kultur mit ihren unzähligen spirituellen Attributen und den mit Leib und Seele in der jahrhundertealten buddhistischen Religion verwurzelten tibetischen Menschentypus.

Auf der anderen Seite thematisiert der Tibet-Kenner die brutale Unterdrückung der tibetischen Tradition und Identität durch das „chinesische Mutterland“, die rücksichtslose Sinisierung des tibetischen Kernlandes vor allem nach dem Bau der Bahnlinie nach Lhasa, die verheerende Umweltzerstörung beim Abbau von Lithium, Seltenen Erden, Silber u.a. sowie die staatliche Kontrolle bis in die privatesten und auch in die klösterlichen Lebensbereiche hinein. All dies eindringlich und- ganz angelsächsisch unbefangen- in einer unterhaltsamen literarischen Form einem westlichen Publikum nahebringen zu können, ist der große Verdienst Eliot Pattisons.

„Die kleine Kapelle [ ] war ein winziges Juwel von einem Bauwerk inmitten duftender Wacholderbäume [ ]. Shan trat ein und sah einen schlichten Altar aus geschnitztem Holz mit den üblichen flackernden Opferlampen. Ein altes thangka der Tara hing über dem Altar, aber es wurde gar kein weiteres Seidenbildnis benötigt, denn die Wände waren bemalt. Jeder Zentimeter war mit den kunstvollen Abbildern von Gottheiten, Dämonen und Glück verheißenden Symbolen bedeckt. Shan hätte so gern jedes einzelne davon studiert, und wäre Lokesh jetzt bei ihm gewesen, würden sie Stunden hier verbracht haben.“

Es sind Passagen wie diese aus „Tibetisches Feuer“, die den Leser, die Leserin ganz tief hineinziehen in die geheimnisvolle, magische Bilderwelt des tibetischen Buddhismus, in dem Gottheiten und Rituale aus der vorbuddhistischen Bön-Religion weiterleben.

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Im achten und vorerst letzten Band der Tibet-Reihe- „Tibetisches Feuer“-, der 2016 in deutscher Übersetzung erschienenen ist, befasst sich Pattison in literarischer Form mit dem Drama der Selbstverbrennungen als äußerstem Protest der Tibeter gegen die chinesische Unterdrückung. Mindestens 145 solcher Selbstverbrennungen sind seit 2009 zu beklagen. Damit hat auch dieser Roman wieder eine explizit politische Dimension.

Die Geschichte beginnt damit, dass Shan gezwungen wird, Mitglied einer Kommission zu werden, die im Sinne der politischen Doktrin „beweisen“ soll, dass es sich bei den Selbstverbrennungen um Straftaten und nicht um verzweifelte Akte des Protestes handelt. Die bei einem Teil der Suizide an den Orten der Selbstverbrennungen gefundenen kurzen, Haiku-ähnlichen Gedichte lassen bei den Ermittlungsbehörden den Verdacht aufkommen, dass eine von einer Frau angeführte Widerstandsgruppe hinter diesen Aktionen steckt. Die Öffentliche Sicherheit, das noch mehr gefürchtete Büro für religiöse Angelegenheiten sowie weitere Ermittlungsbehörden werden in höchste Alarmbereitschaft versetzt und verfolgen wie Bluthunde die Spur der purbas, wie im Buch die Angehörigen der geheimen tibetischen Widerstandsbewegung genannt werden.

Wie Shan nach und nach die zunächst vollkommen im Dunklen liegenden Szenarien hinter dem äußeren Schein aufdeckt, zeigt das große dramaturgische Geschick des Autors. Dabei sind die Dialoge des Tibet-Freundes mit seinen chinesischen Widersachern ein intellektueller Genuss erster Güte. Die behutsame, Vertrauen schaffende Annäherung Shans an die Bewohner eines tibetisches Dorfes in der Nähe der chinesischen Station, in der die Kommission tagt, wärmt das Herz und entfacht- wie die Tibet-Reihe in ihrer Gesamtheit- Solidarität und Mitgefühl für dieses geschundene Volk.

Ein Höhepunkt des Buches ist die Schilderung des geheimen Refugiums Taktsang (Tigerhaus), das in einem abgelegenen Gebirgstal liegt. Der mit kostbaren buddhistischen Insignien versehene Höhlentempel mit einer erstklassig ausgestatteten Bibliothek von heiligen Überlieferungen wird zu einem Sehnsuchtsort, der „eine tröstende Umarmung für seit Langem leidende Besucher“ verkörpert, wie Pattison in seinem Nachwort schreibt. Auch den purbas, anderen Dissidenten und „illegalen“ Nonnen und Mönchen dient das Tigerhaus als Unterschlupf.

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Foto: BM Köhler

An Pattisons Einstellung zu dem folgenreichen Konflikt zwischen seelenlosen wirtschaftlichen und aggressiv-totalitären Interessen einerseits und der tibetischen Identität mit einer hoch entwickelten Spiritualität und Kultur andererseits lässt der Autor keinen Zweifel. Aber nicht nur in seinen Kriminalromanen bezieht Pattison eindeutig Stellung: so hat er bei den Unruhen vor den Olympischen Spielen 2008 den Westen zum Boykott der Spiele aufgerufen, es sei denn, die chinesische Regierung ermögliche einen internationalen Diskurs über Tibet und die Rechte der Tibeter. Die negativen Aspekte einer alle Lebensbereiche durchdringenden religiösen und damit zumindest teilweise auch restriktiven Kultur darzustellen, sieht Eliot Pattison dagegen nicht als seine Aufgabe an.

Man kann die Romane als jeweils in sich abgeschlossene Krimis lesen. Die faszinierende innere Entwicklung Shans vom Bediensteten des kommunistischen Staatssystems zum Praktizierenden und Kenner der buddhistischen Alltagsfrömmigkeit unter Beibehalt seiner rationalen Denkweisen kann man jedoch in ihrer subtilen, berührenden Art und Weise nur vollständig  nachvollziehen, wenn die Romane in der Chronologie ihres Erscheinens gelesen werden.

Ärgerlich ist, dass der Verlag aus Marketing-Gründen in jedem der bisher acht Romantitel den Wortstamm „Tibet“ platziert hat. Die amerikanischen Originaltitel nähern sich dagegen viel einfühlsamer dem jeweiligen zentralen Motiv und dem dazu vom Autor entwickelten atmosphärischen Grundton  (z.B. The Skull Mantra, dt. Der fremde Tibeter oder Soul oft the Fire , dt. Tibetisches Feuer). Dies ist aber nur eine formale Unebenheit – die von Pattison erzählten Geschichten aus Tibet sind sehr zu empfehlen, und das keineswegs nur Krimi-Fans.

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Die ersten sieben Bände der Reihe sind als Aufbau Taschenbuch erhältlich. Übersetzt wurden sie aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild und kosten zwischen Euro 9,95 und Euro 12,00:

Der fremde Tibeter (2002)
Das Auge von Tibet (2003)
Das tibetische Orakel (2005)
Der verlorene Sohn von Tibet (2006)
Der Berg der toten Tibeter (2008)
Der tibetische Verräter (2011)
Der tibetische Agent (2015)

Tibetisches Feuer. Roman, aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild.- Rütten & Loening, 2016. Euro 19,99

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(Bernd Michael Köhler lebt in Neu-Ulm und arbeitete viele Jahre als Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Ulm. Natürlich ist er ein passionierter Leser. Darüber hinaus fotografiert er und schreibt gelegentlich.)

 


2017. Das Jahr von DLS

4. Januar 2017

Treibstoff aus Nüssen und Wohnen im All sind sicher zwei wichtige Trends der nahen oder ferneren Zukunft. Doch jetzt sind wir im Jahr 2017. Und jetzt kommt DLS.

Für zahlreiche aktuelle Statussymbole läuft die Uhr ab. PS-starke Geländewagen, hypergigantische Kreuzfahrt-Dampfer, löchrige Designer-Jeans, chromblitzende Kaffee-Automaten der 2000-EuroplusX-Klasse, Dauerkarten für Freizeitparks, opulente Grill-Orgien, selbstgestrickte Bimmel und Bommel, Reisen in exotische Inselstaaten. Out. Das Zeitalter von DLS hat begonnen. Oder wie das Zukunftsorgan BALD schrieb: „DLS – alle sind dabei!“

Erste Zeitschriften-Titel tauchen an den Kiosken auf: „Mein DLS“, „DLS-Lust“, „DLS-Idee“, „Mega-DLS“, „DLS für Landfrauen“, selbst die altbewährte Apotheken-Rundschau macht mit: „Mit DLS und ihrer Apotheke zu einem erfüllten und gesunden Leben.“

Die Buch-Verlage ziehen hektisch nach. Schon liegen die ersten Titel auf Sondertischen bei Dubenhugel und Co.: „DLS für Dummies“, „Mein Weg zum perfekten DLS“, „DLS in 10 einfachen Schritten“. Angekündigt sind Bücher von Til Schweiger („Mehr Wumm mit DLS“) und Barbara Becker („Jungbrunnen DLS.“) Die Kuppelspezialisten von Parshit werben: „Bei uns findest Du den idealen DLS-Partner“.

D, wie Denken, wie selber denken, kritisch denken, Skepsis pflegen. Folgenabschätzung erlebt einen ungeahnten Boom. „Zweifel sind das Beste, was einer Gesellschaft passieren kann“, schrieb Angelika Slavik in ihrem zu skeptischen Denken anregenden Essay auf „SZ Online“ an Neujahr 2017. Ein fulminanter Auftakt zum DSL-Jahr. Vor sich selbst macht dieses neue Denken nicht halt, wie Slavik betont: „Die Fähigkeit, die eigene Leistung zu hinterfragen, ist die erste und unabdingbare Voraussetzung für Exzellenz in jeder Disziplin.“

Die Volkshochschulen sind dabei. Kurs-Beispiele der vh Erkenschwick: „Ich bin Selbstdenker“, „Skepsis in allen Lebenslagen, I und II“. Voraussetzung für die Teilnehmer: Bereitschaft und Fähigkeit zu konzentriertem, ausdauernden Lesen selbst sperriger Texte.

L, wie Lesen. Lesen immer und überall. Wissen erwerben durch Lesen. Lesen mit Ausdauer, Bücher mit Gehalt und von Umfang. Aus Belesenheit und Wissen wird Bildung, grundlegende Voraussetzungen für eigenständiges Denken. Es werden wieder Bücher gekauft um sie zu besitzen. Planer von Neubauwohnungen haben erkannt: Jetzt sind Stellwände für Xtra-breite Regale gefragt.

Die neuen Leser sind bookish. Gedruckte Haptik erobert die Wohn- und Arbeitsräume, ja selbst die Kinderzimmer. In Bussen und Bahnen, auf Bänken und Wiesen, an Kaffeehaustischen – kaum noch jemand hält ein Smartphone vor die Nase. Die Container an den Sammelstellen füllen sich mit entsorgtem Elektroschrott. Die Renaissance des Buches ist allerorten spürbar. Fast vergessene Handwerke und Berufe kehren zurück: Papierschöpfer, Buchbinder, Antiquare. Qualifizierte Bibliothekare und Buchhändler werden händeringend gesucht.

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„Geben wir dem Buch seine Verantwortung zurück“, forderte Nina George auf den Leipziger Buchtagen im Juni 2016. „Ein Buch ist der Kontrollentwurf zur virtuellen Welt und seiner behaupteten ‚Schwarmintelligenz‘, die im Web kollektiv einen Konsensbrei aus Wissen und Vermutung anrührt, in kurzen, verdaulichen Texthäppchen – der schon am nächsten Tag aus der Timeline und aus dem Gedächtnis verschwunden ist.“ (Im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels war das nachzulesen.)

S, wie Schreiben. Händisches, bewusstes Schreiben. Wohlüberlegtes, ausformuliertes Aufschreiben. Beschreiben als Selbstvergewisserung. Gedanken und Gedächtnis in Schriftform ohne Speicherprobleme und zur nachhaltigen Verfügbarkeit.

Geschäfte für alle Arten von Schreibwaren eröffnen neu. Kleine überladene Räume in denen zu finden ist, was das Herz der neuen Schreiber höher schlagen lässt. Feine Papiere, edle Füllfederhalter, Blei- und Buntstifte. Kladden und Tagebücher sind seit Tagen ausverkauft, neue Lieferungen werden erwartet, die Liste der Vorbestellungen ist lang.

Schreiner fertigen Steh- und Schreibpulte, Sekretäre, Schreibtische aus schwerer Eiche nach individuellen Wünschen. Die Menschen schreiben Tages- und Familienchroniken, Gedichte, Skizzen und Geschichten über Erlebtes und Erdachtes. Die gelbe Post war auf die einsetzende Flut handgeschriebener Briefe nicht vorbereitet.

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Lotte ist immer noch Bedienung in meiner Stammkneipe am Max-Brod-Platz. Dabei studiert sie längst BWL mit „Schwerpunkt Mergers and Acquisitions“, wie sie mir neulich stolz berichtete. Ob sie abkassieren könne, sie habe jetzt Feierabend. Meine rechte Wange lag noch auf der Druckerschwärze des Lokalblatts. Als meine Augen offen sind, sehe ich, dass ich genau auf einem Artikel geruht habe, der über die Schließung von Bücher-Hansi informiert, der letzten unabhängigen Buchhandlung in unserer kleinen Großstadt.

Hinaus ins Zwielicht abendlichen Schneetreibens. Mir kommt in den Sinn, dass ich meinem ausgeträumten Traum noch ein weiteres L anhängen könnte.

L, wie Laufen. Das neue Laufen heißt Spazierengehen, Schlendern, Promenieren. Sanftes Wandern auf den Spuren unserer Dichter. Mit Friedrich Schiller durch das Tal der Saale, mit Theodor Fontane durch Berlin und Brandenburg, mit Maria Müller-Gögler von Weingarten nach Schlier durchs Lauratal, bergauf, bergab mit Hermann Lenz in Stuttgart, mit Hölderlin von Hauptwil an den Bodensee und zurück in die schwäbische Heimat, mit Andreas Maier die Wetterau erkunden.

Denken und Gehen. Was für eine Symbiose. Damit beginnt eines der merkwürdigsten Bücher, das mir in letzter Zeit untergekommen ist.

„Ich kann auf meinen Spaziergängen die schwierigsten und verzwicktesten Gedanken denken, ohne von äußeren Einflüssen unterbrochen und gestört zu werden. Ich spaziere vor mich hin, meine körperliche Person mit ihren Beinen und Füßen auf ihrem Weg, mein Geist mit seinem Denken in seinen Gedanken.“ Bald schon trifft der Protagonist eine Gleichgesinnte, eine Beziehung bahnt sich an: „… ich habe gesehen, daß du ein Denker bist, du denkst beim Gehen, die ganze Zeit denkst du beim Gehen, das habe ich gesehen, und ich brauche einen Denker, ich sehne mich nach einem Denker …“ (Christoph Bauer, Jetzt stillen wir unseren Hunger. S. Fischer, 2001)


AusLese 2016. Der zweite Teil

15. Dezember 2016

Mein Top-Titel 2016 und die Krimis

14.165 belletristische Titel sind 2015 erstmals auf dem deutschen Buchmarkt erschienen. Für 2016 ist mit einer in etwa gleich hohen Zahl zu rechnen. Über 14.100 davon habe ich nicht gelesen, die meisten nicht einmal wahrgenommen. Dass ich mir dennoch anmaße einen persönlichen Spitzenreiter zu nominieren geschieht deshalb in aller Bescheidenheit und weit davon entfernt den anderen möglicherweise 14.164 Büchern schlechtere literarische oder mangelnde Unterhaltungs-Qualitäten unterstellen zu wollen.

Meine Wahl fiel auf Benedict Wells.

Inzwischen leicht über 30, zählt er längst zu den größten Hoffnungen unter Deutschlands Schreibkräften. Mit seinem neuen Roman “Vom Ende der Einsamkeit” tritt er den Beweis an, dass dies nicht unberechtigt ist.

Nach dem Unfalltod ihrer Eltern sind die Geschwister Jules, Marty und Liz aus der Bahn geworfen und wachsen im Heim auf. Der Roman erzählt von den weiteren Lebenswegen der drei. Was so einfach klingt, ist ein umfangreiches, vielschichtiges Erzählwerk, das gekonnt die Abgründe menschlicher Beziehungen ausleuchtet. Wie manifest können Abhängigkeiten sein und wie quälend die Fron individueller Einsamkeit. Dazwischen die seltenen, hellen Glücksmomente.

Ein großer Wurf des jungen Autors, ein Buch das einen großen Sog entwickelt, aus Tragik Leseglück werden lässt, das man, einmal angelesen, kaum noch aus der Hand legen kann, und das nach der Lektüre lange nachhallt.

Wells, Benedict: Vom Ende der Einsamkeit. Roman. – Diogenes, 2016. Euro 22

Der AusLese krimineller Teil

Schauplatz Westdeutschland

Zeit der Handlung: 1950er Jahre, die später sogenannte Adenauer-Ära (der staatstragende Alte kommt höchstpersönlich vor im Buch). Erste Annäherung und Versöhnungsversuche mit Israel sind Teil und Streitpunkt der westdeutschen Politik. Im Hintergrund fördern die einen, torpedieren die anderen. Geheimdienstler mittendrin. Hautpschauplatz: Das ehemalige Offiziersgenesungsheim, spätere Luxushotel Bühlerhöhe auf dem Kohlbergfelsen im Nordschwarzwald. Geld- und Nenn-Adel gehen hier ein und aus; Staatsgäste werden hofiert.

Rosa, die israelische Agentin soll Adenauer vor einem Anschlag schützen, um den Annäherungskurs nicht zu gefährden. Die Haudsdame des Hotels, Sophie, verfolgt ganz andere Ziele. Dazu zwei rivalisierende männliche Hauptfiguren. Dieser Roman ist ein bisschen Krimi, etwas mehr Agententhriller, vor allem aber ein breit angelegtes Zeitpanorma der jungen bundesdeutschen Republik Ausgabe West. Und eine weniger romantische, als verbissene Vierecksgeschichte, die für zusätzliche Spannungselemente sorgt. Nicht gerade John LeCarre, doch für deutsche Verhältnisse niveauvoller Lesestoff. Leicht zu lesen, bei gleichzeitig einigem Erkenntnisgewinn, da die Autorin sehr gründlich recherchiert hat.

Brigitte Glaser ist eine routinierte Unterhaltungs-Schriftstellerin. Sie hat bereits zahlreiche Krimis geschrieben, die meisten sind als paperbacks bei Emons erschienen. Dass ihr neuestes Buch nun festgebunden bei List erscheint, erhöht Rang und Ansehen ein gutes Stück.

Glaser, Brigitte: Bühlerhöhe. Roman. – List, 2016. Euro 20

baum-138x150Schauplatz Norwegen

Ah, schon wieder Skandinavien! Eine weitere dieser zahllosen Crime-Ladys, deren Cover-Fotos ihnen ewige Jugend und Blondheit andichten. Falsch. Ein Mann, ein neuer norwegischer Autor beansprucht Platz auf den Sondertischen der Buchhandlungen. Mit Recht. Denn Gard Sveen ist ein talentierter Schreiber.

Sein erster Kriminalroman ist ein Buch geworden mit Bezügen in die deutsche Vergangenheit. Als der ehemalige Widerstandskämpfer (gegen die deutschen Besetzer Norwegens während des Zweiten Weltkriegs) Carl Oscar Krogh ermordet wird, stellt sich die Frage, welche Feinde ein so beliebter Mensch wohl hatte.

Besteht irgendein Zusammenhang mit den drei Leichen, die man in der Region Nordmarka findet? Sveens Kommissar Tommy Bergmann ist ein ähnlicher Typ wie wir ihn schon von anderen Autorinnen und Autoren aus dem Norden kennen. Ein scharfsinniger Einzelgänger, Melancholiker, Zweifler, mit vielschichtigem Innenleben.

Packende mehrbödige Lektüre, zeitweise prickelnde Spannung. Wie bei vielen Skandinaviern mit Passagen die mir etwas zu direkt, etwas zu brutal sind. Ragt sprachlich und erzählerisch aus der Masse des skandinavischen Krimi-Angebots heraus. (Manchmal hat man den Eindruck, dass nur noch Knausgaard und Krimis aus nordischen Sprachen übersetzt werden.) Von Kommissar Bergmann können wir auf jeden Fall mehr vertragen.

Sveen, Gard: Der letzte Pilger. Kriminalroman. – List, 2016. Euro 14,99

baum-138x150Schauplatz München

Andreas Föhr ist ein auflagenstarker und sehr geschätzter Krimi-Autor, der sich längst im Genre fest etabliert hat. Bisher ermittelteten seine kantigen Kriminaler-Konsorten vor und auf oberbayerischen Bergen. Die Geschichten wurden mit viel Lokal-Kolorit und Folklore aufgestattet. (“Schafkopf”, “Karwoche” usw.)

Nun sorgt er für Abwechslung in seinem Figurenreigen und hat nicht nur einen neuen Plot mit einer weiblichen Hauptdarstellerin entwickelt, sondern gleichzeitig die Landeshauptstadt München als neuen Schauplatz gewählt. Damit geht es urbaner, geistig großräumiger und auch deutlich zeitgeistiger zu.

Dr. Rachel Eisenberg, Juristin und Mitinhaberin einer Nobel-Kanzlei, gibt der Autor das Fachwissen seines eigenen Jurastudiums mit auf den Weg. Für Kontrast sorgt im ersten Fall der neuen Reihe das Schicksal eines Obdachlosen, der eines Mordes verdächtigt wird und in dem die Anwältin einen früheren Bekannten wiedererkennt. Bei ihren Ermittlungen kommt sie nicht umhin dem einen oder anderen, der sich für wichtig hält, auf die Füße zu treten. Ganz so zielstrebig wie im Beruf ist sie im Privatleben nicht.

Hervorragend konstruiert, eine Geschichte mit vielen Wendungen und starken, glaubwürdigen Figuren. Beste Unterhaltung mit Niveau, mit der man sich sehen lassen, über die man reden kann.

Föhr, Andreas: Eisenberg. Kriminalroman. – Knaur, 2016. Euro 14,99

baum-138x150Schauplatz Schweiz

Auf dieses Buch habe ich persönlich mich ganz besonders gefreut und geraume Zeit auf sein Erscheinen warten müssen: Der neue Theurillat! Das fünfte Buch mit dem Züricher Kapitalismus-Kritiker und Kriminalkommissar Eschenbach und seine kernige, mit viel italienischen Temperament ausgestattete Sekretärin Rosa Mazzoleni. An Verbrechen rund ums große Geld und die Auswüchse globalen Wirtschaften ist in der an der Oberfläche so idyllischen Schweiz wahrlich kein Mangel.

Ausgangspunkt der dichten Handlung sind diesmal die “Wetterschmöcker”, die dem Buch auch den Titel geben. Kantige Naturmenschen, die sich mit Wettervorhersagen beschäftigen und den Errungenschaften der modernen Welt skeptisch gegenüber stehen. Einer von ihnen ist Alois Thüring. Seine Nichte arbeitet für ein Unternehmen das international in großem Stil mit Rohstoffen handelt. Nun ist sie verschwunden. Für Vermissten-Fälle ist Eschbach eigentlich nicht zuständig, dafür umso mehr interessiert an Unstimmigkeiten in den schwer zugänglichen Zirkeln Schweizer Manager, Unternehmer und die ganze, nicht nur seriöse Sippschaft in deren Umfeld.

Authentische, glänzend geschriebene Einblicke in die Tiefen und Untiefen der Schweizer Gesellschaft, in Vorgänge und Machenschaften, wie sie so allerdings nicht nur für die Eidgenossenschaft exemplarisch sind.

Theurillat, Michael: Wetterschmöcker. Kriminalroman. – Ullstein, 2016. Euro 26 (Die günstige Taschenbuch-Ausgabe ist für September 2017 avisiert.)

baum-138x150Schauplatz Hamburg

Wenn der ICE wieder einmal betriebsbedingt für die eine oder andere Stunde auf freier Strecke halten muss, ist es gut, leicht lesbare Ablenkung zur Hand zu haben. Auch wenn der Zug nicht die Hansestadt Hamburg zum Ziel hat, ist Simone Buchholz eine geeignete Autorin, die unfreiwillige gewonnene Lesezeit locker zu gestalten.

“Ich war Kellnerin, Kolumnistin und Redakteurin. Ich erzähle von der Liebe, vom Tod und vom Fußball, ich mag Neapel, Tahiti, St. Petersburg und im Grunde auch Brooklyn, aber ich wohne in Hamburg, vor allem wegen des Wetters.”

Ihre Krimis spielen mittendrin im Milieau des bunten, munteren Stadtteils Sankt Pauli, in dem die Hauptfigur Chas Riley , ihres Zeichens Staatsanwältin mit amerikanischen Elternteil, hervorragend vernetzt ist. Nur zu gerne stürzt sie sich an der Seite ermittelnder Kripobeamter in die Aufklärung von Verbrechen meist kapitaler Art. Kleine Gängster und typische Kiez-Ganoven stehen ihr dabei teils im Weg und teils zur Seite. Zwischendurch wird mal in einer der zahlreichen Kneipen in die sich nur Insider trauen der Boden unter den Füßen verloren, oder man steht sich selbige auf den Rängen des Millerntor-Stadions platt, wenn der örtliche FC einmal mehr um den Anschluss an die oberen Ränge im deutschen Fußball kämpft. Von ihren veritablen Bindungsängsten möchte Chas nicht wirklich befreit werden, was sie nicht hindert eine eigenwillige Dauerbeziehung zu pflegen.

Ich habe vor kurzem “Bullenpeitsche” gelesen, fand es originell, schnoddrig im Ton und amüsant hard-boiled. Was sich so leicht und flott liest, ist allerdings durchaus sprachliche Könnerschaft. Starke Charaktere, treffend skizziert, Slang und Begriffe aus Halb- und Unterwelt rund um die Große Freiheit werden gezielt, doch dosiert verwendet, mit reichlich Schwung und Tempo kommt die Story voran. Vielleicht ist man am Ende gar nicht froh, wenn der Zug wieder Fahrt aufnimmt und sich dem Ziel nähert.

Bullenpeitsche war noch bei Droemer erschienen. Mit dem neuesten Titel “Blaue Nacht” wurde Simone Buchholz geadelt und in die Suhrkamp-Riege aufgenommen. (“Revolverherz”, 2009 erstmals erschienen, hat Heike Makatsch 2014 als Hörbuch eingelesen – für den Fall, dass man mal mit dem Auto unterwegs ist.)

Buchholz, Simone: Bullenpeitsche. Kriminalroman. – Droemer TB, 2013. Euro 9,99

Buchholz, Simone: Blaue Nacht. Kriminalroman. – Suhrkamp TB, 2016. Euro 14,99


AusLese 2016. Der erste Teil

29. November 2016

Liebe Freunde von con=libri!

Wer eine moderne Waschmaschine (steuerbar über die smart home app), ein neues Fernsehgerät (natürlich Ultra-HD und mega konkav) oder einen nützlichen Staubsauger (z. B. den Saugroboter “Dirt Devil” von Techtronic, mit Steuerung über das praktische OnBoard-Bedienpanel) kaufen möchte, hat die Auswahl zwischen zahlreichen Modellen. Die Entscheidung fällt schwer, wird in der Regel doch nur ein Exemplar benötigt.

Bei Büchern ist das anders. Die Auswahl ist entschieden größer als bei den genannten Gebrauchsgegenständen, und man kann davon so viele haben wie man möchte. Grenzen setzen allenfalls das persönliche Budget oder die häusliche Regalfläche (doppelreihige Aufstellung schafft hier zusätzliche Kapazitäten). Man muss auch nicht nur jene kaufen, die man zu brauchen glaubt, in dem Sinne, dass man sie sofort lesen will. Nein, Bücher kann man sehr schön auf Vorrat erwerben und besitzen. Damit eröffnen sich jederzeit verfügbare, verheißungsvolle Lese-Alternativen. Ganz im Sinne von Durs Grünbein:

“Ich kaufe ja Bücher nicht, weil ich sie alle benötige, sondern weil ich mir ausmale, wie herrlich es sein wird, sie demnächst – sagen wir: eines Tages, zu lesen.”

Mit meiner Auslese 2016 möchte ich wieder einige Kauf-, vor allem aber Lese-Anregungen geben. Bücher, die mir auffielen im üppigen Angebot des zu Ende gehenden Jahres, die mir gefielen, mit denen ich mich näher beschäftigt habe. Wie immer ist es eine sehr subjektive Wahl. Immerhin sind die Empfehlungen analog, völlig plan und geschlechtsneutral.

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Aus Polen

Nach “Sandberg” und “Wolkenfern” ist jetzt ein dritter Roman einer der bedeutendsten polnischen Autorinnen der Gegenwart auf Deutsch erschienen. Warum es vier Jahre dauern musste bis das Original in deutscher Übersetzung vorliegt, weiß vielleicht der Suhrkamp-Verlag. Es ist schade, dass Bücher aus dem Osten Europas meist mit einiger Verzögerung bei uns erscheinen. “Dunkel, fast Nacht” ist ein origineller Roman, in dem die Autorin zu starker, eigenwilliger Ausdruckskraft findet.

Alicja Tabor hat ihre Heimatstadt vor 15 Jahren verlassen, die Eltern sind inzwischen verstorben, das Haus steht seit Jahren leer. Nun kehrt sie als Journalistin zurück um über das Verschwinden von Kindern aus der Stadt zu recherchieren und zu schreiben. Vor Ort kochen längst die Emotionen hoch. Allerhand Verdächtige (wie die “Zigeuner”) werden ausgemacht. Im Netz blüht der Hass. Ängste, Traumata, wechselnde Stimmungen bestimmen das gesellschaftliche Klima und die Persönlichkeit Alicjas. Der Roman ist ein dichtes Gewebe über die aktuellen Bruchstellen moderner Wohlstandgesellschaften. Verstörend, stellenweise schaurig, für eher fortgeschrittene Leser geeignet.

Bator, Joanna: Dunkel, fast Nacht. Roman, aus dem Polnischen von Lisa Palmes. – Suhrkamp, 2016. Euro 24,95

Aus Norwegen

Als bekennender Freund ausladender Romanhandlungen in dicken Büchern greife ich selten zu schmalen Bändchen mit kürzeren Arbeiten. Doch gibt es hin und wieder Empfehlungen für Literatur unterhalb epischer Längen, die zum Leseglück werden. Die “Winternovellen” der 1978 in Oslo geborenen Ingvild H. Rishøi haben mich vom ersten Satz der ersten Geschichte an begeistert. Nüchtern, lakonisch klingt das: “Als wir nach Linderud kommen, macht Alexa sich in die Hose. Wir wollten ja den ganzen Weg bis nach Hause gehen, und sie war einverstanden, es habe doch keinen Sinn, wegen fünf Stationen Geld für den Bus auszugeben.” Von dem schmalen Monatsbudget sind nur noch ganz wenige Kronen übrig, die eigentlich für Lebensmittel vorgesehen waren. Als plötzlich ein bedürftiger Mitmensch vor Mutter und Tochter steht und um eine milde Gabe bittet, ist die ohnehin nicht sehr belastbare Alleinerziehende völlig überfordert. Tochter Alexa hingegen hat Mitleid und verträgt weder Lügen noch Ungerechtigkeiten.

“Wir können nicht allen helfen”, ist der Titel dieser ersten von drei Erzählungen, jede wenige dutzend Seiten umfassend, in denen es um Menschen am Rande des glänzenden norwegischen Reichtums geht. In glasklarer nordischer Sprache und mit lebensnahen Dialogen versteht es Rishøi deren schwierige Lage einerseits, ihren verzweifelten Mut andererseits, fesselnd zu beschreiben. Ohne Bloßstellung zeigt sie uns dabei eine Welt die wir, die auf der Habenseite des materiellen Überflusses gelandet sind, nur zu gerne ausblenden. In jeder Geschichte gelingt der Autorin ein überraschender Schluss, den man während des Lesens nicht für möglich hält. Alle drei “Winternovellen” enden “gut”. Nicht im Sinne einer generellen Lösung aller Probleme, doch zumindest mit einer freundlichen Wendung. Drei Geschichten auf weniger als 200 Seiten, die ich für dunkle, kalte Winterwochen wärmsten empfehlen kann.

Ingvild H. Rishøi: Winternovellen. Aus dem Norwegischen von Daniela Syczek. – Open House, 2016. Euro 19,50

Zwei Bücher über Entwurzelung

Flucht, Vertreibung, Migration gehörten und gehören in Europa zum Schicksal von Millionen. Ein kleiner Ausschnitt daraus ist die abenteurliche Emigration von Karoly, Terez und ihren Kindern aus Ungarn in Akog Domas neuem Roman “Der Weg der Wünsche”. Sie findet zu Beginn der 1970er-Jahre statt, doch in Rückblicken erfahren wir von Ereignissen rund um die Familie bis zurück zu den großen Flüchtlingsbewegungen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.

Was als breit angelegte Familiengeschichte beginnt, entwickelt sich im Laufe der Erzählung zu packender, gegen Ende dramatischer Handlung. Beginnend mit einer gewagten Flucht über Österreich, dann ein nicht enden wollender Zwangsaufenthalt in einem süditalienischen Lager, schließlich der Aufbruch mit dem Ziel Deutschland. Ein Kapitel europäischer Geschichtsunterricht, unterhaltsam und bewegend erzählt.

Akog Doma wurde 1963 in Budapest geboren. Er lebt – für einen Schriftsteller eher ungewöhnlich – im beschaulichen Eichstätt, übersetzt aus dem Ungarischen und schreibt eigene Werke in deutscher Sprache. “Der Weg der Wünsche” ist bereits sein dritter Roman.

Doma, Akog: Der Weg der Wünsche. Roman. – Rowohlt Berlin, 2016. Euro 19,95

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Das nächste Buch ist kein Roman. Der Autor verzichtet allerdings auf eine klare Abgrenzung zwischen Fiktion und authentischer Nacherzählung echten Lebens. Dichtung und Wahrheit eben.

Die Kapitelmans hatten sich in der russisch besetzten Ukraine leidlich eingerichtet. Doch als sie mit ihrer jüdischen Abstammung immer mehr unter Druck geraten, entschließt sich die dreiköpfige Familie zur Ausreise. Eigentlich ist Israel das gemeinsame Ziel, durch besondere Verwicklungen landet sie jedoch in Deutschland. Zunächst in einem Aufnahmelager, später in einer Plattenwohnung in Leipzig-Grünau. Von diesem Exodus und den damit verbundenen Schwierigkeiten erzählt der erste Teil des Buches. Sehr interessant ist ihre Art von Innenansicht auf die problematischen Momente des Alltags in einem ostdeutschen Großstadt-Revier, neonazistische Nachbarschaft inklusive.

Das Hauptthema des Buches ist die liebevolle, nie ohne Reibung verlaufende Beziehung von Vater und Sohn. Gemeinsam brechen sie zur lang ersehnten und mit viel Umständlichkeiten geplanten Reise nach Israel auf. Ihr Blick auf das Land, ihre innere Zerrissenheit zwischen Europa und Israel, die überraschende Anziehungskraft praktizierten Judentums, und vor allem die Probleme des Landes, werden differenziert dargestellt und durch konkrete Alltagserfahrungen verdeutlicht. Der dreißigjährige Dmitrij Kapitelman beschreibt die über weite Strecken autobiographischen Erlebnisse auf sehr frische Weise und in stets leicht distanziertem ironischen Ton. Sicher auch ein Buch für Leser, die schon einmal in Israel waren, oder eine Reise planen.

Kapitelman, Dmitrij: Mein unsichtbarer Vater. Hanser Berlin, 2016

Zwei Bücher die von Familien-Katastrophen handeln, dabei gar nicht so traurig sind.

Ein weiteres Erstlingswerk einer jungen Autorin die in Berlin lebt? Brauchts das? Gibts davon nicht schon genug? Ich kann versichern, der erste Roman der 1987 in Potsdam geborenen Paula Fürstenberg ist nicht nur gelungen, sondern ausgesprochen originell und einnehmend. Die Hauptfigur Johanna ist weder Künstlerin, noch angehende Schriftstellerin mit Schreibblockade. Sie hat sich für eine Ausbildung zur Straßenbahnfahrerin entschieden. In der Freizeit betrachtet sie fasziniert alte Landkarten; dort entdeckt sie das titelgebende Tier. Jung genug um die DDR nicht mehr bewußt erlebt zu haben – sie wurde kurz vor der Wende in der Uckermark geboren – spielt doch die deutschdeutsche Geschichte in ihrem Leben eine wichtige Rolle.

So beginnt sie nach den täglichen Linienfahrten auf den Schienenfahrzeugen der BVG ihrem Vater nachzuspüren, der die Familie kurz nach dem Mauerfall verlassen hat, um in den Westen zu gehen. Oder doch nicht? Mit ihrer Beharrlichkeit kommt sie Stück für Stück nicht nur ihrem verschollenen Erzeuger näher, sondern entdeckt gleichzeitig neue Facetten im Leben ihr nahestehender Menschen. Sasa Stanisic, der die Lektüre von Paula Fürstenbergs Buch sehr empfiehlt, nennt dies “die Neukartierung einer zerklüfteten Familienlandschaft.”

Fürstenberg, Paula: Familie der geflügelten Tiger. Roman. – Kiepenheuer & Witsch, 2016. Euro 18,99

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“Mama ist die Beste.” Und pleite. Und tot. Patchwork hoch drei. Bei ihrem Debüt als Romanautorin überzeugt Nele Pollatschek mit einem ungewöhnlich reifen, hintersinnigen Familienmosaik. Jedes Mitglied dieser verqueren Kommunität ist ein spezieller Charakter. Aus den verschiedenen Beziehungskonstellationen entstehen reihenweise kuriose Situationen. Manchmal wäre die Geschichte ja richtig traurig, aber gerade dann muss man herzlich schmunzeln.

Besondes köstlich, das liebevolle Briten-Bashing im ersten Teil. “Zum Studieren ist England super, aber wer will, dass ein Fenster schließt, eine Heinzung heizt oder man beim Duschen nass wird, sollte in Deutschland bleiben…” Das Buch hat englische und deutsche Schauplätze, eine reizvolle Konstellation. Nele Pollatschek ist noch keine dreißig kennt sich allerdings bereits in beiden Kulturen bestens aus. Sie lebt in Oxford und im Odenwald (wahrscheinlich bewusst, wegen der Alliteration), hat Englische Literatur und Philosophie studiert und promoviert über das Böse in der Literatur. Ihrem Roman merkt man diese Vorbildung an, er ist mal zartbitter, mal kurios heiter.

Für unterwegs: Die großartige Hörbuch-Version, eingelesen und interpretiert von Jasna Fritzi Bauer für knapp 20 Euro.

Pollatschek, Nele: Das Unglück anderer Leute. Roman. – Galiani, 2016. Euro 18,99

Der kleine Geschenktipp

Das gibt es also auch noch. Die schlichte einfache, dennoch gut geschriebene Liebesgeschichte. Wie von Petra Hartlieb nicht anders zu erwarten, spielt bei der im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts angesiedelten Handlung, eine Buchhandlung die wichtigste Nebenrolle. In der Hauptsache geht es um zwei junge Menschen aus einfachen Verhältnissen, um deren Schwierigkeiten sich in der harten Klassengesellschaft der Jugendstil-Zeit zu behaupten.

So ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit für dienstbare Geister aus besitzlosen Schichten als Paar zueinander zu finden. Dass es aber auch nicht ganz hoffnungslos sein muss, davon handelt diese athmosphärisch dichte Erzählung. Ganz nebenbei können wir Leser noch Einblick nehmen in das Familienleben des erfolgreichen Theaterautors Arthur Schnitzler (nach dessen unsolider Kaffeehaus-Zeit!). Fundiert recherchiert, liebevoll geschrieben, sehr lohnend, als kleines Geschenk für Wienfreunde, Theatergänger und andere lesende Mitmenschen hervorragend geeignet. Eine geschmackvolle Buchgestaltung mit Jugendstil-Anmutung gibts dazu.

Petra Hartlieb ist übrigens jene umtriebige Frau, die vor Jahren in Wien eine Buchhandllung kaufte und gleich noch ein Buch darüber schrieb (“Meine wundervolle Buchhandlung”), das überraschend viele Menschen gerne lesen, und das erstaunlicher Weise inzwischen u. a. ins Türkische und Koreanische übersetzt wurde. Außerdem schreibt sie zusammen mit Klaus-Ulrich Bielefeld die Krimireihe “Ein Fall für Berlin und Wien”, die bei Diogenes erscheint.

Hartlieb, Petra: Ein Winter in Wien. – Kindler, 2016. Euro 16,95

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Die Fortsetzung der “AusLese 2016” auf con=libri gibt es in etwa 14 Tagen. Dann wird es spannend.


Kurz-Vorstellung: „Hofkind“ von Silke Knäpper

19. November 2016

Bernd Michael Köhler hat das Buch gelesen. Hier sind seine Eindrücke.

Nach ihrem Debut “Im November blüht kein Raps “ (2012) liegt nun – wiederum bei Klöpfer & Meyer – ein neuer Roman der in Neu-Ulm lebenden Autorin Silke Knäpper vor.

In Rückblicken erzählt das „Hofkind“ Carla Gehrke, eine junge Frau in Freiburg, die Geschichte ihrer Herkunft und ihrer Befreiung aus einem inneres Wachstum und Eigensinn verhindernden Familiensystem.

Die einzelnen Charaktere mit ihren psychischen Abgründen, die Beziehungen der Familienmitglieder zueinander, die gegenseitigen Abhängigkeiten, das destruktive Verhalten der Protagonisten, die dramatischen Höhepunkte, all das schildert die Autorin in ihrer Ich-Erzählerin Carla psychologisch plausibel, in einer klaren, rhythmisch stringenten Sprache, formal gebändigt in 32 meist kurzen Kapiteln.

Unterstützt wird sie in dem Roman von den positiven Figuren der Freundin Jule und eines jungen Mannes namens Frieder. Beide haben ihre jeweiligen Familienschädigungen weitgehend überwunden. Carla erlebt an ihnen und mit ihnen, dass Individuation tatsächlich möglich ist.

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Foto: B. M. Köhler

Die von der Motivik her schon vielfach variierte Geschichte der Emanzipation einer jungen Frau von lebensfeindlichen Familienverstrickungen hat bei Silke Knäpper einen sehr eigenen Ton. Mit ihren überraschenden Wendungen und vielschichtigen Persönlichkeiten ist sie ausgesprochen spannend zu lesen. Leserinnen und Leser (ja, auch die immer seltener werdende Erscheinung „Roman-Leser“!) können Carla und ihren Weg zu einem eigenen Leben mit viel Anteilnahme und Sympathie begleiten.

Der in con=libri bei der Vorstellung ihres Debuts geäußerte Wunsch, dass die Autorin den Mut habe, beim nächsten Versuch noch etwas eigensinniger zu werden, ist bei diesem Roman in attraktiver und origineller Weise in Erfüllung gegangen. Mit einem starken, in eine gute Zukunft weisenden Schlusssatz lässt die Schriftstellerin ihre hoffentlich große Leserschaft satt und zufrieden zurück.

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Silke Knäpper: Hofkind. Roman. – Tübingen: Klöpfer & Meyer, 2016. Euro 19,00

Vor ziemlich genau vier Jahren erschien Silke Knäppers erster Roman und wurde auf con=libri vorgestellt.

Bernd Michael Köhler lebt in Neu-Ulm und arbeitete viele Jahre als Bibliothekar an der Universitätsbibliothek Ulm. Natürlich ist er ein passionierter Leser. Darüber hinaus fotografiert er und schreibt gelegentlich.


November

10. November 2016

Es ist November. Und es ist Krieg. In Afrika. Im Jemen. Im Nahen Osten. In der Ukraine. Es sind Bürgerkriege. Religionskriege. Kriege um Einfluss, Macht, Machterhalt, Rohstoffe, gegen Unterdrückung, Ausbeutung und Despotismus. In Deutschland sind Kriegsgräber. Kreuze auf Rasenflächen die an unsere Kriege erinnern.

Nach jedem Krieg ein überzeugtes “Nie wieder!” Zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg lagen gerade einmal 21 Jahre. Deutschland lebt nun seit über 70 Jahren in einem friedensähnlichen Zustand. Doch dieser Zustand ist labil, das Gleichgewicht allzeit gefährdet, die Ruhe trügerisch. Wenn Geschichte mit Erfahrung zu tun hat, dann muss uns der Verstand sagen, dass der letzte Krieg in Deutschland, den meine Generation nur aus Erzählungen von Eltern und Großeltern kennt, nicht der wirklich letzte gewesen sein wird.

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„Toter Soldat / Deine Feldpost im Regen der wie Feuer fällt / Toter Soldat / Und daneben der Segen der kein Wort mehr hält.“ (1)

Irgendeine Wiese, umzäunt, irgendwo in Deutschland. Holz- oder Granitkreuze mit Aufschrift: “Unbekannter Soldat”.

Ein Paul, ein Peter, ein Wilhelm oder ein Walter. Es gibt niemanden mehr, der das noch weiß. Vielleicht hat er geschrieben, wollte Schriftsteller oder Journalist werden. Ich stelle mir vor, irgendwo existieren noch Tagebücher, Kladden mit Gedichtversuchen, geheftete Blätter mit Romanentwürfen. Sicher hat er mit Tinte geschrieben, eventuell mit Bleistiften. Ob er schon eine Schreibmaschine besessen hat?

Gefallen 1918. Kurz vor Kriegsende? Waren seine Haare blond, braun oder dunkel. War er groß oder eher klein, untersetzt oder schlank. Verliebt? Der einzige Sohn oder Bruder seiner Geschwister? Wie ist er gestorben, verreckt? Nach langem Leiden oder plötzlich, bewußt oder im Delirium, mit Schmerzen oder leicht. Hat er gebetet, auf ein Leben nach dem Tod gehofft oder den Gott an den er glaubte verflucht?

„Ich hoffe, es traf dich ein sauberer Schuß? / Oder hat ein Geschoß Dir die Glieder zerfetzt / Hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt / Bist Du auf Deinen Beinstümpfen weitergerannt / Und dein Grab, birgt es mehr als ein Bein, eine Hand?“ (Hannes Wader, Es ist an der Zeit) (2)

Wie war er? War er ein Angeber und Haudrauf, der keinem Gelage, keiner Keilerei aus dem Weg ging? Oder ein stiller Stubenhocker und Leisetreter? Ein Fechter, ein Reiter, Mitglied im Schützen- oder Gesangverein?

Vielleicht war er Leser. Ein Freund der Bücher des noch jungen Thomas Mann, der Romane Theodor Fontanes, der Dramen Gerhard Hauptmanns. Als Freund der zeitgenössischen Lyrik kannte er bereits den Generations-Genossen Georg Trakl.

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Gedichte, Lieder, Erzählungen über gefallene Soldaten, den Schrecken der Kriege, all das Grauen, das bewaffnete Konflikte erzeugen, können so ergreifend schön sein. Und es gibt Songs die protestieren, aufrühren, auffordern zum Wiederstand, Hintergründe benennen und Schuldige. Die warnen, rufen, flüstern und trauern. Wie die des aktuellen Literatur-Nobelpreisträgers, der häufig abstreitet dass er irgendetwas mit Politik am so gern getragenen Hut hat. Doch viele seiner Texte haben klare unmissverständliche Aussagen:

„Come you masters of war / You that build all the guns / You that build the death planes / You that build all the bombs / You that hide behind walls / You that hide behind desks / I just want you to know / can see through your masks.“ (3)

Sein Klassiker “Blowing in the wind” erklingt zusammen mit Pete Seegers “Sag mir wo die Blumen sind” (“Where have all the Flowers gone”) seit über 50 Jahren auf nahezu jeder Friedensdemo und Lichterkette. Angeregt zu seinem Song wurde Seeger durch das aus Litauen stammende “Zogen einst fünf wilde Schwäne”, das 1918 vor dem Hintergrund des großflächigen Vernichtungskrieges, den sie später den Ersten Weltkrieg nennen würden, von dem Volkskundler Kurt Plenzat aufgezeichnet wurde und in dem eine Strophe so geht:

“Zogen einst fünf junge Burschen / stolz und kühn zum Kampf hinaus. / Sing, sing, was geschah? / Keiner kehrt nach Haus.”

220px-georg_trakl_-_gedichte_erstausgabe_1913_im_kurt_wolff_verlagGeorg Trakl, den ich meinem unbekannten Soldaten gerne als Lektüre unterstellen würde, kam 1887 in Salzburg zur Welt. Seinen Kampf hatte er von Anfang an verloren. Dazu bedurfte es keines Krieges. Schulprobleme, frühe Drogenabhängigkeit, vergebliche Versuche sich beruflich und bürgerlich zu etablieren, 1914 fandt er im Sanitätsdienst Verwendung. Es war das schwere Leben eines Lebensuntauglichen, der an seiner Zeit und seinen Mitmenschen litt. Anfang Oktober 1914 wurde er in ein Militärhospital in Krakau eingewiesen, wo er am 3. November an einer Überdosis Kokain starb. Ob Versehen oder Suizid bleibt unklar.

Hinterlassen hat Trakl wenig. Vieles blieb Fragment. Seine Gedichte haben einen einzigartigen Klang. Stark von düsteren Farben und Bildern sind sie durchdrungen, voll Sprachkraft und Gestaltungswillen, doch meist ohne Hoffnung und Zuversicht.

„Am Abend tönen die herbstlichen Wälder / Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen / Und blauen Seen, darüber die Sonne / Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht / Sterbende Krieger, die wilde Klage / Ihrer zerbrochenen Münder.“ (Der Anfang von Georg Trakls Gedicht  “Grodek”) (4)

Zum Kontrast noch einmal der tapfere, inzwischen alt, jedoch nie mutlos gewordene Liedermacher. Mit einer Zuversicht, der anzuschließen, mir nicht recht gelingen will:

„Doch finden sich mehr und mehr Menschen bereit / Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit.“ (2)

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(1) “Ihre Kinder”, 1971. “Ihre Kinder” war eine Rockband der späten 1960er und frühen 1970er Jahre; sie zählte zu den Pionieren deutschsprachiger Rockmusik und war Vorbild für Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen u. a.

(2) Das von Hannes Wader gesungene “Es ist an der Zeit“ ist die deutschsprachige Version von Eric Bogles „No man’s Land“.

(3) Bob Dylan: „Masters Of War“. – Übertragung ins Deutsche: Kommt, ihr Herren des Krieges / Ihr, die ihr die Kanonen baut / Ihr, die ihr die Kampfflugzeuge baut / Ihr, die ihr all die Bomben baut /Ihr, die ihr euch hinter Mauern versteckt / Ihr, die ihr euch hinter Schreibtischen versteckt / Ich möchte nur, dass ihr wisst / Ich kann durch eure Masken sehen.

(4) Trakl, Georg: Das dichterische Werk, 14. Aufl. – DTV, 1995 (dtv klassik)


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