Leipziger Buchmesse 2015

Worte und Welten – Themen und Bücher (der zweite Teil)

Schön. Einfach nur schön, die Bücher von Manesse. Gestaltung, Typographie, Papier, Druck und Bindung, und natürlich die Inhalte. Ein Qualitätsanspruch an dem man festhalten möchte, wie Verlagsleiter Horst Lauinger kurz vor der Messe bei einem Besuch in der Ulmer Kulturbuchhandlung Jastram betonte. Leinenbindung, Fadenheftung, guter Druck und Papier im augenfreundlichen Sepia-Ton werden auch in Zukunft für exquisite Leseerlebnisse sorgen. Neben dem bewährten, einheitlich kleinen, gibt Manesse seit einiger Zeit Bücher in größeren Formaten heraus. Dabei sind Entdeckungen wie der neu übersetzte Roman „Washington Square“ von Henry James – das Buch wurde mit einem handkolorierten Buchschnitt ausgestattet – oder „Ein Liebesabenteuer“ von Alexandre Dumas; ein Werk des bei uns hauptsächlich als Mantel-und-Degen-Autor bekannten Franzosen, das erstmals in deutscher Sprache erscheint.

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Eine eigenwillige Kostbarkeit ist die „Die Geschichte vom Prinzen Genji“. Vor 1000 Jahren vom japanischen Dichter Murasaki Shikibu verfasst, erzählt sie von den Liebesabenteuern des Helden und vom Leben am kaiserlichen Hof der Heian-Zeit. Zwei Bände in bestes Leinen gebunden, fast 2000 Seiten im Prachtschuber. Eine Edition in kleiner Auflage, Lieblingsbuch eines wohlhabenden Ehepaars, das dieses verlegerische Wagnis finanziell unterstützte. Der größte Auflagenerfolg des Verlags ist übrigens Tania Blixens „Jenseits von Afrika.“ Ein Erfolg der sich der gelungenen Verfilmung und einem gewissen Robert Redford verdankt.

Non Book. So etwas wie die Gegenwelt zu den Delikatessen von Manesse. Non Book ist all das, was auf einer Buchmesse den freien Blick auf die Bücher verstellt. Jene Blendgranaten der Konsumwelt, ohne die solche Veranstaltungen undenkbar sind. Für einen Großteil der Besucher eigentlicher Anreiz für ihr Kommen. Taschen und Tüten, Anstecknadeln und Kugelschreiber, Luftballons und Kuscheltiere. Bunt-grelles Merchandising-Material aus den VEB Plaste und Elaste, das außer zur baldigen Entsorgung für wenig geeignet ist. Masken, Asseccoires aller schrägen Arten, Kosmetik, Tand und Gewand für die Manga-Comic-Szene und, und, und.

Osterweiterung. (*) „Allein das Wort Herbstzeitlose warf mich in einen Atlantik der Winde.“ Vor einigen Monaten habe ich „Sterne erben, Sterne färben. Eine Ankunft in Wörtern“ von Marica Bodrožić gelesen, erschienen 2007. Ein Buch, das mich in mehrfacher Hinsicht sehr bewegt hat. Heimatverlust und gleichzeitiger Sprachgewinn, Krieg und Versöhnung, sind die Hauptthemen einer mit autobiographischen Passagen durchsetzten Analyse, die bereits außergewöhnliche Sprachkraft erkennen lässt. Bodrožić hat ihre Kindheit im ehemaligen Jugoslawien verbracht. Inzwischen lebt sie seit vielen Jahren in Deutschland, schreibt deutsch und hat sich intensiv mit dem Sprachwechsel beschäftigt.

Marica Bodrožić

Marica Bodrožić

Längst anerkannt sind die besonderen Qualitäten junger Schriftstellerinnen und Schriftsteller und ihre Erzählungen, die aus dem Osten und Südosten Europas ins Land kamen und unsere Literatur mit ihren Werken in deutscher Sprache und vielen neuen Facetten, Themen und Sichtweisen bereichern. Man denke an die bereits mit Buchpreisen prämierten Melinda Nadj Abondji und Saša Stanišić, an Nino Haratischwili und Olga Martynova. An Lena Gorelik mit ihrem Diskussionsbeitrag zur Zuwanderungsdebatte „Sie können aber gut Deutsch“.

Marica Bodrožić stellte in Leipzig ihren neuen Roman „Mein weißer Frieden“ vor. Darin erzählt sie von Land und Leuten ihrer Herkunft vor Ausbruch des Krieges. Die Kindheit der Autorin zu Literatur gestaltet, traurig und aufwühlend, hoch poetisch und tief philosophisch. Ihr geht es um die „Verortung von Humanität“, um die Frage, was eigentlich unser moralischer Kern ist. Eine Frage, die sich vor dem Hintergrund der aktuellen Situation in Ex-Jugoslawien nach wie vor in aller Dringlichkeit stellt. Ist wirklich kein Krieg mehr? Im Buch von Marica Bodrožić stehen Menschen mit ihren konkreten Problemen und Schicksalen im Vordergrund. Die Konflikte von Sprach- und Religionsgruppen bilden die Kulisse. Ein eindringliches „Plädoyer für den Einzelnen, der einen Namen, ein Gesicht hat.“ Ideologien seien namenlos. Von einer Schriftstellerin, die unbedingt stärker wahrgenommen werden sollte.

Hyper-Man. Der mehrfache deutsche Meister im Poetry Slam, der Kolumnist, Blogger und Lesebühnen-Aktivist Andrè Herrmann stammt aus Sachsen-Anhalt. Eine Herkunft, die er keineswegs leugnet, sondern geschickt zu Markte trägt. Andrè hier, Andrè dort. Immer unterwegs von Auftritt zu Auftritt, zu Gespräch und Lesung auf einem der zahlreichen Podien, Sofas oder heißen Stühlen. Und den „Klassenkampf“ stets aufgeschlagen im Anschlag. „Klassenkampf“ heißt sein erster Roman, in dem er das herbe Schicksal einer Kindheit und Jugend in Dessau, die Flucht nach Leipzig und seine temporäre Rückkehr in die alte Heimat aus Anlass eines Klassentreffens heiter ironisch auf- und abarbeitet. Herrmann hat das Monopol auf den Begriff „Hypzig“, mit dem man irgendwann vor einigen Jahren begonnen hatte, das Leipziger Lebensgefühl in gesunder Konkurrenz von jenem der hippen Hauptstadt abzugrenzen. Andrè Herrmann hat ihn erfunden.

"Hyper Man" und jetzt auch Romanautor: Andrè Herrmann

„Hyper Man“ und jetzt auch Romanautor: Andrè Herrmann

Vorbei. In diesem Jahr hatte ich nur zwei echte Messetage. Am Samstag-Morgen fuhr der Zug bereits zurück in den Süden. Klar, dass nicht alle Vorhaben und Pläne, die mit nach Leipzig gereist waren, umgesetzt werden konnten. Das werden sie ja nie. Zudem wird immer so viel spontan entdeckt, kommt einiges willkommen dazwischen oder stößt überraschend zu, wie in diesem Jahr die Blogger-Patenschaft, passieren zwischenmenschliche Begegnungen mit denen nicht zu rechnen war. Der alte Studienkollege, ein beruflicher Leidensgenosse, oder einfach Frau Berg, neben der man plötzlich im Stau zwischen zwei Hallen zu stehen kommt. Man erkennt Frau Berg sofort. Frau Berg sieht in echt so aus, wie auf den Bildern, die man von ihr kennt.

Die diesjährige Leipziger Buchmesse ist längst Geschichte. Jetzt kann wieder gelesen werden. Vor mir liegen Safranskis Goethe-Biographie, die dieser Tage endlich als Taschenbuch erschienen ist, und der neue spannende Marthaler-Krimi mit realem Politik-Bezug von Jan Seghers. Fesselnde, erholsame Lektüre, für strapazierte Messe-Teilnehmer.

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(*) Das muss gerechterweise erwähnt werden: Den Begriff „Osterweiterung“ kenne ich von dem von Michaela Bürger-Koftis herausgegebenen Buch „Eine Sprache – viele Horizonte…: Die Osterweiterung der deutschsprachigen Literatur“, das bereits 2007 im Präsens Verlag erschienen ist.

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