Goethes Orte in Ilmenau

„Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“ (1)

“Die Gegend ist herrlich, herrlich!”, schrieb Johann Wolfgang von Goethe am 4. Mai 1776 an Herzog Karl August nach Weimar. Am Tag zuvor war der Dichter des “Werther” und des “Götz” zu einem allerersten Aufenthalt in Ilmenau eingetroffen. Für Ilmenau durchaus ein Ereignis, denn der neue Berater und bald auch Freund des Herrschers über die Kleinstaaterei Sachsen-Weimar-Eisenach war bereits eine Berühmtheit in deutschsprachigen Ländern.

In den folgenden Jahrzehnten besuchte er das Städtchen am Nordrand des Thüringer Waldes und seine Umgebung achtundzwanzigmal und verbrachte dort insgesamt 220 Tage. Auch seinen 82. Geburtstag hat er im August 1831 in Ilmenau gefeiert. Neben anderen waren die Enkel Wolfgang und Walter, damals 11 und 13 Jahre alt, dabei. Man logierte im Gasthaus „Zum Löwen“ (s. a. unten). Die Stadtkapelle spielte auf, und abends zog man mit Fakeln über Roda nach Elgersburg. Es wurde der letzte Ilmenau-Aufenthalt, die letzte Reise (2) überhaupt, des inzwischen reisemüden Dichters. Johann Wolfgang von Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar.

Amtshaus. Das ehemalige Amtshaus beherbergt heute das Goethe- und Stadtmuseum. Nach einem Brand im Jahre 1752 wurde es als Barockbau neu errichtet und schließt den am Hang gelegenen Marktplatz nach Norden hin ab. Zur Goethezeit war es der Sitz des Amtmanns, also des herzöglichen Vertreters in der Stadt. Goethe standen in dem vergleichsweise großzügigen Gebäude einige Jahre eigene Räume zur Verfügung. Soweit es seine zahlreichen Verpflichtungen zuliesen, hat er hier immer wieder am „Wilhelm Meister“ gearbeitet.

Rathaus. Am westlichen Rand des Marktplatzes steht bis heute das Rathaus. Das historische Gebäude wurde längst um einige moderne Anbauten erweitert. Unter Goethes Vorsitz tagte hier im Juni 1781 die Bergbau-Kommission. Es ging dabei in Verhandlungen mit Abordnungen von Kursachsen und Sachsen-Gotha um die Klärung von Bergwerksrechten – Voraussetzung um den Bergbau der Ilmenauer Gegend auf eine neue solide Basis zu stellen. Das gelang zunächst, doch schon nach wenigen Jahren mussten die wiedereröffneten Minen, die der Stadt eine wirtschafliche Erholung gebracht hatten, erneut geschlossen werden. Es waren hauptsächlich geologische Gegebenheiten, die diesen Erwerbszweig zum Erliegen brachten.

Sächsischer Hof. An der Stelle der ehemaligen Gaststätte “Sächsischer Hof” steht heute ein stattliches Wohn- und Geschäftshaus. Im “Sächsischen Hof” wohnte Charlotte von Stein, als sie Goethe 1776 in Ilmenau besuchte. Zeitweise stieg auch Goethe selbst hier ab. Unter anderem 1784, als er seine vielbeachtete Rede zur Wieder-Eröffnung des Bergbaus in den zuvor stillgelegten Gruben der Ilmenauer Gegend hielt.
Von 1801 bis zu ihrem Tod wohnte die Sängerin und Schauspielerin Corona Schröder (1751 – 1802) im Sächsischen Hof. Auf dem Schwalbensteinfelsen nahe Ilmenau hatte Goethe im März 1779 seine „Iphigenie“ vollendet. Das Drama wurde am 6. April in Weimar uraufgeführt. Goethe führte Regie und gab den Orest. Die Schröder spielte die Iphigenie. Ihr Grab auf dem Ilmenauer Friedhof ist heute eine Station des Goethe-Wanderwegs.

Der “Löwen.” Häufig, und wie beschrieben, letztmals an seinem 82. Geburtstag, wohnte Goethe während seiner Ilmenau-Aufenthalte im Gasthof „Zum Löwen“, der nicht mehr existiert. Damals war es das erste Haus am Platz. Allerdings hielt sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Übernachtungsangebot im Städtchen sehr in Grenzen. Reisende kamen selten, man hatte lange Jahre existenzielle Probleme: Kriegsfolgen, Hungersnöte, Brände und Misswirtschaft. Mit Goethes Einsatz und Ideenreichtum kamen bessere Zeiten. In dem Gebäude, das heute an dieser Stelle steht, befindet sich im Erdgeschoss eine italienische Eisdiele. Dem modernen Reisenden auf Goethe-Spuren kann das sehr freundlich kommode Hotel “Lindenhof” gleich nebenan empfohlen werden.

“Was weis ich was mir hier gefällt / In dieser engen kleinen Welt / Mit leiser Zauberhand mich hält … “ (3). Goethe war auch viel in der Umgebung Ilmenaus unterwegs. Bei seinen Exkursionen im Thüringer Wald widmete sich der universell interessierte Dichter geologischen, mineralogischen und botanischen Forschungen. „Als Vorläufer Darwins hat er den Gedanken einer organischen Entwicklung der Natur von einfachen zu immer vollkommeneren Gebilden klar ausgesprochen.“ (4) Doch vor allem in jüngeren Jahren kamen auch die vergnüglichen Natur-Aufenthalte nicht zu kurz. Zusammen mit dem herzoglichen Freund wurden Jagden veranstaltet; und bei manchem Nachtlager unter freiem Himmel ging es in großer Gesellschaft laut und feuchtfröhlich zu. Gut ausgeschilderte Wanderwege rund um Ilmenau ermöglichen es heute allen Interessierten diesen Spuren Goethes zu folgen. Vielleicht mit der einen oder anderen Reclam-Ausgabe seiner Werke im Rucksack.

(1) Aus dem “ Osterspaziergang“, der gerne als eigenständiges Gedicht angesehen wird, dessen Verse aber aus dem ersten Teil des „Faust“ stammen.

(2) Siehe dazu: Damm, Sigrid: Goethes letzte Reise. – Frankfurt und Leipzig, 2007 (auch als Insel Taschenbuch erhältlich). Ausgehend von Goethes letztem Ilmenau-Aufenthalt berichtet die Autorin in kurzweilig erzählender Form über verschiedene Stationen in Goethes Leben.

(3) Aus dem Gedicht „Einschränkung“, geschrieben in dem Dörfchen Stützerbach, das einige Kilometer südwestlich von Ilmenau liegt und dessen Goethe-Gedenkstätte dieser Tage aus Kostengründen von der Schließung bedroht ist.

(4) Neuendorf, Siegfried: Die Goethestadt Ilmenau. – Ilmenau, 1959 (rarer DDR-Druck)

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