Sommer mit Russen

20. Juli 2016

Die Natur ist weit über ihr Ziel hinausgeschritten, als sie dem Menschen das Bedürfnis nach Poesie und Liebe gab, wenn wirklich ihr einziges Gesetz die Zweckmäßigkeit ist. (Leo N. Tolstoi)

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Sommerliche Lesezeit hat den wunderbaren Vorteil, dass man bis spät in den Abend von naturgegebener Helligkeit verwöhnt wird und nicht auf den Schein schaler Lampen angewiesen ist. Einer von zahlreichen guten Gründen, die langen Sommerabende und vielleicht einige Wochen wohlverdienten Urlaubs mit intensiven Leseerlebnissen zu verbringen. Als spezielles Abenteuer eignet sich die russische Literatur mit ihren vielen hervorragenden, bekannten und weniger bekannten, Dichterinnen und Dichtern.

Wie wäre es also einmal mit einem Wechsel der normativen Blickrichtung? Im Osten findet sich reichlich Stoff für einen mitteleuropäischen Sommer. Zum Lesen bei Sonne mit kühlem Drink auf der Liege an Waldrand oder Strand; bei Regen in Zimmer und Sessel, mit schwarzem Tee und Konfitüre. (Der in russischen Büchern meist reichlich konsumierte Wodka eignet sich weniger, da er die Konzentrationsfähigkeit innert Kurzem rapide senkt.)

Der Roman “Das grüne Zelt” von Ludmilla Ulitzkaja wäre dabei nicht der schlechteste Einstieg. Er bietet nicht nur fast 600 Seiten fesselnde Unterhaltung, sondern darüber hinaus weiterführende Exkursionen zu Meilensteinen der Literaturgeschichte und ihren Protagonisten. Das große Gesellschaftspanorama spielt vor dem Hintergrund der sehr bewegten mittleren Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.

das_gruene_zelt-9783423143387Im Zentrum stehen Ilja, Micha, Sanja und ihre Patchwork-Familien. Die drei verbindet seit früher Kindheit eine Freundschaft, die in späteren Jahren durch die wechselnden gesellschaftlichen Verhältnisse und deren fortwährenden Repressionen starken Belastungen ausgesetzt wird. Eine der wichtigsten verbindenden Elemente ist die Liebe zur (russischen) Literatur. Die Saat dafür hatte der junge engagierte Lehrer Viktor Schengeli und sein Lesezirkel gelegt.

“Während sich die Schüler setzten und die Hefte auspackten, begann er die Stunde mit einem Gedicht.” Lyriker und Lyrikerinnen genießen in Russland bis heute einen hohen Stellenwert. Ihre Werke sind im Alltag gegenwärtig, werden oft vertont und gesungen. Puschkin, Pasternak, Brodsky, Achmatowa und viele andere, sind bekannt wie Filmstars, ihre Verse buchstäblich jedem Kind vertraut. Dabei sind die so verehrten Gedichte für Nichtrussen sicherlich nicht unbedingt leicht zugänglich. Ebensowenig wie die berühmten Vers-Epen eines Puschkin. Wir bevorzugen deshalb den Roman “Die Hauptmannstochter”, sein letztes abgeschlossenes Prosawerk. Es gilt als einer der absoluten Höhepunkte russischer Epik.

Zur Zeit der großen Bauernaufstände, in den Jahren 1773 – 1775 sind die Lebenswege des Aufständischen Pugatschow und des adligen Offiziers Grinjow auf schicksalhafte Weise verbunden. Dreimal werden sich beide, die eigentlich Kontrahenten sind, begegnen und in schwierigen Situationen beistehen. “Atmosphärisch dicht und mit großem Raffinement verbindet Puschkin die Handlungsstränge in einer perfekt durchdachten Komposition”, heißt es im Klappentext. Das Buch erschien erstmals 1836, ein Jahr vor dem Tod seines Verfassers durch eine Schussverletzung als Folge eines Duells. Fast 200 Jahre alt, liest sich dieser Text erstaunlich frisch und leicht, was wohl der Übersetzung von Arthur Luther zu verdanken ist.

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Zum mit anderen Augen Wiederlesen eignet sich besonders Boris Pasternaks umfang- und personenreicher “Doktor Schiwago”. Wer sich darauf einlässt wird einen grandiosen, vielschichtigen Roman jenseits jenes Hollywood-Schmelzes entdecken, den Millionen Kinogänger weltweit durch Julie Christie und Omar Sharif verabreicht bekamen.

Zur Erinnerung: Schiwagos Idealismus, seine Freiheitsideale und seine Beziehung zu Lara scheitern an der Wirklichkeit des totalitären Staates. Die Handlung spielt zwischen 1903 und 1929, und auch in dieses Buch flossen viele literarische Querverweise ein. Dazu zählen Gedichte Pasternaks im Anhang, die er Schiwago zuschreibt. Pasternak begann seine schriftstellerische Laufbahn, wie viele russische Schriftsteller als Lyriker. 1958 erhielt er für den systemkritischen “Schiwago” den Nobelpreis für Literatur.

Michail Schischkin lebt mal in Moskau, mal in Berlin, meist in Zürich. Er schreibt in russischer Sprache, seine Werke erscheinen jedoch fast gleichzeitig auf Deutsch. Im Roman “Briefsteller” wird frische junge Liebe mit der Wirklichkeit des Krieges konterkariert. Nach einer zu kurzen Zeit der Zweisamkeit muss Er ins Feld ziehen.

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Was bleibt ist ein rührender Briefwechsel, in dem nicht nur immer wieder aufs neue große Gefühle beschworen werden, sondern sich die beiden Liebenden nach und nach ihr ganzes Leben erzählen, wozu bisher die Gelegenheit fehlte. Bereits nach wenigen Seiten, kommt man als Leser nicht mehr los von dieser tragischen, aus origineller Perspektive betrachteten Geschichte eines Paares das wohl nie mehr zusammenkommen wird.

Abkühlung bei akuter Hitzewelle bietet “Der Schneesturm” von Vladimir Sorokin. Der ehemalige Erdöl- und Gas-Ingenieure hat sich in verschiedenen künstlerischen Ausdrucksformen versucht, bevor er als Schriftsteller das ihm gemäße Metier gefunden hatte. Er gehört einer starken Fraktion russischer Autoren an, die in ihren Arbeiten mit der Tradition des phantastischen Erzählens spielen.

51E7ZF9XMTL._SX327_BO1,204,203,200_“Der Schneesturm” ist ein leicht absurdes Märchen, rund um den Arzt Garin, der im tiefsten Winter zu einem weiter entfernt wohnenden Patienten um dringende Hilfe gerufen wird. Auf der gefährlichen Reise, zurückgelegt u. a. mit den Mini-Pferden eines angeheuerten Kutschers, gerät er in manch missliche Lage, an den Rand der Erschöpfung, und nach reichlich krassen Abenteuern, endlich ans Ziel, wo ihn weitere Überraschungen erwarten.

In der scheinbar zeit- und raumlosen Erzählung hat sich eine gewichtige Portion Zeitkritik am aktuellen Russland versteckt, die zu verstehen, eigentlich Kenntnis der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Land voraussetzt. Vladimir Sorokin kann man allerdings bedenkenlos genießen ohne jede Doppeldeutigkeit erkennen zu müssen. Er gehört sicher zu den besten, sprachgewaltigsten der zeitgenössischen Literatur in russischer Sprache.

Die Hauptfiguren in Ludmilla Ulitzkajas “Das grüne Zelt” pflegen Kontakte zu illegalen Literaturzirkeln und Dissidentengruppierungen. Deren “gemeinsamer Nenner war vermutlich ihr Abscheu gegen den Stalinismus, und natürlich das Lesen. Gieriges, besessenes Lesen.”

“Eine aktuelle Studie zeigt: Wer Romane liest, hat mehr Erfolg und sitzt weniger Vorurteilen auf. Liebesgeschichten, Krimis und Thriller sind besonders gut, Science-Fiction eher weniger.” (SZ online, 19. Juli 2016). Russische Literatur bietet darüber hinaus die Gelegenheit den persönlichen Horizont zu erweitern, indem man sich mit einem Kulturkreis beschäftigt, der in unseren gängigen Medien, im Unterricht der Schulen, den Auslagen der Bibliotheken und Buchhandlungen gemeinhin etwas zu kurz kommt. Aus ideologischen Gründen?

Durch diesen, bisher so wechselfälligen Sommer 2016, kann man berechtigerweise mit gemischten Gefühlen gehen. Seinen Lesefreuden und -lastern darf man sich dennoch ungehemmt und ohne Zurückhaltung hingeben. Die größte Schwierigkeit bei der Lektüre russischer Werke besteht in der Namensvielfalt der Figuren. Familienname, Vatername, Vorname samt mehrer Koseformen. Da ist man für jedes Personenregister zum Buch dankbar, wie man es z. B. im “Schiwago” findet. Man würde sich diese kleine Verständnishilfe öfters wünschen.

Die aktuellen Handelsbeschränkungen mit dem Reich des Ach-so-Bösen betreffen in erster Linie Maschinen und andere Industriegüter. Die reiche Fülle seiner und unserer Literatur aus Vergangenheit und Gegenwart steht auf keiner Embargo-Liste. Die Kraft des Geschichtenerzählens und grenzenlose Phantasie überwinden ohnehin alle kleinlichen Hemmnisse und Schranken.

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Ulitzkaja, Ljudmila: Das grüne Zelt. – dtv, 2014. Euro 12,90

Puschkin, Alexander: Die Hauptmannstochter. – Insel Verlag, 2014. Euro 8

Pasternak, Boris: Doktor Schiwago. – Axel Springer, 2011. Euro 7,95 (Leider nur noch in dieser “Nobelpreis Bibliothek” zu bekommen. Eine vernünftige Taschenbuch-Ausgabe fehlt derzeit.)

Schischkin, Michail: Briefsteller. – btb, 2014. Euro 10,99

Sorokin, Vladimir: Der Schneesturm. – Kiepenheuer & Witsch, 2014. Euro 8,99


Rom oder Roman

1. Juli 2016

Lutz Seiler, sein beschwerlicher Weg zum preisgekrönten Roman “Kruso”, und das nicht nur hilfreiche Stipendium in der römischen “Villa Massimo”.

Zwei autobiographische Erzählungen sind darüber entstanden, die dieser Tage bei Topalian & Milani als exquisites, durchgehend illustriertes Druckwerk herauskamen. “Von Rom nach Hiddensee”, sowie “Die römische Saison”, die Titelgeschichte.

Lutz Seiler ist ein Schriftsteller mit besonderem Werdegang. 1963 im thüringischen Gera geboren, begannen literarisches Lesen und Schreiben für ihn erst während der Dienstzeit in der Nationalen Volksarmee der DDR. Hilfreich dabei, dass dieses andere Deutschland über ein dichtes Netz öffentlich zugänglicher Bibliotheken verfügte, mit umfangreichen Beständen an klassischer und – ideologisch gefiltert – gegenwärtiger Literatur. Nach Lehre und Tätigkeiten als Baufacharbeiter folgte ein Germanistikstudium in Halle an der Saale und Berlin.

Die ersten Veröffentlichungen waren Gedichtbände. Erzählungen und Essays folgten. Erste Auszeichnungen: Bremer Literaturpreis, Ingeborg-Bachmann-Preis, Fontane-Preis. 2014 erschien der Roman “Kruso” dessen Grundidee durch eine Zeit, die Seiler auf der Insel Hiddensee verbrachte, angeregt wurde. Dafür erhielt er den Deutschen Buchpreis. Lutz Seiler leitet das literarische Programm im Peter-Huchel-Haus, Wilhelmshorst. Mit seiner Familie lebt er in dem Ort nahe Berlin und in Stockholm.

In “Von Rom nach Hiddensee” erzählt er mit dem Humor der zeitlichen Distanz von seinem Aufenthalt in Italien als Stipendiat. Eine durchaus ehrend und fördernd gemeinte Auszeichnung. 2011, ein knappes Jahr mit der Familie in der römischen Hauptstadt. Einquartiert inmitten anderer Kunstschaffender in der traditionsreichen “Villa Massimo”. In über 100 Jahren waren hier zunächst nur Maler und Bildhauer zu Gast, später kamen Komponisten und Literaten dazu. Ulla Hahn, Oskar Pastior, Herta Müller, Hanns-Josef Ortheil, Andreas Maier und Sibylle Lewitscharoff waren, neben vielen anderen, Vertreter der schreibenden Zunft.

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Der Grundgedanke ist, dem Künstler, der Künstlerin, Zeit, Ruhe, Muße und Anregungen für neue oder in Arbeit befindliche Werke zu schenken. Dass gute Absicht und schiere Realität nicht immer in Einklang zu bringen sind, schildert Lutz Seiler: “Der Roman verweigerte sich, und zwar grundsätzlich. Gleichzeitig die Termine der Villa, fürsorgliche Angebote, dazu die Ideen der Künstlerbetreuerin, Besichtigung von Caravaggio, Konzert im Villino, Exkursion nach Olevano, Kino im Haupthaus und so weiter – alles ganz wunderbar, nur nicht für den, der nicht schreibt. Der, der nicht schreibt, möchte keine Termine, keine Exkursionen und vor allem: keine Künstler sehen.”

Und dass so ein Italien-Aufenthalt nicht für jede nordische Seele ideal ist, Hitze, Lärm und Temperament, nicht jedem Menschen gleichermaßen zuträglich, wissen wir spätestens seit Thomas Mann und Sigrid Damm. Was alles schief gehen kann und wie das ganze Unternehmen schließlich, nicht zuletzt dank Sohn und Frau, doch noch halbwegs gelingt, beschreibt Lutz Seiler ebenso unterhaltsam wie treffend. Er gewährt dabei einen intimen Einblick in die Geheimnisse seiner Schaffensprozesse, lässt uns ein wenig teilhaben an Schwere und Freude einer Schriftsteller-Existenz.

Bei aller Ironie und immer wieder aufblitzenden Witz, klingt der altbekannte Grundkonflikt zwischen künstlerischer Existenz und bürgerlichen Erfordernissen an. Beide Erzählungen, scheinbar mit leichter Hand geschrieben, zeugen von der sprachlichen Kunstfertigkeit des Autors und machen Lust auf mehr. Wer es noch nicht getan hat, wird sich spätestens jetzt an die Lektüre des Großromans “Kruso” machen.

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In der „Oberen Stube“ der Ulmer Museumsgesellschaft stellten Lutz Seiler (rechts) und Ko-Verleger Florian L. Arnold das neue Buch vor.

In Seilers zweiter Geschichte geht es sportlich zu. Dabei ist es gleichermaßen passend wie zufällig, dass das Buch ausgerechnet zur Zeit des Turniers um die Fussball-Europameisterschaft in die Buchhandlungen kommt. “Die römische Saison” handelt von den Freuden am beliebten Ballspiel ganz allgemein, und im Besonderen von den Hürden und bürokratischen Hindernissen beim Bemühen den zwölfjährige Sohn in einem römischen Verein das mannschaftliche Fußballspiel zu ermöglichen. Eine der vielen Facetten dieser großartigen Urstadt Rom und des gegenwärtigen italienischen Staatsgebildes.

“In den kommenden Tagen und Wochen dieses betörend schönen römischen Frühlings dreht sich bei uns alles um die sagenhafte Liste der zehn Dokumente, die wir in mühevoller Kleinarbeit und mit Hilfe der Schule, der Villa Massimo, der Schwedischen Botschaft und unter der unermüdlichen Beratung anderer, so freundlicher wie wortgewandter Spielereltern … zusammentragen. Immer wieder türmen sich neue überraschende und auch ganz unglaubliche Hindernisse auf.”

Alles wird gut. Das junge Talent Mitglied einer „scuola calcio“ mit dem nachvollziehbaren Namen „Futbolclub“ und wir Leser erfahren was italienischer Fußball mit „Panettone“ zu tun hat, jenem schmackhaften Doping-Mittel und Leistungsanreiz (sportlich-kulinarische Banausen sprechen von Sandkuchen), das mit Puderzucker bestäubt auf dem Cafétisch des Vereinsheims steht und „glitzert wie Silber in der Morgensonne.“

Die vieldeutigen, motivisch dichten Tuschezeichnungen im Buch stammen von Max P. Häring. Sie beziehen sich nicht direkt auf den erzählten Inhalt, sind jedoch mit ihrem feinen Strich durchaus von literarischen Themen inspiriert. Dass sie für meinen Geschmack vielleicht etwas zu düster ausfallen, mindert in keiner Weise die ausdrucksstarke künstlerische Qualität. Für die Front des Umschlags wurde ein Motiv aus einem Gemälde des Künstlers verwendet.

Sehr breit ist das Spektrum das sich passionierten Lesern undoder wählerischen Bibliophilen bietet: Vom Tausendseiten-Taschenbuchschmöcker, bis zur ausgewählt fein gestalteten Kostbarkeit. Während man im ersten völlig versinkt, sich ganz Inhalt und Spannung hingibt, bieten Werke der zweiten Art ein Mehr an Genuss, das weit über das eigentliche Lesen hinausgeht, weil man Erlesenes in Händen hält.

Es ist das Ziel des jungen Unternehmens Topalian & Milani im wörtlichen Sinne Un-Gewöhnliches zu bieten. Nischen und Zwischenräume zu entdecken und zugänglich zu machen. Nicht umsonst nennt man sich den “Verlag für schöne Bücher.” Mit Lutz Seilers “Die römische Saison” wird man diesem Anspruch hervorragend gerecht. Ein griffiges 120-Gramm-Papier, Druck und Bindung im Hause Pustet, sorgfältige Vorarbeiten bei Satz und Gestaltung, sowie bei der Schriftenwahl durch Florian L. Arnold.

Ich freue mich bereits auf eines der nächsten Vorhaben, das ich in den Vorankündigungen entdeckt habe. Ein Band mit zwei Novellen von Stefan Zweig: “Buchmendel” und “Die unsichtbare Sammlung”. Wie’s der Zufall will, läuft ja dieser Tage der großartige Film „Vor der Morgenröte“ in unseren Kinos, in dem ein überraschend aufspielender Joseph Hader den Dichter Zweig verkörpert.

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Seiler, Lutz: Die römische Saison. Zwei Erzählungen. – Elchingen : Topalian & Milani, 2016. Euro 17,90

Seiler, Lutz: Kruso. Roman. – Berlin : Suhrkamp, 2015. Euro 10,99 (Taschenbuch-Ausgabe)

Hier geht’s zu Topalian & Milani


„Wege mit Martin Walser“

20. Juni 2016

Susanne Klingenstein gelingt in ihrem Buch die glückliche Verbindung von wissenschaftlichen Anspruch mit leserfreundlicher Ausführung.

Von der ersten Seite an muss ich markieren, Sätze, Passagen merkbar und wiederauffindbar machen. Gleich zu Beginn die Aussage über eine Entwicklung, von der jeder leidenschaftliche Literatur- und Buchmensch weiß, sie jedoch nur ungern wahrhaben will: “ … die Welt des intensiven Lesens ist in diesen Tagen am Untergehen.”

Sholem Yankev Abramovitsh (es gibt viele Schreibweisen des Namens) wurde 1836 in Kopyl, nahe Minsk geboren. Unter dem Namen Mendele der Buchhändler brachte er in jiddischer Sprache verfasste Romane vor Ort zu den Lesern. Mendele/Abramovitsh wurde zum Begründer erzählender jiddischer Literatur. Was würde er wohl sagen, wüsste er, dass sich fast 100 Jahre nach seinem Tod, er starb 1917 in Odessa, ein deutscher Groß-Schriftsteller und eine deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftlerin intensiv mit seinem Werk befassen und zwei eigenwillige Bücher über diese Studien verfassen?

Susanne Klingenstein, die eigentlich vorhatte eine jiddische Literaturgeschichte zu schreiben, blieb an dieser Personlichkeit hängen und es entstand zunächst das umfangreiche Portrait “Mendele der Buchhändler”. Als sich die Arbeit noch im Manuskript-Stadium befand, wurde Martin Walser darauf aufmerksam und begeisterte sich für die Werke Abramovitshs. Unter Titeln wie “Fischke der Krumer”, “Die Mähre” und “Schloimale” wurden diese, sowie einige andere seiner Romane ins Hochdeutsche übersetzt. Martin Walser, der wohl die meisten gelesen hat, schrieb dem Dichter das literarisches Denkmal “Shmekendike Blumen” und half Susanne Klingenstein einen Verlag für ihr Buch zu finden.

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Susanne Klingenstein. – Copyright © Rachel Klingenstein

Die Autorin ist in Baden-Baden aufgewachsen, studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Amerikanistik in Heidelberg, Harvard und Brandeis (Mass.), promovierte 1991, bereits in die USA übersiedelt, in Heidelberg, lebt und lehrt seit inzwischen fast dreißig Jahren in Boston. Zum Bodenseeraum hatte und hat sie familiäre Verbindungen, ist immer wieder in Walsers Geburtsort Wasserburg zu Besuch. Seine Romane, Erzählungen, Essays haben sie von jungen Jahren an begleitet.

Um ihre “Wege mit Martin Walser” mit Gewinn und Genuss lesen zu können, sollte man seine Bereitschaft zum intensiven Lesen behalten haben oder wiederentdecken. Es lohnt sich.

Erzählt wird von Wasserburger Spurensuchen und den ersten persönlichen Begegnungen Klingensteins mit Walser. Berichtet von der Faszination beider an der Welt der jiddischen Literatur, dem gemeinsamen Interesse an Abramovitsh, dem Entstehen ihrer Bücher. Wir erleben das spannende Duell zweier völlig unterschiedlicher Charaktere. Hier der emotional narzistische Schriftsteller, dort die analytisch fundierte Geisteswissenschaftlerin. Wir sind neutral und behaupten es endet unentschieden.

“Die Beschäftigung mit der jiddischen Literatur gehört in Deutschland, Israel und Amerika zum kulturellen Luxus, den man in Hochschulen konserviert und den sich einzelne Intellektuelle leisten.” Immerhin Walser und Klingenstein haben sich diesen Luxus geleistet und Susanne Klingenstein lässt uns mit ihrem Buch teilhaben an den intensiven Prozessen des Austauschs, des Widerspruchs, der Annäherungen.

In poetischem Ton schildert sie ihre Reisen durch Oberschwaben, die Bahnfahrten am See entlang zum Schriftsteller. Mit der Regionalbahn von Wasserburg über Friedrichshafen, vorbei an der barocken Birnau, bis Nussdorf. In kurzer Zeit viele Assoziationen und Gedanken zu diesem Kirchenjuwel auf seiner Anhöhe. “Nur fünf Sekunden dauert das Schauspiel, dann ist der Zug an der Birnau vorbei und taucht wieder in Grünes ein. Zwischen See und Schienenstrang schieben sich baumbestandene Grundstücke und eine Straße. Hier wohnt Martin Walser.”

Einmal ist es eine Reise nach Isny zu frühen Quellen jiddischer Literatur. Ein andermal die Fahrt nach Schussenried, wo im Bibliothekssaal des ehemaligen Klosters die Urlesung zu Walsers “Muttersohn” stattfindet und Klingenstein auf Mitglieder der Walserschen Großfamilie nebst einiger Wahlverwandter trifft. Die Töchter, die Schwiegersöhne Selge und Ott, Arnold Stadler.

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In den Sinn kommen mir meine eigenen Ausflüge, Fahrten, Wanderungen im Gebiet zwischen Donau und Säntis. Meine oberschwäbische Seelenlandschaft. Wasserburg, Meersburg, Überlingen. Wangen, Isny, Ravensburg. Steinhausen, Biberach und natürlich Ulm. Es gibt Flecken, da kenne ich jeden Trumlin und Weiher, jeden Weg und Steg. Dieses Hügelland der drei Marien, von Sepp Mahler und André Ficus, von Sebastian Seiler und der Droste. Otl Aicher und Inge Aicher-Scholl, die für mich wichtig waren. Das Land der namenlosen dichtenden und singenden Klosterbrüder und -schwestern, der jubelnden Orgeln, stillen Moore und herbstgoldenen Sonnenuntergänge.

Klingenstein kommt nach Nussdorf, Walser nach Boston. Am 9. November 2011 spricht er an der Harvard University “Über Rechtfertigung”. Rechtfertigung des Einzelnen, des Individuums, u. a. am Beispiel von Kafkas Josef K. im Roman “Der Prozess”. Eine erweiterte Fassung der Rede erscheint im Frühjahr 2012 als Buch. In “Wege mit Martin Walser” erfahren wir von den komplizierten Vorbereitungen dieser Reise, dem nicht ganz geglückten Auftritt, den Verständigungsprobleme im sprachlichen, wie im übertragenen Sinn.

Im Herbst 2014 sind sie gemeinsam mit ihren Abramovitsh-Büchern unterwegs. Die Premiere ist im September in Überlingen. Ungewöhnlich und überraschend, da Walser eigentlich nicht an seinem Wohnort liest. Jetzt also Überlingen. Er soll einleiten und moderieren. Mit etwa 600 erwartungsvollen Menschen ist der Saal proppenvoll. Es gibt Differenzen in Sachen Dramaturgie und Reihenfolge des Auftritts. Ein Überraschungsgast wird kurzfristig dabei sein. Klingenstein setzt sich durch. Walser ist verschnupft.

Die Schilderung dieser ersten gemeinsamen Lesung gehört zu den dramatischen Höhepunkten des Buches. Sie zeigt deutlich, welch enorme Belastungsprobe dieses Kräftemessen für die Arbeitsbeziehung ist. Über mehrere Jahre war Susanne Klingenstein immer wieder bei Walser in Nussdorf auf der Terasse gesessen, es war entstanden, was verband und zugleich an einigen Stellen trennte. Diese Ambivalenz wird bei der Lektüre der “Wege” deutlich. Zudem erschweren eingeschliffene Gewohnheiten und kleine Sturheiten das Miteinander. “Wer mit Martin Walser auf Lesereise geht, braucht eine Uhr, Selbstbeherrschung und starke Schnäpse.”

“Ein springender Brunnen”, “Mein Jenseits”, “Muttersohn”, “Ein liebender Mann” sind Erzählwerke Walsers, die Klingenstein immer wieder aufruft, zitiert, ihren biographischen und kulturhistorischen Quellen nachhorcht. Die ganze Tiefe abendländischer Geistesgeschichte, ein breiter literarischer, religiöser und philosophischer Kanon stehen ihr dabei zur Verfügung. Faszinierend zu erlesen aus welchen Brunnen sie zu schöpfen vermag. Auf Walsers Wasserburger Kindheitsroman hat sie mir eine völlig neue Sichtweise eröffnet. Sie kommt zu dem Schluss, dass dieses Buch “einer der bedeutendsten deutschen Erinnerungsromane” ist. “Er erzählt, wie ein Junge in einer Welt, in der Angst und Tod dominieren, zur Liebe und zum Schreiben findet.”

Wenn die Autorin Bezüge zu Rezeption und Kritik herstellt, spielt Walsers Dankesrede zur Verleihung des “Friedenspreises des Deutschen Buchhandels” am 11. Oktover 1998 in der Frankfurter Paulskirche eine zentrale Rolle. Die Schilderung von Diskussionen und Kontroversen, des Unverständnisses das dem Ausgezeichneten mit Verzögerung entgegenschlug, Missverständnisse die anwuchsen, nicht selten gewollt waren, das Aneinandervorbeireden. Die ganze Differenzierungsverweigerung der berufenen und sich berufen fühlenden Kritiker und Meinungsinhaber. Bei der Lesung in Überlingen kommt es zu einer Aussage Walsers, über die Klingenstein schreibt, dass man sie “schon lange so eindeutig hatte hören wollen. Sie war das geheime Zentrum des Abends gewesen.”

Der Satz: “In mir dominiert die Mitteilung, dass wir dieses Volk umbringen wollten und zu Millionen umgebracht haben.”

Klingenstein: “Die Radikalität des Wortes wollten, mussten die Hörer erst einmal erkennen. Das Wichtigste ist bei Walser immer knapp unter der Oberfläche.”

In Überlingen wurde notwendig und überfällig ergänzt.

“Was ich beschreibe, habe ich so erlebt. Meine Erzählung handelt von der Differenz zwischen Werk und Leben, zwischen Zauber und Wirklichkeit. Die Brücke vom Leben zum Werk ist die Zauberleistung eines Schriftstellers.”

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Gelungen ist ein einfühlsames, gleichzeitig differenziertes, nie unkritisches Portrait eines der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller unserer Zeit, eines Handlungsreisenden in Sachen eigene literarische Produktion und nicht zuletzt das eines manchmal glauben wollenden, meist zweifelnden, stets liebenden Mannes. Der immer alles schöner schreiben will als es ist. Wir erfahren von Enttäuschungen auf dem gemeinsamen Weg, kleinen Demütigungen, Verletzungen. Nach jahrelanger Zusammenarbeit, den vielen Treffen und dem gemeinsamen Reisen, gelingt der vorläufige Abschied leidlich.

Der findet am 16. Oktober 2015 nach einer Lesung im Rahmen der Frankfurter Buchmesse statt. Er liest aus einem Roman der noch nicht erschienen ist: “Ein sterbender Mann.” Nach der Lesung geht Susanne Klingenstein zu ihm hin. “Ich reichte ihm die Hand. Er nahm sie in seine beiden Hände und hielt sie fest. Morgen würde er in Naumburg … den Nietzsche-Preis entgegennehmen und ich würde im Flugzeug nach Boston sitzen. Wir waren im Klaren miteinander.” Im April 2016 wird “Wege mit Martin Walser” bei weissbooks erscheinen.

Walsers Romane waren für sie schon früh ein Stück Heimat und “Kulturgepräch meiner bürgerlichen Klasse … “ In ihrem Buch lässt sie immer wieder Details des eigenen Werdegangs einfließen, der Kindheit, den Stationen des Studiums, die wichtigsten Persönlichkeiten, die sie prägten. Dann der Entschluss in den USA zu bleiben, Heirat, Kinder, doch nie ganz weg aus Deutschland, vom Bodensee. “Meine Wurzeln stecken im Wolmatinger Ried.”

Vom westlichen Rand der Wasserburger Halbinsel kann man direkt ins Paradies schauen. Es ist ein Teil des Nachbarorts Nonnenhorn, der so heißt. Susanne Klingenstein war als Kind oft bei ihren Großeltern im Konstanzer Stadtteil Paradies. In Walsers Büchern begegnen wir Figuren, die an ein überirdisches Paradies glauben oder gerne glauben können würden. Auch dem Dichter geht es manchmal so. Glauben können, das kann ein Privileg sein. Allerdings ist ein Paradies wie es die Religionen verheißen untauglich als Sehnsuchtsort. Nirgends wären wir unfreier, unterworfener, hoffnungsloser als in diesem Jenseits des Lust- und Ewigkeitszwangs.

“Was ist mein Paradies?” fragt Susanne Klingenstein. “Frei und sorglos durch einen literarischen Raum streifen, schönen Ideen nachlaufen, Gedankenverbindungen entdecken, die blitzartig das Leben erhellen, Sätze lesen, die ins Herz treffen, selber welche machen.”

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Schloss Giessen, bei Kressbronn. – Foto: Giacomo

Ein Junitag im verregneten Frühjahr 2016. Früher trüber Abend in Kressbronn. Der Himmel hat alle Schleusen geöffnet. Rund um das oberhalb des Ortes gelegene Schloss Giessen sumpfige Wiesen, tiefe Pfützen, morastige Wege, feuchtglänzende Apfelbäume in Reih und Glied, ungeduldig himmelstrebender Hopfen. Das Schloss ist eigentlich eine Turmhügelburg, sie entstand an der Stelle römischer Wehranlagen, die einst den Argenübergang bewachten. Der gegenwärtige Burgherr und Besitzer der Anlage heißt Werner Heine. Er hat nicht zuletzt in über vierjähriger Arbeit den vom Einsturz bedrohten Turm gerettet und wieder begehbar gemacht. Hin und wieder öffnet er das Schloss für kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen, Konzerte oder Tagungen.

Hier begegne ich Susanne Klingenstein. Und Sabine Zürn, eine profunde Kennerin der Werke Walsers, die den Abend mitgestaltet. Sie lebt in Wasserburg und trägt einen Namen, den der Dichter von dort zu Literatur gemacht hat. Klingenstein und Zürn haben das Publikum für sich. Walser ist jetzt ganz literarische Figur eines Textes aus dem die Verfasserin einige der wirkungsvollsten Passagen vorträgt. Protagonist ist er, in einem Buch, über das sich die beiden Frauen, die Lesungsteile ergänzend und für die Zuhörer mit Gewinn, ausführlich unterhalten.

Auf der Heimfahrt, die Gewissheit, dass hinter dem dichten Regen der See liegt. Und der Säntis. Und die thurgauer Gemeinde Hauptwil, von wo im Frühjahr 1801 der verwirrte, verstoßene, abgerissene Hölderlin in die Heimat zurückkehrte. Ein Dichter von dem viele Zeitgenossen, die mit mir irgendwann einmal durch Kressbronner, Wasserburger, Ulmer oder Konstanzer Straßen wandeln, noch nie gehört haben. Auch daran erinnert Susanne Klingenstein in ihrem Wege-Buch und zitiert das Ende seines Griechenlandgedichts. “Laßt, o Parzen, laßt die Schere tönen, / Denn mein Herz gehört den Toten an!” Das sei das Los der Literaturhistoriker, schreibt sie.

Wir Leser dürfen uns indessen weiterhin, ganz naiv und ganz nach eigener Neigung, an den Dichterinnen und Dichtern der Gegenwart freuen. Und an dem Buch Susanne Klingensteins, das uns mitnimmt auf ihre “Wege mit Martin Walser.”

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Alle Zitate (mit Ausnahme der Hölderlin-Verse) aus:

Klingenstein, Susanne: Wege mit Martin Walser. Zauber und Wirklichkeit. – Frankfurt am Main : weissbooks, 2016

Die Abramovitsh-Bücher:

Klingenstein, Susanne: Mendele der Buchhändler. Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh. – Harrassowitz, 2014 (Jüdische Kultur, 27)

Walser, Martin: Shmekendike blumen: Ein Denkmal / A dermonung für Sholem Yankev Abramovitsh. – Reinbek : Rowohlt, 2014


“Über das Land hinaus”

30. Mai 2016

Von Lenz und Niedlich, bis Sayer und Riethmüller. Irene Ferchls Zeitreise durch den literarischen Südwesten.

Am 8. Mai 1955 hielt Thomas Mann seine berühmte Rede zum 150. Todestag Friedrich Schillers. Im Großen Haus des Württembergischen Staatstheaters zu Stuttgart. Im selben Jahr wurde in Marbach am Neckar, Schillers Geburtsstadt, das Deutsche Literaturarchiv gegründet. Von 1953 bis 1968 existierte die “Hochschule für Gestaltung” in Ulm. Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher und ihr erster Rektor Max Bill wollten so die Bauhaus-Tradtion fortführen.

“Literarisches Leben in Baden-Württemberg” ist der Untertitel des großformatigen Bandes, der mir diese Ereignisse vergegenwärtigt. Er ist bei Klöpfer & Meyer erschienen. Schwarz auf gelb signalisiert er die Landesfarben, seine inhaltlichen Grenzen sind allerdings nach allen Seiten offen, wie der Titel erkennen lässt. Begrenzen musste sich die Autorin und Herausgeberin bei der zu berücksichtigenden Zeitspanne. Sie beginnt 1950, fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und zwei Jahre vor der Entstehung des heutigen Bundeslandes, und erreicht schließlich unsere Gegenwart. So ist eine Kapiteleinteilung entstanden, die sich in sieben Dekaden gliedert.

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Gegründet 1828 in Leipzig. Heute in Baden-Württemberg zu Hause: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH

Natürlich lassen sich nicht alle Ereignisse, Personen, Werke einer einzigen Dekade zuordnen, die Chronologie wird oft erweitert oder durchbrochen, “denn Geschichte und Geschichten spielen sich eben niemals geordnet ab: Da gibt es Rückblicke und Rückblenden … die historischen Schichten mischen sich, fließen ineinander … “ (Irene Ferchl im Vorwort). Entsprechend bunt und vielfältig sind die Stilelement, die Formen, die für diese kaleidoskopische Vorgehensweise verwendet werden: “Essays und Romanauszüge, Gespräche und Gedichte, Erzählungen und Interviews, Porträts und Reportagen.” Der renommierte “schwäbische” Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger hat eine Einleitung geschrieben, in dem er den Kulturraum Südwestdeutschland ungeachtet politischer Landesgrenzen definiert.

Jeder Zeitabschnitt beginnt mit einem kurzen prägnanten Text eines schreibenden Zeitgenossen und einem Zeitfenster, dass einige wichtige Meilensteine der jeweiligen Epoche in Erinnerung bringt. Das ist sehr nützlich. Denn wie mir, wird es vielen Anderen auch gehen. Hatte ich doch völlig verdrängt, dass am 4. Oktober 1983 das Stuttgarter Schriftstellerhaus eröffnete, oder dass Arnold Stadler 1999 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde. Ähnlich nützlich wie diese Synopsen ist das erstaunlich umfangreiche Namensregister von Achternbusch, Herbert bis Ziegler, Leopold.

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Ein Haus für die Literatur der Zukunft: Die Stadtbibliothek Ulm

Dass in einer Publikation von Irene Ferchl die schreibenden Frauen nicht zu kurz kommen, ist ebenso wenig überraschend wie erfreulich. So war ich sehr angetan, zwei der im allgemeinen Rummel des Betriebs eher als Mauerblümchen anzusehenden oberschwäbischen Marien in diesem Buch zu finden. Maria Müller-Gögler mit dem Gedicht “Kindheit” und Maria Beig mit ihrem Text “Paradies vorm Ausverkauf.” Ebenfalls Außenseiter angesichts landläufiger Vermarktungs-Klischees war sicher der in sich gekehrte Hermann Lenz und ist es der Zeitgenosse Walle Sayer mit seinen schmalen Bändchen in denen seine zarten Miniaturen erscheinen.

Unterhaltsam amüsant sind die Beiträge von Peter Härtling (“Die Kehrwoche”) und Thaddäus Troll (“Der Schwabe und die Musen”). Spannend die Informationen über die Entwicklungen im Buchhandel in diesen fast 70 Jahren. Da wird zum einen an das Stuttgarter Bibliotop des Wendelin Niedlich erinnert (“Babylonische Buch-Türme und -Labyrinthe”), während Osiander-Chef Heinrich Riethmüller im Interview über die nicht immer einfache Situation seiner Branche in der Gegenwart Auskunft gibt. Er ist es, der uns Buch- und Literaturenthusiasten etwas aufatmen lässt: “Bei aller Euphorie gegenüber dem E-Book und der Digitalisierung glaube ich, dass man auch in zwanzig Jahre noch gedruckte Bücher haben wird.”

FerchlWas diese Welt der schönen Bücher und ihrer Macher im deutschen Südwesten zu bieten hatte und immer wieder anzubieten hat, macht das mit zahlreichen schwarzweißen Fotos illustrierte Buch von Irene Ferchl deutlich.

Ferchl, Irene (Hrsg.): Über das Land hinaus : literarisches Leben in Baden-Württemberg. – Klöpfer & Meyer, 2016


Literaturwoche Donau 2016

10. Mai 2016

Persönliche Impressionen links und rechts des Stroms

LW DonauAlles ging nicht. Dazu war das Programm der „Literaturwoche Donau 2016“ zu prall, zu vielfältig, zu dicht. Es hieß auswählen, mit anderen Terminen und Interessen abstimmen – auch gelegentlich schweren Herzens verzichten. Was blieb, war mehr als genug. Begegnungen mit Autoren und Autorinnen, Künstlerinnen und Künstlern, Verlegern, und nicht zuletzt Musikern die lange in Erinnerung bleiben. Anregungen, Anstöße, Aufforderungen. Nachdenkliches, Bewegendes, Heiteres.

In love with Shakespeare. Seit 400 Jahren ist er bereits tot. Kopflos liegen seine sterblichen Überreste in kalter Gruft, wie wir aktuell erfahren mussten. Er ist einmal mehr im Gespräch, im Feuilleton breit vertreten und gut im Geschäft. Shakespeare: seine Zeit, Werk und Wirkung – auf 100 Seiten hat Stefana Sabin alles Wissenswerte über den Barden vom Avon zusammengefasst. (Sabin, Stefana: Shakespeare auf 100 Seiten. – Reclam, 2014)

Kenntnisreich und charmant – oft mit einem Lachen – erzählte die in Bukarest geborene Literaturwissenschaftlerin und Publizistin in der Buchhandlung Jastram vom englischen Dramatiker und Reimer. Von denen, die ihn verehrten, und jenen, die ihn weniger schätzten, wie Voltaire, Shaw, Wittgenstein oder Tolstoi. Sie berichtete von der Shakespeare-Bewunderung der Goethe-Zeit und von der langen Geschichte und Vielzahl der Übersetzungen. Wie der bekannten von Schlegel/Tieck im 19. Jahrhundert, oder der neuesten Komplett-Übertragung aller Dramen durch Frank Günther. Von den vielen, die anlässlich von Theater-Inszenierungen entstehen und nicht dokumentiert sind. Stefana Sabin selbst schätzt besonders Erich Frieds Versionen.

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Mit dem Publikum diskutierte sie über die Unklarheiten in der Biographie des Dichters. Und betonte, dass die dramatischen Dichtungen Shakespeares keine Hochkultur, sondern Massenunterhaltung waren, für alle gesellschaftlichen Schichten, im Original oft zotig, mit vielen satirischen Anspielungen auf die Obrigkeit.

“Der Text soll sprechen.” Am eindrucksvollsten spricht er durch sie selbst. Nora Gomringer muss man erleben. Bücher sind schön, CDs nicht schlecht, aber eigentlich geht nur in echt. Der Saal der Museumsgesellschaft war überfüllt als dieses Ereignis im Rahmen der diesjährigen Literaturwoche anstand. Und am Ende waren alle glücklich und zufrieden, bereichert und beifallsfreudig. Die Künstlerin nicht weniger, wie sie nach ihrem Auftritt wissen ließ.

Sie las u. a. aus ihren Büchern „Monster Poems“, „Morbus“ und „Ich bin doch nicht hier, um Sie zu amüsieren“. (Alle bei Volland & Quist erschienen, dem großen Verlag für die kleinen Formen.) Amüsiert hat sie ihr Publikum natürlich gerade zum Trotz. Doch nie ohne Hintersinn. Bei ernsten Themen gelingt es ihr den Zuhörern ein Lächeln zu entlocken. Im scheinbar heiteren Inhalt, lauert immer das Doppelbödige.

“Ich bin Dichter!” Darauf zu bestehen, dass dies eine durchaus zulässige Existenzform ist, diese Freiheit nimmt sich Nora Gomringer. Allen pietistisch geprägten, erwerbsfleißigen Ulmern, die zweifeln dass Kunst Arbeit sein kann, ruhig einmal deutlich gesagt. Und sie ist Dichterin. Poetin mit Leib, Seele und Stimme.

„Ich bin der Verlag“. Hinter den Backstein-Festungsmauern der Neu-Ulmer Venet-Haus Galerie erzählte Sebastian Guggolz die erstaunliche Geschichte seiner Verlags- und Verlegertätigkeit. Der Gewinn aus einer Quizshow im letzten Sommer hat ihm ermöglicht mit dem eigenen Unternehmen weiter zu machen. Er verlegt Autoren und Autorinnen, die nicht mehr leben und deren Werke ungerechtfertigt der Kurzatmigkeit des Buchgeschäfts zum Opfer gefallen sind. Neuauflagen bedeutender literarischer Werke, die längst aus dem Blickfeld möglicher Leser und den Lagern der Verlage und Großhändler verschwunden sind. Schwerpunkt sind dabei die kleineren Sprachen Nord- und Osteuropas.

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Vergessene Nobelpreisträger sind dabei, wie der finnische Literatur-Nobelpreisträger Frans Emil Sillanpää (1888 – 1964, Nobelpreis 1939) mit seinen Romanen „Frommes Elend“ und „Hiltu und Ragnar“. Bei seinem Besuch in Neu-Ulm hat Guggolz bereits die nächsten beiden skandinavischen Literaturnobelpreisträger angekündigt: Johannes Vilhelm Jensen (1944) aus Dänemark und Harry Edmund Martinsson (1974) aus Schweden. Wir sind gespannt, welche Werke Guggolz auswählt.

Aus der Region. Ein Dienstagabend im April. Die Literaturwoche Donau mit einem Verleger- und Autorenfest zu Gast im Neu-Ulmer Kultur-Café d’Art mit seiner umtriebigen, gastfreundlichen Wirtin Heidi Völzke. Moderatorin des Abends ist Wibke Richter, für kraftvolle musikalische Momente steht das Gitarren- und Gesangsduo Roadstring Army. Rappelvoller Saal. Beste Stimmung. Im Mittelpunkt drei regionale, unabhängige Verlage. Schnell wird klar, dass die mehr zu bieten haben als provinziellen Kleingeist. Hier sind Abenteurer am Werk, die ihre Ein- und Glücksfälle am liebsten zwischen Buchdeckeln und in hochwertigen Druckwerken verwirklicht sehen.

Bei Thomas Zehenders „danube books“ ist der Name Programm. Es geht die Donau entlang Richtung Osten. Eine überfällige Grenzüberschreitung, blicken die etablierten Kulturmacher doch meist leicht halsstarrig westwärts. „Skizzen aus Slawonien/Sketches of Slavonia“ mit Photographien von Damir Rajle und ergänzenden Texten in Deutsch, Englisch und Serbo-Kroatisch, setzt mit eindrucksvollen Aufnahmen aus besonderem Blickwinkel diese fruchtbare, im Osten des heutigen Kroatien gelegene Region, ins Bild.

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Übrigens: Wer sich für die Geschichte der donauschwäbischen Auswanderer interessiert, darf sich auf den Titel „Die zweite Heimat. Eine Familienchronik aus Südungarn“ freuen, der erstmal am 23. Juni im Donauschwäbischen Zentralmuseum präsentiert wird.

Der Verleger der  „edition dreiklein“ ist Martin Gehring. Zusammen mit der Illustratorin Marion Hartlieb hat er das Kinderbuch „Kiki – Alles fliegt“ gestaltet, das im Juni zeitgleich in einer deutschen und einer französischen Ausgabe erscheinen wird. Hartlieb hat zudem ihr Interesse an der österreichischen Kaiserin Elisabeth, die unter dem Namen „Sissi“ populär wurde, in eine liebevolle Adaption für Kinder umgesetzt. In „Die Sisi aus Possenhofen“ malt sie sich phantasievoll und in leichten Farben das Leben der kleinen Elisabeth aus.

Martin Gehring hat als Autor mehrere Bücher veröffentlicht, darunter den satirischen Hühner-Western „El Pollo – Entscheidung in der Sierra Chica“ (erschienen im Verlag Manuela Kinzel). Er liest eine Kurzgeschichte, in der es um den Rapp-Bier-Konvoi auf württembergischen Autobahnen und einen Nutztiertransport geht. Eine humorvoll überzeichnete Erzählung mit der er das Publikum zum Schmunzeln und Lachen zwingt.

Vom Ulmer Dichter Marco Kerler erschien 2015 der Lyrik-Band „Schreibgekritzel“ bei Kinzel. Seine nächste Veröffentlichung plant er derzeit mit der „edition dreiklein“. Mit der Formation „MarcoBeatz“ macht er RockPoetry, SpokenWord und Improvisation in der Region. Beim Verlegerfest stellte Marco Kerler Beispiele aus seinem Projekt „VolksLyrik“ vor. Spontane Poesie im Dialog mit dem Publikum. Einer von vielen Höhepunkte des Abends dann seine Sprechgesang-Performance zusammen mit den Gitarren von Roadstring-Army. Stimmung in Siedepunkt-Nähe.

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Florian L. Arnold und Rasmus Schöll sind die Hauptdrahtzieher der „Literaturwoche“. Und seit einiger Zeit auch Jungverleger. In dieser Funktion stehen sie Wibke Richter Rede und Antwort. Sehr zum Vergnügen von Jung und Nichtmehrganzjung im Saal, gerät dies zu einer äußerst pointiert-gewitzten Talkshow. Ihr Verlag heißt „Topalian und Milani“, dass dieses kühne Unternehmen bereit ist sich jeder verlegerischen Vernunft zu widersetzen, zeigt ein Werk, dass mit Multitalent Tommi Brehm realisiert wurde.

Der „Appendix Dick“ ist ein künstlerisch gestaltetes Verzeichnis aller Personen die in den Werken des amerikanischen Autors Philip K. Dick vorkommen. Fast 600 Seiten, limitierte Auflage 100 Stück, alle fein gebunden und signiert, die ersten 50 zudem handkoloriert. „Haptik. Optik. Schönheit“ sind die entscheidenden Kriterien für Bücher aus dem Hause Topalian und Milani. Ich freue mich ganz besonders auf den angekündigten Band mit zwei weniger bekannten Novellen von Stefan Zweig.

Viel Beifall zum Schluss für alle Beteiligten. Und wir Zuhörer und Zuschauer wurden nicht nur glänzend unterhalten. Wir haben auch gelernt. Regional hat nichts mit Begrenzung zu tun. Und, dass es unabhängigen Verlagen gelingen kann mit Mut und Offenheit den üblichen, nur scheinbar zwangsläufigen, Markt-Mechanismen erfolgreich zu trotzen.

Von der Lebenskunst. Der oberschwäbische Schriftsteller Werner Dürrson starb 2008. Sein einziges großes Prosawerk, der Roman „Lohmann oder die Kunst, sich das Leben zu nehmen. Eine romaneske Biographie“ (bei Klöpfer & Meyer erschienen und jederzeit lieferbar) droht in Vergessenheit zu geraten. Der in Ulm und Umgebung bestens bekannte und geschätzte Walter Frei brachte mit seiner Lesung diesen literarischen Schatz wieder in Erinnerung.

Er las Abschnitte, die zeigten, welch frischen Humor dieses autobiographisch gefärbte Werk, neben allen ernsthaften Passagen, zu bieten hat. Schließlich ist bereits der Titel unbedingt doppelt zu deuten. Nicht nur im naheliegenden suizidalen Sinne. Sondern vor allem als Aufforderung, nach Freuden und Chancen, nach den Möglichkeiten eines gelingenden Lebens, energisch zu greifen.

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Raum und Wort. Wie sehr Örtlichkeit und Ambiente die Atmosphäre literarischer Darbietungen mitgestalten und beeinflussen, wurde bei der diesjährigen Literaturwoche eindrucksvoll deutlich. Mit der Venet-Haus Galerie haben die Veranstalter eine weitere besonders stimmungsvolle Lokalität gefunden und bespielt. Den Abend mit Kai Weyand und seinem morbid-heiteren Roman “Applaus für Bronikowski“ in eine Steinmetz-Werkstatt zu verlegen hatte schon was. Eine Buchhandlung als Veranstaltungsort gehört natürlich unbedingt dazu. Die Kulturbuchhandlung Jastram als Mitveranstalter besetzt diese Position in idealer Weise.

Dass sich beim regionalen Verlegerfest im Café D’Art alle Anwesenden sehr wohl fühlten, wurde bereits festgehalten. Ein offenes, einladendes Lokal mit viel Stammkneipen-Potential. Fester Bestandteil der Literaturwochen ist die „Obere Stube“ der Ulmer Museumsgesellschaft. Mit ihren Ausblicken auf Rathaus und Münster, mit großzügigem Platzangebot und einem treuen Publikum, das stets zahlreich erscheint, darf sie auch in den zukünftigen Programmen auf keinen Fall fehlen.

 

 


„Schluss mit Hesse!“

4. Mai 2016

Letzte Höhepunkte der Literaturwoche Donau 2016

LW DonauVermutlich fulminant wird sie zu Ende gehen. Die „Literaturwoche Donau 2016“. Am Samstag, den 7. Mai ab 18 Uhr. In der Neu-Ulmer Venet-Haus Galerie. Das finale Literaturfest steht unter dem Motto „Schluss mit Hesse“. Der Tübinger Verleger Hubert Klöpfer (Klöpfer & Meyer) wird zu Gast sein. Er versteht es, besonders kurzweilig über seine langjährigen Erfahrungen im Literaturbetrieb zu erzählen. In seinem Verlag ist der Roman „Sex mit Hermann Hesse“ von Felicitas Andresen erschienen, aus dem die Autorin an diesem Abend lesen wird. Es ist eine originelle, humorvolle Auseinandersetzung, mit dem vielfach idealisierten Nobelpreisträger.

Hesse 6

Ab 21 Uhr folgt dann der Auftritt des Singer-Songwriter Duos Knulp, das sich nach der Hauptfigur in der gleichnamigen Erzählung Hermann Hesses benannt hat.“

Knulp

Sein Bericht „Die Nürnberger Reise” war Ausgangspunkt für Jan Haag und Bernd Michael Köhler zu fragen, was Hesse über den dort geschilderten Aufenthalt (der keine zwei ganzen Tage dauerte) hinaus mit Ulm zu tun hatte. Bei den Recherchen wurde bald klar, dass dies mehr war, als den gängigen Biographien zu entnehmen ist. Erste Zwischenergebnisse der Nachforschungen wurden auf diesem Blog veröffentlicht:

Hermann Hesse und Ulm

Erster Teil „Die Schwarze Henne“

Zweiter Teil „Die Nürnberger Reise“

Dritter Teil „Die Geige“

Eine erweiterte Fassung mit ausführlichen Literatur- und Quellenverzeichnissen ist in Vorbereitung.

LW DonauAchtung! Achtung!

Noch ist die Literaturwoche Donau 2016 nicht zu Ende. Heute (4. Mai in der Museumsgesellschaft) und morgen (5. Mai in der Venet-Haus Galerie, Neu-Ulm): „Teatro Caprile“ aus Wien. Literarisches Kabarett und Kleintheater mit zupackenden Texten von Karl Valentin, Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Florian L. Arnold u. a. „Die Beseitigung der modernen Ratlosigkeit!“ heißt das Programm. Vergnüglich Skurriles zum Staunen und Lachen. Das sollte man wirklich nicht versäumen.

Hier gibt es mehr dazu.

 


Leipziger Buchmesse 2016 (II)

7. April 2016

Meine Bücher

* * *

Fast drei Wochen nach dem Ende der diesjährigen Leipziger Buchmesse liegt es nahe eine kleine Bilanz der Frühjahrs-Neuerscheinungen zu ziehen. Hier sind meine ganz persönlichen Favoriten.

(Die Reihenfolge stellt keine Wertung dar. Bibliographische Daten am Ende des Beitrags.)

Zeh, Unterleuten

“Die Wahrheit war nicht, was sich wirklich ereignet hatte, sondern was die Leute einander erzählten.”

Auf engstem Raum, im märkischen Sand, lässt Juli Zeh ein exemplarisches Bestiarium aufeinander los. Das Dorf hat gelitten. Unter den Weltkriegen, der DDR, der Vergesellschaftung, dem Mauerbau, der Wiedervereinigung und dem Wüten der Treuhand-Gesellschaft, und leidet jetzt unter der Gnadenlosigkeit einer schrankenlos liberalisierten Marktwirtschaft. Nahezu abgeschnitten vom Rest der Welt pflegen Alteingesessene und wenige Zuzöglinge ihre Abhängigkeiten, Schuldgefühle und Zukunftsverweigerung. Eine auf einander fixierte und angewiesene Gemeinschaft, meist älterer Mitglieder.

“ … gefährlicher waren Leute, die sich im Recht glaubten. Sie waren ungeheuer zahlreich, und sie kannten keine Gnade.”

Als nahe der falschen Idylle ein Windpark entstehen soll, brechen Neid und Missgunst, Betrug und Gewalt über Unterleuten herein. Alte Rechnungen sind zu begleichen. Neue werden ausgestellt. Juli Zeh erzählt aus den wechselnden Perspektiven von sehr unterschiedlichen Personen, die jeweils für eine bestimmte charakteristische Haltung stehen. Für jeden dieser Menschen haben wir Leser Verständnis bis Sympathie, obwohl sie sich unmöglich, ungerecht, geschmacklos, egoistisch, ja kriminell verhalten. Dass ihr auf über 600 Seiten ein Zeit- und Generationenroman von höchster Spannung gelungen ist, der uns bis zum (nicht nur) tragischen Ende nicht mehr los lässt, ist die hehre Kunst dieser großartigen Autorin.

Bugadze, Literaturexpress

Einer der bekanntesten Schriftsteller Georgiens erstmals in einer deutschen Übersetzung.

“Im August warfen die Russen Bomben auf uns. Im September trennte sich Elene von mir. Im Oktober fuhr ich nach Lissabon.”

Die munter überzeichnete Geschichte einer Zugfahrt von 100 Dichtern aus vielen Nationen quer durch Europa. Roadmovie und Liebesgeschichte. Drugs, Sex, Rock and Roll. Wobei die Drugs hautpsächlich alkoholische Substanzen sind. Allüren, Schreibblockaden, Futterneid und Narzissmus prägen das erzwungene Miteinander der Künstler-Individuen. Geschildert wird die Fahrt aus der Sicht eines mäßig erfolgreichen, jungen georgischen Schriftstellers. Städte in denen der Expresszug halt macht, die Dichter Gelegenheit zum Landgang bekommen, gleichzeitig Verpflichtungen zu Lesungen haben, sind nach dem Start in Lissabon u. a. Madrid, Paris, Frankfurt, Moskau und Warschau. Der Zielbahnhof steht in Berlin.

Übersetzt hat das Buch die wunderbare, vielseitige Nino Harratischwili, selbst georgischer Herkunft, deren 2014 erschienener Roman “Das achte Leben” zu den wichtigsten deutschsprachigen Büchern des noch jungen Jahrhunderts zählt.

Der georgische Schriftsteller Lasha Bugadze

Stamm, Weit über das Land

Peter Stamm zu lesen, so hat sich gezeigt, lohnt eigentlich immer. Da sein neuestes Buch noch unabgestrichen auf meiner Leseliste steht, zitiere ich ausnahmsweise aus Verlagswerbung und Medium.

Ein Mann steht auf und geht. Einen Augenblick zögert Thomas, dann verlässt er das Haus, seine Frau und seine Kinder. Mit einem erstaunten Lächeln geht er einfach weiter und verschwindet. Astrid, seine Frau, fragt sich zunächst, wohin er gegangen ist, dann, wann er wiederkommt, schließlich, ob er noch lebt. (Verlag)

Mit fassungsloser Faszination folgt der Leser Thomas‘ krummen Wegen durch die Schweizer Wälder und Dörfer, die Pässe hinauf, die Bergwege wieder hinunter: Wege, die keinem Plan folgen, die kein Ziel kennen, kein Ziel außer dem, weg zu sein, nicht mehr greifbar zu sein. (Alexander Solloch im NDR)

Hahn, Kleid meiner Mutter

Anna Katharina Hahn hat ihre Erzählheimat Stuttgart verlassen und macht die spanische Hauptstadt zum Schauplatz ihres neuen Romans. Im Mittelpunkt steht die junge Anita, deren Alltag von Arbeitslosigkeit, Sinn- und Geldmangel, fehlenden Zukunftsperspektiven geprägt ist. Abhilfe verspräche das Auswandern auf den bundesdeutschen Arbeitsmarkt.

“In meinem Beruf habe ich noch nie gearbeitet, denn es gibt keine Stellen. Manchmal engagieren mich junge Familien aus der Nachbarschaft als Babysitterin, aber sie können mich nicht richtig bezahlen, weil sie auch arbeitslos sind. Sie revanchieren sich dann mit Naturalien … “

Doch anders als ihr Bruder kann sich Anita nicht dazu durchringen. Dann sterben überraschend und auf kuriose Weise ihre Eltern und sie macht sich auf eine eher unfreiwillige Spurensuche in deren Vergangenheit, die einige Überraschungen bereithält, und in der ein deutscher Schriftsteller namens de Ruit eine wichtige Rolle spielte.

Hahn verwendet Stilmittel der romantischen Literatur. Es gibt unerklärliche Ereignisse, Schauerliches und Geschichten in der Geschichte. Ein immer wieder überraschendes Buch, rund um aktuelle europäische Probleme, unter Verwendung in der Gegenwartsliteratur aus der Mode geratener Stilelemente. Apropos Mode: Ein Kleid mit Zitronenmuster ist in der Geschichte von besonderer Bedeutung. Ein solches – in Stuttgart entworfen und geschneidert – trug die Autorin, als sie auf der Leipziger Messe ihr Buch vorstellte.

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Anna Katharina Hahn trug ein Kleid mit Zitronenmuster – wie sie es ihrer Protagonistin andichtete.

Gansel, Literatur im Dialog

“Der Band versammelt Interviews von Carsten Gansel mit maßgebenden Vertretern der beiden Literatursysteme Ost- und Westdeutschland sowie der nachfolgenden Autorengeneration zu einem repräsentativen Dialog über die Kultur- und Zeitgeschichte der jüngsten deutschen Vergangenheit.”

Ein Buch, wie geschaffen für jemanden der einen Blog mit dem Untertitel “Literatur.Orte.Spuren” schreibt. Und darüber hinaus für all jene, die sich für Entstehungsprozesse von Literatur und die Personen die sie schaffen interessieren. Es enthält reichlich Material und Anregungen für eine intensivere Beschäftigung mit dem literarischen Leben im Deutschland nach der Wende. Es kann zudem Anstoss sein, den einen Autor, die andere Autorin, neu oder besser kennenzulernen.

Vertreten sind Schriftsteller, die nicht mehr leben, wie Stephan Heym, Erich Loest oder Christa Wolf. Aber auch Persönlichkeiten, die dieser Tage durchaus von sich reden machen. Thomas Brussig, Alexa Hennig von Lange, Reinhard Jirgl und die Buchpreisgewinnerin Kathrin Schmidt.

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Der Stand des Züricher Unionsverlags auf der Leipziger Buchmesse

Disher, Bitter Wash Road

Natürlich darf ein guter Krimi in meiner kleinen Auflistung nicht fehlen. Er kommt diesmal von „down under“ und Bernd Michael Köhler hat ihn schon vor mir gelesen:

„Bitter Wash Road“ von dem australischen Autor Garry Disher ist im besten Sinne ein Gesellschaftsroman in der Form des Krimis. Es finden sich zuhauf betörende Sätze und Passagen wie diese darin:

“Kropp fuhr nordwärts auf dem Barrier Highway in einen Tag voll rostiger Winde und schwarzer, glotzender Vögel, die auf durchhängenden Drähten hockten.”

Wie der Autor mit den poetischen Bildern der kargen Landschaft im Hinterland von Adelaide die Beschreibungen trostloser Menschencharaktere, extrem negativ aufgeladender untergründiger Gesellschaftsschichten, erzählungsbedingter Situationen und Stimmungen, verstärkt und zum Leuchten bringt, ist einfach Klasse. Mit der Figur des strafversetzten Polizisten Paul Hirschhausen, der in dieser menschlichen Wüste als Lonesome Rider mit Herz, sehr schnell die Sympathien des Lesers gewinnt, hat Disher einen originären Typus von Ermittler geschaffen, auf dessen weiteren Fälle man sich schon freuen darf.

*  * *

Zeh, Juli: Unterleuten. Roman. – Luchterhand, 2016. Euro 24,99

Bugadze, Lasha: Der Literaturexpress. Roman. – Frankfurter Verlagsanstalt, 2016. Euro 24

Stamm, Peter: Weit über das Land. Roman. – S. Fischer, 2016. Euro 19,99

Hahn, Anna Katharina: Das Kleid meiner Mutter. Roman. – Suhrkamp, 2016. Euro 21,95

Gansel, Carsten: Literatur im Dialog. Gespräche mit Autorinnen und Autoren 1989 – 2014. – Verbrecher Verlag, 2016. Euro 26

Disher, Garry: Bitter Wash Road. Kriminalroman. – Unionsverlag, 2016. Euro 21,95


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