„Das Tiefste wirst du endlich schauen…“

Der Roman “Am Schwarzen Berg” von Anna Katharina Hahn

Welche Stuttgart-Romane von einiger Bedeutung sind eigentlich in den letzten Jahrzehnten erschienen? Bevor ich Anna Katharina Hahns Bücher kennenlernte, wären mir wahrscheinlich vorzugsweise die Werke von drei Autoren eingefallen. Im ersten Fall handelt es sich um einen Roman-Zyklus. In insgesamt neun selbstständigen Erzählwerken – unter dem Motto “Vergangene Gegenwart” lose zusammengefasst – schildert Hermann Lenz (1913 – 1998) Herkunft und Leben des Schriftstellers Eugen Rapp und schöpft dabei fast ausschließlich aus der eigenen Biographie. Die Handlung ist, bis auf Abstecher zu den Schauplätzen des Weltkriegs, in Stuttgart und München angesiedelt. Mit ruhiger Sprache und unspektakulärer Erzählweise, sind die Bücher bleibende Zeugnisse vergangener Zeiten und einer nahezu unscheinbaren Dichter-Existenz.

Da war das Roman-Debüt des Martin Walser (geb. 1927) – “Ehen in Philippsburg” – schon von anderem Kaliber und mit unüberhörbarem Widerhall in Medien und Gesellschaft. Seine Schilderungen der bundesdeutschen Nachkriegszeit und der ersten Schritte eines jungen Akademikers auf dem Weg zum Schriftsteller-Beruf haben ausschließlich die Medienstadt Stuttgart der 1950er-Jahre zur Vorlage.

Während Walser und Lenz in ihren Darstellungen eine bürgerliche Welt abbildeten, entführte Manfred Esser (1938-1996) die Leser in eine dazu völlig konträre. Prollig und streckenweise ordinär geht es zu im Osten der schwäbischen Großstadt. Essers “Ostend-Roman”, der beim Erscheinen (1978) von Leitmedien wie „DER SPIEGEL“ und „DIE ZEIT“ fast hymnisch gefeiert wurde, ist saftig wirklichkeitsnah und von kraftvoller literarischer Qualität. Erschienen ist er einst im nicht mehr existierenden und inzwischen sagenumwobenden Verlag “März”. Nur noch antiquarisch mit kräftigem Preisaufschlag zu bekommen.

Wohl nicht zufällig findet man in den Büchern Anna Katharina Hahns Spurenelemente dieser drei Vorgänger. Sie blickt hinter die Fassade intellektueller Bürgerlichkeit, entlarvt die schale Behaglichkeit einer auf den ersten Blick sehr sauberen Großstadt zwischen Wohlstand und Weinbergen. Sie zeigt uns die kaum wahrgenommenen Randexistenzen neben den wohlbestallten Ministerialbeamten und Oberstudienräten, die verschämten Schmuddelecken neben den klinisch reinen Straßenbahn-Haltestellen. Dabei kommt die Drastik bei Anna Katharina Hahn ruhig, aber sehr präzise daher, und ist gerade deshalb so schneidend und wirkungsvoll. Kleine kräftige Schläge treffen den Leser immer wieder ganz unvorbereitet. Und sie schildert “Schmerzlinien”, wie sie fast jedes Leben durchziehen.

Anna Katharina Hahn im März 2012 auf der Leipziger Buchmesse

Der neue, im Februar erschienene Roman von Anna Katharina Hahn heißt “Am Schwarzen Berg” und schildert fünf eng miteinander verwobene Schicksale. Als Peter Rau, Sohn der Nachbarn von Emil und Veronika Bub, und gleichzeitig eine Art Ziehsohn des kinderlosen Paares, in eine schwere Lebenskrise gerät, bricht die mühsam aufrechterhaltene Scheinwelt beider Häuser auseinander. Der Gymnasiallehrer Emil Bub hatte einst in Peter einen dankbaren Mitstreiter für seine Mörike-Begeisterung gefunden, seine Frau ein Ziel für brachliegende Muttergefühle. Jetzt kämpfen die beiden gealterten Paare um Wohl und Zukunft des verzweifelt Gescheiterten. Sie tun dies, über Jahrzehnte kumulierten Ballast bequemer Lebenslügen und Scheinwahrheiten im Gepäck, mit nicht tauglichen Mitteln. Hinter der Hilflosigkeit der Helfer zeichnet sich bald die Unaufhaltsamkeit einer Tragödie ab.

Nach “Kürzere Tage” hat Anna Katharina Hahn einen zweiten großartigen Stuttgart-Roman geschrieben; damit wurde diese Gattung innert weniger Jahre gleich zweifach bereichert und erweitert. “Am Schwarzen Berg” ist aber weit mehr als ein Stuttgart-Buch; mehr als ein Werk über bröckelnde Bürger-Idylle. In weiteren kunstvollen Schichten, die uns die Autorin präsentiert, entdecken wir Spuren zum langsam in Vergessenheit geratenden Hermann Lenz, vor allem aber zum unvergesslichen schwäbischen Parnass-Bewohner Eduard Mörike, dem gelernten Theologen und dichtenden Fast-Aussteiger, aus dessen Gedicht “Elemente” der Titel des Romans stammt.

Darüber hinaus gibt es in diesem Buch sehr gegenwärtige Stuttgart-Bezüge voll frischer Aktualität. So wird dieser Roman von zukünftigen Lesern, die er hoffentlich zahlreich findet, als Stimmungsbild der frühen 2010er Jahre gelesen werden können. Unter anderem dienen die Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 als Kulisse. Der krisengetriebene Peter Rau treibt sich eine zeitlang samt Kindern in der Parkschützer-Szene herum. Während sie die Geschehnisse schildert, findet die Autorin auch noch Sprachraum um uns mit reichem Vokabular und wie nebenbei von der naturräumlichen Gegenwelt, der artenreichen Flora und Fauna, einer deutschen Metropole zu berichten.

Die Stadtbibliothek Stuttgart einst …

Traurig-schön hingegen die Schilderung des schweren Abschieds von der alten Stadtbibliothek im Wilhelmspalais, wo die langsam aber stetig im Alkohol ertrinkende Veronika Bub fast ihr ganzes Berufsleben verbracht hat und die jetzt in das neuerbaute koreanische Luftschloss nahe des bald schon ehemaligen Bahnhofsgeländes ziehen muss – nicht nur für sie ein Fast-Begräbnis. Anna Katharina Hahn betrachtet durch die Brille ihrer bibliothekarischen Protagonistin noch einmal die Athmosphäre des charmant gealterten, nicht mehr zeitgemäßen Bibliotheks-Baus:

“Im Lesesaal war es plötzlich ganz ruhig. Ein gleichmäßiges Summen und Murmeln, Blättern und Knistern durchdrang den Raum. Niemand sprach, die Leute hatten die Köpfe über ihre Bücher gebeugt. Stadtverkehr und Spatzengetschilpe aus den Büschen um das Palais drangen nur gedämpft herein… Ein paar Erschöpfte schliefen mit den Köpfen auf den aufgeschlagenen Büchern… Sie alle wurden von der großen, unangreifbren Ruhe eingehüllt, die hier herrschte und von den Tausenden und Abertausenden von Büchern bewacht wurde. Dicht an dicht postierten sie auf ihren Plätzen und bewachten jene, die hinter ihren bunten Rücken Schutz suchten”

… und heute.
Foto: Ursula Doll

Anna Katharina Hahn hat in Hamburg und Berlin studiert und wissenschaftlich gearbeitet. Heute lebt sie mit Mann und zwei Söhnen in Stuttgart. Vor den beiden Romanen wurden von ihr zwei schmale Bände mit Erzählungen veröffentlicht. Die Schriftstellerin liest am 24. April in Tübingen (20 Uhr, Museums-Saal, von Osiander veranstaltet), am 26. April in Kirchheim/Teck (20 Uhr, im Buchhaus Zimmermann) und am 15. Mai in Stuttgart-Möhringen (20 Uhr, in der Pegasus Buchhandlung).

Hahn, Anna Katharina: Am Schwarzen Berg. – Suhrkamp, 2012. Euro 19,95

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2 Responses to „Das Tiefste wirst du endlich schauen…“

  1. Bemich sagt:

    „Gibt es denn ein schöneres Bild für den Frieden unter den Menschen als den Lesesaal einer großen Bibliothek, wo das Schweigen kultischen Charakter gewinnt?“ (Peter von Matt)

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  2. Wulf Rehder sagt:

    Das nostalgische Hahn-Zitat über den Lesesaal, in dem es „plötzlich ganz ruhig war“, die Leser von einer „grossen, unangreifbaren Ruhe eingehüllt“ sind und von aussen nur gedämpft hörbares „Spatzengetschilpe“ in die Bibliothek dringt – das ist ganz hübsch und nostalgisch, stilistisch aber doch eher wabbelig. Dabei kommt mir ein anderes Zitat in den Sinn: “Die beste Definition der Heimat ist Bibliothek.” Nur hat dieser Satz, der so heimelig klingt, eine ironische, ja letztlich eine groteske Bedeutung. Er stammt aus Elias Canettis „Die Blendung“. Bekanntlich hatte in diesem Buch der (Anti-)Held, Professor Peter Kien, über 25.000 Bände in seiner Privatbibliothek stehen. Kien lebte als „Kopf ohne Welt“, bis seine Haushälterin Therese (Vertreterin der „kopflosen Welt“) ihn heiratete, der erste Schritt von der unangreifbaren Ruhe der Buchwelt in den Irrsinn.

    Wieviel Bücher braucht der Mensch? Professor Kien besass 25.000. Lichtenberg war mit 150 bedient. Wichtiger aber als Bücher: ein Mädchen. In Georg Christoph Lichtenbergs Sudelbüchern lesen wir nämlich: „Ein Mädchen, 150 Bücher, ein paar Freunde und ein Prospekt von etwa einer deutschen Meile im Durchmesser, war die Welt für ihn.“

    Ich halte es mit Paul Valéry. In seinem „Monsieur Teste“ heisst es: „Ich blicke jetzt zurück auf ein paar Hunderte von Gesichtern, zwei oder drei große Schaustücke, und vielleicht die Substanz von zwanzig Büchern. Ich habe nicht das Beste, auch nicht das Schlechteste von diesen Dingen behalten: es blieb was konnte.“

    Was meinen = CONLIBRI = Leser?

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